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Umdeutungsversuche von Frauen – während der Theoriebildung der Analytischen Psychologie

 

Umdeutung zugunsten weiblicher Subjektwerdung

Die Psychotherapeutin Elisabeth Camenzind  stellt fest, dass Jungianerinnen schon während der Entstehung der Begrifflichkeit der Analytischen Psychologie Umdeutungen vorgenommen haben zugunsten weiblicher Subjektwerdung, Individuation und Identität. Die Jungianerinnen setzten den Lehren über Archetypen, Schatten, Selbst, Animus etc. ihre eigene, autonome und differenzierte Sichtweise entgegen. Es wird beispielsweise argumentiert, dass Frauen, die Studium und Erwerbsarbeit dem Hausfrauendasein vorziehen, nicht in jedem Fall «unweiblich» oder «animusbesessen» sind.

Anima als weise lichte Führerin des Mannes

Jolande Jacobi, die als die eigentliche Theoretikerin der Analytischen Psychologie weltweit Anerkennung geniesst, setzt der Auffassung über den Animus  entgegen: Wie die Anima nicht allein der «Schlange», der im Dunkel des Unbewussten auf Verführung lauernden Triebgefahr gestaltlichen Ausdruck gibt, sondern auch der weisen, lichten Führerin des Mannes, die ihn nicht hinab- sondern hinan zieht“, so sei „auch der Animus nicht allein der jeder Logik abholde Meinungsteufel, sondern auch ein zeugendes, schöpferisches Wesen, allerdings nicht in Form männlichen Schaffens, sondern als zeugendes Wort, als «logos spermatikos». Und wie der Mann sein Werk als ein abgerundetes Geschöpf aus seinem inneren «Weiblichen» gebäre und die Anima dabei zu seiner inspirierenden Muse werde, so bringe «das innere Männliche der Frau schöpferische Keime hervor, die das Weibliche des Mannes zu befruchten» vermögen. Jolanda Jacobi fügt dem Zitat von Jung, das sie seinem Buch: «Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewussten» entnimmt, begeistert hinzu, dass sich auf diese Weise die zwei Geschlechter ergänzen in einer «glücklichen, naturgegebenen Wechselwirkung» (Jolande Jacobi3, S.183-184). Später wird Jakobi die Sache allerdings anders sehen und beurteilen. Verständlich wird Jacobis damalige Begeisterung aus den Umständen der Entstehung im Jahre 1939: Jacobi hatte als verfolgte Jüdin Aufnahme in der Schweiz gefunden, ebenso im Junginstitut. Und sie meinte, Jungs Theorie über die Individuation gelte für alle Frauen und also auch für sie. Mit ihren Publikationen war sie zur eigentlichen Theoretikerin der Psychologie von C.G. Jung aufgestiegen, musste später aber enttäuscht feststellen, dass sie C.G. Jung sowie die Intention der Jungschen Schule falsch eingeschätzt hatte (Jakobi war zum Beispiel bis zuletzt nicht in den Psychologischen Club aufgenommen worden4+2. Und dies vermutlich infolge ihrer zunehmend theoretischen Eigenständigkeit.

