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148 – Agnes Heller - Theorie der Gefühle - Denken und Fühlen sind keine Gegensätze

 

Vorbemerkungen und Beispiele bezüglich Denken und Fühlen

In diesem Manuskript geht es der Psychotherapeutin Elisabeth Camenzind darum, die von der ungarischen Philosophin Agnes Heller entwickelte Theorie der Gefühle1 kurz zu skizzieren in der Hoffnung, Psychotherapeutinnen würden sich für das bedeutende Werk interessieren und es für die Therapie von Frauen fruchtbar machen. Das Werk ist für uns Frauen darum bedeutsam, weil es ohne sexistische Grundlagen auskommt und somit für den Therapiebereich eine selbstbestimmte Weiblichkeit sowie ein symmetrisches Geschlechterverhältnis ermöglicht. Folgende Beispiele zeigen, wie sehr unsere Gegenwart noch immer von patriarchalen und sexistischen Vorstellungen über Denken und Fühlen geprägt ist. Diese tradierte Sicht wird leider von der Tiefenpsychologie noch immer aufrechterhalten und weitergetragen und muss endlich ausser Kraft gesetzt werden.

Konkrete Beispiele: Eine schulisch erfolgreiche und attraktive Studentin wird von ihren Kolleginnen und Kollegen immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie sei ein Kopfmensch, während sie selber sich als gefühlsreich und einfühlsam erlebt. Sie könne sich gut in andere Menschen einfühlen und sie werde sogar öfters um Rat gefragt. Dennoch sei sie zunehmend verunsichert, es könnte mit ihrem Gefühlsleben tatsächlich etwas nicht in Ordnung sein.

Eine Gymnasiastin2 schildert ihrem männlichen Therapeuten ihre Gefühle. Sie fühle Mitleid mit Unterprivilegierten, Angst über die zunehmende Umweltverschmutzung, Zorn über den obligatorischen Hauswirtschaftsunterricht, der sie in die Hausfrauenrolle dränge. Zudem erwähnt sie ihre zunehmende Verzweiflung. Sie eröffnet ihm ferner, dass sie Psychologie studieren will, worauf er sie tadelt, sie wolle Psychologie studieren anstatt «sich ihren Gefühlen zuzuwenden». Den Tadel unterstützt er mit dem Hinweis, eine Frau könne «unbeschadet das Denken vernachlässigen, nicht aber das Fühlen», beim Mann sei es umgekehrt. Das Denken habe eine «trennende Funktion» und sei von «männlicher Qualität», das Fühlen habe eine «verbindende Funktion» und sei «weiblichen Charakters».1

Frauen, die Militärdienst an der Waffe fordern, werden als unweiblich und gefühllos bezeichnet.

Eine Psychotherapeutin schildert ihre Erfahrung bei männlichen Studierenden, die regelmässig befürchten, eine Therapie würde dazu führen, dass sie sich nicht mehr brutal finden könnten.

Mit anderen Worten: Studierende Frauen werden als kopflastig diffamiert. Es wird ihnen eingeredet, Denken bedeute Gefahr für die Gefühlsentwicklung. Die Gefühlswelt wird auf vermeintlich «weibliche Gefühle» reduziert. Die Gefühle, die den Waffendienst oder den Stierkampf motivieren, werden nicht als Gefühle erkannt und nicht reflektiert. Indem der Kampf ganz allgemein als unweiblich gebrandmarkt wird, wird die eigentliche Problematik umgangen. Studierende Männer glauben, wie ihre Geschlechtsgenossen brutal sein zu müssen, ansonsten sie keine richtige Männer seien und als Weicheier gelten.

Zunächst werde ich tradierte Theorien kurz in Erinnerung rufen, um die Unterschiede zu Agnes Hellers Theorie der Gefühle deutlicher erkennbar und fühlbar zu machen, sowie daran zu erinnern, wie eng tradierte Theorien über Denken und Fühlen mit überholten Theorien über Geschlechterpolarität und über das Verhältnis der Geschlechter verknüpft sind.

 

Tradierte Theorien über Eigenschaften des Denkens und Fühlens

Das Denken: Das Denken wird vom deutschen Psychologen Philipp Lersch3 als ein Instrument der Macht beschrieben. Das Denken sei «im psychologisch strengen Sinne dadurch bestimmt, dass es das gesetzte Ziel gegen alle Widerstände» durchsetzt, die seiner Verwirklichung entgegenstehen. Souveränität, Autonomie, Selbstherrlichkeit, Selbstbestimmung, sowie Mut, Interesse, Autonomie, Macht, Freiheit, Willenskraft seien «Eigenschaften des Denkens». Durch das begreifende Denken erlebe sich der Mann als bewusstes, einheitliches Ich-Zentrum, nicht pathisch getrieben und gesteuert, sondern aktiv steuernd und bewegend. Selbsterhaltung, Egoismus, Vergeltungsdrang, Eigenmachtstreben seien Regungen des individuellen (männlichen) Selbst. Das Motiv des begreifenden Denkens komme aus dem Motiv der Bewältigung und Beherrschung: «Mit dem Denken bekommen wir die Welt in die Hand, wir begreifen und ergreifen sie, wir nehmen sie in Besitz, stellen sie fest und machen sie verfügbar.» Der Mann strebe «in allem eine direkte Herrschaft über die Dinge an, entweder durch Verstehen oder durch Bezwingen derselben.» - Diese Beschreibung in Aufbau der Person3 entlarvt das Motiv für die Theorie eines ans Männliche gebundene Denken in seiner ganzen Brutalität und Willkür.

Das Gefühl: Dem Denken wird «das Gefühl» (Einzahl) gegenübergestellt. Das Gefühl belebe und beseele und lasse «das innerweltlich Begegnende in der Qualität des Lebendigen erscheinen». Gefühlsregungen würden «aus dem für das bewußte Ich nicht mehr kontrollierbaren Be­reich des seelischen Grundes» auftauchen. Es werde eine Einwirkung erfahren, im Gegensatz zur freien Tätigkeit. Genannt werden Gefühle der Angst, Wut, Bewunderung, Ehrfurcht. Gefühle seien Widerfahrniserlebnisse, in denen wir nicht auf die Welt wirken, sondern die Welt auf uns. Durch das Gefühl werde etwas empfangen. Wir werden «von der Welt angemutet, berührt, ergriffen». Die weibliche Pathik schließe auch das Moment des Erduldens, des «Mit-sich-geschehenlassens» ein. Die Frau erfahre in der Begegnung mit der Welt nicht den «Anruf» zum umgestaltenden Eingreifen, daher sie «ihre Seele verfügbar halte, sich (vom Manne) ansprechen, berühren, ergreifen und bestimmen» lasse. - Als Gefühle des lebendigen Daseins werden Schmerz, Lust, Langeweile, Überdruss, Freude, Trauer, Entzücken, Entsetzen genannt (Vom Wesen der Geschlechter, Buch-ID 503, 58-59).

Zusammenfassung der Bestimmungen des «Gefühls»

Unbewusst, lebendig, unkontrollierbar, pathisch getrieben und gesteuert. Ferner werden Gefühle des lebendigen Daseins beschrieben im Sinne von Schmerz, Lust, Langeweile, Überdruss, Freude, Trauer, Entzücken, Entsetzen. Alle aktiven und bewussten Gefühle sind aus dieser angeblich weiblichen Gefühlswelt ausgeschaltet.

