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208 – Warum wurde C.G.Jung in seinen letzten Jahren immer böser? – 19.01.2015

 

Elisabeth Camenzind

 

1    Immer böser: Dass Jung «in seinen letzten Jahren immer böser» wurde, hat der ehemalige Leiter des Jung-Instituts, Prof. C.A. Meier, zu der Psychotherapeutin Anna Maria Jokl gesagt. Sie erwähnt dies in ihrem Buch «Die Reise nach London» (1999). C.A. Meier, der inoffiziell als Jungs Nachfolger betrachtet worden war, habe dies erst zu ihr gesagt, als er selber von Jungs Bosheit getroffen worden sei. Das erste Mal habe sich das Böse von Jung an ihr (Jokl) manifestiert, später an ihm (S. 80). - Wie war es dazu gekommen?

2    Ausmass der Bosheit: Auf Anraten der Jungianerin und Trainingsanalytikerin Toni Sussmann war die hochbegabte A.M. Jokl von London nach Zürich gekommen zum Studium am neu gegründeten C.G. Jung-Institut (1948). Nachdem sie das Studium mit grossem Erfolg abgeschlossen hatte, war ihr jedoch von mehreren Seiten geraten worden, auf die Abschlussprüfungen zu verzichten, weil Jung und das Kuratorium beschlossen hätten, sie bei den Prüfungen durchfallen zu lassen. Jokl wollte dies aber nicht glauben. Auch C.A. Meier hatte ihr geraten, von den Prüfungen abzusehen, weil «man» am Institut nicht wolle, dass sie - eine Jüdin - als erste ein Diplom in Jungscher Therapie bekomme. Jokl kommentiert sarkastisch: «Das also war der grosse Jung, der in genialer Schau die Konzepte des kollektiven Unbewussten, der Synchronität, das Streben der Psyche zum Geistigen und zur Vollständigkeit als Naturprozess in die Welt gebracht hat? Wie war solcher Geist mit so miserabler Realität zu vereinen?» Schliesslich trat Jokl vor den letzten Prüfungen zurück, nachdem sie begriffen habe, dass ihr gegenüber ein «entschlossener Feind mit einem geplanten Trick» saß (gemeint C.G.Jung). Plötzlich habe sie das «ganze Ausmaß seiner Bosheit» verstanden. Der Widerspruch zwischen dem Jung, den sie erwartet hatte, und seiner Realität sei zu gross gewesen; sie habe ihn nicht bewältigen können (A.M. Jokl: Die Reise nach London. Wiederbegegnungen, Jüdischer Verlag Frankfurt a. Main, 1999).

3    Subjektstufe: Während der erneuten Lektüre von Jungs «Antwort auf Hiob» tauchte bei mir die Frage auf, ob das Buch als eine Auseinandersetzung mit seinem eigenen Bösen, mit den Widersprüchen seiner eigenen Psyche, gelesen werden könnte. Ich meine: Ja. Jahwe und Hiob, mit denen er sich abwechselnd identifiziert, können im Sinne der Betrachtung auf der Subjektstufe als Anteile von Jungs Person gelesen werden, wobei mich interessiert, wie Jung selber sein Bösesein interpretiert und wertet.

4    Zorn und Eifersucht: Jung beschreibt den alttestamentlichen Gott Jahwe als einen Mann, der in seinen Emotionen maßlos war und an eben dieser Maßlosigkeit litt. Jahwe «gab sich selber zu, dass ihn Zorn und Eifersucht verzehrten und dass ihm dieses Wissen leidvoll war.» (11) Es bestehe bei Jahwe ein Widerspruch zwischen Erwartung und Realität: «Einsicht bestand neben Einsichtslosigkeit, wie Güte neben Grausamkeit und wie Schöpferkraft neben Zerstörungswillen. Es war alles da, und keines hinderte das andere.» Jung resümiert, dass ein derartiger Zustand nur denkbar sei, wenn «entweder kein reflektierendes Bewusstsein vorhanden sei oder aber die Reflexion ein bloß ohnmächtig Gegebenes» darstelle. Ein solcher Zustand könne nur als ein amoralischer bezeichnet werden. - Im Zusammenhang mit C.A. Meiers und A.M. Jokls Erlebnis ist leicht erkennbar, dass Jung hier projizierend seine eigenen Widersprüche und Affekte beschreibt: Güte existierte neben Grausamkeit, Schöpferkraft bestand neben Zerstörungswillen, und keines hinderte das andere. Tatsächlich bezeichnete die Fama ihn kritisierend als der «heilige und brutale» Jung.

5    Eine Wunde: Jung fährt fort, dass das Wissen um den unreflektierten Zwiespalt und das Leiden von Jahwe kein verständnisvolles Mitgefühl auslöse, sondern einen ebenso unreflektierten wie nachhaltigen Affekt. Dieser Affekt komme einer Wunde gleich, die nur langsam heile. Mit diesem Passus scheint Jung sowohl subjektstufige als auch objektstufige Erfahrungen zu formulieren. Nicht alle Menschen bringen Verständnis oder Mitleid für Jungs zwiespältiges Verhalten auf. Darum gibt er die vorhandenen Wunden zu bedenken, wobei er erklärt, die eigenen Affekte entsprächen einer verursachenden Gewalttat. In Zusammenhang mit seinem eigenen (sexuellen) Trauma redet Jung sogar von einem Attentat, das er als Zwölfjähriger durch einen von ihm verehrten Mann erlitten habe. Dies hatte er gegenüber Freud selber erwähnt. Insoweit wären Jungs heftige Affekte verstehbar.

6    Nachahmung der Gewalttat: Allerdings schlägt Jung dann einen überaus fragwürdigen und befremdlichen Umgang mit dem «Affekt» vor. Man solle besser den Affekt zugeben und sich seiner Gewalt unterwerfen, obgleich man durch den Affekt alle schlechten Eigenschaften der Gewalttat nachahme und sich dadurch desselben Fehlers schuldig mache. Jung meint also, es sei richtig und empfehlenswert, die groben Affekte des Täters nachzuahmen. Jung argumentiert sogar, dass dies genau der Zweck des Geschehens sei, dass der Affekt in den Menschen eindringe. Der Mensch müsse affiziert sein, aber er müsse wissen, was ihn affiziert habe, damit sich die Blindheit der Gewalt und des Affekts in Erkenntnis verwandeln könne. Jung meint also, die aggressiven Gefühle, die er in sich feststellt, müsse er nicht nur wahrnehmen und zugeben, sondern müsse sie in Aggressions-Handlungen umsetzen, in der fälschlichen Meinung, andernfalls sei es nicht möglich, daraus Erkenntnis zu gewinnen.

