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Menschenbild und Symbolbedeutung - Kapitel 2

Spannungsbogen der Gefühle

Meine Erfahrung als Psychotherapeutin ist, dass Traumsymbole die Eigenschaft, den ganzen Spannungsbogen unseres Denkens, Fühlens und Handelns sichtbar und erlebbar machen. Träume lassen erkennen, wo unsere geistigen und vitalen Potentiale sind, die ins Leben hinein gebracht werden möchten. Durch die Träume kommen wir mit der Innenseite (Subjektebene) und mit der äusseren Welt in Berührung. Wir werden über die Beschaffenheit der Welt und Umwelt orientiert. Traumsymbole vermitteln Informationen über Ereignisse in der äusseren Welt, seien diese direkt erfahren oder indirekt vermittelt aus Erzählungen, Lektüren und anderen Medien. - Ein kleines und reizvolles Beispiel für den Orientierungsgehalt der Träume konnte ich beim Hüten meiner zwei Enkelinnen erleben: Die 4-jährige Katharina erwachte nachts und sagte: «Gell, meine Mama schafft auch». Das Kind war also von einem Traum erwacht, bei dem sie über ein Geschehen in der Aussenwelt orientiert wurde: Jemand hatte etwas über ihre Mutter gesagt, und das Kind hatte den diskriminierenden Gehalt wahrgenommen und zwar so intensiv, dass es sich noch im Halbschlaf vergewissern musste, dass der Mutter Recht geschaffen wird. Nach der Bestätigung, dass die Mama auch schafft, schlief das Kind befriedigt und sofort wieder ein.

Lebendiger und tiefer in den Affekten

Die Psychologin Charlotte Spitz verweist ebenfalls auf den grossen Spannungsbogen des Traumlebens. In einem Traumseminar erinnerte sie an die Romantiker, den Dichter Novalis: Was das Wesen des Traumes ausmache, sei ein vertieftes gesättigtes Zustandsgefühl. Seine Bedeutung liege «im Empfindungsgehalt, in der Stimmung, welche das gesamte Traumgeschehen» in uns wachrufe. Aber nicht nur lebendiger und tiefer in den Affekten sei das Erlebnis des Traumes, sondern auch reicher an Inhalten. Der Traum bringe nicht nur Wunscherfüllung (wie Sigmund Freud meinte), sondern in ihm würden «Eindrücke von Gegenständen, Menschen und Ereignissen lebendig, die das Wachbewusstsein kaum berühren» (ID-Buch 1351).

Vergessene Inhalte werden lebendig

Bei den Romantikern beobachtet Charlotte Spitz aber noch mehr: Nicht nur vergessene Inhalte werden wieder lebendig, sondern auch ganz neue Bilder tauchen aus der Tiefe des Unbewussten auf, was viel mit Kreativität und Inspiration zu tun hat. - Mit dieser Formulierung verweist Spitz auf die Tiefgründigkeit und Unauslotbarkeit der seelischen Wirklichkeit.

Gefühle, Träume, Bilder, Eindrücke

Die Philosophin Chiara Zamboni von der italienischen Philosophinnen-Gruppe DIOTIMA stellt die orientierende Funktion der Träume in den Vordergrund, die uns überdies auch durch Gefühle vermittelt werden können. Zamboni rät den Frauen, auf ihre Träume zu achten. Frauen sollten ihre Aufmerksamkeit auf ihr eigenes, konkretes Leben richten und dabei vor allem auf die Gefühle achten, mit denen wir etwas erleben. Dabei komme es nicht drauf an, ob es sich um momentane Empfindungen handle oder um Träume, Bilder und Eindrücke (ID-Buch 721, 155). Warum sollen wir dies tun? Zamboni antwortet: Wie sonst könnten wir uns orientieren, «wenn das, was wir kannten, plötzlich mit einem ganz anderen Profil erscheint, so als hätte es eine Drehung um 180 Grad vollzogen? Wie sollen wir uns in der Bewegung der Geschichte verhalten, die das verändert, worauf sich unser Urteil gründete? Welchen Weg sollen wir einschlagen? Wie sollen wir uns in einem stürmischen Meer vorwärts bewegen, Schritt für Schritt eine Route finden, von der wir nicht wissen, wohin sie führt?» - Träume werden hier von Zamboni vor allem als Mittel der Orientierung wahrgenommen.

