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711.2 – SymbolGruppen Weitere - mit TraumSymbol – 07.11.2014

26.11.1958

Gefängnis

Mein Bruder N. soll ins Gefängnis eingesperrt werden. Die Gründe sind nicht klar. Daher verhelfe ich ihm zur Flucht, 9

26.11.1958

 

Weltweit gesehen ist das Gefängnis ein Ort von Enge und Einschränkungen. Ins Gefängnis können allerdings nicht nur Kriminelle geraten, sondern auch Menschen, die sich politisch renitent oder engagiert verhalten. Eine Form von «Gefängnis» sind «Glaubensvorschriften» und «Lehren» aller Art, wie Religionen, Weltwirtschaftslehren, Philosophie, Psychologie, da deren Lehrgebäude eine glaubende Gefolgschaft verlangt und Nichtglaubende bestraft. - Die Sequenz gibt keine Auskunft, in welche Art von Gefängnis der «Bruder» der Träumerin eingesperrt werden soll. Aber das Gespür der Träumerin sagt, es handle sich um eine willkürliche Aktion aufgrund von undurchsichtigen Vorschriften. - Der «Bruder» liesse sich auf der Subjektebene als ein zur Träumerin gehörendes eigenständiges «Männliches» verstehen, dem sie ihren Schutz angedeihen lässt (sie hilft ihm zur Flucht), obgleich ihr dies aus traditioneller tiefenpsychologischer Sicht nicht zusteht.

06.05.1959

Mond

Als der Mond aufgeht, löst sich meine Verwirrung, und auch meine Mutter erwacht, 27

06.05.1959

 

Der Mond, die Mondin verweisen in der Mythologie auf erkenntnismässig erhellende Aspekte. In Zentralasien wurde ihr runder himmlischer Körper als Spiegel beschrieben, der alles in der Welt reflektiert. - Die Sequenz verweist auf die Bedeutung der Reflexion. Die Träumerin soll sich ihrer Fähigkeit, zu denken und zu reflektieren erinnern und sich ihrer bedienen (801, 470), um aus einer Situation von «Verwirrung» und Gefühlsverwirrung heraus zu kommen.

31.05.1959

Magenschnur

Ich muss die «Magenschnur», die beim Ausspucken schlechter Speisen heraus gekommen war, wieder schlucken, 29

31.05.1959

 

Das radikale Ausspucken schlechter «Speisen», die für schlechte internalisierte Inhalte stehen, würde zum Verlust wesentlicher Körperteile führen: zum Verlust von Magenteilen. Es ist also nötig, diese Teile wieder zu «schlucken». Da der Magen für die Verarbeitung und Verdauung von inhaltlichen Sachverhalten steht, wird deutlich, von welcher Gefahr die Sequenz handelt. Durch das radikale Aussprechen (Auskotzen) der ungeniessbaren Dinge, die der Träumerin zu dieser Zeit zum «Schlucken» angeboten werden, würde sie sich selber erheblich schaden. Zudem scheinen sie sich in einer Art und Weise mit ihrem eigenen Denken und Fühlen vermischt zu haben, dass es fast unmöglich erscheint, sie voneinander zu scheiden. - Die Sequenz verweist auf eine «Magenschnur», was als Wortgebilde in Wörterbüchern allerdings nicht vorkommt. Die mythologische Schnur bezieht sich auf die Nabelschnur im Sinne einer «Rückkehr zum mütterlichen Schoss», womit der Rat an die Träumerin heissen könnte, sie solle sich auf ihre wesentlichen Werte besinnen, anstatt im Aussenraum voreilig und selbstschädigend zu handeln.

02.06.1959

Barbaren

Ich bin in die Hände von Barbaren gefallen. Sie sagen, Zärtlichkeit beim Sex sei bei ihnen verpönt. Ich gehe heimlich fort, 30

02.06.1959

 

Die Traumsequenz konkretisiert, was hier unter einem «Barbar» zu verstehen sei. Es ist ein Verhalten, das Sexualität und Zärtlichkeit nicht zusammen zu denken vermag. Die patriarchale Vorgabe ist, der Mann solle den Beischlaf als einen Akt der Eroberung und Besitznahme der Frau verstehen und als Akt der Fortpflanzung. Im Unterschied dazu enthält «Zärtlichkeit» die Vorstellung, dass das sexuelle Geschehen für beide Geschlechter lustvoll und für das Selbstwertgefühl stärkend sei. - Auf der Objektebene verstanden, könnte die Sequenz die Träumerin zum Verlassen einer Beziehung auffordern, in der sie Gefahr läuft, in irgend einer Weise in Besitz genommen und ihres Selbstwertgefühls beraubt zu werden.

19.06.1959

Hütte und Zelte

Auf dem See steht eine Art Hütte, die mehr Schutz gegen ein Unwetter anzubieten scheint als unsere Zelte. Aber die Hütte stellt sich als ein Floss mit leeren Kisten als Boden heraus, die unverbunden nebeneinander stehen, 34

19.06.1959

 

Es gibt verschiedene Arten von «Hütte». In einer einfachen Holzhütte kann man sich durchaus beheimatet und vor Unwetter und Sturm geschützt fühlen, nicht aber in einer Hütte, die sich schliesslich als ein schlecht zusammengefügtes Floss auf einem See erweist. Auf der Objektebene verstanden, könnte die Floss-Hütte eine Institution oder Person darstellen, die von weitem als ein schützender Ort (vor geistig/seelischen Stürmen) erscheint, sich aber von der Nähe besehen als das Gegenteil entpuppt.

19.07.1959

Kraftwerk

Das kleine Kraftwerk am Fluss weist eine gefährliche Stelle auf. Eine Frau hilft mir, die Schäden notdürftig zu beheben, 56

19.07.1959

 

Die Bedeutung des «Wasserkraftwerks» besteht in der Herstellung von Energie aus fliessendem Wasser, wobei «Wasser» in der Symbolik für das «Lebenswasser» steht, aus dem alles Leben kommt. Nun stellt die Sequenz eine «gefährliche Stelle» bei diesem Kraftwerk fest, was heisst, dass der Energiezufluss, die Lebensfreude oder Lebenskraft gefährdet ist. Gefährlich wird ein solcher Zustand aber erst, wenn sich die Frau auf ein solches «Kraftwerk» als ihre einzige Energiequelle stützt. Diese Gefahr besteht besonders bei Frauen, die ihr Leben und Energiesystem auf die Beziehung zu einem Mann abstützen, anstatt primär ihre eigenen Quellen und Fähigkeiten wahrzunehmen und zu pflegen. - Die Träumerin scheint sich dieser Gefahr bewusst zu sein, indem sie erstens bemüht ist, die «gefährliche Stelle» zu beheben, obgleich vorerst nur «notdürftig», und indem sie dies, zweitens, mit einer anderen Frau zusammen tut, sich also auf eine Zusammenarbeit mit Ihresgleichen einlässt. - Zu dieser Zeit (Juli 1959) war die Träumerin dabei, ein kleines Kinderheim einzurichten, um es mit einer Freundin zusammen zu führen.

19.08.1959

Eichhörnchen

Ein Eichhörnchen wurde von einem Auto überfahren, nebst vier anderen Tieren, 72

19.08.1959

 

Eichhörnchen sind lebhafte und beliebte kleine Säugetiere, die mit unglaublicher Geschwindigkeit Bäume erklettern und mit Leichtigkeit und Eleganz von Baum zu Baum, von Ast zu Ast springen. Eichhörnchen sind sehr scheu und halten sich gern versteckt. Wir bekommen sie selten zu Gesicht. Sie legen Wintervorräte an und machen einen Winterschlaf. Eichhörnchen symbolisieren demnach Introversion, Lebendigkeit, Zurückgezogenheit sowie die Fähigkeit, Vorsorge zu treffen für Zeiten, in denen «Kälte» und «Nahrungsmangel» vorherrschen. Aber wie kommt es dazu, dass ein so flinkes Tierchen überhaupt überfahren wird? Die Metapher vom «Überfahrenwerden» ist ein verbreitetes Bild für eine Situation, in der unsere Bedürfnisse übergangen werden. Die Sequenz besagt, dass das Übergangenwerden auch einer Person passieren kann, die an sich mit dem Leben zurecht kommen könnte (Reaktionsgeschwindigkeit, Sorgsamkeit, Vorsorge). - Die Sequenz signalisiert eine fünffache Gefahr: Nebst dem Eichhörnchen wurden vier Tiere überfahren.

20.09.1959

Drachen

Der Rumpf eines Drachens liegt am Boden, nachdem eine junge Frau einer Schlange den Kopf abgeschlagen hat, 80

20.09.1959

 

Die Tiefenpsychologie interpretiert Drachen als Ausdruck einer bösen Mutter, die von der Tochter oder vom Sohn getötet werden müsse, ansonsten keine Beziehung zum anderen Geschlecht zustande käme. Drachen sind mythologische Tiere, die in Mythen und Märchen fast immer als geflügelte und als zu fürchtende Wesen dargestellt werden. Hat die junge Frau, die den Drachen, der zunächst in Schlangengestalt erschien, getötet hat, also richtig gehandelt? Oder könnte die Handlung aufgrund der taoistischen Symbolik auch ganz anders verstanden werden? - In der taoistischen Symbolik Chinas wird der Drache als «Geist des Weges» verehrt, der ewige Veränderung mit sich bringt. Der europäische Drache war oftmals gleichbedeutend mit dem Uroboros oder der Erdschlange. Später wurden die Drachen der Tradition nach zu Wächtern über unterirdische Schätze (Barbara Walker, BN 801, 324-325). - So gesehen berichtet die vorliegende Sequenz über ein trauriges Ereignis, nämlich über eine stattfindende oder zu befürchtende Beteiligung einer Frau an der Eliminierung der frühzeitlichen Weltsicht und des Grossen Weiblichen. Auf der Subjektebene könnte die Sequenz als Vorwurf an die Träumerin verstanden werden, sie sei dabei, die patriarchale Weltsicht zu übernehmen, die das Weibliche und die Frau um ihre verbrieften «Schätze» und um ihren «Kopf» bringe, sowie die angeborenen geistigen Kräfte und Fähigkeiten der Frau totschlage (sie schlägt der Weisheitsschlange den Kopf ab).

14.11.1959

Psychiatrie

In der «Psychiatrie», in der ich mich zwei bis drei Jahre aufgehalten zu haben scheine, entdecke ich eine Türe und gehe nach draussen, 102

14.11.1959

 

Die «Psychiatrie» bezeichnet ein öffentliches Gebäude, das einerseits für die Behandlung und Heilung von psychisch erkrankten Menschen zuständig ist, anderseits den Ort, an dem Frauen zu dieser Zeit (1959) in ihre weibliche Rolle zurück gedrängt wurden. - Die vorliegende Sequenz beinhaltet die erfreuliche Botschaft, die Träumerin habe sich von einengenden psychiatrischen Vorschriften und Meinungen frei machen können. Sie habe im Theoriegefüge (Psychiatrie-Gebäude) einen Passus entdeckt, der ihr das Verlassen dessen Vorschriften ermöglicht. Das bedeutet, die Träumerin habe an Autonomie gewonnen und einen grossen Schritt in die Selbständigkeit getan.

12.01.1960

Öde Landschaft

Ich bin in eine öde Landschaft am Meer geraten, in der sich viele Menschen aufhalten. Es dünkt mich, diese seien ebenfalls in diese Öde verbannt, 116

12.01.1960

 

Eine «öde Landschaft» bezeichnet einen Ort ohne Pflanzen, Tiere und ohne Wachstum. Auf die Menschen bezogen könnte dies heissen, dass unter diesen Menschen keine fruchtbaren Kontakte stattfinden und emotionale Wärme und gegenseitige Zuwendung fehlen. Aufgrund der Aussage, dass «viele Menschen» in eine solche «Öde» verbannt sind, vermute ich, dass diese Sequenz über ein allgemeines Problem berichtet, das unsere ganze Gesellschaft betrifft und nicht nur die Träumerin. Die Sequenz berichtet, dass die Träumerin den Mangel an fruchtbaren Kontakten als eine «Verbannung» erlebt, und also darunter leidet.

12.01.1960

Hals

Ein Mann schlägt wütend mit einem Beil auf den Hals seiner Frau ein. Sie lacht nur und sagt, es sei nun genug, 117

12.01.1960

 

Dieser «Hals» erweist sich als überaus widerständig, denn ein «Beil» könnte den Kopf vom Rumpf trennen. Die Frage ist hier, wie lange es geht, bis der Frau das «Lachen» vergeht und sie merkt, dass der Mann die Absicht hat, sie um ihren «Kopf», der für ihre Denkfähigkeit steht, zu bringen. - Dieser gefährliche Sachverhalt wird der Träumerin vor Augen geführt, und sie soll eruieren, wer oder was hinter der letztlich mörderischen «männlichen» Absicht steht.

