traum-symbolika.com

Alltag und Wirtschaft (Kapitel 5)

Allgemeines zu Alltag und Wirtschaft

Zum Thema «Alltag und Wirtschaft» kommt die Philosophin Agnes Heller nochmals zu Wort, weil sie zur Bedeutung des menschlichen Alltags - der gefährdet sei - Grundlegendes zu sagen hat. Die zwei Lebensbereiche - der häusliche «Alltag» und die Wirtschaft - müssten nebeneinander Bestand haben. Frauen und Männer müssten gleicherweise an beiden Bereichen teilhaben können. Hellers Denkansatz ist für uns darum so wichtig und zentral, weil er das feministische Anliegen philosophisch herleitet. Die philosophische Herleitung erwirkt für unsere - das Individuelle und das Individuum betreffende - Themen (Traumsymbolik und Symboldeutung) im Meinungsstreit der Gegenwart eine Situierung. Den eigenen Standort zu situieren bedeutet, an bestehende und zukunftsträchtige Vorstellungen anzuknüpfen, die für andere nachvollziehbar und verstehbar sind. Agnes Heller verweist u.a. auf die Systemtheorie, die allerdings auch ihre problematischen Seiten hat, weil sie für Machtzwecke eingespannt wird, wie wir noch sehen werden.

Alltag und conditio humana

Hellers Theorie gründet auf der Erkenntnis, dass die Existenz des «Alltags» das unerlässliche Fundament für die conditio humana bildet, die aber durch die «Moderne» gefährdet sei, weil sie die Arbeitsteilung erfordert und uns veranlasst, uns zu spezialisierten Menschen zu entwickeln. Dabei werde die Person als «Ganzes» in den Hintergrund gedrängt. Eine Gesellschaft müsse, wenn sie lebensfähig bleiben wolle, ein Gesellschaftsmodell entwickeln, das allen Frauen und Männern die Teilnahme an verschiedenen Lebensbereichen ermöglicht. Es müsse ein gesundes Gleichgewicht zwischen den sich wiederholenden statischen Elementen und den Elementen der Veränderung hergestellt werden (ID-Buch 928). Daraus folgert sie, dass beide Geschlechter am «Alltag» teilhaben müssen, was heisst, dass beide Geschlechter an Haus- und Versorgungsarbeit teilnehmen. - Zu dieser Zeit (1995) liefen in der Schweiz und in Österreich Initiativen, die eine Neuverteilung der Arbeit fordern (Halbe/Halbe von Erwerbsarbeit und Familienarbeit). Hellers Schlussfolgerung ist heute (2008) aktueller denn je.

Alltagsleben - ein eigener philosophischer Bereich

Das Alltagsleben ist in der philosophischen Tradition kaum als selbständiger Bereich behandelt worden. Im 20.Jahrhundert habe der Alltag zwar den Rang eines Problems erhalten, dennoch würden auch in neueren Diskursen grundlegende Faktoren fehlen.

Standpunkt der einzelnen Person

Den Begriff «conditio humana» will Agnes Heller fast so breit verstanden wissen wie Hegels «Absoluter Geist», denn er umfasse alles, was zum Bezugspunkt anderer moderner Paradigmen wurde: Sprache, Rede, Kommunikation, Interaktion, Arbeit, Vorstellungskraft Bewusstsein, Verstehen, Interpretation und noch vieles mehr. Vom Standpunkt der einzelnen Person, des Individuums betrachtet, sei «Sie oder Er» jedoch nicht «nur Sprache», «nur Bewusstsein», «nur Körper», «nur Geist», «nur Arbeitstier», «nur kreative Technologie», «nur politischer Aktivismus», aber Sie oder Er könne zu all dem werden. Als philosophisches Paradigma setzt Agnes Heller die Sichtweise eines Autors oder mehrerer Autoren. Ihr Paradigma ist der Standpunkt des Individuums, aber nicht im Sinne des Cartesianismus und nicht im Sinne des Personalismus oder methodologischen Individualismus, sondern in dem Sinne, dass Individuen real existieren und eine Weltsicht, eine Interpretation der Welt haben aufgrund ihrer Lebenserfahrung. Hellers einleuchtender Beweis ist, dass selbst jene Leute, die vom «Ende des Individuums» reden, ihre Bücher unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen und nicht im Namen irgendeines Diskurses.

