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05 – Frauen wollens anders - Weibliche Sexualität und Autonomie

Elisabeth Camenzind

Im Laufe der Geschichte hat weibliche Sexualität unterschiedliche und manchmal auch extreme Darstellungen gefunden. Mal wird die Frau als sexbesessene Dämonin beschrieben, mal als masochi­stisches Weibchen, das den Sexualakt lustlos erleidet. Sigmund Freud, der eine Bresche für die männliche Lust geschlagen hat, scheint die Vorstellung, dass Frauen sexuell begehren könnten, Unbehagen bereitet zu haben. Für ihn blieb die weibliche Sexualität der "dunkle Kontinent«, was ihn allerdings nicht hinderte, Aussagen zu machen, die für die Autonomie und das Begehren des weiblichen Geschlechts bis heute verheerende Auswirkungen haben. Aber natürlich hat nicht Freud allein zu dieser Situation bei­getragen.

    Dann kam die "sexuelle Revolution«, die auf die Befreiung der Sexualität zielte, aus heutiger Sicht aber lediglich die Befreiung männlicher Sexualität meinte (z. B. Kinsey-Report 1954. Comfort 1968. Master und Johnson 1970. Alex Comfort propagierte den Geschlechtsverkehr als »wichtigsten und gesündesten Sport der Menschheit«. Er solle möglichst oft ausgeübt werden, er sei »biologisch dazu geeignet, Spannungen aller Art zu lösen«. Der Geschlechtsverkehr sei "die wichtigste Form der Erholung«. Der Hauptzweck der Ehe bestehe darin, »gemeinsam sexuelles Vergnü­gen zu finden«, und in zweiter Linie, eine Familie zu gründen (Alex Comfort: Der aufgeklärte Eros, Reinbek 1968, S. 71 und 23.

    Den Frauen wurde das Mitmachen beim sexuellen Sportprogramm empfohlen, also die alte, zudienende und/oder die erleidende Rolle zugespielt. Zwar wurde durchaus der Wunsch geäußert, Frauen sollten sexuell aktiver sein. Aber dahinter versteckte sich die Erwartung, dass Frauen zugunsten männlicher Lust aktiv würden.

    Der ursprüngliche Rausch über die Pille, die der Frau Befreiung von Ängsten und Zwängen versprach, war bald verflogen. Die Pille brachte den Frauen neue Zwänge, nämlich jederzeit bereit zu sein und nicht mehr nein zu sagen, ansonsten sie als verklemmte Jungfern abgestempelt wurden. Frauen dagegen, die ihre Sexualität wirklich entdeckten, wurden rasch als Nymphomaninnen, als sexbesessene Huren abgetan. Die Frauen waren bezüglich der sexuellen Freiheit offensichtlich nicht mitgemeint. Im Zentrum stand die Lust der Männer. Als Frauen begannen, die männerzentrierte sexuelle Freiheit zu kritisieren, wurden sie als männerfeindliche Emanzen verschrien. In der Anpreisung des Buches "Die Masken der Sexualität« heißt es, der Feminismus sei ein "törichter Versuch, Sexualität zu domestizieren«: Der Krieg der Geschlechter habe biologische Wurzeln, Pornographie, Sadismus, Voyeurismus entstammten der Natur des Menschen (1992, Buch 2000)

    Schon zehn Jahre nach der sexuellen Revolution machte sich Enttäuschung breit. Das sexuelle Fitnessprogramm hatte nicht das erhoffte Resultat gebracht. Darauf versuchte man(n) es mit Sadismus und Brutalität. Die Begründung für den Szenenwechsel musste nicht lange gesucht werden. Die Tiefenpsychologie beschreibt das männliche Geschlecht noch immer als aggressiv und den Geschlechterkampf als naturgegeben (bei den Tieren existiert ein solcher Kampf allerdings nicht). Der Geschlechterkampf hat keine Naturbasis, es besteht kein Bio-Code. Während der sexuelle Sadismus noch im vollen Gange ist, klagen dennoch Sexualtherapeuten über mangelnde Lust: »Sind Sie verheiratet und haben kaum mehr Lust auf Sex«“. Mit dieser Frage eröffnete kürzlich eine renommierte Zeitschrift ihre neue Beratungsecke für sexuelle Probleme. Und sie fährt fort: »Aber Sie müssen wissen, Sie gehören zur normalen Mehrheit: 84 Prozent der Frauen und immerhin 53 Prozent der Männer in den besten Jahren machen sich nach jüngsten Forschungsergebnissen nichts mehr aus Bettgelüsten. Haben null Bock auf all die möglichen Peinlichkeiten rund um das eheliche Schlafzimmer«.

 

Im Folgenden möchte ich fünf Fragen nachgehen:

  I. Bedingungen für die erotisch/ sexuelle Erfüllung der Frau.

 II. Ein tiefenpsychologisches (patriarchales) Erotik-Konzept, dargestellt an der Mythos von VI. Amor und Psyche.

III. Die Sehnsucht der Frauen nach der überpersönlichen (matriarchalen) Liebe, dargestellt an Sabina Spielreins Liebe zu C. G. Jung.

 IV. Das Konzept der matriarchalen Liebe und das Konzept der patriarchalen Liebe sowie die Angst vor der Domestizierung der Sexualität.

  V. Das patriarchale Erotikkonzept muss überwunden werden, aber wie?

 

I. Bedingungen für die erotisch/sexuellen Erfüllung der Frau

 

Ich werde zunächst von einer Frau berichten, die in den 50er Jahren auszog, um die erotisch/ sexuelle Befriedigung für Frauen zurückzugewinnen. Die erst kürzlich wiederentdeckte Iris von Roten gilt heute als schweizerische Simone de Beauvoir oder Germaine Greer. Im Vergleich mit Herrad Schenk werden wir dann sehen, dass sich seit von Roten einiges verändert hat, aber auch alte Positionen wieder auftauchen. Schenk befaßt sich in ihrem Buch: »Die Befreiung des weiblichen Begehrens« mit dem heutigen Stand der diesbezüglichen Frauendiskussion.

 

Zauberformel Liebe: Für Iris von Roten bedeutet Liebe die Zauberformel: »Sesam öffne dich«, mit der sich die Welt in Leben und Pracht verwandelt, die sonst eine Wüste darstellt. Diese Zauberformel gelte für beide Geschlechter. Die psychologische Grundlage für die körperliche und seelische Vereinigung mit einem Menschen des anderen Geschlechts sei bei Frauen und Männern dieselbe, und der sinnliche Genuss des Geschlechtsakts scheine in allem erstaunlich ähnlich zu sein. Als Beleg nennt sie Liebesbriefe und Liebesgedichte, die bei Frauen und Männern oft aufs Wort gleich lauten. Nicht nur die körperliche Schönheit habe erotische Wirkungskraft. Macht besitze eine ebenso große Ausstrahlung. Ähnlich wie die körperliche Schönheit verleihe sie dem beruflich, wirtschaftlich, politisch oder militärisch Erfolgreichen einen Nimbus des Geheimnisvollen und Bedeutenden. Als Sex-Appeal könne Macht Surrogat der Schönheit sein. Nebenbei: Die feministische Szene hat den Slogan geprägt: »Macht ist erotisch«, auch bei Frauen. Noch fehlt den Frauen aber meistens die Farbe der Macht. - Iris von Roten formuliert sechs Bedingungen für die erotisch/sexuelle Erfüllung der Frau:

 

1. Der Wunsch, umworben und verlockt zu werden: »Da schlägt nämlich der Pfau das Rad, der Hirsch prunkt mit dem stolzen Geweih, der Kater macht Katzenmusik... Und die Männchen mancher Tierarten halten mörderische Zweikämpfe miteinander ab, um die Gunst des begehrten Weibchens... zu erwerben«. Anders in unseren Verhältnissen: Da höre man immer nur, wie die Frauen den Männern zu gefallen hätten, während im Grunde den Frauen die Schönheit der Männer viel wichtiger sei als die ihre den Männern.

 

2. Der Wunsch, wählen zu können: Für die Männer brauche es wenig, um den Ablauf des Sexualaktes befriedigend zu gestalten. Und schon gar bei der Verselbständigung der Sexualität handle es sich um geile Triebe, die sehr anspruchslose Pflanzen seien. Offenbar sei dies so eingerichtet, damit die Frauen ihre erotisch/sexuellen Partner wählen können und es den Gewählten nicht schwer falle, sich mit ihnen zum mindesten leidlich abzufinden. Die Konvention müsse also den Frauen die Kontakt- und Wahlmöglichkeiten erotischer Art erleichtern, anstatt den Männern.

 

3. Der Wunsch nach freier Liebe: So wichtig es unter Vorausset­zung der monogamen Ehe als der einzigen sozial voll anerkannten Regelung der sexuellen Beziehungen für die Frauen sei, den Rich­tigen zu ehelichen, so sei dies keine notwendige Bedingung für die sexuelle Erfüllung der Frau. Im Gegenteil: Ein einziger "Richtiger" auf Lebenszeit sei kümmerlich. Der Anspruch der Frau gehe im Grunde nicht auf die Wahl eines einzigen Mannes. Bezüglich des Kinderwunsches sei sie nicht darauf aus, von einem Mann mehrere Kinder zu bekommen. Ihr Wunsch sei, von jedem Mann, von dem sie ein Kind wolle, eins zu bekommen.

 

4. Der Wunsch nach Zärtlichkeit: Das Bedürfnis nach Zärtlich­keit beinhalte vielerlei Wünsche. Beispielsweise, dass der Mann die Anerkennung und Bewunderung ihres weiblichen Körpers zum Ausdruck bringe. Frauen wollen liebevoll behandelt werden, und sie seien auf schöne Worte erpicht. Der Ausdruck von Zärtlichkeit bedeute die Wertschätzung ihrer Person als Trägerin des weiblichen Geschlechts unter vier Augen. Männliche Zärtlichkeit würde von Frauen als schicksalhaft schwerverdiente Liebes-De­monstrationen betrachtet. Sie seien ein bedeutender Aktivposten im Hinblick auf die Freuden und Leiden, die die weibliche Geschlechtszugehörigkeit im Patriarchat mit sich bringe. Männer ken­nen diese Buchhaltung daher weniger. Ihnen bringe ihr Geschlecht Privilegien aller Art.

