traum-symbolika.com

02 - Voraussetzungen für weibliche Identität

Elisabeth Camenzind

 

Eine Psychologie, die Frauen gerecht werden will, hat sich auch mit den Voraussetzungen für eine eigene weibliche Identität zu befassen. Hier sollen lediglich einige der wichtigsten Punkte herausgegriffen werden: individualpsychologische Voraussetzungen, geschichtliche und kulturelle Aspekte, Körperidentität, erkenntnistheoretisch-sprachlicher Ausdruck, eigene Strukturen für Frauen. Im Weiteren werde ich kurz auf den Begriff und die Bedeutung von «Aggression» eingehen.

Bei der Suche nach Identität geht es um die Frage, was ich als einzelne Frau bin und will, aber auch um die Frage, was Frauen als Gruppe sind und wollen. Das klingt so einfach, ist es aber keineswegs, nachdem weibliche Identität während der rund 3000 Jahre des bestehenden Patriarchats von Männern definiert wurde und Frauen genötigt wurden, diese fremdbestimmten Identitäten zu internalisieren, Scheinidentitäten also, deren Inhalte zudem von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit wechselten. Im weiteren muss uns bewusst sein, dass die Frau als einzelne Person ausserstande ist, das ganze weibliche Geschlecht in seinem breiten Spektrum zu repräsentieren, ebenso wenig wie der einzelne Mann fähig ist, das ganze Spektrum seines Geschlechts darzustellen. Frauen entwickeln natürlicherweise andere Auffassungen darüber, was zur weiblichen Identität gehört, als Männer, und zudem entwerfen auch Frauen selbst unterschiedliche Auffassungen über weibliche Identität, was in den unterschiedlichen Ansätzen dieses Buches entsprechend zum Ausdruck kommt.

 

1. Über die Identität von Gruppen und Staatsgebilden

Dass hier mit der Identität von Gruppen und Staatsgebilden begonnen wird und nicht mit der Identität von Personen, ist kein Zufall. Denn an der Gruppe werden gewisse Aspekte der Identität besonders deutlich, ebenso die Tatsache, dass nicht nur Personen und die Geschlechter, sondern Volksgemeinschaften, Regionen, Staaten und sogar die Kontinente eine eigene Identität beanspruchen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist beispielsweise die Frage nach der nationalen Identität der Schweiz als Kleinstaat im Verhältnis zur Europäischen Gemeinschaft (EG) im Gespräch. Zum Beispiel sprach Hermann Karasek an der HSG St. Gallen über «Nationale Identität und europäische Gemeinsamkeit». In seinen Ausführungen kommt die Befürchtung zur Sprache, dass der Beitritt der Schweiz zur Europäischen Gemeinschaft (EG) für die Schweiz dazu führen könnte, ihre Eigenheit zu verlieren und im grossen EG-Gebilde unterzugehen. Dabei ist für unseren Zusammenhang wesentlich, dass der Problemkreis der staatlichen Identität in Metaphern der Geschlechterbeziehung erörtert wird, wobei es die Frau ist, die der Identität verlustig geht.

Zu diesem Zweck erwähnt Karasek, wie Amerika in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts Europa sah, nämlich als etwas, das von den USA geschwängert und geheiratet werden wollte und darum den kräftigen Zugriff der USA einfach gebraucht habe. Zitat: «Europa, das war die Kultur, das war die Finesse, das war der elegante Schliff. Europa, das war die frivole Gefahr, die krankhafte Verfeinerung, der sterile Luxus. Europa, das war etwas, das den kräftigen, unbekümmerten und unbesorgten Zugriff der USA einfach brauchte. Europa wollte, wie schon von Zeus entführt, geschwängert, geheiratet werden, nur sollte es diesmal ein Cowboy sein.» Europa wird also mit einer Frau verglichen, die halb freiwillig, halb unfreiwillig entführt, geschwängert und geheiratet werden will und einen unbesorgten Zugriff selber herausfordert, wünscht und braucht. Die patriarchal bestimmte Ungleichheitsbeziehung der Geschlechter wird vom Referenten also als die passende Metapher empfunden, um die Ungleichheitsbeziehung zwischen Staaten plausibel und treffend darzustellen.

Karasek führt aus, wie das Resultat einer solchen «Heirat» aussieht. Die zugreifenden USA «planten», den Kontinent Europa zum Verbündeten zu machen oder vielmehr zu ihrem «Satelliten». Von einem anderen Objekt der politischen «Heirat» sagt Karasek, dass das Objekt der Heirat «geschluckt» worden sei und dass der zugreifende Staat neben sich keine Strukturen geduldet habe, die dem geschluckten Objekt auf die Beine hätten helfen können, er verweist auf die DDR: «Der Staat duldete neben sich und der SED keine Strukturen und liess nur diejenigen der Kirchen notgedrungen intakt.»

Dass hier für den Verlust von staatlicher Identität das Bild der patriarchal organisierten Ehe angeführt wird, ist für unseren Zusammenhang auch darum bedeutungsvoll, weil deutlich wird, dass man(n) nicht nur weiss, was es bedeutet, die eigene Identität zu verlieren, sondern auch, dass weder Individuen noch Menschengruppen ohne eigene Strukturen imstande sind, ihre Identität zu wahren. In feministischen Kreisen wurde bisher der Bedeutung von Strukturen zu wenig Beachtung geschenkt. Ausnahmen sind die französische Philosophin Luce Irigaray sowie die Libreria delle Donne di Milano (Buch: Wie weibliche Freiheit entsteht, 1989), die wohl die einzigen sind, welche sich ganz explizit mit dem Zusammenhang von Identität und eigenen Strukturen befassen. Ich werde auf das Thema zurückkommen.

 

2. Identität und Herkunftsgeschichte

Bekanntlich kommen Frauen in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht vor (Dale Spender: Frauen kommen nicht vor, 1982 und 1985). In aller Selbstverständlichkeit steht für Männer fest: «Die Geschichte steht für den Mann.» (Professor Dr. Hermann Lübbe, Aulavortrag 1990, St. Gallen). Anhand der Klage einer Berufsschülerin können wir eine der zahlreichen Auswirkungen der Geschichtslosigkeit der Frau feststellen. Die Schülerin klagte, dass einer ihrer Lehrer das Nichtvorkommen der Frau in der Geschichte zum Anlass nahm, sie zu hänseln und zu demütigen, indem er sie belehrte, dass alles Bedeutende von Männerhand geschaffen worden sei. Er fügte hinzu, dass an dieser Tatsache die ganze Emanzipation nichts zu ändern vermöge. Dieser Lehrer benützte den angeblich objektiven Sachverhalt zu Zwecken der «Schwarzen Pädagogik», nämlich zur Disziplinierung und Unterdrückung der sich an feministischen Kreisen orientierenden Schülerin. Sie fühlte sich in der Folge in ihrer Identität als Frau bedroht und schwor sich, auf die Suche nach Frauen in der Geschichte und deren Beiträgen zur menschlichen Kultur zu gehen. In diesem Fall führte die Provokation nicht wie so oft zur Resignation, sondern glücklicherweise zur aufbauenden Auseinandersetzung mit patriarchalen Vorgaben sowie zum Kampf um ihre Eigenständigkeit und um ihre Identität als Frau.

