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Werte und Begehren - Kapitel 6

Allgemeines zu Werte und Begehren:

Dieses Kapitel widme ich den Autorinnen von Werten und «Begehren», die eine besondere Bedeutung für die vorliegende Arbeit über Traumsymbolik haben. Es sind ganz unterschiedliche Werte, Begehren und Themen, die inspirieren oder faszinieren. Die Palette reicht vom Begriff des «Heiligen» und «Numinosen», zu dem sich die Psychotherapeutin Carola Meier-Seethaler äussert, über den feministischen «Kampfbegriff der Erfahrung» sowie über weibliche Mittäterschaft und Opferrolle, die von Christa Thürmer-Rohr thematisiert wurden, bis zu den DIOTIMA Philosophinnen, die den Begriff des «Von sich selber-Ausgehens» kreierten und die Vorstellung des «Materialismus der Seele» geprägt haben. Ungewohnt ist bei den DIOTIMA Philosophinnen, dass sie sich auf eine katholische «Heilige» berufen - Theresia von Avila - und dass sie auf die grosse Bedeutung der Träume hinweisen. Die Historikerin Doris Wolff wendet sich dem Wertvollen zu, das «vor den Pharaonen» in der vorpatriarchalen Welt vorhanden war, während die Philosophin Brigitte Weisshaupt an den Wert des «Vorsprachlichen und Aussersprachlichen» erinnert.

Begriff des Heiligen

Ich beginne mit Carola Meier-Seethalers «Jenseits von Gott und Göttin» (ID-Buch 1294), weil es ihr gelingt, über das «Heilige», das im Katholizismus eine grosse Rolle spielt, in einer Weise zu sprechen, die nicht nur für Menschen, die in einem anderen Bekenntnis aufgewachsen sind, verstehbar wird, sondern auch für solche, die sich von der Kirche abgewandt haben (wie ich selber), die aber trotzdem vom «Heiligen» und von «heiligen» Menschen fasziniert sind und am Begriff festhalten möchten.

Kommunion - Was uns übertrifft

Um ihren Standort kenntlich zu machen zitiert Meier-Seethaler den Dichter Umberto Eco, der von sich selber sage, er sei fest überzeugt, dass es Formen von Religiosität gebe, einen «Sinn für das Heilige, für die Grenze und Infragestellung und Erwartung, für die Kommunion mit etwas, das uns übertrifft, auch wenn wir nicht an einen personalen und vorsorgenden Gott glauben» (ID-Buch 1294,174).

Spirituelle Gemeinschaft

Nach Meier-Seethaler hat die spirituelle Gemeinschaft der «Heiligen» eine «viel breitere Basis als das christliche Erbe» und setzt auch keinen theistischen oder wie immer gearteten Gottesbegriff voraus. Eine Minimaldefinition für solche Gemeinschaft könnte lauten, sie setze sich aus allen Menschen zusammen, «denen etwas heilig ist und die willens sind, dafür einzutreten» (ID-Buch 1294, 175). - Diese Definition ist sehr schön und zukunftweisend.

Vierfache Bedeutung des Heiligen

Ebenso schön und zutreffend verweist Meier-Seethaler auf die vierfache Bedeutung des Heiligen: Das Numinose, das Mystische, das Heile und das heiligmässige Leben (ID-Buch 1294, 157).

Psychische Haltung der Ehrfurcht

Auf der Ebene des Mystischen stehe «heilig» im Sinne des lateinischen «sanctus» für den Gegenstand der Anbetung, sei es für die unsterblichen Götter oder für den einen Gott mit übermenschlichen Qualitäten und Tugenden. Ihnen seien «gewisse Orte, Zeiten und Symbole heilig und auch die PriesterInnen, die sich in den geheiligten Bezirken bewegen». Das Heilige in diesem Sinne werde vor jeglicher Profanierung und Entweihung geschützt, und wenn wir die entsprechend psychische Haltung als Ehrfurcht bezeichnen, klinge darin das uralte Erbe des Tabus an (158).

Heiliges - Heilmachendes

Das Heilige im Sinne des Heilen beinhalte Ganzheit und Gesundheit, womit der Begriff des Heilens von Krankem und Verletztem in Verbindung stehe. Dazu gehöre auch die Grussformel «Heil dir» als der Wunsch für einen unversehrten, heilen Zustand. Später, in der christlichen Theologie, konzentriere sich der Heilsgedanke auf das Seelenheil, an dem es keinen Schaden zu nehmen gelte (158).

