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129 – Erich Neumanns Amor und Psyche

 Elisabeth Camenzind

 Als ich wieder einmal Erich Neumanns »Amor und Psyche« zur Hand nahm, ging mir auf, dass darin die Geschichte vom Ende der freien Liebe und der »Heiligen Hochzeit« erzählt wird. Ich erkannte, dass der Mythos im Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat spielt und uns einen Einblick gibt, was sich damals zwischen den Geschlechtern ereignet hat. Neumann dagegen interpretiert die Mythos als »Erlösung Psyches durch Eros«, und der männliche Übersetzer glaubt sogar, ein »leichtes und amüsantes«, in seinen meisten Teilen sogar ein leichtfertiges Buch« vor sich zu haben. -Was geschieht in »Amor und Psyche« aber wirklich, wenn die Ge­schichte unvoreingenommen gelesen wird?*3)

 

Zufolge eines Orakels liefern die Eltern das schöne Mädchen Psyche einem Unhold des Götterhimmels zur Todeshochzeit aus. Psyche gerät in ein fremdes Haus und in ein fremdes Bett. Da geschieht ihr, was sie befürchtet hat: In der Dunkelheit wird sie von dem Fremden vergewaltigt. Dies wiederholt sich in den folgenden Nächten: »Und schon war der unerkennbare Gatte da und hatte den Pfühl bestiegen und sich Psychen zum Weibe gemacht... Und so ward es durch lange Zeit gehalten. Und wie es die Wirkung der Natur ist: das erst Fremde gedieh ihr durch beständige Gewohnheit zum Ergötzen« (Neumann, S. 24).

Neumann übergeht die Vergewaltigung zunächst einfach. Er schreibt: »Die Eltern gehorchten dem Gebot des Orakels und liefern Psyche dem Unhold zur Todeshochzeit aus. Daran schließt sich, nachdem überraschenderweise Psyche nicht getötet... worden ist, das Paradiesleben mit dem unsichtbaren Gemahl, mit Eros, der sich Psyche zur Gattin erwählt hat« (S. 78). -Aber, so fragt der feministische Blick: Wie kommt Neumann dazu, das Sexualleben einer Frau, die laufend von einem "Unhold" vergewaltigten wird, als glücklich zu preisen? Seine Erklärung: »Die Hochzeit ist - so will es der Wesensgegensatz von Männlichem und Weiblichem - für den Mann primär ... ein Raub, eine Aneignung, ja eine Vergewaltigung« (S. 85). Und der Jungianer Dieckmann (Leiter des Berliner Jung-Instituts) sinniert in ähnlicher Weise, dass eine »scharfe Gegensatzspannung« für den Eros wahrscheinlich notwendig sei (S. 144/145).

 

Die Theorie von der notwendigen Gegensatzspannung und vom Wesensgegensatz der Geschlechter ist jedoch in doppelter Hinsicht falsch: In der matriarchalen Frühzeit wurde die Hochzeit keineswegs als Raub, Aneignung oder Vergewaltigung der Frau verstanden. Und doch war die erotisch/ sexuelle Begegnung wohl gerade zu dieser Zeit außerordentlich intensiv. Daß die matriarchalen Fruchtbarkeitskulte ekstatisch intensiv waren, darüber sind sich die Historikerinnen und Historiker einig. Die Vertreter der neuen Hochreligionen haben immer wieder mit Verfolgung darauf reagiert. Der Patriarch Moses ließ zwanzigtausend Frauen und Männer abschlachten, die an den (sexuellen) Baals-Riten, die zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttinnen abgehalten wurden. Neumann kennt diese Geschichten aus dem Alten Testament sehr wohl. Ihn stört nicht die Lust der matriarchalen Erotik, sondern das Gefühl, der Mann sei als Person zu kurz gekommen. Das »Grundgesetz des Matriarchats« habe die individuelle Beziehung zum Mann verboten. Das Männliche sei nur »als anonyme Macht, in Vertretung der Gottheit zugelassen« worden (S. f02). Und er triumphiert, mit »Amor und Psyche« sei der Herrschaftsbezirk der Großen Mutter durchbrochen worden und mit ihm das kollektive Prinzip des Genusses und des Rausches. Er schreibt: »Erstmalig erhebt sich die individuelle Liebe Psyches in mythologischem Aufruhr gegen das kollektive Prinzip des Genusses und des Rausches, das Aphrodite vertritt« (S. 122).

