traum-symbolika.com

 

107.1 – C.G. Jungs Mutterbeziehung und mütterliche Wurzeln – 20.01.2015

 

1        Ablösung von der Mutter:  Aus tiefenpsychologischer Sicht ist die totale Ablösung von der Mutter die unabdingbare Voraussetzung, um erwachsen zu werden. Aus feministisch reflektierter Sicht verhält es sich  jedoch  nicht so. Vielmehr ist der totale Verlust der mütterlichen Wurzeln wesentliche Ursache männlicher Beziehungsstörungen und fortschreitender Spaltung der männlichen Psyche überhaupt. Die anfängliche Urbeziehung, die eine symbiotische Beziehung ist, müsste im Laufe der Zeit in eine Beziehung des Erwachsenseins und Gegenüberseins einmünden, im Sinne einer Gegenseitigkeit von Geben und Nehmen. Ansonsten bleibt die infantile Struktur bestehen und geht bei Männern nahtlos auf die Beziehung zu Frauen ganz allgemein über. Beim patriarchalen Mann fehlt diese Entwicklung zum Erwachsensein. Er will seine kindhaften  Versorgungsansprüche nicht aufgeben, wodurch er im Verhältnis zur Frau auf der Kinderstufe verbleibt. Ein infantiler Kind-Mann ist jedoch weder ein erfreulicher Liebhaber noch ein erfreulicher Vater. Da C.G. Jung im Verhältnis zu Frauen  in patriarchalen Vorstellungen und Ansprüchen  stecken blieb, war ich auf die  Beschaffenheit seiner Mutterbeziehung neugierig.

2        Beschaffenheit von Jungs Mutter: Aus den Tagebüchern von C.G.Jungs Patientin Sabina Spielrein, der späteren Ärztin und Psychotherapeutin, ist bekannt, dass C.G Jung seine Mutter auf sie projiziert hat.1 (Tagebuch einer heimlichen Symmetrie. A. Carotenuto, Hg. S. 104). Wenn wir also erkunden wollen, wie Jungs Mutter in jüngeren Jahren beschaffen war, müssen  wir unseren Blick auf die Projektionsfigur Sabina Spielrein werfen. Von Spielrein wissen wir, dass sie eine hoch intelligente, lernbegierige, vitale und tiefsinnige Frau jüdischer Herkunft war. Von Jung selber erfahren wir aber rein gar nichts von einer begabten, vitalen und interessierten jugendlichen Mutter, lediglich von einer dicken und  gemütlichen alten Frau mit literarischen Interessen, die aber nur noch in einem munteren „Geplätscher“ Ausdruck fand (Erinnerungen2 S. 54). Wir erfahren auch nicht, dass Jungs mütterliche Wurzeln, jüdische Wurzeln sind.  

3        Bedeutsam für unseren Zusammenhang ist Jungs Erklärung seiner Übertragungsliebe auf Sabina Spielrein: Er liebe sie, weil sie ihn an ein jüdisches Mädchen erinnere, das er früher geliebt habe, und „dass er die jüdischen Frauen liebe“ und „ein schwarzes jüdisches Mädchen lieben möchte“. Ebenso bemerkenswert ist Jungs Hinweis, dass er ein Mädchen kannte, die sich immer Jüdin nannte, obgleich sie es nicht war. Spielrein schrieb in ihr Tagebuch, es habe sich heraus gestellt, dass Dr. Jung vor so und so viel Jahren ein schwarzes hysterisches Mädchen namens S.W. lieb gehabt habe, die sich immer Jüdin nannte, obgleich sie es nicht war. Dieses Mädchen habe er „aus Rache in seiner Doktorarbeit beschrieben, sie sollte sehr hübsch und sehr gescheit sein.“ Dieses Mädchen habe tief in ihm gesteckt und sei ihr Prototyp gewesen. „In späterer Zeit, wenn ich ihm etwas sagte, kam es manchmal vor, dass er plötzlich nachdenklich wurde, die und die habe auch so gesprochen etc., und das war immer dieses Mädchen“ (Carotenuto1 S.104-105). Bei diesem Mädchen handelt es sich um Jungs Cousine Helene Preiswerk4 (Stefanie Zumstein-Preiswerk: Die Geschichte der Helly Preiswerk, Kindlerverlag München 1975).  – Das Motiv der „Rache“ an seiner jungen Cousine, hat Jung gegenüber Sabina Spielrein allerdings im Dunklen gelassen. In seinen Erinnerungen schreibt er jedoch ganz allgemein über sich: «Eine der grössten Schwierigkeiten lag für mich darin, mit meinen negativen Gefühlen fertig zu werden (Erinnerungen, S.181). Jung datiert dies auf die Jahre 1913/1914, also nach dem Bruch mit Spielrein und Freud, und dass er zeitweise das Gefühl hatte, er sei von einer Psychose bedroht (Erinnerungen S.179).

4        Das Mädchen, das sich immer Jüdin nannte, ist nicht nur Jungs Cousine, sondern auch eine Enkelin von Antistes Samuel Preiswerk, der  an der Evangelischen Theologenschule in Genf hebräische Sprache und alttestamentliche Theologie lehrte. Preiswerk gab zudem die Monatszeitschrift Das Morgenland  heraus und sprach sich für die Wiedererwerbung Palästinas durch die Juden aus. Preiswerk gehörte zu den Wegbereitern der zionistischen Bewegung (S.73) und er versah zugleich das Amt eines reformierten Pfarrers in der Schweiz. Das heisst, dass er von jüdischer Herkunft und in damaliger Sprache ein assimilierter Jude war. Seiner Enkelin Helene Preiswerk war sicher bekannt, dass der Übertritt zum Christentum keine Folge davon war, dass sich der christliche Glaube als überzeugender erwiesen hätte als der jüdische, sondern einzig und allein eine Folge gesellschaftlicher Anpassung. Schon der jüdische Dichter Heine soll gesagt haben, der Taufzettel sei das Eintritts-Billett zur europäischen Kultur. Wobei jüdische Männer  sich am ehesten als Arzt oder Pfarrer gesellschaftlich integrieren konnten (persönliche Mitteilung eines Jungianers jüdischer Herkunft). Helene Preiswerk bezeichnete sich zweifellos darum als Jüdin, weil sie ihren Grossvater - Samuel Preiswerk -  tief verehrte und liebte, der sich so deutlich und klar zum Wertvollen der jüdischen Erbschaft bekannte.

