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Sinn und Zweck des Traumlabors

Elisabeth Camenzind

Während des dreijährigen Pilotprojekts für «Feministisch reflektierte Psychotherapie», das vom iff-forum für Frauen (iff-forum.ch) organisiert war, wurde auch ein Seminar zur Einführung in die Symboldeutung durchgeführt. Dafür hatte ich aus drei Traumserien von Klientinnen besonders prägnante Traumsequenzen zusammen gestellt, zu denen die Studierenden ihre spontanen Gedanken und Assoziationen äussern sollten, ohne kontextuelle Angaben erhalten zu haben, ausser Alter und Geschlecht. Auf diese Weise kamen ungeahnt vielseitige Interpretationen zusammen. Faszinierend war die Selbstverständlichkeit, mit der die Frauen patriarchale Deutungsmuster hinter sich liessen, ihre eigenen Assoziationen einbrachten und dadurch die Optik um ein Vielfaches erweiterten. Diese Erfahrung führte später zur Idee, ein Schulungs-Instrument zu schaffen, mit dem die Arbeit mit Traumsymbolik in grösseren Gruppen möglich wäre. Dies wiederum erforderte die Verwendung eines speziellen Arbeitsinstruments - eine Datenbank.

Traumsymbole aus feministischer Sicht zu betrachten und zu deuten hat eine längere Vorgeschichte. Dieser Sichtweise gingen viele Jahre voraus, bis die Suche nach realitätsnäheren  Menschenbildern erfolgreich werden konnte, als Ausbildung und Lehrbücher zu bieten hatten. Viele dieser Lehren boten ein deprimierendes Bild über die Art, wie männliche Gelehrte über Frauen denken und uns Frauen belehren, was wir zu tun und zu lassen haben. In meiner Ausbildung zur Psychologin und  in der eigenen Psychotherapie musste ich bald erfahren, dass auch die Tiefenpsychologie im Fahrwasser patriarchaler Mythen und Lehren schwimmt, welche Frauen in den zweiten Rang schiebt und dem männlichen Geschlecht unterordnet. Zweifel an dieser Sicht durften nicht geäussert, das hierarchische Geschlechterverhältnis nicht angetastet werden. Es war ein Glück, später bei Barbara Walker anders geartete Symboldeutungen aus vorpatriarchaler Zeit zu finden, die das hohe geistig/seelische Potential der Frau beschreiben und Frauen sogar als das primäre Geschlecht auffassten. Zum Beispiel hat Barbara Walker1 eine umfangreiche Sammlung an Symboldeutungen aus Literatur und Forschung aus der ganzen Welt zusammengetragen und in zwei lexikalischen Werken2 und später in einem weiteren Buch3 niedergelegt. Trotzdem ist es für die Autorin (Barbara Walker) klar, dass auch urzeitliche Symbol- und Weltdeutungen nicht unbesehen in die heutige Zeit übertragen werden können.  Leider konnten Frauen im Jahre 1958 von diesem immensen Wissen noch nicht profitieren. Immerhin war das Aufsehen erregende Buch von Iris von Roten: Frauen im Laufgitter ( der schweizerischen Simone de Beauvoir) auf den Markt gekommen, in welchem zu lesen war, was eine junge Frau zu dieser Zeit beschäftigen musste4. Infolge einer überwältigenden Nachfrage war sogleich eine zweite Auflage notwendig geworden und in Vorbereitung. Leider wurde dieses Vorhaben aber von patriarchalen Männern gestoppt und zudem vom ängstlich gewordenen Frauenbund fallen gelassen. Nachdem jedoch die Verlegerin und Autorin Yvonne-Denise Köchli  im Jahre 1990 eine eindrückliche Biografie über das Leben der Iris von Roten veröffentlichte, kam es zu einer Neuauflage des verfemten Buches (Frauen im Laufgitter) und wurde von Frauen begeistert begrüsst5.

Anfänglich schien es, die Tiefenpsychologie Jungscher Prägung sei eine psychologische Richtung, die das weibliche Geschlecht in ihren menschlichen Fähigkeiten und Qualitäten anerkennt und die Frau in ihrem Bestreben, ihre denkerischen und intellektuellen Begabungen zu entwickeln, unterstützt. Es schien, das Konzept der Individuation würde auch der Frau gestatten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Zur Selbstwerdung der Frau schien zu gehören, dass sie die  «Treue zum eigenen Weg und zum eigenen Schicksal» über die vom Patriarchat geforderte Treue zum Mann stellen solle. Dies hiesse, die seelischen Prozesse und das Leben in den Träumen ernst zu nehmen sowie weisheitliche Aspekte des Seelenlebens zu entdecken und zu entwickeln - auch für uns Frauen. Diese Hoffnung wurde allerdings enttäuscht. Im Konzept der Analytischen Psychologie ist die Entwicklung zu einer eigenständigen und vollwertigen Persönlichkeit für Frauen weder vorgesehen noch erwünscht. Dasselbe gilt auch für das in Zürich gegründete Szondi-Institut und ebenso für das Freud-Institut, wie anhand der Kritik von der renommierten Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser gesehen werden kann6.

