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700 – Entstehung - Sinn und Zweck des Traumlabors

 

Elisabeth Camenzind

 

1 Während des dreijährigen Pilotprojekts für «Feministisch reflektierte Psychotherapie», welches vom iff-forum für Frauen (iff-forum.ch) organisiert war, wurde auch ein Seminar zur Einführung in die Symboldeutung durchgeführt. Dafür hatte ich aus drei Traumserien von Klientinnen besonders prägnante Traumsequenzen zusammen gestellt, zu denen die Studierenden ihre spontanen Gedanken und Assoziationen äussern sollten, ohne kontextuelle Angaben erhalten zu haben, ausser Alter und Geschlecht. Auf diese Weise kamen ungeahnt vielseitige und spannende Interpretationen zusammen. Besonders faszinierend war die Selbstverständlichkeit, mit der die Frauen patriarchale Deutungsmuster hinter sich liessen, ihre eigenen Assoziationen einbrachten und dadurch die Optik um ein Vielfaches erweiterten. Diese Erfahrung führte später zur Idee, ein Schulungs-Instrument zu schaffen, womit in analoger Weise die traumsymbolische Arbeit mit grösseren Gruppen möglich wäre. Aufgrund einer grossen Datenmenge war die Verwendung eines speziellen Arbeitsinstruments erforderlich - eine Datenbank - wobei die Wahl auf FileMaker fiel. Allerdings erscheint das Traumlabor im Web in Word-Format, weil  die Integration der FileMaker-Version aus technischen Gründen zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich ist. Dies führt bezüglich Layout und Handhabung leider zu einem gewissen Verlust.   

2 Traumsymbolik aus feministischer Sicht zu betrachten und zu deuten hat eine längere Vorgeschichte. Dieser Sichtweise gingen viele Jahre voraus, bis die Suche nach realitätsnäheren  Frauen-und Männerbildern erfolgreich werden konnte, als Ausbildung und Lehrbücher zu bieten hatten. Viele dieser Lehren boten ein deprimierendes Bild über die Art, wie männliche Gelehrte über Frauen denken und uns Frauen belehren, was wir zu tun und zu lassen haben. In meiner Ausbildung zur Psychologin und  in der eigenen Psychotherapie musste ich bald erfahren, dass auch die Tiefenpsychologie im Fahrwasser patriarchaler Mythen und Lehren schwimmt, Frauen in den zweiten Rang schiebt und dem männlichen Geschlecht unterordnet. Zweifel an dieser Sicht durften nicht geäussert, das hierarchische Geschlechterverhältnis nicht angetastet werden. Es war ein Glück, später bei Barbara Walker anders geartete Symboldeutungen aus vorpatriarchaler Zeit zu finden, die das hohe geistig/seelische Potential der Frau beschreiben und Frauen zudem als das primäre Geschlecht auffassten. Zum Beispiel hat Barbara Walker1 eine umfangreiche Sammlung an Symbolen und Symboldeutungen aus Literatur und Forschung aus der ganzen Welt zusammengetragen. Das geheime Wissen der Frauen kam 1995 heraus. Barbara Walkers2 Lexikon: Die geheimen Symbole der Frauen folgte 1997 und Walkers3 drittes Buch: Die weise Alte 2001. Gleichwohl ist es für Barbara Walker klar, dass auch urzeitliche Symbol- und Weltdeutungen nicht unbesehen in die heutige Zeit übertragen werden können.  Leider konnten Frauen im Jahre 1958 von diesem immensen Wissen noch nicht profitieren. Immerhin war das Aufsehen erregende Buch von Iris von Roten4: Frauen im Laufgitter (der schweizerischen Simone de Beauvoir) auf den Markt gekommen, in welchem zu lesen war, was eine junge Frau zu dieser Zeit beschäftigen musste. Infolge einer überwältigenden Nachfrage war sogleich eine zweite Auflage notwendig geworden und in Vorbereitung. Leider wurde dieses Vorhaben  von patriarchalen Männern gestoppt und zudem vom ängstlich gewordenen Frauenbund fallen gelassen. Nachdem jedoch die Verlegerin und Autorin Yvonne-Denise Köchli5  im Jahre 1990 eine eindrückliche Biografie über das Leben der Iris von Roten veröffentlichte, kam es zu einer Neuauflage des verfemten Buches (Frauen im Laufgitter) und wurde wiederum von Frauen begeistert begrüsst.

3 Anfänglich schien es, die Tiefenpsychologie Jungscher Prägung sei eine psychologische Richtung, die das weibliche Geschlecht in ihren menschlichen Fähigkeiten und Qualitäten anerkennt und die Frau in ihrem Bestreben, ihre denkerischen und intellektuellen Begabungen zu entwickeln, unterstützt. Es schien, das Konzept der Individuation würde auch der Frau gestatten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Zur Selbstwerdung der Frau schien zu gehören, dass sie die  «Treue zum eigenen Weg und zum eigenen Schicksal» über die vom Patriarchat geforderte Treue zum Mann stellen solle. Dies hiesse, die seelischen Prozesse und das Leben in den Träumen ernst zu nehmen sowie weisheitliche Aspekte des Seelenlebens zu entdecken und zu entwickeln - auch für uns Frauen. Diese Hoffnung wurde allerdings enttäuscht. Im Konzept der Analytischen Psychologie ist die Entwicklung zu einer eigenständigen und vollwertigen Persönlichkeit für Frauen weder vorgesehen noch erwünscht. Dasselbe gilt auch für das in Zürich gegründete Szondi-Institut und ebenso für das Freud-Institut, wie anhand der Kritik von der renommierten Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser6 gesehen werden kann.