Dass Identität mit Geschichte sehr viel zu tun hat, davon sind sämtliche feministischen Historikerinnen überzeugt. Marieluise Jannssen-Jurreit sagt: «Die Geschichte ist der Tank, aus dem Männer ihre Identität schöpfen.» Auch eine Festrede anlässlich des Erscheinens einer neuen Stadtgeschichte erzählte von der wundersamen Wirkung der Geschichtsschreibung: «Geschichte macht uns deutlich, dass wir St. Galler gar nicht so bescheiden sein und uns minderwertig fühlen müssten. Unsere Vorfahren haben doch einiges zustande gebracht.» Im weiteren führte der Festredner aus, dass die St. Galler mit der Stadtgeschichte ein Stück «berechtigten Selbstvertrauens zurückgewinnen» sowie «Identität» entwickeln könnten. Und die Rede endete schliesslich mit der Feststellung: «Je gründlicher die Kenntnis der Geschichte, desto stärker wird das Gefühl von Heimat.»

Mit diesen Ausführungen scheint auf, wenn auch unbeabsichtigt, was wir Frauen von unserer Herkunftsgeschichte erwarten könnten, aber noch immer schmerzlich entbehren müssen: geschichtliches Selbstbewusstsein, Identität und sogar ein Gefühl von Heimat. Wir könnten stolz sein auf unsere Vorfahrinnen, die zweifellos auch «einiges zustande gebracht» sowie um ihre Identität gekämpft und gelitten haben. Über «die Heimatlosigkeit der Frau im Patriarchat» hat die Theologin Christa Mulack ein eindrucksvolles Buch geschrieben (Stuttgart 1990). Die Erkenntnis, dass Frauen im Patriarchat heimatlos sind, ist in dieser scharfen Formulierung neu, aber nach Sichtung der Fakten leider nur allzu wahr. Die Heimatlosigkeit der Frauen hat wesentlich mit der fehlenden Verwurzelung in der Geschichte zu tun.

In einer anderen Rede heisst es: «Identität ist stets Resultat unserer Herkunftsgeschichte, von der zugleich abhängt, zu welcher Zukunft wir jeweils fähig oder auch nicht fähig sind.» (Hermann Lübbe, Aulavortrag 1990, St. Gallen). Die geschichtliche Dimension entscheidet also nicht nur über unsere Identität im Hier und Jetzt, sondern auch darüber, zu welcher Zukunft wir Frauen fähig oder auch nicht fähig sind. Die Kenntnis oder Nichtkenntnis unserer Herkunftsgeschichte hat also sehr viel weitreichendere Bedeutung auch für die Zukunft von Frauen, als sich die meisten von uns bewusst sind. Dass es nicht bei der Geschichtslosigkeit bleiben muss, zeigen die jährlichen Neuerscheinungen feministischer Historikerinnen, die schon jetzt zum Selbstbewusstsein, zur Identität und zum Heimatgefühl von Frauen beitragen. Dass diese Geschichtsschreibung die Frau auch zu einer neuen und eigentlicheren Zukunft befähigen wird, davon bin auch ich überzeugt. Ich stelle mir vor, was es für die erwähnte Berufsschülerin und alle Mädchen bedeutet, wenn sie im Geschichtsunterricht zum Beispiel von Hypatia erfahren, die um 400 Jahre v. Chr. in Alexandria Mathematik lehrte und Vorsteherin einer berühmten Universität war. Wenn sie erfahren von Anne Conway, die das Konzept zur Theorie der Monaden an Leibnitz lieferte; von Maria Gaetana Agnesi, die 1748 ein anerkanntes mathematisches Lehrbuch über Infinitesimalrechnung verfasste; von Laure Bassi, die 1732 in Bologna einen Lehrstuhl für Algebra, Geometrie und Experimentalphysik innehatte. Wenn sie hören von unseren Pionierinnen und Freiheitskämpferinnen, die nicht erst heute, sondern seit Jahrhunderten um die Rückgewinnung der Persönlichkeitsrechte des weiblichen Geschlechts kämpfen: Olympe de Gouge war an der Französischen Revolution aktiv beteiligt. Sie verfasste die Menschenrechte der Frau und musste für diese grosse Tat mit ihrem Leben bezahlen. Die Devise «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» galt nur für die Männer; die Schwestern, die aktiven Mitkämpferinnen, gingen leer aus. Solche geschichtlichen Taten und Ereignisse über unsere Vorfahrinnen zu wissen, wird auf die Identitätsentwicklung und auf das Selbstbewusstsein von Mädchen und Frauen zweifellos einen enormen Einfluss ausüben. Zu wissen, dass die in der psychologischen Praxis so häufig anzutreffenden Minderwertigkeitsgefühle von Frauen nicht nur mit individuellen Erfahrungen zu tun haben, wird sich auch auf die psychotherapeutische Praxis auswirken müssen.

 

3. Rollenzuschreibung und Echtheit der Gefühle

Individualpsychologisch gesehen, gehört zur Identität «die Fähigkeit, sich körperlich, geistig und seelisch trotz aller Veränderungen als Einheit zu begreifen.» Identität stützt sich auf ein autonomes Ich, nämlich «die Gesamtheit von Denken, Wollen, Wahrnehmen, Motorik und Realitätsprüfung» (zit. nach U. Hommerich und Sabine Scheffler, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Nr. 17). Dieser traditionelle, auf die Einzelperson gerichtete Blick wird nun aber von feministischen Psychotherapeutinnen heute als einseitiger Blickwinkel erkannt und kritisiert. Nicht nur, weil dieser Blick das gesellschaftliche, kulturelle und ideologische Umfeld samt seinen Rollenvorschriften ausblendet, sondern auch darum, weil psychologische Weiblichkeitsvorstellungen und Rollenzuschreibungen im Widerspruch stehen zu anderen psychologischen Vorgaben, beispielsweise zur Definitionen von Identität und Autonomie.