5        Nun ist es so, dass C.G. Jungs Mutter, Emilie Preiswerk, eine Tochter des erwähnten Samuel Preiswerk ist und zugleich Jungs Grossvater wie ebenso der Grossvater des Mädchens, das sich immer Jüdin nannte, obgleich sie es nach Jungs Meinung nicht war.  Das bedeutet, dass auch C.G.Jung von mütterlicher Seite jüdische Wurzeln hat.

6        Jüdische Wurzeln: Hier ist zu fragen, wie Jung selber sich zu den Wurzeln seiner Mutter und also zu seinen eigenen jüdischen Wurzeln  stellte? In seinen „Erinnerungen“ erwähnt er lediglich, in seiner Familie sei über das Verhältnis von Christentum und Judentum nicht diskutiert worden, weil alles endgültig geklärt sei: „Die Gottesfurcht, die natürlich erwähnt wurde, galt als antiquiert, als ‚jüdisch‘ und war längst überholt durch die christliche Botschaft der Liebe und Güte Gottes“ (Erinnerungen S. 53). Hier wird ersichtlich, dass C.G. Jung mit der vermeintlichen Minderwertigkeit des Jüdischen in seiner elterlichen Familie konfrontiert war. Der Knabe hatte sehr wohl mitbekommen, dass die Abwertung des Jüdischen zudem ein allgemein akzeptiertes Faktum innerhalb der Gesellschaft war.

7        Im Unterschied zu Jung wollte seine Cousine Helly Preiswerk aber mit ihren jüdischen Wurzeln in Verbindung bleiben, während sich C.G. Jung nur noch mit seiner väterlich/christlichen Herkunft identifizierte. Das grosse Anliegen von Grossvater Samuel Preiswerk scheint gewesen zu sein, an die gemeinsamen Wurzeln von Judentum und Christentum anzuknüpfen. Verdankt sich doch das Christentum einem Juden: Jesus von Nazareth. Die ungarische Philosophin Agnes Heller5 – ebenfalls jüdischer Herkunft, stellt in einer kleinen Schrift dar, dass Jesus nicht nur jüdischer Abstammung war, sondern „ein guter Jude“ war. Jesus habe das jüdische Gesetz eingehalten und erfüllt, er habe es sogar „übererfüllt“. Den grossen Gleichnis-Schatz habe Jesus aus dem allgemeinen jüdischen Gedanken- und Erlebnisschatz seiner Zeit bezogen, beispielsweise die Seligpreisungen (Agnes Heller: Die Auferstehung des jüdischen Jesus, Philo 2002).    

8        Über die Frage, was Jungs Liebe zu jüdischen Frauen bedeutete, hatte sich schon Sabina Spielrein Gedanken gemacht. Sie meinte, es sei das Bestreben nach Beharrung in seiner Religion sowie ein „Drang nach Erfrischung durch eine neue Rasse“ und ein „Drang nach Befreiung vom väterlichen Zwang.“ Damit erfasste Spielrein ziemlich genau Jungs zwiespältiges Verhältnis zu seiner doppelten geistig/religiösen Herkunft: Vater christlich, Mutter jüdisch. Um ihre Vermutung zu untermauern, wies Spielrein darauf hin, dass auch Jungs Freund – Professor Freud - Jude sei (Tagebuch einer heimlichen Symmetrie, S.70 und 104). Ferner meinte Spielrein, sie selber sei von der seelischen Beschaffenheit her der S.W. ähnlich, die sich immer Jüdin nannte. Die S.W. (Helene Preiswerk) sei ihr Prototyp.

9        Jungs Erklärung gegenüber Sabina Spielrein war eine andere: Er sei „vom Parallelismus in unserem Denken und Fühlen“ ergriffen, und sie (Spielrein) gewinne auf diesem Weg seine Liebe, aber diese Erkenntnis mache ihm Angst. Später erklärte er ihr, dass sie in seinem Unbewussten spuke und dies ihm Angst mache. - Jungs Angst ist verständlich. Schien ihm doch, die Bewusstwerdung seiner jüdischen Wurzeln sowie das Bekanntwerden dieser Wurzeln könnte verheerende Folgen nach sich ziehen für seine Karrierechancen und Reputation. Zu dieser Zeit war Jung um die 30 Jahre alt.

10      Jüdische Erneuerungsbewegung: Der Parallelismus des Denkens bei Spielrein und C.G. Jung erklärt sich unter anderem, weil sowohl Jung als auch Sabina Spielrein Kenntnis hatten vom Chassidismus, einer jüdischen Erneuerungsbewegung. Zu einer jüdischen Klientin hatte Jung gesagt, sie habe ihre Neurose, weil sie an der „Furcht Gottes“ leide. Er erinnere sich „noch gut an den Fall einer Jüdin, die ihren Glauben verloren hatte. Es begann mit einem Traum von mir, in welchem ein junges, mir unbekanntes Mädchen als Patientin zu mir kam. Sie trug mir ihren Fall vor, und während sie erzählte, dachte ich: Ich verstehe sie gar nicht. Ich verstehe nicht, um was es geht!“ Aber plötzlich sei ihm eingefallen, dass sie einen ungewöhnlichen Vaterkomplex habe. „Das war der Traum“ (Erinnerungen S.144-145) – An dieser Diagnose fällt auf, dass Jung ganz selbstverständlich eine jüdische Begrifflichkeit verwendet, indem er auf die „Furcht Gottes“ hinweist. Diese Selbstverständlichkeit erklärt sich, wie bereits gesagt, aus der jüdischen Erbschaft seiner Mutter. Allerdings ist Jungs Traum zugleich auf der Subjektstufe zu deuten, als Jungs ganz persönliches Problem: Er selbst hatte seinen „Glauben“, die „Furcht Gottes“ verloren, nämlich den jüdischen Teil seiner Identität.