Das Buch: Aufbau der Person war während des Kampfes ums Frauenstimmrecht (1970) erneut aufgelegt worden, und ebenso die kleinere Schrift: Vom Wesen der Geschlechter4. Darin vermerkt der Autor dezidiert, dem Manne werde immer die Führung des Staates, der Technik und der Wirtschaft vorbehalten bleiben.

Das kleine Buch wurde im Zentralblatt für Neurologie und Psychiatrie begeistert begrüsst und gelobt, als eine «mit Genuss» zu lesende «kleine, aber wesentliche Schrift». Auch von «Universitas» und vom «Berner Schulblatt» bekam die Schrift Lob (1968).

Zusammenfassung der Bestimmungen über Geschlechterpolarität
Denken und Fühlen seien absolute Gegensätze, die sich polar und dialektisch zueinander verhalten. Das Denken wird als eine den Männern, das Fühlen als eine den Frauen angeborene Funktion definiert. Denken und Fühlen werden nicht als Fähigkeiten verstanden, die beiden Geschlechtern angeboren sind. Vielmehr wird behauptet, dass Männer denken und Frauen fühlen.

Aus dem angeblichen Gegensatz von Denken und Fühlen wird das Geschlechterverhältnis als ein hierarchisches, von Gegensätzen bestimmtes und sich ergänzendes Verhältnis abgeleitet: Die Anziehung der Geschlechter wird nicht aus der sexuellen Anziehung erklärt, sondern aus der angeblichen Geschlechterpolarität sowie dem angeblichen Gegensatzcharakter von Denken und Fühlen. Aktive Gefühle werden zu Eigenschaften des Denkens erklärt  und somit zu Qualitäten des Mannes.

Bedeutsam ist, dass der Autor im Dienste des Deutschen Kriegsministeriums stand. Er war für die Auswahlkriterien für die Rekrutierung von Offizieren zuständig (die ja dann für die SS und die Hitlerei massgebend wurden). Der Autor war also Hof-Psychologe und also ein Mann, der den Argumentations-Katalog bereitstellte für die Macht- und Herrschaftsabsichten der Regierenden. Das Buch: Aufbau der Person kam von 1938 bis 1970 in elf (!) Auflagen auf den Markt, von dem bis heute die Lehren über Denken und Fühlen und über Männliches und Weibliches in der tiefenpsychologischen Psychologie und Psychotherapie geprägt sind

Inzwischen wird von der Tiefenpsychologie zwar anerkannt, dass Denken und Fühlen beiden Geschlechtern angeboren sind. Zugleich wird aber daran festgehalten, dass das Denken eine männliche und das Fühlen eine weibliche Funktion sei. Daher können geistig interessierte, schulisch erfolgreiche Frauen und qualifizierte Denkerinnen nach wie vor als «männliche» und unweibliche Frauen diffamiert werden. Es wird noch immer gefolgert: Wenn Frauen überdurchschnittlich an Prozessen des Denkens, an beruflichem Weiterkommen oder sogar an Macht interessiert sind, stimme in deren Gefühlsleben etwas nicht, wie wir an Beispielen gezeigt haben.

Dass sich trotz der jahrzehntelangen feministischer Kritik an dieser tradierten Sicht kaum etwas geändert hat, wird auch vom Psychiater Luc Ciompi kritisiert. Die Theorie vom Gegensatzcharakter von Denken und Fühlen könne infolge neuerer neurologischer Forschungen nicht mehr aufrechterhalten werden. Er kritisiert ferner die «ständige Vermengung und Verwechslung der Gefühlssphäre mit kognitiven Phänomenen» sowie die «allgemeine Verwirrung» bezüglich der Begriffe. Er attackiert ferner, dass «allgemein anerkannte Oberbegriffe noch immer fehlen». Gemeint ist vermutlich u.a., dass in der Psychotherapie-Theorie die Unterscheidung von Metatheorie und Praxistheorie noch immer fehlt.

 

Neuere Auffassungen über das Fühlen und die Funktion des Gefühls

Im Psychologischen Wörterbuch (Dorsch 1982) heisst Fühlen ein Gefühl haben im Sinne von Lust oder Unlusterleben. Wahrnehmungen durch die Haut-Sinne seien: Druck, Schmerz, Temperatur, Vibrationssinn. Vorwegnehmend sei hier gesagt, dass es sich bei dieser Definition im Sinne von Agnes Heller um die Triebgefühle (Drive) handelt.

Nach dem Synonymenlexikon (Knaur 1982) heisst Fühlen: feststellen, merken, wahrnehmen, spüren, verspüren, erleben, hegen, empfinden, bemerken, gewahr werden, ergriffen und bewegt werden, ahnen, vorhersehen, erspüren, ein Vorgefühl, einen Verdacht, eine Befürchtung haben, wittern, rechnen mit … Diese Aufzählung betrifft unterschiedliche Gefühlsarten, die wir bei Agnes Heller kennen lernen werden.

Nach dem Psychologischen Wörterbuch (Dorsch 1982) heisst «Sich fühlen» sich befinden, zumute sein, sich vorkommen, sich halten für, der Meinung sein, der Ansicht sein. - Fühlung heisse Kontakt, Beziehung, Verbindung, Berührung, Tuchfühlung.

Nach C.G.Jung ist die «Fühlfunktion» die Funktion der Werterkenntnis, daher er sie zu den rationalen Funktionen zählt. Die Funktion stehe aber zum Denken in Gegensatz, da ihr Urteilen subjektiv sei (Psychologisches Wörterbuch, Dorsch, 1982). – Bei Jungs Fühlfunktion, die er als Werterkenntnis versteht, handelt es sich nach der Begrifflichkeit von Agnes Heller um die Gefühlsart „Wertorientierung und Wertkategorien“.

Nach Daniel Hell, Psychiater und leitender Arzt des Burghölzli, können Gefühle als erlebte Zustände verstanden werden, die das Verhalten sinnvoll organisieren. Hunger löse Nahrungssuche aus, Angst das Vermeiden von gefährlichen Situationen. Gefühle seien «eine Art Bewertungssystem, das uns erlaubt, nicht jeden Reiz einzeln für sich beantworten zu müssen.»

Der Psychiater Luc Ciompi geht von „Affekten“ aus. Ein Affekt (Gefühl) sei «eine von inneren oder äusseren Reizen ausgelöste, ganzheitliche psycho-physische Gestimmtheit von unterschiedlicher Qualität, Dauer und Bewusstseinsnähe.»

Für Daniel Golemann, amerikanischer Psychologe und Wissenschaftsjournalist, bedeutet «Emotionale Intelligenz», Gefühle durch Intelligenz zu beherrschen und schlau einzusetzen, um sich privaten und beruflichen Erfolg zu sichern7.

Im Unterschied zu all diesen Vorstellungen heisst Fühlen nach Agnes Heller «Involviert-sein».  Obgleich Hellers Theorie der Gefühle 1981 formuliert wurde, ist sie nicht überholt. Sie wird vielmehr durch neuere Hirnforschungen bestätigt.

 

Agnes Heller - Was heisst Fühlen?

