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Denken und Fühlen - Kapitel 4

Theorie der Gefühle

Die «Theorie der Gefühle» der ungarischen Philosophin und Soziologin Agnes Heller, von der hier die Rede sein soll, liest sich wie Vorwegnahme oder Ergänzung zur Leibphilosophie. Auch bei Agnes Heller findet das Zusammenspiel zwischen Denken und Fühlen wieder dort statt, wo es hingehört, nämlich in jedem Individuum und nicht auf die Geschlechter verteilt. Ferner redet die Philosophin nicht mehr verallgemeinernd vom «Gefühl» in der Einzahl, sondern von einer Gefühlswelt mit einer Vielzahl von Gefühlen, die auch gegensätzliche Gefühle enthält, wodurch sich natürlicherweise ein vitalisierendes Spannungsverhältnis zwischen den Gefühlen ergibt. Die Zuschreibung des Fühlens an Frauen und des Denkens an Männer fällt dadurch weg.

Ich bin in etwas involviert

Fühlen heisst nach Agnes Heller, «ich bin in etwas involviert». Dieses «Etwas», in das ich involviert bin, kann alles sein: Ein anderer Mensch, eine Idee, ich selbst, ein Vorgang, ein Problem, eine Situation, ein anderes Gefühl, objektlose Wünsche und objektlose Furcht. Vom Gefühl in der Einzahl zu sprechen sei sinnlos, weil wir «immer mit unterschiedlichen Gefühlen konfrontiert» sind. Dass ich mich 'getroffen fühle', Hunger habe, den Sonnenschein geniesse oder jemanden verachte - diese Gefühle sind verschieden und spielen in meinem Leben eine sehr unterschiedliche Rolle. Das Involviertsein äussert sich in Motivationen, Interessen, Absichten, Wünschen, Zielen. Es ist eine regulierende Funktion des Ichs in seiner Beziehung zur Innenwelt und Aussenwelt. Mit dem Involviertsein selektieren wir aus den vielfältigen Möglichkeiten in unseren Beziehungen zu Menschen und zur Welt. Die Selektion kann spontan und unbewusst erfolgen oder bewusst (A. Heller: Theorie der Gefühle, ID-Buch 931).

Bestandteil des Denkens

Das Involviertsein ist Bestandteil des Denkens, der Handlungen und des Informations-Erwerbs und nicht nur Begleiterscheinung. Das Involviertsein kann positiv und negativ, aktiv und reaktiv, direkt und indirekt sein. Agnes Heller gibt Beispiele: Wenn ich eine mathematische Aufgabe lösen will, bin ich aktiv involviert. Wenn mich die Aufgabe reizt und interessiert, bin ich positiv und direkt involviert. Wenn mich das Ganze langweilt, mir aber ein Gewinn oder Erfolg winkt, ist das Involviertsein auch positiv, aber indirekt. Wenn ich davon ausgehe, dass ich die Stelle verliere, wenn ich die Aufgabe nicht löse, ist das Involviertsein negativ und direkt. Mit einer Kombination haben wir es zu tun, wenn mich die Sache reizt und interessiert, jedoch das Gefühl «es wird doch nichts draus» vorhanden ist.

Triebgefühle und Affekte - angeboren

Das Fühlen ist primär, weil es die Grundlage und Vorbedingung für das Erlernen des zielgerichteten Denkens und Handelns ist. Nur Triebgefühle und Affekte sind angeboren, alle übrigen Gefühle sind ausnahmslos erlernt, wobei das Lernen mit der Geburt beginnt und lebenslang weiter geht.

Die sieben Gefühlsarten

Agnes Heller unterscheidet sieben Gefühlsarten: Triebgefühle, Affekte, Orientierungsgefühle, Emotionen, Charakter- und Persönlichkeitsgefühle, Lebensgefühl (Stimmung/Laune) und Leidenschaft (91).

Hunger, Durst, Müdigkeit, Sexualtrieb

- Zu den Triebgefühlen zählen Hunger, Durst, Müdigkeit, der Sexualtrieb, das Atmen. Triebgefühle seien Signale des Organismus, die anzeigen, dass das biologische Gleichgewicht in Gefahr ist, zusammenzubrechen.