Ein Widerspruch besteht zum Beispiel darin, dass der psychologische Weiblichkeitsbegriff vorgibt, die Frau sei anlehnungsbedürftig, abhängig und passiv, während auf der anderen Seite Identität als etwas bestimmt wird, das auf menschlicher Autonomie gründet, und zwar auf einer Autonomie, die mit einer selbständigen, unabhängigen, aktiven und selbstbestimmten Person mit eigenem Willen in Zusammenhang steht. Gleichzeitig sind aber diese Eigenschaften und Verhaltensweisen dem weiblichen Geschlecht entsprechend der Rollenzuweisung verboten. Dieser Widerspruch wird von der traditionellen Psychologie nicht in einer Theorie verarbeitet, sondern sie unterstützt im Gegenteil die bürgerliche/patriarchale Rollenvorschrift. Das hat zur Folge, dass heute zwar in mancher Psychotherapie die Frau aufgefordert wird, sich eine eigene Identität und Autonomie zu erarbeiten, während sie gleichzeitig in einen Widerspruch zur Rollenvorschrift getrieben wird, ohne dieses Faktum zu thematisieren. Es wird ihr somit ein zusätzliches Problem als privater Konflikt aufgebürdet. Wenn die Frau dann auch noch von ihrem Freund oder Ehemann auf Weiblichkeit und Frauenrolle behaftet wird, kommt sie aus dem Teufelskreis nicht mehr heraus. Depression oder gar Resignation sind die Folge. Es ist also ein therapeutisches Gebot, dem theoretischen Widerspruch in erster Linie an dem Orte zu begegnen, wo er herrührt, nämlich auf der Ebene der psychologischen Theorie. Es gilt endlich zu erkennen, dass die Frau auch heute noch durch die von der Psychologie übernommene Rollenvorschrift zu einer fremdbestimmten Identität verpflichtet wird. Die Selbstentfremdung der Frau ist also rollenbedingt vorprogrammiert. Aufgrund dieser Voraussetzung fordern Hommerich und Scheffler, dass weibliche Identität die Fähigkeit zur Verneinung und Abgrenzung (bezüglich der Rolle) miteinbeziehen müsse. Bekanntlich wird die Geschlechtsrolle bereits in der frühen Kindheit, nämlich schon in den ersten zwei Lebensjahren, verinnerlicht. Schon im Alter von zwei Jahren ist das Bewusstsein der Geschlechtszugehörigkeit festgesetzt. Dieser erstaunliche Sachverhalt erklärt sich durch die Art und Weise der kindlichen Identitätsentwicklung. Diese verläuft über identifikatorische und projektive Prozesse in einem Beziehungskontext, wie neueren Konzepten der Ichpsychologie zu entnehmen ist, sowie, der Objektbeziehungstheorie und der Gestalttherapie. Also fliessen die Rollenvorschriften über die projektiven Prozesse schon in die frühkindlichen Prozesse ein und machen diese zu einem «eminent wichtigen gesellschaftlichen Zugriffsort.» (Hommerich und Scheffler).

Für das Mädchen wirkt sich dieser Vorgang katastrophal aus, denn innerhalb der patriarchal organisierten Ehe darf die Frau keine eigene Identität entwickeln, sondern sie wird als ergänzender Teil des Mannes verstanden: Sie soll in ihm aufgehen, ihn versorgen, stützen und tragen, sich für ihn aufopfern, ja auf einen eigenen Willen und auf eigene Persönlichkeit verzichten. Dieser Sachverhalt wurde von Philosophen, Psychologen, Theologen, Kirchenvätern und anderen Männern sattsam formuliert und in die Gesetzgebung integriert. - Bereits in den ersten zwei Lebensjahren wird das weibliche Kind also veranlasst, auf den Subjektstatus und auf die «Echtheit der Gefühle» zu verzichten, wobei die daraus resultierenden typischen Störungen von der traditionellen Theorie weder erkannt noch auf die Ursachen hin untersucht werden. Dass echte Identität die Echtheit der Gefühle voraussetzt, darauf hat schon Alice Miller in ihrem Buch hingewiesen: Am Anfang war Erziehung.

 

4. Weiblicher Körper und Identität

Es gibt Frauen, die weibliche Identität in erster Linie aus ihrer Körperlichkeit ableiten. Entsprechend sind die Angebote für Körpertherapie überaus zahlreich, wobei sie nicht selten sogar für die einzig richtige Therapieform für Frauen gehalten wird. Zweifellos hat Identität wesentlich mit unserer Leiblichkeit zu tun, nicht nur, weil zahlreiche Frauen in ihren Beziehungen und in der Ehe die Enteignung ihres Körpers erleben und darum die Wiederaneignung des Leibes erste Priorität haben muss. Tatsächlich können wir nicht so tun, als ob es gleichgültig wäre, ob wir einen weiblichen oder männlichen Körper haben. Trotzdem muss uns auffallen, dass es, geschichtlich gesehen, nie die Frauen, sondern immer die Männer waren, die unaufhörlich nach Geschlechtsunterschieden gesucht, sie gefunden und immer zu Ungunsten der Frauen definiert haben. Zu keiner Zeit war das Patriarchat an den Gemeinsamkeiten der Geschlechter interessiert, sondern spielte diese viel mehr herunter, denn nur aus den Unterschieden konnten Privilegien für das Männervolk abgeleitet werden. In der Folge waren Frauen schon immer genötigt, auf die viel zahlreicher vorhandenen Gemeinsamkeiten der Geschlechter hinzuweisen, um beispielsweise den Anspruch auf Bildung und politische Mitbestimmung zu begründen. Die Tatsache, dass das Patriarchat sich erneut daran macht, die körperlichen Unterschiede der Geschlechter und ihre Auswirkung auf die ganze Persönlichkeit zu betonen, sollte uns Frauen daher hellhörig machen.

Beispielsweise haben die Ärztinnen Esther Fischer-Homberger und Maya Borkowsky die medizinische Fachliteratur durchgeackert und festgestellt, dass nicht nur über Jahrhunderte hinweg, sondern auch in heute gebräuchlichen Lehrbüchern die weibliche Leiblichkeit samt ihren Gebärfunktionen als an sich krankhaft und dem männlichen Körper unterlegen beschrieben wurde und wird. Ich selbst habe noch erlebt, dass Mädchen vom Schulturnen ausgeschlossen waren, weil das Turnen dem angeblich schwächlichen weiblichen Leib nicht zuträglich sei. Sogar das Tragen eines Korsetts wurde den Pubertierenden angeraten, weil der Leib sonst auseinanderzufallen drohe. Erst recht waren Kämpfen und Schreien für Mädchen verboten, was heute noch nicht viel anders geworden ist, obgleich Frauen hier und dort sogar zu Sportarten zugelassen sind, die früher den Männern vorbehalten waren. Das Kämpfen gilt zwar nicht mehr in allen Fällen als schädlich, aber als «unweiblich», und darum wird es im Schulturnen auch heute nicht gefördert, denn Ziel des Mädchenturnens ist die graziös-harmonische Bewegung. Eigentlich müssten wir heute die Umkehrung dieser Gepflogenheit fordern, nachdem Mädchen und Frauen in zunehmendem Masse von männlicher Gewalt bedroht werden. Statt bei den ohnehin potentiell stärkeren Knaben müsste die Muskelkraft bei den Mädchen im Schulturnen trainiert werden, damit sie sich gegen Übergriffe jeder Art zur Wehr setzen können.

Noch leiden viele Frauen an den Folgen der frühen Unterdrückung ihrer Körperkraft. Dass bei diesen Frauen ein systematisches Konditionstraining oder eine Körpertherapie indiziert sein könnte, ist unbestritten. Dass bei sexuell traumatisierten Frauen sogar das Kämpfen und Schreien einen Platz in der Psychotherapie haben könnte, wie dies zum Beispiel von Charlotte Rutz gefordert wird, wurde mir selbst erst anlässlich eines Kurses für Psychotherapeutinnen richtig bewusst. Die Körperkraft einer anderen Frau und die eigene Kraft im kämpferischen Ringen zu spüren und sich darin total zu verausgaben, das war eine unerwartete und befreiende Erfahrung. Auch die Erfahrung, dass die bald 60-jährige Frau über sehr viel mehr Kampfkraft verfügt, als die Frauenrolle ihrem Alter zugesteht oder zutraut, war eine überaus gute und wichtige Erfahrung.