29.02.1960

Wolkenkratzer und Holzschuppen

An den Wolkenkratzer, in dem meine Mutter wohnt, ist ein Holzschuppen mit Schlupfloch angebaut. Ich bin ein zirka 7-jähriges Mädchen und gelange durch ein Schlupfloch ins Haus der Mutter, 129

29.02.1960

 

Wolkenkratzer und Holzschuppen: Der Gegensatz dieser zwei Gebäude könnte nicht grösser sein. Das eine ist ein gigantisch hohes und anonymes Wohnhaus, das andere winzig und nicht fürs Wohnen eingerichtet. Auf der anderen Seite scheinen sie sich zu ergänzen, indem das kleine Mädchen einen angepassten Zugang in ein Gebäude bekommt, das ihm ansonsten unheimlich vorkommen müsste. Dem Wolkenkratzer, der auf den ersten Blick als gigantisch und anonym erscheint, wird in unerwarteter Weise unterstellt, darin seien «mütterliche» Qualitäten zu finden, was auf der Objektebene auf eine gesellschaftlich verstandene «Mutter» hinweisen könnte, speziell für weibliche «Kinder». Als eine solche gesellschaftliche Mutter könnte bspw. Iris von Roten angesehen werden, die zu dieser Zeit als eine Schweizerische Simon de Beauvoir die unerfreuliche gesellschaftliche Situation der Frauen anprangerte und auch Anregungen zu deren Überwindung gab. Dies tat sie übrigens auf «hohem Niveau» (Frauen im Laufgitter, BN 2). Der Holzschuppen dagegen, der wie der Stall zum Bereich der «Tiere» gehört, dürfte auf der Subjektebene den zu dieser Zeit gefühlsmässigen Zustand der Träumerin darstellen, wobei das «Schlupfloch» besagt, dass es ihr trotzdem möglich sei, einen Zugang zur feministischen Sichtweise zu finden.

10.08.1960

Frauenabort

Im öffentlichen Frauenabort stehen gegen zwanzig WC-Schüsseln nebeneinander. Dies stört mich. Der Abort ist auch eine Art Treibhaus, 1016.

10.08.1960

 

Der Abort ist der Ort, wo der menschliche «Output», die Entleerung, stattfindet. Für C.G.Jung. Jung ist der Lokus ein schöpferischer Ort, denn er stellt den schöpferischen «Ausdruck» dar, den Jung im analen «Machen» sieht. So verstanden, stellt der öffentliche Abort ein Ort für die Produktion männlicher Geistestätigkeit dar. Analog könnte ein «Frauenabort» besagen, dass den Frauen nun ebenfalls ein öffentlicher Ort für ihre Geistestätigkeit zur Verfügung stehe, oder dass mindestens der Wunsch nach einem solchen Ort vorhanden sei. Allerdings käme zu diesen positiven Deutungen aufgrund der Anzahl WC-Schüsseln eine andere hinzu. Denn der Hinweis auf eine quantitative Schaffenskraft scheint die Tendenz zu kritisieren, weibliche Produktion über einen Leisten zu schlagen, sie nicht als individuelle Schöpfung anzuerkennen, sondern als diffuse «weibliche Kreativität» zu verallgemeinern und somit letztlich auch zu vermindern (Frauen seien «von Natur aus» kreativ). Jedenfalls fühlt die Träumerin bereits im Traum ein Unbehagen über die quantitative Anordnung des weiblichen «Ausdrucks». - Ein solcher oder ähnlicher Sachverhalt könnte der Träumerin vor Augen geführt werden.

12.10.1960

Schriftstück

Ich meine, ein Schriftstück könnte aufdecken, dass ein Ehepaar mich auf dem Markt zum Verkauf anbieten will und dass die beiden Mädchenhändler seien. Aber ich müsste eine Beziehung zu diesem Schriftstück finden, 142

12.10.1960

 

Ein «Schriftstück» bezeichnet nicht irgend etwas Geschriebenes, sondern ein relevantes Dokument, ein juristisches Beweisstück, mit dem zu «beweisen» wäre, dass eine gravierende Sache in Gang ist, obgleich sie unsichtbar ist. Die Sequenz behauptet, die Träumerin werde zum «Verkauf» angeboten, was zunächst unglaubhaft bis lächerlich anmutet. Aber «verkauft» zu sein bedeutet, dass eine Person sich einer Sache hilflos ausgeliefert und im Stich gelassen fühlt (Brockhaus 2004). - Aber was bedeutet die Erklärung, die Träumerin müsste eine «Beziehung» zu dem Schriftstück finden, das als «Beweis» gelten könnte? Einen solchen «Beweis» würde später das Buch einer Feministin erbringen, aber im Jahre 1960 wollte noch niemand sehen, dass Frauen «Das verkaufte Geschlecht» sind, wie der Titel des Buches behauptet (ID-Buch 1132). - Die Sequenz weist auf jeden Fall auf eine Gefahr hin und rät der Träumerin, genau hinzusehen, was in Gang sei oder was ihr passieren könnte.

11.05.1961

Leittiere

Ganze Tierherden fliehen vor einer schwarzen Wolke, in der ich Überfalltruppen vermute. Später erfolgt ein Kampf zwischen den Leittieren, 151

11.05.1961

 

Unter einer Tierherde versteht man Tiere, die einem «Herdentrieb» folgen, also «die manchen Tieren eigene Tendenz, in einer Herde zusammenzuleben und sich entsprechend zu verhalten, z.B. Einhalten einer Rangordnung» (Brockhaus 2004, BN 1448). Ein Leittier stellt demnach das ranghöchste Tier einer Herde dar. Das Wort «Leittier» im menschlichen Bereich bezeichnet einen Mann, der das Sagen hat und auch Macht, inklusive Definitionsmacht. Da nun mehrere solche menschliche «Leittiere» samt ihrer «Herden» die Flucht ergreifen vor einer «schwarzen Wolke», heisst dies, dass eine grössere und bedrohliche Macht im Anzug ist, derzufolge es geraten scheint, schnellstens das Feld zu räumen. Was könnte nun diese gefährliche schwarze Wolke beinhalten, oder was könnte sie verbergen? Vielleicht eine besonders machtgreifende Überzeugung oder Definition, die angesichts der Bemerkung im Kontext, der einige Monate zuvor entstand, eine psychologische Definitionsmacht darstellen könnte. Die Wolke könnte für einen psychologischen Inhalt oder Begriff stehen, der in seiner verwirrend dunklen und verwirrenden Vieldeutigkeit wie eine «schwarze Wolke» erscheint. Ich denke an den Begriff «Schatten», der sich durch seine Zuordnung zum «Dunklen» oder gar «Schwarzen» (und des Bösen) durchaus in Beziehung zur schwarzen Wolke setzen lässt. Bezüglich des Kampfes der «Leittiere» ist zu bedenken, dass die Träumerin zu dieser Zeit (1961) Psychologie studierte am Institut für angewandte Psychologie (IAP), wo sie ideologische «Kämpfe» sehr wohl wahrnehmen konnte. Es herrschte ein Kampf zwischen Vertretern psychologischer und psychotherapeutischer Schulrichtungen, die allesamt den Anspruch erhoben, dass ihre Theorie die Richtige sei und der Führungsanspruch zu Recht bestehe. Als «Leittiere» waren insbesondere Freud, Jung und Szondi präsent, die sich erst noch als welthistorisch zentrale Figuren verstanden. Szondi meinte bspw. zum «Schatten» des biblischen Moses, Moses wäre nicht der Bringer der zehn Gebote geworden, wenn er in seiner Jugend nicht getötet hätte. Auch Jung stellt einen stringenten Zusammenhang zwischen Schatten und Schuld her, bei Männern, die vermeintlich «zu grossen Dingen» erwählt seien. Ohne Schuld gebe es leider keine seelische Reifung und keine Erweiterung des geistigen Horizontes, behauptete Jung. Meister Eckhart habe gesagt: «Darum hat denn auch Gott das Sündenelend am öftesten gerade über die Menschen verhängt, die er zu grossen Dingen hat ersehen wollen» (ID-Buch 684, 115-117). - Die Sequenz könnte auf derlei schwer verdauliche Kost hinweisen, die der Träumerin zu dieser Zeit (und auch später noch) zu schaffen machte.

05.07.1961

Weltraum

Ich sause in den Weltraum hinaus, auf dem Rücken liegend und mit angezogenen Beinen. Dies, nachdem ich aus meinem Bett geschleudert worden war, 155

05.07.1961

 

Der Begriff «Weltraum» ist identisch mit dem Weltall, das weltfern und ohne Grenzen ist. In dieses Weltall «geschleudert» zu werden, bedeutet in eine Welt ohne andere Menschen hinein geworfen zu werden, also in die grösste Einsamkeit. Dies könnte aber auch als eine Chance genommen werden, sich stärker auf das «Eigene» zu konzentrieren. Denn ohne die Fähigkeit, Einsamkeit zu ertragen und sie progressiv zu nutzen, sind wir zur totalen Abhängigkeit verurteilt und unser Streben nach «Autonomie» wäre ziemlich nutzlos. Allerdings dürfte eine solche totale Weltferne und Einsamkeit nicht zu lange andauern, denn das Bedürfnis nach Kontakt und Bindung ist nicht weniger legitim als das Bedürfnis nach Autonomie.

02.08.1961

Irrenanstalt

Vor einer Irrenanstalt werde ich von sechs Männern in einen Kampf verwickelt. Fünf Männer lassen von mir ab, als ich sage, ich hätte für zehn Kinder meines Kinderheims zu sorgen, 157

02.08.1961

 

Die «Irrenanstalt» ist eine nicht mehr gebräuchliche Bezeichnung für eine psychiatrische Klinik. Dem Wortsinn nach dürfte die Bezeichnung «Irrenanstalt» für «irregeleitete» Ideen oder Denkgebäude stehen, die von Männern stammen. Zur Irrenanstalt gehören nicht nur die Patientinnen und Patienten, sondern die psychologischen Theorien zu Gesundheit und Krankheit von Frauen und Männern. - Vermutlich fühlt sich die Träumerin durch deren «irregeleiteten» Ideen handgreiflich bedroht und angegriffen, wobei die Zahl Sechs die Stärke dieser Angriffe bezeichnen. Interessant ist, dass alle Männer bis auf einen einzigen von den Angriffen ablassen - als Folge der Mitteilung, dass die Frau sich der Versorgung von «Kindern» widmet und zwar Kindern von anderen Personen. - Auf der Objektebene verstanden könnte dieser Sachverhalt bedeuten, dass die Frau für diese Männer (oder für einen einzelnen Mann) nunmehr geeignet scheint, die Anima-Rolle zu übernehmen, wobei der weiter kämpfende Mann ein Ausdruck von Zweifeln an dieser Hoffnung darstellen könnte. Wichtig scheint mir, dass sich die Träumerin dem Kampf dieser Männer stellt und nicht ausweicht.

15.12.1961

Giraffe

Eine weibliche Giraffe, die vor einen Apfel- und Gemüsewagen gespannt ist, singt mit tiefer Männerstimme ein Lied, 162

15.12.1961

 

Giraffen fallen durch ihren überlangen Hals auf. Dank diesem Hals tragen sie ihren Kopf hoch über ihrem Körper und die Augen erlangen eine grosse Weitsicht. Das Singen jedoch ist völlig untypisch für Giraffen, anders als bei gewissen Vogelarten, die tatsächlich «singen» können (Nachtigall, Amseln). Anderseits entstammt der Gesang dem Kopf (wenn auch nicht nur), ebenso wie die Weitsicht der Augen, die einerseits auf Erkenntnisfähigkeit, aber enger auch für eine «verkopfte» Tätigkeit der Intellektualität stehen können. Im Unterschied dazu steht das Singen für Musisches und Sinnliches, das in der Psychologie dem «unteren» Körperpol zugeordnet wird und vermeintlich einen Gegensatz bildet zum (oberen) Pol des Kopfes. Die Traumsequenz dagegen erinnert daran, dass Denken und Erkennen keineswegs einen Gegensatz bilden zur «Musik» der Sinnesorgane und auch keinen Gegensatz zur «Notwendigkeit» der Alltagsarbeit. Die weibliche Giraffe ist nämlich «eingespannt» in ein Gefährt, das Lebensmittel transportiert. Diese Lebensmittel sind auffallenderweise unverfälschte Naturprodukte (Früchte und Gemüse), die als solche für die vermeintlich geistlose und «weibliche» Natur stehen. Früchte und Gemüse gehören zu jener «Musik» der Natur, die alle Sinne ansprechen, auch die «höheren Sinne» (Augen, Erkennen). Die Naturerzeugnisse lassen Herz und Sinne höher schlagen (Farbe, Form, Geruch, Geschmack, Sättigung). Da die Sequenz das Jahr l961 betrifft, deute ich sie als Ausdruck der Tiefenschichten, die sich gegen die sich damals sehr rigid gebärdende Tiefenpsychologie richtet, weil diese «Natur und Geist», weiblich und männlich voneinander trennt. Die vorliegende Sequenz stellt hingegen dar, dass «weiblich und männlich», das Sinnliche und Geistige sehr wohl vereinbar sind, indem beide Bereiche durch ein weibliches Tier dargestellt sind: Es steht dem Wagen mit den «reifen Früchten» vor und erhebt zugleich seine «Stimme», die hier sowohl das «Subjekt» als auch den musischen «Gesang» umfasst. Dass diese weibliche Stimme zugleich eine «tiefe Männerstimme» umfasst, dürfte ganz allgemein auf die Doppelgeschlechtlichkeit der weiblichen (und auch der männlichen) Psyche hinweisen.

