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271 – Die Leibphilosophie von Annegret Stopczyk im Verhältnis zur Theorie der Gefühle von Agnes Heller

Elisabeth Camenzind

In diesem Text  gehe ich ausführlicher auf die «Leibphilosophie» von Annegret Stopczyk ein, weil es darin explizit um unsere Leiblichkeit geht. Die ausgebildete Philosophin geht von der Philosophiegeschichte aus, in der sie nach Traditionen sucht, die den Leib und das Erleben in den Denkprozess einbeziehen. Stopczyks Anliegen ist die Entwicklung einer Philosophie, die besser imstande wäre, «wenigstens argumentativ unseren Leib und unser Leben zu schützen, als die bisherige Philosophie». Aufgrund der Ergebnisse ihrer Forschungen unterscheidet die Philosophin zwischen den Begriffen: Körper und Leib, weil sich mit dem Begriff «Leib» ein anderes Erleben verbinde als mit dem Begriff «Körper». - Ihr Buch trägt den schönen und sprechenden Titel: Sophias Leib - Entfesselung der Weisheit (ID-Buch 710).

Ihre Suche nach leibnäheren Traditionen - sagt Stopczyk - habe sich immer mehr zu einer Suche nach der «Sophia» entwickelt. Um dies zu erklären, geht sie auf die Antike zurück: Die griechischen Worte «Sophia» und «Logos» seien Ausdruck für zwei verschiedene, miteinander konkurrierende Erkenntniswege (gemeint die Vernunft-Philosophie und die Sophia-Philosophie), die traditionell als Gegensatz von Denken und Fühlen, Theorie und Erfahrung oder von Kopf und «Bauch» aufgefasst wurden, wobei sie einen dritten Erkenntnisweg vorschlägt.

Diesen dritten Weg sieht sie in einem Denken, das sich absichtlich zwischen Sophia und Logos bewegt, zwischen Weisheit und Vernunft, zwischen linker und rechter Gehirnseite, zwischen Gefühlen und Verstand. Zwischen Weisheit und Vernunft zu denken bedeute, in beiden Formen zu denken, die Freiheit zu haben, verschiedene Sichtweisen einnehmen zu können, je nach den Erfordernissen der aktuellen Situation. Es handle sich um ein lösungsorientiertes, auf die Komplexität der Lebenssituation bezogenes Denken.

Annegret Stopczyk versteht ihre philosophische Arbeit als Liebe zu «Sophia», zur Weisheit. Weisheitsliebe habe es in der Philosophie im Abendland noch nicht gegeben. Logos meine ein Suchen nach Wahrheit lediglich in Begriffen, die nach einer bestimmten Logik geordnet werden. Es sei ein geregeltes und reglementiertes Denken, das auch den Namen «Vernunft» erhielt. Ein Philosophieren nur in gelernten Begriffen bleibe aber immer mangelhaft gegenüber der Erfahrung, die Weisheit eines Lebensproblems vorbegrifflich zu erfassen. Die Alternative zu Vernunft heisse Weisheit, nicht Irrationalität und Unvernunft (13).

Die Leibphilosophie geht nicht von einem naturhaft weiblichen Denken aus, weil dieses ebenso ein konstruiertes Denken sei, wie das männliche Denken. Frauen könnten zwar genauso denken wie Männer, müssten dies aber nicht, denn sie könnten auch anders. Der Vorschlag der Philosophin ist, ein «utopisch weibliches» Denken zu konzipieren, als eine Utopie, als eine Orientierung, auch für Männer (84). Den kritischen Einwänden gegen diese Begrifflichkeit hält sie entgegen, Frauen seien im jetzigen historischen Zeitpunkt tatsächlich besser in der Lage, mit beiden Gehirnhälften zu denken, als Logos trainierte Männer, die sich auch noch mit ihrer Rationalität emotional identifizierten. Das Denken mit beiden Gehirnhälften wird von Stopczyk als ein «bikamerales» Denken bezeichnet.

Dieses bikamerale Denken möchte die Philosophin aber leibnäher gedacht wissen. Es nehme eine Zwischenstellung zwischen den beiden Erkenntnistraditionen, Weisheit und Vernunft, ein. Bildlich gesehen drehe sich das einseitig rationale Denken der linken Gehirnhälfte in einem kleinen Kreis, während das bikamerale, kreative Denken beide Gehirnhälften umfasse. Der grosse Kreis würde beide Gehirnhälften verknüpfen, wäre wie eine Hochzeit zwischen Sophia und Logos (99).