Trotz diesem klaren Ja zur weiblichen Leiblichkeit kann ich dem steigenden Trend zur Körpertherapie nicht bedenkenlos zustimmen. Die Philosophin Annegret Stopczyk hat einen Begriff geprägt, der meinem Unbehagen entgegenkommt. Sie nennt die Frauen, die sich wesentlich mit ihrer weiblichen Körperlichkeit und Emotionalität identifizieren und daraus ihre Identität schöpfen, «Erde-Körper-Frauen», und dies im Unterschied zu den «Himmel-Geist-Männern». Stopczyk fühlt sich bei den Extremen nicht wohl, denn sie schöpft ihre Identität weder nur aus ihrer Leiblichkeit noch aus einer leibentleerten Geistigkeit. Eigentlich schöpft sie ihre Identität viel mehr aus ihrer Tätigkeit, bei der sie mit Leib und Seele dabei ist. Und da das Tätigkeitsgebiet der Philosophin nun mal das Denken ist, versteht sie sich ganz richtig als Denkerin, als Intellektuelle, als Denkfrau im positiven Sinne. Als solche will sie trotzdem nicht als «Nichtfrau» abgestempelt werden. Sie will eine Frau sein und eine Frau bleiben, keinesfalls aber auf die Formel Erde-Körper-Emotionalität-Frau eingeschränkt werden. Auch Roswitha Burgard warnt vor der Tendenz, die Psychotherapie gleichzusetzen mit  Körper-Therapie unter gleichzeitiger Abwertung der sprachlichen (intellektuellen) Ausdrucksformen. Sie weist zu Recht darauf hin, dass den Frauen seit Jahrhunderten gerade der erkenntnistheoretische Bereich verwehrt wurde, der für die weibliche Identitätsfindung so wichtig ist.

Tödliche Auswirkungen: Welche Tragik für eine Frau darin besteht, wenn ihre Identität auf Weiblichkeit und Leiblichkeit beschränkt wird, haben Ulrike Prokop und Sigrid Damm am Beispiel der Cornelia Goethe eindrucksvoll dargestellt. Cornelia Goethe war eine ebenso begabte Persönlichkeit wie ihr berühmter Bruder Johann Wolfgang Goethe. Aber nachdem sie bis zum Alter von 15 Jahren die gleiche Ausbildung wie der Bruder genossen hatte (Privatlehrer), wurde von ihr verlangt, sich auf eine andere Identität einzustellen als ihr Bruder, nämlich entsprechend dem damals aufkommenden Weiblichkeitsideal und Rollenbild des Bürgerlichkeitsphilosophen J.J. Rousseau. Sie durfte nicht weiter mit dem Bruder zusammen studieren, nicht wie er an die Universität gehen, nach der beide sich so sehr gesehnt hatten. Zwar wurde sie vom Vater weiterhin in Sprache und Musik unterrichtet. Doch trotz aller Härte, mit der sie zum Privatstudium angehalten wurde, als ob es gelte, sie für eine Gelehrtenlaufbahn auszubilden, war allen klar, dass dies nur ein Scheingefecht war, weil ihr Wissen lediglich für den Hausgebrauch bestimmt war.

Von ihrem Bruder erhielt sie überhebliche Briefe, in denen er sie über ihre Rolle als Frau belehrte, während er, der erst 16-Jährige, für sich selber bereits die Identität eines «Gelehrten» in Anspruch nahm. Ein Brief beginnt mit dem hochtrabenden «Wir Gelehrten». Nicht nur, dass er ihr Ratschläge und Belehrungen gab, er begann ihr vorzuschreiben, was sie dufte und was nicht, welche Identität sich für sie als Frau geziemte. Sie solle nicht so viel lesen, das verderbe den Geist einer Frau. Vielmehr solle sie Briefe schreiben, an ihn notabene. Er sagte ihr, sie solle ihm keine Abhandlungen mehr schicken, obgleich das ihm zugestellte Manuskript hervorragend sei, vielmehr solle sie Abhandlungen gar nicht mehr schreiben, ein Mädchen könne, dürfe nicht so schreiben. Er drohte ihr sogar, sie nicht mehr zu lieben, ihr nicht mehr zu schreiben, wenn sie seine Forderungen nicht befolge. Der Bruder, zu dieser Zeit ihre einzige wirkliche Beziehungsperson, wusste, was diese Drohung für sie bedeutete. Die Schwester sollte sich nach seiner Weisung nunmehr für den häuslichen Bereich systematisch bilden, das Tanzen perfektionieren, sich schön machen und nur zum Zeitvertreib (und ja nicht ernsthaft) Klavier spielen, dann werde sie innerhalb eines Jahres «das vernünftigste, artigste, angenehmste, liebenswürdigste Mädgen» im ganzen Reiche sein.

Laut Knaurs Wörterbuch der Synonyme bedeutet Identität: Gleichheit, Übereinstimmung, Wesenseinheit, Deckung, Kongruenz, Konformität, Analogie. Cornelia Goethe sah sich nun gezwungen, ihre weibliche Identität mit der Rollenvorschrift in Deckung zu bringen. Sie versuchte zunächst, sich der Vorschrift des Bruders durch heimliches Schreiben zu entziehen. Sie versuchte, sich als geistig Schaffende zu verstehen, um eine eigene Identität aufzubauen und so der selbstentfremdenden Frauenrolle zu entgehen. Aber ihr Bemühen war vergeblich. Aus heutiger Sicht war sie zum Scheitern verurteilt. Nicht nur, weil der geliebte Bruder sie mit Vorschriften und Verboten traktierte, sondern weil sämtliche Männer ihrer Umgebung, auch ihr eigener Ehemann, das Rousseau'sche Gift von der angeblich «natürlichen Weiblichkeit» aufgesogen hatten. Die Lehre Rousseaus wurde an den Universitäten verbreitet. Sie postuliert eine geistlose Weiblichkeit ohne eigene Identität, wobei der Philosoph die Frau zur umfassenden Dienstbarkeit am Mann in der privaten Häuslichkeit bestimmt.

Ulrike Prokop vertritt die Auffassung, Cornelia Goethe sei an dieser Verpflichtung zur bürgerlichen «Weiblichkeit» buchstäblich zugrunde gegangen. Die junge Cornelia Goethe war zunehmend depressiv geworden, hatte trotzdem geheiratet, wurde noch depressiver, gebar zwei Kinder und starb, erst 27-jährig, einige Monate nach dem zweiten Kindbett. Sie starb an der Verpflichtung zu einem geistlosen Leben ohne eigene Identität. Sie starb an der Rollenvorschrift, welche sie zu einem uneigentlichen Leben verurteilte, zu einem Leben, das an ihren Begabungen und vitalen Bedürfnissen sowie an ihrer tieferen Persönlichkeit vorbeiging. Dass eine fremdbestimmte und geistverlassene Identität, die Intellekt und Gelehrsamkeit nicht zulässt, buchstäblich tödlich wirken kann, dieser Sachverhalt könnte an weiteren Beispielen aufgezeigt werden.