Individuum und Lebenserfahrung

Unter Lebenserfahrungen versteht Heller nicht nur Ereignisse, Geschehnisse und Handlungen, sondern auch «sinnschaffende Institutionen und Weltanschauungen, die den Prozess der Erfahrung leiten und ordnen». Dem Einwand, sie hätte von einem anderen Paradigma ausgehen sollen, hält sie entgegen, es bestehe kein Grund, andere Paradigmen mit Herablassung zu beurteilen, nachdem das allzu selbstbewusste hegelianische Narrativ vom «Fortschritt in der Philosophie» zusammengebrochen sei. Heller kritisiert das heutige «Sprachparadigma und dessen Subparadigmen», die sich ihrer Meinung nach des «philosophischen Imperialismus» schuldig machen. Deren Thesen, «jedes Ding» sei eigentlich Sprache oder «jedes Ding» sei eigentlich Kommunikation, seien zwar legitime philosophische Spekulationen, aber ebenso legitim seien «die Paradigmen der Arbeit, der Vorstellungskraft und des Bewusstseins». Selbst der Satz, alles besteht aus Materie und Form, sei kein minderwertiger. Sie selbst beschränke sich auf diejenigen Paradigmen, die auf die eine oder andere Weise für das argumentieren, was sie «intersubjektive Konstitution der Realität» nennt (39-41).

Begriff Alltagsleben

Hellers Auffassung ist, dass in unserer modernen Welt die conditio humana im Begriff «Alltagsleben» enthalten ist. Der Alltag umfasse alle jene Dinge, an denen Lebende Anteil haben, die Toten Anteil hatten oder noch Ungeborene Anteil haben werden. Das bedeute aber nicht, dass unser modernes Alltagsleben identisch sei mit der conditio humana. Das Alltagsleben bestehe aus statischen und veränderlichen Merkmalen. Im Vergleich zur Struktur des Alltagslebens verändere sich der Inhalt ziemlich regelmässig.

Begriff conditio humana

Die Unterscheidung zwischen statischen und veränderlichen Merkmalen ist für Heller nicht nur aus analytischen Gründen wichtig. Der Begriff conditio humana sei eine «Grenzkategorie oder eine begrenzende Kategorie», die alles umfasse, was minimal zum «menschlichen Leben» gehöre. Soweit die conditio humana «menschliche Ordnung» bedeute, sei sie «Kosmos». Eine mangelhafte conditio humana oder das Fehlen eines ihrer Bestandteile bedeute daher Chaos und Ende des (menschlichen) Lebens. Das bedeute, dass kein menschliches Leben mehr möglich sei, wenn ein einziger Aspekt der conditio humana fehle. In ihrer These, in den beständigen Merkmalen des Alltagslebens sei die conditio humana inbegriffen, schwingen demnach schwerwiegende Bedeutungen mit.

Ersatz für instinktive Regulierungen

Nach Heller ist die conditio humana der Ersatz für die instinktiven Regulierungen. Die Ordnung lebender Dinge bestehe aus Regelmässigkeit, Wiederholbarkeit und Einförmigkeit. Im Tierreich sorgten die Instinkte für diese Ordnung. Menschen dagegen seien «erschaffene» und zugleich «sich selbst erschaffende» Wesen und Systeme, also weder nur Naturprodukt noch nur Gesellschaftsprodukt.

Einzigartiges System «Mensch»

Die conditio humana setzt die folgenden zwei «Apriori» voraus: das «genetische Apriori» (biologische Voraussetzungen), das «soziales Apriori» (Umweltbedingungen). Das heisst: Jedes Neugeborene kommt mit einem bestimmten genetischen Code auf die Welt und wird in eine bestimmte Sozialordnung hineingeboren und von dieser geprägt. Durch die Geburt wird jeder Mensch in ein (zufälliges) konkretes Netz sozialer Regulierungen geworfen, die Kultur übernimmt dann die Aufgabe, den Zufall in so etwas wie Schicksal umzuformen. Die sozialen Regulierungen und die genetische Einzigartigkeit seien also vorhanden, bevor die konkreten Erfahrungen beginnen. Das bedeutet, dass das soziale und genetische Apriori aufeinander abgestimmt werden müssen, damit das einzigartige System «Mensch» entstehen kann.

