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Code und Kommentar - Kapitel 9

Patriarchale Theorie - moderne Begrifflichkeit

Dieses Kapitel wirft einen kritischen Blick auf die Strukturtheorie des inzwischen verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann, dessen erklärtes Ziel ist, das hierarchische Geschlechterverhältnis in eine moderne Begrifflichkeit zu übersetzen. Verheerend ist, weil der Soziologe inzwischen als Leitfigur für einen Nachdiplomstudiengang «Philosophie + Management» figuriert, dessen Ziel es ist, dass der Studiengang in zehn Jahren «Pflichtfach für alle angehenden Manager» werden soll (René Siegrist, Leiter des Studiengangs an der Universität Luzern. Siehe St. Galler Tagblatt 12.02.05). An der HSG St. Gallen (heute Universität) war schon in den 80iger Jahren die Empfehlung ausgegeben worden, das Geschlechterverhältnis nicht mehr mit der Natur, sondern mit der Strukturtheorie zu begründen. Was diese Empfehlung im Detail bedeutet, wurde mir erst klar, als mir Luhmanns Buch «Protest» in die Hände geriet (Luhmann: Protest - Systemtheorie und soziale Bewegungen, ID-Buch 1310). Da sich in der Empfehlung für den Nachdiplomstudiengang ein raffinierter Schachzug gegen die Chancengleichheit verbirgt, ist es angebracht, die Ideen der Leitfigur des Studiengangs etwas ausführlicher zu beschreiben.

Frauen - die Männer an Geist und Fähigkeiten übertreffen

Eine grundsätzliche Asymmetrie, also eine Hierarchie zwischen den Geschlechtern, hält der Autor für nötig. Dass es Frauen gibt, die manche Männer an Geist und Fähigkeiten übertreffen, ist für den Autor kein Grund für ein gleichberechtigtes, nichthierarchisches Geschlechterverhältnis. Dieser Sachverhalt widerspreche der «invertierten Asymmetrie» nicht. Auch dass es Situationen gebe, in denen Frauen den Vorrang vor Männern haben, widerspreche der Asymmetrie nicht (116), die ganz gering sein könne.

Grundstruktur - Strukturelle Gewalt

Mit Hinweis auf Hegel rät der Autor, die Hierarchie in die «Struktur» einzulassen: «Man kommandiert seine Frau nicht, man regiert sie politisch» (115). Die Hierarchisierung sei eine Frage der «Invertierbarkeit» bzw. eine Frage der «Repräsentation des Ganzen im Ganzen», der «Vergegenwärtigung des Unsichtbaren im Sichtbaren, des Erscheinens von Ordnung». Er verweist auf die bislang geltenden Repräsentationen: Tempel, Palast, Stadt, die allerdings heute in dieser Funktion nicht mehr zu überzeugen vermöchten (118). - Der Autor verspricht also den Männern, die den Eintritt der Frauen in die Chefetagen und höheren Ämter mit Argwohn betrachten oder sogar fürchten, wenn die Hierarchie der Geschlechter in der Grundstruktur der Gesellschafts-Theorie verankert sei, könnten Männer im Ganzen gleichwohl die Oberhand behalten.

Erwartungen - wer das Bad putzt

Die Hierarchie zwischen den Geschlechtern sei notwendig, weil verhindert werden müsse, dass allein die Situation den Ausschlag gebe (wer was macht, z.B. das Bad putzt), weil sonst «keine Erwartungen mehr gebildet werden» könnten (112). - Aus anderen Textstellen geht hervor, was er als Mann erwarten können will: Er möchte weiterhin erwarten können, dass primär die Ehefrau oder Lebensgefährtin für Haushalt und Kinder zuständig und verantwortlich ist.

