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Symbolgruppe Kleider – Assoziationen

Allgemeines zum Symbol - Kleider

Zum Symbol «Kleider» habe ich spontan drei Assoziationen: Das Märchen «Des Kaisers neue Kleider», die Metapher «Kleider machen Leute», und drittens das katholische Taufritual, in dem es heisst: «Nimm hin das weisse Kleid und bewahre es.» - Die Assoziationen zeigen, dass Kleider nicht einfach Kleider sind. Nebst der primären Schutzfunktion (Kleider schützen vor Kälte, Verletzungen u. a. anderen Beeinträchtigungen) haben Kleider eine wichtige identitätsbildende Funktion. Der Kaiser lässt sich prunkvolle Kleider anfertigen, um sich weitere wundersame Zuschreibungen zuzulegen, die seine hohe Stellung in der Welt rechtfertigen und erhöhen. Mittels Kleidern und Kleidervorschriften werden Identitäten geschaffen: Kleider machen Leute. Dabei macht es einen gewaltigen Unterschied, ob es sich um selbst gewählte oder vorgeschriebene Kleider und Identitäten handelt. Mittels Kleidervorschriften können ganzen Personengruppen Identitäten überstülpt und aufgezwungen werden, dies, um sie zu hohen oder niederen Personen zu stempeln. Eine zentrale Vorschrift betraf die unterschiedliche Bekleidung von Frauen und Männern: Frauenkleider verhinderten meistens die freie Bewegung. Mittels Kleidern werden Status und Zugehörigkeiten ausgedrückt bzw. geschaffen. Würdenträger tragen spezielle und kostbare Kleider (Uniformen, Richter-Robe, Priester-, Bischof-, Papstrobe) Im Militär wird der Status jedes einzelnen Mannes durch Zeichen an der Uniform erkennbar, so ist zu sehen, ob einer Soldat oder Offizier ist. Der Offiziersstand unterscheidet die Männer nochmals mittels schmalen und breiten Goldstreifen an den Mützen, Angehörige des Generalstabes mittels vergoldeten Kranzstreifen. Auch Polizisten tragen Uniformen, die Ärzteschaft macht sich mittels wallenden weissen Mänteln kenntlich. Das heisst, dass auch durch die Farbe der Kleider (weiss oder gold) Identität ausgedrückt wird (Ärzteschaft und Papst treten in Weiss auf). Bezüglich Status-Unterschied zwischen Ärzten und Krankenschwestern wird zurzeit diskutiert, Schwestern in rosarote Stoffe zu kleiden. Dass mittels Kleidern auch sakrale Inhalte ausgedrückt werden, lässt sich anhand von Taufkleid, Hochzeitskleid, Sterbekleid, Ordenskleid erkennen. - Die katholische Identität wird durch vier Symbole hergestellt: durch das Taufkleid, durch die weisse Farbe des Kleides, durch eine Handlung (das Taufkleid wird über das Taufkind gelegt) sowie durch die Begleitung der Handlung durch symbolträchtige Worte («Nimm hin das weisse Kleid und bewahre es.». Die Bedeutung der Taufhandlung ist die folgende: Die Identität des Kindes, die vor der Taufe eine vermeintlich «heidnische» ist, soll durch eine christliche ersetzt werden. Ein weisses Kleid wird dem Kinde überstülpt, durch die weisse Farbe soll alles natürlich Heidnische ausgelöscht und die Person soll eine unbeschriebenes weisses Blatt werden, auf das nun die neue christliche Identität eingeschrieben werden kann. In diesem Ritual kommt das Kleid als Symbol von Identität sehr direkt zum Ausdruck. Das Ritual lässt zugleich den Vorgang der Fremdbestimmung erkennen. Die Psychotherapeutin Angela Bausch-Hug fordert, eine feministische Psychotherapie habe immer auch «Religionstherapie» zu sein, was «die Aufarbeitung und Aussondierung christlicher Inhalte» bedeutet. Durch das Taufkleid wird dem Taufkind der christliche bzw. katholische Glaube überstülpt, diese Fremdbestimmung muss erkannt werden, damit sie später durch eigene Einsichten vertieft, ergänzt oder ersetzt werden kann. Kleider bilden zusammen mit dem Körper das «Haus» für die «Seele». Die Seele wohnt in unserem Körper und ist bekleidet mit unserem Körper.