 

5. Der Wunsch nach einem Ritual der Liebe: Für Frauen sei die Art des Zusammenkommens wichtig. Wie alle wichtigen Handlun­gen werde die Liebe mit Feierlichkeiten umgeben, mit einem Kult um jedes einzelne Teilgeschehen«, der oft bis zum Ritual ausgebaut werde. Die Frauen wollen nicht als ein-für-allemal gewonnen gel­ten, sondern sie wollen beim geschlechtlichen Kontakt grundsätz­lich keine Stufe der Annäherung übersprungen haben, es sei denn der Abwechslung halber. Jede einzelne Form des Zusammenkommens müsse nach dem weiblichen Genuß-Maßstab voll ausgekostet werden, bevor zur nächsten übergegangen wird. Dies bringe immer unter der Voraussetzung, dass die Zuneigung, die der Intimität zugrunde liegt, leidenschaftlicher Art ist - den Frauen am ehesten das Höchstmaß von Genus beim Geschlechtsakt. Je genußreicher der Geschlechtsakt, umso eher könne eine allfällig nachfolgende Schwangerschaft psychisch als etwas Organisches empfunden werden.

    In einem Workshop reagierten manche Frauen allerdings etwas konsterniert auf das Wort »Ritual«. Sie fanden, sie bräuchten für die erotisch/sexuelle Liebe vor allem Zeit und Muße. Mehrere Frauen fanden, sie seien in den Ferien am meisten entspannt und als Folge erotisch/ sexuell ansprechbar. Andere Frauen allerdings äußerten den Wunsch, Rituale kennen zu lernen, die den Ausstieg aus dem Alltag erleichtern könnten. Sie seien am Freitagabend, nach einer Woche voll Arbeit, nur noch ruhebedürftig und leer. Sie waren dann enttäuscht, als sie merkten, dass es mit den Ritualen so einfach auch wieder nicht ist. Nach wie vor ist Erotik nicht machbar und auch nicht wie ein Menü automatisch abrufbar. Das Ritual hat, wie ich Iris von Roten verstehe, vielmehr den Sinn, die erotisch/se­xuelle Liebe aus dem banalen Konsumverhalten heraus zu halten.

 

6. Der Wunsch nach wirtschaftlicher Solidarität: Was geschieht, wenn eine Schwangerschaft eintritt? - Ob die Seelen und Sinne der Liebenden sich beim Geschlechtsakt in anderen Welten tummeln, ob sie alles und jedes und sich selbst dabei vergessen, einmal erhebt sich doch die Frage: Wer zahlt da eigentlich«. Unmittelbar empfänden sich Frauen als allein, weil das bedürftige Lebewesen aus ihnen kommt und in seiner Hilflosigkeit vor ihnen liegt. Was das Kind betrifft, so esse es aus jeder Hand, schlafe unter jedem Dach und schließe sich an jeden Menschen an, der sich liebevoll mit ihm beschäftige.

 

Von Roten kommt auch auf mutterrechtliche Verhältnisse zu sprechen: Bei mutterrechtlichen Verhältnissen erwerben und besitzen vorab die Frauen und zahlen daher auch für die Kinder. Rechtlich tragen sie die Aufzuchts-Kosten. Je ausgeprägter die Privilegien der Frauen seien, desto gegenstandsloser werde die Frage einer öko­nomischen Solidarität der Väter mit den Kindern. Natürlich haben Männer in mutterrechtlichen Verhältnissen trotzdem Leistungen für die Nachkommen zu erbringen. Es gehöre zum Matriarchat, dass die Söhne und Brüder arbeiten und die Frauen, Mütter und Schwestern organisieren und das Erworbene verteilen.

 

Was steht den weiblichen Wünschen entgegen?

 

Leider stehen der Erfüllung weiblicher Ansprüche die männlichen Privilegien entgegen: Beispielsweise das Vorrecht der Männer, bei Frauen eine ansprechende Erscheinung, ansprechendes Gehaben und Schönheit zu beanspruchen. Dazu kommt der Anspruch auf den Vortritt bei Kontakt- und Wahlmöglichkeiten erotischer Natur. Dem steht die meist nur kümmerliche Befriedigung der weiblichen Wünsche nach Zärtlichkeit gegenüber. Ein besonderes Privileg ist die für Männer so bequeme Lösung der Probleme des weiblichen Solidaritätsanspruchs durch die Ehe mit ihrem ganzen männerherrschaftlichen Drum und Dran: Beispielsweise das männliche Recht auf >doppelte Moral< zu Lasten der Frauen, die Sitte des Alters- Vorsprungs zugunsten des Ehemannes und schließlich das Recht des Mannes auf häusliche Versorgung, quasi als Rückzahlung für seine prinzipielle Solidarität zugunsten gemeinsamer Nachkom­men. Dem fundamentalen weiblichen Bedürfnis, gewonnen zu werden, wird nicht entsprochen. Den Frauen zu gefallen bildet keinen wesentlichen Teil des männlichen Lebensinhaltes. Das Gegenteil sei der Fall. Die Frauen haben den Männern zu gefallen.

 

Hässliche Männer: Daher komme es, dass nach verbreiteter Meinung Brillen, Glatzen... Schmerbäuche, Falten, Runzeln die Männer nicht einmal an einem Don-Juan-Treiben hindern. »Es fehlt auf der Männerseite nicht nur an zusätzlicher, verführerischer Schönheit, um die Frauen zu gewinnen, es fehlt oft sogar am Minimum«.  Ihre äußere Erscheinung sei teils unkultiviert, teils phantasielos. Den Männern sei auch ein gewisses Maß animalischen "Sichvertuns« gestattet. Kratzen am Hinterkopf, frohes Schmatzen, Kauen wie ein Wiederkäuer, sich strecken und recken, Herumstochern in den Zähnen, leichte Lockerung der Kleidung um den Bauch herum werde als Recht freier Herren betrachtet. Und das Fazit: »Eines ist sicher: Es steigert die erotische Anziehungs­kraft nicht«. Im Gegensatz zu der den Frauen aufgedrängten festlichen Verpackung ihrer körperlichen Persönlichkeit werde ihnen nichts geboten. Kurz: Männer leben rundherum in einem ero­tischen Komfort. - Was versteht von Roten darunter?

 

Lächeln der Frauen: Wie die Herrscher im Umgang mit Unterta­nen, erheben zahlreiche Männer den Anspruch, dass Frauen entweder mit einer erotisch gefärbten oder gemütvoll mütterlichen Freundlichkeit aufwarten. Frauen in Männergesellschaft haben zu lächeln, obgleich es nichts zu lachen gibt. Die Männer sind persön­lich beleidigt, wenn junge Frauen in ihrer Gegenwart nicht lachen, über fünfundzwanzig nicht lächeln und über fünfundvierzig nicht ein gütiges Strahlen einschalten. Leisten sie sonst doch passiven Widerstand gegen die männliche Illusion, dass im "Land des Lächelns" der Mann der geliebte Regent sei. Ein einziger Mann im Kreise einiger Frauen seines gesellschaftlichen Umganges habe die Gewissheit, das Zentrum des Interesses zu sein und für seine Sprüche aufmerksame Zuhörerinnen zu finden. »Und alle, alle lächeln ihn an.« Der Ausdruck abwartender Anteilnahme sei das Kühlste, das ihm begegne. Keine Konvention dagegen verhindere Männer, Gesichter wie Geröllhalden aufzusetzen.

 

Privileg des ersten Schrittes: Konventionelle Möglichkeiten, sich Angehörigen des anderen Geschlechts unverbindlich zu nähern, gebe es nur für Männer. Die Konvention stelle dem Mann Besichti­gungsrechte und Beobachtungsposten zur Verfügung. Eine dieser Möglichkeiten sei das ausschließlich männliche Recht, einzuladen und für gemeinsame Vergnügungen zu bezahlen. Mit dem Vorschlag, etwas zu bieten, könne sich jeder den Frauen seiner eigenen Schicht und auch den Frauen der niedrigeren Schichten nähern. Geboten werden dürfe alles. Von Kirchturmbesteigungen, schwar­zem Kaffee, Kinobesuchen, Vereinsfesten und Studentenbällen bis zu Abendessen, Konzerten und Theatervorstellungen. Bei solchen Zusammentreffen habe der Interessent genügend Gelegenheit, seine Dame auf Herz und Nieren zu prüfen, jedenfalls so weit, um ausfindig zu machen, ob er sie auf weitere Beobachtungsposten ein­laden oder, besser gesagt, vorladen will (in den USA ist auch noch das selbstverständliche Einfordern von Sexualität [»date rape«] üblich geworden, nachdem das Eintrittsbillett vom Mann zum Beispiel in Form eines Nachtessens bezahlt wurde). Das ganze kulturelle Leben und die öffentliche Geselligkeit sei nur für Männer wirklich öffentlich, und sie werde ihm durch die Institutionen zur Verfügung gestellt. Die Beobachtungsmöglichkeiten helfen den Männern, ihre erotischen Neigungen aus dem Traumland in die Wirklichkeit zu ziehen, sie auf eine realistische Ebene zu stellen (S.259).

     Ganz anders sei die Situation der Frauen. Tanzanlässe beispielsweise hätten für Frauen etwas Unwürdiges, genau besehen sogar etwas Gespenstisches. Der Anblick der aufs schönste hergerichteten Frauen sei unheimlich. Das Wahlprivileg der Männer beim Tanzen wirke sich auf die Frauen als Demütigung und auf die Männer als Anreiz zu Überheblichkeit aus. Das Wahlrecht beim Tanzen eröffne den Männern, wohin sie auch kommen, einen erotischen Markt.

 

Erotischer Komfort für Frauen in mutterrechtlichen Gesellschaften

 

Nach Carola Meier-Seethaler ist Afrika der Kontinent, auf dem sich die Initiative in der Liebeswahl und die sexuelle Aktivität der Frau am ursprünglichsten erhalten haben. Die Fulbe organisieren jährlich eine regelrechte Bräutigamschau, bei der sich die jungen Männer durch Tänze und Geschicklichkeitsübungen vor den Mädchen produzieren. Dazu schminken sie ihr Gesicht und versuchen in Mi­mik und Gestik möglichst vorteilhaft zu erscheinen. Geschiedene und verwitwete Frauen besuchen die großen Märkte, um sich dort ganz ungeniert nach einem neuen Partner umzusehen.

    Auf den Bissagoinseln vor der Westküste Afrikas haben die Mädchen sogar das Monopol für die Wahl des Partners. Hier gebe es ein strenges Ritual für den weiblichen Heiratsantrag an den jungen Mann. Dieser habe nur ein bedingtes Rückweisungsrecht. Er könne zwar den Antrag der jungen Frau, den er in Form einer Schüssel gekochten Reises vor seinem Haus findet, ignorieren, aber es wäre verhängnisvoll für ihn, dies ein zweites Mal zu tun. Dann nämlich muss er damit rechnen, vom Kollektiv der heiratsfähigen Mädchen boykottiert zu werden. Um überhaupt noch eine Heiratschance zu haben, wäre er gezwungen, auf eine andere Insel auszuwandern (Meier-Seethaler, S. 143). Bis heute habe die afrikanische Frau ein viel selbstverständlicheres Verfügungsrecht über ihren Körper als Europäerinnen. Und etwas wie »eheliche Pflichten« bestehe bei Naturvölkern nicht (S. 142).