7    Affekt oder Affekthandlung: Auffallend ist, dass Jung nicht unterscheidet zwischen einem zerstörerischen Affekt als Gefühlswahrnehmung und der Umsetzung der Aggression in Handlung. Dass wir das Böse in uns wahrnehmen müssen, um daraus über unsere eigene Person und über unsere Gefühlswelt Erkenntnis zu gewinnen, ist zweifellos richtig. Problematisch und irreführend ist hingegen die Behauptung, man müsse alle «schlechten Eigenschaften und Gewalttaten nachahmen», weil nur auf diese Weise Erkenntnis möglich sei. Dass Jung «ungescheut und rücksichtslos dem Affekt das Wort lassen» will, wie er sagt, und auf Ungerechtes mit Ungerechtem antworten will, wäre richtig und angebracht, wenn es um sprachliche Einwendungen ginge gegen Machthaber und Unterdrücker. Menschen die unterdrückt werden muss zugestanden werden, dass sie sich verbal und auch sonst gegen Terror und Ausbeutung zur Wehr setzen. Jungs irrtümliche Meinung ist aber, nur mittels Nachahmung zerstörerischer Affekthandlungen sei es möglich, in Erfahrung zu bringen, warum oder wozu er (der Knabe Carl Jung) verwundet wurde – ebenso wie der biblische Hiob. Diesem Passus entnehme ich unter anderem, dass Jung erkennen und verstehen möchte, welches Interesse, welches Gefühl einen «Attentäter» zum sexuellen Übergriff auf ein Kind (auf ihn) veranlasst haben könnte.

8    Dynamik und Allmacht: Vom Blick auf Jahwe wechselt Jung auf Hiob und stellt bei diesem einfühlend und identifizierend den «Schreck beinahe völliger Vernichtung» fest. Hiob sei ein «im Staub kriechender, halbzertretener Menschenwurm», der sich zu gering nenne, um mit dem mächtigen Jahwe zu rechten. Zunächst habe es Hiob gelüstet, Jahwe vor Gericht zu ziehen und an seine Gerechtigkeit zu appellieren. Aber Hiobs Freunde warnten ihn vor einem solchen (verrückten) Vorgehen mit Hinweis auf Jahwes Macht. - Möglicherweise hatte auch Jung einmal erwogen, den Attentäter vor Gericht zu ziehen, unterliess dies aber aufgrund der Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens. - In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass sich um Jung herum die Menschen ebenfalls duckten, im Wissen, dass sie von seinem wütenden Bannstrahl getroffen werden könnten (dies wussten z.B. die Leute, die Maria Jokl vor Jungs Bannstrahl und Zorn gewarnt hatten). Auf der anderen Seite gab es auch Menschen, die von Jung Güte und Sorge erfahren haben. Zum Beispiel meine Analytikerin, die mir nach Jungs Tod (1961) sagte, dass sie unter seinem persönlichen Schutz gestanden habe. Die Analytikerin war eine zum Katholizismus übergetretene Jüdin, die Physik studiert und in diesem Fach doktoriert hatte. Sie gehörte zu jenen, die von Jung Güte erfahren haben.

9    Hiobs Grösse: Höchst eigenartig mutet an, was Jung unter menschlicher «Grösse» versteht. Das größte an Hiob sei, dass er an der Gewissheit festhalte, in Jahwe einen Helfer und Anwalt zu finden, obwohl ihm klar sei, dass Jahwe mit sich selbst in Widerspruch stehe. Dem Hiob sei das Gute in Jahwe ebenso gewiss wie das Böse. Dieser Bewunderung fügt Jung eine noch befremdlichere Sicht an: Hiob wisse erstaunlicherweise Bescheid über den Zusammenhang, dass die innere Gegensätzlichkeit die unerlässliche Voraussetzung für Jahwes ungeheure Dynamik, Allmacht und Allwissenheit sei.

10    Phänomen Jahwe: Dieser Passus ist nicht nur befremdlich, sondern erschreckend. Wird doch bei Jung eine auffallend starke Faszination von der ungeheuren Wirkung der «Affekte» deutlich. Noch erschreckender ist es, weil es sich um die von ihm explizit bezeichneten Affekte handelt, die seiner Meinung nach «unerlässliche Voraussetzung» für Dynamik an sich sind: Maßlosigkeit, Grausamkeit, Zerstörungswille. Aus dieser katastrophalen theoretischen Vorgabe, mit der Jung an patriarchale Vorstellungen anknüpft und sich dadurch gestützt fühlt, lässt sich Jungs Faszination für die Maßlosigkeit des Nationalsozialismus' und der Hitlerjugend herauslesen. Kritiklos und anpasserisch hatte Jung die damals geltenden Theorien über männliche Grösse und Dynamik übernommen. Zugleich versuchte er sich aus der theoretischen Schlinge zu ziehen, indem er gegenüber Kritikern einräumte, dass seine Sicht anfechtbar sei. Jung setzt jedoch ergänzend hinzu, von einem Menschen, der uns Böses antut, könnten wir nicht erwarten, dass er uns Helfer sei, aber Jahwe sei eben kein Mensch, sondern beides, er sei Verfolger und Helfer in einem. An anderer Stelle sagt Jung, Jahwe sei ein Phänomen, kein Mensch. Nach dieser Logik wäre es für «phänomenal» mächtige Autoritäten legitim, sich gegenüber Menschen maßlos und zerstörerisch zu verhalten. Mit dieser Botschaft machte sich Jung mit der zerstörerischen Herrschaftsabsicht der arischen Elite gemein. An machtlose Menschen ging implizit die verharmlosende und vertröstende Botschaft, sie würden von der Hitlerei ebenfalls profitieren und Hilfe erhalten, sofern sie sich konform verhielten.

11    Mensch oder Gott: Jungs Logikführung ist sowohl irritierend als auch diffus. Dies betrifft zum einen die Behauptung, es bestehe ein urtümlicher und nicht aufzuhebender Zusammenhang zwischen zerstörerischen Affekten, Dynamik und Erkenntnis. Indem Jung nun sagt, Jahwe sei eben kein Mensch, widerspricht er seinen eigenen Voraussetzungen. Für ihn ist ja ganz klar, dass die Aussagen über Jahwe nichts anderes sind als Aussagen über die Beschaffenheit der menschlichen Psyche, gemeint der männlichen Psyche. Mensch und Gott seien eben nicht deutlich voneinander zu trennen, meint Jung weiter. Man wisse nicht, wo das Menschliche aufhöre und wo das Göttliche beginne. Jung meint also, je mehr ein Mensch sich unberechenbaren Gefühlen und bösen Affekten überlasse, umso näher befinde er sich bei den schöpferischen und göttlichen Kräften. Später wird die Philosophin Hannah Arendt, die als Jüdin vom Nationalsozialismus verfolgt wurde, Jungs Vorstellung von männlicher «Grösse» eine ganz andere Sicht und Beobachtung entgegenstellen. Das Böse habe mit «Grösse» oder Genialität rein gar nichts zu tun, sagt sie. Sie hatte als Berichterstatterin am Straf-Prozess gegen Adolf Eichmann teilgenommen, der massgeblich an der Organisation der «Endlösung», das heisst an der Ausrottung der Juden, beteiligt war. An Eichmann war kein Quentchen an Grösse wahrzunehmen, vielmehr stellte sie bei ihm eine kaum fassliche «Banalität» in seinem Denken und Fühlen fest. (Hannah Arendt:  Ein Bericht über die Banalität des Bösen, 1999).