 

05.09.1958 Ein junger Mann in abgenutzter Kleidung ist ausgehungert und wird verfolgt. Er wirft mir vor, ich hätte ihn verraten, 2

05.09.1958 Abgenutzte «Kleider» stehen für eine unbrauchbare Identität. Sie vermögen weder Körper noch Seele wirklich zu schützen und zu wärmen, sie stiften keine brauchbare Identität. Abgenutzte Kleidung könnte eine «abgenutzte» Lebensanschauung, ein untaugliches Leitbild bezeichnen, das nicht imstande ist, Seele und Leib zu nähren und zu sättigen oder ein akzeptables Leben zu gestalten. Der «Verrat» könnte darauf hinweisen, dass die Träumerin sich zu dieser Zeit (1958) dem Rollendiktat unterworfen hat, wenn auch unfreiwillig.

 

21.12.1958 Eine Frau trägt einen kostbaren Mantel und eine weisse Hermelinkappe, nachdem sie aus der Familie ausgestossen worden war, 12

21.12.1958 Die weisse Hermelinkappe, die aus einem sehr kostbaren Pelz besteht, symbolisiert eine neue und «kostbare» Identität um den Preis des Ausgestossen-Werdens.

 

07.02.1959    Ich lockere meine Kleider und tanze wie in Trance einen ekstatischen Tanz, 21                      

07.02.1959    Die engen Kleider können als enge Lebensauffassung verstanden werden, die von der Träumerin richtigerweise «gelockert» werden, damit die vitalen Bedürfnisse (wieder) mitleben können. Die Träumerin beginnt ihrem Leben (wieder) eine eigene und aktive Richtung zu geben. Im vorherigen Traum (2) war ihre Lebensauffassung als «abgenutzt» und also unbrauchbar bezeichnet worden. - Auf der Objektebene könnte das Lockern der Kleider besagen, dass die Träumerin sich von äusseren einengenden Vorschriften frei macht, sich auf Eigenkräfte und Bedürfnisse besinnt und ihnen zum Ausdruck verhilft.

                   

18.07.1959 Anstatt ein wetterfestes Kleid will mir meine Mutter ein altes, selbstgenähtes, graues Kleid geben. Ich sage, ich wolle eigene Kleider haben, 53

18.07.1959 «Wetterfeste Kleider» symbolisieren eine Identität, die auch schwierigen Situationen standzuhalten vermag. Das «selbst genähte» Kleid verweist auf eigene Erfahrungen, selbst Erarbeitetes und somit auf eine erstarkte Identität: Diese «Mutter» wirkt nicht fremdbestimmt. Die graue Farbe des Kleides, das sie der Tochter anbietet, zeigt jedoch auf eine entscheidende Schwäche ihres Lebensentwurfs: Eine «graue», farblose weibliche Identität ist für die Träumerin unattraktiv. - Die leibliche Mutter der Träumerin bezog ihre Identität zum grossen Teil aus der christlich dienenden Mutterschaft sowie aus der «Nachfolge Christi» (Buch von Thomas von Kempis). Mit der christlich verstandenen Dienstbarkeit und des klaglosen Ertragens von Ungemach, glaubten solche Mütter, ihren Töchtern die einzig taugliche Identität für schwierige Situationen und Anfechtungen mitzugeben.

                   

11.10.1959 Von einer Indonesierin habe ich ein Kleid aus exklusiver Seide mit speziellem Design geschenkt bekommen. Sie sagt, ich müsste es noch fertig nähen, 89

11.10.1959 Das «exklusive Seidenkleid» steht für eine spezielle und attraktive weibliche Identität. Diese Identität kann jedoch, da sie aus einem anderen, dem östlichen Kulturkreis (Indonesien) entstammt, nicht einfach übernommen werden. Etwas «Eigenes» muss hinzukommen (fertig nähen).