04.01.1962

Hahn

Ich schleudere den Hahn, der mich und meine Wanderkollegin in die Beine picken will, auf die Steinstrasse. Der Hahn bleibt blutend liegen, 167

04.01.1962

 

Der Hahn ist ein männliches Tier, das in der Psa als Symbol für Sexualität gilt, kann aber ebenso gut als Ausdruck von männlicher Aggression gesehen werden. Vermutlich stört sich das männliche Tier an den zwei weiblichen Wesen, die sich miteinander auf «Wanderschaft» machen, anstatt mit einer männlichen Person. Vermutlich ist der «Hahn» bzw. der Mann eifersüchtig auf die Frauen, die sich aufeinander einlassen und sich gemeinschaftlich auf den Weg machen können.

25.02.1962

Amsel

Ich sage zu meinem Bruder N. er solle die verfolgte und darum krank gewordene arme Amsel töten, 171

25.02.1962

 

Die Amsel, von unscheinbarem Aussehen, ist ein «Lufttier», wie alle anderen Vogelarten und symbolisiert den geistigen, spirituellen und intellektuellen Bereich. Die Sequenz erwähnt den Grund, weshalb die Amsel krank geworden ist: Sie wird von anderen Vögeln verfolgt, aber wir erfahren leider nicht, warum. Wenn wir die Amsel als ein weibliches Tier verstehen, könnte die Verfolgung das meinen, was weiblichen Menschen in patriarchalen Verhältnissen ständig passiert: Sie werden dominiert und mittels Rollenvorschriften «unten» gehalten, was durchaus mit dem Begriff «Verfolgung» gekennzeichnet werden könnte. Dass diese Vorschriften und Theorien tatsächlich krank machen, hat auch die Ärztin und Leiterin einer Psychiatrischen Klinikabteilung in einem Buch beschrieben (Ingrid Olbricht). Was Frauen krank macht, BN 73). - Aber warum eine «Amsel» töten? Ist das wirklich die einzige Möglichkeit, sie vor Verfolgung zu schützen und von Krankheit zu «befreien»? Auf der Subjektebene ist zu fragen, ob sich die Ängste der Träumerin manchmal derart steigern, dass sie eine Lösung oder Erlösung nur noch in einem symbolischen oder realen Suizid sehen kann?

13.05.1963

Rücken

Auf meinem Rücken trage ich ein Kind, das mir wie ein Buckel angehängt ist. Es sei mein Geistiges, 233

13.05.1963

 

Der «Rücken» ist der Körperteil, dem wir Lasten zumuten, die andere Körperteile nicht zu tragen vermögen. Der Rücken steht zudem für die «Rückseite des Spiegels», den wir selber nicht sehen, aber immerhin spüren können. In dieser Sequenz nimmt dieses «Gespür» ein «Kind» und einen «Buckel» wahr. Das heisst, es wird etwas Wertvolles (Kind) und etwas Hässliches, Lästiges, Lastendes wahrgenommen (Buckel). Die Sequenz erklärt explizit, was dieses «Kind» bedeutet: Es sei das eigene «Geistige» der Träumerin, also das Subjekt, die Individualität. Dieses «Geistige» sei zwar noch neu und daher klein wie ein Kind, aber im Wachsen und Werden begriffen, obgleich es sich zurzeit nur als eine unansehnliche Last manifestiere (Buckel). - Die Botschaft der Sequenz beinhaltet Orientierung und Trost sowie einen Aufruf zu Geduld zum Werdeprozess.

30.10.1963

Rutschbahn

Auf einer Rutschbahn gelange ich in rasender Fahrt zum anderen Ufer. Ich muss aufpassen, dass ich nicht herausfalle oder aus der Bahn gerate und ins Wasser falle, 250

30.10.1963

 

Die Rutschbahn ist kein Selbstbeweger, sie funktioniert nur im steilen Gelände und an Abhängen. Die Fahrt geht von oben nach unten und ist nicht umkehrbar und bewegt sich innerhalb einer festgelegten Bahnung, ist also nicht dem Zufall anheimgestellt. Dennoch ist eine rasende Fahrt in einer Rutschbahn nicht ganz ungefährlich. Nur mit voller Körperbeherrschung und Konzentration lässt sich ein solches Unternehmen ohne Schaden bestehen. - Rutschbahn und rasende Fahrt symbolisieren eine sich «rasend schnell» entwickelnde Situation und Veränderung im Leben. Dabei wird nicht deutlich, ob die Fahrt eine freiwillig gewählte oder notwendige ist. Tatsächlich gibt es im Leben immer wieder Situationen, die eine rasche Entscheidung und ein rasches Handeln erfordern.

02.11.1963

Hühner

Die Hühner meines Kinderheims haben viele Eier gelegt, aber nicht wo sie sollten. Ich finde Eier an den unmöglichsten Orten, 251

02.11.1963

 

Hühner sind geflügelte weibliche Wesen, werden aber in «Hühnerhöfen» gefangen gehalten und ihrer Produkte beraubt (Eier). Haushühner sind wenig geachtete und vermeintlich dumme Tiere, und sie haben vergessen, dass sie fliegen könnten, wenn sie ihre Flügel gebrauchen dürften. Die Metapher «dummes Huhn» ist ständig präsent, während der männliche Hahn stolz auf den Kirchenspitzen reformierter Kirchen prangt. - Zum Symbol «Eier»: In der Mythologie brütet die Göttin bei der Entstehung der Welt «das goldene Ei» der Sonne aus. Das kosmische Ei steht auch für den Logos und ist ein Ausdruck für das Primum Mobile , jene Instanz, wo Gottheiten durch menschliche Symbole erschaffen werden (ID-Buch 801, 24). - Symbolisch verstanden geht es in dieser Sequenz um die geistige Kreativität einer weiblichen Person, die an unüblichen oder unerwünschten Orten ausgeübt wird. Immerhin ist es ihr gelungen, die Früchte ihrer Kreativität zu erkennen und ihrer habhaft zu werden. Trotzdem dürfte das Traumbild eine leise Warnung oder Aufforderung an die Träumerin enthalten: Sie solle genau hinschauen, wofür sie ihre kreativen Kräfte einsetzen und sich verausgaben will.

04.11.1963

Sternenhimmel

In meinem Heimatort betrachte ich den Sternenhimmel. Meine Schwester M. versucht mich daran zu hindern, 252

04.11.1963

 

Der «Sternenhimmel» ist ein Phänomen der Nacht. «Sterne» erhellen das «Dunkel» der seelischen «Nacht», während ein «Sternenhimmel» zu den grossen Ereignissen des Lebens gehört, die uns in einem besonders dunklen seelischen Tiefstand erreichen können im Sinne von Rilkes Erfahrung, dass in grosser Gefahr auch «das Rettende» wächst.

13.12.1963

Kriegsmacht

Eine Kriegsmacht hat das Land erobert und teilt Menschen in lebenstaugliche und -untaugliche ein. Die Untauglichen sollen die Todesspritze erhalten, 262

13.12.1963

 

Die «Kriegsmacht» steht für eine illegale Form von «Polizei» bzw. Ordnungsmacht, wobei die Einteilung in lebenstaugliche und lebensuntaugliche Menschen erschreckend an die Nazi-Mentalität erinnert. Insbesondere ist auf der Objektebene zu klären, wer oder was hinter dieser Kriegsmentalität und Willkürherrschaft steht.

23.09.1964

Gorillaweibchen

Ein Gorillaweibchen versucht die Türe zur Hütte zu öffnen, in die ich mich aus Angst geflüchtet habe, 287

23.09.1964

 

Gorillas gehören zur Gattung der Menschenaffen. Ein Gorillaweibchen unterscheidet sich von einer Menschenfrau durch ihre ansehnliche Körpergrösse und enorme Muskelkraft. Dass ein solches Tier in den Lebensbereich der Träumerin einzutreten versucht, bedeutet, dass eine urtümlich weibliche Kraft in ihr Leben treten möchte. Diesem Tier die Türe zu verschliessen, bedeutet demnach, sich den ungestümen eigenen Urkräften (noch) nicht gewachsen zu fühlen, nicht zu wissen, wie derartige Kräfte integriert werden könnten oder wo solche urtümlichen Kräfte gefragt wären und fruchtbar gemacht werden könnten.

12.10.1964

Kundelette

Ich höre den Namen einer Frau: Sie heisse «Kundelett» und soll eine Stifterin sein. Aber es wird nicht gesagt, was sie stiftet, 294

12.10.1964

 

Die Kennzeichnung einer Person als «Stifterin» assoziiert die Symbole «Stiftung» und «Stift». Das «Stift» kann ein Kloster sein, eine Abtei oder ein Konvent, während «der Stift» auch ein Schreibgerät (Bleistift, Farbstift) oder eine jugendliche Person bezeichnen kann, die eine handwerkliche oder kaufmännische «Lehre» absolviert (der Stift, die Stiftin). Begüterte oder adelige Frauen haben öfters ein «Stift» für Frauen gestiftet, zum Beispiel Hildegard von Bingen. - Es geht in dieser Sequenz aber nicht nur um eine Stifterin, sondern um einen Frauennamen, den es in Wirklichkeit nicht gibt (Kundelett) wobei vielleicht der Name selber auf seine Bedeutung hinweisen könnte. Im Namen «Kundelett» ist das Wort «Kunde» enthalten. Etwas «kund» zu tun, bedeutet, Nachricht geben, Wissen vermitteln, Orientierung und Informationen geben. Auf der Objektebene könnte der Frauenname demnach für Frauenwissen stehen, und die Träumerin wäre aufgefordert, sich damit zu befassen. - Die «Stifterin» steht also für eine Frau, die über Ressourcen verfügt, denn sonst wäre sie nicht imstande, etwas zu «stiften» bzw. etwas zu «gründen». - So gesehen könnte die Sequenz die Träumerin aufmuntern, sich stärker auf den Prozess der Selbstwerdung, die Individuation einzulassen. Das hiesse, sich stärker auf das «Eigene» besinnen, die eigene «Weltsicht» aus Frauenperspektive betrachten, bzw. die Eigenwelt schreibend darzustellen (Stift, Schreibgerät). Auf der Objektebene könnte die Sequenz dazu auffordern, sich nicht auf Veränderungen im «Innenleben» eingrenzen zu lassen, sondern aktiv zu werden inbezug auf Veränderungen im äusseren Umfeld (zu dieser Zeit hatte die Träumerin ihr Psychologiestudium am IAP seit einem Jahr abgeschlossen).

08.12.1964

Zähne

Einige meiner Zähne sind wackelig. Mein Freund Carl B. gipst sie wieder ein, 308

08.12.1964

 

Die Funktion der Zähne besteht im Zerkleinern der Nahrung als Vorbereitung für den späteren Verdauungsprozess. In der Symbolik stehen Zähne für kritische Analyse, für das genaue Wahrnehmen, konsequente Zergliedern von Sachverhalten und geistigen Inhalten. Zähne symbolisieren aber auch Aggression. - Die «wackelig» gewordenen Zähne besagen, dass die Fähigkeit oder der Mut zur genauen und konsequenten Wahrnehmung gelitten hat. - Die Sequenz berichtet, dass ein Mann der Träumerin behilflich ist, gewissen Tatsachen ins Auge zu sehen (Zähne wieder eingipsen), wobei die Frage, wer der Mann ist und warum er dies tut, keine Rolle zu spielen scheint.

24.12.1964

Vogel

Eine Schildkröte sitzt mit einem Vogel in einem Käfig und wird vom Vogel, der unter ihr sitzt, in ihre Weichteile gepickt, 313

24.12.1964

 

Schildkröte und Vogel: Die Schildkröte wirkt zufolge ihrer ganz und gar unaggressiven Kopf-Form als ein friedfertiges und sanftes Tier, und ihr Körper wirkt ohne den schweren Panzer, den sie auf ihrem Rücken trägt, überaus verletzlich. Die Schildkröte, die nach der Mythologie und alter Völker als das Lebewesen gilt, auf dem die Erde, die Schöpfung ruht und  die Schöpfung darstellt sowie im alten China als ein stabilisierendes Wesen galt (Walker: BN 801, 518-519), wird hier in ihrer extremen Verletzlichkeit gezeigt. Die Verletzung ihrer Weichteile ist nur möglich, weil die Schildkröte erstens in einen Käfig eingesperrt ist und zweitens in einer Position, die es einem anderen Tier ermöglicht, diese verletzlichen Teile überhaupt zu erreichen. Das Bild von Schildkröte und Vogel, die zusammen in einen «Käfig» eingesperrt sind, erinnert an die despektierliche Rede über «Beziehungskisten». Auffallend ist, dass der Vogel, dem aus patriarchaler Sicht der «obere» Bereich, das Denken und die Führungspositionen zusteht, sich im unteren Teil des «Käfigs» befindet, die Schildkröte dagegen im oberen Bereich, obgleich sie aus patriarchaler Sicht «unten» zu sein hätte. Sicher ist, dass die Sequenz auf eine prekäre Situation aufmerksam macht.