Zwischen Apriori - Spannungsverhältnis

Die beiden Apriori stehen seit dem Auftreten des reflexiven Selbstbewusstseins in einem Spannungsverhältnis zueinander. Das Rätsel der conditio humana, das Rätsel «Mensch», werde mit Fabeln, Mythologien, Religionen, Philosophien und Psychologien angegangen (nach Freud sind es die Spannung zwischen Trieben und sozialen Forderungen: Es und Überich). Nach Heller ist es die Aufgabe der Gesellschaft, die Regeln für die Aneignung der zum Überleben notwendigen Mittel bereitzustellen. Die Regeln betreffen die Bereiche Kooperation, Konflikt und Bedeutungskonstituierung. Diese Regeln müssten aufeinander abgestimmt sein, ansonsten der Prozess der gegenseitigen Abstimmung der beiden Apriori unweigerlich scheitert. Dies gelte unabhängig davon, wie diese Regeln gestaltet sind (einfach, rigid, komplex, flexibel, differenziert).

Querschnitt aus dem sozialen Universum

Dem Kind müsste zumindest ein kleiner «Querschnitt aus dem sozialen Universum» vermittelt werden. Wenn dem Kinde nur bestimmte Gruppen von Steuerungen und Regeln vermittelt würden, wäre ein soziales Leben unmöglich und es würde, wie manche Theoretiker warnen, ein «Rückfall in die Barbarei» einsetzen. Heller zieht es allerdings vor, von Chaos zu sprechen anstatt von Barbarei (45). - Die Schlussfolgerung aus Agnes Hellers Aussage ist, dass das Hausfrauendasein ausserstande, ist, Kindern einen genügend grossen «Querschnitt» des sozialen Universums zu vermitteln. Folgerichtig plädiert Heller für eine Teilnahme beider Geschlechter an beiden Sphären: Am privaten häuslichen und öffentlichen Bereich: Wirtschaft, Politik, Sinnstiftung etc.

Soziale Voraussetzung - soziales Apriori

Was soll ein solcher «Querschnitt aus dem sozialen Universum» enthalten? Und worin besteht das soziale Apriori? - Das soziale Apriori eines Kindes besteht aus der Umgebung, in die es hineingeboren ist und der Platz, der einer Person in der Zeit (geographisch und sozial verstanden) zur Verfügung steht. Unter «Querschnitt aus dem sozialen Universum» versteht Heller einen weiter ausgreifenden «sozialen Ort» über den häuslichen Kreis hinaus. Das soziale Apriori nennt Heller «die Sphäre der Objektivierung an sich».

Drei Bereiche - drei Sphären

Heller unterscheidet drei «Sphären» der Objektivierung: 1) Das Alltagsleben. 2) Die Sinngebung und Weltdeutung. 3) Die Institutionen.

Alltag - primäre Sphäre - Objektivierung an sich

Die erste Sphäre nenn Heller «Objektivierung an sich» (46). In diesem Bereich findet die soziale Integration statt. Es handle sich um die primäre Sphäre des sozialen Universums, das Fundament der kommunikativen, kognitiven, imaginativen, kreativen und emotionalen Möglichkeiten. Dieses Fundament sei eine «Sphäre der Objektivierung», weil sie das Neugeborene mit den äusseren Objekten konfrontiere, dem Fremden und Anderen. Die Welt der Objekte trage einerseits zur Entwicklung des Subjekts bei, anderseits unterdrücke es einige Impulse. Durch Affekt- und Triebregulation, durch äussere Objekte und Objektivierungen, bekomme das Kind eine Richtung. Objektivierungen beinhalten auch Lebenserfahrungen der «erwachsenen Generation». Die Sphäre der «Objektivierung an sich» sei das Alltagsleben, obgleich sich die Begriffe nicht decken. Denn viele unserer alltäglichen Aktivitäten entspringen höheren Sphären: Wir bestimmen Werte, Normen, Sichtweisen, eignen uns Wissen an, vollziehen bestimmte Handlungen und Praktiken. Die Sphäre der «Objektivierung an sich» uns Menschen mit Bedeutungen in Form von Regeln, Normen, Zeichen und kontextuellen Bedeutungen und Bedeutungszusammenhängen. Aber was der Alltag - das Alltagsleben - nicht bereitstellt, ist Sinnhaftigkeit, der Sinn des ganzen Unternehmens, der Existenz, des Lebens allgemein und des individuellen Lebens im Besonderen.