Gleichstellung - extrem unwahrscheinlicher Zustand

Der Frauenforschung wirft der Autor eine «lieblose Praxis» vor (126), weil bisher noch nie die Frage erörtert worden sei, wie sich «das Streben nach Herstellung von Gleichheit auf die Vertrauensbildung in sozialen Beziehungen» auswirke (142) - gemeint die Beziehung zwischen Frau und Mann. Gleichheit sei ein extrem unwahrscheinlicher Zustand und wolle man Gleichheit (der Chancen) erreichen, potenziere man (männliche) Gegnerschaften und Hindernisse (142). - Konkret ist gemeint, dass Männer nie bereit seien, in gleichem Umfang Hausarbeit und Kinderbetreuung zu übernehmen wie Frauen. Ferner meint er, Frauen sollten aus «Liebe» den Anspruch auf Chancengleichheit fallen lassen. - Der Autor plädiert also für die sattsam bekannte Vorstellung, ein Mann sollte Liebe und Versorgung von Seiten der Frau erwarten können, ohne selber gleichwertige Gegenleistungen erbringen zu müssen.

Hauptwert - Gegenwert fast gleiche Bedeutung

Dem Autor schweben «Leitdifferenzen» und eine Art von Hierarchie zwischen den Geschlechtern vor, die «sich evolutionär bewähren» könnten (134). Dabei könne man durchaus dem «Gegenwert» (Frauen) fast die gleiche Bedeutung geben wie dem «Hauptwert» (Männer). Die Frage sei, «welche Asymmetrisierung ... denkbar (wäre)», und wie sie «eingesetzt werden könnte, um das Bezeichnen auf die Frau hinzulenken», wie ein Weib, das Gründe habe, ihre Gründe nicht sehen zu lassen (149). - Gemeint, Männer sollten Strategien und Taktiken entwickeln, die von Frauen nicht unmittelbar durchschaut werden können.

Propagieren einer Frau ohne Eigenschaften

Eine Möglichkeit sei die Propagierung einer «Frau ohne Eigenschaften». Die Frau wäre im Vorteil, weil sie «mit mehr Abstand zur Wahrheit zurechtkomme und notwendige Inkonsequenz als Notwendigkeit auf sich nehmen» könne (150). Dem modernen Denken entspreche, auch «in der Hierarchie noch Zirkel zu entdecken», und das scheine dem heutigen Verhältnis von Mann und Frau besser zu entsprechen: «Mal ist der eine oben, mal die andere.» Kaum glaube man, gewonnen zu haben, stelle man fest, dass man verloren habe. Die angefügte Frage des Autors, ob «die auf sich gestellte, Gleichheit betonende Beziehung von Frau und Mann vielleicht deshalb eine besonders reizvolle Beziehung» sei (121), ist eher zynisch, weil sadomasochistische Beziehungen für die Mehrheit der Frauen eher unerfreulich, abstossend und widerlich sind.

Entwicklung eines Kalküls - Adams Rippe

Zur Frauenforschung meint der Autor, sie müsse ihrer Forschung die Differenz von Mann und Frau zugrunde legen können. Ihre Theoriemöglichkeiten hingen davon ab, wie diese Differenz gefasst, wie sie in die Form einer Unterscheidung gebracht werde (Hinweis auf die Logik eines Spencer Brown: Treffe eine Unterscheidung). Die Einführung einer Unterscheidung sei zunächst einmal die Einführung einer Form. Eine Form sei die Unterscheidung einer Innenseite von einer Aussenseite. Somit sei die Einführung jeder Unterscheidung selbst schon eine Unterscheidung. Auf die Frage, wer diese Unterscheidung unterscheidet, antwortet der Soziologe lakonisch, alles Beginnen beginne mit einem Schonbegonnenhaben, «also mit einer Paradoxie». Spencer Brown zeige jedoch, dass dies die Entwicklung eines Kalküls nicht behindere und später, wenn das Kalkül komplex genug sei, bereinigt werden könne (109-110). Für das «Schonbegonnenhaben» wird die biblische Geschichte von Adams Rippe und der daraus ableitbaren Hierarchisierung der Geschlechter heran gezogen, im Wissen, dass dies von allen rückwärts strebenden Fundamentalisten und Evangelikalen Lob und Unterstützung ernten werde. An der Logik des Spencer Brown (1969/1971) bewundert der Autor, dass sie eine maskuline Logik sei und «in einer bezaubernden Weise einfach und kompliziert, elegant und verschachtelt» und damit zugänglich wie ein Labyrinth mit nur einem deutlich markierten Eingang (107). - Bezüglich des «Schonbegonnenhaben» haben wir Frauen allerdings die Möglichkeit, auf eine viel frühere Zeit von Emanation zurückgreifen - auf die menschliche Frühzeit. Die Mythologien aus dieser Zeit, mit ihrer matrizentrierten Weltsicht, kamen zudem ohne Hierarchisierung der Geschlechter aus. - Bei dieser männlichen Argumentation geht es ganz klar um die Erhaltung von Deutungsmacht über das weibliche Geschlecht, während die Begründung mit Adams Rippe in der heutigen Zeit reichlich grotesk anmutet.

