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300 - Carola Meier-Seethaler - Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie

  

Fundamentales Wissen

«Ausgerüstet mit einem fundamentalen Wissen der gesamten archäologischen, ethnologischen, psychoanalytischen und feministischen Forschung», kommt die Autorin «zu so überzeugenden wie grundsätzlichen Einsichten, die nicht wegdiskutiert werden können».

Die Thesen

Unsere traditionelle patriarchale Kultur ist weder biologisch noch frühgeschichtlich eine natürlich gewachsene, selbstverständliche Kultur, sondern weltweit eine relativ späte, bewusst konstruierte Form von Kultur, deren Konstituierung mit der Etablierung von Gewaltherrschaft in jeder Form einhergeht.

Magisch-religiöse Aura

Die menschliche Kultur hat ihren Ursprung in matrizentrischen Kulturen, in denen die Autorität von Frauen nicht auf Herrschaft im üblichen Sinn, sondern auf deren magisch-religiösen Aura beruht.

Kulturprozess

Am Beginn des Kulturprozesses stehen weder irgendwelche Gegensatz-Prinzipien noch sich gegenseitig konkurrenzierende Grundkräfte (Libido/Thanatos). Es waren ganz konkrete Spannungen in der Gruppe, genauer die soziale Spannung zwischen den weiblichen und männlichen Mitgliedern der Gruppe, die die menschliche Sozialgeschichte und die Geistesgeschichte in Bewegung brachten. - Die eigentliche Schubkraft für die patriarchale Kulturentwicklung wären demnach Angstabwehr (vor dem numinos Weiblichen) und psychische Kompensation (aufgrund sozialer Frustration) und beides kann zu expansivem Erfolgsstreben, zu realitätsflüchtigen Illusionen oder kulturelle Höchstleistungen, oder zu explosiven Entladungen (Krieg) führen.

Schlüsselstellungen

Meier-Seethaler versteht sich insofern als Feministin, indem sie «die gleichen Anteile an allen Schlüsselstellungen in Kultur, Wirtschaft und Politik für die Frauen» fordert, zugleich aber auch «eine Umgestaltung dieser männlichen Domänen von ihrem Fundament und ihren Zielen her».

Lösungsversuche

«Mir geht es aber nicht um eine Feminisierung der Gesellschaft, sondern um ganzheitlich-menschliche Lösungsversuche, die mit irgendwelchen Wesenszuschreibungen an die Geschlechter nichts zu tun haben, viel jedoch damit, dass die männlichen Exponenten unserer Kultur erkennen müssten, wie einseitig und verhängnisvoll ihr Kulturbegriff ist.» (Interview Arche).

Frühgeschichte

Sie grenzt sich auch ab gegen Elisabeth Badinter, welche davon ausgeht, dass die Situation in der Frühgeschichte für beide Geschlechter gleichberechtigt, ausgeglichen und befriedigend war und eine «androgyne Angleichung» und die Auswechselbarkeit der Geschlechter» prognostiziert. Eine solche Sicht erklärt nicht, wie es zum Geschlechterkampf kam.

Einsame Studien

Erst Anfang 1986 traf Meier-Seethaler nach «jahrelangen einsamen Studien» auf eine Gruppe junger Philosophinnen an der Universität Bern, die sich systematisch mit der neueren feministischen Literatur auseinander setzten (12). Meier-Seethaler erwähnt folgende feministische Autorinnen: Betty Friedan, Kate Millet, Simone de Beauvoir, Karen Horney, Marielouise Janssen-Jurreit, Elisabeth Badinter, Dorothy Dinnerstein, Carol Gilligan, Nancy Chodorow, Anja Meulenbelt, Christina Thürmer-Rohr, Gret Haller, Caroline Merchant, Carol Hagemann-White, Marina Cambaroff, Gerda Weiler, Maria Mies, Hannelore Schröder, Luise Pusch, Senta Trömel-Plötz, Ursula Baumgardt, Maya Nadig, Esther Fischer-Homberger, Heide Göttner-Abendroth. Weiter erwähnt sie Marie König, Agnes Heller, Hannah Arendt, Shulamith Shahar, Silvia Bovenschen, Müttermanifest-Leben mit Kindern 1987, Bericht der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen.

Kollektive Rahmenbedingungen

Psychische Schwierigkeiten von Frauen und Männern sind nicht nur das Ergebnis einer gestörten Individualentwicklung, sondern ebenso stark von kollektiven Rahmenbedingungen. Eine der offensichtlichsten ist die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Sie stellt die Frage, wie lange es sich eine Gesellschaft rein wirtschaftlich leisten kann, ihre überbelasteten Männer zu Herzinfarkt-Kandidaten zu machen und die dazugehörigen Frauen wegen ihres Begabungs- und Produktivitätsstaus mit Psychopharmaka und stützender Gesprächstherapie über Wasser zu halten.