 

06.11.1959 Ein Priester näht die Sterne an sein Messgewand, die zugleich Kerzen sind, die Heidi S. vom Boden der Kirche aufgehoben hat. Ich soll die kleinen Kerzen bringen, damit der Priester in vollem Lichte erstrahlt, 99

06.11.1959 Das «Messgewand» bezeichnet das liturgische Oberkleid des katholischen Priesters bei der Messfeier. Es wird dem männlichen Priester übergestülpt, um eine quasi Identität mit dem (vergotteten) Jesus herzustellen. Dieses mit Sternen besetzte Kleid stellt also eine lichtvolle geistig/religiöse Identität dar. Diese Identität ist jedoch dem männlichen Priester vorbehalten, kommt aber aufgrund von (religiös verstandener) Arbeit einer Frau zustande. - Die Sequenz teilt der Träumerin mit, was im Verhältnis zwischen Frauen und Männern geschieht, zwischen ihr und einem «priesterlichen» Mann. Sie verhilft ihm zu einer Identität, die ihm Wert verleiht, die seine (priesterliche) Arbeit ins Licht rückt und seiner Person Ansehen verleiht. Die Sequenz gibt zur Frage Anlass, warum die Frau das von ihr aufgefundene - kosmisch verankerte - Wertvolle (Sterne) einem Mann zur Verfügung stellt, also eine zudienende Rolle spielt. Ob sie sich überhaupt bewusst ist, wem ihre Arbeit zugute kommt. Genau diese Fragen soll sich die Träumerin stellen.

                   

06.01.1960 Ich ziehe altmodische Kleider an, um nicht als Vorzeigeobjekt tanzen zu müssen. In diesen Kleidern beginne ich wild zu tanzen, 114

06.01.1960 Hier stehen die «altmodischen Kleider» nicht für eine überholte Identität, denn sie werden strategisch benützt, um eine neue Form von Fremdbestimmung abzuwehren. Als Vorzeigeobjekt «tanzen» zu müssen bedeutet, sich in «Kleidern» präsentieren zu müssen, die Männern gefallen, heisst also, die Weiblichkeitsrolle spielen zu müssen. Dieser Zumutung setzt die Träumerin «altmodische Kleider» entgegen, das heisst, dass sie sich ganz bewusst unattraktiv und also «unweiblich» darstellt. Interessant ist, dass sie trotzdem «tanzt» und sich sogar vom «wilden» Tanz (der Vitalität) nicht abhalten lässt.

                   

23.02.1960 Meine Kleider sind in der Friedhofshalle abhanden gekommen. Ich gehe sie suchen, 128

23.02.1960 Abhanden gekommene Kleider verweisen auf abhanden gekommene Vorbilder für eine selbstbestimmte weibliche Identität: Solche Identität stiftende «Kleider» müssen von der Träumerin erneut gesucht und geschaffen werden.

                   

11.09.1960 Ich bringe das Hemd eines überdimensioniert grossen und ärmlich gekleideten Mannes in Ordnung. Die Gesichtszüge des Mannes sind die eines Kindes, 138

11.09.1960 Der ärmlich gekleidete und überdimensioniert grosse Mann mit den Gesichtszügen eines Kindes weist auf die äussere Situation im Patriarchat: Hinter vielen gross erscheinenden Männern sind die Zeichen von Unreife und Hilflosigkeit erkennbar. Von Frauen erwarten diese Männer mütterliche Betreuung und Geborgenheit und dies sowohl im privaten als auch öffentlichen Bereich. Carola Meier-Seethaler bezeichnet diese von Männern geforderte mütterliche Frau als eine «Muttersklavin». - Die Träumerin scheint es mit einem solchen Mann zu tun zu haben.

                   

15.09.1960 Eine Frau trägt ein goldbesticktes Kleid. Zuvor trug sie ein schwarzes, 139

15.09.1960 Das «goldbestickte Kleid», das ein zuvor schwarzes Kleid ersetzt, steht für eine neue Sichtweise bezüglich Identität. Und zwar für eine Sichtweise, die für die Träumerin selber attraktiv ist (goldbestickt), anstatt wie vormals trist und deprimierend (schwarz).