 

Neumann deutet die Geschichte als Aufruhr der Frau gegen die erotisch/sexuelle Struktur der menschlichen Frühzeit, während aus dem Mythos überdeutlich hervorgeht, dass Psyche gewaltsam mit Eros verbunden und von ihm vergewaltigt worden ist. Daß die vergewaltigte Frau den Mann schlussendlich individuell lieben wird, das ist eine typische Wunschphantasie der Männer. Neumann stellt den Männerwunsch als Eigenschaft der Frau dar. Er unterliegt einer typisch männlichen Selbsttäuschung.

 

Noch etwas stört Neumann, nämlich die Vorstellung, dass Psyche die Sexualität vielleicht genießen könnte. Er wirft ihr vor, sie sei eine Frau, die dem Faszinosum des Sexus verfallen sei: Psyches Dasein sei »ein Nachtdasein, ein Sein im Dunkeln, eine Verzückung der Sinnlichkeit und der Überwältigung durch den Sexus«. - Aber, so müssen wir fragen: Was ist das für ein Glück, das Psyche angeb­lich genießt? Sie ist nicht freiwillig an diesem Ort. Sie hat den Gatten nicht gewählt. Sie ist sozial isoliert und einsam. Psyche leidet an Heimweh. Als sie die Stimmen ihrer Schwestern hört, die Psyche suchen, greift Eros ein. Er verlangt von Psyche, dass sie den Schwe­stern nicht antwortet, ja nicht einmal hinsieht. Er sagt ihr zum einen, es schmerze ihn. Er droht zum andern, dass sie bei Zuwider­handlung ein Unheil zu gewärtigen habe. Psyche versteht, nickt und »gelobt, nach des Gatten Willen zu handeln« (S. 25). Frage: Was kann sie anderes tun? Sie ist in seiner Gewalt. Später allerdings wird sie versuchen, den Eros zu töten.

 

Der Erzähler kommt mit Vorwürfen: Psyche verbringe »den gan­zen Tag mit Tränen und Brustschlagen. Nicht vom Bad, nicht vom Mahl, nicht von irgendeiner Erfrischung sei sie erquickt, und sie begebe sich reichlich weinend zum Schlafen« (S. 25). Eros stellt sie zur Rede: »Hast du mir dies versprochen, meine Psyche? - Was soll ich, dein Gatte, von dir noch erwarten, was von dir hoffen. Bei Tag und bei Nacht und nicht einmal unter den ehelichen Umarmungen lässest du ab dich zu kreuzigen.« Und er warnt, sie solle sich an seine Ermahnungen nicht erst erinnern, wenn es zu spät sei (S. 25). - Psyche versucht es mit Bitten und droht zu sterben, wenn sie die Schwestern nicht sehen dürfe. Eros gibt nach, verunglimpft diese aber als perfide Wölfinnen, die ihr raten würden, seine Gesichts­züge zu erforschen. Er aber werde sie verlassen, wenn sie das tue. Sie solle mit den Schwestern nicht sprechen, oder wenn sie so einfältig sei, es doch zu tun, solle sie wenigstens nicht anhören, was sie über ihn sagen. Insbesondere solle sie auf Fragen keine Antwort geben (S.31-32).

 

Ohne Zweifel: Psyche ist praktisch die Gefangene Amors. Daß sie sich nicht wehrt, ist für Neumann aber nicht ein Zeichen von Unter­drückung, sondern Ausdruck des weiblichen Mysteriums. Lobend hebt er hervor: Psyche »antwortet nicht mit Kampf, Protest, Flucht, Trotz und Widerstand, wie das ein männliches Ich in einer entspre­chenden Situation hätte tun müssen, sondern mit dem Umgekehr­ten, mit dem Hinnehmen des Todesschicksals« (S. 93). Weiter stellt er befriedigt fest, dass Psyche, nachdem Eros sie verlassen habe, »nicht mehr das schmelzend umstrickte und lustbetäubte Wesen« war, das im dunklen Paradies der Sexualität und der Lust lebte.