«Logos» heisse im Griechischen das Wort, die Rede, das Gesetz, das Aufgeschriebene, die Regel, die Lehre. In mythischen, älteren Zusammenhängen bezeichne dieses Wort eine Schöpfungsvorstellung, nach der die Welt durch das Wort entstanden sei oder durch einen rein geistigen Gedankenakt. «Logos» habe als eine göttliche Essenz gegolten, die männlich war (84-85). - Für uns ist es ganz wichtig, an derlei historische Sachverhalte erinnert zu werden.

Denn noch heute lebe die Philosophie in der Tradition des Aristoteles, für den der Mensch (gemeint der Mann) ein «rationales Tier» sei, der sich durch seine spekulierende und vernünftige Seele von den Pflanzen und Tieren unterscheidet. Das «Vernunfttier» Mann könne wegen seiner Denkfähigkeit die höchste Naturentwicklung vorweisen und daher auch mit Recht beanspruchen, über alles andere zu herrschen und die gesamte Natur für sich zu nutzen. Das körperliche Erleben galt als Störung des Denkens und Erkennens. - Im Unterschied dazu stellt sich die Philosophin ein neues, sich öffnendes Selbstverständnis von Weisheit vor, das noch unentdeckt jenseits der ausgetretenen Heerstrassen der Vernunft auf uns wartet und befreit werden möchte.

Das Wort «Sophia», das im Griechischen soviel wie Klugheit, Einsicht, bewusste Kunst, Weisheit, Lebenserfahrung bedeutet, werde mythologisch als weibliche Gottheit vorgestellt und komme mit verschiedenen Namen in fast allen älteren Religionen der Erde vor. Die Sophia gelte als Weltgebärerin, die aus sich selbst erschafft. Die gnostische Sophia erschuf die Welt wie ein Logos aus ihrer Gedankenkraft heraus und war so ebenfalls ein Logos (85). Jene Philosophen, die der Sophia zugetan blieben - wie Ludwig Feuerbach - seien von den anderen Philosophen verdrängt worden. Feuerbach wollte, dass das «zu Verstand gebrachte Herz» zum Leben kommt: «Ich bin ein wirkliches, ein sinnliches Wesen. Der Leib gehört zu meinem Wesen.» Ich bin nicht «ein abstraktes, ein nur denkendes Wesen» (18). - Damit will Stopczyk zeigen, dass es auch immer Männer gab, die sich gegen falsche Einteilungen und Zuschreibungen zur Wehr gesetzt haben, und dass diese Männer die Gedankenkraft des Weiblichen - des weiblichen Logos - gekannt und hoch eingestuft haben.

Die Philosophin strebt eine bewusstere Suche nach einer weisheitlicheren Erkenntnisweise an, von der sie sich die «Freiwerdung eines Weges für ein differenzierteres Welterkennen» verspricht. Vor allem auch Frauen könnten beginnen «ihre Welterfahrung sensibler zu beobachten und in Worte zu bringen». Nicht alle Frauen seien in der Lage, ihre Welterfahrung ausreichend zu beobachten und zu beschreiben. Auch Frauen hätten einen Sensibilisierungsprozess zu durchlaufen. Erkennen habe etwas damit zu tun, wie wir in der Welt das Leben erfahren. Auf die Frage, warum ihre Philosophie «Leibphilosophie» heissen müsse, antwortet die Philosophin: «Ich bin ein leiblich-körperliches Wesen und will meine Vernunft mit dem Herzen verbinden. Ich will lebensliebend auf Erden sein und dafür denken, fühlen, erfahren und Wissen erwerben. Ich will die Weisheit im Lebensalltag der Menschen wieder entdecken, und ich will Liebesfähigkeit» (20). - Diese Erklärung finde ich sehr schön und richtig, sie genügt aber nicht. Denn wir müssen nicht nur das Lieben und Verstehen lernen, sondern auch das Neinsagen, Abgrenzen, Zurückweisen, Distanzieren. Dass dem so ist, wird Stopczyk später bei der «Philosophin der Liebe», Helene Stöcker, klar erkennen und gutheissen (ID-Buch 1376, S. 204). Helene Stöcker sei imstande gewesen, sich von einem geliebten Mann radikal zu trennen, wenn er von ihr nur die übliche Hausfrauenrolle erwartete und nicht imstande war, ihre Lebensaufgabe zu unterstützen.