11      Das zweite Gesicht: Jung fährt fort: „Am nächsten Tag stand in meiner Agenda: Konsultation, vier Uhr. Ein junges Mädchen erschien. Eine Jüdin, Tochter eines reichen Bankiers, hübsch, elegant und sehr intelligent“. Das Mädchen habe seit Jahren an einer schweren Angstneurose gelitten. In der Anamnese habe er nichts Besonderes entdecken können. Sie sei eine angepasste westliche Jüdin gewesen, aufgeklärt bis in die Knochen. – Diese Diagnose erwähne ich wegen Jungs Vorwurf, sie sei „aufgeklärt bis in die Knochen“, weil er im Grunde etwas kritisiert, was ihm (Jung) bei assimilierten Juden sauer aufstiess. Der Vorwurf beinhaltet, assimilierte Juden hätten ihr wertvolles jüdisches Erbe aufgegeben und verraten. – Jung fährt fort: „Zuerst konnte ich ihren Fall nicht verstehen. Plötzlich sei ihm sein Traum eingefallen. Da er aber keine Spur von einem Vaterkomplex bei ihr feststellen konnte, habe er sie nach dem Großvater gefragt, wie er dies in solchen Fällen zu tun pflege. „Da sah ich, wie sie einen kurzen Augenblick lang die Augen schloss und wusste sofort: hier liegt es! Ich bat sie also, mir von ihrem Großvater zu erzählen und erfuhr, er sei ein Rabbi gewesen und habe einer jüdischen Sekte angehört. „Ich fragte ‚Meinen Sie die Chassidim? Sie bejahte. - Ich fragte weiter: Wenn er ein Rabbi war, war er vielleicht sogar ein Zaddik? - Sie: ‚Ja, man sagt, er sei eine Art Heiliger gewesen und habe auch das zweite Gesicht besessen. Aber das ist alles Blödsinn! So etwas gibt es gar nicht!“ – Wie bereits gesagt richtet sich C.G. Jungs vehementer Vorwurf an seine Klientin, sie sei eine angepasste westliche Jüdin im Grunde an die männlichen Nachkommen seines Grossvaters: Samuel Preiswerk, die allesamt reformierte Pfarrer waren, also angepasste westliche Juden, anstatt Rabbiner, die sich zu ranghöheren Rabbi, Chassidim, Zaddik oder gar Heilige hätten entwickeln können. Jung kannte sich in der jüdischen Hierarchie offensichtlich sehr gut aus. - Auf Jungs eigenartige Diagnose will ich hier nicht näher eingehen, sondern lediglich vermerken, dass Jungs Mutter ebenfalls das „zweite Gesicht“ hatte, wie Jung in seinen Erinnerungen schreibt.

12      Die von Jung beschriebene Jüdin kann nur Sabina Spielrein gewesen sein, obgleich deren Therapie nicht in diesem Tempo verlief und die Heilung nicht so plötzlich eintrat. Denn zu ihr passt Jungs Beschreibung bezüglich ihrer Herkunft ganz genau: Sie stammte aus dem Ostjudentum, ihr Großvater war ein Zaddik. In ihrem Tagebuch hatte Spielrein  zudem notiert, dass sie bis zu 13 Jahren sehr religiös gewesen sei, dass sie aber von ihrem Vater deswegen verspottet worden sei. Die Loslösung von Gott sei ihr äusserst schwer gefallen, und es sei eine Leere in ihr entstanden (Carotenuto S.62).

13      Das Geheimnis verraten: Anschliessend erklärt Jung, dass er damit bei der Klientin die Anamnese abgeschlossen und die Geschichte ihrer Neurose verstanden habe: „Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen, was Sie vielleicht nicht akzeptieren können: Ihr Großvater war ein Zaddik. Ihr Vater ist dem jüdischen Glauben abtrünnig geworden.“ Ihr Vater habe das Geheimnis verraten und habe Gott vergessen. „Und Sie haben Ihre Neurose, weil Sie an der Furcht Gottes leiden!“ - Das habe in sie eingeschlagen wie ein Blitz! - In der folgenden Nacht habe er (Jung) wieder einen Traum gehabt: Es fand ein Empfang in meinem Hause statt, und siehe da, diese kleine Person war auch da. „Sie kam auf mich zu und fragte mich: ‚Haben Sie nicht einen Regenschirm? Es regnet so stark‘. Ich fand auch wirklich einen Schirm, fummelte daran herum, um ihn zu öffnen, und wollte ihn ihr geben. Aber was geschah stattdessen? Ich überreichte ihn ihr auf den Knien, wie einer Gottheit!“ - Jung fährt  fort: „Diesen Traum erzählte ich ihr, und in acht Tagen war die Neurose verschwunden. Der Traum hatte mir gezeigt, dass sie nicht nur eine oberflächliche Person war, sondern dass dahinter eine Heilige stand. Aber sie hatte keine mythologischen Vorstellungen und darum fand das Wesentliche in ihr keinen Ausdruck. Alle ihre Intentionen gingen auf Flirt, Kleider und Sexualität, weil sie gar nichts anderes wusste. Sie kannte nur den Intellekt und lebte ein sinnloses Leben. In Wirklichkeit war sie ein Kind Gottes, das Seinen geheimen Willen hätte erfüllen sollen.“ Er habe mythologische und religiöse Vorstellungen in ihr wachrufen müssen, denn sie gehörte zu den Menschen, von denen geistige Betätigung gefordert sei. „Dadurch erhielt ihr Leben Sinn, und von Neurose keine Spur mehr“ (Erinnerungen S. 144-145). - Auch auf diese widersprüchlichen Deutungen will ich nicht weiter eingehen - eine hervorragende Analyse ist bei Renate Höfer6 nachzulesen (Die Hiobsbotschaft C.G.Jungs. Folgen des sexuellen Missbrauchs). Jung kannte zweifellos die jüdisch/mythologische Tradition, an die er durch Sabina Spielrein erinnert wurde. -  „Das Geheimnis verraten“ hatte C.G. Jung ja auch selber, indem er sich, wie bereits vermerkt, ausschliesslich mit der väterlichen christlichen Erbschaft identifizierte und die mütterlich/ jüdischen Wurzeln ausseracht liess.