Gesamtlast der psychischen Probleme

Eine weitere kollektive Bedingung ist in der Zuweisung des gesamten Gefühls- und Beziehungsbereiches an die Frau. Sie trägt damit die Gesamtlast der psychischen Probleme aus ihrer Umwelt, während der Mann ausschliesslich um materielle Dinge kämpft. Die kollektive «Mutter-Imago» nährt die überfordernde Erwartung der Umgebung an die Frau und suggeriert dieser die krankmachende Selbstüberforderung, sodass ihr die persönlich Abnabelung von ihrer individuellen aufopfernden Mutter wenig nutzt.

Partnerschaftskonflikte

Der Einbezug des gesellschaftlichen Hintergrunds lässt auch immer deutlicher die kollektiven Wurzeln der Partnerschaftskonflikte erkennen. Es gehe «nicht in erster Linie um die Emanzipation der Frau in einem politisch-rechtlichen Sinn - so dringend nötig diese auch ist - sondern um eine psychische Emanzipation aus den Rollenverkrustungen, bei der die Emanzipationsleistung des Mannes ebenso gefordert ist, da der Mann im Verhältnis zur Frau auf der Stufe des Kindes verblieben ist, da er von ihr - rollenbedingt - wie ein Kind emotional und häuslich versorgt sein will. Meier-Seethaler macht es sich zur Aufgabe, die Wurzeln für die heutigen Geschlechterrollen und die unbewussten Motivationen für deren Aufrechterhaltung aufzudecken.

Frühgeschichte

Meier-Seethaler greift auf die Frühgeschichte zurück und kritisiert «Marielouise Janssen-Jurreit und andere Feministinnen», welche die Frühgeschichte beiseite lassen wollen, weil sie angeblich nicht belegbar sei. Meier-Seethaler besteht darauf, dass gerade die archäologische Forschung geeignet ist, «einen einseitigen Geschichtsbegriff aufzubrechen, der nur die schriftliche Überlieferung als historischen Quellenbeweis anerkennt». Sobald aber die frühgeschichtlichen Zeiträume in die Betrachtungen einbezogen werden, könne das Patriarchat nicht länger als die selbstverständliche Grundlage der menschlichen Gesellschaft gelten. Sie nennt Funde aus der Jungsteinzeit (10. bis -2.Jahrtausend v.Chr.), sowie die archäologischen Städten von Jericho und Catal Hüyük. Daraus folgert sie, dass «am Beginn unserer heutigen Kulturbasis ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel» stattfand, begleitet «von grossen sozialen und psychischen Spannungen». Die Spuren dieser Umwälzung konnten nur deshalb so weitgehend verwischt werden, «weil sie bewusst gelöscht oder unbewusst verdrängt worden» seien. Der Erinnerung an sie werden bis heute Widerstände entgegengesetzt (21).

Autoritätsbegriff

Ethnologie und Soziologie zeigen Zeichen solcher Verdrängungen. In der Beschreibung sog. Naturvölker werden interessante Einzelheiten über das Leben von Frauen zwar geschildert, aber daraus werden keine prinzipiellen Schlüsse zugunsten der Frauen gezogen. Ein Beispiel ist der Autoritätsbegriff, der ganz selbstverständlich mit physischer Überlegenheit und äussere Machtausübung gleichgesetzt wird. (S.22 mit Hinweis  auf D.M.Schneider). Während zu anderen Zeiten und in anderen Gesellschaften ganz andere Autoritätsvorstellungen Geltung hatten (Medizinmann, Schamane, magische Kraft und Ausstrahlung, Charisma, aussergewöhnliche Kräfte durch Nähe zum Göttlichen). Frühkulturen waren durchdrungen von dem Bewusstsein, dass das weibliche Geschlecht in besonderem Masse magische Kräfte besitzt, was mit der Fruchtbarkeit der Frau in Zusammenhang stehe. «Ihre Fähigkeit, Leben hervorzubringen, verlieh ihr den Nimbus des Heiligen und prädestinierte sie zur Mittlerin zwischen göttlichen Mächten und der menschlichen Gemeinschaft» (S. 23).

Mutterzentriert

Meier-Seethaler möchte diese frühen Kulturen nicht als «Matriarchate» bezeichnen, weil in diesem Begriff das Wort «Herrschaft» stecke. Damit werde die These suggeriert, dass Frauen «geherrscht» hätten im Sinne eines hierarchischen Machtgefälles. Sie bevorzugt die Wortprägung: «matrizentrisch». In diesen Kulturen wurden die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse nicht bewusst geschaffen, sondern waren die natürlich Folge der mutterzentrierten Familie (23).

Familienmodell

Das matrilineale Familienmodell hält die Autorin für älter und ursprünglicher als das patriarchale. Es weist dem Ehemann und Vater nur eine marginale Rolle im Leben der Sippe zu. Der Bruder der Mutter übernimmt die soziale Vaterrolle für die Kinder. Von den Gefühlsbeziehungen her entspricht diese Regelung viel mehr der menschlichen Entwicklung, ist doch die Geschwister-Beziehung der stärkste emotionale Zusammenschluss neben der Mutter-Kindbeziehung. Der Geschlechtspartner kommt aus einer fremden Sippe und steht gefühlsmässig viel ferner. Mit dieser ursprünglichen Outsider-Position des Mannes hängt entscheidend zusammen, dass der Geschlechterkampf je entbrannte und dass er eindeutig von der Männerseite ausging.

