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245 – Barbara Walker - Die weise Alte - Kulturgeschichte, Symbolik, Archetypus

Elisabeth Camenzind

 

Vorsprachliche Bilder

In weitaus größerem Maß, als wir wahrnehmen, ist Kultur Symbolik. Der größte Teil unserer Gedanken und Vorstellungen formuliert sich über Worte und Bilder, die durch Worte beschworen werden. Doch am mächtigsten sind die vorsprachlichen Bilder tief in unserem Unbewußten: die erinnerten Erfahrungen der frühesten Kindheit, die uns allen gemeinsam ist, die wir aber nicht verstehen.

Abhängigkeit

Hier haben die göttlichen Elterngestalten ihren Ursprung, die uns unsere Abhängigkeit zu schaffen drängt. Und trotz des augenscheinlichen Triumphes des Vatergottes, den sich die Männer zugelegt haben, ist es die Muttergöttin, die allein in den tiefsten Regionen regiert, da jegliches Säugetier auf Erden eine Mutter als ersten oder einzigen Elternteil kennt. Die Grundangst jedes Säugetiers ist die Angst, von der fürsorgenden Mutter verlassen zu werden, von der es völlig abhängig ist. Sie ist alles, was es für das Leben braucht: Wärme, Nahrung, Schutz, taktile und kinästhetische Stimulation, Training der Überlebensfähigkeit. Ihre Zurückweisung bedeutet Tod.

Affenkinder

Menschenkinder können an mangelnder Fürsorglichkeit sterben, selbst wenn die physischen Bedürfnisse ausreichend gestillt werden. Affenkinder sind in der Lage, eine solche unzureichende Bemutterung zu überleben, sind aber später, wie Untersuchungen gezeigt haben, unfähig zur Paarung.

Mutter-Kind-Bindung

Auch bei der menschlichen Spezies existieren wesentliche Zusammenhänge zwischen erwachsener Sexualität und der Mutter-Kind-Bindung im ersten Lebensjahr, wie immer klarer wird. Das sexuelle Verhalten erwachsener Männer gegenüber Frauen scheint in der Mutter-Kind-Bindung zu wurzeln, die Busenobsession mag hier als Beispiel dienen. Da Frauen zur "Mutter" oder Fürsorgenden werden, ist ihr sexuelles Verhalten komplexer. Ihre sinnlichen, sexuellen Reaktionen erinnern an die feine, den ganzen Körper umfassende Sensitivität des weiblichen Kindes. Was beide Geschlechter in einer sexuellen Beziehung am wenigsten ertragen können, ist die völlige Zurückweisung. Ein physisches, psychisches und emotionales Aneinanderkleben macht jenen miß-definierten, aber augenscheinlich wesentlichen und unentbehrlichen Zustand aus, der als Liebe bekannt ist.

Schlüssel zu Möglichkeiten

Dies wäre ein Schlüssel zu Möglichkeiten, über die Frauen verfügten, wenn sie ein zukünftiges System ethischer Maßstäbe entwickeln wollen. Zweitausend Jahre lang bediente sich der abendländische Mensch der "Liebe Gottes" als Belohnung für Gehorsam gegenüber den Gesellschaftsregeln und Gottes Zurückweisung (der Hölle preisgegeben) als schlimmstmöglich vorstellbare Androhung von Strafe. Ähnlich setzten frühere Gesellschaften noch wirksamer Segen und Fluch der Göttin ein, da sie viel klarer die immerwährend ersehnte Mutter repräsentierte.

Segen und Fluch

Auf spiritueller Ebene können Frauen durch Ablehnung töten. Wenn sie den patriarchalen Gott sowohl buchstäblich als auch symbolisch - im Falle einer Gottheit ist beides synonym zurückweisen, töten sie ihn. Die mittelalterlichen Kleriker wußten das sehr wohl. Deshalb nahmen ihre Attacken auf Frauen, bei denen auch nur der Verdacht bestand, daß sie ihren Gott ablehnten, eine derart irrsinnige panische Brutalität an. Das, was sie "Hexen" antaten, ist sicherlich als Overkill zu bezeichnen. Die gefürchtetste Macht der Frauen über Männer ist also Macht, nein zu sagen. Die Weigerung, für Männer zu sorgen. Die Weigerung, ihnen sexuell zu Diensten zu sein. Die Weigerung, ihre Produkte zu kaufen. Die Weigerung, ihren Gott zu verehren. Die Weigerung, sie zu lieben. Jeder Vergewaltiger weiß, daß Sex erzwungen werden kann, daß aber keine Macht einer Frau Liebe abringen kann, die sie nicht geben will.