Menschliche Person gefährdet

Die Sphäre der «Objektivierung an sich», das Alltagsleben, ist zwar die niedrigste, aber zugleich die fundamentale Sphäre. Wenn diese primäre Sphäre aufgrund irgendeiner Entwicklung aufhörte zu existieren, wäre es nicht mehr möglich, die beiden Apriori (das soziale und genetische) aufeinander abzustimmen, und die Menschen würden aufhören, rationale und letzten Endes menschliche Wesen zu sein. Die Gefährdung des Alltagslebens gefährde das Weiterbestehen der menschlichen Person, der conditio humana. Denn das Subjekt des Alltagslebens ist «der Mensch als Ganzes». Die Dinge die wir tun, sagt Heller, sind heterogen und stellen kein System dar; es gebe keine systematische Verbindung zwischen Aktivitäten wie jemanden begrüssen, ein Essen zu kochen, sich über die Ausgaben der Familie zu streiten, mit einem Bus zu fahren, einen Annäherungsversuch zu machen. Aber man müsse wissen, wie diese Dinge «richtig» gemacht werden. Das Alltagsleben verlange die Mobilisierung vieler menschlicher Fähigkeiten, aber für diese Belange müsse keine dieser Fähigkeiten besonders verfeinert werden. Einmal gelernt, könnten die Aktivitäten des Alltags spontan ausgeführt werden, ohne dass wir weitere Aufmerksamkeit darauf richten müssen. Dennoch baumele die Person «als Ganzes» nicht einfach an den Strängen der Gewohnheiten und Sitten, sie sei kein Automat. Menschen müssen in unvorhergesehenen Situationen die Initiative ergreifen und in der Lage sein, mit Katastrophen des Alltags umzugehen, womit die einzelne Person buchstäblich «im Relief» hervortrete, also an Profil gewinne (50).

Zweitens - sinngebende Sphäre

Die zweite Sphäre, die «Objektivierung für sich» betrifft die Suche nach dem Sinn unseres Lebens und Handelns. Hegel habe dieser zweiten Sphäre den Namen «Absoluter Geist» gegeben und damit ihren möglichen Inhalt stark eingeschränkt. Die Sphäre der «Objektivierung für sich» schliesse alle möglichen Erzählungen, Mythologien, Spekulationen, visuellen Darstellungen und vieles mehr ein. Das Gemeinsame dieser Bestandteile sei, dass sie alle dem Leben Sinn gäben, wobei sie die existierende Ordnung ebenso gut in Frage stellen als sie legitimieren könnten. In der Sphäre der «Objektivierung für sich» werden die «sinnvollen Weltsichten», welche in anderen Sphären geschaffen werden, in eine Ordnung und in Schemata eingefügt, die der ersten Sphäre angemessen sind. Während die primäre Sphäre, die «Objektivierung an sich», das Alltagsleben, den «ganzen Menschen» verlangt, benötigt die zweite Sphäre die «menschliche Ganzheit». In der zweiten Sphäre kann man sich nur aufhalten, wenn man gänzlich in ihr aufgeht, sich ihr ganz hingibt und seine ganzen Fähigkeiten und Anlagen, seine ganze Gefühlsdisposition und Urteilskraft usf. darauf richte, etwas in der höheren Sphäre zu vollbringen. Ob wir über «Seher und Weise» reden oder über «Propheten und Heilige», ob wir von Trancen, Ekstasen, Eingebung, Selbstaufgabe, Erleuchtung und Intuition sprechen oder ob wir das Gefühl beschreiben, von etwas 'mitgerissen', 'ganz Ohr', im Zustand reiner Konzentration oder aufs höchste angespannt zu sein - mit all diesen Worten, ob unser Vokabular «mystisch oder prosaisch» sei, interpretieren wir unweigerlich jene Einstellung, die Heller «menschliche Ganzheit» nennt (51). Die erste und zweite Sphäre der Objektivierung seien für ein menschliches Leben unverzichtbar.

Drittens - Objektivierung an und für sich

Den dritten Bereich nennt Heller die «Sphäre der Objektivierung an und für sich», weil sie aus der Differenzierung der beiden ersten resultiere. Sie betreffe den Bereich der «sozioökonomisch-politischen Institutionen», deren Bestehen keiner Notwendigkeit entspreche. Die Institutionen stellten ihre eigenen Normen auf, gäben sich ihre eigenen Kommunikations- und Handlungsregeln und erstellten ihre eigenen Verfahrensweisen. Die institutionelle Sphäre verlange den spezialisierten Menschen, das spezialisierte Subjekt (50).