Affekte - Expressive Gefühle

- Zu den Affekten zählen jene Gefühle, die äusserlich sichtbar (expressiv) werden, wie Freude, Trauer, Angst, Wut, Scham, Ekel, Lachen, Weinen, Neugier. Die expressiven Gefühle werden in Mimik, Tonfall, Gestik, Erröten, Erbleichen, Zittern und anderen körperlichen Zeichen sichtbar.

Orientierungsgefühle - Ja/Nein-Gefühle

- Zu den Orientierungsgefühlen gehört jedes Ja-Gefühl oder Nein-Gefühl. Die Überzeugung sei ein typisches Ja-Gefühl: Ich fühle, dass es so ist, ich spüre, dass es so sein wird, ich empfinde, dass ich es weiss etc. Wir sagen: «es stimmt, so ist es selbstverständlich». Die Quelle der Orientierungsgefühle ist das Vorwissen, das wir im Alltag und mittels gesellschaftlicher «Objektivationen» aufgebaut haben (Zeitung, Fernsehen, Zeitstil, Tradition, Literatur, Kunst, Moralkodex, Gesetze). Orientierungsgefühle sind die Folge unseres Instinktverlusts, obgleich wir ausgerechnet diese Gefühle als «instinktiv» bezeichnen. Zu den Orientierungsgefühlen gehört die Intuition, die im Synonymlexikon als Eingebung, Erleuchtung, Inspiration, Geistesblitz, Funke, Ahnung, Instinkt, Spürsinn, Riecher beschrieben wird.
- Im Alltag, in der unmittelbaren Handlung, kommen ständig orientierende Gefühle ins Spiel: Ich spüre, noch ein Ruck und ich habe den schweren Einkaufskorb ins Auto geladen. Ich spüre, wenn ich diese Schraube nochmals umdrehe, ist der Wackelkontakt behoben und der Staubsauger kommt wieder in Gang. Heller bezeichnet das Ja-Gefühl auch als «Wahrscheinlichkeitsgefühl» , das fast alle unsere Alltagstätigkeiten lenkt (wann ich aufstehen muss, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen etc.).
- Im Denkbereich sorgen Orientierungsgefühle dafür, dass Denkprozesse überhaupt in Gang kommen: Ich fühle, ahne, spüre, dass die Lösung in dieser bestimmten Richtung zu suchen ist. Dies gelte auch für die Forschung. Die orientierenden Gefühle führen und leiten den Denkprozess bis zum Resultat. Wenn das Ziel erreicht ist, dann beendigt ein Ja-Gefühl den Prozess: «Ich hab's herausgefunden! - Ja, so ist es!"
- Im Kontaktbereich orientieren Liebe und Hass darüber, mit wem für unsere Person das Zusammensein erwünscht oder zu vermeiden ist.

Emotionen - Erlernte Gefühle

- Zu den Emotionen zählen unter anderen: Selbstbewusstsein, Vertrauen, Interesse, Mut, Mitleid, Gerechtigkeit, Achtung, Verachtung, Ehrgeiz. Emotionen sind ausnahmslos erlernt. Emotionen können wir nur richtig einschätzen und erkennen, wenn wir die Situation kennen. Der Erkenntnisaspekt ist ein organischer Teil der Emotion. Der Gefühlsinhalt kann prinzipiell nicht vom Gefühlsauslöser und der Gefühlsinterpretation getrennt werden. Weswegen wir etwas fühlen, wem gegenüber wir fühlen, gehört zum Gefühl selbst. Zum Gefühl des Vertrauens oder der Verachtung gehört zum Beispiel die Bewertung der Persönlichkeit, ihrer Auffassungen und Taten. Eine Gefühlsqualität kann sich ändern, wenn ich erkenne, was ich fühle. Schuldgefühle können verschwinden, wenn ich erkenne, dass sie nicht am Platz sind. Ablehnung kann sich in Verständnis verwandeln, wenn ich erkenne, dass hinter dem störenden Verhalten eine leidende Person steckt. - Ohne Emotionen wäre kein gesellschaftliches Zusammenleben möglich. Ohne Vertrauen, Offenheit, Neugier, Interesse, Sehnsucht würde das Interesse an anderen Menschen erlahmen.

