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06 - Die Heimatlosigkeit der Frau und die Angst vor dem Verlassenwerden

 Elisabeth Camenzind

Die Behauptung, daß Frauen in unserer Gesellschaft heimatlos seien, schockiert. Und doch hat die Theologin Christa Mulack dies genau so formuliert (Christa Mulack: Natürlich weiblich. Die Heimatlosigkeit der Frau im Patriarchat). - Meine These ist, daß im Patriarchat für Männer zu viel und für Frauen zu wenig Heimat vorgesehen ist. Die Philosophin Elisabeth List drückt die Situation pointiert und paradox aus: Frauen verkörpern Heimat, aber selbst sind sie Fremde in der eigenen Kultur. Gegen Frauen, die vor ihrer Heimatlosigkeit die Augen verschließen und so »tun als ob« alles in Ordnung wäre, geht die Psychotherapeutin Christina Thürmer-Rohr hart ins Gericht. Die Migrationsforschung meint dagegen, das Gefühl von Heimatlosigkeit sei nicht eine typisch weibliche Befindlichkeit, es seien auch Männer davon betroffen, wobei sie allerdings wesentliche Unterschiede übersieht. Die Migrationsforschung befasst sich mit der Vertreibung von Menschen aus ihrer Heimat, sie betrifft also eine ausserordentliche Situation. Im Unterschied dazu untersucht die feministische Forschung die ganz »normale« Alltags- und Lebenssituation der Frauen, in der Frauen heimatlos sind. Daher können wir hier die Resultate der Migrationsforschung beiseitelassen.

     Zunächst zum gängigen Heimatbegriff: Im Lexikon der Synonyme wird Heimat als Vaterland, Geburtsort, Ursprungs- und Herkunftsland sowie als Zuhause und Bleibe umschrieben. Heimatliebe wiederum wird mit Patriotismus, Vaterlandsliebe, Nationalgefühl, Nationalstolz, Nationalbewusstsein und Heimatverbundenheit übersetzt. Das heisst, dass der Heimatbegriff mit dem Vater, dem männlichen Geschlecht assoziiert wird. Dies im Unterschied zu Russland, wo Heimat als Mutterland empfunden und bezeichnet wird. In der Literatur ist oft zärtlich vom »Mütterchen Russland« die Rede. Entsprechend stellte die Historikerin Marilyn French fest, daß bei den slawischen Völkern und auch im vorchristlichen Russland das Mutterrecht viel länger als in Europa erhalten blieb. Bedeutsam ist, daß hier Mutterland und Mutterrecht zusammengehören, worauf wir später zurückkommen werden.

    Nachdem ich Heimat als Vaterland definiert sah, war ich auf die Beschaffenheit des heimatgebenden Vaters neugierig, wurde aber enttäuscht. Vater:  Erzeuger, Familienoberhaupt, Haushaltsvorstand. Als Vermittler von Heimat tritt der Vater nicht auf. Da ich mich mit diesen Heimatbegriffen nicht zufrieden geben konnte, suchte ich weiter. Bei heimatlos fand ich etwas von dem, was ich suchte, wenn auch unter dem Vorzeichen eines Mangels. Heimatlos: Ohne Heimat sein, wurzellos, entwurzelt, ungeborgen, umgetrieben sein. Beim Stichwort Heim wurde ich fündig: Zuhause, Daheim, vier Wände, heimelig, anheimelnd, behaglich, traut. Heimat haben bedeutet demnach, einen Ort zu haben, an dem wir uns sicher und wohl fühlen. Der Ort dieses Daheims wird jedoch als Elternhaus und Vaterhaus beschrieben. Das traute Heim gilt nicht als Mutterhaus, obgleich alle Patriarchen der Meinung sind, daß für die Schaffung dieser Heimat die Mutter, die Frau zuständig sei.

    Nun wollte ich wissen, wie das Lexikon die Mutter darstellt. Dass ich auch hier enttäuscht würde, werden Sie bereits ahnen. Ich las: Mama, Mutti, Mammi, Muttchen. Vergeblich hatte ich erwartet, dass in Analogie zu den Funktionen des Vaters die der Mutter erwähnt wären, z.B. Gebärerin, Ernährerin, Beschützerin, Erzieherin, Familienfrau. Aber nichts von alledem! Das sogenannte »Universal-Lexikon« unterschlägt zudem die Funktionen, die der Mutter bis heute als »heilige" und natürliche Bestimmungen zugewiesen sind. Die feministischen Linguistinnen Senta Trömel-Plötz und Luise Pusch haben schon vor Jahren festgestellt, dass der permanente Ausschluss der Frauen aus der Sprache  nicht  zufällig ist, sondern System hat. Unter diesen Umständen war kaum zu erwarten, dass die Mutter in ihrer weiteren Eigenschaft als Erzeugerin vorkommt. Seit über hundert Jahren weiss die Biologie, daß beide Eltern je eine Hälfte zum Chromosomensatz beitragen, aus dem sich ein Kind entwickelt, und trotzdem wird noch immer der Vater als Alleinerzeuger genannt.

     Unter dem Stichwort »mütterlich« konnte ich schließlich nachlesen, was von den Frauen und Müttern erwartet wird. Mütterlich: fürsorglich, besorgt, liebevoll, hingebungsvoll, rührend, zärtlich, uneigennützig, selbstlos, gütig, aufopfernd. Dass das analoge »väterlich« fehlte, das an einen liebevollen, fürsorglichen Vater denken ließe, ist ebenfalls symptomatisch. Die Familie, in der all dies Mütterliche stattfinden soll, wird als Sippe, Verwandtschaft sowie "die Meinen" bezeichnet, familiär als vertraulich, intim, heimisch, persönlich. Im weiteren zwanglos, formlos, leger, frei, locker, unverkrampft, lässig, ungehemmt, salopp. Unwillkürlich stieg die Frage auf, wem die Verfasser dieses lockere, lässige, ungehemmte und saloppe Verhalten in der Familie zuordnen. Nachdem diese das Mütterliche, nicht aber das Väterliche  als fürsorglich, besorgt, aufopfernd beschrieben haben, dürfte klar sein, für wen das lässige Sich-Gehenlassen in der patriarchalen Familie vorgesehen ist.  

    Diesem kleinen Spaziergang durch den Heimatbegriff kann bereits entnommen werden, daß Frauen und Männer nicht in gleicher Weise an der Heimat in der Familie partizipieren. Sie tragen auch nicht in gleicher Weise zum Gefühl von Heimat bei. Auch im öffentlich gesellschaftlichen Frauen finden in unserer Gesellschaft nicht in gleicher Weise Heimat wie die Männer. Seit einigen tausend Jahren leben wir in einer patriarchalen Gesellschaft, und als solche hat sie das Wohl des männlichen Geschlechts im Auge. Auch der Apostel Paulus blieb der patriarchalen Vorstellung verhaftet, dass die Frau für den Dienst am Mann geschaffen worden sei, nicht aber umgekehrt. Daraus resultiert folgerichtig die Frage:

 

Wo können Frauen Heimat finden? Wir werden die Frage stellen, ob und inwieweit Frauen an den Orten, die ihnen von unserer Gesellschaft als Heimat angeboten werden, wirklich Heimat finden: Ehe, Familie, Vaterland, Kirche. Wir werden zu fragen haben, was Frauen als Heimat empfinden und ob Frauen in sich selber Heimat finden können. Im Weiteren stellt sich die Frage, wie Heimat in mutterrechtlichen Gesellschaften beschaffen ist und war, und welche naturrechtlichen Heimaten Frauen zurückfordern könnten. Ich werde den Heimatgehalt in folgenden fünf Bereichen untersuchen:

- Heimat in der erotischen Beziehung?

- Heimat in der (patriarchalen) Ehe und Familie?

- Heimat in sich selber finden?

- Heimat im geistig/metaphysischen und historischen Raum?

- Heimat im Frauenvolk?

 

1. Heimat in der erotischen Beziehung?

 

Die erotische Beziehung wird in der Dichtung sowohl als Ort der Lust als auch als Ort von Heimat und Verwurzelung beschrieben. Unglücklich verlaufene Beziehungen werden als Heimatverlust empfunden. Auch in Vorstellungen vom Paradiesleben scheinen Lust und Heimat ursprünglich zusammengehörig zu sein. Lou Salomé empfand die erotisch/sexuelle Begegnung als tiefste Form von Heimat, nämlich als Eintauchen in den tiefsten Seinsgrund. Sinnbild für die Erotik ist in unserer patriarchalen Gesellschaft der Gott Eros, der sogenannte Liebesgott. Erotik bedeutet nach dem Wörterbuch der Synonyme: Sinnliche Liebe, Sinnenlust, Sinnenfreude, Sinnlichkeit, Liebeskunst, dies im Gegensatz zur Agape und Caritas (Dorsch: Psych. Wörterbuch, 1982). Im tiefenpsychologischen Erotikkonzept, auf das sich Tausende von PsychotherapeutInnen in Europa und Amerika berufen, stellte ich drei Varianten von Erotik fest, wobei nur der Heimataspekt zur Sprache kommen soll.