Erfahrung des körperlichen Raufens

Dass Unterscheidungen lediglich Konstruktionen sind, die im Ausgang auch mit ganz anderen Unterscheidungen konstruiert werden können, ist dem Autor natürlich klar. Das schliesse nicht aus, dass ihre Benutzung begründet werden könne. Deshalb laute die Ausgangsanweisung mit Recht: «Treffe eine Unterscheidung!» (111). - Wir Frauen könnten den Aufruf: «Treffe eine Unterscheidung!» allerdings auch für unser eigenen Zwecke in Anspruch nehmen. Dies tut die Soziologin Marianne Krüll bereits, indem sie sagt, dass sich «die weiblichen Lebenswelten als von den männlichen verschiedene Verkörperungen, als unterschiedliche, sinnlich erfahrbare Materialisierungen fassen» lassen. Weil Frauen und Männer nicht in ein und derselben Welt leben, haben sich unsere Sinne im Verlauf der Sozialisation sehr unterschiedlich strukturiert. Kleine Mädchen machen im Gegensatz zu Jungen nur selten die Erfahrung des körperlichen Raufens, daher sich der weibliche Körper in sehr anderer Weise konstituiere als der von Jungen. Dieser Sachverhalt könne zur Erklärung der zwischen Frauen und Männern unterschiedlichen Erkenntnisformen herangezogen werden (Krüll: ID-Buch 920, 100). - Das heisst, dass wir Frauen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ganz anders fassen können und fassen sollen, als dies der oben erwähnte Soziologe tut.

Unterscheidung - Hierarchie und Crossing

Für die aristotelische Physik sei das Gleichgewicht ein defizienter Zustand, weil es die Bewegung hindere, ihren natürlichen Ort aufzusuchen. So sei auch die reine Unterscheidung «unschlüssig», in welcher Richtung die Sache gehen soll (S.112, und S.151). Anschlussfähige Unterscheidungen würden eine Hierarchisierung erfordern. Die eine Seite werde bezeichnet und nicht die andere. Die Unterscheidung wäre Anfang und Ende des Operierens, wenn sie keine Bezeichnung mit sich führte. Man hätte dann keinen Anhaltspunkt dafür, auf welcher Seite die Operation fortgesetzt werden könnte - und sei es als crossing. Die Maschine bliebe stehen. - Crossing bedeutet hier, in Kauf zu nehmen, dass dem weiblichen Geschlecht aus dieser Operation Nachteile und Verletzungen ergeben.

Aristotelische Idee, die Frauen politisch zu regieren

Ohne Scham bekundet der Autor seine Absicht, die aristotelische Idee, die Frauen politisch zu regieren, in eine moderne Begrifflichkeit zu übersetzen (115). - Aber was heisst hier, die «Maschine» bliebe stehen - welche Maschine ist gemeint? - Mit der «Maschine» ist die Struktur der patriarchalen Arbeitsteilung gemeint (Frauen Hausarbeit, Männer Berufs- und Öffentlichkeitsarbeit). Ferner ist gemeint, wenn diese Arbeitsteilung nicht mehr garantiert wäre, würden Selbstverständnis und Befindlichkeit der Männer aus den Fugen geraten. Wenn Männer nicht mehr auf umfassende Versorgung durch Frauen rechnen könnten, würden sie ihren Rückhalt verlieren, in Depression fallen oder an Antriebsmangel leiden. Der römische Konsul Cato dagegen befürchtete, Frauen wären den Männern überlegen, wenn sie nicht durch Gesetze zurückgebunden würden. In Wirklichkeit will der patriarchale Mann nicht erwachsen werden. In Ehefrauen und Freundinnen hat er sich Ersatzmütter geschaffen, um das Privileg des umfassenden Versorgt-werdens nicht aufgeben zu müssen. - Unsere Hoffnung sind dagegen sozial kompetente und auch für den Alltag gerüstete Männer, die - wenn auch zaghaft - im Zunehmen begriffen sind.