Widerhall unserer Verbindung zur Welt

Wenn Träume als ein Mittel der Orientierung interpretiert werden, stellt sich die Frage nach deren Grenzen. Zur Frage der Objektivität von Träumen erklärt Chiara Zamboni, Träume seien etwas Objektives in dem Sinne, als sie der «Seele» entstammen, wobei sie die Seele als einen Widerhall unserer Verbindungen zur Welt versteht. Von den eigenen Träumen zu sprechen und sie zu interpretieren, sei ein Weg, um persönlich Erlebtes in einer Weise darzustellen, in der sich die Welt zeigt. Dieses Sprechen unterscheide sie von der Introspektion im Sinne eines Sprechens von sich selbst im «Autobiographismus» mit all seiner Aufmerksamkeit für die eigenen Gefühlsschattierungen und Empfindungen (ID-Buch 721, 160-167). - Das heisst, dass Träume niemals in einem absoluten Sinne «objektiv» sein können: Träume können niemals den Anspruch auf eine absolut sichere Führung «von Innen» erheben, die Traumgläubigkeit darf niemals so weit gehen, dass sie in Blindheit und Aberglaube ausartet. Ganz abergläubisch meinte zum Beispiel C.G.Jung, Hitler sei ein von Innen her «Geführter», daher er zum Reichsführer und Volksführer geeignet sei. Allerdings verleugnete Jung nach dem Krieg diese totale Fehleinschätzung, obwohl sie schriftlich vorliegt. Er behauptete im Gegenteil, er habe Hitlers Pathologie schon immer gesehen (Urs Aeschbacher in INTRA/26, Seite 33, mit Hinweis auf Jungs «Über Grundlagen der analytischen Psychologie», 1935 in Gesammelte Werke, Bd.18, Olten 1981).

Innere und äussere Ereignisse

Bezüglich der Objektivität der Träume ist nochmals zu betonen, dass sie einer anderen und eigenen Wirklichkeit entstammen. Träume führen einerseits eine unabhängige Existenz, anderseits haben sie mit unserer Biographie, unserer Wertewahl, unserem Beobachten und Handeln zu tun. Dabei kommt uns die Aufgabe zu, die Traumbotschaften mit Respekt und Sorgfalt zu behandeln und uns zu fragen, was sie uns mitteilen möchten. Einem tieferen Verständnis können wir näher kommen, wenn wir mythologische Deutungen aus verschiedenen Zeiten und Ländern konsultieren sowie Deutungen von Frauen aus anderen Kulturen und Fachrichtungen.

Selbsttätigkeit des seelischen Urgrundes

Die psychoanalytische Meinung, wir würden im Traum «nur uns selbst» begegnen, ist irreführend, weil die Objektebene ausgeblendet wird. Auch die Meinung, in unseren Träumen seien wir Regisseur, Darsteller, Kulissenschieber und Drehbuchautor in einem, ist irreführend, weil sie der Erfahrung der Selbsttätigkeit der Seele widerspricht und ebenso der Erfahrung eines unauslotbar tiefen, im Kosmischen verankerten Urgrundes in der seelischen Tiefenschicht.

Gegenstand öffentlicher Diskussion

Sogenannte «grosse Träume» waren bei afrikanischen und indianischen Stämmen Gegenstand öffentlicher Diskussion. Noch bei den alten Griechen waren sie Gegenstand der offiziellen Tempelsphäre. - Damit ist gesagt, dass frühere Gesellschaften verstanden, dass Träume von öffentlichen Angelegenheiten sprechen können und somit auf der «Objektebene» zu betrachten sind. Dies im Unterschied zu Marie-Louise von Franz, die in Jungscher Manier glaubt, die Deutung auf der Objektstufe könne vernachlässigt werden, weil wir an der äusseren Situation sowieso nichts ändern könnten. Die Deutung auf der Subjektstufe sei «praktisch fast immer die empfehlenswertere», man könne «ja die Aussenwelt nur selten ändern, wohl aber durch Einsicht sich selber wandeln». Zum Beispiel bei Träumen von bösen Figuren sei es «immer empfehlenswerter, sie als Balken im eigenen Auge denn als Splitter im Auge der anderen anzusehen» (M.L. von Franz: C.G.Jung - Sein Mythos in unserer Zeit, 1972, S.115). - Ich selber halte diese Auffassung für fatal, weil äussere Veränderungen für Frauen besonders nötig und anzustreben wären. Richtig und nötig wäre es, prinzipiell mit der Deutung auf der Objektebene zu beginnen. Wenn Szenen der Macht oder Aggression in einem Traum vorkommen, müsste primär gefragt werden, von wem oder was die Träumerin oder der Träumer bedroht ist. Jede Frau ist objektiv von den patriarchalen Weiblichkeitsvorschriften und einschränkenden Strukturen bedroht. Es wäre zu überlegen, wie eine Frau sich patriarchalen Ansprüchen widersetzen oder entziehen könnte. - Eine feministisch reflektierte Symboldeutung hat die Aufgabe, sämtliche kraft- und mutspendenden Botschaften, die in Träumen aufscheinen, aufzuspüren, also Fähigkeiten und Ressourcen zu erkennen und zu begünstigen, die zu weiblicher Eigenständigkeit, Autonomie und zu Schritten der Veränderung auch in der Aussenwelt befähigen könnten.