     Die drei Varianten sind:

- Erotik als Rausch und Orgasmus

- Erotik als hingebende Agape

- Erotik als Individuationsweg

 

Die erste Variante verspricht der Frau nicht nur Rausch und Orgasmus, sondern eine »vollständige Begegnung mit dem Mann«. Da diese Variante eine persönliche menschliche Begegnung in Verbindung mit erotisch/sexuellem Glück verheißt, erscheint sie als überaus heimatträchtige Variante. Dieses Versprechen gilt allerdings nur unter gewissen Bedingungen, was die Hoffnung auf Heimat wieder einschränkt. Die erste Voraussetzung ist der Verzicht der Frau auf die Selbstbewahrung (weil sie die vollständige Begegnung mit dem Mann verhindere). Die Selbstbewahrung müsse in die Phase des Sichauslieferns und der Selbstaufgabe münden; das Sichausliefern an die Überwältigung und die Selbstaufgabe führten dann zur Angstüberwindung und zum Umschlagen der Angst in Rausch und Orgasmus. (Erich Neumann: Zur Psychologie des Weiblichen, Zürich 1953, Seiten 18-19).

    Zum Begriff der Selbstbewahrung:  Die Selbstbewahrung der Frau sieht Neumann in Verbindung mit dem mütterlichen Unbewussten und dem Selbst. Für die Selbstbewahrung ist es nach Neumann typisch, daß die Frau psychologisch und oft auch soziologisch in der Frauengruppe, im Mutter-Clan verbleibe. Eine Frau, die in der Selbstbewahrung verbleibe, sei ein im Ganzen unvollständiger Mensch.

    Zweifellos ist diese Bedingung, die verlangt, dass die Frau ihr Selbst und die Selbstbewahrung aufgibt, für viele Frauen eine unannehmbare Ungeheuerlichkeit. Das gilt auch für mich selbst. An dieser Stelle soll jedoch der Wahrheitsgehalt des Glücks- und Beziehungsversprechens untersucht werden. Zweierlei ist zu prüfen: erstens, ob der Verzicht auf Selbstbewahrung zu dem versprochenen Orgasmus und Rausch führt, und zweitens, ob die vollständige Begegnung mit dem Mann stattfinden kann. Ich werde die Prüfung anhand des mythologischen Beispiels von »Amor und Psyche« vornehmen, auf das sich die erwähnte Theorie stützt.

     Der Mythos beginnt damit, daß Amor (Eros) das schöne Mädchen Psyche in seinen Palast bringen lässt, sich im Dunkeln ungefragt zu ihr legt und den Beischlaf vollzieht: »Und schon war der unerkennbare Gatte da und hatte den Pfühl bestiegen und sich Psychen zum Weibe gemacht…  Und so ward es durch lange Zeit gehalten. Und wie es die Wirkung der Natur ist: das erst Fremde gedieh ihr durch beständige Gewohnheit zum Ergötzen« (E. Neumann: Amor und Psyche, S. 24).

     So sieht also das Fallbeispiel aus, aus dem die analytische Psychologie das Glücksversprechen für die Frau abgeleitet hat. Die Theorie deutet Psyches Situation als Beginn eines Paradieslebens, während für uns an dem Fallbeispiel nicht das Geringste an Glück für die Frau erkennbar ist. Vielmehr fällt dem feministischen Blick auf, daß der begehrende Eros es unterlässt, die Sinneslust der Frau zu wecken und ihre Liebe zu gewinnen. Aufgrund eines patriarchalen Orakels, einer männlichen Machtsituation also, gelangte Psyche in die Arme von Eros. Aber auch in der für ihn komfortablen Situation gelang es dem Mann nicht, die Frau erotisch zu wecken und zu erfreuen. Dieses Faktum läßt sich leicht aus den Symptomen, die Psyche entwickelt, erschließen. Der Mythos erzählt nämlich, daß Psyche ständig weinte, appetitlos wurde und freudlos dahinlebte. Eros beklagte sich, Psyche höre nicht einmal während der Umarmungen auf, sich zu »kreuzigen« (zu weinen). Dieses Verhalten weist nicht auf den Zustand von Glück, sondern auf eine tiefgreifende Depression hin. Diese Symptome sind in der psychologischen Praxis nur allzu bekannt. Psyche war einsam, sie durfte keinen Besuch empfangen, ihre Depression steigerte sich schließlich bis zur Verzweiflung. In der Folge versuchte sie, Eros zu töten.

 

Fazit: Aus all dem folgt, daß der Verzicht bzw. Verlust der emotionalen, sozialen und wirtschaftlichen Verankerung in der Frauengruppe nicht zu dem versprochenen erotischen Glück der Frau geführt hat. Auch die vollständige Begegnung mit dem Mann hat nicht stattgefunden, konnte in diesem Kontext nicht stattfinden. Vielmehr führt der Selbstverlust zu  Einsamkeit, Depression und Verzweiflung. Die erste Variante der psychologischen Theorie bringt der Frau also weder Lust noch Heimat.

 

Die zweite Variante, die bei der Frau Erotik als Agape (selbstlose Liebe) deutet, ist in der psychologischen Theorie, Psyche habe sich gegen ihr Unglück bei Eros nicht (wie ein Mann) zur Wehr gesetzt, enthalten. Psyche antwortet "nicht mit Kampf, Protest, Flucht, Trotz und Widerstand, wie das ein männliches Ich in einer entsprechenden Situation hätte tun müssen, sondern mit dem Umgekehrten, mit dem Hinnehmen des Todesschicksals« (E. Neumann:  Amor und Psyche, S.93). Dieses Verhalten deutet die fragliche Theorie als Ausdruck des »weiblichen Mysteriums«.

     Aus diesem Text geht hervor, daß der Theoretiker sehr wohl weiss, daß Psyche bei Eros unglücklich war, obgleich er in der ersten Variante das Gegenteil behauptete (es habe für Psyche ein Paradiesleben begonnen). Nun behauptet er, das "Hinnehmen des Unglücks" sei Ausdruck des »weiblichen Mysteriums«, womit selbstlose Liebe, Agape gemeint ist. Weibliches Mysterium klingt geheimnisvoll, bedeutsam, erinnert an matriarchale Mysterien der menschlichen Frühzeit, an orgiastische Fruchtbarkeitskulte. Hier aber wird der Frau etwas ganz anderes zugemutet: das Hinnehmen des eigenen Unglücks zugunsten des erotisch-sexuellen Glücks des Mannes sowie den Verzicht auf den eigenen erotischen Glücksanspruch.

 

Fazit: Auch die zweite Variante bringt der Frau weder Lust noch Heimat. Diese hat nur den Glücksanspruch des Mannes im Auge; die Frau wird als selbstlose Ausführungsgehilfin dieses männlichen Anspruchs gesehen. Dies im Gegensatz zu den matrizentrierten Urmysterien, in denen beide Geschlechter erotisch entflammt und beheimatet waren.

 

Die dritte Variante ergibt sich aus der tiefenpsychologischen Auffassung, daß Liebe und Selbstwerdung (Individuation) bei der Frau gewissermaßen zusammenfallen. Zur Stützung dieser Theorie wurde der dritte Teil der Geschichte herangezogen. Nach dem erfolglosen Tötungsversuche war Eros geflohen. Psyche war zur Göttin Ceres geeilt, um sie um Arbeit und Unterkunft zu bitten. Diese aber, von den patriarchalen Göttern abgesetzt und entmachtet, sagte, sie könne ihr nicht helfen, weil sie selbst verfolgt werde. Es blieb Psyche nichts anderes übrig, als zu Eros zurückzukehren bzw. sich auf die Suche nach ihm zu machen. Die Rückkehr zu Eros erfolgte notgedrungen. Psyche konnte weder zu ihren Eltern zurückkehren noch bei der vormals machtvollen Göttin Unterkunft finden. Die junge Frau hatte alle emotionalen, sozialen und wirtschaftlichen Bezüge verloren, sie war unglücklich und rundherum heimatlos.

     Anders wird die Situation durch die erwähnte Theorie gedeutet: Psyche müsse auf die Suche nach Eros gehen. Sie sei nun nicht mehr »Opfer«, sondern aktiv Liebende. Mit Psyche trete ein neues Liebesprinzip auf, in dem die Begegnung des Weiblichen mit dem Männlichen zur Grundlage der Individuation werde (S.121). Psyche müsse ihren Geliebten zuerst erobern und entwickeln. Sie müsse ihn aus dem transpersonalen Herrschaftsbezirk der Großen Mutter in den persönlichen Bezirk der menschlichen Psyche hinüberretten (S. 122).