    Reisende und Missionare seien immer wieder schockiert gewesen über die große sexuelle Freiheit vor und während der Ehe bei Indianern, Eskimos, Südseeinsulanern oder Südindern, und dies umso mehr, als diese Freiheiten den Frauen gleichermaßen zustanden wie den Männern. Bei den Toda in Südindien habe die Vielmännerei (Polyandrie) die größte Tradition. Aber die Kolonialmächte brandmarkten die Vielmännerei als den Inbegriff von Unmoral und verfolgten sie mit schweren Strafen (in Indien), während sie die Vielweiberei tolerant behandelten. Prinzipiell seien in matrizentrierten Kulturen die sexuellen Beziehungen immer polygam, und zwar für Frauen und Männer. Die vertraglich geregelte Ehe werde nicht nach sexuellen Gesichtspunkten geregelt, sondern vielmehr nach den Überlebensbedingungen und wirtschaftlichen Bedingungen der Sippe (S. 141).

    Die Lektüre von Iris von Roten hat mir viel Vergnügen bereitet. Es geht hier aber nicht darum, die Umkehrung der patriarchalen Verhältnisse zu propagieren, wie Iris von Roten fälschlicherweise vorgeworfen wurde. In Wirklichkeit hat sie wesentliche Aspekte des weiblichen Begehrens ins Licht gerückt, die beachtet werden müssen. Dies gilt noch mehr für Carola Meier-Seethaler. Beide Autorinnen sehen die erotisch/sexuelle Erfüllung der Frau an Bedingungen geknüpft, die ihre Persönlichkeits- und Autonomiebedürfnisse betreffen. Ganz klar muss betont werden, dass es uns nicht in erster Linie um Details der erotisch/sexuellen Praktiken geht, sondern vielmehr um Bedingungen struktureller Art. Es ist beispielsweise ein Unterschied, ob die Konvention verlangt, dass nur eines der Geschlechter sich für das andere schön und angenehm machen muß. Ob nur das eine Geschlecht einladen, bezahlen, zum Tanz auffordern und einen Antrag machen darf. Es ist ein Unterschied, ob die Werbung für Liebe, Freundschaft, Konkubinat oder Ehe ein-für allemal gelten soll, oder ob in der Konvention verankert ist, dass einem erotisch/sexuellen Zusammensein immer wieder eine Werbung vorangehen muss, von welcher Seite auch immer. Und es ist schließlich auch ein Unterschied, ob nur das eine Geschlecht ein Recht auf liebevolle Behandlung und auf freie Liebe hat, und ob beide an der erotischen Wirkungskraft der Macht teilhaben. Schließlich und endlich besteht ein Unterschied bezüglich der Folgen des Beischlafs, ob Raum und Strukturen da sind für eine Schwangerschaft oder ob sie die Frau in Abhängigkeit bringt und/oder sie zwingt, ihre Lebensgestaltung total zu ändern.

 

II. Ein tiefenpsychologisches (patriarchales) Erotikkonzept, dargestellt an der Mythos von Amor und Psyche

 

Als ich wieder einmal Erich Neumanns »Amor und Psyche« zur Hand nahm, ging mir auf, dass darin die Geschichte vom Ende der freien Liebe und der »Heiligen Hochzeit« erzählt wird. Ich erkannte, dass der Mythos im Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat spielt und uns einen Einblick gibt, was sich damals zwischen den Geschlechtern ereignet hat. Neumann dagegen interpretiert den Mythos als »Erlösung Psyches durch Eros«, und der männliche Übersetzer glaubt sogar, ein »leichtes und amüsantes«, in seinen meisten Teilen sogar ein leichtfertiges Buch« vor sich zu haben. -Was geschieht in »Amor und Psyche« aber wirklich, wenn die Ge­schichte unvoreingenommen gelesen wird?

    Zufolge eines Orakels liefern die Eltern das schöne Mädchen Psyche einem Unhold des Götterhimmels zur Todeshochzeit aus. Psyche gerät in ein fremdes Haus und in ein fremdes Bett. Da geschieht ihr, was sie befürchtet hat: In der Dunkelheit wird sie von dem Fremden vergewaltigt. Dies wiederholt sich in den folgenden Nächten: »Und schon war der unerkennbare Gatte da und hatte den Pfühl bestiegen und sich Psychen zum Weibe gemacht... Und so ward es durch lange Zeit gehalten. Und wie es die Wirkung der Natur ist: das erst Fremde gedieh ihr durch beständige Gewohnheit zum Ergötzen« (Neumann, S. 24).

    Neumann übergeht die Vergewaltigung zunächst einfach. Er schreibt: »Die Eltern gehorchten dem Gebot des Orakels und liefern Psyche dem Unhold zur Todeshochzeit aus. Daran schließe sich, „nachdem überraschenderweise Psyche nicht getötet“ worden sei, das Paradiesleben mit dem unsichtbaren Gemahl, mit Eros, der sich Psyche zur Gattin erwählt« habe. -Aber, so fragt der feministische Blick: Wie kommt Neumann dazu, das Sexualleben einer Frau, die laufend von einem "Unhold" vergewaltigten wird, als glücklich zu preisen? Seine Erklärung: »Die Hochzeit ist - so will es der Wesensgegensatz von Männlichem und Weiblichem - für den Mann primär ... ein Raub, eine Aneignung, ja eine Vergewaltigung«. Und der Jungianer Dieckmann (Leiter des Berliner Jung-Instituts) sinniert in ähnlicher Weise, dass eine »scharfe Gegensatzspannung« für den Eros wahrscheinlich notwendig sei.

    Die Theorie von der notwendigen Gegensatzspannung und vom Wesensgegensatz der Geschlechter ist jedoch in doppelter Hinsicht falsch: In der matriarchalen Frühzeit wurde die Hochzeit keineswegs als Raub, Aneignung oder Vergewaltigung der Frau verstanden. Und doch war die erotisch/ sexuelle Begegnung wohl gerade zu dieser Zeit außerordentlich intensiv. Daß die matriarchalen Fruchtbarkeitskulte ekstatisch intensiv waren, darüber sind sich die Historikerinnen und Historiker einig. Die Vertreter der neuen Hochreligionen haben immer wieder mit Verfolgung darauf reagiert. Der Patriarch Moses ließ zwanzigtausend Frauen und Männer abschlachten, die an den (sexuellen) Baals-Riten, die zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttinnen abgehalten wurden. Neumann kennt diese Geschichten aus dem Alten Testament sehr wohl. Ihn stört nicht die Lust der matriarchalen Erotik, sondern das Gefühl, der Mann sei als Person zu kurz gekommen. Das »Grundgesetz des Matriarchats« habe die individuelle Beziehung zum Mann verboten. Das Männliche sei nur »als anonyme Macht, in Vertretung der Gottheit zugelassen« worden. Und er triumphiert, mit »Amor und Psyche« sei der Herrschaftsbezirk der Großen Mutter durchbrochen worden und mit ihm das kollektive Prinzip des Genusses und des Rausches. Er schreibt: »Erstmalig erhebt sich die individuelle Liebe Psyches in mythologischem Aufruhr gegen das kollektive Prinzip des Genusses und des Rausches, das Aphrodite vertritt« (S. 122). - Neumann deutet die Geschichte als Aufruhr der Frau gegen die erotisch/sexuelle Struktur der menschlichen Frühzeit, während aus dem Mythos überdeutlich hervorgeht, dass Psyche gewaltsam mit Eros verbunden und von ihm vergewaltigt wurde. Daß die vergewaltigte Frau den Mann schlussendlich individuell lieben wird, das ist eine typische Wunschphantasie der Männer. Neumann stellt den Männerwunsch als Eigenschaft der Frau dar. Er unterliegt einer typisch männlichen Selbsttäuschung.

    Noch etwas stört Neumann, nämlich die Vorstellung, dass Psyche die Sexualität vielleicht genießen könnte. Er wirft ihr vor, sie sei eine Frau, die dem Faszinosum des Sexus verfallen sei: Psyches Dasein sei »ein Nachtdasein, ein Sein im Dunkeln, eine Verzückung der Sinnlichkeit und der Überwältigung durch den Sexus«. - Aber, so müssen wir fragen: Was ist das für ein Glück, das Psyche angeb­lich genießt? Sie ist nicht freiwillig an diesem Ort. Sie hat den Gatten nicht gewählt. Sie ist sozial isoliert und einsam. Psyche leidet an Heimweh. Als sie die Stimmen ihrer Schwestern hört, die Psyche suchen, greift Eros ein. Er verlangt von Psyche, dass sie den Schwe­stern nicht antwortet, ja nicht einmal hinsieht. Er sagt ihr zum einen, es schmerze ihn, und er droht zum andern, dass sie bei Zuwider­handlung ein Unheil zu gewärtigen habe. Psyche versteht, nickt und »gelobt, nach des Gatten Willen zu handeln« (S. 25). Frage: Was kann sie anderes tun? Sie ist in seiner Gewalt. Später allerdings wird sie versuchen, den Eros zu töten. -

    Der Erzähler kommt mit Vorwürfen: Psyche verbringe »den gan­zen Tag mit Tränen und Brustschlagen. Nicht vom Bad, nicht vom Mahl, nicht von irgendeiner Erfrischung sei sie erquickt, und sie begebe sich reichlich weinend zum Schlafen« (S. 25). Eros stellt Psyche zur Rede: »Hast du mir dies versprochen, meine Psyche? - Was soll ich, dein Gatte, von dir noch erwarten, was von dir hoffen. Bei Tag und bei Nacht und nicht einmal unter den ehelichen Umarmungen lässest du ab dich zu kreuzigen«. Und er warnt, sie solle sich an seine Ermahnungen nicht erst erinnern, wenn es zu spät sei. - Psyche versucht es mit Bitten und droht zu sterben, wenn sie die Schwestern nicht sehen dürfe. Eros gibt nach, verunglimpft die Schwestern aber als perfide Wölfinnen, die ihr raten würden, seine Gesichts­züge zu erforschen. Er aber werde sie verlassen, wenn sie das tue. Sie solle mit den Schwestern nicht sprechen, oder wenn sie so einfältig sei, es doch zu tun, solle sie wenigstens nicht anhören, was sie über ihn sagen. Insbesondere solle sie auf Fragen keine Antwort geben.

