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Traum 1221 - mit Deutung

 Traum 1221 vom 29.07.2009

Während ich an einem Bergsee wandere, taucht meine Boxerhündin bis zum Grund des Sees, und ich kann sehen, dass sie am Boden schnüffelt, ohne mal Luft zu holen, wie wenn sie Kiemen hätte wie ein Fisch. Später will die Hündin aus dem See heraus. Aber an dem Ort, wo sie es probiert, ist dies unmöglich, da die Mauer gegen 10 Meter hoch ist. Ich laufe den Weg zurück, weil die Mauer auf weite Strecken ganz hoch ist und weil ich befürchte, dass die Kraft der Hündin nicht ausreicht, um bis zum anderen Ende des Sees zu schwimmen. Die Hündin findet zwar den Weg zurück, ist aber ganz eingeschrumpft und liegt wie ein kleines Fischchen in meiner Hand. Das Fischchen ist wie im embryonalen Zustand, mit einer durchsichtigen Haut und einem dunklen Kern. Aber nach einer Weile erholt sich das Fischchen und wird grösser und normalisiert sich zu einem jungen, etwas anders gezeichneten und dunkler melierten (gestromten) Boxerhund.

Ganz auffallend ist auch der Bergsee. Einerseits wirkt er mit seiner hohen und fast senkrechten Mauer wie ein gebauter Stausee. Anderseits spricht die Beschaffenheit der Steine (Sandstein oder Bimstein) sowie der schichtartige Boden für ein Naturphänomen, wie z.B. die Tropfstein-Höhlen. Auffallend ist auch, dass weder Moos noch andere Pflanzen vorhanden sind, und dass das Wasser eine lehmartige bräunliche Farbe aufweist. Trotzdem kommt mir dies alles im Traum nicht besonders eigenartig oder befremdlich vor. - Ich kann aber sehen, dass die Situation gegen Ende des Sees ganz anders ist. Der See ist von einer grünen Landschaft umgeben, der Wasserspiegel ist höher und das Wasser ist nicht verfärbt. Aber auch über diesen Unterschied wundere ich mich im Traum nicht.

Meine Deutung (02.03.2010)

Bezüglich des winzigen Fischchens assoziiere ich das Fischlein «Remora». C.G.Jung deutet das winzige Fischlein Remora als ein Symbol des Selbst, das hier als ein winzig Kleines erscheine im ungeheuren Meer des Unbewussten, wie der Mensch im pelagus mundi. Die Symbolisierung als Fisch charakterisiere «das Selbst in diesem Zustand als unbewussten Inhalt». Ferner meint er, es bestünde wohl keinerlei Hoffnung, dieses unscheinbare Lebewesen je zu fangen, wenn nicht ein «magnes sapientum» im bewussten Subjekt vorhanden wäre, das Jung dann dem männlichen Geschlecht zuschreibt. Dieser Magnet sei «offenkundig das, was ein Meister dem Schüler mitteilen» könne, nämlich die «theoria», «welche das einzige, wirkliche Besitztum» darstelle, «von dem der Adept ausgehen» könne. Die «prima materia» sei nämlich immer erst zu finden, wozu ihm das «artificiosum», eben «die mitteilbare Theorie» diene1 (Seiten  206–209).

Bei Luisa Muraro2 liest sich dies anders, obgleich sie von derselben Erfahrung redet. Sie schreibt, dass sich das Semiotische praktisch hinter dem Symbolischen befinde (S.66). Und dass das Fehlen von "Theorie" nicht sehen lasse, "was ist" (67). Das Semiotische werde durch das Symbolische verdeckt.

Das Fischlein (alias Boxerhündin) wird aber im Unterschied zu Jungs Idee und Wunsch, es einzufangen ("fangen") im Traum nicht in Gefangenschaft gebracht. Es legt sich vielmehr selber in aller Freiheit in meine Hand und aufersteht wieder in leicht veränderter und verjüngter Form. Im vorliegenden Traum steht das Fischlein nicht für einen unbewussten Inhalt, sondern für das Eintauchen und Abtauchen in die tiefsten Seelenschichten, die in naher Verbindung stehen zu unserer Leiblichkeit. Der weitere Verlauf des Traumes lässt erkennen, dass dieses Abtauchen mit einer tiefgründigen Erneuerung und Wiedergeburt zusammenhängt: Denn die Hündin erscheint in erneuerter und verjüngter Gestalt und voller Kraft (Boxerhündin).

Die Verbindung zu den Tiefenschichten zeigt sich schon bei der Tätigkeit der Hündin: Sie schnüffelt am Boden des See's und ist auf der Suche nach Etwas, das ihre Nase aufgespürt hat. Infolge der angestrengten Suche war sie völlig erschöpft, aber dennoch wollte sie noch tiefer in das Erspürte eindringen, in eine frühere Zeit, in eine historische Dimension. Zum Beispiel erzählen die Tropfsteinhöhlen ja von solchen zeitlich gigantisch weit entfernten Vergangenheiten, auf die der urtümlich geartete Bergsee hinzuweisen scheint.

Bezüglich der Deutung von C.G.Jung ist zu vermerken, dass „Theorie“ und theoretische Vorgaben kaum je in der Lage sein werden, die volle menschliche Lebenswirklichkeit zu erfassen oder einzufangen ("fangen"). Weder ein am Patriarchat orientierter und inspirierter «Meister» noch sein «Adept» wird je imstande sein, das menschliche Sein sowie unsere Tiefenschichten unvoreingenommen (objektiv) zu erkennen und zu beschreiben, die durch das Fischlein Remora symbolisiert ist.

Über das Semiotische (Zeichen) schreibt Luisa Muraro mit Hinweis auf Julia Kristeva: Das Semiotische entspreche dem von Melanie Klein beschriebenen Triebleben der frühesten Kindheit und dessen elementaren Funktionen. Sie verweist auf die Phase der Schwangerschaft, in der die Anfangsprozesse des Lebens stattfinden. In dieser frühesten Phase gebe es kein Subjekt und kein Objekt. Das Semiotische gehe dem Symbolischen chronologisch voraus. Das Semiotische befinde sich praktisch innerhalb des Symbolischen, sei durch es vermittelt und uns als solches daher nicht direkt zugänglich. – Der Gedanke des Semiotischen (griechisch: chora) sei unter anderem der des „Nährbodens“. Platon benutze das Wort als Metapher für den mütterlichen Bauch, um das Reale ohne Ordnung und Einheit zu umreissen. Für Kristeva sei chora der Nährboden (man könne noch nicht von Ort und Zeit sprechen), in dem sich das Leben der Zeichen entwickeln, die Kristeva „Signifikation“ (Sinngebung) nenne.

Quellen

1) C.G.Jung: Aion. Untersuchungen zur Symbolgeschichte. Mit einem Beitrag von Dr.phil. Marie-Louise von Franz, 1951

2) Luisa Muraro: Die symbolische Ordnung der Mutter, erweiterte Auflage 2006 (italienische Originalausgabe 1991)