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 Heilen und Krankmachen - Kapitel 8

 Individuation: Prägende Begriffe

In diesem Kapitel geht es um prägende Begriffe der Analytischen Psychologie (Individuation, Animus-Anima, Identität, Übertragung...), um zu prüfen, inwieweit sie für die Heilung psychischer Verletzungen von Frauen förderlich sind. Es geht darum, festzustellen, welche Konzepte sich für Frauen gesundmachend oder krankmachend auswirken.

Individuation: Halbgöttliche Natur oder Banalitäten des Alltags

Individuation hat nach Jung nichts mit den Banalitäten des Alltags zu tun. Anhand von «bedeutenden» Träumen und Mythologemen, «die das Leben des Heros, d.h. jenes grösseren Menschen halbgöttlicher Natur, charakterisieren», leitet er ab, es gehe um gefährliche Abenteuer und Bewährungsproben, wie sie in Initiationen vorkommen. Es gebe Drachen, hilfreiche Tiere und Dämonen. «Wir begegnen dem alten Weisen, dem Tiermenschen, dem verborgenen Schatz, dem Wunschbaum, dem Brunnen, der Höhle, dem ummauerten Garten, den Wandlungsprozessen und Substanzen der Alchemie usw., lauter Dingen, die sich nirgends mit den Banalitäten des Alltags berühren». Der Grund hierfür sei, dass es sich um Verwirklichungen eines Persönlichkeitsteiles handle, der noch nicht war, sondern erst im Begriff sei, «zu werden» (ID-Buch 1205, 166). - Was bedeutet dies für uns Frauen? Der «alte Weise» und der «Heros halbgöttlicher Natur» stehen beide für das männliche Subjekt. Dagegen sind der verborgene Schatz, der Wunschbaum, der Brunnen, die Höhle, der ummauerte Garten, weibliche Symbole. Die Aufzählung lässt erkennen, worin das «gefährliche Abenteuer» des «Heros» besteht: Es geht um das «grosse Weibliche», die Göttin, die für das Göttliche in der Frau steht, das der männliche Heros für sich in Anspruch nehmen will und zugleich die «Banalitäten des Alltags» ans weibliche Geschlecht delegieren will. - Ein Individuationsweg für die Frau, der diesen Namen verdient, lässt sich aus Jungs Vorstellungen nicht ablesen, sondern eine Verletzung des Selbstverständnisses und des Selbstwertgefühls.

Individuation: Einzelwesen - unvergleichlich einzigartig

Für Jolanda Jacobi bedeutet Individuation zum «Einzelwesen» zu werden, und «insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte, unvergleichliche Einzigartigkeit verstehen, zum «eigenen Selbst» zu werden (ID-Buch 1216, 161). - In Jolanda Jacobis Verständnis kann das Konzept der Individuation auch für Frauen eine heilende Qualität haben. Implizit wird von ihr der Anspruch auf ein «Eigenes» und also auf eine selbstbestimmte Existenz der Frau bestätigt. Sie legt Frauen nicht auf eine häusliche oder sonstige Dienstbarkeit fest.