Keineswegs ein Mangel an Weiblichkeit

Marie Louise von Franz konterte gegenüber Jung: Der Animus der Frau müsse keineswegs mit einem Mangel an «Weiblichkeit» einhergehen und begründet dies mit dem Leben der heiligen Perpetua. Die heilige Perpetua habe durchaus ein weibliches Leben als Frau und Mutter gelebt. Perpetua habe «Mut, Entschlossenheit, unerbittliches Einstehen für eine Überzeugung bis zum Selbstopfer» gezeigt. Auf diese Situation weise ein archetypischer Traum von Perpetua. Ihr ausserordentliches Schicksal sei also nicht auf eine masochistische Haltung zurückzuführen. Eine «aus dem Unbewussten aufgetauchte leidenschaftliche Überzeugung, eine geistige Ergriffenheit und Emotion", habe von Perpetua Besitz ergriffen und sie «schicksalhaft in die kollektive Problematik ihrer Zeit» hineingerissen, an der «ihre individuelle Existenz zu Grunde gehen sollte»10 (S. 421-422). - Diese Interpretation von Marie Louise von Franz ist das Resultat einer eigenständigen Sichtweise und zeugt zugleich von Mut. Entspricht die Interpretation doch in keiner Weise dem tiefenpsychologischen Deutungsmuster einer vermeintlich «masochistisch» veranlagten  oder Animus-besessenen Weiblichkeit. Perpetua habe auf eine äussere und historisch bedingte Situation ganz eigenständig reagiert und gehandelt, und dies aufgrund ihrer Verbundenheit mit ihren eigenen seelischen Tiefenschichten. Sie sei aktiv Handelnde und keineswegs eine sich masochistisch Unterwerfende und Leidenssüchtige. Allerdings verzichtet von Franz wohlweislich auf aktuelle Beispiele der zu dieser Zeit studierenden und beruflich tätigen Frauen. Dies wäre wohl zu gefährlich gewesen für sie  und andere psychotherapeutisch tätige Jungianerinnen. Sie hatten nämlich den Bannstrahl von Jung und den Ausschluss vom Jung-Institut zu befürchten.

Der Schatten als das Nichtgelebte

Auch Emma Jung-Rauschenbach, Jungs Ehefrau, äusserte sich umdeutend. Den «Schatten»  interpretierte sie als das «Nichtgelebte», das auch das Bessere beinhalten und wollen könne: «In uns macht sich zeitweise ein uns fremder Wille bemerkbar, der das Gegenteil tut, was wir selbst wollen oder gutheissen». Es sei nicht notwendigerweise das Böse, das dieser andere Wille tue, sondern er könne auch das Bessere wollen und werde dann als führendes oder inspirierendes höheres Wesen empfunden, als Schutzgeist oder Genius im Sinne des sokratischen Daimon. Oft sei es auch nicht etwas gut oder böse zu Nennendes, sondern einfach ein überraschend sich geltend machendes, vom eigenen Wollen und Meinen verschiedenes Anderes, das den Eindruck erwecke, als sei man von fremden Geistern beseelt oder besessen»7 (S.10). - Schade, dass Emma Jung kein Beispiel aus dem eigenen Leben anführt, bei dem sie ein inspirierendes Wesen in sich selber gespürt und festgestellt hat.

Der Schatten gefährlicher Personen

Für Liliane Frey-Rohn ist der Schatten ein natürlicher Begleiter, der dem Menschen auf der Ferse folgt und der als dunkle Präsenz stets mehr oder weniger fühlbar ist. Den eigenen Schatten bei sich zu haben sei daher eine grosse Kostbarkeit, und seinen Schatten zu verlieren äusserst gefährlich, wie Chamisso (Peter Schlehmils wundersame Geschichte) eindrücklich beschrieben habe. Bei den Primitiven gelte der Schatten als eine Kostbarkeit, die man zu beschützen habe. Werde nämlich der Schatten verletzt, so bedeute dies auch eine Verletzung des eigenen Lebens. In den mannigfachsten Weisen komme die Auffassung einer mystischen Verbindung zwischen Mensch und Schatten zum Ausdruck: Wer über den Schatten eines anderen schreite, überwinde damit auch den Träger des Schattens. Umgekehrt könne es auch todbringend sein, den Schatten einer mächtigen Person zu berühren, weshalb der Primitive den Schatten von gefährlichen Personen meide. Es sei der Schatten, der die Kontinuität unserer Seele mit den Ahnengeistern gewährleiste10 (S. 178-181). - Bemerkenswert ist hier zweierlei: Einerseits bemüht sich die Jungianerin, den «Schatten» im Jungschen Sinn als etwas Natürliches und sogar Kostbares zu verstehen, anderseits will sie klar machen, dass der Schatten so harmlos doch nicht sei. Sie redet gewissermassen von ihrer eigenen Erfahrung, sie habe das Naturhafte weder in sich selber noch beim Grossteil anderer Menschen als etwas absolut Böses gefunden, das angeblich in uns Menschen drin steckt. Auf der anderen Seite erkennt sie, dass es Menschen gibt, die tatsächlich «böse» seien und zwar in einem Ausmass, dass man sie, wenn sie mit «Macht» ausgestattet sind, besser meiden solle. Es könnte sein, dass hier eine Erfahrung mit C.G.Jung mitschwingt, denn die «Fama» wusste von einem «brutalen» C.G. Jung nebst einem «heiligen» Jung5 (S. 53-81).