14      Heiligkeit und tätige Gottesliebe im Judentum: Über den Chassidismus und die Funktion des Zaddik ist bei Enno Meyer7 Folgendes zu erfahren: „Angeregt durch die Kabbala und im Widerspruch zum Rabbinismus mit seinem verstandesmäßigen Lehrbetrieb und mit seiner Gesetzeskasuistik, entstand um 1750 in Podolien die Erneuerungsbewegung der Chassidim (der Frommen)... Die Chassidim wollten durch ein Leben der Heiligkeit und der tätigen Gottesliebe, durch Demut, Gebet und kultischen Tanz die Kluft zwischen Schöpfung und Schöpfer überwinden. Ihr Idealtyp war der Zaddik (der Gerechte), der vollendet Fromme, der Mittler zwischen den unteren und oberen Welten. Die Zaddik wurden die Anführer der Chassidim und drängten den Einfluss der gelehrten Rabbiner zurück“.

15      Enno Meyer fährt fort: „Obgleich die chassidische Bewegung zeitweilig grosse Bedeutung im Ostjudentum hatte, habe sie doch nicht zur Bildung einer besonderen Sekte geführt. Im 19. Jahrhundert sei sie vielfach zu Aberglauben und Zauberwesen entartet. Trotzdem sei die vom Chassidismus geprägte jüdische Frömmigkeit bis zum zweiten Weltkrieg lebendig geblieben. Aus chassidischer Familie stamme u.a. der Maler Marc Chagall. Durch das Werk des in Jerusalem im Jahre 1965 verstorbenen jüdischen Gelehrten Martin Buber sei der Chassidismus in Deutschland bekannt geworden (Enno Meyer: Juden und Judenfeinde. Einführung in die Geschichte der Juden von den Anfängen bis zur Gegenwart. 1966, J. Melzer Darmstadt, S.52).

16      Unterschied von Chassidismus und Kabbala: Bei Margarethe Susmann8, einer jüdischen Denkerin, sind weitere und kritische Details zu erfahren. „Das ewige Lied der Erotik“, das Hohe Lied, spiele im Chassidismus eine grosse Rolle, sei aber allein bezogen auf das Verhältnis des Zaddiks zu Gott, in das alle Inbrunst der Seele eingegangen sei. Der Chassidismus sei „eine rein männliche Welt und in dieser Hinsicht sehr fern der Kabbala, in der das Männliche und Weibliche nicht nur als gleichwertige Weltprinzipien“ erfasst seien, sondern „in der das Weibliche als seine Schechina in Gott selbst aufgenommen“ sei. Dagegen sei die Frau im Chassidismus von den Erleuchtungen und Einweihungen des Mannes ausgeschlossen und ebenso vom Studium der Lehre (Margarethe Susmann: Gestalten und Kreise, S.253). – Hier wäre allerdings anzufügen, dass die Schechina im Sinne der „Emanation“ im männlichen Gott enthalten war. Dies bedeutet, dass die  Frau als ein „Ausfluss“ eines Manngottes und als ein Teil von ihm verstanden wurde, anstatt als eine eigenständige und gleichrangige Göttin neben ihm. Erst wenn die Frau wieder auf eine Göttin Bezug nehmen kann, die selbständig neben einem männlichen Gott existiert, kann von einer wirklichen Gleichrangigkeit der Geschlechter im metaphysischen Sinn gesprochen werden.

17      Hellsehen: Spielrein wusste um die Dinge bezüglich Aberglauben und Zauberwesen in der chassidischen Bewegung. Sie erwähnt, sie und Jung hätten gegenseitig Gedanken lesen können (Hellsehen). Jungs Großmutter mütterlicherseits (Augusta Preiswerk-Faber) war ebenfalls „hellsichtig“. Auch im Umfeld von Jungs Mutter (Emilie Preiswerk) geschahen geheimnisvolle Dinge: Einmal riss die Platte eines währschaften Holztisches mit ohrenbetäubendem Knall entzwei. Ein anderes Mal brach ein Brotmesser aus gutem Stahl unter ebenso lautem Knall in vier Teile (Erinnerungen, S.111-112). Jung selber befasste sich in jungen Jahren mit übersinnlichen, okkulten Phänomenen. Er sei durch Verwandte darauf aufmerksam geworden: Ich „erfuhr ... von gewissen Verwandten, dass sie sich schon seit geraumer Zeit mit Tischrücken beschäftigten und ein Medium hatten, ein junges, etwas über fünfzehn Jahre altes Mädchen“ (Erinnerungen S.113). Jungs Mutter verteidigte ihr Einverständnis mit diesen Experimenten, dass auch ihr Vater, Samuel Preiswerk nichts Unrechtes dabei gesehen habe. Zu vermerken ist allerdings, dass es Jung selber war, der seine fünfzehnjährige Cousine (Helene Preiswerk) auf die Idee brachte, sich mit übersinnlichen Phänomen zu beschäftigen, indem er ihr das Buch von Justinus Andreas Christian Kerner vermittelte: Die Seherin von Prevost. Eröffnungen über das innere Leben des Menschen und über das hereinragen einer Geisterwelt in die unsere (Ausgabe 1846).