26.12.1964

Universitätsstadt

Ich bin zwecks Studium in eine Universitätsstadt gereist: Fribourg oder in eine Stadt in Japan oder Indien, 315

26.12.1964

 

Städte in «Japan oder Indien» stehen vermutlich, da sie als «Universitätsstädte» bezeichnet werden, für Bildungs- und Ausbildungsinteressen im intellektuellen Bereich. Auf der anderen Seite könnten die orientalischen Länder, Japan oder Indien, auch für den Gegensatz von östlicher und westlicher Spiritualität stehen und für eine Faszination bezüglich östlicher Weisheitslehren (Yoga, Zen, Meditation) sowie auch den Wunsch ausdrücken, den Orient zwecks «Studium» der Lehren von «östlicher Weisheit» und Spiritualität zu besuchen. Der Wunsch nach «Studium» schliesst natürlich eine gewisse Skepsis gegenüber «östlicher Weisheit» nicht aus. Studium beinhaltet ja auch Reflexion und Kritik. Dasselbe könnte von der erstgenannten schweizerischen Stadt, Fribourg, gelten, da sie eine Hochburg katholischer christlicher Identität darstellt. - Es könnte sein, dass die Träumerin sich sowohl intellektuellen als auch spirituellen Fragestellungen zuwenden möchte.

07.01.1965

Mönch

Ein Mönch beschimpft mich als Ketzerin, weil ich mich von seiner Predigt fern halte, 319

07.01.1965

 

Die «Ketzerin» steht für dasselbe wie der «Ketzer», nämlich für die Verteidigung des eigenen Standpunkts gegenüber offiziell vertretenen und mit dem Siegel der «Unfehlbarkeit» vorgetragenen Lehrmeinungen (Mönch, Predigt). Das Sich-Fernhalten von einer «Predigt» bzw. die Verteidigung des eigenen Standpunkts steht für den Anspruch, aufgrund eigener Erfahrungen und des eigenen Denkens und Fühlens zu Erkenntnissen gelangen zu können, anstatt blindlings die gerade geltenden «Lehren» übernehmen zu müssen.

28.01.1965

Pfarrer

Der Pfarrer im Beichtstuhl überhört, was ich zu sagen versuche. Zudem weiss ich, dass ihm Leute mit Skrupeln unsympathisch sind, 338

28.01.1965

 

Das Wort «Pfarrer» bezeichnet einen Mann, der sich als «Seelenhirt» versteht und dessen Amt im Beichtstuhl im Zuhören besteht. Das Bild vom Pfarrer, der im Beichtstuhl überhört, was die «beichtende» Frau zu sagen versucht, bedeutet zweierlei: Erstens, dass ein Mann über die Psyche einer Frau Kontrolle ausübt (sie soll offen ihre «Sünden» bekennen, ihre Unzulänglichkeiten darlegen) und zweitens, dass er gar nicht wirklich interessiert ist, was die Frau mitteilen möchte. Vielmehr übt der Pfarrer und Seelenhirt lediglich ein Amt aus. Das Bild von «Pfarrer» und «Beichtstuhl» und der «beichtenden» Frau lässt auch an die Situation in der psychotherapeutischen Praxis denken, die in dieser Sequenz ins Visier genommen und kritisiert wird.

20.02.1965

Krokodil

Das Krokodil, vor dem ich und andere fliehen, sagt, es wolle sich ja nur zum Reiten zur Verfügung stellen. Ein jüngeres Mädchen wagt den Ritt, 339

20.02.1965

 

Das Krokodil ist eines der gefährlichsten Tiere für uns Menschen, weil es blitzartig zuschnappt, während es wie schläfrig dazuliegen scheint. Ein Rapport mit Krokodilen ist nicht möglich. Umso auffallender ist die Behauptung unseres Krokodils, es wolle sich nur zum Reiten zur Verfügung stellen. Können wir dies glauben? Symbolisch verstanden geht es um enorme aggressive Kräfte, denen gegenüber es angebracht ist, misstrauisch zu reagieren. Auf der anderen Seite könnte die Sequenz darauf aufmerksam machen, es sei grundsätzlich möglich, potentiell gefährliche Kräfte in produktiver Weise zu nutzen. Auf einem solchen «Krokodil» zu reiten besagt, sich seiner Kräfte besinnen und sie gezielt anwenden zu können. Allerdings hängt die Richtung der Aggressionskraft von unserer ethischen Entscheidung ab. Nach Agnes Heller hängt es von unserer Gefühlswahl ab, ob wir unsere Fähigkeit zur blitzartigen Reaktion, beispielsweise gegenüber verbalen Angriffen, einsetzen wollen im Sinn von nötigen Berichtigungen oder mit der Absicht einer Verletzung. Die anfängliche Flucht vor dem Krokodil verstehe ich als eine verständliche und an sich richtige Aggressionsangst, wobei diese Angst aber bei heutigen Frauen ein ungesundes Mass angenommen hat. Dieser Angst tritt diese Sequenz entgegen, indem ein weibliches Kind den Schritt zum Ritt auf dem Krokodil wagt. Die Sequenz sagt aber nichts darüber aus, wie die Sache ausgeht.

15.11.1965

Welt

Ich befinde mich auf einer Weltreise mit Meerfahrt, 363

15.11.1965

 

Mit den Bezeichnungen «Weltreise und Meerfahrt» sind im Grunde keine konkreten «Orte» angegeben. Vielmehr verweisen sie auf ein unbestimmtes Verlassen von alten «Orten» sowie auf einen Aufbruch und eine Öffnung zu noch unbekannten Orten. Dieser Aufbruch kann sowohl mit geistigen Auseinandersetzungen als auch mit erotischen Begegnungen verknüpft sein, wobei zu bedenken ist, dass sowohl der Aufenthalt in der Welt der grossen geistigen Auseinandersetzungen als auch die Öffnung für intensive erotische Gefühle (Meer) nicht gefahrlos sind. Vielmehr erfordert eine «Weltreise und Meerfahrt» Mut und Kraft, um der Vielgestaltigkeit und Partikularität dieser Welten standzuhalten und neue Gleichgewichte herzustellen. - Die Sequenz könnte besagen, dass die Träumerin sich in einer Situation befindet, die ein neues Gleichgewicht zwischen den Ansprüchen von Denken und Fühlen sowie den Bedürfnissen nach Autonomie und Bindung erfordern.

23.11.1965

Wildschwein

Vor dem Wildschwein, das auf unser Haus zukommt, ängstige ich mich. Daher verschliesse ich sorgfältig die Türe, 366

23.11.1965

 

Das Wildschwein, die Wildsau, symbolisiert nach Jutta Voss im «entwickelten Matriarchat» die starke, aggressive, autonome und sexuell vitale Frau (ID-Buch 80, 125). So gesehen bedeutet die Angst vor dem Wildschwein und das Verschliessen des Hauses, dass die Träumerin ihre «kraftvolle Wildheit» und «lustvolle animalische Sexualität» draussen lassen will oder muss. Es wäre falsch, aus dieser Sequenz eine grundsätzliche Ablehnung von sexueller Kraft und «Wildheit» abzuleiten. Eine Frau durfte zu dieser Zeit (1965) ihr starkes sexuelles Begehren nicht zeigen, weil sie mit gesellschaftlichen Sanktionen rechnen musste, welche ihre berufliche und persönliche Existenz gefährdet hätte. So gesehen hätte die Träumerin allen Grund, sich ihrem eigenen «Begehren» entgegen zu stellen. Die Fähigkeit zu einem klaren «Nein» gegenüber einem Begehren, das möglicherweise das Leben als Persönlichkeit und Sozialwesen gefährden könnte, wäre im Grunde als eine positive Fähigkeit zu werten (der Preis für eine lustvolle Sexualität kann manchmal zu hoch sein).

25.03.1966

Brust

Um die «Brust» herum ist mir das Kleid zu eng, das ich trage, während ich in der Kirche sitze, 398

25.03.1966

 

Die weibliche Brust symbolisierte in der menschlichen Frühzeit weibliche Macht und Potenz. - Die von der Träumerin empfundene Enge «um die Brust herum» könnte eine Kritik an der patriarchalen Vorstellung beinhalten, die weibliche Brust sei symbolisch ein nie versiegendes weibliches und mütterliches Geschenk an den Mann. - Die Sequenz unterweist die Träumerin über die «Enge» und die Falschheit der vorherrschenden Lehre über die milchspendenden weiblichen Brüste.

26.03.1966

Mäuse

Ich füttere Vögel und lasse sie ins Haus. Da verwandeln sie sich in gefrässige Mäuse, 399

26.03.1966

 

Das Thema «Vögel füttern» erinnert mich an die Aussage der Jungianerin Marie-Louise von Franz. Sie schreibt: wer sich in den Märchen den Dank und die Hilfe der Tiere erwerbe, siege immer. Dies sei die einzige Regel ohne Ausnahme, die sie habe finden können. Aber diese heilvolle Funktion sei an eine Bedingung geknüpft: Der «Held» müsse dem Tier gegenüber loyal sein (ID-Buch 482, 108-109). Für die vorliegende Sequenz scheint diese Märchenregel nicht zu gelten. Die Träumerin füttert Tiere, ist also «hilfreich». Aber die Tiere sind «gefrässig» und sie wollen daher mehr als die Träumerin zu geben in der Lage oder bereit ist. Es geschieht, was alltagssprachlich heisst: «Ich gebe einen Finger und du nimmst die ganze Hand». Eine weitere Metapher bezeichnet gewisse Männer als «leichte Vögel». Gemeint sind solche, die sich um die Wirkung ihrer Handlungen im erotischen Bereich nicht kümmern. Die Sequenz führt drastisch vor, was passiert, wenn eine Frau sich mit einem solchen «Vogel» einlässt und ihn auch noch «füttert». - Die Sequenz könnte die Warnung an die Träumerin beinhalten, sie sei dabei, dem patriarchalen Frauenbild und somit einer Totalvereinnahmung ihrer Person zu erliegen.

02.05.1966

Tschechoslowakei

Eine aus der Tschechoslowakei zurück gekehrte vermeintliche Hinterwäldlerin möchte ihren Landsleuten in der Schweiz das heimatliche «Erbe» nahe bringen, 403

02.05.1966

 

Zu «Tschechoslowakei» in Verbindung mit «heimatliches Erbe» assoziiere ich einen aus der Tschechei stammenden Mönch und dessen geistige «Erbschaft», die mir durch die Beschreibung von Walter Nigg ein spontanes Gefühl von «Heimat» vermittelte. Der Mönch habe zu den «Grüblinsleuten» gehört, weil er ein bedächtiges Wesen hatte. Auf seinen (unfreiwilligen) «Visitationsreisen» habe er mit offenen Augen Berge, Flüsse, Flora und Fauna beachtet und er sei auch in die Bergwerke hinab gestiegen. Er habe nicht die Angst seiner mittelalterlichen Zeitgenossen gekannt, die die Natur von «unheimlichen Geistern durchwirkt» wähnten (Nigg, BN 1160). - Im Grunde geht das liebevolle Interesse und Verständnis für die «Natur» und ihrer Erscheinungen auf vorpatriarchale, matrizentrierte Erbschaften zurück, die zum Beispiel durch natur- und pflanzenkundige Beginen und andere Frauen weitergetragen wurden. Es scheint mir, es gehe hier um die Wertschätzung der Fähigkeit, die Welt, die eigenen Wurzeln (Herkunft, Entwicklung) mit eigenen Augen zu sehen und zu beurteilen sowie um den Mut, sich zur eigenen Erfahrung zu bekennen.