Zum utopisch «weiblichen Denken» führt Stopczyk weiter aus, es sei offen für die Probleme, die anstehen und wende sich der Lebensgestaltung zu. Dieses Denken könne sozusagen zwischen den Gehirnkammern hin und her eilen, um zu sehen, was zu tun wäre. Im Glücksfall könne es sogar gleichzeitig in beiden Zimmern des Gehirns sein und die Situation von da aus mehrperspektivisch begreifen. Dem utopischen Denken gehe es nicht um die Erhaltung einer einzigen «grossen Wahrheit», sondern um den Zusammenhalt vieler Prinzipien. - Wahrheiten, Prinzipien, Traditionen, Gewohnheiten und Wirklichkeiten seien dazu da, ein gedeihliches Zusammenleben zu ermöglichen, andernfalls taugten sie nichts. Diese pragmatische Orientierung sei hauptsächlich beziehungsorientiert und weniger nur wissensorientiert. Dieses Denken könne durch Gefühlsqualitäten getragen sein wie Liebe, Gemeinsinn, Verständnis, Toleranz, Solidarität, Freundschaft. - Das «Pragmatische» an diesem Denken wäre der Blick sowie die Art und Weise, wie das Leben in einem vielgestaltigen Sinne verwirklicht werden könnte. So habe es immer auch eine politische Dimension. Utopisch bedeute, dass es ein Ideal sei, für das es keine vollständige Verwirklichung gebe. Aber dieses Ideal habe Weisungskraft und könne eine Richtung anzeigen (102).

Die Leibphilosophin kreiert den Begriff «Leibsinn», der zu entwickeln sei. Gemeint ist, den eigenen Leib als «sensible Quelle der Erfahrung und Erkenntnis» bewusst zu sensibilisieren, die eigenleibliche Differenzierungsgabe unserer Erkenntnis zu entwickeln. Dies setze bei den eigenleiblichen Spürnissen ein, was eine differenzierte Wahrnehmung und Identifikationsfähigkeit benötige. Um in das Wissen der Naturgeheimnisse eingeweiht zu werden, müsse der eigene Leib nicht weggedacht oder abstrahiert werden, wie griechische Philosophen meinten und behaupteten, sondern der eigene Leib müsse eine eigene Sensibilisierungs-Schulung erhalten (173). Gefühle seien «Qualitäten unseres entwickelten Leibsinnes» (173). - Faszinierend ist für mich, dass Stopczyk die Erfahrungen, die von Frauen immer wieder beschrieben werden, in einen philosophischen Kontext stellt und die patriarchalen Zuordnungen und Begründungen entkräftet.

Im Begriff «Felt Sense» des Philosophen und Psychotherapeuten E.T. Gendlin, den Stopczyk als «spürendes Denken» übersetzt, sieht sie etwas von dem, was sie meint. Beim spürenden Denken handle es sich um jene innere «Instanz», die beim Dichten eines Gedichtes genau weiss, was das richtige Wort wäre, und zwar gerade dann, wenn es noch gar nicht gefunden sei. Diese Instanz scheine zu wissen - in einem nichtsprachlichen, genaueren Sinn als die normale konzeptionelle Intelligenz - was zum Erlebten und Gemeinten als Ausdruck passt (72). - Zu diesem Sachverhalt hat sich auch die Psychotherapeutin Carola Meier-Seethaler in ihrem Buch «Gefühl und Urteilskraft» geäussert, welches sie auch als ein Plädoyer für die emotionale Vernunft verstanden wissen will (ID-Buch 877).

Bei aller Wertschätzung der feministischen Theoretikerinnen stellt Stopczyk trotzdem fest, dass sich keine Theoretikerin der Leiblichkeit derart genähert habe, dass sich daraus eine Vernunftkritik ergeben hätte, die für eine Philosophie des Leibes ertragreich wäre. Dies gelte sowohl für die Theoretikerinnen der Gleichberechtigung (sie nennt Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer) als auch für Theoretikerinnen der Differenz (sie nennt Mary Daly, Carol Gilligan, Luce Irigaray, die Philosophinnen-Gruppe Diotima, Heide Göttner-Abendroth, Christa Mulack, Gerda Weiler).