    Ohne Zweifel: Psyche ist praktisch die Gefangene von Amor. Daß sie sich nicht wehrt, ist für Neumann aber nicht ein Zeichen von Unter­drückung, sondern Ausdruck des weiblichen Mysteriums. Lobend hebt Neumann hervor: Psyche »antwortet nicht mit Kampf, Protest, Flucht, Trotz und Widerstand, wie das ein männliches Ich in einer entspre­chenden Situation hätte tun müssen, sondern mit dem Umgekehr­ten, mit dem Hinnehmen des Todesschicksals«. Weiter stellt er befriedigt fest, dass Psyche, nachdem Eros sie verlassen habe, »nicht mehr das schmelzend umstrickte und lustbetäubte Wesen« war, das im dunklen Paradies der Sexualität und der Lust lebte.

    Daß Psyche in der Folge auf die Suche nach Eros geht, bedeutet für Neumann, dass Psyche den Gatten jetzt freiwillig liebt: »So fiel die unwissende Psyche freiwillig in die Liebe zum Liebesgott. Wäh­rend am Anfang die Todeshochzeit steht, als Sterben, Geraubt- und Genommenwerden, ist das, was Psyche hier erfährt, gewisserma­ßen eine zweite Defloration, die eigentliche, aktive und freiwillige, die sie selber an sich vollzieht. Sie ist nun nicht mehr Opfer, sondern aktiv Liebende«. Und er versteigt sich schließlich zu der Behauptung, mit Psyche habe das Zeitalter der menschlichen Liebesbeziehungen begonnen: »Mit Psyche tritt ein neues Liebesprinzip auf, in dem die Begegnung des Weiblichen mit dem Männlichen als Grundlage der Individuation sichtbar« werde. »Die arme Psyche hat, so paradox das klingen mag, ihren Geliebten erst zu erobern, ja ihn erst zu entwickeln. Aus dem Sohngeliebten muss ein Liebhaber werden, und Eros muss erst aus dem transpersonalen Herrschaftsbezirk der Großen Mutter in den persönlichen Bezirk der menschlichen Psyche hinübergerettet werden. Das heißt, es muss sich herausstellen, ob Psyche stärker ist als Aphrodite und ob es Psyche gelingt, Eros für sich zu gewinnen« (S. 122).

    Diese männliche Sicht ist höchst befremdlich. Alles ist auf den Kopf gestellt. Also nicht Eros muss Psyches Liebe gewinnen, wie das in der Natur vorgesehen ist, sondern umgekehrt. Psyche soll den davongelaufenen Mann suchen, erobern, entwickeln und hinüberretten, also gewissermaßen ein Erziehungsprogramm auf privater Basis entwickeln. Dies ist eine paradoxe Situation! An dieser Stelle kommt Neumann auf das Opfermotiv zu sprechen, das er wie selbstverständlich als Opfer der Frau versteht: »Die Liebestat Psyches, in der sie sich selber der Liebe, dem Eros, freiwillig" hingebe, sei "zugleich ein Opfer und Verlust". Er ergänzt: "Erkennen, Leiden und Opfern" seien "in dieser Liebessituation der in der Begegnung bewußt werdenden Weiblichkeit miteinander identisch.« Er fährt fort: »Denn, vergessen wir nicht, Eros selbst wollte eine solche, bewußt werdende, Psyche nicht! Er warnte sie, er beschwor sie inständig, im Paradies-Dunkel zu bleiben, und er drohte ihr, sie würde ihn durch die Tat endgültig verlieren". Der Verlust des Geliebten in diesem Augenblick "gehöre zu den tiefsten Wahrheiten dieses Mythos". Ihm, "dem Männlichen und Göttlichen" sei "die Geliebte köstlich genug, als sie im Dunkel war und er sie im Dunkel besaß". -

    Der männliche Egoismus, der aus diesen Zeilen von Neumann spricht, ist kaum zu fassen. Arme, schöne Psyche! - Neumann stört es nicht, dass Eros sie lediglich als »Genossin der Nacht" wünscht, abgeschlossen von der Welt nur für ihn (Eros) lebend und dabei ohne Anteil an seinem Tagesdasein, an seiner Wirklichkeit und an seiner Göttlichkeit. Und sie war ihm noch mehr verfallen dadurch, dass er selber in seiner göttlichen Anonymität verharrte«, schreibt er. - In dieser Isolierung und Einsamkeit kommt es dazu, dass Psyche nun selber im Sinne des unverblümten Männerwunsches beteuert: »Eher sterbe ich hundertmal, als dass ich deine süßeste Beiwohnung entbehre. Denn ich liebe dich auch bis zum Sterben, wer du auch bist; ich liebe dich gleich wie mein eigenes Leben«. - In Tat und Wahrheit wird die nächtliche Umarmung für Psyche aber zu dem Tropfen Wasser, den die Verdurstende in der Wüste der patriarchalen Gesellschaft noch erhalten kann.

    Ich habe bereits erwähnt, dass Neumann die Geschichte der Psyche als Individuationsweg der Frau deutet. Psyches Entwicklung sei nichts anderes als der Versuch, durch Leiden und Kampf die Trennung von Eros wieder zu überwinden. Dies im Unterschied zum Mann, der von der tötenden Heldentat zur Eroberung der Welt fortschreiten müsse und bei dem Hieros Gamos (Die Heilige Hoch­zeit) mit der gewonnenen Anima nur einen Teil seines Sieges bilde. Mit anderen Worten: Ziel des weiblichen Initiationsweges ist nach Neumann die Eroberung eines Mannes, wobei die Frau not­gedrungen leiden müsse. Vergessen ist der Grundsatz der Individuation, die Neumanns Konzept zugrunde liegt. Die Individuation im Jungschen Konzept besagt, dass die Frau ihre gegengeschlechtlichen, also männlichen Anteile zurückgewinnen müsse. Neumann aber trägt der Frau auf, sie müsse »die schicksalsmäßig notwendige Leidensentwicklung« durchstehen, weil ihr »erst nach Unglück und Leiden die Vereinigung mit dem Geliebten« glücke. Der Mann dagegen müsse nach der Integration der Anima bzw. nach der Gewinnung einer realen Frau, die nur Teil seines »Sieges« sei, »zur Eroberung der Welt fortschreiten«. Dieser unerträglichen, männlich patriarchalen Sicht soll nun eine feministische gegenübergestellt werden.

 

Aus feministischer Sicht läuft in »Amor und Psyche« folgendes ab: Die Geschichte spielt zur Zeit des Übergangs vom Matriarchat zum Patriarchat. Das patriarchale Orakel verlangt, dass Psyche einem Männergott ausgeliefert wird. Die Mütter sind entmachtet und können ihre Töchter nicht mehr gegen männliche Gewalt und Vergewaltigung schützen. Psyche wird durch Eros von ihrer Sippe isoliert. Sämtliche Außenkontakte werden unterbunden (der Brauch, dass der Bräutigam die Braut über die Schwelle seines Heims trägt, symbolisiert eben diese Isolierung). Psyche wird von ihren Schwestern gesucht und gefunden. Psyche bittet inständig, sie aus der tödlichen Isolation zu erlösen. Aber auch die Schwestern sind machtlos. Psyche hat nun keine Hoffnung mehr. Sie fühlt sich noch einsamer, weint ständig, nichts kann sie erfreuen in dem prächtigen Palast, dem goldenen Käfig. Sie wird depressiv und immer abhängiger von Eros, der einzigen Bezugsperson. Aber Eros macht sich rar. Tagsüber ist er fort. Er begehrt Psyche nur als sexuelle Gespielin und Bettgenossin. Als menschliches Gegenüber interessiert sie ihn nicht. Er hat die patriarchale Auffassung übernommen, wonach der Tag den Männern und ihren Geschäften gehört. Psyche bittet inständig, er solle sich ihr in seiner ganzen Person zeigen und zuwenden. Er geht nicht darauf ein. Dann rebelliert sie. Auch das ist erfolglos. Schließlich greift sie zur Selbsthilfe. Mit Dolch und Lampe gerüstet tritt sie ans Bett von Eros:  sie will ihn töten. Aber ein Lichtschein trifft ihn, und sie ist von seiner Schönheit eine Sekunde lang wie geblendet. In diesem Moment erwacht Eros - und ergreift sofort die Flucht.

    Eros flieht bezeichnenderweise zu seiner Mutter. Im Patriarchat sind die Mütter darauf abgerichtet, die Interessen ihrer Söhne zu vertreten und Hilfe für die Töchter zu verweigern. Eros findet bei seiner Mutter Aufnahme und Trost - leider! - Sie hätte ihm die Türe weisen und ihn an seine Gattenpflicht erinnern müssen. Psyche dagegen kann nicht zu ihrer Mutter gehen. Ihr bleibt nur die Wahl zwischen zwei Übeln: dem unwilligen Eros nachzulaufen oder zu sterben. Außer dem Gatten hat sie nämlich niemanden mehr auf der Welt. Zunächst eilt Psyche zu der vormals mächtigen Göttin Ceres und bittet sie um Hilfe. Eine erschütternde Szene spielt sich bei der entmachteten Göttin ab: »Da wälzt sich Psyche vor ihre Füße, und mit reichlichem Weinen die Stapfen der Göttin benetzend und den Boden mit ihren Haaren fegend, erbittet sie mit vielfältigem Flehen Gnade.« Und Psyche fährt fort: »Bei dieser deiner fruchtspendenden Rechten bitte ich dich, bei den freudigen Bräuchen der Ernte, bei den verschwiegenen Geheimnissen der Truhen ... bei den Furchen der sizilischen Scholle... bei dem Wiederaufstieg der Tochter zur lichtvollen Wiederfindung: stehe bei der beklagenswerten Seele Psychens, die dich demütig bittet!«.

    Und wie reagiert die Göttin auf Psyches Herz zerreißende Bitte? Sie erklärt, dass sie ihr nicht helfen könne, weil sie ansonsten selber von den Herrschenden verfolgt werde. Die Göttin hat also nicht einmal mehr die Macht, einer notleidenden Schwester ein Dach über dem Kopf zu gewähren. Sie muss Psyche zurückweisen. Der Not gehorchend bleibt Psyche nichts anderes übrig als der Weg zurück zum Gatten. Das ist die traurige Situation von Psyche, das ist die trostlose Situation der Frauen im Patriarchat. In dieser Situation kann von einer freiwilligen Liebe zu Eros natürlich nicht die Rede sein.