23.06.1966

Tyrann

Ich habe einen Tyrannen erschossen. Vom Gericht werde ich freigesprochen, weil ich in Notwehr gehandelt hätte, 410

23.06.1966

 

Das Wort «Tyrann» bezeichnet einen «unumschränkten Gewaltherrscher», wobei das «Erschiessen» des Tyrannen eine vehemente Zurückweisung von Gewaltherrschaft ausdrückt. Das Wort «Notwehr» bezeichnet nach Brockhaus die zur Abwehr eines gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriffs erforderliche Verteidigung. Die Notwehr sei nicht rechtswidrig und daher weder strafbar noch zivilrechtlich unerlaubt; sie umfasse die Verteidigung gegen Angriffe auf Leib und Leben sowie auf andere Rechtsgüter, z.B. von Eigentum. Tatsächlich wird in der Rechtsprechung selbst das Töten eines Gewaltanwenders, das in Notwehr erfolgte, nicht belangt. - Auffallend ist, dass zwar von einer Notwehrhandlung gegenüber einem Tyrannen berichtet wird, nicht aber, worin dessen Tyrannei bestand. Lediglich die oben angeführte Beschreibung lässt verstehen, dass es sich um «Angriffe auf Leib und Leben» sowie auf «Vermögen» im übertragenen Sinne gehandelt haben muss. - Die Sequenz vermittelt, es bestünden erhebliche Angriffe auf das «Vermögen» der Träumerin, also auf ihre Kräfte und Fähigkeiten, ferner seien existenzielle Werte gefährdet, wie die Begriffe «Leib und Leben» anzeigen. - Auf der Subjektebene wäre zu fragen, ob die Träumerin auf einen «Tyrannen» in sich selber aufmerksam gemacht wird. Auf der Objektebene wäre zu untersuchen, auf wen die Symbolfigur «Tyrann» zutreffen könnte, von dem sich die Träumerin mittels einer radikalen Massnahme lossagen solle, zum Beispiel durch sofortige Trennung (erschiessen).

09.07.1966

Lastwagenführer

Ein Lastwagenführer macht bei einer Holzbeige kehrt mit einem waghalsigen Manöver, 415

09.07.1966

 

Der «Lastwagenführer» symbolisiert eine Person, die schwere «Lasten» trägt und transportiert, die mit blossen Händen nicht getragen werden können. Das Kehrtmachen bei einer nicht weiter führenden Strasse (Holzbeige) steht für die Fähigkeit, in einer ausweglosen Situation konsequent und flexibel zu handeln, auch wenn dies eine Art «Rückzug» darstellt (Fahrzeug wenden).

10.12.1966

handgehäkelte

Decke

Ich wickle Mutters handgehäkelte Decke um ein Baby, um es in der Kühle des Abends und beim Bergabstieg warm zu halten, 437

10.12.1966

 

Die «handgehäkelte Decke» symbolisiert selber erarbeitete Inhalte, die zudem die Fähigkeit haben, uns oder andere zu wärmen. Sie versorgt ein «Neugeborenes», das wachsen und werden und in die Welt hineinkommen will, mit wärmender Anteilnahme und Interesse. Erfreulich ist, dass dies der Produktion oder dem Produkt (Baby) einer anderen Frau zukommt.

28.04.1967

Detektiv

Ein Detektiv erbeutet im Lager von zwei gesuchten Gaunern ein kugelsicheres Auto und fährt damit weg, 461

28.04.1967

 

Hier kommen zwei Sorten von «WeitereMenschen» vor: «Detektiv» und «Gauner». Diese Symbolfiguren stellen zwei Gattungen männlicher Menschen dar, die Gegenspieler sind. Das Wort «Detektiv» bezeichnet «jemanden, der Ermittlungen durchführt», Sachverhalte aufdeckt und enthüllt (ID-Buch 1313, 123). - In dieser Sequenz wird der Detektiv als ein mutiger Einzelkämpfer vorgeführt, der «Kopf und Kragen» riskiert, um den «Gaunern» das Handwerk zu legen. Es scheint, der Detektiv habe nicht einmal eine Schusswaffe bei sich, denn seine Absicht ist offensichtlich nicht, die «Gauner» umzubringen, sondern ihr «gaunerisches» Tun zu unterbinden. Dass es ihm gelingt, ins Lager der «gesuchten Gauner» einzudringen, könnte besagen, er habe deren psychische Struktur mit ihren Schwachstellen erkannt. Sich mit einem «kugelsicheren» Auto und somit gefahrlos aus dem Gaunerbereich zu entfernen, könnte bedeuten, die Methoden des Gaunertums zu erkennen und sie damit wirkungslos zu machen. - Zur Symbolfigur «Gauner» assoziiere ich das Wort «Gaunersprache», die Ingeborg Bachmann bei ganz gewöhnlichen Männern ausmacht sowie deren entsprechende Gaunermentalität, die sie kritisiert. Gemeint waren die vielen «Gurus» mit ihren «Lehren», die das Denken und Fühlen der Menschen mehr verwirren als erhellen. - Es scheint mir, die Träumerin werde von ihren Tiefenschichten auf Probleme aufmerksam gemacht, die sich aus unterschiedlichen, in Gesellschaft und Tiefenpsychologie verankerten Männerbildern und -verhaltensweisen ergeben und zugleich auf eine Möglichkeit, verändernd auf diese einzuwirken.

03.05.1967

Sklavin

Ein Mann will mich zu seiner Sklavin machen: Er gräbt sich mittels eines feinstofflichen Körpers in mich ein, 462

03.05.1967

 

Das Wort «Sklavin» steht hier für ein asymmetrisches Beziehungsverhältnis zwischen den Geschlechtern. Es ist von einem Hierarchieverhältnis die Rede, bei dem männlicherseits der autonome und besitzende Teil beansprucht wird, und zwar in einer Art und Weise, dass in der Träumerin das Gefühl aufkommt, dies könnte zu einer totalen Unterdrückung ihrer Persönlichkeit und Abhängigkeit führen. Die Aussage, dies geschehe nicht offensichtlich, sondern durch feine Methoden (feinstofflich), könnte ein Vorgehen auf psychologischer Ebene bezeichnen. - Auf die Objektebene bezogen, könnte die Träumerin aufgefordert sein, die Art einer bestimmten heterosexuellen Beziehung oder Verbindung genauer unter die Lupe zu nehmen, ansonsten sie Gefahr laufe, innerhalb der Beziehung ihr Eigenes aufzugeben, sich als Persönlichkeit aufzulösen und Selbstverlust zu erleiden.

12.05.1967

Stehleiter

Ich stelle eine Leiter an, damit andere Leute das viele Obst auch sehen können, das ich von oben gesehen habe. Aber die Leiter gibt nach und ich falle zu Boden, 463

12.05.1967

 

Die Leiter symbolisiert hier eine neue Perspektive, mittels der auch andere Leute die köstlichen Dinge sehen können wie sie die Träumerin sieht (Früchte). Die mangelnde Stabilität der «Leiter» verhindert diese übergeordnete Sicht, dass heisst, die Vermittlung der neuen Perspektive schlägt fehl.

27.10.1967

Maler Picasso

Der Maler Picasso will den schönen Schal meiner Schwester M. ungefragt als Motiv für ein Bild an sich nehmen. Aber ich lasse ihn nicht, 493

27.10.1967

 

Der Maler Picasso steht für den männlichen und psychologischen Anspruch, Männer hätten «Werke» zu schaffen und der Welt zu hinterlassen und Frauen könnten und sollten ihnen als «Muse» und Inspiratorin ihre kreativen Fähigkeiten zur Verfügung stellen (Motive). - In der Sequenz kommt die Angst der Träumerin zum Ausdruck, sie werde ausgebeutet, statt selber kreativ sein zu können.

01.11.1967

Einbaum

In einem Einbaum rudere ich flussaufwärts, 496

01.11.1967

 

Der Einbaum ist ein aus einem einzigen Baumstamm gefertigtes Boot, das heute noch in afrikanischen und anderen urtümlichen Kulturen verwendet wird. Es ist von Hand gemacht und muss zudem mit der Kraft der eigenen Arme und Hände betrieben werden (rudern). Das Boot bietet einer einzigen Person Platz. - Der Einbaum könnte demnach auf eine urtümliche Form von Autonomie hinweisen, die auf Geschicklichkeit und Kraft einer einzigen Person baut (Bootsbau und Rudern). - Die Träumerin scheint sich ganz und gar auf eigene Geschicklichkeit und Kraft zu verlassen, oder genötigt zu sein, dies zu tun.

04.12.1967

Moskau

Es heisst, eine Frau Baumann sei in politischer Mission nach Moskau delegiert worden. Obgleich sie eine einfache Frau aus dem Volk sei, 506

04.12.1967

 

Die Stadt Moskau steht hier für ein «Land», das zu dieser Zeit ein unfreies, ja geknechtetes Land war (Sowjetunion). Ein solcher «Ort» könnte auf der Subjektebene eine Situation oder Beziehung darstellen, die als unterdrückend und als Knechtschaft empfunden wird. In Verbindung mit dem Wort «Baumann», in dem ein aktiver Aspekt enthalten ist (bauen) und der Berufung der Frau zu einer «politischen Mission», könnte die Sequenz als Auftrag an die Träumerin verstanden werden, ihre vermeintlich private Situation der Unterdrückung als eine politische zu verstehen und etwas dagegen zu unternehmen. Ferner soll sie dies mit gewaltfreien Mitteln tun, insbesondere mit politischen Mitteln (politische Mission). - Die Erkenntnis, dass das Private etwas mit dem Politischen zu tun hat, also mit dem öffentlichen Bereich, wurde erst Jahre später von der feministischen Bewegung pointiert formuliert («das Private ist politisch»). Zu diesem Politischen gehören auch die Bestimmungen über das Geschlechterverhältnis, das zu dieser Zeit noch ganz ungeniert als ein hierarchisches definiert und von der Tiefenpsychologie gestützt wurde (Jung formulierte, der Geist sei männlich, das Weibliche sei die Dienstmagd am Männlichen), wobei dieses Faktum zugleich kaschiert wurde durch die vermeintliche Überwindung dieser Ungleichheit durch den Prozess der Individuation. - Es scheint, dass die Träumerin zu dieser Zeit intensiv mit diesem Problem konfrontiert wird und nach Antworten sucht.

04.01.1968

zweiköpfiges Tier: Schlange/Riesenechse

Ein zweiköpfiges Tier, das auf einem Bild zu sehen war, wird lebendig. Das zusammengewachsene Tier besteht aus einer Schlange und einer Rieseneidechse, 513

04.01.1968

 

Dieses zweiköpfige Tier, bestehend aus Schlange und Riesenechse, könnte auf einen Integrationsvorgang hinweisen, in dem beide Lebewesen in ihrer geistigen Eigenart gesehen und respektiert werden (zwei Köpfe). Zwei Köpfe und vier Augen können mehr wahrnehmen, als nur ein Kopf und zwei Augen. - Zur Erinnerung: Die kosmische Schlange und die Schildkröte galten als die zwei legendären Tierwesen, die die Grundlagen der Welt bilden. Die Riesenschildkröte galt als das stabilisierende Tierwesen, auf dem die Erde und die Schöpfung ruht, während die Schlange für Erleuchtung und Weisheit sowie für Veränderung und Wandlung steht. - Für das Verständnis dieser Symbolik habe ich bei der politischen Philosophin Agnes Heller eine Begrifflichkeit gefunden, welche verständlich macht, was diese Sequenz und der Mythos von Schlange und Schildkröte besagen könnte. - In ihrem Menschenbild geht Agnes Heller von zwei Grundbedürfnissen aus: Vom Bedürfnis nach Erhaltung und Erweiterung. Das Bedürfnis nach Erhaltung entspricht im Grunde dem, was die Schildkröte symbolisiert: Stabilität und Tragfähigkeit. Das Bedürfnis nach Erweiterung entspricht dem, was die Schlange symbolisiert: Veränderung und Erneuerung. Zur Stabilität gehört das Bedürfnis, «Boden unter den Füssen» zu haben, verankert zu sein, Körper und Seele lebendig und gesund erhalten zu können und sozial «getragen» zu sein. Zur Erweiterung und Veränderung gehört die Aneignung von «Welt» im Sinne von Informationserwerb und Erfahrungen mittels Handeln in der Welt. So gesehen könnte die Verschmelzung von Schlange und Schildkröte die beiden menschlichen Grundbedürfnis darstellen, die sich zu Wort melden. Interessant ist für mich, dass diese Verschmelzung nicht zu einem schalen Einheitsbrei verkommt. Denn dafür könnten die «zwei Köpfe» sorgen, die fähig und imstande sein sollten, an den je eigenen Bereichen der Bedürfnisse festzuhalten. Die nahe Verbindung dieser Urtiere halte ich für eine wünschenswerte Verbindung und sie scheint sogar eine glückliche zu sein. - Die Sequenz dürfte auf eine positive Entwicklung hinweisen, die in Richtung Differenzierung des Denkens und Fühlens geht.