12    Höllische Einsamkeit: Auf die Frage, warum Jahwe so böse sei, gab Jung allerdings noch eine andere und überraschende Erklärung ab. Jahwe könne sich nur mittels eines Objekts ein Gefühl eigener Existenz verschaffen. Die Abhängigkeit vom Objekt sei absolut, eine Trennung sei lebensgefährlich. Er bedürfe einer bewussten Widerspiegelung seiner Gedanken, um wirklich zu existieren. Er bedürfe bewusster Menschen, obgleich er auf der anderen Seite deren Bewusstwerden am liebsten verhindern möchte. Jahwe bedürfe der Akklamation einer kleinen Menschengruppe. Er würde mit blinder Zerstörungswut reagieren, wenn es dieser Versammlung einfallen wollte, mit dem Beifall aufzuhören. Dann würde er in höllische Einsamkeit und in qualvollstes Nichtsein versinken, gefolgt von einer allmählich wieder erwachenden, unaussprechlichen Sehnsucht nach dem Etwas, «Das Mich Mir Selber fühlbar macht» (Hervorhebung von Jung).

13    Um sich selber spürbar zu sein: Diese Schilderung ist, wenn wir sie als Selbst-Aussage von Jungs eigener Gefühlslage verstehen, ein eindrückliches und bedrückendes Bekenntnis. Jungs Bekenntnis lautet, er sei permanent von Selbstentfremdung bedroht, die sich bis zum totalen Selbstverlust steigern und ausarten könne. Eine solche quälende Gefühlslage ist heute als Folge von sexuellen Übergriffen zur Genüge bekannt und dokumentiert. Um sich selber spürbar zu sein, sagt Jung darüber hinaus, bedürfe er der Akklamation einer kleinen Menschengruppe. Nach einer anderen Quelle redete Jung im kleinen Kreis von Jungianern ganz ähnlich: «Um sich zu fühlen», greife der Mann «zu Gewalttaten, und er plage seine Umgebung, oder er müsse aufschneiden, um sich wichtig nehmen zu können.» (Margret Ostrowski-Sachs: Aus Gesprächen mit C.G.Jung, 1965). – Jung redete demnach über seine eigene Befindlichkeit.

14    Pläne mit den Menschen: Im selben Abschnitt bringt Jung noch eine weitere Erklärung, warum Jahwes Abhängigkeit vom Objekt absolut sei. Jahwe sei nicht wie Zeus ein Gott, dem es genüge, wenn die Menschen ihm Opfer darbrachten. Jahwe brauche die Menschen, denn er hatte Pläne mit ihnen. Sie waren ihm sogar ein Anliegen erster Ordnung. Er brauche sie ebenso, wie sie ihn brauchen, dringlich und persönlich. Jahwe habe sich maßlos über Individuen aufregen können, wenn sie sich nicht so benahmen, wie er wünschte oder erwartete. - Bekanntlich brauchte auch Jung die Menschen ganz dringlich und persönlich und wurde wütend, wenn sie sich nicht so benahmen, wie er wünschte oder erwartete. Bei dieser intensiven persönlichen Bezogenheit habe es nicht ausbleiben können, dass sich daraus ein eigentlicher Bund entwickelte, der sich auch auf einzelne Personen bezog, zum Beispiel auf David. Jahwe habe es als lebenswichtig empfunden, das ihm unerlässliche Objekt definitiv an sich zu binden. Es war ein Vertrag, der für beide Teile Vorteile versprach. Trotz solcher Vorsichtsmassnahmen sei der Vertrag mit David in Stücke gegangen. – Wie erinnerlich, war Jungs Vertrag mit seiner vormaligen Patientin Sabina Spielrein in ähnlicher Weise in die Brüche gegangen. Er hatte sie an sich zu binden versucht mit dem Hinweis, sie sei nicht für die Mutterschaft geschaffen, sondern für die freie Liebe. Und er verlangte von ihr feste «Abmachungen». Sie aber wollte Liebe und Mutterschaft, nicht das eine ohne das andere. Folgerichtig ging sie die Ehe mit einem anderen Mann ein und bekam zwei Töchter. Dies nahm Jung ihr übel, und er geriet danach – wie bekannt - in eine tiefe Krise, die ihn an den Rand einer Psychose brachte. Dank einer anderen – wieder sehr jungen ehemaligen – Patientin (Tonia Wolff), die Jung nun definitiv an sich zu binden verstand, hat er in die Realität zurückgefunden. Toni Wolff war 1909 (21-jährig) als Patientin zu Jung gekommen, und wurde von diesem schon drei Jahre später (1912) vor die Aufgabe gestellt, ihn vor dem drohenden Absturz in die Psychose zu retten. Hier stellt sich die Frage, wie es überhaupt dazu kam, dass die hoch intelligente und attraktive junge Frau bereit war, sich so total auf ihren Therapeuten einzulassen, anstatt ein Universitäts-Studium zu beginnen und selbständig zu werden. So blieb sie, im Unterschied zu Sabina Spielrein, lebenslang ans Jung-Institut und an Jung gebunden, mit verheerenden Folgen, wie noch zu zeigen sein wird. 

15    Bannstrahl über Jung: Pläne hatte C.G.Jung auch mit Sigmund Freud. Zunächst war es Freud, der mit C.G. Jung Pläne hatte. Freuds Vorstellung war, Jung würde seine Psychoanalyse weitertragen und ihn (Freud) berühmt machen. Für Jung dagegen bedeutete der Bund mit Freud zunächst, von einem «Vater» anerkannt und unterstützt zu werden, um schliesslich mit dem Erfolg versprechenden älteren Freud auch selber bekannt und prominent zu werden. Als Jung nicht tat, was Freud von ihm erwartete, warf Freud den Bannstrahl über ihn. Nach der Auflösung des Bundes rechtete Jung zunächst mit seinem Förderer Freud, fühlte sich später aber, wie oben bereits erwähnt, von Psychose bedroht und gänzlich vernichtet – genauso wie Hiob.