Im Besitz des Schatzes - des Goldes

Wegen «der erschreckend dynamischen Macht der Archetypen» schlägt Jung vor, im dritten Stadium der Übertragungsbehandlung «die persönliche Beziehung zum Analytiker von den unpersönlichen Faktoren» zu unterscheiden. Es könne sein, «dass der Patient als Folge der Anerkennung der unpersönlichen (archetypischen) Werte einer Kirche beitrete oder einem religiösen Glauben oder sonst etwas ähnlichem». Wenn er aber seine Erfahrung des kollektiven Unbewussten nicht in einer gegebenen religiösen Form unterbringen könne, hätten die unpersönlichen Faktoren kein Gefäss, der Patient falle in die Übertragung zurück. Im Hinblick auf dieses enorm schwierige und wichtige Problem habe er (Jung) eine besondere Technik entwickelt, um diese projizierten Werte dem Betreffenden wieder zurückzugeben. Er nennt diese vierte Stufe der Übertragungsbehandlung die «Objektivierung unpersönlicher Bilder». Sein Ziel sei, das Bewusstsein vom Objekt zu lösen, so dass der Mensch die Garantie seines Glückes oder seines Lebens nicht mehr in Faktoren ausserhalb seiner selbst suche, seien dies Personen, Ideen oder Umstände, sondern erkenne, dass alles darauf ankomme, ob er den Schatz besitze oder nicht. Sei der Besitz des Goldes erreicht, dann liege das Zentrum der Schwerkraft im Menschen und nicht mehr in einem Objekt, von dem er abhängig sei (Jung: Gesammelte Werke Bd. 18/1 S.181-182). - Es klingt zunächst sehr gut und überzeugend, das Zentrum der Schwerkraft in der eigenen Tiefenschicht zu suchen anstatt in einem Objekt. Aber was ist mit «Objektivierung unpersönlicher Bilder» bezüglich Frauen gemeint? Wie wir wissen, erging an Jungs Patientinnen die Aufforderung, Mythen und Märchen nach seinem Deutungsmuster zu bearbeiten und überhaupt Zuarbeit zugunsten seiner Werke zu leisten. Nach Renate Höfer wurde diese Methode erstmals bei Toni (=Tonia) Wolff angewendet, der Jung «einige Arbeiten» übertrug (ID-Buch . 723, 170). Dies in Zusammenhang mit seinem Buch «Wandlungen und Symbole der Libido». Das heisst, dass die Übertragungsbehandlung darin bestand, dass er die Arbeitskraft seiner Patientin für die eigene Produktion in Anspruch nahm. - Richtig und notwendig wäre jedoch, Frauen dazu zu verhelfen, das «Zentrum der Schwerkraft» und den «Besitz des Goldes» wirklich in sich selber zu suchen in der Gewissheit, dass es dort zu finden ist, anstatt ausserhalb von ihr - bei Männern.

Strahlender Held - dienstbare Magd

Hofstätters Lexikon der Psychologie erinnert, dass Jung die Symbole in Mythologie, Mystik, Alchimie und Astrologie für bildhafte Aussageweisen des der ganzen Menschheit gemeinsamen «kollektiven Unbewussten» hält, dessen Strukturelemente er als «Archetypen» bezeichne. Den Symbolfiguren: Drache, Schlange, strahlender Held, böser Geist, gute Fee, stehen auf weiblicher Seite eine dienstbare Magd und eine grausame Amazone gegenüber (ID-Buch 1353, 298). - Das heisst, dass sich aus den vermeintlich «archetypisch» verankerten Symbolen «dienstbare Magd» und «gute Fee» kein weiblicher Individuationsweg ableiten lässt. Vielmehr wird durch diese Bilder ein kränkendes und krankmachendes Frauenbild vermittelt. Jungs vermeintliche Archetypen verbergen lediglich männliche Kinderwünsche nach lebenslänglicher Versorgung durch Frauen und Mütter.

Anima/Weiblichkeit: Mit kaltem Wasser - herunter holen

Die Jungianerin Margret Ostrowski-Sachs erzählt aus Gesprächen mit Jung: Wenn eine Frau sich «viel zu hohe Aufgaben ... zu hohe Anforderungen» stelle, könne man sich fragen, vor was sie sich drücken wolle: Mit kaltem Wasser müsse man - sagt Jung - die Frau herunterholen von ihrer Verstiegenheit. Animusdenken führe immer vom Menschen weg. Die Frau müsse die Liebe entdecken, «die die Sünde zudeckt». Wir könnten ja nicht vorsätzlich sündigen, aber wir müssten liebhaben, damit wir sündigen könnten. Wo keine Liebe herrsche, da herrsche die Macht. - Die Anima sei «die dienende Magd dem Männlichen gegenüber» (Aus Gesprächen mit C.G.Jung, ID-Buch 121, 18-19). - Hier wird deutlich, dass den Frauen, die eine Jungsche Psychotherapie besuchen, vorgeschrieben wird, welche Aufgaben und Ziele sie sich setzen dürfen und in welche Richtung sie sich zu entwickeln haben. Anstatt Individuation und Selbstwerdung, erfahren Frauen Unterdrückung ihrer Wünsche nach Autonomie und Selbstbestimmung. Wem das Lieben aufgetragen ist und wem es erlaubt sein soll, zu «sündigen», geht aus dem Hinweis aufs «Animusdenken» hervor.