Emanation - überformende Asymmetrie

Eine anschlussfähige Unterscheidung sieht der Autor in der Idee der «Emanation». Bei dieser gehe es darum, der Unterscheidung einen «hervorragenden Teil» zu sichern, eine sie «überformende Asymmetrie». Entsprechend der Doppelebene von Ganzem und von Teilen könne man zwei verschiedene Darstellungen ihres Zusammenhangs wählen. Die erste Ebene bestehe aus der «Emanation»: Aus einer Einheit entstehe eine Differenz, in der das, was die Einheit war, als Gegenteil seines Gegenteils wieder vorkomme (115).

Zugehörigkeit von Teilen zu einem Ganzen - relative Eigenständigkeit

Für die Emanation liefert der Autor ein biblisches Beispiel: Aus Adam und seinem Rippstück ergebe sich die Differenz zwischen Adam und Eva. Derjenige Teil, der die Kontinuität zum Ursprung wahre, habe dadurch eine Art Vorrang. Er sichere, ohne fortan das Ganze zu sein, «die Systematizität der neuen Struktur». Der hervorragende Teil sichere der Unterscheidung «eine sie überformende Asymmetrie». Darin bestehe sein Wert. Aber erst die moderne Ideologie könne diese Trennung vollziehen. Für sie sei die Hierarchisierung eine Frage der «Repräsentation des Ganzen im Ganzen», der «Vergegenwärtigung des Unsichtbaren im Sichtbaren», des Erscheinens von «Ordnung» (115). - Hierarchie meine hier und im Folgenden nicht etwa: Machtüberlegenheit oder gar Befehlsberechtigung, sondern immer: die Zugehörigkeit von Teilen zu einem Ganzen, die ihnen ihre relative Eigenständigkeit ermögliche (S. 115, Fussnote 10). - Im Unterschied zum biblischen Mythos bestand die Emanation der menschlichen Frühzeit darin, das Existierende als Ausfluss der grossen Muttergöttin zu verstehen. Die weibliche Göttin stellte das grosse Ganze des Kosmos dar, in dem alles enthalten war, auch der Mann und das männliche Geschlecht, ohne dass daraus eine Hierarchie abgeleitet worden wäre.

Ausschluss auf der Ebene der Grundstruktur

Der Soziologe meint, weil die «Unterscheidung von Frau und Mann nur noch für Unruhe» sorge, sei die «strukturell wirksame Antwort» auf dieses Problem, zwischen Codierung und Programmierung (= Grundstruktur und Kommentar) zu unterscheiden, und die Kriterien des Richtigen «erst auf der Ebene der änderbaren Entscheidungsprogramme» festzulegen (139). Was auf der Ebene des Codes «ausgeschlossen bleiben» müsse, könne «auf der Ebene der Programme in das System wieder eingeführt werden». Das Ausgeschlossene finde «aber nur im Rahmen der dadurch gegebenen Beschränkungen» Eingang (141). - Das Ausgeschlossene meint hier der Ausschluss der «Eva», also der Frau, der weibliche Anspruch auf Chancengleichheit - die durch den strukturellen Schachzug wirksam eingeschränkt werden könne.

Intitiativgepflogenheiten - Vorherrschaft des Mannes

Einem Paar sollte es nicht verwehrt sein, meint der Autor ferner, «sich auf Vorherrschaft des Mannes, auf Asymmetrisierung von Intitiativgepflogenheiten» und auf «traditionelle Formen von Aussendarstellungen» zu einigen, und dies gerade weil die Unterscheidung von Mann und Frau «zählt und zugleich nicht zählt» (146).