18      Zweite Persönlichkeit: Über seine Mutter schreibt Jung, sie habe ähnlich gedacht wie er. Sie habe, wie bereits erwähnt, ebenfalls eine zweite Persönlichkeit gehabt. Es habe Augenblicke gegeben, „wo ihre zweite Persönlichkeit herausbrach, und das, was sie dann sagte, war immer dermaßen ‚to the point‘ und so wahr“, dass er davor gezittert habe. Aus heutiger psychologischer Sicht kann diese zweite Persönlichkeit aus den abgespaltenen jüdischen Werten und Wurzeln verstanden werden, die bei Jungs Mutter zu einem Schattendasein verurteilt waren. – Jung meinte dazu: „Hätte sich meine Mutter dabei behaften lassen, hätte ich einen Gesprächspartner gehabt“ (Erinnerungen, S.58). Allerdings ist hier zu fragen, wie sich diese Mutter hätte behaften lassen können angesichts der Tatsache, dass sie ihre jüdischen Wurzeln verleugnen musste und infolge patriarchaler Weiblichkeitsvorschriften zudem zur Unterdrückung des eigenen Denkens und Fühlens verurteilt war? Jung schreibt: „Aber bald merkte ich, dass sie mir im Gespräch nicht genügte“. Sie habe ihn vor allem bewundert, und das sei nicht gut gewesen für ihn. „So blieb ich mit meinen Gedanken allein“ (S.54). – Die Mutter hat ihren Sohn vermutlich darum bewundert, weil sie meinte, er habe den Mut und die Kraft gefunden, das religiös/mystische Erbe des Judentums wahrzunehmen und mit wissenschaftlichen Mitteln zur Geltung zu bringen, in Form einer Dissertation.

19      Eine dunkle, grosse Gestalt: Über seine Mutter sagt C.G.Jung ferner, sie habe alle hergebrachten traditionellen Meinungen gehabt, die man nur haben könne, aber handkehrum sei bei ihr eine unbewusste Persönlichkeit in Erscheinung getreten, „die ungeahnt mächtig war, eine dunkle, grosse Gestalt, die unantastbare Autorität besaß.“ – Hier stellt sich erneut die Frage, wie diese intelligente und vielfach begabte Mutter, der als Frau Selbstbestimmung und Denkfähigkeit abgesprochen und ein Studium versagt war, ein wirklich eigenständiges  Denken hätte entwickeln können? So war auch der Sohn um eine ebenbürtige Gesprächspartnerin betrogen. An seiner Mutter lobt Jung, sie sei ihm eine sehr gute Mutter gewesen. Sie habe eine grosse animalische Wärme gehabt und sei ungeheuer gemütlich und sehr korpulent gewesen. Sie habe für alle Leute ein Ohr gehabt, „auch plauderte sie gern“ und das sei wie ein munteres Geplätscher gewesen. Ein Bild dieser korpulenten, zirka 60-jährigen Mutter hat Jung seinen Erinnerungen beigefügt, nicht aber ein Bild seiner Mutter als junge Frau. Warum? Hat er doch Bilder seiner jungen Grossmütter in sein Erinnerungsbuch aufgenommen. Immerhin attestiert Jung seiner Mutter „eine ausgesprochene literarische Begabung, Geschmack und Tiefe“. Aber dies sei eigentlich nirgends recht zum Ausdruck gekommen, „es blieb verborgen hinter einer wirklich lieben dicken alten Frau, die sehr gastfreundlich war, ausgezeichnet kochte und viel Sinn hatte für Humor“. – So bleibt die bedrängende Frage bestehen, wo die „ausgesprochen literarische Begabung, Geschmack und Tiefe“ dieser Mutter geblieben war.

20      Mehrfacher Selbstverlust: Genau besehen hat Jungs Mutter einen mehrfachen Selbstverlust erlitten: Erstens durch die patriarchale Ehe, die der Frau als einzigen Tätigkeitsbereich den Haushalt zubilligte. Zweitens durch das Denkverbot, dem sie wie ebenso ihr protestantischer  Pfarrer-Ehemann, Johann Paul Achilles Jung verpflichtet war, wie noch zu zeigen sein wird. Drittens infolge des verwehrten Studiums, zu dem sie offensichtlich begabt und fähig gewesen wäre. Viertens durch den Verlust ihrer jüdischen Wurzeln, für die im Christentum kein adäquater Ersatz auffindbar war. Somit war Jungs Mutter geistig und seelisch in einen Leer-Raum geworfen und darin festgebunden. Jung schreibt: „Ich war sicher, dass auch sie (die Mutter) aus zwei Personen bestand: Die eine war harmlos und menschlich, die andere dagegen schien mir unheimlich. Sie kam nur zeitweise zum Vorschein, aber immer unerwartet und erschreckend. Sie sprach dann wie zu sich selbst, aber das Gesagte galt mir und traf mich gewöhnlich im Innersten, so dass ich in der Regel sprachlos war“ (Erinnerungen S.54). Ferner stellt er fest: „Es bestand ein beträchtlicher Unterschied zwischen den beiden Persönlichkeiten in meiner Mutter. So kam es, dass ich als Kind oft Angstträume vor ihr hatte. Tags war sie eine liebende Mutter, aber nachts erschien sie mir unheimlich. Sie war dann wie eine Seherin, die zugleich ein seltsames Tier ist, wie eine Priesterin in einer Bärenhöhle. Archaisch und ruchlos. Ruchlos wie die Wahrheit und die Natur“ (Erinnerungen S.56). – Mit anderen Worten: Bei Jungs Mutter trat ein priesterliches Potential hervor und wurde gelegentlich spürbar. Dieses Priesterliche gehörte richtigerweise allerdings in den Tempelbereich der menschlichen Frühzeit. Dort wäre diese Mutter als Priesterin im Tempel einer weiblichen Gottheit möglich gewesen.