Es stellt sich die Frage, ob Cornelia Goethes Leben heute anders verliefe. Ich glaube ja. Dass der nach geistiger Nahrung hungernden jungen Frau mit einer Körpertherapie geholfen werden könnte, wage ich hingegen zu bezweifeln. Die Warnung Roswitha Burgards vor einer Psychotherapie, die sich mit Körpertherapie identifiziert bei gleichzeitiger Abwertung sprachlicher Ausdrucksformen, erhält auf dem Hintergrund des geschilderten Schicksals eine besondere Note. Keinesfalls kann Körpertherapie als allgemein zu verwendende Methode empfohlen werden, sie ist aber gewiss in spezifischen Fällen, oft auch in Verbindung mit einer Psychotherapie, zu befürworten.

 

5. Aggression und Identität

Die Befürchtung, dass bei fehlender Aggression möglicherweise Identitätsentwicklung und Selbstbewusstsein der Frauen auf der Strecke bleiben, wird in feministischen Kreisen immer wieder laut. Geschichtlich gesehen waren es immer die Männer, welche die Aggression als typisch männliche Eigenschaft für ihre Identität in Anspruch nahmen. Noch immer wird der aggressive Krieger und Jäger als Prototyp des männlichen Geschlechts mit Stolz hervorgehoben und auf das heutige Geschäftsgebaren transponiert, bei dem der Konkurrent aggressiv aus dem Feld geschlagen werden soll. Im Unterschied dazu sehen manche feministische Theologinnen weibliche Identität darin, dass sie die Frau als weniger aggressiv definieren und auch den männlichen Anspruch auf Aggression zurückweisen, während sie, wie gesagt, von anderen für die Identität der Frau reklamiert wird. Allerdings herrscht bezüglich des Begriffs der Aggression nicht nur in der Alltagsauffassung, sondern auch in der Fachliteratur ein ziemliches Durcheinander. Wenn jemand zu einer Frau sagt, sie solle nicht so aggressiv sein, wissen wir zwar in der Regel, was damit gemeint ist: Die Frau soll nicht so angriffig, widerwärtig, verletzend oder zickig sein. Aber sobald wir das Fachlexikon zur Hand nehmen, sieht es ganz anders aus.

Betrachten wir zunächst den Aggressionsbegriff der feministischen Psychotherapeutinnen Ulla Hommerich und Sabine Scheffler, mit dem sie die Notwendigkeit von Aggression für die Frau postulieren. Aus ihren Ausführungen geht hervor, dass sie unter Aggression verstehen, dass Frauen ihre Wut nicht verdrängen, sondern sie als Antriebskraft und Motor für Aktivität nutzen sollen. Sie vertreten also nicht die Vulgärauffassung, die aggressive Frau verhalte sich angriffig, widerwärtig, verletzend, sondern sie setze das Gefühl von Wut in sinnvolle Aktivitäten um. Sicher eine vernünftige Art also, mit seiner Wut umzugehen, wenn wir bedenken, wie viel Wut, gebundene Aktivität, in Frauen stecken kann. Ich halte es jedoch für verwirrend, für diesen Vorgang den Begriff der Aggression im Sinne eines Oberbegriffs in Anspruch zu nehmen.

Ganz anders klingt die Definition von Aggression im Psychologischen Wörterbuch (Dorsch). Darin wird Aggression als Schädigungsabsicht und sadistische Handlung definiert. Zitat: «Aggression (lat. aggredi = angreifen), viele verschiedene Verhaltensweisen, die mit der Absicht ausgeführt werden, ein Individuum direkt oder indirekt zu schädigen.» Im Zusammenhang mit sexuellen Beziehungen könne Aggression als Lust an der Grausamkeit und als Lust an der Zufügung von Schmerz auftreten (Sadismus).

Diese Definition der Aggression als Handlung mit Schädigungsabsicht steht im absoluten Gegensatz zu jener von Hommerich und Scheffler, die Aggression zunächst als Affektgefühl auffassen, das in der Folge als Antriebskraft in irgendeine Aktivität umgesetzt werden kann. Von Schädigungsabsicht ist nicht die Rede. Mit ihrer Auffassung folgen Hommerich und Scheffler dem Psychologen René Spitz (1965), für den Aggression «der Motor jeder Bewegung, aller Aktivitäten und letzten Endes Antrieb für das Leben selbst» ist. Spitz sieht also die Aggression als Verhalten im Dienste des Lebens, als eine Lebenskraft, ja sogar als die Lebenskraft schlechthin, denn er sagt klar, dass sie letzten Endes Antrieb für das Leben selbst sei. Diese Formulierung biegt die Aggression eigentlich zur Libido, zum Lebenstrieb um, was allerdings nicht nur fragwürdig, sondern irreführend ist und in letzter Konsequenz zu katastrophalen Gleichungen führt, wie ich noch zeigen werde.

C. G. Jung versteht unter Libido: Allgemeiner Lebenswille, Energie, Lebenskraft. Sigmund Freud wiederum unterscheidet bekanntlich Lebenstriebe (Libido) und Todestriebe (Thanatos), wobei er die Aggression zu den Todestrieben zählt. Aggression ist also gegen das Leben gerichtet, ist in der gegenläufigen Bahn zur Libido angesiedelt und destruktiv. Der Brockhaus (dtv) definiert Aggression, völkerrechtlich gesehen, als «völkerrechtswidrige Angriffshandlungen eines Staates gegen einen anderen». Bei Konrad Lorenz ist die Aggression ebenfalls als Angriffigkeit definiert, sie steht jedoch seiner Auffassung nach im Dienste des Selbsterhaltungstriebes zur Wahrung der Selbständigkeit und Unabhängigkeit, wobei nicht die Schädigungsabsicht im Vordergrund steht.

Mit diesen Gegenüberstellungen versuche ich aufzuzeigen, wie extrem breit der Begriff Aggression gefasst und definiert wird. In der Regel wird Aggression als Oberbegriff verwendet, unter dem unterschiedlichste und sogar sich ausschliessende Gefühle, Absichten und Taten subsummiert sind. Eine fruchtbare Diskussion über weibliche Aggression im Zusammenhang mit Identität kommt also ohne Klärung des Aggressionsbegriffs nicht aus, wenn wir uns nicht in unentwirrbaren Missverständnissen verlieren wollen.

Aggression im Verhältnis zu Intelligenz und Aktivität: In der traditionellen Literatur treffen wir immer wieder auf die Behauptung, dass Intelligenz und Aktivität mit Aggression positiv korreliere, wobei implizit gesagt wird, dass Männer, weil aggressiver, zugleich intelligenter und aktiver seien als Frauen. Wenn die Psychotherapeutinnen Hommerich und Scheffler fordern, dass Mädchen wie die Knaben aggressiv sein sollen, damit sie neugieriger und motorisch aktiver werden, folgen sie der traditionellen Psychologie, wonach Aggression, (intellektuelle) Neugier und aktives Verhalten untrennbar miteinander verknüpft sind. Aufgrund dieser Theorie kommen sie zum Schluss, dass Aggression für Frauen nötig sei und dass auch «die Selbstabwertungstendenzen von Frauen auf dem Hintergrund der nicht gelebten Aggressivität zu deuten» seien. Ich halte diese Formulierung für sehr missverständlich. Zudem wird mit der Überbewertung der Aggression die ergreifende Kraft der Libido indirekt abgewertet. Es gab eine Zeit, da galt nicht die Aggression, sondern die Verwunderung als der Anfang des Philosophierens, als die Neugier auf Wissen und Welt.