Möglichkeiten im Schattendasein

Auch Jolande Jacobi erweitert den Schattenbegriff: Der Schatten beinhalte nicht nur das «persönliche Dunkel» - das Minderwertige, denn die Inhalte, die nicht zugelassen oder verworfen oder verdrängt werden, könnten auch positiven Charakter haben. Als «alter-ego» könne der Schatten durch eine positive Figur dargestellt werden, wenn das Individuum im bewussten äusseren Leben gleichsam unter seinem Niveau, unter den ihm gegebenen Möglichkeiten lebe, seine positiven Seiten ein dunkles Schattendasein führen3 (S.168). - Bei dieser Aussage denkt Jacobi vermutlich an weibliche Individuen, denn weibliche Menschen lebten zu ihrer Zeit unter ihrem Niveau (zwangsweise), und ihre Denkfähigkeit führte in der Regel ein dunkles Schattendasein. Wurden doch Frauen durch die Lehre von "Animus und Anima" einem Denkverbot unterworfen und genötigt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen.

Verantwortung für den projizierten Schatten

Die Bewusstmachung des Schattens ist nach Liliane Frey-Rohn12 ein psychologisches Problem, dem höchste moralische Bedeutung zukommt, weil der Einzelne auch über das, was er projiziert, Rechenschaft geben müsse. Ohne eine solche Bewusstmachung lasse sich weder eine positive Beziehung zu den Menschen noch zum Schöpferischen in der Seele herstellen, und auch keine individuelle Beziehung zum Göttlichen12(S.184). - Liliane Frey-Rohn betont hier vehement die moralische Verantwortung, die das Individuum für den projizierten Schatten trägt. Damit widersetzt sie sich einerseits der damals üblichen Vorstellung, dass Genialität und ein abgründig Böses notwendigerweise zusammengehören. Sie widersetzte sich zugleich der Auffassung von C.G.Jung, der ebenfalls der alten Männervorstellung frönte, dass Genialität untrennbar mit einem grossen (bösen) Schatten verbunden sei. Jung ergänzte: grosse historische Figuren müssten ziemlich unangenehme Menschen gewesen sein, mit Hinweis auf (grosse) biblische Gestalten, zum Beispiel der biblische Moses6.

Mitleidlose Grausamkeit der Natur

Dass es «normaler und richtiger» sei, das «Prinzip des Bösen zu fürchten», erklärt Marie Louise von Franz anhand des russischen Märchens von der «schönen Wasilissa», die gut daran getan habe, der Waldhexe Babà Yagà, die genauer besehen eine grosse Naturgöttin sei, eine bestimmte Frage nicht zu stellen. Die Waldhexe lobt: «Du hast gut daran getan, danach zu fragen, was du draussen gesehen hast, und nicht auch, was du drinnen gesehen hast». Sie habe es nicht gern, wenn man den Unrat aus der Hütte trage. Der «Unrat» besteht aus Totenschädeln und Knochen «wie die Hallen der germanischen Todesgöttin Hel». Von Franz verweist auf eine «oft so undurchsichtige, mitleidlose Grausamkeit der Natur»: Dort habe die Göttin ein «dunkles Geheimnis», das sie vor den Menschen verberge, woraus sie den Schluss zieht, «man soll offenbar einen besonders finsteren Schatten der Natur lieber nicht allzu nahe beleuchten, sondern sollte ehrfürchtig schaudernd mit verhülltem Haupte daran vorbeigehen, wie es die antiken Menschen vor ihren chthonischen Göttern taten»10. - Die Zuweisung eines vermeintlich Bösen an die «Natur» war zu dieser Zeit zwar üblich, aber eigentlich unsinnig, weil die Natur ja keineswegs «böse» ist im Sinne einer bösartigen Person. Leider vermag von Franz nicht zu erkennen, dass die Verunglimpfung einer Naturgöttin nichts anderes ist als ein patriarchaler Versuch, Frau und Natur gleichzusetzen und damit Weiblichkeit abzuwerten. Im Unterschied dazu sollten «Totenschädel und Knochen» nach frühzeitlicher Auffassung daran erinnern, dass wir sterblich sind und dem ewigen Werden und Vergehen unterworfen, wie alle anderen Lebewesen. Diese Lektion sollte die «schöne Wasilissa» lernen, damit sie ihr Leben entsprechend planen und einrichten kann.