 

Hier schließt sich der Kreis: Die Fluchtreaktion, die wir bei Eros gesehen haben, ist auch bei heutigen Männern verbreitet. Wie Eros laufen Männer davon, wenn Frauen Ansprüche an ihre Beziehungsfähigkeit stellen. Heutige Psychologen erklären die männliche Flucht und den Beziehungshunger der Frau mit der angeblich unterschiedlichen Natur der Geschlechter: Frauen lieben persönlich, Männer lieben unpersönlich. Wie es in Wirklichkeit dazu kommt, dass die Geschlechter nicht in der gleichen Art lieben, stellt die Geschichte von Amor und Psyche eindrücklich dar.

    Erich Neumann muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er der unpersönlichen Liebe und der Fluchtreaktion des Mannes Vorschub leistet. Er schafft für den Mann eine komfortable erotisch/sexuelle Situation, und die Frau sperrt er in die Enge einer einzigen Beziehung ein. In der patriarchalen Ehe ist die Frau dem Mann ausgeliefert. Psyche ist von der emotionalen und wirtschaftlichen Geborgenheit in der größeren Gemeinschaft abgeschnitten. Sie ist auf die Beziehung zu Eros verwiesen, die noch dazu keine Beziehung ist. Denn Eros will ja nur das Bett mit Psyche teilen. Dafür gewährt er ihr Unterkunft und Kleidung. Nicht einmal Kinder darf sie haben. Die Fixierung auf einen einzigen Mann ist total. Ein sol­ches Beziehungsmuster kann nur schief gehen. Männer machen sich etwas vor, wenn sie glauben, sie könnten die freiwillige und persönliche Liebe einer Frau dadurch gewinnen, indem sie die Geliebte von sich abhängig machen.

 

Zur Erinnerung: Neumann ging davon aus, dass die sexuelle Lust der Frau im Matriarchat unpersönlicher Art war. Die Frau habe den Mann ursprünglich nur zu Lustzwecken genommen, anstatt ihn in seiner Person wahrzunehmen und persönlich zu lieben. Er stellt dar, auf welche Weise die schöne Psyche dazu gebracht wurde, den Mann persönlich zu lieben. Es liegt Neumann fern, den Mann in analoger Weise zum persönlichen Lieben aufzufordern. Als Psyche von Eros das persönliche Lieben verlangt und Eros die Flucht er­greift, wird er von Neumann nicht kritisiert. Eros wird auch nicht kritisiert, dass er die sozialen Kontakte Psyches unterbindet, sie isoliert und von sich abhängig macht. Nur von der Frau verlangt er persönliche Liebe, dem Mann ermöglicht er, sich »draußen« zu halten. Neumann sagt den Männern, dass ihr Individuationsweg anders verlaufe als derjenige der Frauen. Die Beziehung der Frau habe für ihn nur am Rande eine Bedeutung. Der Mann müsse »zur Eroberung der Welt fortschreiten«, nachdem er die Anima und eine Frau für sich gewonnen habe. Diese fatale Auffassung ist auch Bestandteil der Jungschen Psychologie. Erich Neumann gilt als Autor, der die Jungsche Intention am klarsten aufgenommen und durch die Deutung von »Amor und Psyche« am eindrücklichsten dargestellt habe. Mit anderen Worten: Das tiefenpsychologische Erotikkonzept der Jungschen Schule ist ein ganz und gar patriarchales Konzept. Es kommt darin die ausbeuterische Grundhaltung gegenüber dem weiblichen Geschlecht zum Ausdruck. Dieses Konzept, das die Liebe in zwei Teile spaltet und den unpersönlichen Teil dem Manne und den persönlichen Teil der Frau zuordnet, ist zutiefst frauenfeindlich. Denn es ist nur auf das erotische Wohlergehen des Mannes ausgerichtet (siehe auch die Kritik von Gerda Weiler in: Der enteignete Mythos. Eine notwendige Revision der Archetypenlehre C. 0. Jungs und Erich Neumanns. München 1985).

 

III. Die Sehnsucht der Frauen nach der überpersönlichen (matriarchalen) Liebe, dargestellt an Sabina Spielreins Liebe zu C.G. Jung

 

Meine These ist, dass Frauen in matrizentrierten Gesellschaften und in der menschlichen Frühzeit nicht unpersönlich, geliebt haben, wie Neumann unterstellt, sondern überpersönlich, und dass die Sehnsucht nach dieser Form der Liebe bis heute nicht verklungen ist. Unter überpersönlicher Liebe verstehe ich das Hinzukommen von spirituellen und gesellschaftlichen Aspekten. In diesem Sinne ist mir in den Werken und Tagebüchern von Sabina Spielrein auch ihre Sehnsucht nach der überpersönlichen Liebe aufgegangen, die ich hier als Beispiel anführen will. Während Aldo Carotenuto und Johannes Cremerius (Herausgeber und Kommentatoren von Spielreins Schriften und Tagebüchern) die Beziehung Spielrein-Jung unter dem Aspekt des Mißbrauchs innerhalb der Psychotherapie betrachten, will ich die Sehnsucht Spielreins nach überpersönlicher Liebe in den Vordergrund rücken. Ich werde auch aufzeigen, dass Jungs Verhalten Ausdruck und Folge des patriarchalen Liebeskonzepts war, dem er wie Neumann ver­haftet war und verhaftet blieb in seinem Konzept von Animus und Anima.

    An dieser Stelle interessiert mich im besonderen, dass Spielrein die asymmetrische Struktur des Jungschen Liebeskonzepts er­kannt und auf der intellektuellen Ebene darauf reagiert hat. Als ihr schmerzlich bewußt wurde, dass ihre Vorstellungen von Liebe erheblich von de­nen ihres Geliebten abweichen, schrieb sie einen vielbeachteten Aufsatz: »Die Destruktion als Ursache des Werdens«. Darin entwirft sie ihre Sicht von Liebe. Sie kennt die überpersönliche, matriarchale Liebe aus der Mythologie. Sie schreibt, es sei auffallend, »wie die leidenschaftlichen Dichter so gern in ihren Werken sterben«. Sie verweist auf eine Form der Liebe, die sich altruistisch aufopfert oder unter bestimmten Voraus­setzungen »tödlich« sei. Sie erinnert an die heftig liebenden Helden bei Shakespeare, die sich nicht mit der Aktivierung eines kleinen Teiles der Libido begnügen, »welcher zu einer gewöhnlichen Lie­besvereinigung notwendig wäre«. In ihren Beispielen sind es bezeichnenderweise Männer, die sich aus Liebe aufopfern. Das hat seine guten Gründe, wie wir noch sehen werden.

    Der Ausgangspunkt ist, dass die neugebackene Medizinerin Sabina Spielrein von Jung (1908) die Einladung zur »freien Liebe«, zur Polygamie erhält. Sie sei für die freie Liebe geschaffen, nicht für Ehe und Mutterschaft. Er seinerseits könne das Glück der Liebe, der stürmischen, ewig wechselnden Liebe nicht entbehren. Er suche den Menschen, der zu lieben versteht, ohne damit den anderen zu strafen, einzusperren und auszusaugen. Er liebe sie für ihren großartigen und stolzen Charakter und für die Größe ihrer Leidenschaft. Er benötige ihre Liebe, denn er fürchte für seine Arbeit, für sein Lebensziel und für all die hohen Bestimmungen, die eine werdende neue Weltanschauung ihm zeige. Wenn die Liebe zu einer Frau in ihm erwache, dann sei sein erstes Gefühl ein Gefühl des Bedauerns, des Mitleides mit dem armen Weib, das von ewiger Treue und anderen Unmöglichkeiten träumt und für ein schmerzliches Erwachen bestimmt sei. Seine Arbeit erscheine ihm aber wichtiger als die momentanen Probleme und Leiden der Gegenwart, und er bemerkt beiläufig, dass er schon als kleiner Knirps von einer Magd knapp vom sicheren Tode gerettet worden sei.

    Trotz dieses fragwürdigen Ausgangspunktes reagiert Spielrein zunächst mit Begeisterung. Hat ihr Geliebter doch eine Form der Liebe beschworen, die Bekanntes in ihr anklingen läßt. - Es ist eine Liebe, die nicht nur »eine gewöhnliche Liebesvereinigung« anstrebt, sondern in Zusammenhang mit seelischen und allgemeinmenschlichen Entwicklungen steht. Jungs Hinweis auf die Entstehung einer »neuen Weltanschauung« paßt ganz in ihr eigenes Weltbild, und die Opfer, die eine solche Idee fordert, sind ihr nicht fremd. Dank der neuen Weltanschauung, der Psychoanalyse, hat sie aus ihrer Pubertätshysterie herausgefunden, konnte ihr Studium weiterführen und es als Medizinerin und Psychiaterin abschließen. Jung (er war Spielreins Therapeut) fühlte sich, wie er sagt, durch eine merkwürdige Parallelität der Gedanken mit ihr verbunden. Er war ganz allgemein von der intelligenten, belesenen und interes­sante Träume produzierenden jüdischen Studentin angezogen. Beide wurden schließlich von einer tiefen Leidenschaft ergriffen.

    Jung befand sich zu dieser Zeit in einer Lebenskrise. Er schreibt: »Wer auf das Wag­nis, zu erleben, verzichtet, müsse den erotischen Wunsch in sich ersticken und eine Art Selbstmord begehen«. Der Verzicht auf den erotischen Wunsch führe aber zu Todesphantasien, also zu einer Depression, in der die Kräfte und Lebensenergien abzusterben dro­hen. Jung spricht hier von seinem eigenen Zustand.

    Aber Spielrein zögert plötzlich. Sie hat das Gefühl, es sei etwas Unheimliches, Zerstörerisches im Gange. Aber Jung hält das weib­liche Zögern für das Zögern »des Neurotischen«, das lebendige Leben zu wagen, oder als Mangel an weiblicher Großmut. Doch Spielrein sieht es anders. Sie stellt die These auf, dass beim menschlichen Individuum sowohl ein »Werdetrieb« als auch ein Zerstörungstrieb vorhanden sei. Der mehr aktiv veranlagte Mann habe mehr sadisti­sche Phantasien, er wolle die Geliebte zerstören. Der Zerstörungs­wille könne jedoch ausgeschaltet werden, wenn zur Sexualität »Treue« hinzukomme. Das Zögern der Frau deutet sie als Angst vor der eigenen Liebesglut, die zu einer Situation führen könnte, in die sie nicht geraten will. - Jung schreibt ihr aber, das Leben verlange »der Opfer und der Selbstverleugnung, der Unterordnung des Trot­zes und des Stolzes unter die Gesetze der hingebenden Liebe. Nur wenn Sie das Glück des Andern suchen, wird Ihnen das eigene Glück zuteil«. Und weiter beschwört er, dass sie einzig durch dieses Selbstopfer sich »in neuer und verschönerter Gestalt« gewinnen werde.