13.08.1968

Kaninchen

Kaninchen entwickeln sich aus einer Schlange, während ich diese zerschneide. Die Schlange sagt, sie könne schon etwas dagegen tun, 530

13.08.1968

 

Ein kleines harmloses Kaninchen aus einer Schlange, dem Symbol von Lebenskraft und Weisheit, entstehen zu sehen, vermittelt irgendwie ein unbehagliches Gefühl. Das Kaninchen symbolisiert zwar auch Fruchtbarkeit, steht aber in unserer Gesellschaft für Angst und Feigheit, denn es laufe immer weg und stelle sich nie dem Feind (Angsthase, Hasenfuss). Im Unterschied dazu symbolisiert das Kaninchen nach indianischer Weisheit die Gabe des Zuhörens sowie die Fähigkeit, Schwierigkeiten zu erspüren, bevor sie tatsächlich da sind. Die indianische «Medizin» rät, in den Schutz und die Ruhe des eigenen «Baues» zurückzukehren, um das «angeschlagene Nervenkostüm» nach einem grossen Schrecken oder einer ernsten Krise wiederherzustellen. - So gesehen könnte die Sequenz besagen, dass es manchmal gut sein kann, nicht auf die eigene Lebenskraft zu bauen, sondern sich zurückzuziehen, um die Gabe des «Zuhörens» zu üben und zu schärfen. Die von der Schlange symbolisierte Lebenskraft ist trotz des Zerschneidens weder tot noch verschwunden, denn sie redet und behauptet souverän, etwas dagegen tun zu können. Sie handelt also aus einer «Situation der Stärke», denn sie lässt eine Beschneidung ihres vitalen Lebensanspruchs zu, obgleich sie diesem Geschehen ein Ende setzen könnte. Im Unterschied zu dieser Deutung ist die Psa geneigt, die Sequenz als eine Ablehnung der Sexualität zu interpretieren, während es im Leben manchmal nötig und hilfreich sein kann, vitale Ansprüche eine Zeit lang in den Hintergrund schieben zu können. Zu bedenken ist, dass die Sequenz im Jahre 1968 spielt, zur Zeit der sexuellen «Revolution» und der «Blumenkinder». Damals wurde der Geschlechtsverkehr zum «gesündesten und wichtigsten Sport der Menschheit» banalisiert oder in seiner Bedeutung auch mit «einem Glas Wasser» verglichen. Ferner wurde gesagt, der Zweck der Ehe sei, «gemeinsames sexuelles Vergnügen zu finden» und in zweiter Linie, «eine Familie zu gründen». Schliesslich sollten Eltern ihren Kindern sagen, sie sollten «möglichst oft masturbieren», weil dies ganz natürlich und unschädlich sei (ID-Buch 231, Seiten 23, 71, 89).

26.08.1968

Mond

Ich erwähne, dass ich einmal an einem regulären Flug zum Mond teilgenommen habe. Dies, nachdem sich jemand mit seinen vielen Reisen gebrüstet hatte, 532

26.08.1968

 

Der Mond ist für uns Menschen ein weit entfernter, kaum erreichbarer und auch unwirtlicher Ort. Eine solche Entfernung kann, positiv gedeutet, dazu befähigen, die Welt und ihr Treiben mit Abstand zu betrachten. Eine Mondreise könnte aber auch zu einer Entfremdung von der Welt führen. Die Sequenz besagt aber, dass die Träumerin von einem Flug zum Mond zurückgekehrt ist, und dass die Reise zeitlich zurückliegt. Die Sequenz redet von einer vergangenheitsbezogenen Reise. Eine Entfremdung von der Welt und den Menschen hat nicht stattgefunden oder ist bereits überwunden. Das Mond-Erlebnis könnte auch die Erfahrung ausdrücken, dass die Sicht auf die Menschenwelt aus kosmischer Perspektive sehr hilfreich sein kann. Aus weiter Entfernung vermögen wir die Dinge oft wieder in ihren richtigen Dimensionen zu sehen und zu beurteilen und können dadurch eine neue Sicherheit gewinnen. - Die Sequenz scheint die Träumerin auf diese Möglichkeit aufmerksam zu machen, oder zeigt auf, dass sie eine solche Erfahrung, die auch eine Beziehung betreffen kann, bereits ohne Schaden gemacht hat und in ihren Alltag zurück zu kehren vermochte.

12.10.1968

Stute

Die Stute, die in einem Fluss schwimmt und auf denselben Namen hört wie meine Hündin, wird von der Hündin am Ausstieg aus dem Wasser gehindert, 538

12.10.1968

 

Die Stute ist ein weibliches Pferd und gehört als solches zu den pflanzenfressenden und ebenso zu den friedfertigen Tieren. Die Stute strotzt, wie alle Pferde, vor Lebendigkeit und Vitalität und ist zudem ein sehr elegantes Tier. Die Stute vermag auf ihrem Rücken Menschen zu tragen und sie wird auch zu Pferderennen eingesetzt. Mit einer Stute ist ein gewisser Rapport möglich, wenn auch nicht in gleicher Weise wie mit einem Hund. Es scheint mir, die Sequenz rede von einer Konkurrenzsituation zwischen zwei weiblichen Tieren und zudem davon, weibliche Wesen nicht über einen Leisten zu schlagen, sondern als unterschiedliche Charaktere wahrzunehmen. Stute und Hündin könnten für verschiedene Seiten der Träumerin stehen, und es erscheint schwierig, beiden gerecht zu werden. Die Hündin, verstanden als kommunikative Fähigkeiten und Bedürfnisse, die Stute, verstanden als vitale Aspekte und Bedürfnisse, sind nicht immer unter einen Hut zu bringen. Mal leidet die eine Seite, mal die andere und es ist fraglich, ob es in einem Arbeitsleben, das Berufstätigkeit und gleichzeitige Betreuungsarbeit als Mutter eines Kindes umfasst, überhaupt möglich sei, allen Seiten gerecht zu werden.

02.11.1968

London

Mit meinem Bruder B. bin ich auf einer Reise nach London oder New York. Ich bin für sein Baby verantwortlich und ärgere mich, dass ich nicht abgelehnt habe, es mitzunehmen, 543

02.11.1968

 

Die Städte London und New York sind Grossstädte, und beide haben, auch 1968, den unheimlichen Ruf, dass sie anonym und die dortigen Menschen beziehungslos seien. - Dass die Träumerin an einen solchen anonymen und beziehungslosen Ort ein Kleinkind, gar ein Baby mitnimmt, wirkt inadäquat. - Verständlich wird die Sequenz, wenn wir das «Baby» des «Bruders» als Produktion und «Sache» eines Mannes verstehen, dem die Frau innerhalb einer unfreundlichen bis lebensfeindlichen Situation Pflege angedeihen lassen soll. Der Mann entbindet sich der Aufgabe, sich seines im frühen Stadium des Werdens befindlichen «Werkes» pfleglich anzunehmen. Die Sequenz macht auf diese verkehrte Situation aufmerksam und der Ärger der Träumerin ist verständlich.

07.02.1969

Dickwanst

Während ich mit einem Mädchen ein Boot rudere, versucht ein nackter Dickwanst mich ins Wasser zu werfen, 558

07.02.1969

 

Der Dickwanst steht für ein männliches Wesen, der ganz Körper ist und zwar in einem negativen Sinn, indem nämlich das Geistige vom Übergewicht des «Fleisches» oder des «Fleischlichen» zugedeckt wird. - Die Sequenz drückt einen Konflikt aus zwischen einem Leben, dass sich in bloss körperlichen (fleischlichen) Genüssen erschöpft und der Gefahr, die von einem solchen Dasein für die Persönlichkeitsbedürfnisse und Selbstwerdung ausgeht.

10.11.1969

USA

Von einer Frau aus den USA habe ich Bücher und Kunsthefte erhalten. Die Frau habe früher in meiner Nähe gewohnt und sei ausgewandert, 568

10.11.1969

 

Die «USA» bezeichnet einen Ort, der zu dieser Zeit die «moderne Welt» mit grossartigen Möglichkeiten bedeutete. In Amerika, so hiess es, könnte auch ein Tellerwäscher zum Präsidenten der Vereinigten Staaten aufsteigen. - Diese Sequenz berichtet von einer Frau, die die «Auswanderung» ins «gelobte Land» der modernen Welt gewagt hatte. Auf der Subjektebene verstanden, hat lediglich ein Teil der Träumerin diese Auswanderung mitgemacht. Dieser ausgewanderte Teil hat nun das Bedürfnis, den zurückgebliebenen Teil mit Sachen und Erkenntnissen aus der dortigen Welt zu beschenken. Auf der Objektebene verstanden fällt auf, dass eine Frau eine andere Frau beschenkt und dies erst noch mit geistigen Gütern und Produkten. - Die Sequenz enthält einen progressiven Hinweis auf freundschaftliche Möglichkeiten zwischen Frauen, die auch den Austausch von geistigen Inhalten und Erkenntnissen beinhaltet (Bücher und Kunsthefte).

20.12.1970

Orient

Ich reise in den Orient und versinke geistig/seelisch in dieser orientalischen Welt, 585

20.12.1970

 

Der «Orient» bezeichnet nicht einen konkreten Ort oder ein konkretes Land, sondern steht verallgemeinernd für orientalische Länder (1448). Der Orient steht, wie in 315 gesagt, für anders geartete religiöse Vorstellungen, die im Westen vorwiegend aus Praktiken und Lehren des Yoga oder der Zenmeditation bekannt sind. Aber auch andere religiöse Vorstellungen könnten gemeint sein, von denen die Träumerin das Gefühl hat, dass sie in dieser, vielleicht fremdartigen, geistig/seelischen Welt zu «versinken» drohe. - Die Sequenz könnte mit Fragen der eigenen Identität zu tun haben und mit dem Gefühl, dass ihre Beschäftigung mit weit abliegenden und andersartigen Auffassungen ihr Eigenes zuzudecken und zum Verschwinden zu bringen drohe.

29.01.1971

China

Ich halte mich in einem kleinen Dorf in China auf. Mein Freund Carl B. meint, ich könne nun mit eigenen Augen sehen, dass hier keine richtigen Bahngeleise vorhanden seien, 594

29.01.1971

 

Das Riesenreich «China», das eigentlich zum «Orient» gehört, wird hier mit fehlenden «richtigen Bahngeleisen» in Verbindung gebracht. Der Orient steht, wie schon in der Sequenz 585 gesagt, für anders geartete, vielgestaltete bis fremdartige Vorstellungen und Weltbilder, auch im geistig/religiösen Bereich. Die Metapher, «chinesisch anmuten», meint das Unverständnis, das uns überkommt, wenn uns etwas sehr fremd oder befremdlich vorkommt, sei dies bezüglich der Denkwelt oder der Gepflogenheiten anderer Menschen. Der Hinweis, dass in dem «chinesischen» Dorf «richtige» Bahngeleise fehlten, könnte auf die Befremdlichkeit der dortigen Weltbilder gemünzt sein. - Dieser und anderen Sequenzen ist zu entnehmen, dass die Träumerin sich nicht nur mit dem Denken und Fühlen ihres Nahbereichs und der Länder in Europa befasst, sondern auch mit weit entfernten Ländern, und dass ihr manches etwas unverständlich und also «chinesisch» erscheint.

05.01.1973

Schreibtisch

Während ich am Schreibtisch sitze, erinnert mich ein Mann an seinen Heiratsantrag, aber ich fühle mich gestört. Er jedoch meint, er habe die an ihn gestellte Aufgabe ausgeführt, 622

05.01.1973

 

Die Arbeit am Schreibtisch symbolisiert die Arbeit am «Eigenen», an den eigenen Interessen und den selbst gewählten Aufgaben. Ausgerechnet bei einer solchen intensiven Arbeit unterbrochen zu werden, macht verständlich, dass sich die Träumerin gestört fühlt. Noch verständlicher wird ihr Ärger im Hinblick auf die Ursache der Unterbrechung: Sie wird an einen Heiratsantrag erinnert, für den sie offenbar keine Begeisterung aufbringen kann. Dass sich der Antragsteller von seinem Vorhaben nicht abbringen lässt unter Berufung, er habe ausgeführt, was sie als Voraussetzung für eine Ehe gefordert habe, könnte auf allzu unterschiedliche Auffassungen über Heirat und Ehe hinweisen: Auf der einen Seite die Auffassung, einzelne Handlungen vermöchten ein tieferes Einverständnis zu erzeugen, auf der anderen Seite die Erfahrung, dass die Tiefenschichten nicht zu erreichen sind, wenn das Gespür für die wichtigsten Dinge der PartnerIn fehlt. - Auf die Objektebene bezogen, berichtet die vorliegende Sequenz, dass bei einem Manne, der die Träumerin für sich gewinnen will, das Gespür für ihre wichtigsten Dinge fehlt (er stört sie beim Schreiben, anstatt auf eine Situation zu warten, die für einen erneuten Antrag geeigneter wäre). Auf der Subjektebene könnte die Sequenz von der Schwierigkeit der Träumerin reden, eigenständige Schreibarbeit und Heirat unter einen Hut zu bringen.

12.09.1973

Bibliothek

Ich befinde mich in einem Raum mit vielen Büchern. Es ist vermutlich eine Bibliothek, 643

12.09.1973

 

Die Bibliothek ist ein Raum mit sehr vielen Büchern. Bücher symbolisieren nach Barbara Walker intellektuelle Freiheit (ID-Buch 801, 175). Die Bibliothek, die vielen Bücher, stellen ein gesammeltes und vielgestaltiges Wissen von anderen Menschen dar. - Derlei vielgestaltiges Wissen scheint für die Träumerin faszinierend und wichtig zu sein und die Bücherei ein wesentlicher Ort für die Entwicklung einer geistig/seelischen Freiheit.