 

Fühlen heisst in etwas involviert sein. Dieses «Etwas» kann alles sein: ein anderer Mensch, eine Idee, ich selbst, ein Vorgang, ein Problem, eine Situation, ein anderes Gefühl. Wir sind involviert in die Erhaltung und Erweiterung unseres Selbst, in die Kontinuität unseres Ichs, in die Menschenkenntnis, in die Tatsachen der Welt, die wir platzieren, ordnen, deuten, denen wir einen Sinn geben.

Das Involviertsein äußert sich in Motivationen, Interessen, Absichten, Wünschen, Zielen. Alles, was existiert, kann einen Gefühlswert haben. Sobald wir eine Wahl vornehmen, existiert die Sache als Gefühlswert.

Das Involviertsein ist eine «regulierende Funktion des Ichs» im Verhältnis zur Innenwelt und Aussenwelt. Mit dem Involviertsein selektieren wir, was wir aus der Vielfalt der Eindrücke und Möglichkeiten in uns aufnehmen wollen. Diese Selektion kann spontan und unbewusst erfolgen oder als bewusste Wahl. Das Involviertsein ist  ein integraler Bestandteil unseres Denkens, unserer Handlungen und unseres Informations-Erwerbs. Involviert sein bedeutet Führung bei der Aufrechterhaltung der Homöostase und der Kontinuität unserer subjektiven Welt.

Die sieben Gefühlsarten

Agnes Heller unterscheidet sieben Gefühlsarten: Triebgefühle (Drive), Affekte, Orientierungsgefühle, Emotionen, Charakter- und Persönlichkeitsgefühle, Lebensgefühl/Stimmung, die Leidenschaft. Sie analysiert und beschreibt detailliert, warum und inwiefern sich diese Gefühlsarten voneinander unterscheiden, wie im Folgenden zu zeigen ist.

Triebgefühle (Drive)

Triebgefühle sind Hunger, Durst, das Atmen, Sexualität und andere Körpergefühle, die angeboren sind. Triebgefühle sind Signale des Organismus. Sie signalisieren, dass im Or­ganismus «etwas nicht in Ordnung ist», dass die biologische Homöostase in Gefahr ist, zusammenzubrechen. Drivegefühle sind zugleich Signale eines Bedürfnisses. Die Befriedigung eines jeden Triebes ist also unser Bedürfnis. Da der körperliche Schmerz kein Bedürfnis ist, gehört er nicht zu den Drives.

Affekte

Affekte sind expressive Gefühle wie Neugier, Freude, Trauer, Angst, Wut, Scham, Ekel, Lachen, Weinen. Affekte werden schon bei Platon und Aristoteles als Ausdruckserscheinungen definiert (Lehre von den Affekten und Leidenschaften, den Passionen). Durch Leidenschaften und Passionen wird unsere Seelenruhe aufgewühlt. Affekte sind angeboren. Aber worüber wir Scham, Freude oder Trauer etc. empfinden ist jedoch zum Teil kulturabhängig. Affekte sind leicht erkennbare Gefühle. Wir können sie erkennen, ohne die auslösende Situation zu kennen. Affekte können einander unterdrücken: Wut und Neugier können die Furcht unterdrücken, Scham kann den Sexualaffekt unterdrücken. Paradoxerweise kann die Wut in bestimmten Fällen das Denken schärfen, in anderen hemmen oder sogar ausschalten.

Orientierungsgefühle

Jedes Ja-Gefühl oder Nein-Gefühl ist ein Orientierungsgefühl, sei es in der Handlung, im Denken oder im Urteil. Die Überzeugung ist ein typisches Ja-Gefühl: Ich fühle, dass es so ist, ich spüre, dass es so sein wird, ich empfinde, dass ich es weiss. Orientierungsgefühle bauen auf Erfahrung und Wissen auf. Sie sind die Folge des Instinktabbaus, werden aber paradoxerweise oft «instinktiv» genannt. Liebe und Hass sind orientierende Kontaktgefühle. Sie orientieren uns darüber, ob ein Kontakt zu einer Person wünschenswert ist oder nicht. Beim Problemlösungsdenken spielen Orientierungsgefühle eine wichtige Rolle als Intuition: «Ja, so ist es» oder als Evidenz-Einsicht «es versteht sich ja von selbst.»

Emotionen

Emotionen sind z.B. Gerechtigkeit, Hoffnung, Mitleid, Mut, Macht und viele andere Gefühle. Sie bauen auf Triebgefühlen und Affekten auf. Emotionen sind kognitiv-situative Gefühle, weil wir die Situation kennen müssen, um sie zu verstehen. Der Erkenntnisaspekt ist ein organischer Teil der Emotion. Der Gefühlsinhalt kann prinzipiell nicht vom Gefühlsauslöser und der Gefühlsinterpretation getrennt werden. Das, weswegen wir fühlen, wem gegenüber wir fühlen, gehört zum Gefühl selbst. Ohne Kognition kann sich kein differenziertes Fühlen entwickeln. Emotionen sind historisch und sozial beeinflusst und daher veränderbar. Sie gründen einerseits auf gesellschaftlich anerkannten Gefühlen, andererseits in der persönlichen Entwicklung.

Charakter- und Persönlichkeitsgefühle

Charakter- und Persönlichkeitsgefühle sind Gefühlsgewohnheiten. Eine Gefühlsgewohnheit liegt dann vor, wenn wir auf gleiche oder ähnliche Situationen und Ereignisse mit gleichen oder ähnlichen Gefühlen reagieren. Von uns nahen Personen können wir sogar voraussagen wie sie auf bestimmte Situationen reagieren werden. Gefühlsgewohnheiten können auf Vererbung und Prägung basieren oder auf bewusster Wahl von Gefühlswerten. Emotionen, die zu Gewohnheiten geworden sind, werden zu Eigenschaften, das heisst, zu einem Teil der emotionalen Persönlichkeit (z.B. das Gerechtigkeitsgefühl).

Lebensgefühl, Stimmung/Laune

Das Lebensgefühl ist eine Gefühlsdisposition. Diese kann erblich bedingt sein oder persönlicher Lebenserfahrung entspringen. Die Stimmung ist eine Disposition, die einer konkreten Situation entstammt (Hochstimmung bei Erfolgen oder Verliebtheit).

Die Leidenschaft

Zur Leidenschaft können nur Emotionen werden. Man kann weder leidenschaftlich hungern noch leidenschaftlich schamhaft sein. Leidenschaftlich ist eine Emotion dann, wenn sie tief und intensiv ist.

 

Das Fühlen lernen

Nicht alle Gefühle sind von Anfang an vorhanden. Ausser den Triebgefühlen (Drive) und den Affekten sind alle Gefühle ausnahmslos erlernt.

Vor allem müssen wir lernen, was wir fühlen, weil wir uns sonst nicht helfen können, da wir keine instinktgelenkten Wesen sind. Es gibt Menschen, die, wenn sie hungrig sind, Magenschmerzen oder Ohnmachtsgefühle haben; gleichzeitig aber wissen sie, dass sie hungrig sind. Das Wissen ändert an der Gefühlsqualität des Hungers zwar nichts, ermöglicht jedoch ein adäquates Handeln. Wenn wir in einem solchen Fall nicht wüssten, das wir hungrig sind, wäre die Homöostase in Gefahr.

Das kleine Kind muss das Hungergefühl vom Schmerz und der Müdigkeit unterscheiden lernen. Ferner muss es den Ort des Schmerzes lokalisieren lernen sowie ob etwas sticht, brennt oder reisst.