                   

29.09.1960 Ein junger Mann soll als Rekrut eingekleidet werden. Er will aber nicht und zittert am ganzen Körper, 141

29.09.1960 Als Soldat eingekleidet zu werden bedeutet, das patriarchale Männergeschäft lernen zu müssen, das heisst, schiessen lernen und möglicherweise töten zu müssen. Dass der junge Mann angesichts einer so gearteten männlichen Identität zittert, bedeutet, dass er diese Identität zwar aus tiefstem Herzen ablehnt, aber auch, dass er keine Möglichkeit sieht, das «Kleid» abzulehnen, das ihn zum Soldaten macht. Zu dieser Zeit (1960) war die Auffassung verbreitet, die Rekrutenschule sei der Ort, wo aus schwächlichen Muttersöhnen «richtige Männer» gemacht würden. Entsprechend wurden Dienstverweigerer verachtet. - Von den sieben Brüdern der Träumerin haben fünf Brüder nach der Rekrutenschule noch die Offiziers-Schule besucht. - Verstanden als Teil der Träumerin, lehnt sie es ab, einem solchen Männerbild zuzustimmen, aber auch sie scheint keine Möglichkeit zu sehen, sich wirkungsvoll gegen Ansprüche abzugrenzen, die von Frauen quasi soldatische Aktivitäten fordern, die allerdings auf das «Töten» von Aspekten ihrer eigenen Identität hinzielen. - Das Soldatenkleid, der Soldat, muss nicht in jedem Fall eine aggressive Männlichkeit bezeichnen, es kann auch für eine aufopfernde christliche Haltung stehen. Auch Frauen verstanden sich als Kämpferinnen für eine bessere Welt, die sie durch das Christentum zu erreichen meinten (die Heilsarmee besteht heute noch aus friedfertigen Soldaten). Die soldatenähnliche «Aufopferung» wurde für Frauen in der Mutterschaft gesehen und für viele identitätsbildend. Ohne diesen «Glauben", so sagte die Mutter der Träumerin, hätte sie dies (die Aufopferung) nicht aushalten können. Die Mutter hatte auf alles verzichten müssen, was ihr lieb war: Das Geigenspiel im dörflichen Damenquartett, das von Theaterverein jährlich organisierte Theaterspiel, das Singen im Kirchenchor. Das Symbol «Soldatenkleid», die Soldaten-Uniform hat also nicht in jedem Fall dieselbe Bedeutung.

                   

21.08.1961 Im zweiten Estrich liegt ein dunkelblaues, einfach geschnittenes Abendkleid. Es wirkt vornehm mit dem kleinen Nerz am Hals. Auch andere Frauenkleider sind vorhanden, 160

21.08.1961 Das Abendkleid und weitere Frauenkleider symbolisieren die Entdeckung von mehreren und unterschiedlichen weiblichen Identitäten: Das Abendkleid steht für das «Festliche» und Erotische in einem Frauenleben und für Lebensfreude ganz allgemein. Die Frauenkleider könnten «gewöhnliche» weibliche Identitäten darstelle, die aber trotzdem unterschiedliche Arten von weiblicher Individualität ausdrücken können. Ich denke an Identitäten wie Bäuerin, Wirtin, Geschäftsfrau, Familienfrau etc.

                   

03.01.1962 Meine Kleider sind am Waldrand abhanden gekommen. Ich gehe mit einem Badetuch bekleidet nach Hause, 166

03.01.1962 Die «Kleider» kommen der Träumerin am Waldrand abhanden, also in Naturnähe. Nur gerade ein «Badetuch» bleibt ihr als «Kleid» für ihre ungeschützte Identität, sodass sie sich nackt und bloss fühlt. - Die Träumerin scheint erneut und intensiver zu spüren, dass ihr tragfähige weibliche Vorbilder und Leitbilder fehlen.

                   

03.02.1962 Weil ich im Passionsspiel wie die Männer ein mit Sternen besetztes Kleid trage, werde ich für einen Mann gehalten und von der Polizei gesucht, 173

03.02.1962 Ein «Kleid», das mit Sternen besetzt ist, symbolisiert eine Identität mit einem hohen und kosmisch verankertem Stellenwert (Stern). Das Sternenkleid steht für ein Rollenbild, das mit religiösem und gesellschaftlichem Ansehen verbunden ist, das aber Männern vorbehalten ist. Dass eine Frau ein solches Kleid tragen könnte, war für die Träumerin damals (1962) undenkbar und bedeutete sozusagen ein Sakrileg. Entsprechend berichtet die vorliegende Sequenz, einer solchen Frau werde die Polizei auf den Hals gehetzt. Die Träumerin wird darauf aufmerksam gemacht, was passiert, wenn sie für weibliche Menschen, für sich selber, eine Identität in Anspruch nimmt, die von der Tiefenpsychologie für Frauen nicht vorgesehen ist.