Sehr erfreulich ist, dass sich die Leibphilosophin ganz klar für das analytische Denken stark macht. Sie zeigt zwar Verständnis für Frauen, die Wissenschaft und Zivilisation als «männlich» kritisieren, weil dort die zerstückelnde Erkenntnisweise favorisiert werde, ohne «das Zusammenbringen» zu beherrschen. Analytisches Denken werde vor diesem Hintergrund als männlich-zerstörerisches Denken wahrgenommen und verständlicherweise abgelehnt. Es wäre jedoch falsch, das analytische Denken durch das «synthetische Denken» oder «ganzheitliche», «holistische», «systemische» Denken oder die «Identifikation» ersetzen zu wollen. Zu Unrecht würden die letzteren als fraglos bessere Denkmethoden gesehen, während die Gefahr eines globalisierenden und verallgemeinernden Denkens nicht gesehen werde. Dieses Denken neige dazu, Einzelheiten und Minderheiten zu vernachlässigen. Vielmehr sei ein differenzierenderes Denken erforderlich, das die Vorteile beider Denkarten in sich vereinige.

Ein utopisch weibliches Denken will die Philosophin weder biologistisch noch nur rein soziologisch konstruiert verstanden wissen, es sei an die historische Situation gebunden. Das bikamerale Denken sei beiden Geschlechtern angeboren, die beiden Denkmöglichkeiten seien beiden Geschlechtern genetisch offen geblieben. Wenngleich die Utopie des weiblichen «Zwischendenkens» leiblich hergeleitet sei, dürfe dies nicht mit «biologisch» übersetzt werden, weil die gegenwärtige körperliche Erfahrungssituation und die daraus entstandene Denkbewegung beachtet werde.

Die Leibphilosophie stellt auch einen Bezug zur Bilderwelt der Träume her: Die weisheitlichere Denkweise werde bildlich vermittelt, in mythische Geschichten gekleidet oder in beispielhafte Gleichnisse. In Träumen werde die weisheitlichere Denkweise durch Tiervergleiche und Analogien zwischen Dingen vermittelt, die nach dem gewöhnlichen logischen Verständnis wenig miteinander zu tun haben. Immer gehe es in der Weisheitsphilosophie um konkrete Ratschläge und Lebenserfahrungen, die gedeutet werden. Oder es gehe um Geschichten, die etwas Unerklärliches zu fassen versuchen. Auch die sogenannte «Intuition» habe mit dieser bildhaften Denkungsart zu tun. - Das heisst, dass die Grundlage der Bilderwelt und der Weisheitsphilosophie durch einen geglückten Austausch von rechter und linker Gehirnhälfte entsteht.

In der Leibphilosophie wird eine komplexe von einer einfachen Logik unterschieden: Dass intuitivere Denken werde in der patriarchalen Vernunfttradition üblicherweise dem kindlichen und auch weiblichen Denken zugeordnet und vom vernünftigen maskulinen Denken des Erwachsenen abgetrennt. Frauen erlebten immer wieder, dass sie als unlogisch Denkende von Männern belächelt werden, weil ihnen anderes wichtiger ist als dem Mann. Was er nicht verstehe, komme ihm unlogisch vor oder zu konkret, zu assoziativ, zu intuitiv, unwissenschaftlich oder mystisch. Selten komme er auf die Idee, dass hier vielleicht eine komplexere Logik im Spiel sein könnte, die nicht nur mit definierten Wörtern jongliert, sondern die auch mit Bildern arbeitet, die sich aus den Wahrnehmungen gelebten Lebens ergeben haben (106). - Anstatt nur mit Wörtern zu jonglieren, arbeitet die Leibphilosophie also auch mit Bildern und Traumbildern.