Zum Fühlen lernen gehört das Lesen und Verstehen der Gefühle anderer Menschen.

Das Lesen der Affekte ist nicht schwierig, weil sie expressiv sind und wir sie erkennen können, ohne die auslösende Situation zu kennen. Trauer oder Wut können wir erkennen, ohne zu wissen, warum diese Person traurig oder wütend ist.

Wichtig ist das Benennen: Das Benennen macht die Gefühle genauer. Das Benennen der Affekte ermöglicht uns, die Expression eines anderer Menschen mit dem eigenen Gefühl zu vergleichen und zu erkennen, ob das, was ich fühle und was der Affekt der anderen Person ausdrückt, wesentlich der gleiche Affekt ist.

Das Lesen der Affekte beginnt schon vor dem Spracherwerb: Das größere Kleinkind reagiert auf ein lustiges oder wütendes Gesicht unterschiedlich: mit Lächeln oder ängstlichem Weinen. Es kann auf Wut auch mit Aggression oder Ratlosigkeit reagieren.

Das Lesen der Emotionen ist ein schwieriger Prozess, weil wir Emotionen zurückhalten und verbergen können. Zudem müssen wir Emotionen nicht nur lesen und erkennen lernen, sondern auch verstehen lernen. Emotionen kann ich nur verstehen, wenn ich die Situation kenne. Erst wenn ich weiss, was die andere Person fühlt, weswegen und wem gegenüber sie so fühlt, kann ich ihre Emotion verstehen.

Zum Beispiel: Die erwähnten Studenten befürchten, infolge von Psychotherapie könnten sie sich nicht mehr brutal finden. Warum sie dies meinen, können wir nur verstehen, wenn wir uns über das gesellschaftlich vorherrschende Männerbild im Klaren sind. Die Therapeutin hätte nachfragen sollen, wieso sie glauben, brutal sein zu müssen.

Eine Gefühlsqualität kann sich ändern, wenn ich erkenne, was ich fühle. Schuldgefühle können verschwinden, wenn ich erkenne, dass sie unberechtigt sind und unter Umständen einem Wutgefühl Platz machen. Ablehnung kann verschwinden, wenn ich erkenne, dass hinter dem störenden Verhalten eine leidende Person steckt.

Wertorientierung und Wertkategorien

Agnes Heller stellt fest, dass Gefühle in allen Gesellschaften nach Wertkategorien bewertet werden, und dass sich daraus bestimmte Rangordnungen ergeben. Ob wir uns schuldig fühlen und worüber und wann wir keine Freude empfinden sollen, schreiben ethische Normen vor. Wir sollen Mitleid haben mit armen und entrechteten Menschen und keine Schadenfreude empfinden.

In einer pluralistischen Gesellschaft bestehen unterschiedlicher Rangordnungen und Wertkategorien nebeneinander: Wertorientierungspaare sind bzw. Gut/Schlecht, Angenehm/Unangenehm, Schön/Hässlich, Gut/Böse, Richtig/Unrichtig, Wahr/Falsch, Erfolgreich/Erfolglos, Erwünscht/Unerwünscht und viele andere. Zum Beispiel Männlich/Unmännlich, Weiblich/Unweiblich.

Die Gymnasiastin in unserem Beispiel wählte ihre Gefühle nach den Wertkategorien moralisch gut und gerecht. Bei den Studenten, die den Verlust von Brutalität befürchten, können wir die unbewussten oder bewussten Wertkategorien immerhin vermuten. Sie befürchten, von ihren Geschlechtsgenossen als unmännlich taxiert und scheel angesehen zu werden. Wenn wir uns Gefühle aneignen, tun wir dies meistens mitsamt der Bewertung.

Hellers Wertewahl für ihre «Theorie der Gefühle» ist die einheitliche, sich in den Aufgaben der Welt verwirklichende, gefühlsreiche Persönlichkeit, wobei sie Liebe, Zuneigung und Freundschaft als «Gipfelpunkte der Gefühle» charakterisiert.

An Ciompis Auffassung über die Aggression bzw. über die Wut, wird der grosse Unterschied zu Hellers Theorie der Gefühle sichtbar. Ciompi leitet Aggression aus dem lateinischen ad pedere ab: sich annähern, ergreifen, in Besitz nehmen. Aggression sei also Bemächtigungswille, Energie, Aktivität, somit eine notwendige Lebensäusserung. Zugleich grenzt er ab von der pervertierten Aggression, indem er fordert, man solle «gute» Kanäle schaffen für das Ausleben von Wut.

Mit dieser theoretischen Vorgabe wird anstatt Klärung eine heillose begriffliche Verwirrung gestiftet. Denn seither sagen die Leute, Aggression sei ja nichts Schlimmes, sei vielmehr lebensnotwendig. Ciompi kann das Problem der Aggression nur darum so leichthin abhandeln, weil er sich dabei auf den Tierforscher Konrad Lorenz stützt. Dabei wird leider vergessen, dass Forschungen, die an Tierpopulationen gewonnen wurden, keineswegs 1:1 auf menschliche Verhältnisse übertragen werden können. Wenn Lorenz bei den Tieren keine zerstörerische Aggression ausmachen konnte, und somit die ständige Rechtfertigung der Kriege mittels Tiervergleich zu stürzen vermochte, ist zwar ein grosses Verdienst. Nun aber den Aggressionsbegriff, wie er sich aus Jahrtausenden in patriarchalen Kulturen herausgebildet hat und entsprechend in jedem Lexikon als Zerstörungsabsicht definiert wird zu verharmlosen mittels einer entgegengesetzten Interpretation, kann ich nur als naiv bezeichnen.

Partikulare und individuelle Gefühle

Mit dem Begriffspaar:  Partikular und Individuell bezeichnet Heller ein unterschiedliches Verhältnis zu sich und zur Welt. Der Mensch, der sich zur Welt und zu sich selber partikular verhält, ist durch völlige Identifizierung mit seiner eigenen Welt gekennzeichnet. Bei der partikularen Persönlichkeit richtet sich die Selektion auf die reine Selbsterhaltung bzw. auf die konfliktfreie Erweiterung in der gegebenen Umwelt.

Zwar ist unser Ich immer unaufhebbar partikular. Unsere partikularen Anlagen und unser partikularer Standpunkt bedeutet aber nicht, dass unser Verhältnis zur Welt notwendigerweise partikular sein muss. Wir können nur von der Welt des Ichs ausgehend selektieren und sind nie in der Lage, die Schranken des Ichs zu überschreiten. Das Ich ist immer in etwas involviert, und dieses Etwas kann nur durch das Ich selektiert werden.

Das undistanzierte Verhältnis zum eigenen Ich, zu den partikularen Anlagen, zum eigenen Standpunkt, geht zumeist mit einem undistanzierten Verhältnis zu den Vorschriften der gegebenen Welt und des Wir-Bewusstseins einher. Eine solche Person erlangt die Rechtfertigung für ihr Verhalten durch die unmittelbare Identifizierung mit dem gegebenen Gewohnheitssystem. In erschreckender Deutlichkeit zeigte sich dies bei Adolf Eichmann, der massgeblich die Todesmaschinen des Dritten Reiches organisiert hat, indem er sich damit verteidigte, er habe seine Pflicht getan, er habe auch das Gesetz befolgt. Ein SS-Mann sollte der Neigung zum Guten nicht nachgeben, sondern der Pflicht zu töten. Daher ging er ruhig und gefasst in den Tod, wie Hannah Arendt schreibt, die den Prozess mitverfolgt und in Eichmann in Jerusalem berichtet hat. Im Unterschied dazu wird der sich zur Welt und zu sich selbst individuell verhaltende Mensch durch die Distanz zu sich selbst sowie zur Welt charakterisiert. Ein Individuum ist derjenige, der im  Gewohnheitssystem seiner Umgebung individuell selektiert aufgrund selbstgewählter Werte.