Drei Einstellungen - entwickeln

Aus den drei Bereichen der Objektivierung resultieren drei der jeweiligen Sphäre angepasste Einstellungen und jede Person, ob Frau oder Mann, müsse alle drei Einstellungen entwickeln, um sie an den entsprechenden Orten gezielt einsetzen zu können, also die Einstellung des «ganzen Menschen», die Einstellung der «menschlichen Ganzheit» sowie die Einstellung des «spezialisierten Menschen» (50).

Alle drei Sphären müssen Bestand haben

Um das zerbrechliche Gleichgewicht der conditio humana aufrecht zu erhalten, müssen alle drei Sphären Bestand haben. Das Alltagsleben muss von der primären «Objektivierung an sich» geleitet werden. Wenn diese Objektivierung verkümmert, verschwinde die conditio humana mit ihr. Wir können uns nicht spezialisieren, ohne vorher in der Kommunikation und Interaktion des Alltags kompetent geworden zu sein. In der modernen Version menschlicher Existenz werde diese Kompetenz durch den direkten Zugang zur Sphäre der «Objektivierung für sich» (Sinnsuche) erworben, nämlich in den nichtinstitutionalisierten Aspekten dieser Sphäre.

Typen der gesellschaftlichen Organisation

Zur gesellschaftlichen Organisation und der Arbeitsteilung meint Heller, es bestünden zurzeit zwei Haupttypen der sozioökonomischen Organisation, der Arbeitsteilung. Der erste Typus betreffe den Alltag, der zweite Typus die Institutionen (51-52).

Leibeigener - Herr - Bürger

Zur Arbeitsteilung auf der Alltagsebene: Historisch gesehen konstituierte sich die Arbeitsteilung auf der Alltagsebene (in der Sphäre der «Objektivierung an sich»). In dieser Fundamentalsphäre entstehen die Normen, Regeln und Regulierungen, durch die Menschen in eine soziale Hierarchie eingeordnet werden, wobei die Regeln der dritten Sphäre (Institutionssphäre) als vorläufiges Modell dienen. Darum sei die Alltagssphäre (Fundamentalsphäre) auch die bestimmende Sphäre. Eine Person werde bspw. gezwungen, mit den Dingen so umzugehen, wie eben ein Leibeigener oder Herr oder Bürger mit ihnen umgeht. Weibliche und männliche Personen müssten sich an unterschiedliche Alltagsregulierungen anpassen. Im ersten Modell werde das genetische Apriori (conditio humana) als eine Bedingung der Ungleichheit aufgefasst und damit eine ungleiche Verteilung von Lebenschancen und Freiheit (52). - Dieses erste Modell schaffe, zusammen mit Herrschafts- Macht- und Hierarchiesystemen, Stabilität, aber es handle sich allerdings um eine fragwürdige Stabilität.

Arbeitsteilung auf institutioneller Ebene

Die Arbeitsteilung auf der institutionellen Ebene (sozioökonomische Organisation) verlagere die ganze Last der Arbeitsteilung auf die Sphäre der Institutionen. Moderne Gesellschaften seien diesem zweiten Typus näher als dem ersten: Genau dies sei sogar die konkrete Bedeutung des Begriffs «modern». In diesem Modell werde der zukünftige Lebensweg eines Menschen nicht durch das soziale Apriori vorbestimmt. Von diesem Gesichtspunkt aus seien Frauen und Männer daher als Gleichgestellte geboren. Es bestehe zwar auch hier die Vorstellung, dass man durch Zufall in die Welt geworfen sei, aber dieser Zufall werde nicht zum eigenen Schicksal. Diese Situation sei die Situation der Kontingenz, eine historische Kategorie. Die Freiheit der Kontingenz, des Zufalls, sei eine Möglichkeit: Jederman(n) könne Präsident oder Papst werden. - Die soziale Organisation werde von der Institutionssphäre getragen, indem Menschen verschiedenen Funktionen zugeordnet und mit unterschiedlichen Arten und Mengen von Macht, Reichtum und Ansehen ausgestattet würden. Die Menschen würden als spezialisierte Subjekte «stratifiziert» und nicht als ganze Person (52-53). - Hellers Fazit: Das zweite Modell eröffne Möglichkeiten, die sowohl zum Guten als auch Schlechten verwirklicht werden können, es schaffe also Instabilität. Die conditio humana werde umso instabiler, je entwickelter das Regelsystem sei, daher sei in diesem zweiten Modell die Gefahr eines Rückfalls ins Chaos grösser, als in allen anderen Entwicklungsstadien. Die Gefahr eines Rückfalls ins Chaos sei keineswegs am grössten, je näher die Menschen an der «Natur» blieben, d.h. je einfacher und transparenter die Beziehungen der Menschen untereinander bleiben.