                   

26.10.1962 Mein Hauskleid gefällt einer Studentin der Psychologie (Frau Fürst). Ich habe das Kleid selber genäht und sage, es sei von Hand gemacht, 217

26.10.1962 Das Hauskleid steht für eine weibliche Identität, die sich im privaten Bereich bewegt, im besten Fall aber auch für einen Bereich der Entspannung, wo frau sich selber sein darf. Im öffentlichen Bereich würde ein Hauskleid jedoch deplatziert und peinlich wirken. Das «handgemachte» Hauskleid zeichnet sich hier dadurch aus, dass es bezüglich Qualität und Form auf die Trägerin zugeschnitten ist und weist somit auf eine eigene «Identität», die auch eine vorläufige sein kann. In unseren, an perfekte Konfektionskleider gewohnte Augen, werden von Hand verfertigte Kleider in der Regel als uninteressant und reizlos empfunden. Auch im übertragenen Sinn geniesst «Eigenes» im Sinn von Gedanken, die von weiblicher Seite geformt sind, wenig Wertschätzung, obgleich in den psychologischen Lehranstalten die Rede von «Individuation», Selbstfindung und einer eigenen Identität in aller Munde ist. - Dass das «Hauskleid» einer Psychologie-Studentin gefällt, könnte die Träumerin darauf hinweisen, dass die persönliche und weibliche Welt durchaus eine beachtenswerte und schätzenswerte Welt sei, und dass sie ihr vermehrt Aufmerksamkeit schenken solle.

                   

29.10.1963 Ich weiss nicht, wie ich mich kleiden soll für das Treffen mit einem Mann, 248

29.10.1963 Die Träumerin weiss nicht, mit welcher Identität (Kleid) sie einem Mann, den sie vermutlich für sich gewinnen möchte, gegenüber treten soll, ob währschaft oder festlich oder ganz anders. Sie scheint mehrere Möglichkeiten zu haben.

                   

05.12.1963 Mein Bruder E. schenkt mir ein silbrig glänzendes Abendkleid, mein Bruder K. eine Schallplatte. Er preist die Musik und legt die Platte auf. Aber ich vernehme ein schreckliches Getöse und Schreie von verunglückten Menschen, 260

05.12.1963 Ein silbrig glänzendes «Abendkleid» als «Geschenk» symbolisiert erotische Festlichkeit im Sinne eines «Versprechens», wobei das «Geschenk» des anderen Bruders, das Gegenteil mitteilt, nämlich schlimmes Unglück und Leid. - Die Träumerin wird auf diese Unstimmigkeit aufmerksam gemacht. Es hat etwas Perfides, das Ausmass an Unglück und Leid, das durch die schrecklichen Schreie zum Ausdruck gebracht wird, als eine «gute Musik» anzupreisen.

                   

24.05.1964 In sportlicher Kleidung laufe ich zum Bahnhof. Das Hochzeitskleid, das ich zuerst auf den Armen getragen habe, ziehe ich darüber, damit es nicht zerknittert, 275

24.05.1964 Während «sportliche Kleider» eine währschafte, wetterbeständige Identität symbolisieren, steht das Hochzeitskleid für eine Identität, die das Festlich-Erotische darstellt. Über sportlicher Kleidung ein Hochzeitskleid zu tragen, ist eine absurde Vorstellung. Auf der Wanderung wird die Träumerin das Hochzeitskleid ruinieren, und das Kleid wird sie in der sportlichen Betätigung behindern. Vom Identitätsaspekt her handelt es sich um den Versuch, zwei ganz unterschiedliche Identitäten gleichzeitig zu leben, oder das Währschafte zu verstecken. Vielleicht wäre es realistischer, die beiden Bedürfnisse im zeitlichen Nacheinander abzudecken: mal sportlich, mal festlich.