Allerdings kann die bewusste Wahl negative Werte betreffen. «Man kann die imperativ aufgegebene, positive und negative Bewertung eines Gefühls … bewusst negieren.» Das bedeutet, dass zur bewussten Wahl die ethische Wahl hinzukommen muss, die Wahl des Mitleids, des Mitgefühls, der Achtung für die Persönlichkeit. 

Die zwei verschiedenen Verhältnisse zu sich und zur Welt werden entweder in dem Gefühl selbst ausgedrückt oder in unserer wertenden Stellungnahme zum eigenen Gefühl. Allerdings können Triebgefühle prinzipiell nicht individuell sondern nur partikular sein. Auch die Affekte können an sich nicht individuell, sondern nur partikular sein. Im Verhältnis zu den Affekten wird aber schon der Unterschied zwischen Individualität und Partikularität deutlich. So kann der zur Wut neigende Mensch sich mit seiner Wut identifizieren und seine Wutanfälle rationalisieren oder aber sich von ihnen distanzieren und seine aus Wut begangenen Taten verurteilen bzw. seine Wut beherrschen.

Wer nur in Bezug auf sich selbst, also partikular liebt, liebt nur solange, bis der andere ihm «gehört», bis der andere ihn am stärksten liebt. Der Hauptwert des/der Geliebten ist das Zu-mir-gehörig-Sein. Hört dies auf, hört auch die Liebe auf und schlägt in Hass oder Verachtung um. Solange der andere mir gehört ist die Identifizierung mit ihm bedingungslos (223).

Das Gefühl der individuellen Liebe ist dagegen andersartig. Wer als Individuum liebt, der/die liebt den anderen wegen seiner selbst, also wirklich ihr oder sein Sein als solches. Die individuelle Liebe kennt die Distanz. Ist die Liebe noch so stark, der Liebende kann doch über die/den anderen urteilen und ironisieren; freilich bedingt diese Distanz zugleich die eindeutige Bejahung der ganzen Persönlichkeit des/der anderen (223-224).

Das Individuum kann die Einsamkeit ertragen. Es kann auch zur Kenntnis nehmen, dass seine Liebe unerwidert bleibt. Auch das Individuum hat ein Bedürfnis nach der Bejahung seiner Persönlichkeit durch andere. Der partikulare Mensch benötigt aber die Bejahung von allen, und die Sicherheit seines Ichs ist sogar durch diese Bejahung bedingt.

Dieses partikulare Verhältnis wird durch C.G.Jungs Befindlichkeit indirekt bestätigt. Er selber schildert diese Gefühlslage mit Bezugnahme zum biblischen Gott Jahwe im Buch: Antwort auf Hiob. Jahwe bedürfe der Akklamation einer kleinen Menschengruppe und er würde mit blinder Zerstörungswut reagieren, wenn es dieser Versammlung einfallen wollte, mit dem Beifall aufzuhören. Dann würde er nämlich in höllische Einsamkeit und in qualvollstes Nichtsein versinken, gefolgt von einer allmählich wieder erwachenden, unaussprechlichen Sehnsucht nach dem Etwas «Das Mich Mir Selber fühlbar macht» (Hervorhebung von Jung).

Zusammenfassung des partikularen und individuellen Fühlens:

Wenn sich die Wahl von Gefühlswerten ausschliesslich an Eigeninteressen orientiert, also ausschliesslich an der eigenen Selbsterhaltung und konfliktfreien Erweiterung des Ichs interessiert ist, handelt es sich um das partikulare Fühlen. Es fehlt die Distanz im Verhältnis zur Welt und zu sich selber.

Beim individuellen Fühlen werden die Gefühlswerte bewusst gewählt im Sinne der Selbstveränderung und Selbsterziehung. Das Involviertsein dreht sich nicht nur um die eigene Person, sondern auch um die Bedürfnisse anderer Menschen und Kulturen. Die andere Person wird um ihrer selbst willen geliebt. Die Wahl der Freundschaften erfolgt aufgrund persönlicher Werte der gewählten Person. Die Liebe ist nicht distanzlos, sondern kennt Distanz. Es kann auch Kritik geübt werden, weil grundsätzlich die ganze Person bejaht wird; die Wertschätzung bleibt erhalten. Das individuelle Verhalten wird durch das «Erkenne dich selbst» geleitet.

 

Fühlen und Denken bedingen einander

Jedes menschliche Gefühl enthält ein Erkenntnismoment oder es ist zumindest mit der Kognition, mit den Zielen und Situationen verbunden; nur in Wechselwirkung mit ihnen wird es als Gefühl relevant. «Es gibt kein Erkennen ohne Gefühl, keine Handlung ohne Gefühl, keine Wahrnehmung ohne Gefühl, keine Erinnerung ohne Gefühl.» (159).

Denken, Fühlen und Handeln bilden eine ursprüngliche Einheit. Der 'einheitliche Mensch' ist eine empirische Tatsache, aber eine 'nicht weniger empirische Tatsache' sieht Heller darin, dass die gegenwärtige Gesellschaft partikulare Gefühle produziert und fixiert. Wenn wir uns total identifizieren mit unseren Gefühlen und unserer eigenen Welt, wenn also die nötige Distanz zur eigenen Gefühlswelt und die nötige Distanz zur Welt fehlen, ist unsere Gefühlswelt partikular.

Aufgabe der Gefühlswelt

Die menschliche Gefühlswelt ist ein komplexes Orientierungs-, Erlebnis- und Wertungssystem, der die Aufgabe zukommt, das psychophysische und soziale Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Fühlen bedeutet also wesentlich Orientierung und Information, die zu den Qualitäten von Erleben und Erleiden hinzukommt. Im Kontakt informieren Gefühle über das Verhältnis des Ichs zu anderen Menschen. Die Freude, die mich bei der Begegnung mit einer bestimmten Person immer überkommt, informiert mich, dass sie eine wichtige Person für mich ist. Der Tonfall informiert darüber, ob das «Komm her» eine Bitte, eine Aufforderung oder ein Befehl ist. Gefühlsexpressionen informieren über die Bedeutung von Worten: Wir können die gleiche Sache beschreibend, ironisch, anspielend, vertraulich, skeptisch oder mit Überzeugung sagen. Die Worte, der begrifflich/sprachliche Ausdruck, bleibt immer derselbe, durch die Gefühlsexpression verändern sich jedoch die Bedeutung der Worte.

Dass Gefühlsexpressionen informativen Charakter haben, beweist die Tatsache, dass wir mit ihrer Hilfe auch lügen können. Kinder können eine Unschuldsmiene zeigen, wenn sie Schuldgefühle oder Scham verbergen wollen. Knaben zeigen oft Triumphgebaren, um Unsicherheitsgefühle zu verbergen, etc.