21      Denkverbot für reformierte Geistlichkeit: Zu der Zeit des jugendlichen Carl Jung war der reformierten Geistlichkeit ein Denkverbot auferlegt, wie der reformierte Kirchenhistoriker Walter Nigg9 schreibt: Durch die Neuorthodoxie sei das Individuelle bzw. die Persönlichkeit ausgerottet worden, was „zu einer theologisch vollständig gleichgeschalteten Pastorenschaft geführt“ habe, der “jede eigene Initiative, jede schöpferische Tätigkeit fehlte“. Nach der Ansicht der Neuorthodoxie sollten die Theologen keine persönlichen Anschauungen besitzen (die reformierten Pfarrer durften also nicht denken). Die Idee der Individualität, die auf der persönlichen Selbständigkeit und geistigen Unabhängigkeit beruht, sei völlig verkannt worden (Walter Nigg: Kirchliche Reaktion, Paul Hauptverlag 1939, S.184-185). Es scheint mir, C.G. Jungs Vater, der reformierter Pfarrer war, sei an  dieser Gleichschaltung und an diesem Denkverbot zerbrochen. Er war deprimiert und resigniert und verstarb sehr früh. Von seinem Sohn hatte er, gemäss den kirchlichen Richtlinien, ebenfalls gefordert, er solle nicht denken, sondern glauben.

22      Nach dem frühen Tod des Vaters trat der kaum zwanzigjährige Karl Jung an dessen Stelle. Er habe seiner Mutter wöchentlich das Haushaltgeld geben müssen, weil sie nicht haushalten und nicht mit Geld umgehen konnte (Erinnerungen S.101). Hier ist allerdings zu erinnern, dass Frauen damals weder Verfügungsrecht über das eigene Vermögen noch Einblick in familiäre Finanzen hatten. Bis in unsere Tage hinein ging das Vermögen der Frau in den Verwaltungsbereich des Ehemannes über. So konnten Frauen den Umgang mit Geld nicht lernen. Hier stellt sich die Frage, ob Jung diese fatalen rechtlichen Umstände wirklich nicht kannte? Die von Jung geschilderte Situation zeigt, wie weit der Selbstverlust seiner Mutter tatsächlich ging und zeigt zugleich das verblendete Frauenbild, das ihm durch diese weibliche Situation vermittelt wurde. Für seinen Vater habe er (Jung) Mitleid empfunden, merkwürdigerweise weniger für die Mutter, die ihm als die etwas Stärkere vorgekommen sei. Trotzdem habe er sich auf ihrer Seite gefühlt, „wenn der Vater seine launische Gereiztheit nicht beherrschen konnte“ (S.31). Er sei in die Rolle des Schiedsrichters zwischen die Eltern geraten.

23      Spitzname Erzvater Abraham: In der Primarschule hatte Jung von den Schulkameraden den Spitznamen „Erzvater Abraham“ erhalten. Warum? Jung berichtet, dies habe mit einem Aufsatz zu tun, in den er besonders viel Arbeit gesteckt habe (Erinnerungen S.71). Dass ihm die  Kameraden den Spitznamen „Erzvater Abraham“ anhängten, kommt sicher nicht von ungefähr. Der jugendliche Carl war zweifellos fasziniert von den ausserordentlichen und grossartigen Zielen seines Großvaters, obwohl diese seinem christlichen Vater eher peinlich gewesen sein dürften. Wie bereits erwähnt, herrschte in Jungs Familie die Meinung, das Jüdische sei antiquiert, das Verhältnis von Christentum und Judentum sei endgültig geklärt und eine Diskussion darüber sei überflüssig. Dass sich für den Knaben aus dieser abwertenden Einstellung zur grossväterlichen jüdischen Erbschaft erhebliche Probleme ergaben und später auch zu Vorwürfen gegen seinen Vater führten, ist mehr als verständlich. Diskussionen habe sein Vater immer mit der Forderung beendet, er solle nicht denken, sondern glauben (Erinnerungen S.49).  –  Später richtete Jung seine Vorwürfe die er gegen die Juden verspürte an die Jüdin Sabina Spielrein, die sich aber zur Wehr setzte: „Sie machen uns Juden mit Freud den Vorwurf, dass wir unser tiefstes Seelenleben als infantile Wunscherfüllung betrachten. Darauf muss ich Ihnen erstens erwidern, dass kaum ein Volk so weit geneigt ist, überall das Mystische und Schicksal-Verheissende zu sehen, wie das jüdische“. Ein Gegensatz dazu sei „der klare analytisch-empirische Geist Freuds“ (Carotenuto S.179).

24      Antwort auf Hiob: Erst im Alter befasste sich C.G.Jung explizit mit seiner jüdischen Erbschaft – er war zu dieser Zeit über 70. In seinem Buch Antwort auf Hiob10 (dritte Auflage 1952) setzt Jung sich mit dem jüdischen Gottesbild auseinander, sowie mit chassidischen und kabbalistischen Vorstellungen. Er tat gewissermassen nun das, was er von seinen männlichen Vorfahren mütterlicherseits vergeblich erwartet hatte, wobei er allerdings auch bei dieser Auseinandersetzung eine tiefere Reflexion über die eigenen familiären Wurzeln unterlässt. An keiner Stelle erwähnt Jung seine jüdischen Wurzeln, die er von mütterlicher und grossväterlicher Seite hat, obwohl er zu dieser Zeit (1952) keine Repressalien mehr zu befürchten hatte.