Wichtige Impulse kamen aus der Begegnung mit der Frauenbewegung (1972), der es gelungen war, den  Erfahrungen und Interessen von Frauen öffentliches Gehör zu verschaffen. Frauen begannen einander zuzuhören und bekamen innerhalb ihres eigenen Geschlechts Resonanzboden für ihr Denken, Fühlen und Schaffen. Und es wurden fruchtbare Auseinandersetzungen zwischen Frauen möglich, die im männerdominierten gesellschaftlichen Raum undenkbar waren. Endlich gab es authentische Informationen, Erzählungen und Geschichte(n) über Frauenleben, und eine feministische Wissenschaft konnte begründet werden. Desgleichen wurde deutlich, dass Frauenexistenzen, die am Patriarchat tragisch gescheitert waren, für uns Nachgeborene ein hohes Lernpotenzial darstellen. Ohne Frauenbewegung und feministische Theoriebildung würden Frauen, die aus der Frauenrolle ausbrechen, heute noch ins berufliche und soziale Abseits geraten oder in Depression und «Verrücktheit» enden. - Viele Beispiele von solcherart verrückt gewordenen Frauen wurden in zwei Publikationen von Luise Pusch/ Sybille Duda7 beschrieben: Wahnsinnsfrauen erster Band, 1992, und Wahnsinnsfrauen zweiter Band8, 1996

Traumsymbole anhand von Traumserien zu deuten, unterscheidet sich wesentlich von der Deutung einzelner Träume. In der Psychotherapie mit Frauen fiel mir auf, dass deren Verhältnis zur eigenen inneren und  äusseren Welt innerhalb einer Traumserie ganz anders und eindrücklicher zum Ausdruck kommt als im Einzeltraum. Schon eine Traumserie von zehn bis 15 Träumen vermag ein ziemlich aufschlussreiches Bild über Erfahrungen, Sorgen und Freuden des Alltags in Familie, sozialer Umgebung, Beruf und Weltereignissen zu vermitteln. Ebenso lassen sich subtile Unterdrückung oder Diskriminierung in Ehe- und Liebesbeziehungen, die aus «Liebe» nicht wahrgenommen werden dürfen, deutlicher erkennen.

Unsere Traumserie wurde infolge eines umfangreichen Traum- und Symbol-Materials in einer eigens dafür ausgedachten Art und Weise strukturiert. Die über tausend Einzelsymbole sind in elf Kategorien eingeteilt, und wiederholt auftretende Symbole sind zu Symbolgruppen zusammengefasst. Der Vorteil dieser Struktur ist, dass Prozesse von Veränderung und Entwicklung auch bei grossen Datenmengen auf übersichtlichem Raum beobachte, interpretiert und verstanden werden können. Und dies ungeachtet, ob die Träume kurz hintereinander stattfanden oder im Laufe vieler Jahre.

Speziell und ungewohnt ist, dass durchgehend Frauen primär zu Wort kommen. Gemeint sind Frauen und Fachfrauen, die sich zu Traum- und Symboldeutung geäussert haben und/oder versucht haben, patriarchalen Lehrmeinungen durch Umdeutung eine frauenfreundliche Wendung zu geben sowie Frauen in ihrem Anspruch auf Autonomie und Selbstbestimmung zu unterstützen.

Der Theorieteil fällt durch eine doppelgestaltige Bezeichnung der Bereiche auf. Zum Beispiel: Symbol und Menschenbild, Körper und Leib, Denken und Fühlen, Alltag und Wirtschaft, Werte und Begehren. Diese Doppelgestalt wurde gewählt, um von Anfang an  den Spannungsbogen  zwischen den Bereichen sichtbar und fühlbar zu machen. Dass an die erste Stelle die Symbolkategorie: Körper und Leib gesetzt wurde, erklärt sich daraus, weil die gesellschaftliche Stellung der Frau in historischer Hinsicht stets entlang ihres Körpers abgehandelt wurde, und weil dieser Prozess, obgleich in neuen Formen, heute weiter läuft (Kino, Werbung, Mode, psychologische Theorien in neuer Einkleidung und Begrifflichkeit).

Im ganzen Traumlabor geht es immer und in erster Linie darum, die denkerischen Leistungen, das Erleben sowie das schöpferische Schaffen von Frauen hervorzuheben. Ferner, das in den kritischen Stellungnahmen von Frauen enthaltene therapeutische und politische Potential aufzuspüren und darzustellen.

Quellen

1) Barbara Walker: Das geheime Wissen der Frauen. Ein Lexikon von Barbara G. Walker, 1995

2) Barbara Walker: Die geheimen Symbole der Frauen. Lexikon der weiblichen Spiritualität, 1997

3) Barbara Walker: Die Weise Alte. Kulturgeschichte, Symbolik, Archetypus, 2001

4) Iris von Roten: Frauen im Laufgitter, 1958 und 1991

5) Yvonne Denise Köchli: Eine Frau kommt zu früh, 1990

6) Christa Rohde-Dachser: Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse, 1991 und 1992

7) Luise Pusch / Sybille Duda: Wahnsinnsfrauen, Band 1, 1992

8) Luise Pusch / Sybille Duda: Wahnsinnsfrauen, Band 2, 1996