Was Stopczyk weiter über das Bilderdenken aussagt, ist besonders für die Deutung von Traumsymbolen bedeutsam. Das Bilderdenken könne auch über Sprache und Worte vermittelt werden. Worte seien nicht nur willkürliche, rein begriffliche Setzungen, sondern Laute, die Gefühle, Empfindungen, Erinnerungen, Gedanken, Assoziationen, Vorstellungen, Bilder und Wissen aufnehmen und auch erzeugen können (39). Worte «tun» auch etwas mit uns; sie wirken durch unsere Auffassungsgabe und Einbildungskraft direkt auch körperlich ein. Worte können den Prozess der selbstdenkerischen Erfahrung festigen und nach aussen verkörpern. Dies könne auch als befriedigender Selbstausdruck erlebt werden. Wer einmal ein Gedicht geschrieben hat, wisse worum es hierbei geht (43). - Tatsächlich geht die Tiefenpsychologie davon aus, dass das Bilderdenken auch über Sprache und Worte vermittelt wird. Im therapeutischen Verfahren werden Traumbilder erzählt und also in Worte gefasst und das Deuten geht von der Erfahrung aus, dass deutende Worte tatsächlich körperlich auf uns einwirken. Ob sich diese Worte schliesslich heilend oder schädigend auswirken, hängt von der Botschaft ab, die sie vermitteln. Wenn die deutenden Worte Bilder aus der menschlichen Frühzeit erinnern, als Frauen eine hohe, geachtete Stellung innehatten und ein selbstbestimmtes Leben führten, wird sich dies auf Leib und Seele einer Frau anders auswirken, als wenn ihr gesagt wird, sie habe sich als das dem Manne untergeordnete und dienende zweite Geschlecht zu verstehen.

Aber schon der suchende, stotternde, tastende Formulierungsprozess könne eine höchst beglückende kreative Bemühung sein, in der «Worte finden» zu einer Anstrengung werde, die jenseits des üblichen routinierten Sprechens stattfinde. Bezüglich Kontemplationsübungen könne ein «Denken» bemerkbar werden als ein eigenes inneres Tun, in welchem Empfinden, Wollen, Wahrnehmen und leises Sprechen gleichzeitig beteiligt seien. Es sei also eine gleichzeitig mehrdimensionale innere Tätigkeit spürbar (42). Die Methode einer wortunterscheidenden Kontemplation erhöhe die Aufmerksamkeitsintensität für das, was jemand zu verspüren imstande sei. Das «aufmerksame Verspüren» könne zwar durch Worte initiiert werden, aber es passiere jenseits der Worte als Eigenerleben. Diese «eigenleibliche» Erfahrung könne, wenn sie nach aussen gleichsam «übersetzt» werde, ziemlich frei in Formen gebracht werden. Manche Menschen könnten leichter ein Bild malen, eine Tanzbewegung machen oder ein Musikstück komponieren (43).

 

Agnes Hellers Theorie der Gefühle

 

Die «Theorie der Gefühle» der ungarischen Philosophin und Soziologin Agnes Heller, von der hier die Rede sein soll, liest sich wie eine Vorwegnahme oder Ergänzung zur Leibphilosophie von Annegret Stopczyk. Bei Agnes Heller finden Denken und Fühlen wieder dort statt, wo es hingehört: in jedes einzelne Individuum, anstatt auf die Geschlechter verteilt. Sie redet nicht verallgemeinernd vom «Gefühl» in der Einzahl, wie es traditionell üblich ist, sondern von einer Gefühlswelt, die eine Vielzahl von Gefühlen umfasst, inklusive der gegensätzlichen Gefühle. Dadurch ergibt sich von selber ein Spannungsverhältnis zwischen den Gefühlen innerhalb der Gefühlswelt. Eine Zuschreibung des „Gefühls“ an Frauen und des Denkens an Männer, erübrigt sich somit.

Bei Agnes Heller heisst Fühlen, «ich bin in etwas involviert». Dieses «Etwas» kann alles sein: Ein anderer Mensch, eine Idee, ich selbst, ein Vorgang, ein Problem, eine Situation, ein anderes Gefühl, objektlose Wünsche und objektlose Furcht. Vom Gefühl in der Einzahl zu sprechen sei sinnlos, weil wir «immer mit unterschiedlichen Gefühlen konfrontiert» sind. Dass ich mich 'getroffen fühle', Hunger habe, den Sonnenschein geniesse oder jemanden verachte - diese Gefühle sind verschieden und spielen in meinem Leben eine sehr unterschiedliche Rolle. Das Involviertsein ist eine regulierende Funktion des Ichs in seiner Beziehung zur Innenwelt und Aussenwelt. Mit dem Involviertsein selektieren wir aus den vielfältigen Möglichkeiten in unseren Beziehungen zu Menschen und zur Welt. Die Selektion kann spontan und unbewusst erfolgen oder bewusst (Agnes Heller: Theorie der Gefühle, ID-Buch 931).