16    Geheimer Widerstand: Sich erneut mit Hiob identifizierend, schildert Jung einfühlend, es sei kein erhebender Anblick, wie rasch Jahwe seinen treuen Knecht Hiob dem bösen Geist preisgebe und ihn mitleidlos in den Abgrund physischer und psychischer Qualen fallen lasse. Dabei greift Jung zu einer weiteren und reichlich fern abliegender Begründung. Ob in Jahwe vielleicht ein geheimer Widerstand gegen Hiob vorhanden gewesen sei. Ob Hiob etwas an sich gehabt habe, das «Gott» nicht habe. Danach fährt Jung auf der Realebene fort, der Mensch besitze wegen seiner Kleinheit, Schwäche und Wehrlosigkeit sowie aufgrund seiner Selbstreflexion ein schärferes Bewusstsein als die Mächtigen. Der Mensch müsse sich dem allgewaltigen Gott, beziehungsweise den Mächtigen der Erde gegenüber immer seiner Ohnmacht bewusst und daher vorsichtig sein. Er begründet dies mit dem Hinweis, dass bei Jahwe gegenüber Hiob eine Eifersucht vorliege, weil Hiob ein zwar unendlich kleines, aber konzentrierteres Licht (Bewusstsein) besitze als er. Eine Eifersucht solcher Art könnte auch das Benehmen Jahwes erklären. Er (Jung) fände es begreiflich, dass eine derartige, nur geahnte und nicht begriffene Abweichung von der Definition eines bloßen Geschöpfes, das Misstrauen von Jahwe erregte. Ohne Verzug habe Jahwe den Hiob seiner Herden beraubt, seine Knechte, seine Söhne und Töchter erschlagen etc. In kürzester Frist hätten sich dunkle Taten gehäuft: Raub, Mord, vorsätzliche Körperverletzung, Rechtsverweigerung. Er habe mindestens drei von den von ihm selber auf dem Sinai erlassenen Geboten in flagranter Weise verletzt. – Bekanntlich war Jung nach der Veröffentlichung seines Buches «Symbole der Wandlung» von Angst erfüllt und überzeugt, dass Freud ihn mit zerstörerischen Affekthandlungen verfolgen würde. Schliesslich war Jung zuvor ja selber vor Verleumdung und Lügen nicht zurückgeschreckt, als er sich von Sabine Spielrein bedroht meinte. Sie aber schrieb in ihr Tagebuch: «Wie könnte ich den Menschen verehren, der lügt, der mir meine Gedanken stiehlt, der mir nicht Freund, sondern kleinlich schlauer Rivale ist?» - Zerstörerische Affekte sind bei Jung zweifelsohne auch bei der Theoriebildung von Animus und Anima im Spiel: Er legt nämlich die Frau im Verhältnis zum Mann auf den Status eines blossen Geschöpfs fest und spricht ihr ein selbstbestimmtes Leben sowie Denkfähigkeit ab und ebenso die Fähigkeit zur Individuation (Ursula Baumgardt: König Drosselbart und C.G. Jungs Frauenbild). Jung bestimmt die Frau als «Dienstmagd dem Männlichen gegenüber». (Margret Ostrowski-Sachs: Aus Gesprächen mit C.G. Jung, 1965 S. 18-19).

17    Unüberlegte Aufwallungen: Die Klagen, die Jung stellvertretend für Hiob gegen Jahwe vorbringt, könnten auch für die Klagen stehen, die Jung gegen seinen Bündnispartner Sigmund Freud vorzubringen hatte. Jung setzt sich über Seiten hinweg mit einer Figur auseinander, die an einen menschlichen Übervater erinnert. Zwischendurch jedoch schimmert wieder ein übermäßiges Verständnis für den wütenden Jahwe durch, das an eine projektive Darstellung von Jungs eigener wütender Gefühlslage denken lässt. - Jung meint, Jahwe rede dermaßen an Hiob vorbei, dass man unschwer sehen könne, wie sehr er mit sich selber beschäftigt sei (24). Wütend habe ihn gemacht, dass «die Menschen denken können, und erst noch über ihn». Das sei aufreizend unheimlich und sollte irgendwie verhindert werden. Was sein herumvagierender Sohn (gemeint Hiob) oft plötzlich produziere und ihn so unangenehm an der schwachen Stelle treffe, sei zu ähnlich dem, was er (Jahwe) selber tue. Wie oft habe er schon «seine unüberlegten Aufwallungen bereuen müssen» (30). – Hier redet Jung ziemlich sicher aus eigener Erfahrung. Auch er hatte sehr oft unüberlegte Aufwallungen bereuen müssen.

18    Misstrauen und Lügen: Hier stellt sich nochmals und eindringlicher die Frage, warum C.G. Jung in seinen letzten Jahren immer böser wurde. Es wäre vorstellbar, dass Jung später durch eine nur geahnte Abweichung von seiner Lehre von Misstrauen erregt war. Es wäre denkbar, dass auch Jung beabsichtigte, ohne Verzug den Schülerinnen und Schülern sein Wohlwollen zu entziehen oder sie sogar zu bestrafen, wenn sie sich nicht seinen Erwartungen entsprechend verhielten. Im Verhältnis zu Sabina Spielrein war Jung tatsächlich – wie bereits erwähnt - vor Lügen nicht zurückgeschreckt, als er meinte, sie habe öffentlich etwas über sein Verhältnis zu ihr verlauten lassen. Auch über seine Cousine Helly Preiswerk hatte er Unwahres verbreitet und damit ihr ganzes Leben zerstört (Stefanie Zumstein-Preiswerk: C.G. Jungs Medium. Die Geschichte der Helly Preiswerk). – An einer Stelle hatte Sabina Spielrein zum Beispiel geklagt, dass Jung ihr - anstatt Freund zu sein - die Ideen stehle, während sie auf ihrem Anspruch auf ihr geistiges Eigentum beharrte. Jung verbreitete zudem die Lüge, sie stelle ihm nach und habe es auf seine Verführung abgesehen, obgleich es umgekehrt war. In diesem Zusammenhang sei auch noch daran erinnert, dass Jung gegenüber Spielrein bekannt hat, in seiner Doktorarbeit habe er die S.W. – also Helly Preiswerk - aus Rache (unwahr) beschrieben: «Dieses Mädchen hatte er dann aus Rache in seiner Doktorarbeit beschrieben, sie sollte sehr hübsch und sehr gescheit sein.» (in: Aldo Carotenuto: Tagebuch einer heimlichen Symmetrie. Sabina Spielrein zwischen Jung und Freud, S.104). Es ist eine furchtbare Vorstellung, dass Jung seine Cousine, die er zweifelsohne geliebt hatte, «aus Rache» als pathologisch dargestellt und behauptet hatte, sie habe schliesslich einen totalen Persönlichkeitszerfall erlitten. Kurz vor seiner Heirat hatte er seine Cousine nochmals aufgesucht und ihr erklärt, aus ihnen beiden wäre sowieso nichts geworden, mit der Begründung, dass sie beide «arm wie Kirchenmäuse» seien. Es scheint ihm wichtig gewesen zu sein, dass Helly versteht, warum er nicht sie, sondern eine finanziell begüterte Frau heiratet.