Gefühlsgewohnheiten

- Charakter- und Persönlichkeitsgefühle sind «Gefühlsgewohnheiten». Eine Gefühlsgewohnheit liegt dann vor, wenn wir auf gleiche oder ähnliche Situationen und Ereignisse mit gleichen oder ähnlichen Gefühlen reagieren. Gefühlsgewohnheiten können sowohl aus Vererbung und Prägung (=Charaktergefühle) als auch aus bewusster Wahl entstehen (=Persönlichkeitsgefühle). Gefühlsgewohnheiten bedeuten, dass wir ziemlich genau wissen, wie wir auf ein bestimmtes Ereignis gefühlsmässig reagieren werden. Wir können sogar von uns nahe stehenden Personen voraussagen, wie sie auf bestimmte Situationen reagieren werden. Emotionen, die zur Gewohnheit gewachsen sind, werden Teil der emotionalen Persönlichkeit und zu Eigenschaften einer Person.

Lebensgefühl - Gefühlsdisposition

- Das Lebensgefühl ist eine Gefühlsdisposition. Die Grundstimmung kann erblich bedingt sein oder persönlicher Lebenserfahrung entspringen. Die Stimmung ist eine kürzere oder längere Zeit andauernde Disposition, die immer einer konkreten Situation entstammt (Hochstimmung bei Verliebtheit oder beruflichen Erfolgen). Die Laune ist eine kurzandauernde emotionale Disposition.

Leidenschaft - Leidenschaftlichkeit

- Nur Emotionen können sich zu Leidenschaften entwickeln. Man kann weder leidenschaftlich hungern noch leidenschaftlich schamhaft sein. Der Sexualaffekt kann nur dann zur Leidenschaft werden, wenn eine Emotion auf ihn aufgebaut ist. Die Leidenschaft sei immer zugleich ein Engagement. Leidenschaftlich sei eine Emotion dann, wenn sie tief und intensiv sei und wenn ich bewusst die Verantwortung für diese Emotion trage. Es gibt nach Heller keinen emotionalen Reichtum ohne Leidenschaftlichkeit.

Kognition - differenziertes Fühlen

Ohne Denken (Kognition) kann sich kein differenziertes Fühlen entwickeln. Das Erkenntnismoment ist ein immanenter Bestandteil des Fühlens. Durch die Benennung eines Gefühls erfolgt zugleich ein Bewusstmachen des Soseins dieses Gefühls. Wenn wir sagen, ich bin zerfahren, traurig, habe Kummer, bin verzweifelt, vergrössern wir zugleich die Differenzierung.

Gefühlswelt und Homöostase

Die Gefühlswelt hat die Aufgabe, das physische und psychische Gleichgewicht (Homöostase) aufrecht zu erhalten. Homöostase bedeutet die Bewahrung und Erweiterung des Gefühls-Systems unter Sicherung der Ich-Kontinuität. Ferner müssen wir uns immer auch in einem gegebenen gesellschaftlichen Kontext erhalten (soziale Homöostase). Was Frauen «die Weisheit des Körpers» nennen, betrifft nach Heller im Grunde das Geheimnis der biologischen Homöostase.

Das Fühlen lernen

Das Fühlen lernen beginnt schon beim Kind mit dem Unterscheiden, Differenzieren und Regulieren der Gefühle. Zunächst muss das Kind die Triebgefühle unterscheiden lernen. Das Hungergefühl muss vom Schmerzgefühl oder der Müdigkeit unterschieden werden; zudem muss der Ort des Schmerzes identifiziert werden. Bei den Affekten muss der Affektauslöser erkannt werden.

Partikulares Fühlen, individuelles Fühlen

Heller unterscheidet ein partikulares Fühlen vom individuellen Fühlen. Das partikulare Fühlen orientiert sich ausschliesslich an Eigeninteressen, an Selbsterhaltung und einer konfliktfreien Erweiterung des eigenen Ichs.