Alles kann Symbol werden

Alle Trauminhalte können Symbol werden: Sachen, Menschen, Tiere, Situationen in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

Prozess symbolischer Transformationen

Die Herausbildung von Symbolen ist nach Carola Meier-Seethaler mit der Entwicklung des Bewusstseins untrennbar verbunden. Denn nur dies erlaube der sich selbst und ihrer Umwelt bewusst werdenden Person, eine gewisse Ordnung in ihre äusseren Eindrücke und inneren Empfindungen zu bringen. Die geläufigste Form der Symbolbildung sieht Meier-Seethaler in der Sprache. Aber «schon im Vorfeld der Sprache erscheinen die symbolischen Handlungsabläufe des Ritus und die symbolischen Vorstellungen und Ausdrucksgestalten von Mythos und Kunst». Die Philosophin Susanne Langer habe das menschliche Bewusstsein als einen «dauernden Prozess symbolischer Transformationen» bezeichnet, der von psychophysischen Impulsen ausgehe, also von unseren Sinneswahrnehmungen und Emotionen, und diese in eine Ausdrucksform bringe, welche sie in einer bleibenden Figur festhalte. Diese Figur könne «ein Wort sein, ein pantomimischer Gestus, eine rhythmische Folge von Klängen oder ein Bild» (ID-Buch 7, 10).

Symbolische Ausdrucksformen

Meier-Seethaler unterscheidet zwischen inszenierten symbolischen Ausdrucksformen und spontanen Gefühlsäusserungen. Die Symbole in Mythos und Kunst seien immer transformierte Erlebnisse bzw. «bewusst inszenierte Gestaltungen», welche emotionale Inhalte in kollektiv verständlicher Form zur Kommunikation bringen. Als spontane Gefühlsäusserungen nennt sie dagegen Ausrufe der Freude oder des Schmerzes (ID-Buch 7, 10).

Tradition sakraler Symbole

Das Erstaunlichste ist für Meier-Seethaler, dass «wir eine kontinuierliche Tradition sakraler Symbole von der jüngeren Altsteinzeit über die gesamte Jungsteinzeit bis zu den frühen Hochkulturen verfolgen können, was einem Zeitraum von rund 30'000 Jahren entspricht». Und «dass die Symbolinhalte weitgehend die gleichen» sind und es immer wieder ähnliche bildhafte Zuordnungen gibt, so sehr sich auch im Laufe der Jahrtausende der künstlerische Stil verändert. Sie verweist auf die sakrale Bedeutung der Teppichkunst und des Schmuckes. Und die zunehmende und abnehmende Mondgestalt werde zum Gleichnis für Leben und Tod (ID-Buch 7, 11-13).

Universelle psychische Tiefenstruktur

Bezüglich der Funktion der Symbolbildung im Zusammenhang mit dem Spracherwerb bringt die Soziologin Marianne Krüll einen weiteren Aspekt in die Diskussion. Mit dem Spracherwerb verändere sich unsere Welt in grundsätzlicher Weise: «Als wir begannen, sprachliche Symbole zu verwenden, konnten wir uns sozusagen von der gegenwärtigen Situation abheben» (ID-Buch 920,102). - Sich aus dem Körper heraus zu nehmen und «abheben» zu können bedeutet für sexuell traumatisierte Frauen, ihr Selbstwertgefühl, ihre Identität bewahren und retten zu können. Solche Frauen sagen: Meinen Körper kannst du zwar kriegen, aber mich selber kriegst du nicht.

Unterscheidung von Sex und Gender

Die feministisch reflektierte Sichtweise unterscheidet zwischen biologischem Geschlecht und Geschlechtsrolle (Sex und Gender). Bei der Geschlechtsrolle handelt es sich um anerzogenes Fühlen, Denken und Verhalten. Weil aber die Rollen mittlerweile verinnerlicht wurden, sind sie bei beiden Geschlechtern ständig wirksam. Die Schriftstellerin Irmtraud Morgner spricht von den «Sitten», womit sie die Jahrhunderte alten Gewohnheiten meint, nach denen sich Frauen und Männer verhalten und die zu ändern Zeit brauche, was nicht von heute auf morgen möglich sei.