     Aus dieser Passage geht nicht nur die Ungeheuerlichkeit hervor, daß der Theoretiker sich durchaus  bewußt war, daß Psyche bei Eros fortwährend »Opfer« war und niemals aktiv Liebende, weder im Sinne von sinnlicher Liebe, noch im Sinne von selbstloser Agape, sondern dass diese Theorie sogar die Individuation der Frau in den Dienst des männlichen Wohlbefindens stellt. Nachdem sich das Versprechen von erotischem Glück und die vollständige Begegnung mit dem Mann nicht erfüllt, wird nun einfach behauptet, die Leiden, die sich aus dem Verzicht auf die Selbstbewahrung ergaben, seien der Selbstwerdung der Frau förderlich, ja, dass diese Liebesleiden der einzige Weg zur Individuation seien. Wie wir aus der psychotherapeutischen Praxis wissen, ist die Treue zu sich selbst und zum eigenen Schicksal aber die erste und wichtigste Voraussetzung für die Selbstwerdung. Selbstwerdung bedeutet Heimfindung zu den psychisch/ geistigen Ressourcen, auch bei der Frau.

 

Fazit: Auch die dritte Variante bringt der Frau weder Lust noch Heimat. Allen drei Varianten liegt die Forderung zugrunde, dass die Frau ihre Persönlichkeit und ihre Verankerung im Frauenvolk zugunsten des Mannes aufgibt. Diese Bedingungen haben sich für die Frau als falsch herausgestellt.

 

 

2. Heimat in der (patriarchalen) Ehe und Familie?

 

In unserer Gesellschaft wird die Ehe als Ort dargestellt, wo Frauen ihre eigentliche, tiefste und sicherste Heimat finden, ungeachtet der Tatsache, daß sich so viele Frauen in ihrer Ehe unglücklich, einsam und heimatlos fühlen. Wenn so viel Unglück für Frauen vorprogrammiert ist, müssen wir uns fragen, welche Art von Heimat die patriarchale Ehe der Frau anbietet. Andererseits gibt es Frauen, die sich in der Ehe wohl fühlen. Ist das so, weil die patriarchale Ehe einige Lücken offen gelassen hat, so daß eine kleine Anzahl von Frauen Privilegien genießt (Gerda Lerner: Die Entstehung des Patriarchats, 1991), oder liegt das daran, daß es Ehen gibt, in denen Eheleute das vorgegebene Konzept für sich privat abändern? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir den Ursprung und die Entwicklungen dieser Einrichtung sowie die rechtlichen, philosophischen, theologischen, psychologischen Begründungen beachten.

    Die bürgerliche Philosophie hat Ehe und Familie ganz klar als Erholungsraum und Infrastruktur für den Mann konzipiert. Das Wort Familie stammt von lat. famulus: Das ist der Diener. Am deutlichsten ist die bürgerliche Ehe-Auffassung bei Rousseau formuliert, der postuliert, dass die Erziehung der Frau sich immer auf den Mann beziehen solle. Ihre Aufgabe sei »zu gefallen, uns nützlich zu sein, uns zu lieben und unser Leben leicht und angenehm zu machen…«. Nach Liselotte Steinbrügge hat kaum ein anderer Theoretiker des 18. Jahrhunderts so vehement die Beschneidung der Persönlichkeitsentwicklung der Frau formuliert wie Rousseau. In der klassisch bürgerlichen Vorstellung sollen Frau und Mann eine Einheit bilden, »eine Einheit, die komplementär verzahnt ist und durch Hierarchie zusammengehalten wird« (Annedore Prengel: Pädagogik der Vielfalt, 1993, S.102-103).

     Nach der katholischen Ehelehre, die zu meiner Zeit vermittelt wurde, galt die Ehe ebenfalls als eine hierarchische Gemeinschaft. Zwar wurde die Frau nicht mehr als Sündenpfuhl bezeichnet, von dem sich der Mann möglichst fernhalten sollte, um sich nicht zu beschmutzen. Vielmehr wurde sie als »Gottesgeschenk« für den Mann dargestellt, das er »ehrfürchtig« an die Hand nehmen sollte. Adam habe staunend auf das Wesen geschaut, das Gott aus seiner Seite heraus gebildet und das er ersehnt habe. Ein gutes, edles Mädchen suche den Mann, den Starken, zu dem es aufschauen könne. Die Frau suche im Mann den, den sie glücklich machen, den sie liebreich umsorgen könne, bei dem sie sich auch geborgen fühle (Anton Lötscher, Freiburg 1945).

     Ich war über Evas Rolle keineswegs glücklich. Ich wollte keinem Mann als Gottesgeschenk und Objekt dargebracht werden, eine solche Ehe wollte ich nicht eingehen. Mein ganzes Leben war von dem Bewußtsein überschattet, daß Männer diese die Frau zerstörenden Vorstellungen verinnerlicht haben und dass echte Heimat in einem solchen ehelichen Kontext nicht zu finden sei.

     Die Tiefenpsychologie, auch die analytische Psychologie, gibt sich als »pragmatische Wissenschaft« aus; trotzdem hat sie kaum Besseres anzubieten als die bürgerliche Philosophie und die Theologie: Sie erweist sich als Stütze der patriarchalen Ehe und Familie, wenn auch mit anderen Argumenten. In der heutigen Zeit gibt dies mehr denn je Anlass zu Kritik. Für den Jungianer Erich Neumann ist die patriarchale Ehe das Rückgrat der patriarchalen Kultur: Die patriarchale Ehe wirke sich für die Frau sehr viel ungünstiger aus als für den Mann. In der Ehe werde die Frau in ihrer Weiterentwicklung gehemmt. Er spricht von der »Gefangensetzung des Weiblichen« im Patriarchat. Das Leben und die Interessen der Frau würden auf das nur Persönliche reduziert. Es sei typisch für die patriarchale Gesetzge­bung, daß die Frau keine Eigenexistenz mehr besitze, sondern Eigentum des Mannes werde. Wenn diese Schilderung der Patriarchatsehe als kritische Analyse gemeint wäre, entspräche sie ganz und gar der feministischen Bestandesaufnahme. Aber leider ist dies nicht der Fall. Vielmehr hält Neumann die patriarchale Entwicklung für »seinsnotwendig«, die zudem nicht ohne negative Akzentuierung des Weiblichen durch das Männliche zu erreichen sei. Eine solche Entwicklung ist beispielsweise die Degradierung der Göttin zur Gattin.

     Was diese Psychologie als Höherentwicklung beschreibt, ist für Frauen ein durchgängiger Verlust. Für das weibliche Geschlecht bedeutet es keineswegs eine Entwicklung zum Besseren, wenn die Göttin zur  Gattin degradiert wird, denn sie wird ihrer metaphysischen Funktion, ihrer Göttlichkeit beraubt. Als Gattin ist sie zudem definitionsgemäß als Gehilfin des Mannes diesem untergeordnet oder ihm gar als Eigentum (als Teil seiner Person) einverleibt. Für Frauen kann eine Ehe, die nur dadurch zustande kommt, dass die Frau zuvor in allen Lebensbereichen enteignet und ins Leere geworfen wurde, keineswegs ein »Kulturgut« bedeuten. Die Ehe vermag auf dieser Grundlage den Frauen keine wirkliche Heimat zu vermitteln.

     In der analytischen Psychologie wird die Frau zwar nicht mehr als Eigentum des Mannes beschrieben, auch nicht mehr als untergeordnete Gehilfin und Dienerin. Aber nach wie vor ist das Jungsche Beziehungs- und Ehemodell von patriarchalen Vorstellungen geprägt, was auch in der Deutung von »Amor und Psyche« zum Ausdruck kommt. Das Jungsche Deutungsmodell ist zwischenzeitlich überall präsent, so daß eine jüngste Publikation der Europäischen Märchengesellschaft sich bei der Deutung von »Amor und Psyche« wie selbstverständlich dieses Modells bedient (E. Ackermann: Untiere und Tiergestalten in Mythen und Märchen der Antike, in: Tiere und Tiergestaltige im Märchen, 1991).

    Ich habe im vorhergehenden Abschnitt bereits erwähnt, daß Psyche, nachdem sie von Eros verlassen worden war, erst dann endgültig verloren und heimatlos war, als die Göttin Ceres, die bereits entmachtet war, erklärte, sie könne ihr nicht helfen. An dieser Stelle wird die Heimatlosigkeit der Frau im Patriarchat in ihrem ganzen Ausmaß deutlich.  Psyche mußte froh sein, wenn Eros sie überhaupt wieder aufnahm.

    Heutige Parallelen zu Psyches Situation: Viele Männer bieten der Frau in der Ehe zunächst eine gute materielle Existenz, die sie durch bestimmte Dienste abzugelten hat. Die meisten Männer verlassen am frühen Morgen das Haus, besorgen ihre wie auch immer gearteten Geschäfte und Interessen, kommen abends zurück und fordern wie selbstverständlich physische und emotionale Versorgung und sexuelle Rechte ein. Viele Männer kümmern sich nicht um die Klagen und Tränen ihrer Frau, sondern finden, daß sie es mehr als gut habe und rechnen ihr die materiellen Vorteile auf: das komfortable Haus, die gut eingerichtete Küche, das schöne Bad, die reichlichen Einkaufsmöglichkeiten. Trotzdem klagen viele Frauen; sie klagen über Einsamkeit, Isolation und Mangel an Gesprächen. Aber meist finden sie kein Gehör für diese Klagen.