Denken und Fühlen sind keine Gegensätze. Das  Involviertsein ist Bestandteil des Denkens, der Handlungen und des Informations-Erwerbs und nicht nur Begleiterscheinung. Das Involviertsein kann positiv und negativ, aktiv und reaktiv, direkt und indirekt sein. Zum Beispiel: Wenn ich eine mathematische Aufgabe lösen will, bin ich aktiv involviert. Wenn mich die Aufgabe reizt und interessiert, bin ich positiv und direkt involviert. Wenn mich das Ganze langweilt, mir aber ein Gewinn oder Erfolg winkt, ist das Involviertsein auch positiv, aber indirekt. Wenn ich davon ausgehe, dass ich die Stelle verliere, wenn ich die Aufgabe nicht löse, ist das Involviertsein negativ und direkt. Mit einer Kombination haben wir es zu tun, wenn mich die Sache reizt und interessiert, jedoch das Gefühl «es wird doch nichts draus» vorhanden ist.

Das Fühlen ist primär. Es ist die Grundlage und Vorbedingung für das Erlernen des zielgerichteten Denkens und Handelns. Nur Triebgefühle (Drive) und Affekte sind angeboren, alle übrigen Gefühle sind ausnahmslos erlernt.

Agnes Heller unterscheidet sieben Gefühlsarten: Triebgefühle, Affekte, Orientierungsgefühle, Emotionen, Charakter- und Persönlichkeitsgefühle, Lebensgefühl (Stimmung/Laune) und die Leidenschaft (91).

Zu den Triebgefühlen gehören Hunger, Durst, Müdigkeit, der Sexualtrieb, das Atmen. Triebgefühle seien Signale des Organismus, die anzeigen, dass das biologische Gleichgewicht in Gefahr ist, zusammenzubrechen.

Zu den Affekten gehören jene Gefühle, die äusserlich sichtbar werden (expressiv:  Freude, Trauer, Angst, Wut, Scham, Ekel, Lachen, Weinen, Neugier. Expressiv bedeutet, dass diese  Gefühle in Mimik, Tonfall, Gestik, Erröten, Erbleichen, Zittern und anderen körperlichen Zeichen sichtbar werden.

Zu den Orientierungsgefühlen gehört jedes Ja-Gefühl oder Nein-Gefühl. Die Überzeugung ist ein typisches Ja-Gefühl: Ich fühle, dass es so ist, ich spüre, dass es so sein wird, ich empfinde, dass ich es weiss etc. Wir sagen: «es stimmt, so ist es selbstverständlich». Die Quelle der Orientierungsgefühle ist das Vorwissen, das wir im Alltag und mittels gesellschaftlicher «Objektivationen» aufgebaut haben (Zeitung, Fernsehen, Zeitstil, Tradition, Literatur, Kunst, Moralkodex, Gesetze). Orientierungsgefühle sind die Folge unseres Instinktverlusts, obgleich wir ausgerechnet diese Gefühle als «instinktiv» bezeichnen. Zu den Orientierungsgefühlen gehört die Intuition, die im Synonymlexikon als Eingebung, Erleuchtung, Inspiration, Geistesblitz, Funke, Ahnung, Instinkt, Spürsinn, Riecher beschrieben wird.

Orientierungsgefühle kommen ständig ins Spiel:

- Im Alltag, in der unmittelbaren Handlung: Ich spüre, noch ein Ruck und ich habe den schweren Einkaufskorb ins Auto geladen. Ich spüre, wenn ich diese Schraube nochmals umdrehe, ist der Wackelkontakt behoben und die Maschine kommt wieder in Gang. Heller bezeichnet das Ja-Gefühl auch als «Wahrscheinlichkeitsgefühl», das fast alle unsere Alltagstätigkeiten lenkt (wann ich aufstehen muss, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen etc.)

- Im Denkbereich sorgen Orientierungsgefühle dafür, dass Denkprozesse überhaupt in Gang kommen: Ich fühle, ahne, spüre, dass die Lösung in dieser bestimmten Richtung zu suchen ist. Dies gilt auch für die Forschung. Die orientierenden Gefühle führen und leiten den Denkprozess bis zum Resultat. Wenn das Ziel erreicht ist, dann beendigt ein Ja-Gefühl den Prozess: «Ich hab's herausgefunden! - Ja, so ist es!"