Die feministische Psychotherapeutin Roswitha Burgard übernimmt in ihrem Buch «Mut zur Wut» (Berlin 1988) letztlich ebenfalls den traditionell unklaren Aggressionsbegriff. Sie rät den Frauen zwar zu Recht, ihr Unbehagen und ihre Wut herauszulassen und zur Veränderung zu nutzen, statt sie zu verdrängen. Aber auch sie bringt das Gefühl der Wut in Verbindung mit «aggressiven Gefühlen» (S. 10). An anderer Stelle bringt sie auch «Gefühle von Erniedrigung, Demütigung, Ärger oder Wut» sowie «Gefühle von Schmerz, Wut und Empörung» und das Sichwehren in die Nähe von Aggression (S. 19), so dass Aggression als Oberbegriff für die zahlreichen (an sich gut beschriebenen) Gefühle und Handlungen dient, auch wenn diese nichts zu tun haben mit der Definition von Aggression als «Schädigungsabsicht».

Wehrhaftigkeit: Es besteht in der Frauenbewegung ziemlich einhellig die Auffassung, dass Frauen Gefühle von Verneinung, Ablehnung, Zorn, Wut und Hass wahrnehmen, nach ihren Ursachen befragen und sogar als Motor zur kämpferischen Wehrhaftigkeit verwenden statt verdrängen sollen. Aber es besteht meines Wissens in der Frauenbewegung nirgends die Meinung, dass Frauen «Lust an der Grausamkeit» und Lust an der Zufügung von Schmerz und Sadismus lernen sollen, um Identität und Selbstbewusstsein zu entwickeln. (Es ist hier nicht der Ort, auf die verborgene, kaschierte, verdrängte oder offene Schädigungsabsicht, Destruktivität oder Grausamkeit von Frauen einzugehen.)

Fühlen und Handeln: Fühlen und Handeln sind zweierlei. Für die Philosophin Agnes Heller gehören die Affekte Liebe, Wut, Zorn und Hass zunächst zu den orientierenden Gefühlen. Mit Absicht oder Handlungen haben sie zunächst nichts zu tun. Gefühle geben uns Auskunft über unser spontanes Nein oder Ja zu Menschen, Situationen und Werten. Zu diesen Gefühlen treten erst in einem zweiten und dritten Schritt eine Absicht und aktives Verhalten hinzu, wobei wir an diesem Punkt mehr oder weniger bewusst wählen können, während der Affekt ohne unser Zutun einfach da ist. Agnes Heller differenziert also im Unterschied zur traditionellen Psychologie zwischen dem primär und spontan auftretenden Gefühl und der nachfolgenden Absicht und Tatausführung, während in der Definition des Psychologischen Lexikons das spontane Affektgefühl schon mit einer Absicht gekoppelt ist, ja sogar mit der Tat zusammenfällt. Eine Definition, die nicht nur viel Verwirrung stiftet, sondern auch wissenschaftlichen Anforderungen nicht genügt (Agnes Heller: Theorie der Gefühle).

Verständliche Aggressionsangst: Ohne Zweifel trägt die vieldeutige und darum falsche Begrifflichkeit bezüglich der Aggression dazu bei, dass viele Frauen nicht imstande sind oder sich davor ängstigen, ihre spontanen Gefühle von Wut und Hass wahrzunehmen. Diese Gefühle dienen jedoch zunächst der Orientierung, damit die Frau spürt, was in ihr vorgeht, dass sie sich abgrenzen und ihre Rechte als Persönlichkeit wahrnehmen und Schritte unternehmen kann. Tatsächlich ist nicht einzusehen, warum Frauen, wenn sie ihr Leben aktiv in die Hand nehmen, wenn sie die «Fähigkeit zu Abgrenzung und Verneinung» lernen, als aggressiv bezeichnet werden sollen. Hier wird die Härte und Konsequenz der Abgrenzung, die je nach Situation notwendig sein kann, mit Aggression verwechselt.

Libido oder Aggression: Noch ein Wort zu René Spitz und seiner Auffassung, dass Aggression «Motor jeder Bewegung, aller Aktivitäten und am letzten Ende als Antrieb für das Leben selbst» anzusehen sei. Es ist mir ein Anliegen, darzulegen, zu welcher Ungeheuerlichkeit seine Auffassung führen kann, wenn wir seinen Ausführungen den Aggressionsbegriff des Psychologischen Wörterbuchs unterstellen. Dann würde seine Aussage lauten, dass die Schädigungsabsicht Motor jeder Bewegung, aller Aktivitäten und am letzten Ende Antrieb für das Leben selbst sei. In letzter Konsequenz bestünde die Antriebskraft zum Leben aus der Schädigungsabsicht. Dies ist eine ungeheuerliche und inakzeptable Behauptung. Trotzdem habe ich den Verdacht, dass es Leute gibt, die der Aggression mehr lebendige Aktivität zumuten als dem Lebenstrieb, der Libido. Vergessen wir nicht, dass schon der Philosoph Heraklit die Idee in die Welt gebracht hat, der Krieg (die Aggression), der Kampf sei der Vater aller (guten) Dinge, und dass ihm nicht wenige (Männer) heute noch beipflichten. Das ist ja wohl auch der tiefere Grund, warum der Begriff der Aggression in der doppeldeutigen Weise in die traditionelle Psychologie Eingang finden konnte, ohne Anstoss zu erregen. Ich denke an die Faszination, welche die (kriegerische) Aggression bei gewissen Männern auslöst und wie sehr sie seit Jahrtausenden mit (männlicher) Identität gekoppelt war. Krieg ist ja tatsächlich die mit Grausamkeit verbundene «Schädigungsabsicht» par excellence, und trotzdem gilt der Krieg als «guter Vater» und die Aggression (beim Mann) als gut, auch bei den Psychologen.

Ich will diesen Teil nicht weiter ausführen, denn ich hatte lediglich die Absicht, verständlich zu machen, warum mir eine klare Begrifflichkeit bezüglich der «Aggression» gerade im Zusammenhang mit weiblicher Identität so überaus wichtig ist. Es steht der feministischen Wissenschafts-Kritik noch bevor, die traditionellen Aggressionstheorien gründlich unter die Lupe zu nehmen und einen eigenen feministischen Diskurs zu diesem Thema in Gang zu bringen. Dabei werden auch die Auseinandersetzung zwischen Frauen, der sogenannte «Schwesternstreit», und ihre Formen ins Blickfeld gelangen müssen.