Gegenseitige Anteilnahme

Sobald sich die Menschen nicht als vereinzelte Nomaden innerhalb einer völlig gleichgültigen Natur erlebten, vielmehr als Teil einer sich gegenseitig durchdringenden, mit Empfindsamkeit ausgestatteten Lebenswirklichkeit, befänden sie sich in einem Netz geteilter Erfahrungen, das deren tragischen Anteil zwar weder ausschliessen noch sinnvoll einordnen könne, das aber Fixpunkte für die gegenseitige Anteilnahme und Hilfestellung biete (159).

Ursprüngliches Erleben des Numinosen

Immerhin gebe es einen Lebensbereich, in welchem auch der moderne Mensch das ursprüngliche Erleben des Numinosen nachvollziehen könne: In der Sphäre des Erotischen. Die geschlechtliche Liebe könne mit einer solchen Macht in das Leben des einzelnen einbrechen, dass sie ihm gleichzeitig als fascinosum und als tremendum erscheine, als beglückende Lebenssteigerung und als Verhängnis, wenn widrige Umstände die Vereinigung verhindern oder wenn der oder die Liebende in die Hörigkeit von einem unwürdigen Partner gerate (159-160).

Das überwältigende Mächtige

Das Numinose, wie es von Rudolf Otto benannt und beschrieben wurde, sei das überwältigende Mächtige, das den frühen Menschen in Gestalt der Naturerscheinungen entgegen getreten sei, als «schreckenerregendes tremendum in Sturm, Blitz und Donner, in der Zerstörungskraft von Wasser und Feuer oder der alles verschlingenden Macht der Erdbeben». Gleichzeitig seien die Naturerscheinungen aber auch «ein fascinosum, besonders im leuchtenden Gang der Gestirne, und die grossen Segenstifter in Gestalt der fruchtbringenden Erde oder des Leben spendenden Regens». Die Ambivalenz von Schrecklichem und Wunderbarem wiederhole sich angesichts der Mit-Lebewesen: Der majestätische Anblick der grossen Tiere sei gleichzeitig tödliche Bedrohung, die betörende Schönheit der Flora berge unheimliche Gifte, und das Leben dieser Mitwelt unter sich biete «den rührenden Anblick der Brutpflege ebenso wie das brutale Fressen und Gefressenwerden» (157).

Erfahrung der Allverbundenheit

Interessant ist, was Meier-Seethaler über «Allverbundenheit» und Mystik schreibt: In allen mystischen Strömungen aller Religionen sei die Erfahrung der Allverbundenheit anzutreffen, «bei gleichzeitiger Unbestimmtheit des alles umgreifenden Seinsprinzips». Alle Religionswissenschaftler seien sich darin einig, dass Mystik eine Ausdrucksform der menschlichen Sehnsucht nach Aufgehobensein und Einssein sei, und dass diese Sehnsucht in der vom menschlichen Bewusstsein geschaffenen Spaltung von Ich und Umwelt wurzle. Von daher sei Mystik das Verlangen nach Wiedervereinigung, das umso intensiver werde, je schmerzlicher sich die Kluft zwischen den eigenen Lebensidealen und einer abweisenden Natur oder einer ungerechten Kultur auftue. Dies sei aber nur die eine Seite, gewissermassen die Innenseite der Mystik. Ihre Aussenseite komme dem Bewusstsein «in Gestalt punktueller Einheitserfahrungen bei der Begegnung mit den Lebewesen, der Natur und den Mitmenschen entgegen». Beide Anstösse, der von innen und der von aussen, führten «der Tendenz nach zu einer monistischen Seinsauffassung, die in Spannung zu jedem dualistischen System stehe und damit auch zur transzendenten Gottesidee». Dazu komme, «dass alle Mystiker sich auf ganz eigene, persönliche Erfahrungen berufen, die den theologischen Institutionen suspekt» seien. Beide Tendenzen, die zur monistischen Seinsauffassung und die individualisierte Gotteserkenntnis, setzten die Mystik dem Verdacht der Häresie und des Atheismus aus, jedenfalls innerhalb der abrahamitischen Religionen (211-212).