                   

08.09.1964 Ein Pflanzen- und Blumenforscher hat Blumenkleider hergestellt, um drei entführte Mädchen sowie mich selber zu retten, 283

08.09.1964 Blumenkleider symbolisieren das, was in Psychologie und Patriarchat als «weiblich» gilt: das naturhaft Erotische, aber auch das Nette, Liebe, Angepasste. Dieses Frauenbild wird im Traum benützt, um mehrere entführte Mädchen zu retten. Auf der Subjektebene handelt es sich um eine strategische Anpassung an die Weiblichkeitsrolle, um das «Eigentliche» und Wesentliche der weiblichen Persönlichkeit in Sicherheit zu bringen. Thema ist die «innere Emigration», das heisst eine gewisse Anpassung an die Rolle aufgrund einer äusseren oder inneren Notwendigkeit. Es gibt Umstände, die es nicht vernünftig erscheinen lassen, sich in aller Offenheit aufzulehnen. Besser sei es, am Wesentlichen festzuhalten und das Entscheidende im Geheimen zu tun. Auf der Objektebene fällt eine sympathische und helfende männliche Figur auf, die unpersönlich als ein Pflanzen- und Blumenforscher vorgestellt wird. Obgleich «Forscher» erweist er sich als ein praktischer und tatkräftiger und zudem frauenfreundlicher Mann. Dieser «Forscher» entspricht einem Männerbild und möglicherweise einem konkreten Mann, bei dem das Denkerisch/Geistige, das lebenszugewandte Praktische und eine symmetrische Geschlechterbeziehung eine Einheit bilden.

                   

01.02.1966 Wie aus einem Kleid bin ich aus meinem Körper ausgestiegen. Ich muss sofort wieder einsteigen, weil mein Körper abzusterben droht, 389

01.02.1966 Den eigenen Körper wie ein Kleid abstreifen zu können, verweist auf die Möglichkeit, in eine andere Existenz einzutreten, wobei die Sequenz auch auf die Gefahr hinweist, die daraus entstehen könnte.      

25.03.1966 Ich sitze in einem zu engen Kleid in der Kirche. Besonders um die Brust herum ist das Kleid zu eng, 398

25.03.1966 Das zu enge Kleid wird hier einerseits in Zusammenhang mit der (katholischen) Kirche gebracht und anderseits mit der weiblichen Brust. Die Sequenz befasst sich demnach mit der Symbolik der Brüste der Frau, wie sie von der Kirche gedeutet wird. Zudem sagt sie klar, dass diese Auffassung zu «eng» sei bzw. die Identität der Frau einenge. - Die vorliegende Sequenz macht die Träumerin auf diesen bestürzenden und traurigen Sachverhalt aufmerksam. Die Enge um den Brustbereich betrifft das spezifisch weibliche Organ (Busen), aber mit dieser Einengung finden sich die Tiefenschichten der Träumerin zu Recht nicht ab.

                   

20.08.1968 Ich habe einen sehr einfach geschnittenen Qualitätsmantel gekauft. Der Mantel ist trotzdem sehr schön und schick: Ein «Modell», 531

20.08.1968 Der «Qualitätsmantel» bezeichnet ein Kleidungsstück von hoher Stoff-Qualität, und als «Modell» ist es wie auf die Träumerin zugeschnitten. Es ist also gewissermassen von einer Doppelqualität die Rede. Die Träumerin scheint bei ihrer Suche nach einem Stück Identität fündig geworden zu sein, wobei die Sequenz sagt, dass es sich um eine Identität von zweifacher Art handelt: Der Qualitäts-Stoff bezeichnet Währschaftes und Wärmendes. Das «Modell» steht für eine qualitativ hochwertige Verarbeitung und Form. Und dieses wunderbare Kleidungsstück hat die Träumerin, so sagt die Sequenz, nicht selber hergestellt, sondern draussen in der Welt, in einem Atelier gefunden und erstanden. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, dass dieses Stück ihrer Identität von Frauenhand geschaffen worden ist. Die tröstliche Botschaft heisst, frau muss nicht alles selber schaffen und es lohnt sich, sich umzusehen, was andere Frauen schaffen und geschaffen haben.