     Spielreins Zögern betrifft aber keineswegs die Verzichte und Opfer, die diese Beziehung und die »neue Weltanschauung« ihr abverlangen. Diese ist auch ihre eigene geworden. Daneben kennt sie aber auch noch eigene Ziele, Wünsche und Bedürfnisse, die in ihrem Liebeskonzept Teil der übergeordneten Idee sein müßten. Entsprechend dem matriarchalen Konzept der überpersönlichen Liebe müßten zudem beide Liebenden sich der Opferidee unterstellen. Das Selbstopfer werde auch vom Manne und nicht nur von der Frau gefordert, im Unterschied zu Jungs Vorstellungen. Spielrein erwähnt das mythische Beispiel »Senta und der Holländer«. Beide seien bereit, sich total »destruieren« zu lassen. Sie tauchen gemeinsam ins kalte Wasser unter, um gemeinsam in verschönerter Gestalt wieder zu erstehen. – Auch der Begriff der »Heiligen Hochzeit« aus dem Hohelied des Alten Te­staments ist der Jüdin Spielrein natürlich bekannt. Jung aber vertritt die Auffassung, Spielrein müsste sich seinen Zielen un­terordnen und sich für ihn aufopfern. Seine Vorstellung entspricht aber nicht der matriarchalen, sondern patriarchalen Vorstellungen von Liebe. Und das ist es, was Spielrein intuitiv er­kannte und ihrem Geliebten - wenn auch vergeblich - mitzuteilen versuchte.

    Daß in Jungs Konzept von der freien Liebe der Wurm steckt, vermochte Spielrein dank ihrer mythologischen Kenntnisse zu er­kennen. Anstatt der von ihr ersehnten überpersönlichen Liebe bot er ihr eine einseitige persönliche Liebe in Form eines Selbstopfers an, die den Selbstverlust der Frau nach sich zieht. Spielrein versuchte, das Destruktive dieses Arrangements zu erklären. Es ist aber nicht das Fehlen von Treue auf Seiten des Mannes, wie Spielrein irrtümlich glaubte, das den Persönlichkeits­verlust der Frau zur Folge hat, sondern die Asymmetrie der Zu­weisung von Verzicht und Opfer, sowie das Fehlen von Identifika­tion mit den Wünschen und Bedürfnissen der Frau. Zum Glück ist Spielrein nicht bereit, ihren eigenen Lebensentwurf zugunsten des persönlichen Egoismus eines Mannes zu opfern. Nach der Tren­nung von Jung und Heirat mit einem anderen Mann studierte sie noch Musik und Komposition. Sie komponierte Lieder und Cho­räle. In Rußland, ihrem Herkunftsland, gründete und leitete sie auch ein Kinderheim sowie eine Kinderklinik mit psychotherapeu­tischer Ausrichtung (Carotenuto, S.344-345). Zudem bekam sie zwei Töchter, denen sie eine aufmerksame Mutter war. Es wäre überaus lohnenswert, Spielreins Schriften systematisch auf ihre matriarchalen Vorstellungen zu unter­suchen.

Nachdem Jung von Spielrein verlassen worden war, wurde sein patriarchales Konzept in einem Buch in seiner ganzen ausbeuterischen Vorstellung sichtbar. Darin beschreibt er die Rolle der Frau: Die vom »Helden ersehnte Geliebte« ist die, die ihn »versteht« wie die Mutter. Die Grundbedeutung des Verstehens sei, »sich um etwas herumstellen«. Die Geliebte soll auf seine Bedürfnisse wie eine Mutter reagieren, sowie auf sein Verlangen und seine Triebe.

    Ich wiederhole: Die unpersönliche Liebe ist nicht Produkt des Matriarchats, sondern des Patriarchats. Das Patriarchat spaltet die Liebe in zwei Teile und ordnet die persönliche, heilmachende Liebe der Frau zu. Bis heute ist die herrschende Auffassung, dass die Frau nicht anders könne, als persönlich zu lieben. Und die tradi­tionelle Psychologie tut das Ihre dazu, diese Auffassung zu zementieren. Jung beispielsweise warnt Frauen ausdrücklich davor, unper­sönlich zu lieben. Es bekomme ihnen nicht gut, es sei gegen ihre Natur. Der Mann dagegen könne unbeschadet unpersönliche Ver­hältnisse eingehen, Liebe machen und dann an seine Arbeit gehen (von Jungs SchülerInnen wird diese Auffassung in einer herberen Sprache mündlich tradiert). Emma Jung, die Ehefrau von C. G. Jung, hat seine Botschaft von der persönlichen Liebe der Frau ge­treulich aufgenommen und weitergetragen. Das eigentliche Gebiet für die Lebensgestaltung der Frau sei die Gestaltung der Beziehun­gen; dies sei das eigentliche Gebiet für die weibliche Schöpferkraft (Emma Jung: Animus und Anima). Dies im Unter­schied zu Spielrein, die dem eigenen Lebensentwurf Priorität einräumte. Sie lehnte es zu Recht ab, sich dem Egoismus eines Mannes zu opfern, der seine Lebens- und Arbeitsfähigkeit wiedergewinnen will - auf ihre Kosten.

    Spielreins Sehnsucht nach der überpersönlichen Liebe blieb unerfüllt. Die Sehnsucht der Frauen nach dieser Liebe besteht weiter. Die matriarchale überpersönliche Liebe könnte jedoch mit der Zeit wieder Gestalt gewinnen, wenn wir Frauen uns vermehrt damit beschäftigen und uns fragen, in welcher Weise in der heutigen Zeit überpersönliche Aspekte in die erotisch/sexuelle Liebe einge­bracht werden könnten.

 

IV Das Konzept: überpersönliche Liebe – Konzept unpersönlich/persönliche Liebe und die Angst vor der Domestizierung der Sexualität

 

Im Laufe meiner Arbeit über weibliche Sexualität und Autonomie fiel mir auf, dass uns Begriffe fehlen, um die Form der Liebe zu bezeichnen, nach der sich Sabina Spielrein, Iris von Roten und viele andere Frauen sehnen. Weder im tiefenpsychologischen Konzept, das ich anhand von Neumanns »Amor und Psyche« dargestellt habe, noch im Konzept der sexuellen Revolution ist enthalten, wo­nach sich Frauen im erotisch/ sexuellen Bereich sehnen, was aber in matriarchalen Kulturen vorhanden war oder teilweise noch vorhanden ist. Ich nenne diese Form der Liebe im Folgenden die überpersönliche erotisch/sexuelle Liebe und spreche vereinfa­chend vom matriarchalen Liebeskonzept. Dieses wiederum unter­scheide ich vom patriarchalen Liebeskonzept. Neumanns tiefen­psychologisches Konzept gehört zweifelsohne zu den patriarchalen Konzepten. Es ist gekennzeichnet durch das Gegensatzpaar unper­sönliche/persönliche Liebe, wobei die unpersönliche Liebe dem männlichen, die persönliche Liebe dem weiblichen Geschlecht zu­geordnet wird. Im Folgenden werde ich den Unterschied zwischen den beiden Konzepten deutlich machen, um dann für den Stand und die Entwicklung der Geschlechterbezie­hung eine Zuordnung machen zu können.

 

1. Die überpersönliche erotisch/ sexuelle Liebe, wie sie in matriarchalen Gesellschaften verstanden wird, umfaßt persönliche, gesellschaftliche, sexuelle und spirituelle Aspekte. Auch die wirtschaftliche Solidarität zwischen den Geschlechtern ist gesellschaftlich geregelt. Die Liebesfeste sind eingebettet in Rituale, was aber nicht heißt, dass sie unpersönlich gleichgültig abliefen. Doch waren sie ein symbolischer Akt, der einer heiligen Lebens- und Geistenergie in der Fruchtbarkeit galt. Diese Feste waren weit entfernt vom banalen Turnprogramm der sexuellen Revolution und noch weiter entfernt von jenen ordinären Orgien der heutigen Sexindustrie. Das Ritual trug auch dem menschlichen Bedürfnis nach Entgrenzung Rechnung, aber ebenso dem Bedürfnis nach Sicherheit in der Grenzerfahrung der Vereinigung. Die gemeinsame und sorgsame Vorbereitung der Liebesfeste, die Symbole und Rituale, die emotionale Sicherheit in der weiblichen Gruppe sowie die wirtschaftliche Solidarität der Männer auf gesellschaftlicher Ebene, das waren die zusammenwirkenden Faktoren im ge­schlechtlichen Arrangement, das den Frauen die Sicherheit gab, sich der Entgrenzung unbeschadet hingeben zu können. Die matriarchale sexuell/erotische Liebe lebt von der Dynamik der Libido, also von der urtümlichen Lebensenergie und Lebenskraft. Dies im Unterschied zum patriarchalen Liebeskonzept, das von der Dyna­mik der Aggression lebt. In diesem aggressiven patriarchalen Kon­text gibt es in der »freien Liebe« keine emotionale oder persönliche Sicherheit für die Frau.

    Ich verweise nochmals auf die Bedingungen, die Iris von Roten nannte, um für die erotisch/sexuelle Liebe der Frau wieder eine komfortablere Situation zu schaffen: Der Wunsch der Frau, umwor­ben und verlockt zu werden. Der Wunsch, wählen zu können. Der Wunsch nach freier Liebe (was so viel heißt, dass Frauen nicht von Natur aus monogam sind). Der Wunsch nach Zärtlichkeit. Der Wunsch nach einem Ritual der Liebe, was so viel heißt, dass viele Frauen die Sexualität als vitales Fest gestalten und nicht ein se­xuelles Turnprogramm oder eine Pflichtleistung absolvieren wol­len. Der Wunsch nach wirtschaftlicher Solidarität: was heißt, dass Frauen nicht für wirtschaftliche Sicherheit ihren Körper verkau­fen oder eheliche Pflichten erfüllen wollen. - Ferner erinnere ich an die Sehnsucht von Sabina Spielrein nach der »Heiligen Hoch­zeit«, bei der beide Liebenden bereit sind, soziale Opfer und Ver­zichte auf sich zu nehmen, sofern sie durch spirituelle und gesell­schaftliche Aspekte der überpersönlichen Liebe gefordert sind. In der überpersönlichen Liebe geht es eher um die Erreichung von hoher Qualität des Zusammenseins als um Quantität.

 

2. Im patriarchalen Konzept des Gegensatzpaares unpersönlich-persönlich Liebe herrscht die Dynamik der Gewalt. Es funktioniert nach dem Grundmuster des Patriarchats: Aggression, Spaltung und Ausbeutung. Die Dynamik der Gewalt ergibt sich aus der künstlich hergestellten Gegensatzspannung zwischen den Geschlechtern. Das patriarchale Konzept erachtet männliche Aggression im Verhältnis zum weiblichen Geschlecht bzw. für den heterosexuellen Akt als notwendig und Ausbeutung des weiblichen Geschlechts für eine Form der Liebe. Kurz: Die Bedingungen für die erotisch/ sexuelle Liebe der Frau sind hier nicht erfüllt.