Kampfbegriff der Frauenbewegung

Die politische Philosophin Christina Thürmer-Rohr erinnert daran, dass die «Erfahrung» eines der wichtigsten Kampfbegriffe der Frauenbewegung war, weil in der Erfahrung von Frauen der entscheidende antipatriarchale Stoff zu stecken schien. Die Erfahrung allein schien den Mann in seinem Recht zu widerlegen. Jetzt werde jedoch klar, dass dies nicht ausreiche: Die eigene Erfahrung sei «zu wenig», bedeute auch «Naivität, Armseligkeit, Dilettantismus des Erkennenkönnens». Die Männergesellschaft als Herrschaftsform und die Gefährdungslagen, in die sie sich hineinmanövriere, «produzieren spezifische, ihr entsprechende Vorstellungen und 'falsche' Bewusstseinslagen», denen jedoch nicht alle Menschen in gleicher Weise unwiderruflich ausgesetzt seien. Um diese Lage zu erkennen, seien wir alle auf Fähigkeiten angewiesen, die das eigene physische und psychische Sensorium und Inventar überschreiten: «auf Wissen und Verstehen, Analyse, auf Voraussicht und Vorstellungsvermögen, auf hypothetische und auf moralische Fragen» (Christina Thürmer-Rohr in: Ebenso neu als kühn, BN 33, 72-73). - Ich stimme Thürmer-Rohr zu, weil unsere persönliche Erfahrung immer nur eine begrenzte Erfahrung sein kann und daher niemals auszureichen vermag, um die Vielzahl und Vielschichtigkeit der Vorgänge in der Welt zu erfassen.

Komplizinnen von Männern

Thürmer-Rohr kritisiert die Frauen, die sich in der Rolle als Opfer des Patriarchats sehen. Es stehe Frauen nicht zu, sich in der Geschichte des Verfalls und der Zerstörung selbstmitleidig und selbstgerecht in der Rolle als Opfer zu sehen oder in der Rolle als Zaungäste, oder der erfolglos Widerständigen, Mahnenden oder Sehenden. Frauen würden zwar nicht vergewaltigen, hätten die Zerstörungsinstrumente weder erfunden noch in Auftrag gegeben, gekauft, verkauft oder verbreitet. Aber - sagt Thürmer-Rohr - Frauen machten sich «zu Komplizinnen von Männern an anderen Orten, indem sie Männer körperlich und psychisch präparieren für ein Tun, das nicht zuletzt auch sie selbst, die Frauen, schwer schädigt» (ID-Buch 33, 75). - Die Kritik von Thürmer-Rohrs besteht sicher zu Recht, aber sie reicht nicht aus, weil Kritik von dieser Art eher lähmt, anstatt zu eigenständigen Schritten anzuregen. Ganz wichtig wären Überlegungen, wie wir uns selber und andere Frauen stärken und bekräftigen könnten, um aus der Rolle der Komplizin, der zudienenden Rolle herauszukommen (wenigstens ein Stück weit). Das heisst zugleich, aus den patriarchalen und psychologischen Zuschreibungen, die wir verinnerlicht haben, herauszukommen, ohne das «Kind mit dem Bad» auszuschütten. Es wäre gewissermassen eine therapeutische Haltung auf gesellschaftlicher Ebene nötig. Meine Arbeit über Traumsymbolik entspringt wesentlich diesem therapeutischen Denkansatz.

Praxis des Von-sich-selbst-Ausgehen

Die Philosophinnen der DIOTIMA-Gruppe, Luisa Muraro und Chiara Zamboni empfehlen - wie bereits erwähnt - «die Praxis des Von-sich-selbst-Ausgehens» (ID-Buch 721, 155). Sie betonen aber gleichzeitig, dass dies nicht verwechselt werden dürfe mit der Praxis der Selbsterfahrung in Selbsterfahrungsgruppen, weil dort das jeweilige «Ich» Triumphe feierte und die Welt aus dem Blick gerate, während das «Von-sich-selbst-Ausgehen» eine Praxis sein wolle, in der «die Welt zur Welt gebracht» werde, wie sie so schön sagen. Von-sich-selbst-Ausgehen heisse also nicht, sich mit Innerlichkeit zu beschäftigen, sondern das Leben und die Welt, in der wir leben, zur Sprache zu bringen. Dass in diesem Zusammenhang auch das Traumgeschehen, die Träume erwähnt und als «ein Teil der Welt» aufgefasst werden, weil sie Zeichen seien, die ebenso wie die Gefühle über die Welt sprechen, in die wir hineingestellt seien oder der Umgebung, die wir gewählt haben, ist eine faszinierende Formulierung. Die Deutung weicht von der psychologischen Reduzierung der Träume auf das Innenleben ab und weitet die Sicht sehr richtig auf die äussere Welt, die «Objektebene» aus.