Sichzurückziehen auf das Wesentliche

Eine am Märchenmaterial gewonnene Erkenntnis, wie dem Bösen begegnet werden könne, ist nach Marie Louise von Franz das «Sichzurückziehen auf das Wesentliche, das Festhalten am Prinzip der Individuation im Zentrum der eigenen Seele». Wir müssten «an jenem schöpferischen inneren Keimpunkt» festhalten, wo «die fortschreitende Menschwerdungs-Tendenz der hellen und dunklen Gottesmächte ihre Verwirklichung» anstrebe10 (S.125-126). - Von Franz gibt hier eine kluge Empfehlung für den Widerstand gegen ein «Böses», das wir nicht beeinflussen können: Wir sollen uns auf das «Eigene» der seelischen Tiefenschichten zurückziehen und uns fragen, was mit unserem eigenen Leben gemeint ist und in welcher Richtung wir uns entwickeln wollen. Das heisst, dass von Franz den Individuationsweg - in seinem ursprünglichen Sinn - wie selbstverständlich für Frauen in Anspruch nimmt, auch für sich selber als Frau.

Verhalten bei schwierigem Problem

Nach Verena Kast ist es manchmal «besser, zwar zu wissen, dass man ein schwieriges Problem mit sich herumschleppt, sich aber auch zugesteht, dass man sich noch nicht damit beschäftigen» kann8 (S.159). - Diese sehr wichtige Einsicht erinnert mich an ein zirka 14-jähriges Mädchen, das sexuelle Übergriffe von ihrem Vater erlebt hat, dies jedoch auf einen Fremden abschob. Dies tat das Mädchen, weil ihr die zweite Ehefrau ihres Vaters ein wirkliches Heim bot, das es nicht gefährden wollte. In diesem Fall schien es mir richtig, die Klärung dieser Frage in den Hintergrund zu schieben bzw. dem Mädchen freizustellen, ob es sich diesem Problem jetzt oder erst in der Ablösungsphase stellen wolle.

Wo der Held dem Weiblichen dienen muss

Interessant ist der Hinweis von Marie Louise von Franz, wo der Held dem Weiblichen «dienen» muss. Sie schreibt sichtlich lustvoll: Die «Teufelstochter» übernehme die Führung, und der junge Mann müsse ihre Anweisungen befolgen10 (S.116-119). Dies im Unterschied zu C.G.Jung, der das Weibliche grundsätzlich als Dienstmagd am Männlichen verstanden wissen wollte.