19    Natur-Phänomene: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde über Jungs Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus nachgedacht. Es wurde Jung vorgeworfen, er habe die NS-Ideologie unterstützt. Heute (2000) sind genügend und eindeutige Beweise für diesen Sachverhalt vorhanden. Jung war von der Nazi-Ideologie begeistert. Er hatte darin den Durchbruch der Urgewalt menschlicher Affekte und Gefühle zu sehen geglaubt. Dies kommt auch in seiner Beschreibung von Jahwe als einem quasi Naturgott (Natur-Phänomen) zum Ausdruck, und dies, obgleich er in der dritten Fassung von «Antwort auf Hiob» (1961: dritte, revidierte Auflage von 1952) nicht mehr den herrschsüchtigen Jahwe, sondern den leidenden Hiob zur Hauptperson macht. Nicht mehr der selbstgewisse Jahwe wird als der Überlegene dargestellt, der von sich sagt: «Das bin Ich, der Schöpfer aller unbezwingbaren, ruchlosen Naturkräften, die keinen ethischen Gesetzen unterworfen sind, und so bin auch ich selber eine amoralische Naturmacht, eine rein phänomenale Persönlichkeit.» Vielmehr ist nun der machtlose und leidende Hiob nach Jung der eigentliche «Held», dem auch noch eine «moralische Genugtuung» zuteil werde. Unbeabsichtigt werde «der Mensch» trotz seiner Ohnmacht zum Richter über Gott erhoben. Dies, weil Jahwe sich nach dem Vorbild der Naturkatastrophen benehme, auf der anderen Seite jedoch geliebt, geehrt, angebetet und als gerecht gepriesen werden wolle. Auf jedes Wörtchen reagiere er empfindlich, das auch nur im entferntesten Kritik vermuten lasse, während er sich um seinen eigenen Moralkodex nicht kümmere, wenn sein Handeln mit seinen Paragraphen kollidierte. Weil Jahwe einerseits menschliches Glück und Leben achtlos zertrete, anderseits den Menschen zum Partner haben müsse, erhalte «der Mensch» beinahe göttliches Gewicht. Wer es wage, könne sehen, wie Hiob unwissentlich erhöht werde, indem Jahwe ihn in den Staub erniedrigt habe. – Mit dieser kaum fasslichen totalen Umkehr der Perspektive scheint Jung sein opportunistisches und zerstörerisches Verhalten entschuldigen und sich selber hinterher auch noch erhöhen zu wollen.

20    Ruchlose Naturkräfte: Ich habe mehrmals auf Jungs Faszination über die ruchlosen Naturkräfte hingewiesen sowie auf den Wechsel seiner Sympathien zwischen Jahwe und Hiob. Jung ist hin- und hergeworfen zwischen der Sympathie für den amoralischen Naturgott Jahwe und dem bewusstseinsfähigen und leidenden Hiob. Ständige Wechsel finden auch zwischen den psychologischen Ebenen statt, zwischen Subjektstufe und Objektstufe sowie ebenso zwischen Metaphysik und Realebene, ohne diese Wechsel reflektierend zu begründen. Das hat zur Folge, dass nie wirklich deutlich wird, was Jung eigentlich meint und sagen will. Zu Recht hat man Jung Unklarheit in der Gedankenführung vorgeworfen, während er sich verteidigte mit dem verallgemeinernden Hinweis auf die antinome Beschaffenheit der Psyche. In Wirklichkeit wäre auf der Theorieebene erst recht eine klare Unterscheidung zu treffen, was ja der Sinn von Theorie überhaupt ist. Mit anderen Worten: Jungs Theoriebildung ist Ausdruck von Willkür und Ausdruck einer extrem dissoziierten und gespaltenen Psyche, die mit der in der Kindheit erlittenen traumatischen Erfahrung im Sexualbereich zu tun haben dürfte. Darum war er zu einer logischen und klaren Gedankenführung unfähig. Dies soll keine Entschuldigung sein, denn das Trauma ist nur einer der Mosaiksteine zur Erklärung, warum Jung in seinen letzten Jahren immer böser wurde. An dieser Stelle geht es lediglich um die Relativierung von Jungs Anspruch, dass er ein «objektiv Erkennender und Wissender» sei, der es darum nicht nötig habe, einem «Glauben» anzuhängen, wie er meinte und vorgab in seinen Erinnerungen.

21    Partikulare Lebenseinstellung: Im Sinne der bahnbrechenden «Theorie der Gefühle» von der Philosophin Agnes Heller ist Jungs Gespaltenheit auch aus seiner partikularen Lebenseinstellung zu erklären. Eine partikulare Einstellung ist dadurch gekennzeichnet, dass stets und grundsätzlich die eigenen Bedürfnisse, Interessen und Triebe im Vordergrund stehen. Ein partikulares Verhalten war bei Jung speziell im Verhältnis zu Frauen zu beobachten (Helly Preiswerk, Sabina Spielrein, Toni Wolff u.a.). Diese Partikularität lässt sich auch in Jungs Begriff der «Individuation» feststellen, wo Moral und Ethik ausgeblendet und wie nichtexistent sind. Die Jungsche Individuation ist von einem moralisch/ethischen Defizit geprägt. Dieses Defizit erklärt, warum und wie es möglich war, dass Jung (bezüglich der Hitlerei) an einem Treffen mit gestandenen Psychiatern den Rat erteilte, die Psychiater sollten ihre vernunftmässige und moralische Kritik an der von der Jugend getragenen (Nazi-)Bewegung zurückstellen (Radiointerview 1933, in INTRA 26). Im Unterschied dazu  fordert Agnes Heller, zum Begriff der Individuation gehöre die Entwicklung zum «moralischen» Individuum, die hinzukommen müsse. Bis heute wirken sich diese Jung’schen Ungereimtheiten und Defizite auf theoretischer Ebene aufs Lehrgebäude von C.G. Jung aus und erfordern eine Revision. Jung jedoch vermerkt verharmlosend und wie befriedigt, Hiob habe schliesslich die Majestät Jahwes bedingungslos anerkannt (gemeint die Herrschaft des amoralischen Naturgottes Jahwes), wobei Jung auch noch erschreckend doppelsinnig folgert: «Die therapeutische Maßnahme des widerstandslosen Akzeptierens» habe sich wieder einmal bewährt. Während es doch gerade umgekehrt nötig und erforderlich wäre, dem absoluten Vorherrschen und Durchsetzen von Partikular-Interessen Grenzen zu setzen. Und dies sowohl in der eigenen Psyche als auch bei den partikularen Interessen von Gruppen und Staatsinteressen.