 

3. Die Angst vor einer Domestizierung der Sexualität: Was in matriarchalen Kulturen undenkbar war, die Angst vor der Domesti­zierung der Sexualität, ist eine ständig präsente Angst im Patriar­chat. Wie bereits erwähnt, wird den Feministinnen vorgeworfen, ihre Kritik an der männlich/ aggressiven Sexualpraxis sei ein tö­richter Versuch, die Sexualität domestizieren zu wollen. Und das Ir­ritierende an diesem Vorwurf ist: Diese Sicht wird von manchen Frauen geteilt. Herrad Schenk z. B. meint, die scharfe Ausprägung des Sadomasochismus als Perversion sei vielleicht eine nur zu verständliche Reaktion auf die vollständige Domestizierung der Sexualität durch Liebe. - Barbara Sichtermann geht noch weiter: Es scheine oft, als hätten die Pornogegnerinnen - an der Spitze Alice Schwarzer - die Vision einer herrschaftsfreien, freundlichen und gleichmäßigen Sexualität, in der es kein Oben und kein Unten, kein Abhängigkeits- und Ohnmachtsgefühl einerseits, keine lustvollen Machtgefühle andererseits gäbe. Sie hält das für »eine Fiktion von „Eierkuchen Sexualität“, in der zwei lächelnde Gesichter und vier offene Arme zufrieden ineinander sinken«.

 

Eierkuchen-Sexualität ist ein aufreizendes Stichwort. Es enthält zwar im Kern einen richtigen Vorwurf. Aber erstens ist er an die falsche Adresse gerichtet, und zweitens ist der Vorwurf Ausdruck eines unhi­storischen Denkens. Hier nochmals die Fakten:

 

a) Der Vorwurf ist an die falsche Adresse gerichtet: Die Eierkuchen Sexualität ist nicht ein weibliches, sondern ein männliches Vorrecht sowie ein männlicher Anspruch an die Frau und eine männliche Wunschphantasie. Es sind Männer, wie wir bei Neumann und Jung gesehen haben, die von der Geliebten eine erotische Mamawelt einfordern und zimperlich reagieren, wenn Frauen keine Lust haben, das rosarote Liebchen zu spielen, das permanent auf das Bedürfnis des Mannes, auf sein Verlangen, seine Triebe reagiert. Dieser Eierkuchen ist für die Stillung des männlichen Hungers und von Männern für Männer ausgedacht.

 

Heutige Psychologen denken aus der gleichen Perspektive: Markus wünscht sich von seiner Frau, dass sie seinen Penis streichelt und bis zum Orgasmus massiert. Er klagt dem männlichen Psychologen, dass die Frau das Massieren aber ablehne. Sie sage, dass sie sich dabei »wie eine Nutte« vorkomme. Der Psychologe antwortet: Er verstehe die Äußerung dieser Frau "als Zeichen ihrer Unsicherheit, sexuell eine derart aktive Rolle zu übernehmen. Vermutlich fühlt sie sich in dieser Situation nicht wohl... Vielleicht hilft die gemeinsame Lektüre eines Sexualratgebers, Ängste und Vorurteile abzubauen« (Koni Rohner, Brückenbauer, 10 / 1993).

    Dem feministischen Blick fällt auf, dass der Psychologe ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass sexuelle Aktivität der Frau eine Aktivität zugunsten des Mannes sei oder zu sein habe. Er mutet der Frau zu, sie solle im sexuellen Bereich eine selbstlos aufopfernde Rolle übernehmen, ungeachtet ihrer Abneigung. Es fällt weiter auf, dass er die Ablehnung der Frau nicht als Ausdruck ihres Anspruchs auf eigene Lust interpretiert. Vielmehr wird sie als Gehemmtheit (Unsicherheit) und Störung interpretiert. In Wirklichkeit ist es ein Zeichen von Autonomie, wenn eine Frau sagen kann, dass es ihr keinen Spaß macht, die alte altruistische Rolle zu übernehmen und den männlichen Anspruch auf eine »Eierkuchen-Sexualität« zu erfüllen. Im Klartext sagt die Frau, dass der Mann ihr im Grunde die Rolle einer »Nutte« zuschiebt, denn er erwartet von ihr, dass sie seine onanistische Eigenliebe befriedigt, wobei er nach ihrer Lust nicht fragt. Täte er dies, dann würde er nicht versuchen, sie in die Ecke der sexuell Verklemmten zu schieben.

    Der männliche Egoismus scheint keine Grenzen zu kennen, auch wenn die sexuellen Ansprüche diesmal nicht im sadistisch/aggres­siven Gewand daherkommen. Der Psychologe verweist in seiner Argumentation sogar auf die matriarchalen Kulturen, um den männlichen Anspruch ins Recht zu setzen: »In matriarchalen Kulturen soll es... einen Phalluskult gegeben haben. Die männliche Erektion wurde als Symbol der Liebe und der lebensspendenden Schöpferkraft verehrt«. Die Sexualität sei nicht derart abgespalten gewesen »von der übrigen Alltagspersönlichkeit wie in unserer patriarchal geprägten Kultur: Er meint ferner: "Ich fürchte, dass sowohl Potenzstörungen als auch sexuelle Übergriffe damit zu tun haben, dass es Männern in unserer Gesellschaft selten gelingt, ihre Sexualität als etwas Liebenswertes in ihre Persönlichkeit zu integrieren. Die patriarchale Rollenverteilung ist nicht nur für Frauen einschränkend, sie beschert auch Männern verhängnisvolle Defizite."

 

    Das klingt nun so rührend menschlich und richtig. Die Rolle beschert Männern auch Defizite, Das männliche Defizit sieht der Psychologe aber nicht darin, dass Männer gewohnt sind, Sexualität einzufordern, anstatt die Bedingungen zu erlernen, unter denen die Frau ebenfalls erotisch/sexuell befriedigt werden kann. Das männliche Defizit sieht er vielmehr darin, dass die Frau den Penis des Mannes gewissermaßen zu wenig liebe: »Paare können das männliche Geschlechtsorgan wie ein lebendiges Wesen behandeln und es zärtlich ins Zusammensein einbeziehen, als wäre es eine dritte Person. Vielen Paaren gelinge dies nicht, obwohl sie sich lieben. "Hemmungen und Ängste wirken als Blockade. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der männlichste Teil des Mannes in der Öffentlichkeit tabu ist«.

    Es reizt zum Lachen: Die Rede von der defizitären Zärtlichkeit der Männer wird ins Gegenteil verkehrt. Anstatt den Mann daran zu erinnern, dass er Zärtlichkeit gegenüber der Frau lernen muss, kommt der Psychologe auf die Idee, die Frau solle den Penis zärtlicher lieben. Ja noch mehr: Er stilisiert den Penis zu einem eigenen Wesen, gar zu einer eigenen Person hoch. Die infantile männliche Nabelschau ist perfekt. Die sexuellen Bedürfnisse und die Persönlichkeit der Frau treten in den Hintergrund. In matriarchalen Kulturen vermochten Männer den Penis hingegen noch als Lustspender für die Frau in der sexuellen Vereinigung zu verstehen.

 

b) Für Frauen gibt es keine Eierkuchen Sexualität: Für die Frauen hat das Patriarchat den Krieg der Geschlechter ausgedacht, der ein Krieg gegen das weibliche Geschlecht ist. Von Erich Neu­mann haben wir gehört, dass die Hochzeit für den vom Patriarchat geprägten Mann primär ein Raub, eine Aneignung, ja eine Vergewaltigung sei. Die Symbole für das männliche Geschlechtsorgan sind Kriegswaffen, Gewehre, Pistolenläufe, Kanonen, also keineswegs lächelnde Gesichter gegenüber Frauen, sondern Aggression, die sich in der Pornographie zum sadistischen Inferno steigert.

 

e) Der Vorwurf zeugt von einem unhistorischen Denken: Zu sa­gen, die scharfe Ausprägung des Sadomasochismus sei eine nur zu verständliche Reaktion auf die vollständige Domestizierung der Sexualität durch die Liebe, entstammt einem unhistorischen Den­ken. Vielmehr ist der Sadomasochismus ein Produkt des patriar­chalen Erotikkonzepts der unpersönlich/persönlichen Liebe. Eine zum Konsumgut verkommene männliche Sexualität ist zwangsläu­fig zu Impotenz und Lustlosigkeit verurteilt.

    Zur Domestizierung und Lustlosigkeit der Sexualität hat zweifellos die banale Auffassung der »sexuellen Revolution« beigetra­gen, die Erotik als Sport und Fitnessprogramm mißversteht. Eine »Liebe«, aus der alles verbannt ist, was die erotische Begegnung zweier Persönlichkeiten psychologisch spannend und interessant machen könnte, ist automatisch zur Lustlosigkeit und Leere verurteilt. Die erotische Anziehung nährt sich aus vielschichtigen Aspekten: Prägung und Gegensatzspannung der menschlichen Psyche rufen nach schicksalsträchtigen Begegnungen. Die von den Män­nern beklagte Domestizierung der Sexualität ist ein Produkt falscher männlicher Konzepte und keineswegs ein Postulat der Frauen.

 

V. Das patriarchale Erotikkonzept ist zu überwinden - aber wie?

 

Was kann die Frau tun, um den patriarchalen Mißstand zu verändern bzw. den Mann dazu zu bringen, sie so zu lieben, wie er selbst geliebt werden möchte? - Die Frage kann auch anders gestellt werden: Was hat der Mann der Frau zu bieten, was sie von ihresgleichen nicht bekommen kann? In vielen Fällen können Frauen diese Frage nicht beantworten, selbst dann nicht, wenn sie vom Mann rundherum frustriert sind und nicht einmal mehr die Sexualität mit ihm genießen können. Genaugenommen ist es also nicht sehr viel. Und dies Eine kann die Frau auch noch auf andere Weise bekommen als in der patriarchalen Ehe, wie wir gesehen haben.

    Die Antwort auf die Frage, was zu tun ist, damit auch Frauen erotische Befriedigung erleben können, kann nur lauten: Befreiung von den patriarchalen Erotikkonzepten. Wie wir gesehen haben, kümmert sich dieses Konzept weder um die Lust noch um die Per­sönlichkeit der Frau. Alles dreht sich um den Mann, und daran hat auch die Aufklärungsliteratur der 70er Jahre nichts verändert. Männer glauben noch immer, die sexuellen Bedürfnisse der Frau seien identisch mit denen des Mannes.