                   

25.01.1970 Ich gehe, in alte Lumpen gekleidet, auf die Strasse, um meinem Leben ein Ende zu setzen, 573

25.01.1970 Sich «alte Lumpen» als Bekleidung vorzustellen, macht traurig, auch wenn die Sequenz nicht sagt, die Frau besitze keine richtigen Kleider. Sie macht sich gewissermassen unattraktiv. Dass sie ihrem Leben ein Ende setzen will, dürfte heissen, ihr würden wesentliche Dinge versagt, die ihre Identität betreffen, so dass ihr das Leben, so wie es sich ihr darbietet, nicht lebenswert erscheint. Die «lumpige» Identität, die einer Frau von aussen diktiert wird, vermag die Träumerin nicht mehr abzuwehren, sie scheint den Kampf aufzugeben, depressiv geworden zu sein. Dass sie jedoch mit ihrer Depression auf die Strasse geht, könnte besagen, dass sie auf Hilfe von aussen hofft.

 

17.12.1970 Ich bin Hausherrin, laufe aber in sehr einfachen Kleidern herum, was befremdend zu wirken scheint. Daher erkläre ich, ich hätte heute meinen "Lottertag", 584

17.12.1970 Einfache Kleider unterscheiden sich erheblich von «Lumpen". Für den Alltag bevorzugen wir «einfache» Kleider, das heisst Kleider, in denen wir uns frei bewegen und auch gröbere Arbeiten ausführen können, fern vom Anspruch auf eine berufliche «Persona". Das einfache Kleid drückt auch einen früher formulierten Anspruch der Träumerin aus, «gewöhnlich» sein zu dürfen, das heisst, nicht immer überhöhte Leistungsansprüche an sich stellen zu müssen. Mindestens möchte die Träumerin ohne Einbusse an Achtung für ihre Person, einige «Lottertage» beanspruchen können.

                   

22.03.1978 Drei männliche Richter tragen kostbare Gewänder und ebenso kostbare Kopfbedeckungen. Einer der drei Männer ist «oberster» Richter, der einen der Richter zur Rechenschaft ziehen soll, 715

22.03.1978 Kostbare Gewänder in Zusammenhang mit richterlichen Befugnissen symbolisieren eine prestigeträchtige männliche Identität. Die Männer sind «Richter, das heisst, sie üben Definitionsmacht aus. Der «oberste Richter» bezeichnet eine hohe Instanz überpersönlicher Art , die nach öffentlich anerkannten Gesichtspunkten entscheidet, auch über selbstherrliche männliche Richter entscheidet. Aber auch die überpersönliche Instanz ist männlich besetzt. Noch ist es kaum vorstellbar, dass Frauen diese höchste Instanz verkörpern, angetan mit kostbaren Gewändern und Kopfbedeckungen.

                   

12.06.1982 Das goldbestickte königlich wirkende Kleid einer Schwägerin besteht im Rückenteil aus grober Naturseide indianischer Herkunft. Ich denke, es sei das "gute Stück" aus ihrer Erbschaft, 804

12.06.1982 Erstmals in dieser Traumserie wird hier auf die «Rückseite» eines Kleides hingewiesen. In der Regel sehen Rückseiten anders aus als die Vorderseiten, was auch hier der Fall ist. Bezüglich der Symbolik von Kleidern, die mit Identität zu tun hat, zeichnet die Vorderseite ein grossartiges Frauenbild: Das Kleid ist mit Gold bestickt und wirkt königlich, während die Rückseite sich durch eine währschafte Qualität von natürlicher und etwas gröberer Art auszeichnet. Obgleich auch eine Naturseide von gröberer Art noch immer ein wertvolles und sogar edles Material darstellt, unterscheidet sich seine Symbolik trotzdem erheblich von Materialien, die in unserer patriarchalen Gesellschaft als «königlich» gelten. Die «Naturseide» könnte auf matrizentrierte Vorstellungen einer weiblichen Identität hinweisen, in der das Frausein auf «natürliche» Weise einen hohen Stellenwert gehabt hat. Diese neue bzw. uralte weibliche Identität überwindet das triste Bild des Patriarchats und der Psychoanalyse, die in Frauen «verfehlte» oder «kastrierte» Männer vermuten. - Die Sequenz scheint der Träumerin diese Sachverhalte vor Augen zu führen.