- Im Kontaktbereich orientieren Liebe und Hass darüber, mit wem für unsere Person das Zusammensein erwünscht oder zu vermeiden ist.

- Zu den Emotionen zählen zum Beispiel: Selbstbewusstsein, Vertrauen, Interesse, Mut, Mitleid, Gerechtigkeit, Achtung, Verachtung, Ehrgeiz. Emotionen sind ausnahmslos erlernt. Emotionen können wir nur richtig einschätzen und erkennen, wenn wir die Situation kennen, da der Erkenntnisaspekt ein organischer Teil der Emotion ist. Der Gefühlsinhalt kann prinzipiell nicht vom Gefühlsauslöser und der Gefühlsinterpretation getrennt werden. Weswegen wir etwas fühlen, wem gegenüber wir fühlen, gehört zum Gefühl selbst. Zum Gefühl des Vertrauens oder der Verachtung, gehört zum Beispiel die Bewertung der Persönlichkeit, deren Auffassungen und Taten. Eine Gefühlsqualität kann sich ändern, wenn ich erkenne, was ich fühle. Schuldgefühle können verschwinden, wenn ich erkenne, dass sie nicht am Platz sind. Ablehnung kann sich in Verständnis verwandeln, wenn ich erkenne, dass hinter störendem Verhalten ein leidendes Individuum steckt. - Ohne Emotionen wäre ein gesellschaftliches Zusammenleben nicht möglich. Ohne Vertrauen, Offenheit, Neugier, Interesse, Sehnsucht würde das Interesse an anderen Menschen erlahmen.

Charakter- und Persönlichkeitsgefühle sind «Gefühlsgewohnheiten». Eine Gefühlsgewohnheit liegt dann vor, wenn wir auf gleiche oder ähnliche Situationen und Ereignisse mit gleichen oder ähnlichen Gefühlen reagieren. Gefühlsgewohnheiten können sowohl aus Vererbung und Prägung (=Charaktergefühle) als auch aus bewusster Wahl entstehen (=Persönlichkeitsgefühle). Gefühlsgewohnheiten bedeuten, dass wir ziemlich genau wissen, wie wir auf ein bestimmtes Ereignis gefühlsmässig reagieren werden. Wir können sogar von uns nahe stehenden Personen voraussagen, wie sie auf bestimmte Situationen reagieren werden. Emotionen, die zur Gewohnheit gewachsen sind, werden Teil der emotionalen Persönlichkeit und zu Eigenschaften einer Person.

Das Lebensgefühl ist eine Gefühlsdisposition. Die Grundstimmung kann erblich bedingt sein oder persönlicher Lebenserfahrung entspringen. Die Stimmung ist eine kürzere oder längere Zeit andauernde Disposition, die immer einer konkreten Situation entstammt (Hochstimmung bei Verliebtheit oder beruflichen Erfolgen). Die Laune ist eine kurzandauernde emotionale Disposition.

- Nur Emotionen können sich zu Leidenschaften entwickeln. Man kann weder leidenschaftlich hungern noch leidenschaftlich schamhaft sein. Der Sexualaffekt kann nur dann zur Leidenschaft werden, wenn eine Emotion darauf aufgebaut ist. Die Leidenschaft ist immer zugleich ein Engagement. Leidenschaftlich ist eine Emotion dann, wenn sie tief und intensiv ist und wenn ich bewusst die Verantwortung für diese Emotion trage. Es gibt keinen emotionalen Reichtum ohne Leidenschaftlichkeit.

Ohne Kognition, ohne Denken, kann sich kein differenziertes Fühlen entwickeln. Das Erkenntnismoment ist ein immanenter Bestandteil des Fühlens. Durch die Benennung eines Gefühls erfolgt zugleich ein Bewusstmachen des Soseins dieses Gefühls. Wenn wir sagen, ich bin zerfahren, traurig, habe Kummer, bin verzweifelt, vergrössern wir zugleich die Differenzierung.

Die Gefühlswelt hat die Aufgabe, das physische und psychische Gleichgewicht (Homöostase) aufrecht zu erhalten. Homöostase bedeutet die Bewahrung und Erweiterung des Gefühls-Systems unter Sicherung der Ich-Kontinuität. Ferner müssen wir uns immer auch in einem gegebenen gesellschaftlichen Kontext erhalten (soziale Homöostase). Was Frauen «die Weisheit des Körpers» nennen, betrifft nach Heller im Grunde das Geheimnis der biologischen Homöostase.