    Die meisten Frauen verlieren durch die Ehe ihr Bezugsnetz, auch wenn der Mann nicht mehr allein den Wohnort bestimmt. Durch die Berufstätigkeit wird der Mann automatisch in eine neue soziale Gruppe eingegliedert, nicht aber die Hausfrau. Am Arbeitsplatz ergeben sich für den Mann gemeinsame Erfahrungen und für das Zusammensein beim Bier gemeinsame Gesprächsthemen. Anders erlebt die Hausfrau ihren Rollenwechsel. An ihrem Arbeitsplatz ist sie isoliert. Den anderen Hausfrauen begegnet sie nicht an ihrem Arbeitsplatz, sondern beim Einkaufen und auf dem Kinderspielplatz. Ihr Gesprächsthema ist zwar auch die Arbeit, nämlich ihre Arbeit in Haushalt und im Kinderzimmer. Aber wenn Hausfrauen über ihre Arbeit sprechen, sprechen sie nur scheinbar vom gleichen. Jede hat ihre eigenen quengelnden Kinder und individuellen Ansprüche von seiten ihres Ehemannes, und die Gespräche führen nicht dazu, daß hinterher die Arbeit gemeinsam angepackt werden kann. Auch schweigen sich Schweizer Frauen über ihre wirklichen Nöte aus. Welche Frau erzählt schon Schlechtes über ihre Ehe? Auf diese Weise ist Einsamkeit in der patriarchalen Ehe für die Frau vorprogrammiert.

     Obgleich Heimat für die Frau in der Ehe nicht vorgesehen ist, besteht eine zunehmende Tendenz zu Eheschließungen. Was bedeutet das? Könnte es sein, daß viele Frauen trotz aller Enttäuschungen am Traumbild eines heterosexuellen Paradieslebens festhalten? Oder ist es vielmehr so, daß Frauen in den tiefen Schichten des Unbewußten noch ein Wissen davon haben, daß menschliches Zusammenleben sowie die Beziehung der Geschlechter anders, befriedigender sein könnte?

     Die feministische Psychologie hat auf die negativen Auswirkungen der exklusiven Mutter-Kind-Beziehung und auf die Notwendigkeit der Ablösung von der Mutter hingewiesen. Diese Forderung scheint mit der patriarchalen Theorie, der Mann könne sich im Umfeld der Mütter nicht entwickeln und sei gewissermaßen, kastriert übereinzustimmen. Tatsächlich ist für Männer die Ablösung von den Müttern absolut notwendig, aber in einem anderen Sinn, als die patriarchalen Theorien vorsehen. Diese Theorien sehen nämlich lediglich eine Verschiebung der mütterlichen Funktionen auf Ehefrauen oder Geliebte vor. Meine These ist, wie bereits erwähnt, dass im Patriarchat für Männer zu viel und für Frauen zu wenig Heimat vorgesehen ist.

     Das Problem der Ablösung von der Mutter muß aus geschlechtsspezifischer Sicht angegangen werden. Für Frauen ergaben sich aus dem Verbleiben im Umkreis der Mütter große Vorteile. In matrizentrierten Gesellschaften sorgten Frauen gemeinsam für das tägliche Brot, Kleidung, ein Dach über dem Kopf. Frauen konnten ihre existenzielle Sicherheit durch eigene Arbeit und durch ihre Zugehörigkeit zum Frauenvolk sichern. Frauen waren keineswegs unselbständig oder unvollständig. Auch sorgten Feste für den Kontakt zum anderen Geschlecht, die Mysterien ergaben Kontakt zum spirituell göttlichen Bereich. Auch heute erbringen Frauen, weltweit gesehen, zwei Drittel aller Arbeitsleistungen. Das Frauenvolk könnte durchaus auch heute für gesicherte Arbeitsplätze, also für Brot, Kleidung und Wohnung für Frauen einstehen. Dann wären Frauen nicht mehr genötigt, bei einem Mann zu verbleiben, den sie verlassen oder vielleicht sogar töten möchten. Ein Sprichwort sagt, dass eine Ehefrau nur einen Mann weit von der Armut entfernt sei. Auf unserer Suche nach Heimat im Verhältnis zum anderen Geschlecht werden wir die matrizentrierten Kulturen einbeziehen müssen.

 

 

3. Heimat in sich selber finden?  

 

Heimat im eigenen Körper: Zum Heimatgefühl gehört zweifellos das Beheimatetsein im eigenen Körper. Viele Frauen fühlen sich in ihrem Körper fremd: Sie können ihre Körperfunktionen nur partiell oder gar nicht wahrnehmen. Ingrid Olbricht, Chefärztin einer psychosomatischen Klinik, erwähnt eine Patientin, die auf die Frage nach ihrem Ergehen antwortete, sie wisse es nicht, die Befunde seien noch nicht da. Die psychosomatischen Kliniken sind zu 80-90 Prozent mit Frauen gefüllt (Olbricht: Was Frauen krank macht, 1993, S. 24). Diese Zahlen gelten für Deutschland, dürften aber in den anderen europäischen Ländern ähnlich sein.

     Auf das Phänomen der Selbstentfremdung des Körpers machten feministische Psychologinnen zunächst im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen aufmerksam. Olbricht sieht noch andere Gründe. Selbstentfremdung habe auch mit der medizinischen Einschätzung der weiblichen Körperfunktionen zu tun, die als schwächlich und krankheitsanfällig dargestellt würden. Die Krankenkassen verlangen von Frauen entsprechend höhere Beiträge; diese negative Einschätzung des weiblichen Körpers sei eine narzißtische Kränkung. Bei den Krankheitsursachen liegt die narzißtische Kränkung bei Frauen ganz weit vorne. Olbricht hält es für nötig, eine Korrektur der Einschätzung der weiblichen Geschlechtsorganisation vorzunehmen. Ihrer Meinung nach ist der weibliche Körper ein produktiver Körper (und nicht ein krankheitsanfälliger oder passiver).

 

Heimat durch das Bewußtsein eines starken weiblichen Körpers: Der Mythos von der Schwächlichkeit des weiblichen Geschlechts ist längst widerlegt. Männliche Embryonen sterben sehr viel häufiger ab oder enden als Fehlgeburt. Weibliche Kleinkinder sind weniger anfällig für Erkrankungen, der männliche Geburtenüberschuß gleicht sich bald aus, wobei der Überschuß sich im Alter zugunsten des weiblichen Geschlechts verschiebt. Frauen leben im Durchschnitt sieben Jahre länger als Männer. Aus einer Statistik geht hervor, daß die Ausgaben für medizinische Leistungen für Frauen - entgegen allen Behauptungen - tiefer sind als für Männer, nämlich um fast 10 Prozent (Frauen 76,90 DM, Männer 86,10 DM von 100 DM bezogenen Leistungsausgaben. PKV Publik 9 /1991, S. 100). Wenn der Bereich Schwangerschaft und Geburt ebenfalls abgezogen würde (da es sich dabei ja nicht um Krankheiten handelt), würden die Ausgaben für Frauen noch tiefer ausfallen (Olbricht, S. 26). Aber diese zugunsten der Frauen ausfallenden Daten werden geheimgehalten oder zumindest nicht an die breite Öffentlichkeit gebracht. Eine der Hauptursachen von psychosomatischen Erkrankungen sieht Olbricht im Konflikt zwischen dem eigenen Erleben und der Vorschrift, wie Frauen ihren Körper zu erleben haben. Frauen leben in einer permanenten Double-bind-Situation: Wenn sie nämlich ihrer eigenen Wahrnehmung glauben, also ihren eigenen Gefühlen und ihrer Lebenswirklichkeit Glauben schenken, so geraten sie in Konflikt mit den Zuschreibungen an die Weiblichkeit, also mit dem Medizinsystem und der gesamten Kultur. Glauben sie den medizinischen Zuschreibungen, so geraten sie in Konflikt mit sich selbst und ihrem eigenen Erleben bis hin zur Selbstwertkrise. Wenn Frauen aber die Zuschreibungen hinterfragen und sich gegen die Abwertung zur Wehr setzen, wenn sie sich den Wert der Frau beweisen und an ihrer krankmachenden Situation etwas ändern wollen, geraten sie in einen weiteren Konflikt. Denn wenn sie für sich und ihr Selbstverständnis kämpfen, gelten sie als unweiblich, aggressiv, militant und emanzipiert. Es gilt ebenfalls als pathologisch, die Frauenrolle nicht anzunehmen oder sich gar dagegen aufzulehnen. Frauen können darum - so Olbricht - das falsche Bild von Weiblichkeit nicht wirksam korrigieren, denn genau das gilt als unweiblich. - Weil es in dieser Konstellation keine Konfliktlösungsmöglichkeit gibt, handelt es sich um eine Double-bind-Situation, und Double-binds sind immer krankmachend. Biologische Unterschiede gibt es mit Ausnahme der Geschlechtsorgane keine. Im biologischen Sinne ist das weibliche Geschlecht das primäre Geschlecht. Alle Menschen sind genetisch weiblich (Gerda Weiler: Eros ist stärker als Gewalt, 1994, S. 245).