                   

24.09.1984 Ich trage orientalisch anmutende Kleider. Meine Schwester S. meint anerkennend, ich würde mich immer lustiger kleiden, 844

24.09.1984 Orientalisch anmutende Kleider stehen für geistige Inhalte oder Weltdeutungen, die dem vielgestaltigen und farbigen Osten nahe stehen. Es könnte sein, dass sich Weltdeutungen oder Auffassungen über Identität und Beziehungen verändern und erweitern, bunter und lebendiger werden. Das könnte bedeuten, dass der Aspekt des Freudvollen und Lustvollen im Zusammenhang mit Identität in den Blick kommt oder von der Träumerin in Anspruch genommen wird.

                   

24.11.1987 Ich suche Kleider für das Baby, das mir nackt zur Pflege übergeben wurde, 912

24.11.1987 Babykleider dienen der Bekleidung von Neugeborenen. Im übertragenen Sinn geht es hier um die Suche nach einer Bezeichnung und Einordnung einer Sache oder Arbeit, deren Ausrichtung noch nicht klar ist. Die Sequenz sagt, der Träumerin sei ein Baby übergeben worden, das für eine Arbeit oder Sache steht - mit dem Auftrag, für diese zu sorgen (pflegen). - Die Sequenz redet somit von einem Auftrag, den die Träumerin erhalten hat, ob nun dieser Auftrag von aussen gestellt oder ihren Tiefenschichten entsprungen ist. Das nackte Neugeborene (Baby) benötigt in erster Linie wärmende und schützende Bekleidung und Zuwendung. Im übertragenen Sinn soll die Träumerin sich also mit neuen Leitbildern für Frauen und Männer befassen.

                   

30.03.1996 Eine junge Frau trägt an ihrer Hochzeit ein weisses Kleid und wird kritisiert, weil sie kürzlich ein Kind geboren hat, 971

30.03.1996 Ein weisses Hochzeitskleid bedeutet nach traditioneller und religiöser Auffassung, dass die Braut eine sexuell noch «unberührt» und somit eine «reine» Frau ist. Andernfalls durfte sie weder ein weisses Kleid noch einen weissen Schleier tragen. Daher ist es für die Frau, die erst kürzlich ein Kind geboren hat, ein Wagnis, in Weiss zur Hochzeit zu gehen. Das Hochzeitskleid symbolisiert aber auch eine «hohe Zeit», einen Höhepunkt und Wendepunkt in einem Frauenleben. In Bezug auf weibliche Identität besagt dies, dass es um eine neue und «hohe» Auffassung bezüglich dieser weiblichen Identität geht. - Die Sequenz berichtet von einer jungen Frau, die getan hat, was letztlich der Sinn von Heirat und Ehe darstellt: Sie hat ein Kind geboren. In bäuerlichen Traditionen war es oft üblich, dass die Braut ihre Fruchtbarkeit schon vor der Ehe «beweisen» musste, weil dies für den Bestand von Heim und Hof lebenswichtig war. Ohne Nachkommen wäre ein Bauernhof dem Untergang geweiht gewesen. So gesehen besagt diese Sequenz, dass die junge Frau ihre Fruchtbarkeit bewiesen hat, ihr aber genau dies zum Vorwurf gemacht wird: Sie habe gewisse traditionelle Gepflogenheiten umgangen und legitime Anerkennung (Hochzeitskleid) stehe ihr daher nicht zu. - Auf der Subjektebene könnte die Sequenz besagen, die Träumerin habe betreffend Auffassungen über Weiblichkeit und Mutterschaft ein Tabu gebrochen. Es werden ihr die Folgen vor Augen geführt und sie soll bedenken, ob sie damit leben kann.

Fazit

In den vorliegenden Träumen sind Kleider sehr differenziert durch zahlreiche Eigenschaften dargestellt. Es kommen anfänglich abgenutzte, zu enge, zu wenig wetterfeste, graue, unfertige, abhanden gekommene Kleider vor. Manchmal müssen Kleider gesucht werden, und andere Kleider sind goldbestickt, mit Sternen besetzt, silbrig glänzend oder sonst irgendwie reich geschmückt, oder sie haben eine bestimmte Farbe: weiss, schwarz, rot etc. Andere Kleider werden in ihrer Funktion beschrieben: Abendkleider, Sportbekleidung, Hochzeitskleider, Kinderkleider, Babykleider, Qualitäts- und Modellkleider, Überkleider, Festtagskleider, Hautkleid, Theaterkleider, Puppenkleider, Hauskleider, Kinderkleider und es kommen sogar Blumenkleider vor.