25      Als Germane Fortsetzer und Vollender: Im Jahre 1908 war Jung von Freud als „Fortsetzer und Vollender“ seiner Psychoanalyse angesprochen worden in der Meinung, Jung tauge als „starke, unabhängige Persönlichkeit, der als Germane die Sympathien der Mitwelt“ kommandiere, dafür besser als jeder andere. Freud meinte, die Psychoanalyse könne durch den Germanen C.G.Jung aus dem jüdischen Bezirk in den wissenschaftlichen Bereich überführt werden. Das heisst, dass sich Jung auch gegenüber Freud nicht zu seinen jüdischen Wurzeln bekannte (Wolfgang Sauerländer (Hg): Briefwechsel Sigmund Freud / C.G. Jung, S.186)

26      Verbreitete gesellschaftliche Abwertung: Dass sich Jung im Jahre 1908 zu seinen mütterlichen Wurzeln nicht bekennen konnte, hat sicher mit der damalig verbreiteten Abwertung alles Jüdischen zu tun und ist von daher verständlich. Im Jahre 1902 war das Buch von Otto Weiniger11 herausgekommen, der das Jüdische als identisch mit dem „Weibe“ und dem Weibischen wähnte und verächtlich machte. Das Ariertum und das Christlich/Männliche seien das Höherwertige und das „absolut Gute“, das Jüdisch/Weibliche hingegen das absolut Minderwertige, das Nichts. Das Weib sei eine Nullität. Sowohl Jung als auch Freud kannten zweifellos diese Hetzschrift gegen Juden und Frauen: Weininger schreibt: „Was dem Weibe wie dem Juden abgeht“, das sei Größe. Größe in irgendwelcher Hinsicht. Im Juden seien, fast wie im Weibe, Gut und Böse noch nicht voneinander differenziert. Der Jude sei der Grenzverwischer. Er sei der Gegenpol des Aristokratischen; das Prinzip des Aristokratismus sei strengste Wahrung aller Grenzen zwischen Menschen. Der Jude sei der geborene Kommunist, und immer wolle er die Gemeinschaft. „Die Juden stecken gerne beieinander wie die Weiber“, aber sie verkehren  nicht miteinander als selbständige, voneinander geschiedene Wesen, unter dem Zeichen einer überindividuellen Idee“. Unsere Zeit sei nicht nur die jüdischste, sondern auch die weibischste aller Zeiten. Die „tiefste Furcht im Manne sei die Furcht vor dem Weibe, das sei die Furcht vor der Sinnlosigkeit, das sei „die Furcht vor dem lockenden Abgrund des Nichts“ (398-399). – Zu vermerken ist noch, dass Weininger selber von jüdischer Herkunft war. Er stammte aus einer feinsinnigen und geistig/seelisch differenzierten Familie.

27        Gross angelegte Weltdeutungen und Erlöserphantasien: Gegenüber Sabina Spielrein hatte Jung unverhohlen seine arischen Phantasien vom „Siegfried“ – dem  Helden und Erlöser - eröffnet. Die junge Frau ging zunächst auf Jungs Spiel ein, während sie ihrerseits die Phantasie einer Vereinigung von Christentum und Judentum entwickelte. Auch bei C.G.Jung scheint eine unbewusste Sehnsucht nach einer gesellschaftlich akzeptierten Verbindung seiner christlichen und jüdischen Wurzeln bestanden zu haben, wie ebenso schon bei seinem Grossvater Samuel Preiswerk. Die Identifikation mit dem jüdischen Erbe war darum besonders schwierig, weil es mit einem doppelten Makel behaftet war: Mit dem Makel des Weiblichen und dem Makel des Jüdischen. Dass schon Jungs Grossvater Samuel Preiswerk mit gross angelegten Weltdeutungen und Erlöser-Phantasien befasst war, ist so gesehen absolut verständlich. Sein Herzensanliegen und Bestreben war, das Jüdische Erbe mit dem Christlichen vereinbar zu machen und zu verbinden, wie später auch die Jüdin Sabina Spielrein dies tat.

28        Reichhaltige Erbschaft: Bei Sabina Spielrein war Jung erstmals den reichhaltigen geistigen und religiösen jüdischen Wurzeln begegnet, und darum hatte er sich in sie verliebt. Der verheiratete C.G. Jung war daher bestrebt, die junge Frau als seine Zweitfrau zu gewinnen und sie an sich binden. Aber Spielrein war dazu nicht bereit. Sie sei nicht eine Frau für den Zeitvertreib, sie wolle Frau und Mutter sein. Sie war auch nicht bereit, ihre eigenen wissenschaftlichen Interessen und beruflichen Pläne zu seinen Gunsten aufzugeben. Spielreins Großvater, der ein Zaddik war, hatte einen ihrer Träume einmal gedeutet, ihr sei ein grosses Schicksal beschieden, und sie selber stellte sich vor, sie würde sich vielleicht zu einer „Größe“ auf ihrem Fachgebiet entwickeln.

29        Tiefe Depression und am Rand einer Psychose: Nachdem Sabina Spielrein Jungs Ansinnen, sie würde sich ihm als uneigennützige Geliebte und wissenschaftliche Mitarbeiterin zur Verfügung stellen, zurückgewiesen und kurzfristig einen anderen Mann geheiratet hatte, war Jung in eine tiefe Depression gefallen, die ihn an den Rand einer Psychose brachte. Aus dieser Depression liess sich Jung von einer anderen, wiederum sehr jungen  Analysandin retten: Toni (Antonia) Wolff. Auch Toni Wolff hatte von väterlicher Seite jüdische Wurzeln (Sabine Richebächer12: Sabina Spielrein – Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft, Dörlemann 2002, S.170).

30        Zusammenfassung und Fazit: Jungs Mutter war ein typisches Produkt der patriarchalen Weiblichkeits- und Ehevorschriften. Aus der ursprünglich intelligenten, literarisch begabten und tiefsinnigen Frau war eine korpulente Frau geworden, deren Rede bestenfalls noch ein munteres Plätschern war. Ihre Persönlichkeit hatte sie in der protestantischen Ehe aufgeben müssen, und von ihrem Sohn C.G. Jung war sie schliesslich noch ganz zu einem totalen Nichts gemacht worden: Jung hatte an Freud absolut abwertend und lieblos geschrieben, die Mutter sei für den jungen Sohn so wertlos geworden, „dass er‘s mit ein paar Fusstritten in den Busch schmeißt“ (Wolfgang Sauerländer (Hg): Sigmund Freud / C.G. Jung: Briefwechsel13, S.557).