     An dieser Stelle wird das Zusammenspiel der drei Ebenen deutlich, über die Therese Augsburger schreibt: Makro-, Meso- und Mikroebene. Die Makroebene betrifft den theoretischen Überbau (medizinische und psychologische Theorien), die Mesoebene betrifft die Institutionen, in denen die Theorien ausgeführt und angewendet werden (Kliniken, Privatpraxen etc.), die Mikroebene betrifft den privaten Bereich (Körper, Psyche). Auf der Makroebene werde die Frau als von Natur aus kränklich dargestellt. Wenn die Frau diesen Lehren nicht folgt, sondern ihre Situation für krankmachend hält, gerät sie mit den Ärzten in Konflikt (Mesoebene). Schließlich wird der Konflikt im eigenen Körper, in der eigenen Psyche ausgetragen (Mikroebene). (Therese Augsburger: Heimatlosigkeit: Der falsche Weg zur Freiheit? - in: Elisabeth Camenzind, Kathrin Knüsel: Frauen schaffen sich Heimat in männlicher Welt, 1995)

 

Heimat durch das Bewußtsein eines produktiven weiblichen Körpers: In den Gesellschaftstheorien (Makroebene) wird alles, was Männer tun - sei es im wirtschaftlichen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Bereich - als Produktion bezeichnet. In der psychologischen Auffassung (Freud) ist die anale Produktion (Faeces) Symbol für das schöpferische Schaffen. Die Produktion eines neuen Menschen, des Kindes, wird dagegen als Reproduktion verstanden, während das Gebären in der Frühzeit Symbol des schöpferischen Schaffens war (diese Vorstellung hat sich im menschlichen Unbewußten gehalten, werden doch noch immer Dichtungen und Kunstwerke »geboren«, gehen auch Männer mit ihren Ideen »schwanger«.

 

Heimat durch Wahrnehmung der Lustfähigkeit: Bei der Beschreibung der weiblichen Geschlechtsorgane wird in der Regel ein wichtiges Organ unterschlagen: die Klitoris. Das macht es für Mädchen sehr schwierig, ihr Geschlecht zu entdecken und es libidinös zu besetzen. Ich erinnere mich an eine Neunjährige, die ihre 18jährige Schwester um ihr Erleben mit dem Freund so intensiv beneidete, daß sie jedes Interesse an altersgerechten Spielen und an der Schule verlor. Sie fragte die Schwester jeweils ganz direkt, ob »es« ihr wohlgetan habe. Auf ihren eigenen Besitz, den »Zauberknopf«, aufmerksam gemacht, sagte sie traurig, daß an ihrem Körper so etwas nicht vorhanden sei (nach mehreren Wochen sagte sie allerdings freudestrahlend, daß sie »es« gefunden habe).

     Es fehlen in der Umgangssprache auch die Namen für das primäre weibliche Lustorgan. Im Unterschied dazu hat das männliche Organ viele Namen: Schwanz, Pimmel, Pfeifchen, Glied, Zipfel, kleiner Mann etc. (ich habe über 20 Synonyme für den Penis gefunden). Den Mädchen wird der Unterschied in diffusen Worten erklärt: Sie seien Mädchen, ihr Geschlecht sei anders, sie würden später Brüste und Kinder bekommen. Es fehlen die Namen und auch die Symbole für die Klitoris. Dem sogenannten »Zauberstab« des Knaben steht nichts gegenüber. Wenn Knaben ihr Wissen vom Geschlechtsverkehr vormachen (sie biegen zwei Finger zu einer Rundung und führen mit einem andern Finger darin Bewegungen aus), vermitteln sie den Mädchen, daß sie das weibliche Organ als »Loch« auffassen, mit dem Knaben und Männer etwas im Sinn haben, während Mädchen oft selbst nicht wissen, was das Getue, die Anspielungen sagen wollen. In einem sogenannt modernen Aufklärungsbuch der 68er ist das weibliche Organ als Garage bezeichnet, die mütterliche Brust als Milchbar. Der Penis wird als ein Organ beschrieben, das groß wird und etwas zu tun bekommt. Damit wird den Mädchen vermittelt, daß der Mann mit der Frau etwas Sexuelles anstellen wird, als dessen Folge sie dann ein Kind kriegt. Den Mädchen wird also keine erfreuliche erotisch-sexuelle Perspektive vermittelt.

    Das oben erwähnte Mädchen schilderte dagegen erfreut, was sie gefunden hatte. Es sei ein Geheimnis: Sie reibe daran, ihr werde ganz warm, dann müsse sie schwer atmen, habe ein wun­dervolles Gefühl und könne dann gut einschlafen. Das Kind wollte nur noch die Bestätigung hören, daß es den Zauberknopf wirklich gefunden habe und daß sein Körper richtig, stark und gesund sei.

 

Neue Benennung der Geschlechtsorganisation: Olbricht schlägt eine neue Benennung der Geschlechtsorgane vor: Venushügel, Venuslippen, Venushaare, Muschel. Also nicht mehr die Scham, Schamhügel, Schamlippen, Schamhaare, die Assoziation an Schamvolles, Schändliches wecken. Sie argumentiert sehr richtig, daß die männlichen Geschlechtsorgane auch nicht mit Scham in Verbindung gebracht werden. Es wird nicht vermittelt, daß der Mann sich seiner Organe schämen müsse. Bezeichnungen wie Schambeutel, Schamgehänge oder Schamstange existieren nicht, die eine negative Bewertung seiner Organe nahe legten.

     In der Therapie mit Mädchen habe ich begonnen, für die Benennung ihres Geschlechts Symbole aus der Märchenwelt zu übernehmen: Ich spreche von Zauberring und Zauberknopf. Um die weiblichen Symbole sichtbar zu machen, habe ich sogar selber einige Gestaltungen versucht. Nun hoffe ich auf schöpferische Künstlerinnen, die Klitoris und Manschette (Zauberknopf und Zauberring) in verschiedensten Größen und Formen als Schmuckstücke, Anhänger  (auch in Formen, mit denen gespielt werden kann) und Plastiken auf den Markt bringen. Zweifellos besteht auf diesem Gebiet eine Marktlücke.

     Wenn wir kleine Mädchen über ihr Geschlecht aufklären, müssen wir immer davon ausgehen, daß sie in der Regel von einem negativen Vorwissen geprägt sind. Die meisten haben im Kindergarten oder auf der Straße von Knaben gehört, daß den Mädchen »unten« angeblich etwas fehlt. Daher sage ich beispielsweise einleitend, Knaben glaubten fälschlicherweise, daß Mädchen kein »Pfeifchen« hätten. Das Organ der Mädchen sei jedoch hinter Lippen versteckt und durch eine Art Lippen geschützt, wie die Zunge. Mädchen hätten einen Zauberring und einen Zauberknopf; wenn sie schaukeln, auf Bäume steigen oder sich berühren, hätten sie ein angenehmes und schönes Gefühl. Olbricht bringt ein sehr schönes Beispiel von einem Mädchen, das sagte, bei ihr liege eben alles schön unter Verputz. Und ein anderes meinte. Was kostbar sei, liege doch immer im Tresor. Im Weiteren erkläre ich den Mädchen, auch Knaben hätten einen Zauberknopf. Dieser sei an einem kleinen Stab befestigt und hänge ungeschützt herab. Knaben hätten daher sehr viel Angst, ihr Organ könnte abfallen, verletzt oder abgeschnitten werden (Kastrationsangst).

 

Das Gebären als eine Form (unter anderen Formen) von weiblicher Schöpfertätigkeit: Die Psychoanalyse hat einen Mutterbegriff geschaffen, der mit der Realität wenig zu tun hat. Wenn das Kind als Kompensation für den fehlenden Penis gedeutet wird, ist Muttersein ein Ausdruck für Mangel und eine Ersatzlösung.

    Im Weiteren wird das Puppenspiel fälschlicherweise als Ausdruck einer angeborenen Selbstlosigkeit weiblicher Kinder gedeutet. Meine Erfahrung als Kindertherapeutin ist, daß die Puppe sehr oft ein Selbstsymbol ist. Die Liebe und Pflege, die Mädchen ihrer Puppe angedeihen lassen, könnte auch ein Ausdruck ihrer Wahrnehmung sein, daß Frauen lernen müssen, sich selber Sorge zu tragen, weil es sonst niemand tut. Es könnte auch eine Mitteilung an die Umgebung bedeuten, daß das Mädchen seine Person als Subjekt wahrnehmen will und nicht bereit ist, nur für andere zu leben (wie es das bei vielen Frauen sieht). Es gibt auch andere Verhaltensweisen gegenüber den Puppen, z. B. daß Mädchen ihre Puppen schlagen. Dieses Verhalten müßte unter dem Gesichtspunkt des Selbstsymbols neu überdacht und gedeutet werden.

     Ein wichtiger Hinweis von Olbricht, den ich bestätigen kann, betrifft den Mutter-Kind-Kontakt: Zu häufiger Körperkontakt, zu häufiges Hochnehmen, zu viel Streicheln könne das Gefühl hervorrufen, daß Körpergrenzen nicht respektiert werden.