Anima/Weiblichkeit: Die Seele - ein Leben spendender Dämon

Nach Jungscher Meinung scheint es nur so, «als ob der Anima die Gesamtheit des unbewussten Seelenlebens zukäme». Dies sei aber nicht der Fall. Die Anima sei «nur ein Archetypus unter vielen». Sie sei «nur ein Aspekt des Unbewussten, das zeige sich schon in der Tatsache ihrer Weiblichkeit» (ID-Buch 1206, 37). - Mit anderen Worten: Die Begriffe «Anima» und «Seele» haben im Sinne von Jung nichts miteinander zu tun. Im Kapitel «Definitionen» ist zu lesen, «Seele» sei «das Lebendige im Menschen, das aus sich selbst Lebende und Leben verursachende». Seele zu haben sei das Wagnis des Lebens, denn die Seele sei ein lebenspendender Dämon, der ein elfisches Spiel unterhalb und oberhalb der menschlichen Existenz spiele (ID-Buch 1206, 36). - Was der Sinn der Trennung von «Anima» und «Seele» bedeutet, geht uns erst auf, weil Jung zwar dem Manne eine solche umfassende Seele zuspricht, nicht aber der Frau. Dank dieser Seele sei der Mann in der Lage, seine Seele selber zu «befruchten» und ein «Kind» in Form eines Werkes hervorzubringen, nicht aber die Frau (ID-Buch 1207, 104). - Mit anderen Worten: Der Frau wird von Jung eine Seele im ursprünglichen Vollsinn des Wortes abgesprochen, das heisst, dass ihr auch die psychische Doppelgeschlechtlichkeit abgesprochen wird. Dadurch wird die Frau im theoretischen Konzept ausserstande gesetzt, ein Kind in Form eines Werkes hervorzubringen. Wir haben es also mit einem Konzept zu tun, das Frauen krank macht. In der heutigen Zeit zielt das Konzept darauf ab, die gesamte weibliche Bevölkerung einzuschüchtern und sie daran zu erinnern, dass ihr wahrer Platz anderswo, nämlich zu Hause sei. Daher werden Frauen in leitenden Positionen noch heute (2008) als Eindringling wahrgenommen und abgewertet, wie Bundesrätin Micheline Calmy-Rey ernüchtert feststellt. Indem man Frauen in leitenden Funktionen abwerte, ihnen wenig schmeichelhafte Spitznamen anhänge, ihre Leistungen herunter spiele, ihre Erfolge anzweifle und sie als grausame Ungeheuer darstelle, schrecke man potentielle Kandidatinnen ab - all jene allzu raren Frauen, die den Schritt in dieses Minenfeld wagen würden. Die Bundesrätin fordert sehr richtig, dass wir dieser Strategie ein anderes Bild von Führungsverantwortung gegenüberstellen müssen (Calmy-Rey, in ID-Buch 1445, Seite 22-23). - Wir Fachfrauen der Psychologie sind also gefordert und aufgefordert, Einfluss zu nehmen, die krank machenden und unterdrückenden Theorien des eigenen Fachbereichs zu eliminieren und ausser Kraft zu setzen.

Anima/Weiblichkeit: Lieben - oder Bedeutendes leisten

Frauen, die aus Liebe zu einer Sache Bedeutendes leisten, sind nach Jung höchst selten, weil das ihrer Natur nicht entspreche. Die Liebe zu einer Sache sei eine männliches Vorrecht (Prärogative). Dagegen könnten Frauen aus Liebe zu einem Mann alles tun. Wenn Frauen einen männlichen Beruf ergreifen und in männlicher Weise studieren, täten sie etwas, das ihrer weiblichen Natur zum mindesten nicht ganz liege, wenn nicht geradezu schädlich sei. Es lag dem Begründer der Analytischen Psychologie fern, Frauen zu Studium und Berufsarbeit zu ermuntern. Vielmehr lag ihm daran, sie zu «Liebe» und Dienstbarkeit am Manne zu verpflichten. - Noch immer werden Frauen, die eine klassische Jungsche Psychotherapie besuchen, daran gehindert, ihr Sachinteresse und ihre volle Denkfähigkeit zu entwickeln. Nach wie vor besteht sozusagen ein Denkverbot für Frauen.

Anima/Weiblichkeit: Studierende Frauen

Frauen, die sich bei ihrer Argumentation auf ihre Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe beriefen, wurden von Jung lächerlich gemacht. Studierenden Frauen gehe es mit Vorliebe um die «Macht der Wahrheit oder der Gerechtigkeit oder anderer '-heiten' und '-keiten'». Ebenso fand er die Hoffnung auf Weltfrieden, Gerechtigkeit oder Menschenrechte, lächerlich. Die Welt sei ein «Schlachtfeld» und werde es immer sein, «und wäre dies nicht der Fall, so würde das Dasein bald ein Ende nehmen» (Ursula Baumgardt, in ID-Buch 66, 51). Das heisst, dass Jung es für richtig hielt, dass die Welt ein Schlachtfeld bleibt. Ein solches fürchterliches Menschenbild wirkt sich sowohl für Frauen als auch für Männer verheerend und schädigend aus.