01.08.1974

Boot

In einem kleinen Boot rudere ich mit Familie über einen Bergsee im Hochgebirge und fühle mich allen Naturgewalten ausgeliefert, 665

01.08.1974

 

Ein kleines Ruderboot hat den Vorteil, dass es von allen einigermassen kräftigen Frauen und Männern in Bewegung gesetzt werden kann. Die Sequenz verweist jedoch auf die Nachteile des kleinen Bootes: Es bietet keinen Schutz gegen Naturgewalten, die ja in den Bergen besonders heftig wirken können. - Die «Naturgewalten» können sowohl die psychophysische Realität, die «Natur» des eigenen Inneren bedeuten als auch die «Natur» von anderen Menschen darstellen, denen sich ungeschützt auszusetzen bekanntlich nicht ganz ungefährlich ist. Dies dennoch zu tun, kann als ein Zeichen von Mut und Kraft verstanden werden. Diese Qualitäten sollen durch den Aufenthalt im Naturraum gestärkt werden, sofern nicht andere Zeichen auf Naivität, reine Abenteuerlust oder Vermessenheit hinweisen. - Das kleine Boot steht für das «Eigene», das Subjekt der Träumerin. Dieses «Eigene» den Naturgewalten auszusetzen, könnte bedeuten, dass die Träumerin ein starkes Bedürfnis nach Naturverbundenheit und «Echtheit» hat, während die Sequenz zudem auf den Preis aufmerksam macht, der allenfalls für die Verwirklichung von «Naturverbundenheit und Echtheit» bezahlt werden muss.

08.08.1974

Bauch

In meiner Bauchgegend wird ein kleiner Tumor entdeckt. Er sei aber noch ungefährlich, 666

08.08.1974

 

In der «Bauchgegend» einen kleinen Tumor zu haben, verweist auf eine Gefahr im psychosomatischen Bereich. Es besteht die Gefahr, dass Stress, der auch emotionaler Art sein könnte, zu psychosomatischen Beschwerden führen könnte. - Ein Warntraum!

01.09.1974

Bärin

Mein 13-jähriger Sohn greift in die Erdhöhle einer Bärin mit ihren Jungen. Er wird von der Bärin in die Höhle gezogen, später zieht er die Bärin heraus, 1031

01.09.1974

 

Die Bärin ist ein starkes und Pflanzen fressendes Tier, das vorwiegend in Höhlen lebt. Die Bärin in dieser Sequenz ist ein Muttertier mit ihren «Jungen». Der «Sohn», hier verstanden als Ausdruck des geistigen Schaffens einer Mutterfrau, stellt eine Verbindung her zu urtümlichen und archaischen Mutteraspekten der Träumerin (Bärin). - Die Sequenz besagt, es sei Vorsicht geboten im Umgang mit dem urtümlichen Muttertier, der Bärin, in der Psyche der Träumerin. Fast wäre der «Knabe», der für kreatives Schaffen steht, in archaische Tiefenschichten hinein geraten, aus denen herauszukommen ziemlich schwierig ist.

12.01.1975

Zähne

Eine Frau hat Goldzähne. Sie weint, weil ihr Kind - ein Mädchen - tot ist. Man habe es von Arzt zu Arzt geschleppt, aber nicht helfen können, 1032

12.01.1975

 

Der Besitz von Goldzähnen besagt, dass hier von analytischen Fähigkeiten bzw. denkerischen Fähigkeiten die Rede ist, die über die Fähigkeit zur psychologischen Analyse einer Situation hinausgeht. Dieser Sachverhalt liesse eigentlich erwarten, dass die bezeichnete begabte Frau imstande wäre zu erkennen, warum ihr geliebtes Töchterchen sterben musste und was ihm zum Leben gefehlt hat. Statt dessen weint sie hilflos. Auf der Subjektebene gesehen weint sie um das verlorene «Eigene», um das Weiterleben ihrer Produktion. Die Aussage, die Ärzte hätten nicht helfen können, enthält eine Kritik an ärztlichen Methoden und Analysen. Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass die Frau selber auf falsche Karten, falsches Wissen gesetzt hat und das eigene Erkennen und Wissen aus den Augen verloren hat. - Auf die Objektebene und gesellschaftliche Situation bezogen könnte die Sequenz den Rat beinhalten, Frauen mit «Goldzähnen» sollten ihre eigenen hervorragenden denkerischen und analytischen Fähigkeiten beachten, entwickeln und einsetzen. Nur sie selber seien imstande, sich selber und anderen Frauen in der Sorge um das weibliche Eigene und Schöpferische zu helfen, das sonst dem Untergang geweiht sei.

16.01.1975

Männer in Kriegsrüstung

Männer in Kriegsrüstung werden von einem Mann in Zivilkleidung bekämpft. Weil ich mich einmische, will der zivile Mann mich töten, 1034

16.01.1975

 

Männer in Kriegsrüstung stehen für ein Männerbild und eine Form männlicher Aggressionsbereitschaft, die nicht eine spontane Erscheinung ist, sondern von «oben», von herrschenden Männern verordnet wird. Weniger verständlich scheint, warum der vermeintlich unkriegerische Mann (Zivilkleidung) dann eine spontane Tötungsbereitschaft entwickelt, die sich übrigens gegen eine weibliche Person richtet. Wenn wir aber bedenken, dass Männer Krieg und Aggression als eine «Männersache» und als Ausdruck für «richtige Männlichkeit» für sich beanspruchen, wird verständlich, was die Sequenz der Träumerin mitzuteilen versucht: Es sei nicht Sache der Frau, sich Gedanken über Männerbilder zu machen oder sich in «Männerhändel» einzumischen. Tue sie es trotzdem, müsse sie mit extremen Reaktionen von männlicher Seite rechnen. Getötet zu werden, könnte bedeuten, dass alle Beziehungen abgebrochen und die Frau ins berufliche, soziale und also existenzielle Abseits gestellt würde. - Der Sequenz kommt eine erhebliche Warnqualität zu.

20.07.1975

Insel

Ich mache mit einer zweiten Person einen Ausflug auf eine kürzlich entdeckte Insel, wo die Natur unverdorben und die Bäche kristallklar sind, 680

20.07.1975

 

Die unverdorbene «Insel» steht hier für einen, von den Schäden der Zivilisation noch unberührten Ort. Zu bedenken ist, dass es im Jahre 1975 noch schien, dass es in unserer Welt tatsächlich noch unbeschadete Orte geben könnte, was heute (2004) angezweifelt wird. Auf der psychischen Ebene sind sich die Theoretikerinnen uneinig, ob es eine unbeschädigte Psyche überhaupt noch gibt. Ich selber stehe sozusagen zwischen den beiden Positionen, da ich sowohl seelisch erfreulich gesunde und kritische Frauen (und einige Männer) kenne, als auch solche, die an erheblichen Störungen leiden. - Vermutlich sehnt sich die Träumerin, wie viele andere Menschen, nach einer solchen unversehrten «Insel», die vielleicht auch eine Beziehung betreffen könnte.

09.04.1977

Insekt

Ein winziges Insekt hat sich in meinen Ringfinger eingebohrt und auch noch in einen weiteren Finger, 695

09.04.1977

 

Insekten werden in der Regel als lästige und belästigende und zum Teil auch gefährliche Tiere (Übertragung von Krankheiten) wahrgenommen (Fliegen, Steckmücken, Ameisen). Sigmund Freud deutete Insekten als «Kinder», weil sie wie die Kinder lästig seien. - Diese Deutung dürfte sein eigenes Verhältnis zu Kindern ausdrücken, während wir alle noch ganz andere Arten von Belästigungen kennen, zum Beispiel durch schwierige oder selbstsüchtige andere Menschen. Auffallend ist der Stich des Insekts in den «Ringfinger», an dem in der Regel der Ehering steckt. So gesehen könnte das Insekt für eine «Bindung» oder eine bindende Situation stehen, die von der Träumerin als lästig oder belästigend empfunden wird.

26.06.1978

Pastoral-

soziologisches Institut

Der Leiter des Pastoralsoziologischen Instituts verweist auf treffende und verständliche Formulierungen in einer neuen Bibel. Er verweist zudem auf eine Lücke in der Übersetzung, 723

26.06.1978

 

Das Pastoralsoziologische Institut in St. Gallen befasst sich mit neuen Formen der Vermittlung der Bibel, aber auch mit Interpretationen der Bibel, die dem heutigen theologischen Wissen sowie den Erfahrungen der «Gläubigen» entsprechen. Was die «Lücke» in der Bibelübersetzung bedeuten könnte, darüber schweigt sich die Sequenz leider aus. Mit Sicherheit kann jedoch gesagt werden, dass die Sequenz eine Kritik an der Bibel bzw. an Interpretation enthält, die zum Beispiel wesentliche Auslassungen aufweisen bezüglich der Überlieferung über die Stellung der Frau im Alten Israel: Zum Beispiel die Gnosis und die gleichberechtigte Stellung der Frau in deren Praxis (Anne Jensen: Gottes selbstbewusste Töchter, BN 757, sowie Gerda Weiler: Das Matriarchat im Alten Israel, BN 78).

18.10.1978

Bahnanhänger

Mit drei Frauen sitze ich im Anhänger einer öffentlichen Bahn ohne Dach, ohne Sitzplätze und ohne Handgriffe. So können wir uns nirgends festhalten, 728

18.10.1978

 

Die Bahn ist ein öffentliches Fahrzeug. Die Bahn in dieser Sequenz ist schlecht ausgerüstet. Die reisenden Frauen müssen gewissermassen mit einem Viehwagen vorlieb nehmen: ihre einfachsten Bedürfnisse nach Sicherheit, und Unversehrtheit und gesundheitlichen Rücksichten werden im öffentlichen Verkehr übergangen. - Auf der Subjektebene soll sich die Träumerin fragen, ob sie das Gefühl hat, ihre einfachsten Bedürfnisse bezüglich ihrer Ansprüche an den öffentlichen Raum würden übergangen, und ob auch sie selber zu wenig auf ihre Bedürfnisse und Gesundheit achtet.

17.09.1979

Haut

Ich habe meine «Haut» mit einer anderen Frau geteilt und bin ausgestiegen, weil sie wie ein zu enges Kleid ist, 756

17.09.1979

 

Die «Haut» steht für den Teil unseres Körpers, der das Innere umhüllt und schützt, aber auch bedeckt und verdeckt. Die Haut spielt in zahlreichen Redensarten eine Rolle: Etwas geht uns «unter die Haut», wir wollen «die eigene Haut retten», wir haben das Gefühl «mit Haut und Haaren» vereinnahmt zu werden, wir könnten «aus der Haut fahren» vor Wut oder wir müssten unsere «Haut zu Markte tragen». - In der vorliegenden Sequenz geht es um Häutung, um Übergang aus alten und engen Situationen in neue. Die Sequenz möchte der Träumerin vielleicht die Angst nehmen vor der Notwendigkeit, sich neuen Situationen auszusetzen und aus sich heraus zu treten.

06.06.1980

Herzgegend

Ich massiere die Herzgegend meiner alten Tante Nina, aber sie stirbt trotzdem. Frauen vom Frauentreff werfen mir vor, ich hätte sie zu wenig gestützt, 776

06.06.1980

 

Die Herzgegend steht für den Bereich der Gefühle, der offenbar zu kurz kommt. Sei dies im Verhältnis der Träumerin zu sich selber oder im Verhältnis zu einer anderen Frau oder einer Gruppe von Frauen. Denn es sind Frauen von einem «Frauentreff», die der Träumerin vorwerfen, sie habe eine bestimmte ältere Frau zu wenig gestützt. - Die Sequenz lässt die Träumerin mit diesem Vorwurf stehen. Sie wird sich fragen müssen, ob der Vorwurf angemessen ist und wie sie darauf reagieren will.

22.12.1980

Australien

Ein vermeintlich kurzer Ausflug hat mich zugleich in einen anderen Kontinent geführt: Australien oder eine afrikanische Insel. Hier leisten von Europa ausgewanderte Frauen und Männer Aufbauarbeit, 788

22.12.1980

 

Australien ist zwar ein Kontinent, aber zugleich auch eine Insel. In der Sequenz 680 war ebenfalls von einer Insel die Rede, von einer kleinen unverdorbenen Insel. Fünf Jahre später ist von der Insel Australien die Rede, die wie jene weit abseits von unserer eigenen Welt liegt. Aber sie steht keineswegs für eine heile Welt der unberührten Natur, sondern für eine Welt, die (1980) von denselben Zivilisationsschäden bedroht ist, die wir heute (2004) zur Genüge kennen. - Nun aber wird auf dieser grossen Insel «Aufbauarbeit» geleistet, was auf der Subjektebene verstanden auf eine progressive Entwicklung hinweist. Auf der Objektebene könnte es sich um einen versöhnlichen Aspekt zwischen Frauen und Männern handeln, zum Beispiel durch eine gelingende Zusammenarbeit.