 

Das Klimakterium ist ganz anders: Noch vor 20 Jahren schrieb ein Sexualratgeber, wenn eine Frau ihre Eierstöcke überlebt habe, bedeute dies vielleicht wirklich, daß die Frau ihre Nützlichkeit als menschliches Wesen überlebt habe (Reuben: Alles, was Sie schon immer über Sex wissen wollten, 1993). - Olbrichts ärztliche Diagnose liest sich ganz anders: In Wirklichkeit geht der Frau in den Wechseljahren nichts verloren. Sie ist weiterhin liebenswert, anziehend, unbeschädigt und unverletzt. Die Frau kann im Wechsel sogar etwas hinzugewinnen: Ein neues, nicht mehr durch Abhängigkeiten bestimmtes Lebensgefühl, das Beziehungen und Partnerschaften eine neue Qualität verleiht. Die Frau ist wissender geworden, sie weiß um Erlebensmöglichkeiten und Erfahrungen der früheren Phasen und kann die dritte Phase für sich neu gestalten.

     Manche Frauen finden erst in den Wechseljahren zu einer eigenen Identität oder zu einer Berufsausbildung. Die Zahl der von Frauen neu gegründeten Betriebe steigt ständig. Manche Frauen werden unbequem: Sie bilden Bürger-Initiativen, Frauengruppen und Frauenprojekte, das heißt neue Strukturen. Im körperlichen Bereich entdecken immer mehr Frauen die Selbstbefriedigung als Hilfe zur sexuellen Selbstannahme und Selbstwahrnehmung. Viele Frauen berichten, daß sie dabei ihren ersten Orgasmus erlebt haben. Frauen suchen sich zunehmend jüngere Partner oder bauen Beziehungen zu anderen Frauen auf.

 

Zusammenfassung: Zum Heimatgefühl gehört das Behaustsein im eigenen Körper. Die gesunde Frau erlebt sich natürlicherweise nicht als körperlich defizitär, sondern als intakt, vital und potent.  Mutterschaft ist kein Penisersatz, sondern eine schöpferische Tätigkeit unter anderen schöpferischen Tätigkeiten. Die Klitoris ist kein verkümmerter  Penis, sondern ein Organ mit der Fähigkeit zum libidinösen Begehren. Der Verlust der körperlichen Fruchtbarkeit macht die Frau nicht wertlos, sondern entlastet sie von Abhängigkeiten und eröffnet neue Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten.

 

 

4. Heimat im historischen und geistig/ metaphysischen Raum?

 

Zur seelischen Heimat gehört nicht zuletzt eine eigene Identität, die ihrerseits eine Verankerung im historischen und metaphysischen Raum voraussetzt. Je gründlicher die Kenntnis der Geschichte ist, desto stärker wird das Gefühl von Heimat, wie es sehr richtig heisst.

      Meine Mutter bezog ihre Identität wesentlich über religiöse Vorstellungen. Sie sagte, das Christentum habe die Würde der Frau wiederhergestellt, darum hänge sie dem Christentum an. Die Kirche vermittelte aber doppelte Botschaften: Die Bilder zeigten Maria als Königin, andererseits wurde betont, sie habe als »Magd des Herrn« demütig gedient. Nicht der Dienst als Priesterin am Altar, sondern das mitmenschliche Dienen sei also die Aufgabe der Frau. Dieser Logik konnte ich zwar nicht ohne weiteres folgen, fühlte mich irgendwie betrogen, merkte aber schon früh, daß mit Logik hier nichts zu machen war. Dank der feministischen Historik wurde mir später klar, daß Frauen nicht immer aus den priesterlichen Funktionen ausgeschlossen waren.

      In der vorpatriarchalen Zeit gab es sehr wohl Priesterinnen. Sie dienten im Tempel der Göttin. Der Himmel war noch nicht von einem männlichen Gott besetzt. Vielmehr haben Frauen und Männer zu weiblichen Gottheiten gebetet. Die Historikerin Gerda Lerner schreibt, daß sich in Mesopotamien Frauen und Männer vor einer Statue der Göttin oder vor einer ihrer Priesterinnen verneigt haben. Ein typisches Gebet lautete: »Hehre Ischtar, die die Weltengegenden beherrscht. Heldenhafte Ischtar, Schöpferin der Menschen, dich gehen alle um Hilfe an, denen Unrecht geschah. Den Mißhandelten schaffst du Recht. Du bist die Richterin in allen Prozessen. Ohne dein Zutun wird kein Kanal geöffnet, kein Kanal abgesperrt, der Leben spendet. Ohne dein Zutun wird kein Bewässerungsgraben geöffnet, kein Bewässerungsgraben abgesperrt, aus dem die weitverbreiteten Menschen trinken. Ischtar, barmherzige Herrin, erhöre mich und sei mir gnädig« (Lerner 1991, S. 183 mit Hinweis auf Walter Farber: Beschwörungsrituale an Ischtar und Dumuzi, 1977, S. 143). Ich habe das schöne und eindrückliche Gebet leicht gekürzt wiedergegeben. Es zeigt deutlich die Macht der weiblichen Gottheit und das große Vertrauen in sie auf.

     Die Göttin Ischtar wurde sowohl als barmherzige als auch als kriegerische Göttin angesprochen (also wie der spätere Gott Jahwe im Alten Testament). Die Hilfesuchenden hielten die Göttin für allmächtig. In besonderen Gebeten wurde sie auch als Herrin des Schlachtfeldes gepriesen. Sie war mächtiger als alle Könige und mächtiger als andere Gottheiten. Nach der griechischen Mythologie hat die Erdgöttin Gaia den Himmel (Uranos) erschaffen. Auch die Erschaffung der Welt ist der Göttin Gaia zugeschrieben worden. Die Durchgängigkeit der Verehrung einer Muttergöttin in der Jungsteinzeit und Bronzezeit wurde durch archäologische Funde bestätigt. Marija Gimbutas berichtet von rund dreißigtausend Miniaturen aus Ton, Marmor, Knochen, Kupfer und Gold, von insgesamt 3000 Fundstellen in Südosteuropa, die auf die Verehrung einer Muttergottheit hinweisen (Lerner 1991, S. 182). Aus diesen Funden geht hervor, daß ein großes und primäres Bedürfnis bestand, die Frau und das Weibliche als machtvoll zu sehen und im metaphysischen Raum verankert zu wissen. Sei es, um an der Weisheit und Macht der Göttin zu partizipieren oder sie um Hilfe in der Not anzuflehen (wie dies heute noch bei Maria, der heimlichen Göttin der Christenheit, der Fall ist). Frauen konnten sich als Abbild der Großen Göttin verstehen (Männer verstanden sich später als Abbild männlicher Götter wie Zeus, Jupiter, Hermes u. a.).

     Es ist noch nicht sehr lange her, daß sich feministische Historikerinnen darüber Gedanken machten, was es für die Identität der Frauen bedeutet, daß die weiblichen Gottheiten aus unserer Kultur verschwunden sind und wie es zu diesem Verlust kam. Lerner ist der Auffassung, daß sich der Übergang zu patriarchalen Göttern schrittweise vollzog (obgleich nach Carola Meier-Seethaler das Patriarchat durch Mord, Raub und Vergewaltigung eingeführt worden ist). Zum Teil fand eine Wandlung der Großen Göttin statt. In der menschlichen Frühzeit wurden ihr allumfassende Kräfte zugeschrieben, deren Macht sich auf Gut und Böse, Leben und Tod bezog. Später wurde die Göttin umgeformt, und bestimmte Eigenschaften wurden von ihr abgetrennt. Ihre kriegerischen Komponenten wurden auf männliche Götter übertragen, ihre Fähigkeiten als Heilerin und Trösterin in den Vordergrund gerückt. Die patriarchale Rollenzuweisung an Frau und Mann ist bei dieser Aufteilung bereits erkennbar. Die ägyptische Göttin Isis verkörperte in der frühesten Periode noch das geheiligte Königtum und überirdische Weisheit. Später wurde sie zum Prototyp der treuen Gattin. In der hellenistischen Periode wurde sie als Magna Mater verehrt, beispielsweise im westlichen Asien und in der griechisch-römischen Welt (Lerner 1991, S. 203).

     Obgleich der Beginn des Patriarchats um zirka 3000 v. Chr. angesetzt wird, hielt die Verehrung von weiblichen Gottheiten rund weitere tausend Jahre an. Der Kult der Göttin Ascherah, die als Beschützerin der Geburt galt, existierte in Kanaan noch über Jahrhunderte neben dem Jahwe-Kult. Lerner versteht dies als Zeichen des Widerstandes gegen die Vorherrschaft männlicher Gottheiten. Noch im zweiten Jahrtausend vor Christus waren die Macht und das Mysterium der Priesterin ebenso groß wie die des Priesters. Lerner erwähnt 112 Schöpfungsgeschichten, in denen sowohl weibliche als männliche Gottheiten im Vordergrund stehen und andere, in denen die Schöpfung durch das Zusammenwirken weiblicher und männlicher Gottheiten entstanden ist.