Beim Kind beginnt das Fühlen lernen mit dem Unterscheiden und Regulieren der Gefühle. Zunächst muss das Kind die Triebgefühle unterscheiden lernen. Das Hungergefühl muss vom Schmerzgefühl oder der Müdigkeit unterschieden werden. Zudem muss der Ort des Schmerzes identifiziert werden. Bei den Affekten muss der Affektauslöser erkannt werden.

Unterscheidung des individuellen Fühlens vom partikularen Fühlen. Das partikulare Fühlen orientiert sich ausschliesslich an Eigeninteressen, an der Selbsterhaltung und einer konfliktfreien Erweiterung des eigenen Ichs.

Beim «individuellen Fühlen» darf sich das Involviertsein nicht nur um die eigene Person drehen, sondern auch um die Bedürfnisse anderer Menschen und Kulturen. Die andere Person wird um ihrer selbst willen geliebt. Die Wahl der Freundschaften erfolgt aufgrund persönlicher Werte. Die Liebe ist nicht distanzlos, sondern kennt Distanz. Es kann auch Kritik geübt werden, weil grundsätzlich die ganze Person bejaht wird. Die Wertschätzung bleibt erhalten.

Agnes Heller äussert sich auch mit dem Verhältnis von Politik und Ethik sowie mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Gefühlswelt, wobei sie feststellt, dass jede wissenschaftliche Aussage immer mit Wertentscheidungen verknüpft ist.

Zum Zeitpunkt der Herausgabe von Agnes Hellers Theorie der Gefühle (1981) hatten die Schweizerinnen erst seit knapp 10 Jahren das Stimmrecht erhalten. Zu gleicher Zeit waren uralte Bücher neu aufgelegt worden, die Frauen und Männern daran erinnern sollten, was Sache der Männer und Sache der Frauen sei. Ph. Lersch: «Vom Wesen der Geschlechter». Derselbe  Autor schrieb: Das Denken sei «im psychologisch strengen Sinne dadurch bestimmt, dass es das gesetzte Ziel gegen alle Widerstände» durchsetze, die seiner Verwirklichung entgegenstehen. Souveränität, Autonomie, Selbstherrlichkeit, Selbstbestimmung sowie Mut, Interesse, Autonomie, Macht, Freiheit, Willenskraft seien «Eigenschaften des Denkens». Das Motiv des begreifenden Denkens komme aus dem Motiv der Bewältigung und Beherrschung: «Mit dem Denken bekommen wir die Welt in die Hand, wir begreifen und ergreifen sie, wir nehmen sie in Besitz, stellen sie fest und machen sie verfügbar» – Das «Gefühl» zeichne sich dadurch aus, dass es belebe und beseele. Gefühle seien Widerfahrniserlebnisse, in denen wir nicht auf die Welt wirken, sondern die Welt auf uns. Durch das Gefühl werde etwas empfangen. Wir würden «von der Welt angemutet, berührt, ergriffen». Die weibliche Pathik schliesse auch das Moment des Erduldens, des «Mit-sich-Geschehenlassens» ein. Die Frau erfahre in der Begegnung mit der Welt nicht den «Anruf» zum umgestaltenden Eingreifen, daher sie «ihre Seele verfügbar halte, sich ansprechen, berühren, ergreifen und bestimmen» lasse (Ph.Lersch: Aufbau der Person, Seiten 483-485).

Zum Schluss

Die Philosophin Annegret Stopczyk zeichnet sich durch den expliziten Einbezug unserer  Leiblichkeit aus.

Die Philosophin Agnes Heller zeichnet sich durch die Wiederentdeckung und realitätsnahe Darstellung unserer Gefühlswelt aus, in die das Denken und Fühlen als zusammengehörig erkannt und integriert ist. Ferner u.a. die Erkenntnis, dass die vermeintlichen „Eigenschaften“ des Denkens nichts anderes sind als Gefühle, die durch Gewohnheit zu Eigenschaften geworden sind.  

Quellen

Annegret Stopczyk: Sophias Leib - Entfesselung der Weisheit, 1998

Agnes Heller: Theorie der Gefühle, 1980