Warnung vor Identifikation mit Angreifer

Bezüglich des Märchens «Blaubart» warnt die Jungianerin Verena Kast: Durch die Verbindung mit einer Blaubart-Figur gewinne die Frau durch die Identifikation mit seiner Macht zunächst noch an Bedeutung. Ihre eigene Macht sei jedoch in Bezug auf ihr wahres Selbst kleiner geworden. Sie sei «nicht mehr bei sich». Sie habe ihr berechtigtes misstrauisches Gefühl zum Schweigen gebracht und sich selber verraten. Die Frau verliere also an wirklicher Macht, die man natürlicherweise habe, wenn man mit sich selbst im Lot sei. Die Identifikation mit dem Angreifer gebe eine vermeintliche Grösse. Eine solche Identifikation mit dem Angreifer, die eine bekannte Abwehr- oder Bewältigungsstrategie darstellt, erkennt Kast auch im folgenden Fall: «Ängstigen wir uns vor jemandem, dann können wir seinen Stand- und Gesichtspunkt übernehmen, uns selber dabei verraten und dabei vorübergehend unser Selbstwertgefühl stabilisieren, weil wir ja vermeintlich mit dem Starken einig gehen». Somit seien wir identifiziert mit dem Angreifer. Dazu bringt sie ein unerwartetes, aber treffendes Beispiel: «Sie sind in einer Männerrunde die einzige Frau. Die Männer sagen scheinbar anerkennend: «Gut, dass wir dich da haben, denn mit den Weibern kann man ja sonst doch nichts machen.» Kast stellt kritisch fest, wenn die Frau diesen Satz stehen lasse oder sich gar für das Kompliment bedanke, dann identifiziere sie sich mit den Angreifern»8 (S.24). - Hier urteilt Verena Kast sehr schön im feministisch reflektierenden Sinn, obgleich sie dies wahrscheinlich anders bezeichnen würde.

Entscheidendstes Erlebnis im Alleinsein

Über das «Selbst» schreibt Marie-Louise von Franz, das Alleinsein mit dem «Selbst» sei das «höchste und entscheidendste Erlebnis des Menschen», denn es müsse «einer schon allein sein, um zu erfahren, was ihn trägt, wenn er sich nicht mehr tragen kann». Einzig diese Erfahrung gebe ihm «eine unzerstörbare Grundlage»9 (S. 270). - Zwar verwendet von Franz die damals übliche männliche Sprachform. Trotzdem wird deutlich, dass hier eine - wenn auch nicht explizit genannte - Umdeutung vorliegt, indem der Begriff «Mensch» ganz selbstverständlich für das weibliche Menschsein in Anspruch genommen wird. Mit der Aussage, das Alleinsein mit dem Selbst sei das höchste und entscheidendste Erlebnis, meint Marie-Louise von Franz das Alleinsein mit ihrer seelischen Tiefenschicht, die sie als eine doppelgeschlechtliche und autonome Grösse wahrnimmt - auch in ihrer Seele als Frau.

Sinngebung und Weltanschauungsformung

Für Jolande Jacobi ist die Selbstwerdung vielleicht sogar in erster Linie «ein Weg zur Sinngebung, zur Charakterbildung und damit zu einer Weltanschauungs-Formung». Denn «höheres Bewusstsein» bedinge «Weltanschauung». Jedes «Bewusstsein von Gründen und Absichten» sei «keimende Weltanschauung». Jeder «Zuwachs an Erfahrung und Erkenntnis» bedeute einen «weiteren Schritt in der Entwicklung der Weltanschauung». Und «mit dem Bilde, das der denkende Mensch von der Welt» schaffe, verändere er sich selber auch3 (S. 201). - Jolanda Jacobi versteht sich also als eine schöpferisch Schaffende, als eine ein eigenes Weltbild schaffende Frau, obgleich C.G.Jung den Frauen ein solches eigenständiges Schaffen nicht zugesteht, sondern abspricht. Aber Jacobi lässt sich davon nicht beirren: Durch diese Art des Schaffens verändere sich auch die Innenwelt und führe zur Individuation - gemeint im ursprünglichen Vollsinn des Wortes: Individuation.