Unterscheidung von interner und externer Beobachtung

Die Frauenforschung wird belehrt, sie müsse «beobachten und beschreiben können, mit Hilfe welcher Unterscheidung von Frauen und Männern die Frauenbewegung sich selbst identifiziert. Sie müsste klären, welche anderen Unterscheidungen sich mit der Hilfe der Unterscheidung Frau und Mann überhaupt kontrollieren lassen. Dafür müsste sie selbst sich zunächst von der Mann-Frau-Unterscheidung distanzieren können und zwar mit Hilfe der Unterscheidung von interner und externer Beobachtung der Frauenbewegung» (151). Ein solches Unterscheiden von der Unterscheidung in der Logik sei von Spencer Brown nicht vorgesehen. Dies sei vielleicht auch ein Grund dafür, dass dieser sie dann als maskuline Logik behandelt habe und einen Artikulationsrahmen ausserhalb habe suchen müssen, um dem Phänomen «Frau und Liebe» gerecht werden zu können. Es gebe inzwischen aber auch Überlegungen, ob es nicht möglich sein könnte, «ein kybernetisches Oszillieren zwischen externer und interner Beobachtung zu stabilisieren (152) (Das Wort Kybernetik ist die Bezeichnung für eine «Forschungsrichtung, die Systeme verschiedenster Art auf selbsttätige Regelungs- und Steuerungsmechanismen untersucht», nach griech. kybernetik «Steuermannskunst» bzw., «steuern, leiten, regieren». - Duden, ID-Buch 1313, 398). Immerhin würden in diesem Bereich - so der Autor - «Möglichkeiten des Anschlusses an faszinierende interdisziplinäre Theorieentwicklungen» liegen. Wenn die Frauenforschung sich für solche Möglichkeiten nicht öffne oder wenn sie keine niveaugleichen andersartigen Grundlagen finde, bleibe ihr nur der Anschluss an jene verstockte «Selbstreferenz», die jeder externe Beobachter, der sich nicht zur Parteinahme und zum Mitleiden entschliesse, ablehnen werde. Schliesslich meint er, dann werde die Frauenbewegung, «mit sich selbst geschlagen, sehr leicht in Situationen kommen, in denen sie nur noch die Wahl habe, «gefährlich zu werden oder lächerlich» (151-152). - Für uns gilt, dass es wohl besser wäre, dem Patriarchat gefährlich zu werden.

Kritisch-revolutionäres Potential - Kritik an Luhmann

Der Vorteil des systemischen Denkens ist nach der Soziologin Marianne Krüll, dass ein grösseres Mass an Komplexität, Dynamik oder Wechselwirkungen innerhalb der Systeme erfasst werden kann. Sie beobachtet aber auch, dass diese Vorteile mittels des Modells wieder reduziert werden können, mit Verweis auf Niklas Luhmann, dessen Bemühen sei, neuen Wein (neue Begrifflichkeiten) in alte Schläuche (patriarchale Denkstrukturen) zu füllen. Auf der anderen Seite verweist sie auf das kritisch-revolutionäre Potential im radikalen Konstruktivismus, das sehr attraktiv für eine feministische Erkenntnistheorie sei. Wir könnten nicht nur den Objektivitätsanspruch männlicher Wissenschaft kritisieren, sondern auch bestehende Grenzen unseres eigenen feministischen Denkens überwinden, wenn wir unsere eigene feministische Sicht der Welt als konstruiert ansehen und davon ausgehen, dass wir nur über eine konsensuelle Übereinkunft zu einer Verwirklichung unserer Weltentwürfe kommen können. Damit hätten wir patriarchalische Denkstrukturen überwunden. Ein feministischer Konstruktivismus biete nicht nur die Chance, unser kognitives, verbales, bewusstes Denken und Handeln als konsensuelle Konstruktionen zu fassen, sondern auch unsere Sinneserfahrungen als Grundlage unserer Erkenntnisfähigkeit anzusehen. - Erfreulicherweise haben dies - wie wir gesehen haben - Agnes Heller in ihrer «Theorie der Gefühle» und Annegret Stopczyk in ihrer «Leibphilosophie» explizit getan, nebst vielen anderen Frauen.