Freiheit – Nein sagen

Männer mögen selbstgefällig von ihrer Überzeugung sprechen, daß Gott sie liebt, im Alltag aber brauchen sie die Liebe der Frauen. Wird sie verweigert, fühlen sich die meisten Männer irgendwie unvollständig. Aus diesem Grund zielen fast alle patriarchalen Regeln für feminines Verhalten darauf ab, jede Frau im Dienst eines Mannes unbeweglich zu halten und ihr die ökonomische, sexuelle oder intellektuelle Freiheit zu nehmen, nein zu sagen.

Gottes Willen

Der patriarchale Gott war immer ein wesentliches Instrument für dieses Bestreben. Frauen mußten unbedingt davon überzeugt werden, daß sie nach Gottes Willen tun müßten, was die Männer wollten, denn ihrer Natur nach neigen sie kaum dazu, sich und ihre Kinder zu Sklaven zu machen.

Pseudowissenschaft der Psychologie

Als zur Zeit der sogenannten Aufklärung im 18. Jahrhundert der blinde Glaube verfiel, ersetzte die neue von Männern beherrschte Pseudowissenschaft der Psychologie Gott durch ein neues Evangelium vom weiblichen Masochismus, von der weiblichen Passivität und Instabilität, mit dem Ziel, Frauen erneut von ihrer "natürlichen" Abhängigkeit vom Mann zu überzeugen.

Spiritualitätsbewegung und Selbstbestimmung

Die Spiritualitätsbewegung der Frauen verweigert sich solchen den Männern dienenden Stereotypen und geht davon aus, daß Frauen sehr wohl in der Lage sind, über ihr Leben zu bestimmen, eigene Entscheidungen zu treffen und auch darüber zu befinden, wie Männer sich verhalten sollten, um sich als ethische Individuen zu qualifizieren. Da die männliche Moral es nicht vermochte, Besitzstreben und Gewalttätigkeit unter Kontrolle zu halten, glauben viele Frauen, daß eine solche Kontrolle nun von einer anderen Quelle her kommen muß. Und die einzig gegenwärtig verfügbare Quelle ist das Geschlecht, das das Leben der Zukunft nährt, über gesunden Menschenverstand verfügt, die meisten hierarchischen Strukturen als unzulänglich betrachtet und ganz allgemein Gewalttätigkeit haßt.

Gültige Kernvorstellungen

Die wirkliche Macht, die Frauen mittels psychologischer Archetypen ausüben können,  kann aus den vorchristlichen Symbolsystemen gewonnen werden, in denen die weibliche Macht nicht verschleiert wurde. Doch da diese Systeme in vorwissenschaftlicher Zeit geschaffen wurden, brachten sie oft reales Vermögen und wirkliche Macht mit irrigen Theorien durcheinander. Wenn wir den Göttinnen-Archetyp wieder auferstehen lassen wollen, müssen wir uns des Problems bewußt sein, daß er so eng mit unwissenschaftlichen und untauglichen Erklärungen der physikalischen Welt verbunden ist; sie müssen sorgfältig aussortiert werden, damit die gültigen Kernvorstellungen zum Vorschein kommen können.

Rationale Grundlage

Im Zeitalter der Aufklärung begann die europäische Intelligentia die patriarchale Religion mit der Begründung abzulehnen, sie ergäbe keinen Sinn, was zu verschiedenen agnostischen und freidenkerischen Bewegungen führte. Die moderne Zivilisation hat keinen zwingenden Grund, eine andere Art der Religion anzunehmen, die ebenfalls keinen Sinn ergibt. Zu viele Lügen sind bereits im Namen der Religion verbreitet worden. Wenn sich feministische Spiritualität fest etablieren soll, dann muss sie in ihrer Grundlage rational sein.

Quellen

Barbara Walker: Die Weise Alte, Kulturgeschichte, Symbolik, Archetypus, 2001

Barbara Walker: Das geheime Wissen der Frauen, 1995

Barbara Walker: Die geheimen Symbole der Frauen, Lexikon der weiblichen Spiritualität, 1997