Gefühle nicht per se moralisch gut

Gefühle bilden nicht per se eine gute und moralische Welt: Aggression, Gefühle der Herrschaft und Grausamkeit sind auch Gefühle.

Die menschliche Gefühlsskala umfaßt Hunderte unterschiedlicher und auch widersprüchlicher Gefühle.

Das willentliche Fühlen - Der Wille

Wir können auch willentlich fühlen. Dies geht daraus hervor, dass wir ständig zum Fühlen aufgefordert werden und selber dazu auffordern: Die Bibel fordert: Du sollst Vater und Mutter ehren und achten. Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst. Im Alltag sagen wir: Vertraue mir, hab keine Angst, beruhige dich, denke nicht an das, was die quält, schäme dich, etc. Ohne explizite Aufforderung würde sich die Mehrzahl der konkreten Gefühle überhaupt nicht herausgestalten.

Der Wille ist die Konzentration auf das Erreichen eines Zieles. Der Wille ist Wunsch, also Gefühl, also Involviertsein.

Gefühlshaushalt und Arbeit

Der normale Gefühlshaushalt wird durch die Wechselwirkung von Arbeit und Gefühl geregelt. Wir setzen immer einen Teil unserer Gefühle in Handlung um.

Der Gefühlshaushalt funktioniert solange normal, wie die Gefühle sich um eine sinnvolle Arbeit und Aufgabe anordnen.

Sinnvoll ist eine Arbeit dann, wenn sie fähigkeitsentfaltend und gesellschaftlich notwendig ist. Dazu gehört besonders die Pflege von unmittelbaren menschlichen Beziehungen sowie die Erfüllung von Aufgaben, die sich auf die Gesamtheit der Gesellschaft beziehen (Familienarbeit, soziale Aufgaben, gesellschaftspolitische Aufgaben)

Wenn wir Gefühlswerte bewusst wählen und diese in Handlung umsetzen, bauen wir in uns eine «zweite Natur» auf.

Die «zweite Natur» funktioniert auf «natürliche» Weise, da wir uns ihren Impulsen und «Instinkten» anvertrauen können.

Die «zweite Natur» enthält Aspekte der Selbsterkenntnis und der Selbstformung. Daher bildet sie eine höhere Form von Unmittelbarkeit und Spontaneität.

Wir müssen also nicht befürchten, unsere Spontaneität zu verlieren, wenn wir den «normalen» Gefühlshaushalt begünstigen.

Reflexion über die Gefühle

Nachdem wir unsere Werte, Arbeitsaufgaben und Ziele gewählt haben, müssen wir immer wieder prüfen, ob unsere Gefühle den gewählten Werten entsprechen und ob wir emotional in diese Werte hineingewachsen sind.

Diese Überprüfung erfolgt jedoch nicht ständig, sondern nur an Knotenpunkten und in Konfliktsituationen. Dies im Unterschied zur ständigen Selbstreflexion der narzisstischen Gefühlsstruktur. Die ganzheitliche Lebensführung oder das ganzheitliche Lernen erfordert also keineswegs die ständige Reflexion der eigenen Befindlichkeit in jeder Situation.

Narzisstisch ist unsere Gefühlsstruktur dann, wenn unsere Gefühle der einzige Gegenstand unserer Aufmerksamkeit und Reflexion sind. In der Folge nehmen auch unser Verhalten und unsere Handlungen eine narzisstische Form an.

Labilität des Gefühlshaushalts

Das Hausfrauendasein begünstigt eine spezielle Labilität des Gefühlshaushalts. Solange die gesellschaftlich notwendige Familienarbeit mit Kindern fähigkeitsentfaltende Möglichkeiten bietet, funktioniert der Gefühlshaushalt normal. Wenn sich die Kinder verselbständigen, fällt das von der sozialen Aufgabe isolierte Gefühl ins Leere. Der Gefühlshaushalt wird labil. Das heisst, jede seelische Regung schwillt an und erhält ausserordentliche Bedeutung. Die zum Selbstzweck gewordenen Gefühle können nicht mehr in Handlungen umgesetzt werden. Gefühle und Gedanken drehen im Kreis. Diese gefährliche Situation betrifft besonders häufig die nachfamiliäre Phase, die zudem mit den Wechseljahren zusammenfällt.

 

Fühlen und Denken im Verhältnis zur Moral

In der Antike war das Gefühl primär ein moralisches Problem. Es wurde der Analyse der Tugenden untergeordnet. Die höchste Tugend war im guten Staatsbürger verkörpert, daher sollten auch die Gefühle dem guten Staatsbürger angemessen sein. Beim Hedonismus, der den Lebensgenuss als höchstes Gut auffasst, wird die Entwicklung der Genussfähigkeit besonders gefördert.

Der Massstab des mittelalterlichen Christentums war der gute Christ. Da infolge des Dualismus «Körper-Seele» nur die seelisch/geistigen Gefühle das moralisch Gute verkörpern konnten, sollten die zum Leib gehörenden Gefühle so weit als möglich unterdrückt oder wenigstens im Zaum gehalten werden.

Der Zusammenhang von Gefühl und Moral blieb in der bürgerlichen Epoche erhalten, wurde jedoch von ganz andersartigen theoretischen und wertenden Standpunkten durchkreuzt. Die Existenz der Moral wurde nicht mehr als etwas «Natürliches» vorausgesetzt. So wurde es nötig, eine Moral auf neuen Wegen zu begründen. Ein erster Versuch leitete das Moralische aus Grundgefühlen ab, wobei dies im einen Fall primär das Gefühlselement Egoismus, die Habsucht, im anderen Fall den Altruismus (moralische Gefühle, Sympathie) betraf.

Ein nächster Versuch war, das Moralproblem durch Polarisierung von Denken und Fühlen bzw. von Gefühl und Vernunft zu lösen. Bei Kant blieb der Zusammenhang von Gefühl und Moral erhalten durch seine transzendentalphilosophische Begründung der Dreiheit: Wille, Erkenntnis und Gefühl. Dies allerdings in negativer Form (Gefühle sind unmoralisch). Durch die Psychologisierung dieser Dreiheit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Gefühl von der Moral abgelöst. Die ideologische Zweckrationalität nahm im Positivismus eine fachwissenschaftlich-empirische Form an. Max Weber und Sigmund Freud haben sich mit der positivistischen Ideologie auseinandergesetzt, akzeptierten aber leider die psychologische Spaltung von Gefühl und Kognition als angebliche «Tatsache der Psyche». Für Weber war diese Spaltung eine Problematik, und Freud nannte sie eine Tragik.

Bei Freud sieht Heller das Gefühl zum Trieb degradiert. Damit wurden der Verstand und die Moral als separate und zu organischer Einheit unfähige 'Welten' gesetzt. Das «Ich» wurde zum Organ des zweckrationalen Denkens und Handelns, das von Trieben (Es) und von der wertrationalen Kultur (Moral, Über-Ich) bedrängt wird. Freud plädierte zwar dafür, die triebmässig-gefühlshaften Bedürfnisse im Prozess der Selbstverwirklichung zu befriedigen. Gleichzeitig übertrug er aber die Aufgabe, sich in der Welt zurechtzufinden und sich die Welt anzueignen, allein dem Ich - unter Ausschluss der Gefühle.

Aus dieser einseitigen Zuweisung resultiert, dass im Rahmen der Arbeit keine wirkliche Selbstverwirklichung möglich ist.