 

6. Strukturen für Frauen - Frauenstrukturen

Auf die Bedeutung von Strukturen für die Entstehung und Erhaltung der Identität von Menschengruppen habe ich bereits hingewiesen. Ich zitiere hier nochmals einen Mann, weil für Männer im Patriarchat sowohl der Anspruch auf Identität als auch das Wissen über deren Voraussetzungen so selbstverständlich ist. Nach Hermann Lübbe hängt die Identität von Individuen von Zugehörigkeitserfahrungen zu einer oder mehreren Gruppen ab. Zwar nicht von der Zugehörigkeit zu irgendwelchen Gruppen, sondern zu Gruppen, die ihrerseits wieder durch Strukturen und Institutionen abgestützt sind. Männer denken bei solchen Formulierungen natürlich an die eigene, männliche Identität. Um so frappanter wirken sie, wenn sie auf die Situation von Frauen transponiert werden. Zitat: Es gibt «Naturräume, Wirtschaftsräume, politische Einflussräume, gebietskörperschaftlich-institutionell organisierte Räume und auch ästhetisierte Landschaftsräume», und es gibt die ethnischen, sprachlichen, konfessionellen und politischen Zugehörigkeiten, die sich überschneiden. Aber «es wäre der pure Aberglaube, zu meinen, dass die ethnische, ja auch die sprachliche Zugehörigkeit sich gegenüber den politisch-institutionellen stets als die stärkere erweisen müsste. Ohne solche Zugehörigkeitserfahrung wären weder Individuen noch Gruppen noch Institutionen lebensfähig. Aber solche Zugehörigkeitserfahrung bedarf in komplexen und hochdifferenzierten Gesellschaften selber der institutionellen Stützung und Sicherung.»

All diese Stützung und Sicherung, die Lübbe hier formuliert, gilt der Stützung und Sicherung der männlichen Identität und deren Strukturen, ohne diese Stützung wäre männliche Identität nicht lebensfähig. Wenn also männliche Identität ohne eigene Strukturen nicht lebensfähig ist, so gilt dies nicht weniger für die Identität von Frauen. Wir müssen uns also nicht wundern, wenn weibliche Identität trotz hartnäckiger Bemühung immer bedroht ist und nicht lebensfähig erscheint. Frauen verfügen im patriarchalen Kontext bekanntlich kaum über eigene Strukturen, so dass ihre Bemühungen, und seien sie noch so umfangreich, erst dann nicht mehr zum Scheitern verurteilt sind, wenn eigene Strukturen vorliegen. Es lohnt sich also, darüber nachzudenken, wie die Identität von Frauen beschaffen sein wird, wenn sie über parallele Strukturen auf allen Gebieten verfügt zur Stützung und Sicherung der weiblichen Identität, was Männer für ihr Geschlecht seit Jahrhunderten bereits vorfinden und in Anspruch nehmen können. Natürlich könnte Lübbe hier entgegnen, dass durchaus auch Frauen den von ihm genannten Lebensräumen angehören können. Dieses Argument verkennt die Realität, dass im patriarchalen Kontext der Frau eine eigene Identität immer abgesprochen und ihre Person immer und explizit als Zubehör des Mannes definiert worden ist. In unserer patriarchalen Gesellschaft sind daher sämtliche Lebensräume und Strukturen von Männern dominiert, wobei die Frau immer nur in einer enteigneten Form integriert ist. Zu keiner Zeit hat das Patriarchat die Persönlichkeit der Frau und ihre Identität geschützt, sondern sie vielmehr als «Satellit» vereinnahmt, «verschluckt» und ausgebeutet, wie ich im Zusammenhang mit staatlicher Identität bereits erwähnt habe.

Eigene Strukturen: Dass Frauen nicht immer ohne Strukturen waren, belegen feministische Historikerinnen anhand einer Fülle archäologischer Funde. Diesem Material kann entnommen werden, wessen die Frauen seit der Einführung des Patriarchats beraubt worden sind. Carola Meier-Seethaler beschreibt in ihrem Werk «Ursprünge und Befreiungen» (1989), wie die in der menschlichen Frühzeit mutterrechtlich organisierten Menschengruppen von patriarchal organisierten Horden überfallen und enteignet wurden und wie in der Folge die aggressive Installierung des Patriarchats ihren Anfang nahm. Zerstört wurden alle frauenzentrierten Strukturen: die mütterliche Verwandtschaftsfolge, das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Leib und die eigene Arbeitskraft. Zerstört wurden die religiösen Strukturen samt ihren Tempeln. Ausser Geltung gesetzt wurden die Priesterinnen und weiblichen Gottheiten (Frauenkirche, Frauenkultur). Zerstört wurden die Frauen-Netzwerke, in denen Frauen miteinander Güter austauschten und Handel betrieben (Handelsstrukturen). Mit der Zerstörung der Strukturen ging die Zerstörung der eigenen Identität der Frau einher. Das weibliche Geschlecht als Gruppe, die Frau als Subjekt wurde vom Patriarchat «verschluckt» und einverleibt. Sie wurde zu des Mannes Anhängsel und Satelliten gemacht und zur Dienstbarkeit an seiner Person verpflichtet (häusliche, emotionale und sexuelle Dienste). Patriarchale Gesetzgebung, Kirche, Bildungsanstalten, politische Instanzen und später die Weltwirtschaft wirkten zusammen bei der systematischen Zerstörung der Identität der Frau, die im römischen Recht ihren Gipfel erreichte und im Code Napoleon vor 200 Jahren eine Neuauflage erfuhr.

An dem Sachverhalt, dass die Frau in ihrer Identität vom Patriarchat faktisch «verschluckt» wird, hat sich bei näherem Hinsehen bis heute trotz der formalen Gleichberechtigung wenig geändert. Heute wird dieser Sachverhalt beschönigt, indem die Frau in die patriarchalen Strukturen «integriert» statt ausgeschlossen wird. Die Diskussion der Frage, ob die Frau sich von den männerdominierten Strukturen fernhalten soll, weil sie lediglich vereinnahmt wird, oder ob sie darin Einfluss nehmen kann, ist in der feministischen Szene noch nicht zu Ende gekommen. Besonders vehement und radikal rechnet Christina Thürmer-Rohr mit den patriarchalen, frauenfeindlichen Strukturen und den darin gefangenen Frauen ab, ohne jedoch eine wirkliche Alternative für die Wiedergewinnung von Macht und Einflussräumen für Frauen zu entwickeln.

Wie bereits ausgeführt, ist es für Männer ganz klar, dass die Entwicklung einer eigenen Identität ohne eigene Strukturen nicht möglich ist. Um sich klar zu werden, auf welchen Gebieten eigene Strukturen für Frauen benötigt werden, sind die patriarchalen Strukturen zu studieren, um parallele oder ähnliche Strukturen für Frauen zu fordern, samt entsprechenden Budgets: Fraueninstitute, Lehrstühle, Doktormütter, eigene Forschungsprogramme; von Ärztinnen geleitete Krankenhäuser, Gebärhäuser, Abteilungen, Ambulatorien etc. Eigene Strukturen für Frauen bedeuten also die Schaffung Frauen-eigener Denk-, Forschungs- und Handlungsräumen auf allen Gebieten des Lebens.