22    Unwahrheiten und Ausflüchte: Jung resümiert: Die Erhöhung des Hiob sei vom «Dichter» des Hiobdramas verschleiert worden. Jung nennt dies eine meisterhafte Diskretion, indem der Dichter den Vorhang in jenem Augenblick fallen lasse, in dem Hiob die Majestät Jahwes bedingungslos anerkenne. Andernfalls wäre ein Skandal in der Metaphysik heraufbeschworen worden mit verheerenden Folgen. Hier stellt sich die Frage, was mit Metaphysik gemeint ist. Die Frage ist, ob Jung auf die «Metaphysik» der damals regierenden Nazi-Ideologie und der Hitlerei zielt, der er selber erlegen war, über die nach biblischem Vorbild ein Vorhang gezogen werden sollte. Denn – wie Jung fortfährt – sei trotz dieser biblischen Verschleierung die Doppelnatur Jahwes offenbar geworden. Der Keim der Unruhe habe sich weiter entwickelt. Jung verweist auf das Hervortreten der Weisheit der Sophia sowie auf den Johanneischen Logos (Seite 32). - Die von Jung genannte «meisterhafte Diskretion» betrifft in Wirklichkeit die Verschleierung gravierender erkenntnistheoretischer und ethischer Defizite während der Nazizeit, und es fragt sich, ob Jung sich nach wie vor zu einer ähnlichen «Diskretion» beziehungsweise zu Unwahrheiten und moralischen Ausflüchten bezüglich Macht, Herrschaft und Grausamkeit bekannt hat.

23    Banalität des Bösen: In ihrem Buch «Die Banalität des Bösen» (1999) stellt die Philosophin Hannah Arendt bei einem Repräsentanten und Schreibtischtäter der Nazi-Ideologie die vollständige Abwesenheit «irgendwelcher tieferen Wurzeln oder Beweggründe» fest, auf die das «unbestreitbar Böse von Handlungen» hätte zurückgeführt werden können. Hingegen waren ihr ein «radikaler Verlust an Verantwortungs- und Urteilsfähigkeit» aufgefallen. «Die Taten waren ungeheuerlich, doch der Täter – zumindest jene einst höchst aktive Person, die jetzt vor dem Gericht stand (Adolf Eichmann), war ganz gewöhnlich und durchschnittlich, weder dämonisch noch ungeheuerlich.» Zudem beobachtete sie am Angeklagten «sein hemmungsloses Bedürfnis nach Gleichschaltung» und das «absolute Desinteresse daran, seine Vorstellungen und Handlungen überhaupt noch an der Menschlichkeit zu messen und für sie die individuelle Verantwortung zu übernehmen.» (Ingeborg Nordmann über das Werke von Hannah Arendt: in Barbara Hahn (Hg): Frauen in den Kulturwissenschaften, S.272).

24    Goethes «Faust»: Bei Jung fällt ferner auf, dass er bei sich eine tiefe Verwandtschaft mit Goethes «Faust» wähnte. Bekanntlich geht es in Goethes «Faust» ebenfalls um die Frage nach Gut und Böse. Auf Fausts Frage an Mephisto, wer er sei, antwortet dieser, er sei «ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.» Auf Faust‘s weitere Frage, was mit diesem Rätselwort gemeint sei, antwortet Mephisto: «Ich bin der Geist, der stets verneint, und das mit Recht; denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.» So sei dann alles, «was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt», sein eigentliches Element (Szene im Studierzimmer). Bei diesem Bösen geht es jedoch nicht, wie bei Jung, um blinde Zerstörungswut und Grausamkeit etc., sondern um ganz normale sexuelle Wünsche, die Faust leben sollte, was zur damaligen Zeit jedoch als sündig und teilweise sogar als krankmachend galt und verboten war. In Zusammenhang mit dem Sexualthema im Faust ist auch noch Jungs Hinweis im Hiob-Buch auf die hierarchische Geschlechterordnung zu erwähnen. Jung schreibt: «Adam besitzt die Priorität in jeder Hinsicht», Eva komme daher an zweiter Stelle. Ferner meint er, Gott wolle sich im Mysterium der himmlischen Hochzeit erneuern. Sich erneut mit dem Gott Jahwe identifizierend, meinte Jung offensichtlich, er selber sei berechtigt, sich mittels «himmlischer Hochzeit» mit Frauen «zu erneuern». Wie Adam dürfe und solle er seine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen und dabei die Frau umfänglich für seine Zwecke vereinnahmen. Dies hatte er zunächst mit Sabina Spielrein versucht und später noch gründlicher mit Toni Wolff, die erst nach Jahrzehnten hingebungsvoller Liebe und Arbeit wahrzunehmen vermochte, wie völlig Jung auf seinen eigenen Vorteil bedacht war und wie er sie - als es ihm für sein Image opportun erschien - auf die Seite stellte. Darauf hatte sie in selbstzerstörerischer Weise mit übermässigem Alkohol- und Zigarettenkonsum reagiert, was nach wenigen Wochen zu ihrem Herzinfarkt führte (Renate Höfer, Seite 261). Renate Höfer spricht von einer offensichtlichen Selbstzerstörung bei Toni Wolff, die auf diese Weise ihre mehr als tragische Situation beendet habe (Renate Höfer: Die Hiobsbotschaft C.G. Jungs. Folgen sexuellen Missbrauchs, 1997).