Widerhall unserer Verbindungen mit der Welt

Die Praxis des «Von-sich-selbst-Ausgehens» besagt, wir sollen unsere Aufmerksamkeit auf unser konkretes Leben richten und dabei vor allem auf die Gefühle achten, mit denen wir etwas erleben, wobei es nicht drauf ankomme, ob es sich um momentane Empfindungen handelt oder um Träume, Bilder und Eindrücke (155). - Zamboni bezeichnet die Seele in ganz ungewohnter Weise als das «Unsichtbare des Sichtbaren» (159) und ergänzt, die Seele könne sich niemals selbst sehen. Die Seele sei «das Gesicht, das Profil der Dinge», und sie spreche von sich nur dann, «wenn wir von den Dingen sprechen oder mit ihnen handelnd umgehen». Die Seele sei ganz einfach «der Widerhall unserer Verbindungen mit der Welt». Der Weg des Von-sich-selbst-Ausgehens sei ein Weg, um persönlich Erlebtes auf eine Weise zu interpretieren, in der sich die Welt zeigt, und keineswegs ein Weg, um «von sich selbst zu sprechen und sich in der Innerlichkeit zu aalen» (ID-Buch 721, 161).

Das Gold des Geliebtwerdens

Die Theologin Christa Mulack übt Kritik an der einseitigen Deutung der Märchensymbolik auf der Subjektstufe. Anhand des Märchens «Das Mädchen ohne Hände» kritisiert sie Clarissa P. Estés Buch «Die Wolfsfrau» (ID-Buch 1271), die das Verhalten des Mädchens in folgender Weise deute: «Viele Frauen lassen sich unwissentlich auf einen Pakt mit dem Teufel ein, indem sie sich willig von anderen ausnutzen lassen, um bloss nicht energisch nein sagen zu müssen und damit die Zuneigung der Mitmenschen aufs Spiel zu setzen. Der «innewohnende Räuber» biete ihnen das Gold des Geliebtwerdens im Tausch dagegen an, dass sie ihre natürlichen Abwehr-Reaktionen gegen das Ausgebeutetwerden aufgeben (23). - Mulacks Kritik ist zweifelsohne angebracht, weil es gang und gäbe ist, Märchen auf der Subjektstufe zu deuten und somit das eigentliche Problem zu umgehen. Indem Estés den «Räuber» ins Innere des Mädchens verlegt, unterstellt sie der jungen Frau, sie selber sei schuld an ihrem Unglück. Dass Frauen geliebt werden möchten, sollte ihnen nicht angelastet werden. Sobald Frauen sich wieder auf eine breite Unterstützung auf gesellschaftlicher Ebene verlassen können, werden sie auf das scheinbare Gold des Geliebtwerdens verzichten können.

Angst vor gleichgestellter Frau

Die Historikerin Doris Wolf erinnert daran, was es mit der männlichen Angst vor der Gleichstellung der Frau auf sich hat: Sie schreibt vom «Entsetzen» patriarchaler Männer über gleichgestellte Frauen und zitiert den römischen Konsul Cato (234-149), der den Männern zurief, sie sollten sich «all der Gesetze erinnern, mit denen unsere Vorfahren die Freiheit der Frauen gebunden, durch die sie die Weiber der Macht der Männer gebeugt haben. Sobald sie uns gleichgestellt sind, sind sie uns überlegen» (ID-Buch 863, 148). - Doris Wolf erwähnt die symbolische «Ermordung der Grossen Göttin», wobei Jungs Theorie von «Animus und Anima» sozusagen die moderne Variante dieser «Ermordung» darstellt. Auch der Jungianer Erich Neumann meint mit Hinweis auf C.G.Jung, der Individuationsweg verlange von der Frau den Verzicht auf jede Bezugnahme auf die weibliche Ahnenreihe, weibliche Gottheiten und weibliche Bezüge. Stattdessen müsse sie sich auf den Mann ausrichten, um Frau zu werden und glücklich sein zu können (siehe auch «Weibliche Sexualität und Autonomie», in Camenzind Elisabeth: Frauen wollens anders, ID-Buch 924).