Konzeptionen von Frausein

Die Philosophin Brigitte Weisshaupt kritisiert die psychologische Konzeption von Frausein, weil sie die Menschwerdung der Frau behindere. Die unentwegte Sorge um die «Individualitäten» (und Befindlichkeit) der anderen führe zu Selbstverlust, bzw. lasse Selbstkonstitution gar nicht zu. Die ideologische Zuschreibung von «weiblich» setze bei den einzelnen Frauen einen Selbstidentifizierungsprozess in Gang, der sie ohne Mitbestimmung an ihrem Selbst zu «Frauen» fremdbestimme (in ID.Buch 870, 144). - Der Vorwurf der Philosophin gilt auch für die Tiefenpsychologie: Anstatt die Frau in ihren Bemühungen um Selbstwerdung und Individuation zu unterstützen, wird sie durch falsche Weiblichkeits-Konstrukte daran gehindert.

Animus - kein Archetyp

Nach der Jungianerin Ursula Baumgardt ist der sogenannte «Animus» in der weiblichen Psyche nichts anderes als eine Reaktion auf die Unterdrückung weiblicher Wesensart. Er sei daher «nicht ein Archetyp», sondern «nur eine Reaktion in Form eines Komplexes». Den Animus als Archetyp zu definieren, erweise sich «als eine indirekte, frauenfreundlich verkleidete Frauenfeindlichkeit», die in Anbetracht der grossen noch zu lösenden Zukunftsaufgaben für die Gesamtheit der Menschheit verhängnisvoll sei. Der Animus sei ein Komplex, den uns das Patriarchat gebracht habe. Er habe wenig mit der Frau, aber sehr viel mit dem Mann zu tun (Baumgardt: König Drosselbart und C.G.Jungs Frauenbild, 1988, S.154). - Diese Richtigstellung einer Jungianerin war absolut notwendig. Sie war auch mutig, hatte doch das Junginstitut versucht, ihr die Lehrerlaubnis zu entziehen, was sie jedoch mit rechtlichen Schritten zu verhindern vermochte (vergl. auch Alfred Adlers "männlicher Protest" bei der Frau).

Unwillige Professoren

Die Philosophin Annegret Stopczyk erinnert an die erste deutsche Philosophin, Helene Stöcker, die der Philosophie der Liebe verpflichtet war. Stöcker war die erste Frau, die in Berlin ab 1908 offiziell studieren durfte. Zwar habe es schon seit 1895 «für besonders hartnäckige Antragsschreiberinnen» die Möglichkeit gegeben, Gasthörerinnen bei Professoren zu sein, die die Anwesenheit von Damen in ihrem Hörsaal erlaubten. Schliesslich habe das Berliner Bildungsministerium das Frauenstudium gegen die Mehrheit der Professoren durchgesetzt (www.libri.de, Seite 4). - Lehrreich ist für uns, dass schon damals politische Instanzen eingesetzt werden mussten, um sexistischen Lehren entgegen zu treten. Schon damals haben sich die lehrenden Instanzen als unfähig oder unwillig erwiesen, diese sexistischen Lehren zu revidieren.

Menschenbild etwas Grundlegendes

Zur Frage der Bedeutung des Menschenbildes sollen hier die Überlegungen der Politikerin und Juristin Gret Haller angeführt werden, weil sie sich auf die Situation in der Tiefenpsychologie übertragen lassen. Sie sagt, in ein und derselben Gesellschaft dürfe es nicht sein, dass den verschiedenen Gesellschafts- und Politikbereichen unterschiedliche Menschenbilder zugrunde gelegt werden, also etwa die Aussen- und Sicherheitspolitik auf ein anderes Menschenbild zu gründen als die ökonomische Gesellschaftsorganisation. Menschenbilder seien etwas so Grundlegendes, dass sie einen einzelnen Menschen und auch ganze Gesellschaften einheitlich prägen, sie seien das Fundament für alle Bereiche. Darin liege ja auch die Idee der Menschenwürde begründet und der auf ihr basierenden Menschenrechte. Das darüber errichtete Gesellschaftsgebäude habe verschiedene Stockwerke und darin verschiedene Räume mit den verschiedenen Gesellschafts- und Politikbereichen. Das Menschenbild jedoch, oder darauf basierend das Weltbild in ein und derselben Gesellschaft müsse für alle diese Räume dasselbe sein (ID-Buch 1439, 157-158). - Auf die Lehrinstitute der Tiefenpsychologie übertragen heisst dies, dass diese Lehrinstitute - weil sie ebenfalls von in sich unvereinbaren Menschenbildern ausgehen - gegen die Idee der Menschenrechte und Menschenwürde verstossen. Psychologische Lehren, die in ihrem Menschenbild eine Hierarchie zwischen Frauen und Männern herstellen, verletzen die Menschenrechte. Dieses starke und einsichtige Argument wäre auch für die Durchsetzung eines enthierarchisierten Menschenbildes in der Psychologielandschaft auf politischem Weg in Anspruch zu nehmen. Gret Haller war Ombudsfrau von 1994-1996 für Menschenrechte in Bosnien und Herzegowina