Bewusste Wahl von Gefühlswerten

Beim «individuellen Fühlen» darf sich das Involviertsein nicht nur um die eigene Person drehen, sondern auch um die Bedürfnisse anderer Menschen und Kulturen. Die andere Person wird um ihrer selbst willen geliebt. Die Wahl der Freundschaften erfolgt aufgrund persönlicher Werte. Die Liebe ist nicht distanzlos, sondern kennt Distanz. Es kann auch Kritik geübt werden, weil grundsätzlich die ganze Person bejaht wird; die Wertschätzung bleibt erhalten.

Wertentscheidungen

Agnes Heller (Geb. 1929) befasst sich auch mit dem Verhältnis von Politik und Ethik sowie mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Gefühlswelt: Jede wissenschaftliche Feststellung sei immer mit Wertentscheidungen verknüpft.

Männlichkeitswahn

Gegen welche Theorien haben Frauen zu Agnes Hellers Zeit angeschrieben? In Deutschland und in der Schweiz waren 1938 alte Lehrbücher neu aufgelegt und bejubelt worden, die den Männlichkeitswahn marktgerecht aufbereiteten und erneuerten. Das Buch von Ph.Lersch «Vom Wesen der Geschlechter» wurde im Zentralblatt für Neurologie und Psychiatrie gelobt, als eine «mit Genuss» zu lesende «kleine, aber wesentliche Schrift». Auch von «Universitas» und vom «Berner Schulblatt» bekam die Schrift Lob (1968). Vom selben Autor wurde das Denken als ein Machtinstrument beschrieben: Das Denken sei «im psychologisch strengen Sinne dadurch bestimmt, dass es das gesetzte Ziel gegen alle Widerstände» durchsetze, die seiner Verwirklichung entgegenstehen. Souveränität, Autonomie, Selbstherrlichkeit, Selbstbestimmung sowie Mut, Interesse, Autonomie, Macht, Freiheit, Willenskraft seien «Eigenschaften des Denkens». Das Motiv des begreifenden Denkens komme aus dem Motiv der Bewältigung und Beherrschung: «Mit dem Denken bekommen wir die Welt in die Hand, wir begreifen und ergreifen sie, wir nehmen sie in Besitz, stellen sie fest und machen sie verfügbar» (Ph.Lersch: Aufbau der Person, ID-Buch 502, 483-485). - Diese Definition entlarvt das Motiv für die Theorie eines ans Männliche gebundenen Denkens in seiner ganzen Brutalität und Willkür. Das Buch erschien erstmals im Jahre 1938 und später in weiteren elf Auflagen. Es dürfte 1938 zur grundlegenden Literatur des Nazireichs gehört haben, um zu begründen, warum Männer herrschen und Krieg führen müssen und warum Frauen nicht denken dürften, sondern fühlen müssten.

Widerfahrniserlebnisse

Zu dieser Zeit (1938) wurde «das Gefühl» als eine weibliche Gefühlswelt definiert. Das «Gefühl» zeichne sich dadurch aus, dass es belebt und beseelt. Gefühle seien Widerfahrniserlebnisse, in denen wir nicht auf die Welt wirken, sondern die Welt auf uns. Durch das Gefühl werde etwas empfangen. Wir würden «von der Welt angemutet, berührt, ergriffen». Die weibliche Pathik schliesse auch das Moment des Erduldens, des «Mit-sich-Geschehenlassens» ein. Die Frau erfahre in der Begegnung mit der Welt nicht den «Anruf» zum umgestaltenden Eingreifen, daher sie «ihre Seele verfügbar halte, sich ansprechen, berühren, ergreifen und bestimmen» lasse (ID-Buch 503, 58-59). - Mit anderen Worten: Der weiblichen Gefühlswelt wurden die passiven Gefühle zugeordnet, während die aktiven Gefühle wie Autonomie, Mut, Interesse, Macht, Freiheit, Willenskraft daraus entfernt waren. Zum Glück lassen Frauen sich inzwischen nicht mehr vom Schulblatt und Psychiatern vorsagen, wie sie zu denken und zu fühlen haben und was sie zu tun haben. Frauen sollen oder wollen ihre Seele auch nicht mehr für herrschsüchtige Männer verfügbar halten und über sich bestimmen lassen (siehe auch Christa Thürmer-Rohr, in ID-Buch 771).