Anima/Weiblichkeit: Hierarchie in der Animus/Anima-Theorie

Schliesslich stellen wir irritiert fest, dass C.G.Jung die «Individuation» für das weibliche Geschlecht nicht vorgesehen hat. Das vermeintlich für beide Geschlechter vorgesehene Konzept der Individuation wird von der Animus/Anima-Theorie überlagert, das eine grundsätzliche Hierarchie zwischen den Geschlechtern vorschreibt und der Frau eine Seele im ursprünglichen Wortsinn abspricht. Damit wird die Individuation für Frauen in der Theorie unerreichbar. Das hierarchische Menschenbild bildet jedoch noch immer die ideologische Stütze zur Aufrechterhaltung patriarchaler Männerherrlichkeit und weiblicher Dienstbarkeit. Erst wenn es uns gelingt, dieses Konzept ausser Kraft zu setzen, werden weibliche Menschen in einer tiefenpsychologischen Psychotherapie Heilung finden, anstatt neuen Behinderungen ausgesetzt zu werden.

Weiblichkeit: Zwiespältigkeit der Weiblichkeitsentwürfe

Die Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser stellt in Freuds Weiblichkeitsentwurf ebenfalls eine Zwiespältigkeit und Doppelbödigkeit fest. Dies, weil er auf zwei sich widersprechenden Ansätzen aufbaut, ohne dass dieser Sachverhalt bisher reflektiert worden wäre. Auf der einen Seite gehe die Psa. erklärterweise von der bisexuellen Veranlagung beider Geschlechter aus, gleichzeitig fliessen patriarchale Vorstellungen von der Geschlechterpolarität überall ein. Nach unbestrittener psychoanalytischer Lehrmeinung gelte Individuation als zentrale Entwicklungsaufgabe für beide Geschlechter. Der weibliche Ödipuskomplex werde dabei zu einer Theorie der Individuation umfunktioniert, ohne dass die notwendige Auseinandersetzung mit seinen ursprünglich ganz anders lautenden Prämissen stattgefunden hätte. Ins neue Individuationsmodell werde meist unverändert Freuds Terminologie übernommen; es sei weiter vom Kastrationskomplex des Mädchens, Objektwechsel, Penisneid, phallische Phase die Rede und zwar auch dort, wo die Gültigkeit dieser Begriffswelt für die Beschreibung des weiblichen Erlebens erst noch sorgfältig zu überprüfen wäre. Es handle sich also um ein Individuationsmodell weiblicher Entwicklung, konzeptualisiert in der Sprache des Patriarchats. Hier liege der Grund für die Zwiespältigkeit und Doppelbödigkeit, die solchen Modellbildungen immer wieder anhaften (ID-Buch 887,6). - Diese Doppelbödigkeit in der Theorie stellt auch heute noch eine Behinderung für die Heilungs-Chancen von Frauen dar, die eine Psychoanalyse besuchen. - - Auch dem Leiter des Berliner Junginstituts (Hans Dieckmann) geht es darum, die Jungsche Weiblichkeitstheorie ohne grösseres Aufsehen in die Versenkung zu bringen. Er sagt, es stimme zwar, dass C.G.Jung bis in sein hohes Alter niemals zu einer wirklich emanzipatorischen Veränderung seines Frauenbildes bereit gewesen sei, wie Ursula Baumgardt in ihrem Buch: König Drosselbart und C.G.Jungs Frauenbild (ID-Buch 1455) festgestellt habe. Er halte auch ihre Kritik an Jungs Animus-Konzept für richtig und notwendig. Aber der Forderung der Autorin, die Begriffe von Anima und Animus fallen zu lassen und auf sie zu verzichten, könne er nicht folgen. Dieckmanns Vorschlag ist, diese Begriffe mit anderen Inhalten zu füllen (siehe Vorwort zu ID-Buch 1455, 8-9). Das Prinzip der Polarität bestehe ja weiter, und wir könnten den Verschiedenheiten von Mann und Frau nicht ausweichen. Mit anderen Worten: Es geht auch dem Berliner Institutsleiter Dieckmann vor allem darum, grundsätzliche Korrekturen und aufwendige Revisionsprozesse vom Jung-Institut abzuwenden.