 

Daß Psyche in der Folge auf die Suche nach Eros geht, bedeutet für Neumann, dass Psyche den Gatten jetzt freiwillig liebt: »So fiel die unwissende Psyche freiwillig in die Liebe zum Liebesgott. Wäh­rend am Anfang die Todeshochzeit steht, als Sterben, Geraubt- und Genommenwerden, ist das, was Psyche hier erfährt, gewisserma­ßen eine zweite Defloration, die eigentliche, aktive und freiwillige, die sie selber an sich vollzieht. Sie ist nun nicht mehr Opfer, sondern aktiv Liebende« (S. 107). Und er versteigt sich schließlich zu der Behauptung, mit Psyche habe das Zeitalter der menschlichen Liebesbeziehungen begonnen: »Mit Psyche tritt ein neues Liebesprinzip auf, in dem die Begegnung des Weiblichen mit dem Männlichen als Grundlage der Individuation sichtbar wird« (S. 121). »Die arme Psyche hat, so paradox das klingen mag, ihren Geliebten erst zu erobern, ja ihn erst zu entwickeln. Aus dem Sohngeliebten muss ein Liebhaber werden, und Eros muss erst aus dem transpersonalen Herrschaftsbezirk der Großen Mutter in den persönlichen Bezirk der menschlichen Psyche hinübergerettet werden. Das heißt, es muss sich herausstellen, ob Psyche stärker ist als Aphrodite und ob es Psyche gelingt, Eros für sich zu gewinnen« (S. 122).

 

Diese männliche Sicht ist höchst befremdlich. Alles ist auf den Kopf gestellt. Also nicht Eros muss Psyches Liebe gewinnen, wie das in der Natur vorgesehen ist, sondern umgekehrt. Psyche soll den davongelaufenen Mann suchen, erobern, entwickeln und hinüberretten, also gewissermaßen ein Erziehungsprogramm auf privater Basis entwickeln. Dies ist eine paradoxe Situation! An dieser Stelle kommt Neumann auf das Opfermotiv zu sprechen, das er wie selbstverständlich als Opfer der Frau versteht: »Die Liebestat Psyches, in der sie sich selber der Liebe, dem Eros, freiwillig" hingebe, sei "zugleich ein Opfer und Verlust". Er ergänzt: "Erkennen, Leiden und Opfern" seien "in dieser Liebessituation der in der Begegnung bewußt werdenden Weiblichkeit miteinander identisch.« Er fährt fort: »Denn, vergessen wir nicht, Eros selbst wollte eine solche, bewußt werdende, Psyche nicht! Er warnte sie, er beschwor sie inständig, im Paradies-Dunkel zu bleiben, und er drohte ihr, sie würde ihn durch die Tat endgültig verlieren". Der Verlust des Geliebten in diesem Augenblick "gehöre zu den tiefsten Wahrheiten dieses Mythos". Ihm, "dem Männlichen und Göttlichen" sei "die Geliebte köstlich genug, als sie im Dunkel war und er sie im Dunkel besaß".

 

Der männliche Egoismus, der aus diesen Zeilen von Neumann spricht, ist kaum zu fassen. Arme, schöne Psyche! - Neumann stört es nicht, dass Eros sie lediglich als »Genossin der Nacht" wünscht, "abgeschlossen von der Welt nur für ihn (Eros) lebend und dabei ohne Anteil an seinem Tagesdasein, an seiner Wirklichkeit und an seiner Göttlichkeit. Und sie war ihm noch mehr verfallen dadurch, dass er selber in seiner göttlichen Anonymität verharrte«, schreibt er. - In dieser Isolierung und Einsamkeit kommt es dazu, dass Psyche nun selber im Sinne des unverblümten Männerwunsches beteuert: »Eher sterbe ich hundertmal, als dass ich deine süßeste Beiwohnung entbehre. Denn ich liebe dich auch bis zum Sterben, wer du auch bist; ich liebe dich gleich wie mein eigenes Leben«. - In Tat und Wahrheit wird die nächtliche Umarmung für Psyche aber zu dem Tropfen Wasser, den die Verdurstende in der Wüste der patriarchalen Gesellschaft noch erhalten kann.

 

Ich habe bereits erwähnt, dass Neumann die Geschichte der Psyche als Individuationsweg der Frau deutet. Psyches Entwicklung sei nichts anderes als der Versuch, durch Leiden und Kampf die Trennung von Eros wieder zu überwinden. Dies im Unterschied zum Mann, der von der tötenden Heldentat zur Eroberung der Welt fortschreiten müsse und bei dem Hieros Gamos (Die Heilige Hoch­zeit) mit der gewonnenen Anima nur einen Teil seines Sieges bilde (8. 112). Mit anderen Worten: Ziel des weiblichen Initiationsweges ist nach Neumann die Eroberung eines Mannes, wobei die Frau not­gedrungen leiden müsse. Vergessen ist der Grundsatz der Individuation, die Neumanns Konzept zugrunde liegt. Die Individuation im Jungschen Konzept besagt, dass die Frau ihre gegengeschlechtlichen, also männlichen Anteile zurückgewinnen müsse. Neumann aber trägt der Frau auf, sie müsse »die schicksalsmäßig notwendige Leidensentwicklung« durchstehen, weil ihr »erst nach Unglück und Leiden die Vereinigung mit dem Geliebten glückt«. Der Mann dagegen müsse nach der Integration der Anima bzw. nach der Gewinnung einer realen Frau, die nur Teil seines »Sieges« sei, »zur Eroberung der Welt fortschreiten«. Dieser unerträglichen, männlich patriarchalen Sicht soll nun eine feministische gegenübergestellt werden.