Für die positivistische Psychologie, besonders für den Behaviorismus bzw. die Verhaltenstherapie, besteht die Selbstverwirklichung lediglich im zweckdienlichen (zweckrationalen) Handeln. Das Gefühl wird als blosse Begleiterscheinung verstanden (Epiphänomen). Umgekehrt wird bei C.G. Jung das Denken als störender Faktor beschrieben: «Nichts aber stört das Fühlen so sehr wie das Denken». Diese Auffassung brachte Jung den Vorwurf des «Irrationalismus» ein (14).

Die Gestaltpsychologie und der Neofreudianismus gingen zwar über den bloss «empirischen Fachcharakter» innerhalb der Psychologie (Experimentelle Psychologie) hinaus. Sie anerkannten aber leider den theoretischen Gegensatz von Denken und Fühlen und also die Spaltung in ein zweckorientiertes Denken und in ein wertorientiertes Gefühl als grundlegend. Die Erwartung, die Herausbildung einer einheitlich fühlenden und denkenden authentischen Persönlichkeit würde die Welt verändern, hält Heller allerdings für den Ausdruck eines naiven Utopismus, denn der Optimismus blendet die Probleme aus, die durch die psychologische Spaltung von Denken und Fühlen geschaffen wurden.

 

Ursprüngliche Polaritätsidee

Die ursprüngliche Polaritätsidee war nicht aufs Geschlechterverhältnis ausgedehnt. Der ursprüngliche Polaritätsgedanke ging, wie Carola Meier-Seethaler5 nachgewiesen hat, von einem rhythmischen Grundelement jeglichen Lebens überhaupt aus sowie von einem 'fliessenden Gleichgewicht zwischen schöpferischer Pause und schöpferischem Neubeginn'. Der geheimnisvolle Seinsgrund des Tao ist das ewig Bestehende über alle Wandlungen hinweg, dem alles Seiende ständig unterworfen ist. Die ältesten Gegenüberstellungen sind entsprechend Dunkelheit-Helle, Nacht-Tag, Winter-Sommer, Noch-Nichtsein-Sein.

Die Polaritäten, wie sie im I Ging bzw. im Taoismus und im «Buch der Wandlungen» zum Ausdruck kommen, bezeichnen kosmisches Geschehen. Das Tao bezeichnet den allumfassenden Urgrund des Seienden als die Wurzel, das Tor, die Bahn, auf der das All sich bewegt. Das berühmte Yin-Yang-Prinzip des I Ging hat nicht das mindeste zu tun mit der später so geläufigen Polarisierung von männlich und weiblich. Das älteste Schriftzeichen für Yin ist eine Wolke als Zeichen des Dunkels, das für Yang ein in der Sonne wehender Wimpel als Zeichen für das Helle. (202-203)

Das Weiche und Empfangende wird als ein Stadium des Werdens ebenso geschlechtsunspezifisch aufgefasst wie das Feste und Gestaltete als Zustand für das Gewordene und Geprägte.

Alles Seiende ist ständig den Wandlungen unterworfen. Die Wandlungen selbst werden als Nacht und Tag, Dunkel und Helle, Winter und Frühling, Nichtsein und Sein beschrieben, die in ständigem Wechsel ineinander übergehen. Was wir in der ursprünglichen Weisheitslehre des I Ging vor uns haben, ist der religiöse Versuch, den Wandel vom Leben zum Tod und wieder zum Leben demütig zu akzeptieren und sich nicht gegen das 'ewige Gesetz von Werden und Vergehen' aufzulehnen (202). Die Polarisierung der Geschlechter lässt sich also nicht mehr mit dem I Ging legitimieren (Carola Meier-Seethaler: Ursprünge und Befreiungen, l992).

Verzicht auf die Geschlechterpolarität

Verzicht auf die Geschlechterpolarität führt nicht zu tödlicher Langeweile. Macht und Gewalt des heterosexuellen Eros beruhen nach Meinung der Psychoanalyse darauf, dass er imstande sei, die von Zeus gespaltenen Menschenhälften - Frau und Mann - zusammenzubringen. Das Schmerzliche des Menschseins entspringe seiner Halbheit. Die Sehnsucht nach der anderen Hälfte mache die Menschen zu getriebenen Wesen, wie Margrit Brückner beschreibt.

Die Psychoanalytikerin Anna Koellreuter argumentiert anders, meint aber dasselbe wie Margrit Brückner. Spannungen und Widersprüche kämen im Triebhaften zum Ausdruck. Das Triebhafte mache «das Fremde in uns» aus, das fremd bleiben wolle und fremd bleiben werde. Sie entwirft «das Schreckensbild eines harmonischen, konfliktfreien, familiären Zusammenlebens», in welchem die triebmässige Erotik keinen Raum mehr hat, wenn die polare Zuordnung nicht mehr gelte.

Nach Agnes Heller ergeben sich Spannungen und Widersprüche von selber aus der Vielfalt der Gefühlswelt. Das Sexuelle kommt in den Triebgefühlen zum Ausdruck.

Das Triebhafte, das psychoanalytische «Es», gerät durch den Verzicht auf die Geschlechterpolarität keineswegs ins Abseits. Triebgefühle und Affekte werden sich auch in Zukunft im Wesentlichen gleich bleiben. Das Fühlen-lernen eliminiert weder die Triebgefühle noch die Affekte, sondern führt dazu, auf diesen Grundgefühlen eine reichhaltige und differenzierte Gefühlswelt aufzubauen, die schliesslich auch noch wie «eine zweite Natur» spontan funktioniert.

Die eigentliche Spannkraft des Daseins resultiert demnach keineswegs aus der künstlich hergestellten Geschlechterpolarität, sondern aus der Vielfalt und Widersprüchlichkeit unserer Gefühlswelt und Bedürfnisse.

Erinnern wir uns schliesslich an Goethes Seufzer: «Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust». Der Seufzer galt seinen eigenen widersprüchlichen und ambivalenten Gefühlen. Goethe stellte Liebe-Hass, Freude-Niedergeschlagenheit, Mut-Mutlosigkeit, Angst, Macht- Ohnmachtsgefühle, also eine widersprüchliche, ambivalente Gefühlswelt voller Spannungen in der eigenen Psyche fest. Diese Polarität im Gefühlsbereich eines jeden Menschen, ob Frau oder Mann, war auch für Goethe Gewähr genug, dass die «Spannung menschlichen Seins» und auch zwischen den Geschlechtern erhalten bleibt.

 

Praktische Auswirkungen von Agnes Hellers Theorie der Gefühle

Andere Informationen: Die jungen Menschen, von denen eingangs die Rede war, würden aufgrund von Agnes Hellers Theorie der Gefühle andere Informationen erhalten als zuvor.

Die Gymnasiastin würde in der Psychotherapie zu hören bekommen, ihre Gefühle zeigten, dass sie in Probleme der Menschheit involviert sei und nicht nur in ihre persönlichen Belange, und dies sei absolut positiv. Ferner würde sie erfahren, es sei für das normale Funktionieren der Psyche wichtig, einen Teil der Gefühle in Handlungen umzusetzen. Ein Psychologiestudium würde es ihr tatsächlich ermöglichen, ihr Mitleid mit unterprivilegierten Menschen, ihre Angst über die zunehmende Umweltverschmutzung, sowie ihren Zorn darüber, weil sie als Frau ins Hausfrauendasein verwiesen wird, in Handlungen umzusetzen. Das Studium der Psychologie wäre aber nur eine von anderen Möglichkeiten, ihr Involviertsein in Probleme der Menschheit in eine adäquate Berufstätigkeit umzusetzen. Jedoch kämen noch andere Studienrichtungen und Fachschulen für sie in Frage. Ferner würde sie auf das grosse Kräftepotential aufmerksam gemacht, das sowohl im Gefühl des Mitleids als auch in den Gefühlen von Wut und Zorn zum Ausdruck kommen können.