25    Schlachtfeld – Krieg: Als ganz unfasslich und entsetzlich habe ich Jungs Stellungnahme zum Krieg empfunden. Ich stiess erst in Jungs Gesammelte Werke auf diese Stellungnahme, die mir aber die Kritik am «brutalen, heiligen Jung» erst richtig verständlich machen. Über die Welt sagte Jung, sie sei ein «Schlachtfeld» und werde es immer sein, «und wäre dies nicht der Fall, so würde das Dasein bald ein Ende nehmen.» (in: Symbole und Traumdeutung: Die Funktion der religiösen Symbole (S. 266-267). Das heisst, dass Jung es für richtig hielt, dass die Welt ein Schlachtfeld bleibt. Zudem machte er die Hoffnung auf Weltfrieden, Gerechtigkeit oder Menschenrechte auch noch lächerlich, in der Meinung, dass ein Weltfriede die Welt in einen (langweiligen) «Kindergarten» verwandeln würde. Jung gehörte also ganz klar zu den Kriegsbefürwortern, und also auch zu den Befürwortern des zweiten Weltkrieges. - Ich sehe nun auch, dass Jung mit dem Unfehlbarkeitsanspruch der katholischen Kirche bzw. mit dem Festhalten an den Dogmen, ganz einig ging. Er sagt, die Kirche müsse dies tun, ansonsten die christliche Gesellschaft auseinanderfalle. Er verweist auf indianische Stämme, die zufolge des Verlustes ihrer religiösen Symbole ihrer Identität verlustig gegangen und auseinander gefallen seien. - Jung war also tatsächlich ein Opportunist, und dies, wie mir scheint, aus Gründen eines ausgeprägten Ehrgeizes. Erstens, indem er eine Kirche hochlobte, deren Satzungen er selber nicht glaubte, zweitens, indem er Kriege als unausweichlich behauptete und rechtfertigte und damit unterstützte. Auch als Person blieb er in fataler Weise doppelgesichtig. Einerseits kämpfte er um sein Recht auf eine eigene Identität im naturrechtlichen Sinne, weil die Natur gut und böse sei. Später wird Jung in seinen «Erinnerungen» selber erklären, er habe alles mit «doppeltem Boden» geschrieben. Was immer das heissen mag: doppelbödig oder tiefsinnig? Ich kann jetzt auch sehr gut erkennen, wie gewandt er sich kritischen Fragen zu entziehen verstand. Da es zu dieser Zeit nicht möglich war, Jungs Schriften und Verhalten umfänglich wahrzunehmen, war es auch nicht möglich, ihm seine eklatanten Widersprüche und den Mangel an ethischem Bewusstsein und Wahrhaftigkeit vor Augen zu führen. Es handelt sich um Widersprüche, die aus einem Mangel an intellektueller Redlichkeit resultieren, die er bei anderen so vehement einforderte. Aber auch aus einem Mangel an Schattenbearbeitung, die er ebenfalls bei anderen vehement einforderte. Aber weil in allem, was er sagte und forderte, ein Körnchen Wahrheit steckt, war es ihm gelungen, die Leute für seine Sicht einzunehmen. Ich verstehe nun auch die Vorsicht und das Unbehagen, das ich als junge Frau gegenüber den Lehren der Analytischen Psychologie im Rahmen meiner Psychotherapie spürte. Aus dem unbestimmten Gefühl, in etwas Undurchsichtiges hineingezogen und darin festgehalten zu werden, hatte ich eine persönliche Begegnung mit Jung sowie mit dem Psychologischen Club abgelehnt. Ein Traum zu dieser Zeit bezeichnete die Jungsche Schule sogar ganz respektlos als eine Sekte.

26    Ausgerutscht: Wie bereits gesagt, hat Jung seine Antwort auf Hiob erst nach dem zweiten Weltkrieg geschrieben. Also zu einer Zeit, in der er mit dem Vorwurf konfrontiert war, er sei Sympathisant und Kollaborateur der Hitlerei gewesen. Erst nachdem er von dem namhaften jüdischen Exponenten: Rabbiner Leo Baek, «in die Zange genommen worden war», habe er halbherzig zugegeben, er sei «ausgerutscht». (aus Internet: Leo Baek Institut, London). 

27 Schwere Schuldgefühle: Von Interesse dürfte ferner sein, dass C.G. Jung in den letzten Stunden seines Sterbens von schweren Schuldgefühlen heimgesucht wurde. Jung wurde bei seinem Sterben von einem reformierten Pastor aus dem Norden begleitetet (persönliche Mitteilung vom Sohn des Pastors, der 1961 als Sozial- oder Psychotherapeut im Jugendheim Gfenn in Zürich (Schwamendingen) arbeitete. Der Name des Heimpsychologen ist mir leider entfallen und somit auch der Name seines Vaters, und also des Pastors aus dem Norden.

28    Ein Bekenntnis ablegen: Schliesslich ist noch daran zu erinnern, dass Jung in seinen Erinnerungen explizit darauf hinweist, dass sein «Hiob» kein wissenschaftliches Buch sei. Er war vielmehr nach schwerer Erkrankung sozusagen von innen her gezwungen worden, ein Bekenntnis abzulegen. Zugleich ging es ihm zweifelsfrei darum, um Verständnis und Freispruch zu werben für seine allzu bereitwillige Unterstützung der NS-Ideologie, die aus Gründen von Ehrgeiz und Rachegefühlen gegenüber seinem Ziehvater Sigmund Freud erfolgt war.

29   Dienende Magd dem Männlichen gegenüber: Bezüglich der Therapie von Frauen sei noch erwähnt, dass Jung seinen Schülerinnen und Schülern vorschrieb, dass sie Frauen von ihren Visionen nach einer besseren Welt und ihrem Bedürfnis nach gesellschaftlicher Einflussnahme abbringen müssten: «Mit kaltem Wasser muss man sie herunter holen von ihrer Verstiegenheit.» Gemeint sind die Frauen, die sich nach Jungs Meinung «viel zu hohe Aufgaben, an sich zu hohe Anforderungen» stellen. Man müsse sich fragen: «Vor was will sie sich drücken»? – Sie stelle sich so hoch, «um von ihren dunklen Plänen zu flüchten, die sie eigentlich ausführen möchte.» Die Frau «müsse die Liebe entdecken, die die Sünde (des Mannes) zudeckt». Die Anima sei «die dienende Magd dem Männlichen gegenüber». Der Mann müsse der Frau «feindlich sein können, um sich von der Baubo1 zu lösen, die er in seiner Mutter sieht» (Margret Ostrowski-Sachs: Aus Gesprächen mit C.G.Jung, 1965, S. 18-19). – In diesen speziellen Gesprächen gab Jung den weiblichen Absolventinnen der Analytischen Psychologie den «Tarif» durch, unter welchen Bedingungen er bereit sei, Frauen als Psychotherapeutinnen zu dulden.

30    Zum Schluss: Wir waren von der Frage ausgegangen, warum C.G. Jung in seinen letzten Jahren immer böser wurde sowie, wie er sich selber zu diesem Bösen gestellt hat. – Nach den vorliegenden Ausführungen lässt sich unschwer feststellen, dass Jung sich zu seinem Böse-sein und zum Problem des Bösen ganz unterschiedlich und widersprüchlich geäussert hat. Zum Schluss soll auf die vier Punkte verwiesen werden, die der Feministin besonders auffallen: 1)Eine partikulare Lebenseinstellung,  2)gravierende Denkfehler und Behauptungen, 3)eine traumatisch bedingte Befindlichkeit sowie 4)Männlichkeitswahn.