     Wie radikal gegen den Kult der Großen Göttin gekämpft wurde, kann in der Bibel nachgelesen werden: 30 000 Männer, die den Kult der Göttin feierten, wurden auf Befehl von Moses, der sich seinerseits auf einen Befehl seines Gottes Jahwe berief, brutal abgeschlachtet und ganze Städte wurden ausradiert. Aber damit nicht genug, Moses verlangte, daß auch alle Frauen und männlichen Kinder getötet werden sollten. Nur die Mädchen und Jungfrauen, die noch mit keinem Mann geschlafen hatten, sollten die Krieger »für sich und die Priester« am Leben lassen. Im Weiteren zählt die Bibel minutiös die Kriegsbeute auf, die hälftig auf die Priester und die Krieger verteilt wurde: 675‘000 Schafe und Ziegen, 72‘000 Rinder, 61‘000 Esel und 32‘000 Frauen (Exodus 31.1-48). An anderer Stelle der Bibel wird beschrieben, wie die Gegenstände aus dem Tempel der Göttin (Ascherah) herausgeschafft und die Gemächer niedergerissen wurden, in denen die Frauen Schleier für die Ascherah webten. Weiter wird beschrieben, wie die Steinmale der Göttin Astarte zerbrochen und die »Höhentempel« beseitigt wurden.

     Seit rund 3000 Jahren haben Frauen keine Repräsentanz mehr im göttlich metaphysischen Raum. Auch die Präsenz von Maria, der »heimlichen Göttin der Christenheit«, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Erinnerung an die weiblichen Gottheiten gelöscht ist. Auch in meinem »Universallexikon« (NSB 1968) kommt keine Göttin mehr vor. Dagegen werden männliche Götter des Islams, des Judentums und Christentums erwähnt: Allah sei wie der Gott des Christentums Schöpfer, Lenker und Richter der Welt.

     Die Wiederentdeckung der Göttin durch Bachofen und Neumann führte zunächst zu Begeisterung, da auch der umfassende Charakter der weiblichen Gottheit gesehen wurde. Das Große Weibliche, die Göttin der menschlichen Frühzeit ist nach Neumann »das Schöpferische an sich«. Es sei urzeugerisch und nicht auf das Männliche angewiesen. Eine große Anzahl von Symbolen, welche die Große Göttin repräsentieren, seien später vom Patriarchat okkupiert worden, beispielsweise das Wandlungssymbol durch das Christentum. (Neumann 1953, S.70-71), was von ihm aber nicht kritisch vermerkt wird.

     Feministische Historikerinnen kritisieren diese Okkupation und verlangen zu Recht, daß die allumfassende, urzeugerische Göttin, die nicht auf das Männliche angewiesen ist, wieder in ihre Rechte eingesetzt wird. Auf psychologischer Ebene muß die Große Göttin als Symbol für das weibliche Selbst und ihre Ganzheit aufgefaßt werden. Auch die göttliche Sophia (griechisch: Weisheit) ist ein schöpferisch inspiratorisches Wesen, »das irdische und überirdische Wesen tränkt«. In der Gnosis spielt Sophia als weibliches Urprinzip, Mutter des Weltschöpfers und Mutter von Jesus eine Rolle. Allerdings verliert Sophia in der Gnosis ihren ursprünglichen archetypischen Charakter als Göttin. Dies ist ein untrügliches Zeichen für eine patriarchale Entwicklung.

     Auch Neumanns Idee, die göttliche Sophia auf eine Linie mit der buddhistischen Göttin Kwan-yin zu stellen, die »den Schrei der Welt« hört und ihre Buddhaschaft der leidenden Welt zuliebe opfert, ist eine patriarchale Entwicklung und Enteignung. Buddha ist nämlich der Erleuchtete im spirituellen Sinne. Der Verzicht auf Erleuchtung bedeutet Verzicht auf Erkenntnisfähigkeit. Warum die Erkenntnisfähigkeit zugunsten der "leidenden Welt« geopfert werden soll, ist nicht unmittelbar einleuchtend. Da dieser Verzicht aber der weisen Frau abgefordert wir, ist die Absicht klar: Die auf die Buddhaschaft verzichtende, also ihrer Geistigkeit enteignete, Sophia wird von Neumann als »Inkarnation des weiblichen Selbst« betrachtet und mit dem Namen »Große Göttin« beehrt: Diese Große Göttin entfalte sich »ebenso in der Geschichte der Menschheit wie in der Geschichte jeder einzelnen Frau«. Ihre göttliche Wirklichkeit bestimme das individuelle wie das kollektive Leben der Frau (Neumann 1956, S.310-314). Lassen wir uns von der Sprachvirtuosität dieser Psychologie nicht mehr täuschen. Nicht die ihrer Geistigkeit verlustig gegangene Sophia, sondern die umfassende, urzeugerische Große Göttin der menschlichen Frühzeit ist das eigentliche Symbol für das weibliche Selbst und ihre Ganzheit.

     Fasziniert bin ich von der Sicht der heiligen Katharina von Siena, der Kirchenlehrerin. Mich fasziniert ihre absolute Treue zu sich selbst, ihr Anspruch auf Teilhabe am göttlich/ metaphysischen Bereich sowie ihre Auffassung vom Verhältnis zwischen Liebe und Erkenntnis. Die heilige Katharina stellt Selbsterkenntnis, Erkenntnis und Urteilsfähigkeit vor die Liebe. Die Urteilsfähigkeit sei zur Unterscheidung der richtigen von der unerlaubten Liebe nötig. Der Hausdienst zugunsten der Bequemlichkeit des Mannes gehört ihrer Meinung nach zur unerlaubten Liebe. Dienstbarkeit an der alltäglichen Bequemlichkeit anderer Menschen ist für sie »Sünde«. Ihre Lehrtätigkeit interpretiert sie als Nächstenliebe, das Lehren versetzt sie in den Stand einer »Tugend«. Sie erhebt den (für die damaligen Kirchenherren unerhörten) Anspruch, daß die Frau Ebenbild Gottes sei. Sie nennt explizit die Eigenschaften Gottes, an denen sie teilhaben will: Macht, Weisheit, Verstand, Gedächtnis, Würde, Liebe, Güte. Bei Katharina von Siena können wir lernen, was weibliche Individuation ist: eine eigene Identität, die im metaphysischen Raum verankert ist, die Weisheit, Verstand, Gedächtnis, Macht, Würde einschließt statt der den Frauen abverlangten Liebe und Güte. Symbol für das weibliche Selbst kann nur eine weibliche Gottheit mit umfassenden Eigenschaften sein. Nur diese Große Göttin kann als Inkarnation des weiblichen Selbst anerkannt werden.

 

 

5. Heimat im Frauenvolk?

 

Wichtiger als die Klage ist nach Irmtraud Morgner der Einspruch, die Korrektur, die Revision. Und weiter: Es bedürfe des Blicks zurück, der Spurensuche und Ursachenforschung. Geschichte, Historik sieht sie zudem als Entwurf nach rückwärts. Männer hätten eine Vergangenheitsfiktion (sie nennt das auch Geschichtsklitterung), die sie für nötig hält, um die Gegenwart zu verstehen und Zukunft zu entwerfen.

     In diesem Sinne ist auch unsere Feststellung zu verstehen, daß Frauen in unserer Gesellschaft wenig Heimat vorfinden. Es ging uns nicht ums Klagen, sondern um Einspruch und Korrektur des festgestellten Faktums, daß Frauen zwar Heimat verkörpern, aber selbst Fremde in der eigenen Kultur und im eigenen Körper sind. Es ging um den Blick zurück in matrizentrierte Kulturen, in denen Frauen durch die Große Göttin Repräsentanz im metaphysischen Raum hatten und damit geistig beheimatet waren. Es ging um den Einspruch, dass die Erotik, die in der matrizentrierten Frühzeit orgiastisches Mysterium und Heimat für beide war, zum »Geschenk für den Mann« oder zur »ehelichen Pflicht« verkommen ist. Es geht um Korrektur der (die Frau) kränkenden Lehrmeinungen, die Überwindung von Selbstentfremdung, die Wiederherstellung der psychischen Strukturen und um das Recht der Frau  zur Treue zu sich selbst. Es geht darum, dass das Leben der Frau nicht mehr Leben aus zweiter Hand ist, und dass in Ehe, Familie und gesellschaftlichen Strukturen nicht mehr alles und jedes durch das »Nadelöhr« Mann und Männervolk geht. Es geht darum, daß sich Frauen wieder bewußt werden, daß sie in früheren Zeiten bei ihresgleichen Heimat und Lebensraum hatten, daß sie im Frauenvolk verankert und beheimatet waren.