 

Aus feministischer Sicht läuft in »Amor und Psyche« folgendes ab: Die Geschichte spielt zur Zeit des Übergangs vom Matriarchat zum Patriarchat. Das patriarchale Orakel verlangt, dass Psyche einem Männergott ausgeliefert wird. Die Mütter sind entmachtet und können ihre Töchter nicht mehr gegen männliche Gewalt und Vergewaltigung schützen. Psyche wird durch Eros von ihrer Sippe isoliert. Sämtliche Außenkontakte werden unterbunden (der Brauch, dass der Bräutigam die Braut über die Schwelle seines Heims trägt, symbolisiert eben diese Isolierung). Psyche wird von ihren Schwestern gesucht und gefunden. Psyche bittet inständig, sie aus der tödlichen Isolation zu erlösen. Aber auch die Schwestern sind machtlos. Psyche hat nun keine Hoffnung mehr. Sie fühlt sich noch einsamer, weint ständig, nichts kann sie erfreuen in dem prächtigen Palast, dem goldenen Käfig. Sie wird depressiv und immer abhängiger von Eros, der einzigen Bezugsperson. Aber Eros macht sich rar. Tagsüber ist er fort. Er begehrt Psyche nur als sexuelle Gespielin und Bettgenossin. Als menschliches Gegenüber interessiert sie ihn nicht. Er hat die patriarchale Auffassung übernommen, wonach der Tag den Männern und ihren Geschäften gehört. Psyche bittet inständig, er solle sich ihr in seiner ganzen Person zeigen und zuwenden. Er geht nicht darauf ein. Dann rebelliert sie. Auch das ist erfolglos. Schließlich greift sie zur Selbsthilfe. Mit Dolch und Lampe gerüstet, tritt sie ans Bett von Eros, sie will ihn töten. Aber ein Lichtschein trifft ihn, und sie ist von seiner Schönheit eine Sekunde lang wie geblendet. In diesem Moment erwacht Eros - und ergreift sofort die Flucht. Er flieht bezeichnenderweise zu seiner Mutter. Im Patriarchat sind die Mütter darauf abgerichtet, die Interessen ihrer Söhne zu vertreten und Hilfe für die Töchter zu verweigern. Eros findet bei seiner Mutter Aufnahme und Trost - leider! - Sie hätte ihm die Türe weisen und ihn an seine Gattenpflicht erinnern müssen. Psyche dagegen kann nicht zu ihrer Mutter gehen. Ihr bleibt nur die Wahl zwischen zwei Übeln: dem unwilligen Eros nachzulaufen oder zu sterben. Außer dem Gatten hat sie nämlich niemanden mehr auf der Welt.

 

Zunächst eilt Psyche zu der vormals mächtigen Göttin Ceres und bittet sie um Hilfe. Eine erschütternde Szene spielt sich bei der entmachteten Göttin ab: »Da wälzt sich Psyche vor ihre Füße, und mit reichlichem Weinen die Stapfen der Göttin benetzend und den Boden mit ihren Haaren fegend, erbittet sie mit vielfältigem Flehen Gnade.« Und Psyche fährt fort: »Bei dieser deiner fruchtspendenden Rechten bitte ich dich, bei den freudigen Bräuchen der Ernte, bei den verschwiegenen Geheimnissen der Truhen ... bei den Furchen der sizilischen Scholle... bei dem Wiederaufstieg der Tochter zur lichtvollen Wiederfindung: stehe bei der beklagenswerten Seele Psychens, die dich demütig bittet!« (S. 53). - Und wie reagiert die Göttin auf Psyches herzzerreißende Bitte? Sie erklärt, dass sie ihr nicht helfen könne, weil sie ansonsten selbst von den Herrschenden verfolgt werde. Die Göttin hat also nicht einmal mehr die Macht, einer notleidenden Schwester ein Dach über dem Kopf zu gewähren. Sie muss Psyche zurückweisen. Der Not gehorchend, bleibt Psyche nichts anderes als der Weg zurück zum Gatten. Das ist die traurige Situation von Psyche, das ist die trostlose Situation der Frauen im Patriarchat. In dieser Situation kann von einer freiwilligen Liebe zu Eros natürlich nicht die Rede sein. - Hier schließt sich der Kreis