Vorsprachliches und Aussersprachliches

Die Philosophin Brigitte Weisshaupt fordert die Frauen auf, dem Semiotischen der fraulichen Realität Ausdruck zu verleihen, mit Hinweis auf die französische Philosophin Julia Kristeva. Die feministische Bewegung boykottiere sich auf fatale Weise selber, wenn sie des Rätsels Lösung darin sehe, eine «imaginäre Gesellschaft ohne Widersprüche» zu schaffen. Die Frage sei, wie Frauen diesem Dilemma entgehen und zu sich selbst finden könnten. Sie erklärt, das Vorsprachliche und Aussersprachliche müsse in die Sprache gehoben werden, aber in eine solche, die nicht der herrschende männliche Diskurs sei. Neues hervor zu bringen bedeute weder die Wiederholung des patriarchalen Diskurses noch Regression zur archaischen Mutter. Neues hervorbringen setze voraus, dass das Subjekt, das könnte die Frau sein, ihre ganze (unbewusste) libidinös-archaische Struktur auf sich nehme und diese Struktur in den Akt der Symbolisierung einbringe (ID-Buch 870, 44). Das bedeute, unterwegs zu einer Sprache zu sein, «in der der Gang durch die eigene Sozialisation und damit die sich daraus ergebende gesellschaftliche Position» darstellbar werde. «Um das Singuläre ihrer Situation» ausdrücken zu können, seien die Frauen elementar auf Sprachfähigkeit, und das heisse auch auf die Darstellung der Allgemeinheit, angewiesen (ID-Buch 870, 145-147). Das heisst: Die individuelle Situation einer Frau muss in Zusammenhang mit der Situation gebracht werden, die uns Frauen innerhalb des Patriarchats ganz allgemein zugewiesen ist.

Der eigene Standort als Schlüssel

Für Chiara Zamboni ist «der eigene Standort in einem Ereignis» der «Schlüssel für den Zugang zur Wirklichkeit dieses Ereignisses, auch für die anderen». Dies sei «keine Methode der Objektivierung», aber genau so wenig sei es eine subjektive Methode (Zamboni: Der Materialismus der Seele. Wissen bilden aus den Abhängigkeitsbeziehungen mit der Welt, ID-Buch 721, 156).

Zeichen für eine Geschichte der Frauen

Nach Zamboni könnten Frauen zu einer eigenen Theorie über die Welt kommen, wenn sie von ihren Erfahrungen ausgehend miteinander reden. In den Gruppen des «Consciousness-Raising» sprachen viele Frauen von ihrer eigenen Geschichte: Indem sie von sich selbst ausgingen «vermieden sie die Worte und Interpretationen eines schon vorgefertigten Wissens». Das Von-sich-selbst-Ausgehen sei später in den Gruppen der «Praxis des Unbewussten» wieder aufgenommen worden, «nun mit der Aufmerksamkeit für die tiefen Schichten des Begehrens, der Träume, Bilder und Gefühle». - Auf diese Weise dehnt Zamboni die «Praxis des Unbewussten» auf das Verstehen und Interpretieren der Träume auf der Objektebene aus. Dies im Unterschied zur bevorzugten tiefenpsychologisch einengenden Deutung der Symbole auf der «Subjektebene» (ID-Buch 721, 152, 157).

Zeichen für materielle Wirklichkeit der Seele

Von sich selbst ausgehen heisst nach Zamboni von der Seele auszugehen und nicht vom Ich. Die Seele sei Richtungsweisende zwischen den Ereignissen der Welt. Aber wenn sie, nachdem sie uns zu besonders bedeutsamen Ereignissen geführt habe, nur in mechanistische Handlungen und Wiederholungen abgleite - warnt Zamboni wiederholt - dann langweilt sich die Seele und gehe fort. Von den Funken bleibe nur eine Spur der Unruhe. Die Geste des Fortgehens unserer Seele sei «ein Zeichen für ihren Materialismus, also für ihre Wirklichkeit, ihre Realität, die Tatsache ihrer Existenz» (ID-Buch 721, 163,167). - Die «Geste des Fortgehens unserer Seele» redet von jener Erfahrung, die wir heute als «Selbstentfremdung» bezeichnen. Eine solche Selbstentfremdung kann so weit gehen, dass der Körper nicht einmal mehr im mechanistischen Sinne richtig funktioniert. - Bei der Rede vom «Materialismus» der Seele geht es um psychosomatische, körperliche und seelische Zusammenhänge.

Träume, Bilder und Gefühle

Träume, Bilder und Gefühle sollen nicht so sehr als Hinweise auf eine persönliche verdrängte Geschichte interpretiert werden, sondern als Zeichen für eine Geschichte der Frauen, die bis dahin nicht existiert habe und auf diese Weise zum Ausdruck kommen konnte (ID-Buch 721, 157).

Was uns füreinander interessant macht

Die Darstellung des persönlich Erlebten, in dem sich die Welt zeigt, ist nach Zamboni das, was uns Menschen füreinander interessant macht. Von daher erkläre sich, warum schon Kinder nicht genug davon bekommen könnten, Geschichten aus dem Leben zu hören. Auch der Roman und alle übrigen Kunstgattungen lebten von unserem Interesse an der individuell gefärbten Weltsicht anderer Menschen (ID-Buch 721).