31    Jungs partikulare Lebenseinstellung: Eine partikulare Lebenseinstellung liegt vor, wenn die eigenen Bedürfnisse und Wünsche grundsätzlich im Vordergrund stehen und andere Menschen in den Dienst dieser Wünsche und Pläne gestellt werden (Agnes Heller: Theorie der Gefühle). – Die partikulare Lebenseinstellung zeigt sich bei Jung speziell im Verhältnis zu Frauen (Helly Preiswerk, Sabina Spielrein, Toni Wolff u.a.). Schliesslich zeigt sich seine Partikularität auch in seiner Theorie. Um sich Frauen ungeniert und ohne Gewissensbisse nutzbar machen zu können, bestimmt er sie zu untergeordneten und dienstbaren menschlichen Wesen (Theorie von Animus und Anima).

32    Jungs gravierende Denkfehler: Zu den  gravierenden Denkfehlern und Behauptungen gehört, die Welt sei ein Schlachtfeld und werde es immer sein, «und wäre dies nicht der Fall, so würde das Dasein bald ein Ende nehmen.» Ferner, es bestehe ein nicht aufzuhebender Zusammenhang zwischen zerstörerischer Affekten, Dynamik und Erkenntnis, während es sich in Wirklichkeit um eine kritiklose Übernahme patriarchaler Ideologien handelt sowie um überhebliche Vorstellungen über menschliche Grösse (gemeint männliche Grösse). Schliesslich die Bestimmung, der Mensch (gemeint der Mann) habe beinahe göttliches Gewicht. Derlei Behauptungen zeugen von einem Mangel an qualifiziertem Denken sowie von Denkfehlern.

33    Jungs traumatisch bedingte Befindlichkeit: In Jungs Auseinandersetzung mit dem Gott Jahwe und mit Hiob wird eine tiefe seelische Verwundung sichtbar, die zweifellos aus dem sexuellen «Attentat», dem sexuellen Übergriff in der Kindheit resultiert. Die traumatisch aufgeladene Befindlichkeit wird in Jungs Schilderung von Selbstentfremdung bis zum totalen Selbstverlust deutlich. Ferner im Schrecken von totaler Abhängigkeit vom Objekt. Schliesslich auch im Gefühl von Orientierungslosigkeit, die allerdings noch mit dem lutherisch/christlichen Denkverbot verknüpft ist, dem Jung in seinem Elternhaus begegnet war. Bei Jungs Vater (Pfarrer) führte dieses Denkverbot zum Verlust von Vitalität und zum frühen Tod. 

34   Jungs Männlichkeitswahn: Auf Männlichkeitswahn kann geschlossen werden, wenn ein Herrschafts-Anspruch über die Frau besteht. Tatsächlich ist nach Jungs Meinung der Mann in jeder Hinsicht der erste, und die Frau die zweite, was er mit dem Verweis auf die Bibel, auf Adam und Eva begründet und abtut. Auf Männlichkeitswahn lässt auch die Auffassung schliessen, das Weibliche sei die Dienstmagd am Männlichen. 

35    Junger Mann - alter Mann: Natürlich müsste vom jungen, mittleren und alternden C.G. Jung unterschieden werden. Es müsste sichtbar werden, von welchen Auffassungen und Maximen Jung im Laufe des Lebens Abstand genommen und an welchen er festgehalten hat. Zum Beispiel habe Jung, wie Hans Dieckmann feststellt, bis zuletzt an der Hierarchie der Geschlechter festgehalten (Dieckmann in: Ursula Baumgardt: König Drosselbart und C.G.Jungs Frauenbild, S. 8). Genau besehen geschah dies aus Jungs Befürchtung, dass sonst sein ganzes Theoriegebäude zusammenbrechen würde, das auf dem hierarchischen Geschlechterverhältnis aufbaut. Aber genau dieses hierarchische Geschlechter-Verhältnis ist die Ursache für die extremen und weltweit katastrophalen ökologischen, politischen und sozialen Entwicklungen. Daher gilt es heute, der Geschlechter-Hierarchie den Kampf anzusagen, der mit der ersten und zweiten Frauenbewegung zwar begonnen hat, aber mit einer dritten Bewegung weiter geführt werden müsste. Zu diesem Kampf gehört es, von den Ausbildungsinstitutionen eine klare Absage an die Theorien zu fordern, welche die Geschlechterhierarchie aufrechterhalten und unterstützen. - Anna Maria Jokl hatte irrtümlich ganz selbstverständlich gemeint, Jungs Konzepte «des kollektiven Unbewussten, der Synchronität, das Streben der Psyche zum Geistigen und zur Vollständigkeit als Naturprozess» gelte auch für das weibliche Geschlecht. Zwar hatte Jokl sehr richtig die kritische Frage gestellt, wie «solcher Geist» mit so miserabler Jungscher Realität zu vereinen sei. Zu dieser Zeit war noch nicht erkennbar, dass die «miserable Realität» das Resultat von miserablen Denkmustern und Maximen ist. Das Missverständnis war keineswegs eine Folge der biblischen Meinung, der «Geist» sei willig, aber das Fleisch sei schwach. Im konkreten Fall verhält es sich gerade umgekehrt: Es war Jungs Geist, der nicht willig war. Dem patriarchal infizierten Geist widerstrebt es zutiefst, das weibliche Geschlecht als geistbegabt und gleichrangig zu achten, zu lieben, zu fördern und mit konkreten Frauen die Macht zu teilen. C.G.Jung wurde vermutlich auch darum immer böser, weil seinem Denkgebäude von weiblicher Seite immer mehr Kritik erwuchs, wodurch er sein Lebenswerk, in das er bekanntlich viel Arbeit gesteckt hat, vom Zerbröseln und Zusammenbruch bedroht sah. Jung schien zu befürchten, dass er selber erneut Gefahr lief, in den «Schreck beinahe völliger Vernichtung» zu fallen. Er hatte diesen furchtbaren Zustand anhand der Geschichte des biblischen Hiob eindrücklich geschildert. Männer, die den Zusammenbruch ihres aufgeplusterten männlichen Selbstbildes befürchten, waren und sind immer noch allzu bereit, Jungs «Geist» zu folgen, um Privilegien und Pfründe behalten zu können.

36    Zu 1) Baubo: Baubo (altgriechisch) ist eine Gestalt der griechischen Mythologie, die besonders in den Mythen der frühen Orphiker auftaucht. Sie gehört zum Mythos der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter. - Aus ihrer Rolle im eleusinischen Mysterienkult ergibt sich auch Baubos Aufgabe als Begleiterin der Demeter: Nach der Entführung ihrer Tochter Persephone durch den Unterweltsgott Hades trauert Demeter und wird von Baubo durch obszöne Scherze aufgemuntert. Konkret gehörte zu diesen Scherzen das Entblößen der Vulva. Die entblößte Vulva erfreut die Göttin und schreckt den Dämon.