Kombinationen der Arbeitsteilung

Kombinationsmöglichkeiten der Arbeitsteilung: Die düstere Vorstellung, es würden künftig nur noch ein oder zwei Systeme bestehen, die alle Institutionen und deren untergeordnete Systeme einschliessen und verschlingen, teilt Heller nicht. Die «negative Dialektik» warne davor, die Menschen im Alltagsleben (Sphäre der «Objektivierung an sich») einander gleichzustellen und frei zu machen. Der Grund für diese befremdliche Auffassung sei, die Menschen hätten dann noch weniger die Möglichkeit, sich der überwältigenden Macht des dominanten Systems (oder der Systeme) zu widersetzen. - Jürgen Habermas lege eine andere (positivere) Kombinationsmöglichkeit dar. Er mache eine Unterscheidung zwischen sozialer Integration und Systemintegration. Während die Systemintegration nur die Integration der spezialisierten Menschen beinhalte, umfasse die soziale Integration alle Neuankömmlinge in der Welt der transsystemischen (nicht institutionalisierten) Kommunikation, an der diese als «ganze Menschen» teilhaben. Die soziale Integration werde von der Sphäre der «Objektivierung an sich» geleistet und nicht vom «System», obgleich sie innerhalb des Systems stattfinde. Die soziale Integration sei die fundamentale Integration und diese Integration ermögliche es einer Person als Ganzes, von einem Lokus zum anderen zu wechseln. Dieses Modell habe dennoch einen pessimistischen Zuschnitt, weil die Sphäre der Institutionen gegenüber der Fundamentalsphäre in der Offensive sei und in diesem Modell die Selbstzerstörung der Moderne ohne weiteres vorstellbar sei.

Grosse und kleine Systeme nebeneinander

Hellers Vorstellung ist eine Welt, die nicht von ein oder zwei Systemen der Arbeitsteilung dominiert wäre, die alle anderen verschlingen und einen fast unwiderstehlichen Druck auf die Lebenswelt ausübten. Sie kann sich vorstellen, dass es grosse und kleine Systeme gibt und alle anderen Systeme deren Umwelt bilden (S. 55). Dabei sollte kein System so mächtig sein, dass es alle Systeme gleichermassen beeinflussen könnte. Diese Version ermögliche ein Mosaik von Subsystemen von jeweils unterschiedlicher Macht, die aber doch alle ein gewisses Gewicht und eine relative Unabhängigkeit besitzen. Es wäre dann möglich, dass dieselbe Person in einer Institution höher und in einer anderen niedriger eingestuft wäre. Damit würde die soziale Hierarchie «fliessend». Institutionen könnten dann auch intern und nicht nur extern für normative Kritik offen sein (S. 56). Die Person, die sich für die eine oder andere Institution spezialisiert, wäre dann nicht genötigt, aus dieser Institution auszutreten, um ihre ganze Menschlichkeit wieder zu erlangen. Die Menschen wären dann wirklich in der Lage, sowohl die «normale» Haltung als «Ganzes» einzunehmen als auch die spezialisierte Einstellung (S. 56). - Da in der Moderne Frauen und Männer Zugang zur Sphäre der «0bjektivierung für sich» haben, seien sie nicht mehr gezwungen, den vorgegebenen Sinn so anzunehmen, wie er durch die primäre Objektivierung übermittelt (gefiltert) wurde. Durch diesen direkten Zugang gewinne der Prozess der Aufklärung an Boden. - Hellers Fazit: Dieses dritte Modell eröffnet die Möglichkeit, dass die menschliche Person, resp. ihre «conditio humana» (die Bedingung zum Menschsein) Bestand haben und Stabilität entwickeln kann. Mit einem solchen Modell der Arbeitsteilung würden wir am Anfang einer neuen Ära stehen und nicht an ihrem Ende.