     Die feministische Historik belehrt uns, daß in den mutterrechtlich organisierten Gesellschaften der menschlichen Frühzeit die Interessen und Bedürfnisse der Frauen abgesichert waren: Brot, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, eine befriedigende Erotik, genügend Raum für die Kinder. Das Frauenvolk sorgte zudem dafür, daß das Männervolk den gebührenden Beitrag für die Versorgung der Nachkommen erbrachte. Frauen lebten in einem Heimatland, das Mutterland war, in dem Frauen für eine umfassende und gemeinsame Existenzsicherung auf allen Ebenen sorgten. Auf die heutige Zeit übertragen heißt Existenzsicherung das Anrecht auf eigenen Boden, eigenen Besitz, eigene Steuereinnahmen, eigene Strukturen. Heute erbringen Frauen, wie bereits erwähnt, weltweit gesehen zwei Drittel aller Arbeitsleistungen. Wir Frauen haben auch heute ein natürliches Recht, die Produkte unserer Arbeit wieder in unsere eigenen Hände zu bekommen (ich stelle mir genüßlich vor, wie es wäre, wenn Frauen Anspruch auf die Hälfte der Militärausgaben hätten; in der kleinen Schweiz sind das jährlich mehrere Milliarden Franken).

     Heimat im Frauenvolk bedeutet das Recht, Zugang zu haben zu allen Stufen der Institutionen in Staat und Kirche sowie ein Anrecht auf eigene Strukturen und Finanzen. Heimat im Frauenvolk bedeutet, daß sämtliche Weltsichten, Philosophien, Psychologien, Wirtschaftsordnungen, Menschen- und Frauenbilder, die patriarchal sind, neu entworfen und dem Frauenvolk zur Vernehmlassung und Prüfung vorgelegt werden müssen, bevor sie in die Lehrpläne Eingang finden. Daß solche Forderungen in den Ohren vieler Frauen zu fern und zu utopisch klingen, ist verständlich. Lieber möchten sie wissen, wie sie einen konkreten Beitrag im Hier und Jetzt leisten können. Jede Frau kann grundsätzlich etwas tun.

 

Andere Frauen wahrnehmen: Jede Frau kann die Beiträge, die andere Frauen zur Verwirklichung unseres gemeinsamen Zieles leisten, wahrnehmen, anerkennen oder wirtschaftlich unterstützen. Ich selbst bin dazu übergegangen, fast ausschließlich Bücher von Frauen zu kaufen. In meinen Vorträgen zitiere ich Frauen und ihre Werke, um sie sichtbar zu machen. Eine Frau fragte, warum die Referentin andere Frauen zitiere, statt zu sagen, was sie selber meine. Mir ist es wichtig, wahrzunehmen, was zu einem Thema bereits von anderen Frauen formuliert worden ist, um dadurch sichtbar zu machen, daß sehr viel mehr Publikationen von Frauen auf dem Markt sind, als gemeinhin angenommen wird.

 

Frauen tun bereits einiges: In der Schweiz forderten 60 Frauen des »Frauen-Palaver« vom Bundesrat ein Frauen-Recht auf bezahlte Arbeit und eine Männer-Pflicht zu unbezahlter Arbeit. Männer sollen ihrer Meinung nach verpflichtet werden, ihren Anteil an unentgeltlicher Erziehungs- und Betreuungs­arbeit, Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe zu leisten (OAZ. 21.09.1993). - Andere Frauen forderten die Möglichkeit der Eheschließung zwischen Frauen. Diese Forderung ist sehr bedeutsam. Sie gibt Frauen eine Möglichkeit, ihre existentielle und emotionelle Sicherheit bei ihresgleichen zu finden. Die Ehe bietet Vorteile im Steuer- und Erbrecht sowie Anspruch auf Leistungen der Sozialversicherungen. - In der Schweiz haben Politikerinnen das sogenannte Schattenkabinett gegründet, als überparteiliche Plattform für Politikerinnen auf der höchsten Stufe. Die gewählten National- und Ständerätinnen sollten einen Schattenbundesrat bilden, der zu den laufenden Regierungsgeschäften medienwirksam Stellung bezieht und neue Visionen und Ideen aus Frauensicht in die politische Diskussion einbringt. Solche Ideen sind wichtig, auch wenn die Projekte nicht auf Anhieb gelingen. - Feministische Juristinnen haben sich auf einer Tagung mit dem Thema Streit unter Frauen befaßt. Streitkultur bedeute eine Form von Beziehungskultur, die einen anderen Weg der Auseinandersetzung sucht als die bedingungslose weibliche Solidarität. Ihr Slogan ist: »Ohne Reibung keine Wärme« sowie: »Streit muß Frau nicht scheiden«. Sandra Harding, Professorin für Philosophie in Los Angeles, ist begeistert, daß in der feministischen Forschung konstanter Streit herrsche zwischen den Empirikerinnen und den Theoretikerinnen, weil die Theoretikerinnen durch die Praktikerinnen immer neu herausgefordert würden. - Einige Frauen haben interessante Zeitungsmeldungen und Artikel von Frauen über Frauen gesammelt und daraus eine »Lesefibel« gestaltet. In der Schweiz wurde ein männlicher Autor wegen seiner Gewaltverherrlichung mit roter Farbe übergossen. Diese Frauen hätten auch seine Ehefrau interviewen können, um zu erfahren, wie es sich anfühlte, für ihren Mann Mittagessen zu kochen und die Wohnung sauber zu machen, während er in seinem Büro saß und sich seine sadistischen Szenen gegenüber Kindern ausdachte. - In St. Gallen haben es einige Frauen durchgesetzt, daß zwei Straßen umbenannt werden: Martha Cunz -Strasse (Malerin) und Frieda-Imboden-Str. (Ärztin).4

 

Was können Frauen noch tun? Eine geschickte Handwerkerin kann Handelsbeziehungen mit Frauen eingehen und/oder Arbeitsplätze für Frauen schaffen. Eine Künstlerin oder Forscherin kann Frauenthemen aufnehmen. Die Journalistin kann eine frauenbewußte Sprache schreiben und versuchen, mehr Frauen ins Bild zu bringen. Die Körpertherapeutin kann sich selbst und ihre Klientinnen daran erinnern, daß körperliche Gesundheit ohne geistige Inhalte leer bleibt. Theologinnen können Frauengottesdienste abhalten und eine Frauenkirche anstreben. Jede Frau kann mit ihrer Stimme dazu beitragen, daß die politische Frauenliste Sitze dazugewinnt. Jede Frau kann ihre Therapeutin und Ärztin darauf aufmerksam machen, daß eine feministische Fachliteratur existiert, deren Ziel es ist, daß Frauen nach frauenfreundlichen Grundsätzen behandelt werden. Mütter können fordern oder dafür sorgen, daß ihre Töchter in Schulen und Bibliotheken mädchenfreundliche Bücher zu Gesicht bekommen. Jede Frau kann bevorzugt die Produkte von Frauen kaufen. Frauen können selber Geschichten schreiben oder Bilderbücher malen, und sei es nur für die eigenen Kinder. Lebensgewandte Frauen können andere Frauen auf Ämter oder aufs Gericht begleiten. Auch kritische oder lobende Leserinnenbriefe haben mehr Wirkung als angenommen wird. Schließlich kann das Feiern von Festen ebenfalls Heimat für Frauen bedeuten.

      Natürlich kann nicht jede Frau alles tun. Der Slogan: »Gemeinsam sind wir stark« bedeutet, daß die einzelne Handlung mehr Bedeutung bekommt, wenn wir sie als Teil eines Ganzen verstehen, das in eine bestimmte Richtung geht: In unserem Fall wäre die Zielrichtung, daß Frauen lernen, sich als ein Frauenvolk zu verstehen. Meine realistische Utopie ist, daß dem Männervolk, dem »Volk von Brüdern«, ein Frauenvolk, ein »Volk von Schwestern« gegenübersteht und daß diese Völker gleichrangig sind. Denn: »5000 Jahre Patriarchat sind genug«. Das Vaterland hat Raum und Recht ans Mutterland abzugeben. Dann wird keine spezifische Heimatlosigkeit der Frau mehr bestehen und auch keine frauenspezifische Angst vor dem Verlassenwerden.

 

Literatur

 

Camenzind, Elisabeth. Ulfa v. den Steinen (Hg): Frauen verlassen die Couch. Feministische Psychotherapie, 1990

Camenzind, Elisabeth. Ulfa v. den Steinen (Hg): Frauen definieren sich selbst. Auf der Suche nach weiblicher Identität, 1991

Camenzind, Elisabeth. Kathrin Knüsel (Hg): Starke Frauen zänkische Weiber? Frauen und Aggression, 1992

Camenzind, Elisabeth. Kathrin Knüsel (Hg): Frauen wollens anders. Weibliche Sexualität und Autonomie, 1994

Lerner, Gerda: Die Entstehung des Patriarchats. Frankfurt a. M., 1991.

Meier-Seethaler, Carola: Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie. Zürich, 1988.

Morgner, Irmtraud: Texte, Daten, Bilder. Frankfurt a. M., 1990.

Mulack, Christa: Natürlich weiblich. Die Heimatlosigkeit der Frau im Patriarchat. Stuttgart, 1990.

Olbricht, Ingrid: Was Frauen krank macht. München, 1993.

Prengel, Annedore: Pädagogik der Vielfalt. Opladen, 1993.

Thürmer-Rohr, Christina: Mittäterschaft und Entdeckungslust. Ber­lin, 1990.

Weiler, Gerda: Eros ist stärker als Gewalt. Eine feministische Anthro­pologie. Frankfurt a. M., 1994.

Das Alte Testament: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. 1985.