31      Eine Beziehung zu Frauen, die auf wirklicher Gleichstellung und Gegenseitigkeit beruht, hat C.G. Jung zeit seines Lebens nicht gefunden. Zu sehr hat er die Frauen nach seiner geistig/seelisch beschädigten Mutter bemessen und sein Theoriegebäude im Sinne seiner männlichen Vorstellungen, Wünsche und Ziele entwickelt. Wie anders wäre Jungs Leben und wären Jungs Theorien über Weibliches und Männliches ausgefallen, wenn seine Mutter ihre ausgesprochene literarische Begabung, Geschmack und Tiefe hätte entwickeln und zum Ausdruck bringen dürfen! Stattdessen blieb dies alles verborgen hinter einer wirklich lieben dicken Frau mit viel Sinn für Humor, die ausgezeichnet kochte. Zufolge der einengenden Weiblichkeitsvorschriften konnte auch ihre starke „unbewusste Persönlichkeit“ nicht in Erscheinung treten, die ungeahnt mächtig und eine dunkle, grosse Gestalt war, die unantastbare Autorität besaß. Diese unantastbare Autorität basiert auf der Verbundenheit mit der „Grossen Mutter“ bzw. mit den weiblichen Gottheiten aus der vorpatriarchalen Zeit, die in den Tiefenschichten der weiblichen Psyche aufbewahrt blieb und sich auch bei heutigen Frauen gelegentlich bemerkbar macht. - Es ist auffallend und überaus aufschlussreich, dass Jung, der sich sein Leben lang mit der menschlichen Psyche befasst hat, unfähig war, die Situation und Tragik seiner Mutter zu sehen und in der Folge auch unfähig, die allgemeine Situation und  Unterdrückung der Frauen im Patriarchat zu erkennen. Vielmehr hat er auch selber zu dieser Unterdrückung noch ganz erheblich beigetragen. Ganz anders und richtig hat die Psychotherapeutin und Forscherin Gerda Weiler14 erkannt und verstanden, was passiert ist: Eine Frau, der jede Selbstverwirklichung gesellschaftlich verweigert wird, klammert sich verständlicherweise an den Sohn, der stellvertretend für sie ‚es zu etwas bringen‘ soll. Im Patriarchat erlebt die Frau die Welt ausschliesslich durch den Mann hindurch. Und je weniger der Ehemann für seine Frau zum Tor der Welt wird, umso mehr wird die Mutter sich vom Sohn wünschen, dass er ihr den Weg zur Welt öffnet. Eine fatale Situation für beide, für Mutter und Sohn! – Auch C.G. Jung war von seiner Mutter vor allem bewundert worden, wobei er immerhin gemerkt hat, dass ihm dies nicht gut getan hat, wie er in seinen Erinnerungen selber erklärt hat.

32      Was Jungs Mutter sowie unzähligen anderen Frauen widerfahren ist und was die Folgen dieser unterdrückenden Widerfahrnisse sind, wird von der Literaturwissenschaftlerin und Psychotherapeutin Irène Kummer15 als ein „kollektives Trauma“ bezeichnet, für das eine adäquate Sprache erst noch zu suchen und zu finden sei.

33      Zu vermerken wäre noch, dass C.G. Jung seine Biographin Aniela Jaffé beauftragt hat,  dafür zu sorgen, dass sein Buch: Erinnerungen, Träume, Gedanken, nicht ins Werkverzeichnis aufgenommen wird. Die Prüfung im Internet (27.02.2013) hat gezeigt, dass Jungs Erinnerungen in Jungs Werkverzeichnis tatsächlich fehlt. Ich deute dies als ein weiteres Zeichen von Jungs Verleugnung seiner biografischen Hintergründe und seiner mütterlichen Wurzeln, die wertvolle jüdische Wurzeln sind.

  34      Quellen

1.     Carotenuto, A. (Hg): Tagebuch einer heimlichen Symmetrie. Sabina Spielrein zwischen Jung und Freud, 1986, S.104

2.     C.G.Jung – Erinnerungen Träume Gedanken von C. G. Jung. Aufgezeichnet und herausgegeben von  Aniela Jaffé

3.     Jung, C.G.: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene. Eine psychiatrische Studie, 1902 (Dissertation)

4.     Zumstein-Preiswerk, Stefanie: C.G.Jungs Medium. Die Geschichte der Helly Preiswerk, 1975

5.     Heller, Agnes: Die Auferstehung des jüdischen Jesus, Philo 2002

6.     Höfer, Renate: Die Hiobsbotschaft C.G.Jungs. Folgen des sexuellen Missbrauchs, 1997

7.     Meyer, Enno: Juden und Judenfeinde, 1966

8.     Susmann, Margarethe: Gestalten und Kreise, 1954, S.253

9.     Nigg, Walter: Kirchliche Reaktion. Dargestellt an Michael Baumgartens Lebensschicksal, 1939

10. Jung, C.G.: Antwort auf Hiob, 1952

11. Weininger, Otto: Geschlecht und Charakter, 1902

12. Richebächer Sabina: Sabina Spielrein: Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft, 2002, S.170

13. Sauerländer, Wolfgang (Hg): Briefwechsel Sigmund Freud / C.G. Jung, 1976, S.186 und 557

14. Weiler, Gerda: Der enteignete Mythos. Eine notwendige Revision der Archetypenlehre C.G.Jungs und Erich Neumanns, 1985

15. Kummer, Irène: Referat  in der Kulturzentrum Alten Kaserne Winterthur, 15.10.2011