4 Wichtige Impulse kamen aus der Begegnung mit der Frauenbewegung (1972), der es gelungen war, den  Erfahrungen und Interessen von Frauen öffentliches Gehör zu verschaffen. Frauen begannen einander zuzuhören und bekamen innerhalb ihres eigenen Geschlechts Resonanzboden für ihr Denken, Fühlen und Schaffen. Und es wurden fruchtbare Auseinandersetzungen zwischen Frauen möglich, die im männerdominierten gesellschaftlichen Raum undenkbar waren. Endlich gab es authentische Informationen, Erzählungen und Geschichte(n) über Frauenleben, und eine feministische Wissenschaft konnte begründet werden. Desgleichen wurde deutlich, dass Frauenexistenzen, die am Patriarchat tragisch gescheitert waren, für uns Nachgeborene ein hohes Lernpotenzial darstellen. Ohne Frauenbewegung und feministische Theoriebildung würden Frauen, die aus der Frauenrolle ausbrechen, heute noch ins berufliche und soziale Abseits geraten oder in Depression und «Verrücktheit» enden. - Viele Beispiele von solcherart verrückt gewordenen Frauen wurden in zwei Publikationen von Luise Pusch/ Sybille Duda7 beschrieben: Wahnsinnsfrauen erster Band, 1992, und Wahnsinnsfrauen zweiter Band8, 1996

5 Traumsymbole anhand von Traumserien zu deuten, unterscheidet sich wesentlich von der Deutung einzelner Träume. In der Psychotherapie mit Frauen fiel mir auf, dass in Traumserien von Frauen das Verhältnis zur inneren und  äusseren Welt ganz anders und eindrücklicher zum Ausdruck kommt als im Einzeltraum. Schon eine Traumserie von zehn bis 15 Träumen vermag ein ziemlich umfangreiches Bild über Erfahrungen, Sorgen und Freuden des Alltags in Familie, sozialer Umgebung, Beruf und Weltereignissen zu vermitteln. Ebenso lassen sich subtile Unterdrückung oder Diskriminierung in Ehe- und Liebesbeziehungen, die von Frauen aus «Liebe» nicht wahrgenommen werden dürfen, deutlicher erkennen.

6 Die vorliegende Traumserie wurde infolge des umfangreichen Traum- und Symbol-Materials in einer speziellen und ungewohnten Art strukturiert. Die über tausend Einzelsymbole sind in elf Kategorien eingeteilt und wiederholt auftretende Symbole sind zu Symbolgruppen zusammengefasst. Infolge dieser Struktur können die Prozesse von Veränderung und Entwicklung trotz grosser Datenmengen auf übersichtlichem Raum beobachtet, interpretiert und verstanden werden. Dies gilt auch, wenn die Träume kurz hintereinander stattfinden oder im Laufe von Jahren oder Jahrzehnten entstehen.

7 Besonders ungewohnt ist, dass primär Frauen zu Wort kommen. Gemeint sind Frauen und Fachfrauen, die sich zu Traum- und Symboldeutung geäussert haben oder/und versucht haben, patriarchalen Lehrmeinungen durch eine Umdeutungspraxis eine frauenfreundliche Wendung zu geben. Auf diese Weise war es und ist es möglich, Frauen in ihrem Anspruch auf Autonomie und Selbstbestimmung zu unterstützen.

8 Der Theorieteil fällt durch eine doppel-gestaltige Erfassung der Lebensbereiche auf. Zum Beispiel: Körper und Leib, Denken und Fühlen, Alltag und Wirtschaft, Werte und Begehren. Diese Doppelgestalt wurde gewählt, um von Anfang an  den Spannungsbogen  zwischen den Bereichen sichtbar und spürbar zu machen. Dass an vorderster Stelle die Symbolkategorie: Körper und Leib erscheint, erklärt sich, weil die gesellschaftliche Stellung der Frau in historischer Hinsicht stets entlang ihres Körpers abgehandelt wurde. Und weil dieser Prozess in neuen Formen heute weiter läuft: Kino, Werbung, Mode, psychologische Theorien, und dies in abwertendem Sinn.

9 Im ganzen Traumlabor geht es immer und in erster Linie darum, die denkerischen Leistungen sowie das Erleben und schöpferische Schaffen von Frauen hervorzuheben, um das in den kritischen Stellungnahmen von Frauen enthaltene therapeutische und politische Potential aufzuspüren und fruchtbar zu machen.

10 Quellen

1) Barbara Walker: Das geheime Wissen der Frauen. Ein Lexikon von Barbara G. Walker, dtv 1995

2) Barbara Walker: Die geheimen Symbole der Frauen. Lexikon der weiblichen Spiritualität, sphinx 1997

3) Barbara Walker: Die Weise Alte. Kulturgeschichte, Symbolik, Archetypus, Frauenoffensive 2001

4) Iris von Roten: Frauen im Laufgitter, Arche 1958

5) Yvonne Denise Köchli: Eine Frau kommt zu früh, weltwoche 1990

6) Christa Rohde-Dachser: Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse, springer 1991 und 1992

7) Luise Pusch / Sybille Duda: Wahnsinnsfrauen, Band 1, suhrkamp 1992

8) Luise Pusch / Sybille Duda: Wahnsinnsfrauen, Band 2, suhrkamp 1996