    Wenn Fragen nach der weiblichen Sexualität auftauchen, waren und sind sie ziemlich detailbezogen: Finden Frauen Liebe wichti­ger als Sex, und wenn ja: Ist ihnen das anerzogen, oder sind sie von Natur aus so? Mögen sie Kuschelsex lieber als wilde, aggressive Liebesspiele? Stimmt es, dass sie kleine Affären und kurze Seiten­sprünge weniger genießen können als Männer, weil bei ihnen im­mer Verliebtheit oder gar die große Leidenschaft mit im Spiel sein muss? Warum haben Frauen weniger Interesse an Pornographie? Oder haben sie vielleicht ähnlichen Spaß daran wie Männer und sind nur zu prüde und unterdrückt, es sich einzugestehen? Was ist mit dem weiblichen Masochismus - handelt es sich da um ein frauenfeindliches Vorurteil, oder haben Frauen nicht doch alle den tiefinnerlichen Wunsch, von einem Mann heftig »genommen« zu werden? - Wie und wo wollen sie stimuliert werden? Welche Posi­tionen beim Geschlechtsverkehr sind für sie körperlich am befriedi­gendsten? Das waren nach Herrad Schenk angeblich die Fragen, die Frauen beschäftigen.

    Diese Art Beschäftigung mit der »Lust« der Frauen führt nir­gendwohin. Alice Schwarzer war eine der ersten, die den gesellschaftlichen Bezug herstellte. Die Frage nach dem weiblichen Begehren muss die gesellschaftliche Perspektive, die Situation umfassen. -  Andrea Dworkin stellte die Frage nach der sexuellen Autonomie der Frau. Sie wies auf das Machtverhältnis in der Heterosexualität hin, die mit männlicher Macht und Dominanz und mit weiblicher Ohnmacht und Erniedrigung gekoppelt sei.

 

Hat sich denn gar nichts verändert? »Seit die Frauen sich das Recht herausnehmen, mit ihrer Sexualität ähnlich umzugehen wie Män­ner, können die Männer sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Frauen in den Beziehungen den Pol der Emotionalität, der Treue, der Geborgenheit und der Zuverlässigkeit repräsentieren, während sie sich auf das Abenteuer, das Risiko, die äußere Selbstbestätigung spezialisieren. Ganz gewiß gilt die Formel: Männer wollen Sex, Frauen wollen Liebe, heute nicht mehr« (Schenk, S. 255).

    Manche Frauen erheben heute den Anspruch, ihre Sexualität auf unpersönliche Art zu leben wie die Männer: Sie antworten auf un­persönliche Liebe mit unpersönlicher Liebe. Das ist auch eine Form von Autonomie und Symmetrie. Wir haben keinen Grund, darüber zu moralisieren, nachdem die Tiefenpsychologie den Männern das unpersönliche Lieben zugesteht. Es gab und gibt auch Frauen, die der heterosexuellen Liebe den Rücken kehren und zur lesbischen Liebe aufrufen. Solche Frauen bestehen darauf, »dass wir als Frauen stärker auf Liebe, Sinnlichkeit, Stimmung, Zärtlichkeit und Verbindlichkeit gesetzt haben« (Robin Morgan). Wobei allerdings der in der Lesbenszene auftauchende Sadomasochismus die These vom sanften Frauensex schon bald widerlegte. Schenk beschreibt, dass es auf der anderen Seite zur Romantisierung der Liebe kam: Man schwärmte wieder von ganzheitlichen Begegnungen, auf die sich zwei Menschen mit ihrer ganzen Person einlassen sollten. Ver­pönte Worte wie Liebe, Verliebtheit, Leidenschaft, Zärtlichkeit, Eifersucht und Treue sowie die dazugehörigen Gefühle feierten ein triumphales Comeback (Schenk, S. 33).

    Auch auf Männerseite kam es zu Veränderungen: Ehetherapeuten klagten, dass viele Männer den sexuell anspruchsvoller gewordenen Frauen nicht gewachsen seien. In den 30er Jahren hätten sich die Ehefrauen über die ständigen sexuellen Ansprüche ihrer Männer beklagt. Jetzt überwiege die Klage der Männer, unter sexuellem Dauerstreß zu stehen (Vance Packard: Die sexuelle Verwirrung). Wilfried Wieck beobachtet eine zerstörerische Selbstüberforderung in der Sexualität. Er macht dafür den Männermythos verantwortlich, der durch die Pornographie und die gesamte Literatur transportiert werde (Wieck: Männer lassen lieben). Ich teile diese Meinung nur bedingt. Vielmehr mache ich grundsätzlich das patriarchale Erotikkonzept dafür verantwortlich. Dieses Konzept begründet und unterstützt den Männermythos, der ohne dieses auf schwachen Füßen stehen würde, wie bereits dargelegt.

    Die Therapeutin Sigrid Steinbrecher (1990) stellt eine immer häufiger vorkommende sexuelle Verweigerung bei Männern fest. Männer erklären einfach: »Ich kann nicht« und strafen mit ihrer Impotenz wirkungsvoll die Frauen, die sich sofort fragen: Was habe ich bloß falsch gemacht? Warum fühlt er sich durch mich kastriert« (Schenk, S.83-86). Die neuere Männerliteratur, die Sex-Handbücher und therapeutischen Ratgeber stellen den Mann plötzlich tendenziell als verletzlich und schutzbedürftig dar.

 

Zusammenfassung und Fazit: Die Antwort auf die Frage, was die Frau tun kann, um eine komfortablere erotisch/sexuelle Situation herzustellen, kann nur lauten: »Überwindung und Ablösung des patriarchalen und tiefenpsychologischen Erotikkonzepts. Der Stand der Diskussion zeigt, dass leider noch nicht einmal alle Frauen, die sich als feministisch verstehen, dieses patriarchale Konzept als frauenfeindlich und zerstörerisch ansehen. Trotzdem: Wichtige politische Schritte sind in Vorbereitung, um die Situation der Frauen zu verbessern, beispielsweise Gesetze gegen sexuelle Gewalt und Unterdrückung. Auch die Schritte zur Erkämpfung des Rechts, dass Frauen mit Frauen den »Bund fürs Leben«, die Ehe, schließen können, gehört zu den hoffnungsvollen Schritten. Der Bund fürs Leben gibt Frauen eine Möglichkeit, mit ihresgleichen solidarische Beziehungen im matriarchalen Sinne einzugehen. Also Bindungen, die sozial, emotional und wirtschaftlich tragend sind. Ob dann auch noch erotisch/sexuelle Komponenten mitspielen und ob die Beteiligten diese als erst- oder zweitrangig betrachten, ist deren eigene Sache.

    Wie wir gesehen haben, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, damit Frauen autonom und vital erotisch/sexuell lieben können. Solche Bedingungen haben wir in matriarchalen Gesellschaf­ten festgestellt. Frauen benötigen eigene tragende soziale, emotionale, wirtschaftliche und spirituelle Bezugsnetze, ähnlich wie sie in matriarchalen Verhältnissen existieren oder existiert haben. In solchen Verhältnissen ist die Sexualität weder domestiziert noch ge­walttätig/ausbeuterisch. Vielmehr lebt sie von der urtümlichen Lebenskraft, die die hohe Zeit (Hochzeit) des Überschwangs kennt, aber ebenso die Zeiten, in denen das Interesse primär auf den Alltag mit seinen sozialen Beziehungen und reichhaltigen Tätigkeiten ge­richtet ist. Es geht dabei nicht um die Umkehrung der Verhältnisse. Vielmehr geht es um die Berücksichtigung der Bedürfnisse beider Geschlechter.

 

Wir brauchen ein feministisches Erotikkonzept, in dem das pari­tätische Geschlechterverhältnis formuliert ist. In diesem Konzept wird es für beide Geschlechter konventionelle Möglichkeiten geben, sich Angehörigen des anderen Geschlechts unverbindlich zu nä­hern. Beide machen sich füreinander interessant, schön und angenehm. Beide Geschlechter dürfen werben und wählen und sich umwerben lassen. Beide haben das Recht auf liebevolle Behandlung - die heftige Umarmung schließt die liebevolle Behandlung nicht aus. Beide haben Anspruch auf die »freie Liebe« im Sinne überpersönlich/matriarchaler Liebe. In der überpersönlichen Liebe ist auch das Bedürfnis nach einem Ritual der Liebe enthalten. Es sind neue Bilder und Symbole für die überpersönliche Liebe notwendig. Ins neue Konzept müssen auch neue Formen von wirt­schaftlicher Solidarität zwischen den Geschlechtern Eingang fin­den. Und ebenso müssen Vorstellungen entwickelt werden, wie die wirtschaftliche Solidarität zwischen Angehörigen des weiblichen Geschlechts wieder aufgebaut werden kann. Es werden selbstverständlich vertieftere Studien durch feministische Forscherinnen nötig sein, um die in diesem Aufsatz aufgeworfenen Probleme anzugehen.

 

Anmerkungen

1.Von Roten, Iris: Frauen im Laufgitter. Offene Worte zur Stellung der Frau. Bern 1958/ Zürich 1992, S. 231

Meier-Seethaler, Carola: Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie, Zürich 1988

3. Neumann, Erich: Amor und Psyche. Ein Beitrag zur seelischen Entwick­lung des Weiblichen, Zürich 1951

4. Spielrein, Sabina: Sämtliche Schriften. Freiburg 1. B. 1987

5. Carotenuto, Aldo: Tagebuch einer heimlichen Symmetrie. Freiburg 1.B. 1986.

6. Schenk, Herrad: Die Befreiung des weiblichen Begehrens. Köln 1991, S.188

7. Schwarzer, Alice: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frankfurt a. M. 1977. In EMMA, Köln seit 1977 und 3/93 hier stimmt etwas nicht, kontrollieren im Original

8 Dworkin, Andrea: Pornographie. Männer beherrschen Frauen. Köln 1988

 

Literatur

Rohde-Dachser, Christa - Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblich­keit im Diskurs der Psychoanalyse. Berlin, 1991.

Schenk, Herrad - Die Befreiung des weiblichen Begehrens. Köln, 1991.

Schwarzer, Alice - Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frank­furt a. M., 1977. Zeitschrift EMMA, Köln seit 1977 und 3/93.

Spielrein, Sabina - Sämtliche Schriften. Freiburg i. B., 1987

Von Roten, Iris - Frauen im Laufgitter. Offene Worte zur Stellung der Frau. Bern, 1958,1959. Zürich, 1992.

Weiler, Gerda - Der enteignete Mythos. Eine notwendige Revision der Archetypenlehre C. G. Jungs und Erich Neumanns. München, 1985.