Die Studentin würde die Information erhalten, dass Denken und Fühlen keineswegs Gegensätze sind, sondern eine ursprüngliche Einheit bilden. In den «Orientierungsgefühlen» kommt dieser Sachverhalt am unmittelbarsten zum Ausdruck, und auch in der in der Wortwahl: Der kognitive Aspekt ist im Begriff «Orientierung» enthalten, der Gefühlsaspekt im Begriff «Gefühl». Daher kreierte Agnes Heller sehr prägnant das Wort: Orientierungsgefühle.

Stierkämpferinnen würden nicht mehr als unweiblich diskriminiert. Anstelle dessen würde der Stierkampf an sich verurteilt mit dem Hinweis, dass er tierquälerisch und grausam sei.

Die männlichen Studenten würden informiert über den Unterschied von angeborenen und erlernten Gefühlen. Ferner würden sie mit der Frage konfrontiert, warum die Studenten glauben, dass Männer brutal sein müssten.

Weitere Ergebnisse: Nachdem die oben erwähnte Studentin die Information über die Einheit von Denken, Fühlen und Handeln sowie über die Existenz von Orientierungsgefühlen erhalten hatte, sagte sie, sie gehe spürbar erleichtert aus der Therapiesitzung. Später erwähnte sie, sie habe nun den Mut gehabt, für ihre Semesterarbeit ein Thema zu wählen, in das sie wirklich involviert sei. Diese Wahl habe in ihr eine ungeahnte Schaffensfreude ausgelöst. Stundenlang habe sie begeistert arbeiten können, ohne ans Essen zu denken (die Studentin litt an Bulimie). Die Angst, kopflastig zu sein, war von ihr gewichen. Sie berichtete ferner, sie habe erstmals einen Orgasmus gehabt, wenn auch erst einmal nur in einem Nachttraum. Dennoch ist dieses Erlebnis nicht zu unterschätzen. Der Traum vermittelte leibhaft intensiv, wie sich Orgasmus anfühlt und ferner wurde ihr deutlich, dass intensive geistige Arbeit dem sexuellen Drive keineswegs abträglich ist - im Gegenteil.

 

Zusammenfassung und Fazit

Agnes Hellers Theorie der Gefühle hat sich als die am besten durchdachte und umfassendste Theorie herausgestellt, die zudem mit klaren Beispielen untermauert ist. 

Besonders eindrücklich ist der Nachweis, dass Denken und Fühlen keine Gegensätze sind, und dass die Kognition ein integraler (inhärenter) Bestandteil des Fühlens ist. Damit wird das ganze tradierte Theoriegebäude des führenden Theoretikers ausser Kraft gesetzt, auf das sich die Schulen für tiefenpsychologische Psychotherapie berufen.

Die Analyse, was Denken heisst, hat sich als ein Streben nach Herrschaft und als unterdrückendes Machtinstrument entlarvt, anstatt sich der Wahrheitsfindung zu verpflichten.

Die Analyse des «Gefühls», das dem Denken gegenübergestellt ist ergab, dass es zweckgerichtet auf das weibliche Geschlecht gemünzt ist, um die Frauen zu verpflichten, sich vom Manne ergreifen und über sich bestimmen zu lassen.

Ganz andersgeartet ist Agnes Hellers Menschenbild. Denn dieses postuliert ein Individuum, das in die Aufgaben der Welt involviert ist während zugleich auf die Gefahren des Hausfrauen-Daseins hingewiesen wird, das von einem bestimmten Punkt an eine besondere Labilität das Gefühlshaushalts provoziert.

Ganz neu ist die Beobachtung, dass jedes Gefühl Informationscharakter hat und dass dies selbst für die Affekte gilt. Dieser Sachverhalt wird anhand einer Beobachtung an Kindern exemplifiziert, die uns mit Unschuldsmiene eine Lüge auftischen können.

Ein wesentlicher Erkenntnisaspekt ergibt sich aus der Unterscheidung von zwei Formen der Einstellung im Verhältnis zur Welt: partikular und individuell. Die partikulare Selektion erfolgt nach dem Prinzip der Selbsterhaltung und konfliktfreien Erweiterung der eigenen Person im gegebenen Umfeld, während bei der individuellen Selektion die Gefühlswerte bewusst gewählt werden im Sinne von Selbstveränderung und Selbsterziehung. Das Involviertsein dreht sich nicht nur um die eigene Person sondern auch um andere Menschen und Kulturen.

Sehr schön und differenziert ist die Beobachtung bezüglich des Weinens, die Heller der Meinung entgegen setzt, Weinen sei eine Geste der Unterwerfung: Es gibt das Weinen aus Trauer, Freude oder Wut.

Überaus spannend liest sich die Begründung für die Art der Einteilung der Gefühle in sieben Gefühlsarten. Zum Beispiel: Eine mathematische Aufgabe lösen, Zeitung lesen, die Sonne geniessen – diese Gefühle sind ganz verschieden.

Dagegen wirkt z.B. Ciompis Beschreibung der Gefühlswelt, bei der lediglich auf die Gruppe der Affekte Bezug genommen wird, ziemlich mager: Er definiert die Affekte als eine Gestimmtheit von unterschiedlicher Qualität.

In Agnes Hellers Theorie der Gefühle bildet das Involviertsein das strukturierende Element für die Gliederung der menschlichen Gefühlswelt, in der sie eine Vielzahl von unterschiedlichen und auch gegensätzlichen Gefühlen erkennt. Vom «Gefühl» in der Einzahl zu sprechen sei daher sinnlos.

Bezüglich der Polaritätsidee ergab sich, dass eine Polarität innerhalb der Gefühlswelt besteht, nicht aber eine Polarität zwischen den Geschlechtern. Dieser Sachverhalt bietet Gewähr genug, dass die «Spannung menschlichen Seins» wie ebenso die Spannung zwischen den Geschlechtern bestehen bleibt.

Quellen

1) Agnes Heller: Theorie der Gefühle, 1981

2) Andrea Graf:  Die Suppenkasperin. Geschichte einer Magersucht

3) Philippe Lersch: Aufbau der Person, siebte Auflage (1938-1970), Seiten 482-485)

4) Philippe Lersch:  Vom Wesen der Geschlechter, vierte Auflage (1950-1968), Seiten 55-59, und 127)

5) Carola Meier-Seethaler: Ursprünge und Befreiungen. Die sexistischen Wurzeln unserer Kultur

6) Koellreuter Anna, in: Grosz-Ganzoni, Ita-Maria (Hg): Widerspenstige Wechselwirkungen. Feministische Perspektiven in Psychoanalyse, Philosophie, Literaturwissenschaft und Gesellschaftskritik

7) Colemann Daniel: Emotionale Intelligenz - Interview mit Christian Waefler, Brückenbauer 40/1996

Heller Theorie der Gefühle