27.01.1982

Hexe

Ich werfe meiner Mutter vor, sie sei eine Hexe. Sie habe den Schaden an meinem Auto veranlasst, und ich fühle Hass gegen sie, 800

27.01.1982

 

Die «Hexe» steht im patriarchalen Kontext und auch in der Tiefenpsychologie für eine abgrundtief böse Frau. Das englische Wort hag bezeichnet eine hässliche alte, hexenhafte Frau. Und auch die Träumerin scheint diesen falschen Vorstellungen über Hexen erlegen zu sein. Aber das Wort selbst kommt aus dem Griechischen: Hagia heisse «heilige Frau» oder «Hebamme». Dies waren die weiblichen Schamanen des vorchristlichen Europa oder die Stammes-Matriarchinnen, die die weisen Wege der Natur, der Heilung, der Weissagung, der Künste und Traditionen der Göttin kannten (ID-Buch 801, 347).

28.08.1982

Hals

Der Hals einer mageren Katze wird von einem Knaben mehrmals zugeschnürt, während ein Mann die Katze festhält, 812

28.08.1982

 

Der «eingeschnürte Hals» weist darauf hin, dass ein extrem empfindlicher Körperteil angetastet wird. Der Hals hat mit der Atmung, mit «Luft» holen, mit einem lebenswichtigen Austausch mit der Umwelt zu tun. Mit einem zugeschnürten Hals können Lebewesen, seien es Tiere oder Menschen, nicht lange überleben. Der Hals steht in erster Linie für die Verbindung zwischen den «unteren» Körperteilen mit dem «oberen» Körperteil. Von der «Luft zum Atmen» abgeschnitten zu werden könnte demnach besagen, dass zwei lebenswichtige Bedürfnisse voneinander getrennt werden: Bedürfnisse von «Kopf und Bauch», Persönlichkeit und Sinnlichkeit. - Die Sequenz teilt der Träumerin mit, dass eine Situation vorliegt, die für sie lebensgefährlich werden könnte. Dass an der «Einschnürung» ein Knabe und ein erwachsener Mann beteiligt sind, könnte besagen, dass die Träumerin dies einerseits als Resultat eines knabenhaften Übermuts bagatellisiert, anderseits als eine sadistische Handlung empfindet.

10.01.1983

Schafhirt

Ein alter Schafhirt soll weit abseits und unberührt von der Welt seine Schafherde hüten. Dem Ehepaar, dem ich auf Wanderung begegne, sage ich, ich sei öfters dort gewesen, 822

10.01.1983

 

Der Schafhirt symbolisiert letztlich die Versorgung von Lebewesen, wobei die «Schafe» für menschliche Wesen stehen. Auch katholische Priester verstehen sich als «Hirten», wobei diese priesterliche Sorge dem «Seelenheil» gilt. Als «priesterliches» Verhalten im Sinne der Sorge für die menschliche «Seele» kann auch die Arbeit von Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten verstanden werden, und ebenso eine gesellschaftspolitische Arbeit zugunsten der Allgemeinheit. Zu den weiblichen «Hirtinnen» zähle ich daher alle Frauen, die in irgendeiner Weise zu einem selbstbestimmten Leben beitragen, sei dies als Psychologin, Theologin oder Historikerin u.a. Das Symbol «guter Schafhirt» ist älter als das Christentum. Objektstufig könnte die Traumsequenz auf ein Bedürfnis der Träumerin hinweisen, sich auf der gesellschaftspolitischen Ebene stärker zu engagieren, anstatt sich mit der Arbeit mit einzelnen Menschen zu begnügen (Psychotherapie).

19.12.1985

Gebärklinik

Ich suche eine Gebärklinik für eine schwangere Frau. Aber plötzlich ist unklar, ob eine Frau oder ein Tier schwanger ist, 865

19.12.1985

 

Die «Gebärklinik» ist ein Ort, in der Frauen ihre Kinder gebären oder «auf die Welt bringen» können. Im Unterschied dazu gebären, bzw. «werfen» Tiere ihre Jungen im Stall oder wo sie sich auch gerade aufhalten. Es ist nicht gleichgültig, ob es sich in dieser Sequenz um ein menschliches oder tierisches weibliches Wesen handelt, dem eine Geburt bevorsteht. Die Sequenz redet lediglich von der Gemeinsamkeit jener Wesen, die schwanger werden und gebären können, führt aber nicht aus, was dies bezüglich ihrer Behandlung bedeuten würde. Trotzdem: Die Träumerin könnte aufhören, nach einer Klinik Ausschau zu halten. Ein Tierwesen würde ziemlich sicher ohne Komplikationen gebären und das von ihr Geborene abnabeln können. Vielleicht ist es genau dies, was die Sequenz der Träumerin mitteilen will. Auf der Subjektebene verstanden, steht die «Geburt», die Sichtbarwerdung eines lange vorbereiteten geistigen Inhaltes bevor. Und als Ausdruck ihrer «Tierseele» alias der seelischen Tiefenschichten, könne diese Geburt ohne besondere Vorkehrungen erwartet werden.

31.12.1987

Bison

Neben dem Waschhaus lebt ein mächtiger Bison in einem grossen Gehege, das in den Urwald übergeht, 914

31.12.1987

 

Der Bison (auch als Büffel bekannt) ist die Urform des Stieres. Der Bison ist ein kraftstrotzendes, Pflanzen fressendes und wie alle pflanzenfressenden Tiere zudem friedfertig. Der Bison ist nach indianischer Auffassung ein Symbol der Fülle, wobei diese «Fülle» durch rechtes Verhalten entstanden sei. Der Bison lehre uns, gut geerdet zu sein. Auf der anderen Seite wird darauf hingewiesen, dass die Büffel eine wichtige Versorgungsquelle für die Menschen seien: Sie liefern Fleisch fürs Essen, Haut für Kleidung, Fasern fürs Nähen, Klebstoff, Medizin, Fell für Decken und Schutz für Tipis sowie für die Abdeckung der Schwitzhütten. Ihre Hörner werden für zeremonielle Anlässe verwendet (ID-Buch 1343, 26-27). - Das heisst, obwohl «kraftstrotzend» ist der Büffel letztlich ein Beutetier, und die Wertschätzung, die ihm entgegen gebracht wird, erfolgt aufgrund dieser Eigenschaft. - In der vorliegenden Sequenz scheint der Bison nicht als Beutetier vorgesehen zu sein, denn er kann, angeschlossen an den Urwald, seiner Eigenart gemäss leben. Auf der anderen Seite lebt der Bison in einer Form von Menschennähe, die ihm Schutz vor Beutejägern gewährt. - Die Sequenz enthält zwei wichtige Botschaften für die Träumerin. Erstens, das «Tier» in der Frau kann noch so kraftvoll und in ihrer urtümlichen Vitalkraft ruhen, es gehört zu den Beutetieren und die Beutejäger sind hinter ihm her. Es sei eine Illusion zu glauben, eine Frau müsse nur ihre eigene Stärke fördern, um in Sicherheit zu sein. Keine noch so starke Frau kann sich innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft vor Ausbeutung sicher fühlen, solange sie psychologisch als «Nährboden für den Mann» und gesellschaftlich als umfassende Versorgerin des Mannes dienen soll. Diese Einsicht bedeutet zu wissen, dass es nicht ohne Kampf gegen die «Jäger» abgehen wird. Zu diesem Kampf gehört das «Waschen» im Waschhaus, das heisst Kritik an alten Weltsichten und die Schaffung neuer Sichtweisen. Es heisst ferner Aufbau von weiblicher Kraft durch die Verbindung mit dem «Urwald» seelischer Tiefenschichten und Körperkraft, um die Frauenkraft allgemein und gesellschaftlich zu stärken und handlungsfähig zu machen. Die Träumerin wird aufgefordert, ungeachtet ihrer Jahre (55) ihre Kräfte und Fähigkeiten sowie das kämpferische Handeln mit Frauen aufrecht zu erhalten.

02.09.1988

Frosch

Ein Frosch schreit mit menschlicher Stimme und in höchster Not aus einem See, 919

02.09.1988

 

Den sprechenden Frosch kennen wir alle aus dem Märchen «Der Froschkönig». Mythologisch gehört der Frosch zu den «Seelentieren». Der Brockhaus berichtet simpel, dass in Mitteleuropa folgende Frösche leben: der Wasserfrosch, Seefrosch, Grasfrosch, Moorfrosch und der Springfrosch. Die kleineren Froscharten fressen Insekten, Schnecken und Würmer. - Lucie Stapenhorst weist auf den Frosch im Märchen Dornröschen hin, der wegen seines Aufenthaltes im Feuchten (im Wasser) ein dem Weiblichen zugeordnetes Tier sei. Dornröschen hole sich demnach ihre Kraft aus dem ihr eigenen Bereich. Der Frosch habe den entscheidenden Satz gesprochen, sie werde «eine Tochter zur Welt bringen» und diese Botschaft erinnere an jene des Engels Gabriels an Maria: Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Und die Königin gebar ein Mädchen. Da die Königin Repräsentantin des weiblichen Teils der Allgemeinheit sei, hiesse dies, es sei an der Zeit, dass alle Frauen sich auf das ihnen Eigene besinnen, um den Mangel der Zeit zu beheben und das rettende Neue zu gebären (Stapenhorst, BN 1321, 50). - Nach Barbara Walker haben Frösche etwas mit Hebammentätigkeit zu tun. Frösche waren der ägyptischen Götterhebamme, der göttlichen Greisin Heket, der Vorläuferin der griechischen Hekate, heilig. Die Hebamme ist eine Geburtshelferin, sie steht Frauen bei ihren «Geburten» zur Seite (Frau hilft Frau). Könnte die Aussage der vorliegenden Sequenz, ein Frosch sei in höchster Not und schreie mit menschlicher Stimme, im Sinne von Stapenhorst ebenfalls den Aufruf bedeuten, es sei an der Zeit, dass alle Frauen sich auf das ihnen Eigene besinnen, um rettendes Neues zu gebären? - Die Arbeitstagung für Feministische Psychotherapie, die die Träumerin zu dieser Zeit mit anderen Frauen organisierte, könnte auch eine Art «Hilfeschrei» bedeuten, forderten doch die Frauen eine frauengerechte Psychotherapie.

25.04.1997

Museum

Im Museum befindet sich eine weibliche Mumie. Bei näherem Hinsehen entpuppt sie sich als eine blühende junge Frau. Der Wärter sagt, ich solle ihr ein normales Leben ermöglichen, 987

25.04.1997

 

Das Museum ist ein Ort, in dem Kunstwerke und andere für Wert befundene Gegenstände aufbewahrt werden. Dies gilt grundsätzlich auch für die weibliche Mumie. Aber was ist mit ihr passiert? Der Arzt Paracelsus meinte: «Das Leben, wahrlich, ist nichts anderes als eine Art einbalsamierter Mumie, welche den sterblichen Körper vor den sterblichen Würmern bewahrt» (ID-Buch 1202, 309). Im Sinne von Paracelsus würde die Mumifizierung der jungen Frau (die sich als eine lebendige und sogar «blühende» Frau erweist, sobald man sich mit ihr näher einlässt) besagen, dass dies vielleicht ihre einzige Möglichkeit war, sich vor den «Würmern» in den frauenfeindlichen Theorien und Strukturen zu schützen. Das «normale Leben», das die Träumerin dieser Frau ermöglichen soll, könnte darin bestehen, ein gesellschaftliches Umfeld mithelfend zu gestalten, in dem auch sensible und verletzliche oder verletzte Frauen «normal» leben können. Und das heisst, auch Strukturen mitzugestalten, in denen Frauen ihre geistigen Bedürfnisse befriedigen können, wie dies in dem in «Mythologie» erwähnten grossen Musentempel in Alexandrien der Fall war, der eine Kunstschule und zugleich eine Universität war.

11.10.2003

Weiblicher Jung-Elefant

Ein weiblicher Jung-Elefant liegt neben meinem Arbeitszimmer am Boden und später im Garten wie mein Hund. Das Tier will herein kommen, aber ich sage, es solle draussen bleiben, da legt es sich wieder hin. In seiner Massigkeit stellt es eine Gefahr für mich dar, 1058

11.10.2003

 

Elefanten sind starke, intelligente und sensible Tiere. Ihre Lernfähigkeit, Erinnerungsfähigkeit, Kombinationsgabe und soziale Kompetenz sollen nur von wenigen Säugetieren übertroffen sein. Aber was hat ein Elefant, dieses massige Jungtier, in einer menschlichen Behausung zu suchen? Die Unangemessenheit empfindet ja auch die Träumerin, sie befiehlt dem Jungtier sehr richtig, draussen zu bleiben. Die «Massigkeit» des Elefanten stellt eine grosse «Masse» dar, wobei die Sequenz sagt, dass diese Masse mit dem Arbeitszimmer und also mit der Arbeit der Träumerin zu tun hat. Zudem wird gesagt, diese grosse Masse stelle eine Gefahr für sie dar, allerdings könne die Träumerin sich diese genügend vom Leib weg halten (der Elefant bleibt auf Befehl draussen). Es besteht demnach keine unmittelbare Gefahr, aber dennoch dürfte die Sequenz als eine Warnung an die Träumerin verstanden werden.