Zur Illustration: Wegen der fehlenden Handelsstrukturen für Frauen werden die Früchte ihrer Arbeit von den patriarchalen Strukturen «verschluckt». Weltweit gesehen erbringen Frauen zwei Drittel aller Arbeitsleistungen, aber fast gänzlich sind die Nutzniesser von Frauenarbeit die Männer und ihre Strukturen: Weltvermögen und Landbesitz sind zu 99 Prozent in Männerhand. Die öffentlichen Institutionen sind von Männern dominiert: Bildungsanstalten, medizinische Versorgung, politische, kirchliche und soziale Strukturen sowie die Strukturen für Erholung und Freizeit, um nur einige zu nennen. Nicht einmal in der Familienstruktur hat die Frau wirklich eine eigene Identität und eigene Stimme, denn die Mutter im Patriarchat hat die Aufgabe, ihre Söhne und Töchter auf den Eintritt in die patriarchalen Strukturen vorzubereiten (Gret Haller: Frauen und Männer, Zytglogge 1980).  Und die traditionelle Psychologie unterstützt die Ziele des Patriarchats. Dass von den Töchtern zudem die Erfüllung der alten Aufgaben in der patriarchal strukturierten Ehe erwartet wird, dies ist wesentlich eine Folge der fehlenden Strukturen für Frauen, des Fehlens einer breit abgestützten Frauenlobby. Im patriarchalen Kontext sind wir Frauen und Mütter ausserstande, den jungen Frauen und unseren Töchtern auch nur einigermassen Schutz vor patriarchal männlicher Ausbeutung zu garantieren.

Patriarchat als Männerlobby: Weil das Patriarchat mit seinen zahlreichen Strukturen als feste Säule und als Lobby für das männliche Geschlecht funktioniert, bedarf es auf der anderen Seite einer ebenso starken Säule, gewissermassen eines «Feminats» mit zahlreich verzweigten Strukturen und Institutionen, das als Lobby für das weibliche Geschlecht fungiert. Erst wenn ein Feminat mit eigenen Institutionen und Strukturen die Interessen der Frauen schützt und sichert, ist eine wesentliche Voraussetzung für weibliche Identität wieder hergestellt. Und dann, aber erst dann, wird eine wirkliche Partnerschaft zwischen den Geschlechtern möglich sein, die diesen Namen verdient. Wirkliche Partnerschaft ist nur in symmetrischen Beziehungsverhältnissen möglich, wie wir auch am Beispiel von Staatsgebilden gesehen haben. Bis dahin ist noch ein langer Weg. Solange wir uns im patriarchalischen Kontext ohne eigene Strukturen bewegen, wird eine «voreilige Versöhnung» (Ernst Bloch) mit dem männlichen Geschlecht immer wieder mit dem Verlust unserer Identität erkauft.

Feminismus nicht überholt: Ich kann die Auffassung von Agnes Wild-Missong nicht teilen, dass die Ziele der Frauenbewegung erreicht seien, dass Feminismus, Frauengruppen und Nischen für Frauen daher überholt seien und die Zusammenarbeit mit Männern beginnen müsse. Noch nie war mir so bewusst wie heute, dass im Kampf um weibliche Identität und Freiheit nur die ersten Geburtswehen überstanden sind. Tatsächlich bedeutet die Zusammenarbeit mit Männern in Männerstrukturen noch immer, dass alles, was Frauen sind und tun, von diesen Strukturen «verschluckt», unsichtbar gemacht und vereinnahmt wird. Immer sind es die Frauen, die in der sogenannten Zusammenarbeit den Männern zudienen. Das Gegenstück muss erst noch bewusst gemacht und geleistet werden, nämlich die Zusammenarbeit der Männer mit den Frauen. Das bedeutet, dass Männer den Frauen Unterstützung leisten, den Frauen zudienen und beistehen müssen, auch in ihren Bestrebungen nach einer eigenen Identität und nach eigenen Strukturen, genauso wie Frauen immer den Männern zugedient und sie in ihren Bestrebungen unterstützt haben.

 

7. Zusammenfassung

Ich habe auf eine Reihe von Voraussetzungen für die Entwicklung weiblicher Identität hingewiesen. Der individualpsychologische Aspekt, wie er traditionell gelehrt wird, wurde für die Identitätsentwicklung als einseitig erkannt und daher erweitert mit soziologischen, geschichtlichen und kulturellen Aspekten. Dem erkenntnistheoretischen Anspruch von Frauen wurde im Zusammenhang mit weiblicher Identität Aufmerksamkeit geschenkt sowie über den Stellenwert von Psychotherapie und Körpertherapie diskutiert. Schliesslich habe ich auf die Problematik des traditionellen Begriffs der Aggression hingewiesen sowie auf die Notwendigkeit einer kritischen Durchleuchtung und Hinterfragung der patriarchalen Theorie über Aggression, bevor sie auf Frauen angewendet wird. Den Abschluss bildete die Forderung, dass die Entwicklung einer eigenen Frauen-Identität auch eigener Strukturen bedarf, wobei ich den besonders aussagekräftigen Identitätsanspruch von Staatsgebilden herangezogen habe, um die Notwendigkeit von eigenen Strukturen für die Identität der Frau deutlich zu machen.

 

Quellen

1) Burgard Roswitha: Mut zur Wut, Berlin 1988.
2) Burgard Roswitha: Warum brauchen wir feministische Therapie?, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Neue Heimat Therapie Band 17, Köln 1986
3) Burgard Roswitha: Zur Geschlechterdifferenz, Wien 1987
4) Camenzind Elisabeth, von den Steinen Ulfa (Hg): Frauen verlassen die Couch, Zürich 1989
5) Damm Sigrid: Cornelia Goethe, Frankfurt am Main 1988
6) Fischer-Homberger Esther: Krankheit Frau, Bern 1979

7) Haller Gret: Frauen und Männer, Zytglogge 1980
8) Hommerich Ulla, Scheffler Sabine: in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, Neue          
Heimat Therapie Band 17, Köln 1986
9) Irigaray Luce: Genealogie der Geschlechter, Freiburg i.Br. 1989
10) Jannssen-Jurreit Marie Louise: Sexismus, München 1976
11) Karasek Hermann., Nationale Identität und europäische Gemeinsamkeit, Aulavorträge, Hochschule St. Gallen 1990 (Nr. 49)
12) Lübbe, H., Die grosse und die kleine Welt - Regionalismus als europäische Bewegung, Aulavorträge 50, Hochschule St. Gallen 1990 (Nr. 50)
13) Meier-Seethaler Carola: Ursprünge und Befreiungen, Zürich 1988
14) Miller Alice: Am Anfang war Erziehung, Frankfurt am Main 1980
15) Mulack Christa: Natürlich weiblich, Stuttgart 1990
16) Prokop Ulrike: Die Melancholie der Cornelia Goethe in: Pusch Luise (Hg), Schwestern berühmter Männer 1985
17) Stopczyk, A., Was Philosophen über Frauen denken, München 1980
18) Thürmer-Rohr Christina: Vagabundinnen, Berlin 1987
19) Voss Jutta: Das Schwarzmondtabu, Stuttgart 1988