 

Die Fluchtreaktion, die wir bei Eros gesehen haben, ist auch bei heutigen Männern verbreitet. Wie Eros laufen Männer davon, wenn Frauen Ansprüche an ihre Beziehungsfähigkeit stellen. Heutige Psychologen erklären die männliche Flucht und den Beziehungshunger der Frau mit der angeblich unterschiedlichen Natur der Geschlechter: Frauen lieben persönlich, Männer lieben unpersönlich. Wie es in Wirklichkeit dazu kommt, dass die Geschlechter nicht in der gleichen Art lieben, stellt die Geschichte von Amor und Psyche eindrücklich dar.

 

Erich Neumann muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er der unpersönlichen Liebe und der Fluchtreaktion des Mannes Vorschub leistet. Er schafft für den Mann eine komfortable erotisch/ sexuelle Situation, und die Frau sperrt er in die Enge einer einzigen Beziehung ein. In der patriarchalen Ehe ist die Frau dem Mann ausgeliefert. Psyche ist von der emotionalen und wirtschaftlichen Geborgenheit in der größeren Gemeinschaft abgeschnitten. Sie ist auf die Beziehung zu Eros verwiesen, die noch dazu keine Beziehung ist. Denn Eros will ja nur das Bett mit Psyche teilen. Dafür gewährt er ihr Unterkunft und Kleidung. Nicht einmal Kinder darf sie haben. Die Fixierung auf einen einzigen Mann ist total. Ein sol­ches Beziehungsmuster kann nur schief gehen. Männer machen sich etwas vor, wenn sie glauben, sie könnten die freiwillige und persönliche Liebe einer Frau dadurch gewinnen, dass sie die Geliebte von sich abhängig machen.

 

Zur Erinnerung: Neumann ging davon aus, dass die sexuelle Lust der Frau im Matriarchat unpersönlicher Art war. Die Frau habe den Mann ursprünglich nur zu Lustzwecken genommen, anstatt ihn in seiner Person wahrzunehmen und persönlich zu lieben. Er stellt dar, auf welche Weise die schöne Psyche dazu gebracht wurde, den Mann persönlich zu lieben. Es liegt Neumann fern, den Mann in analoger Weise zum persönlichen Lieben aufzufordern. Als Psyche von Eros das persönliche Lieben verlangt und Eros die Flucht er­greift, wird er von Neumann nicht kritisiert. Eros wird auch nicht kritisiert, dass er die sozialen Kontakte Psyches unterbindet, sie isoliert und von sich abhängig macht. Nur von der Frau verlangt er persönliche Liebe, dem Mann ermöglicht er, sich »draußen« zu halten. Neumann sagt den Männern, dass ihr Individuationsweg anders verlaufe als derjenige der Frauen. Die Beziehung der Frau habe für ihn nur am Rande eine Bedeutung. Der Mann müsse »zur Eroberung der Welt fortschreiten«, nachdem er die Anima und eine Frau für sich gewonnen habe. Diese fatale Auffassung ist auch Bestandteil der Jungschen Psychologie. Erich Neumann gilt als Autor, der die Jungsche Intention am klarsten aufgenommen und durch die Deutung von »Amor und Psyche« am eindrücklichsten dargestellt habe. Mit anderen Worten: Das tiefenpsychologische Erotikkonzept der Jungschen Schule ist ein ganz und gar patriarchales Konzept. Es kommt darin die ausbeuterische Grundhaltung gegenüber dem weiblichen Geschlecht zum Ausdruck. Dieses Konzept, das die Liebe in zwei Teile spaltet und den unpersönlichen Teil davon dem Manne und den persönlichen Teil der Frau zuordnet, ist zutiefst frauenfeindlich, denn es ist nur auf das erotische Wohlergehen des Mannes ausgerichtet (siehe auch die Kritik von Gerda Weiler in: Der enteignete Mythos. Eine notwendige Revision der Archetypenlehre C. 0. Jungs und Erich Neumanns. München 1985).