Das eigene Neugewordene – das Kind

Für Verena Kast steht das «Kind» unter anderem «für das eigene Neugewordene, das einem das Allerliebste» sei und das man deutlich mit dem eigenen «Selbst» in Verbindung bringe8 (S. 181). - Auffallend ist, dass das «Allerliebste» hier nicht - wie üblich - für eine heterosexuelle Liebesbeziehung steht, sondern für das «Eigene» einer weiblichen Persönlichkeit. Das Kind steht hier auch nicht für den Wunsch nach einem leiblichen Kind, sondern für den Wunsch nach einem eigenständigen Denken und schöpferischen Schaffen.

Eine zweite «Persönlichkeit in sich

Für Jolande Jacobi ist das Selbst eine «dem bewussten Ich übergeordnete Grösse». Es umfasse nicht nur den bewussten, sondern auch den unbewussten Teil der Psyche und sei daher sozusagen eine Persönlichkeit, die wir auch sind3 (S.195). - Auch hier ist eine Umdeutung in dem Sinne zu erkennen, dass Jolande Jacobi in sich selber eine zweite «Persönlichkeit» wahrnimmt, durch die sie zu einer umfassenden Person vervollständigt wird. Sie versteht sich nicht in der Rolle eines, dem Manne untergeordnetes und zudienendes «Weibliches», wie Jung die Rolle der Frau sehen und haben möchte.

Aufsehen erregender Reorganisierungsprozess

Zu den Theorien und Konstrukten der Psychoanalyse äusserte sich die Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser in folgender Weise: Sigmund Freuds Gesamtwerk zeichne sich dadurch aus, dass er das Geschlechterverhältnis nur an wenigen Stellen ausdrücklich expliziere. Wäre dies anders, fiele es schwerer, seine Weiblichkeitstheorie ohne grösseres Aufsehen in die Versenkung zu bringen. Der Diskurs als Ganzes wäre davon betroffen und müsste sich in einem aufwendigen Anpassungsprozess reorganisieren11 (S.33). - Leider hat ein solcher «aufwendiger Anpassungsprozess» in der Zwischenzeit nicht stattgefunden. Nirgends war bisher ein grosser, «Aufsehen» erregender Reorganisierungsprozess» zu beobachten. Noch immer ist sowohl das Freud-Institut als auch das Jung-Institut bestrebt, ihre sexistischen Grundlagen unauffällig in die «Versenkung zu bringen». Nach Rohde-Dachser ist nach wie vor erforderlich, mittels der «feministischen Wissenschaftskritik» die scheinbar geschlechtsneutralen Teile des Diskurses mit jenem «Code» zu erschliessen, den Sylvia Bovenschen die «Methode der doppelten Interpretationsanstrengung» bezeichnet habe, damit sie «auf die Ebene der Geschlechterdifferenz gehebelt» werden könne. Das bedeute, dass die Texte dann so gelesen würden, als ob ihre Prämissen geschlechtsbezogen wären, die der Autor anderswo explizit gemacht hat11 (in: Christa Rohde-Dachser: Expedition in den dunklen Kontinent, (S.33).

Quellen

1) Baumgardt, Ursula: König Drosselbart und C. G. Jungs Frauenbild. Kritische Gedanken zu Anima und Animus, 1987

2) Fölsing, Ulla: Marie Curie. Wegbereiterin einer neuen Naturwissenschaft, 1990

3) Jacobi, Jolanda: Die Psychologie von C.G.Jung, 1959

4) Jokl, Anna Maria: Essenzen, 1997

5) Jokl, Anna Maria: Die Reise nach London, 1999

6) Jung, C.G.: Antwort auf Hiob, 1952

7) Jung, Emma: Animus und Anima, 1967

8) Kast, Verena: Abschied von der Opferrolle. Das eigene Leben leben, 1998

9) Von Franz, Marie Louis: Jung C. G. - Wirken und Gestalt, 1972

10) Von Franz, Marie-Louise: Studien aus dem C.G.Jung-Institut Zürich: Das Böse, 1961

11) Rohde-Dachser, Christa: Expedition in den dunklen Kontinent, 1991

12) Frey-Rohn, Liliane: Studien aus dem C.G.Jung-Institut Zürich: Das Böse, 1961