Kulturraster

Die natürliche Outsider-Position des Mannes und die sich daraus ergebenden realen sozialen Spannungen hält Meier-Seethaler für die Ursache des Geschlechterkampfes und die Konstituierung der Patriarchate. Während Neumann den Geschlechterkampf für eine notwendige Folge der menschlichen Bewusstseinsentwicklung hält, verwirft Meier-Seethaler diesen Ansatz als untauglich. Neumann bleibe letzten Endes einem Kulturraster verhaftet, der «die Prinzipien des Weiblichen und des Männlichen in eine hierarchische Ordnung zueinander bringt. Wenn man das Weibliche mit der Natur und dem Unbewussten gleichsetzt und das Männliche mit Bewusstwerdung und Geist, so wird das Weibliche zwangsläufig zu etwas, das überwunden bzw. überhöht werden muss» (25).

Überlebenskampf in der Natur

Die ursprüngliche Kultur (Mythos, Kult und materielle Kulturinnovationen) war nicht den Männern vorbehalten. Beide Geschlechter standen im Überlebenskampf in der Natur. Keineswegs standen sich die Natur in Gestalt der Frau und der zur Geburt drängende Geist in Gestalt des Mannes gegenüber. Vielmehr führte das soziale und kulturelle Ungleichgewicht, das zugunsten der Frau bestand, zu vielschichtigen Kompensationen auf der Seite des Mannes.

Patriarchale Überherrschung

Weder ökonomische noch technische Gründe können die Patriarchale Überherrschung der zunächst matrizentrierten Gesellschaften plausibel erklären. Denn es gibt auch primitive Pflanzer-Kulturen, welche männerherrlich bzw. frauenfeindlich organisiert sind. Der Geschlechterpsychologische Ansatz hingegen versteht die verschiedenen gesellschaftlichen Systeme als Versuche, auf irgendeine Weise ein labiles Gleichgewicht zwischen den Geschlechtergruppen herzustellen: Arbeitsteilung, Teilnahme an Kult und Regierung. Und wenn dies nicht gelingt durch ideologische Diskriminierung und physische Gewalt.

Zu frühe und zu oberflächliche Harmonisierungen

«Bedeutende Ansätze» sieht die Autorin bei feministischen Wissenschaftlerinnen. Radikale Fragen hält sie solang für nötig, als sie zu frühe und zu oberflächliche Harmonisierungen verhindern wollen. Sie sieht aber auch eine Gefahr, dass ein weiblicher und absoluter «Gegenmythos geschaffen wird, der einer männlichen Identität jeden Boden entzieht».

Der Revision bedürftig

Die gesellschaftliche Konstituierung des Patriarchats hat ihre Entsprechung in theologischen, philosophischen und psychologischen Definitionen von Macht, Arbeit, Familie, Sexualität und des «Weiblichen», die der Revision bedürfen.

Betörendes Angebot zurückweisen

«Muttersklavin oder Göttin», so bezeichnet Meier-Seethaler das vom Patriarchat entworfene Zwitterwesen, das aus idealisiertem Mutterbild und inferiorem Geschöpf zusammengesetzt ist. Den Machtanspruch des Mannes über die Frau sieht sie als «infantilen Allmachtsanspruch des Kindes» im Bestreben, die «wunscherfüllende Mutter zu tyrannisieren» (28). Die Frau muss das «betörende Angebot» zurückweisen, sie könnte eine alles verstehende, selbstlos dienende Göttin sein.

Illusionistische Herrschaftsattitüde

Die patriarchalen Ideologien bedeuten: 1) Abwehrhaltung gegenüber den Urgründen des Lebens und der Natur. 2) Der Versuch der Wissenschaft, die Macht der Natur und ihre Spontaneität zu brechen, indem sie zur vorausberechenbaren und manipulierbaren Materie degradiert wird. 3) Die illusionistische Herrschaftsattitüde des Mannes, sich durch Erfindungen von den Notwendigkeiten des Lebens und der Arbeit zu befreien, sieht Meier-Seethaler als ein «Fluchtmechanismus». Angesichts der bisherigen Gleichsetzung von Mann und Geist, Frau und Natur, will Meier-Seethaler die Grundlagen der gesamten Geisteskultur radikal in Frage stellen. Bezeichnend sei, dass die häusliche Welt der Frau als «Immanenz» des Lebens aus dem Kulturbegriff des Patriarchats heraus falle. Sie verlangt eine radikale Neudefinition unseres Kulturbegriffs.

Partnerschaftliches Denken und Fühlen

Meier-Seethaler versteht ihr Anliegen als «Befreiung zur Partnerschaft». Manche befürchten bei einer partnerschaftlichen Beziehung den Verlust der erotischen Spannung zwischen den Geschlechtern, die sie aber entkräften kann. Trotz einengender Ideologien und ungerechter Gesetze habe es immer wieder Beispiele von geglückter Partnerschaft gegeben. «Partnerschaft» möchte sie in einem umfassenden Sinne verstanden wissen, als partnerschaftliches Denken und Fühlen im weitesten Sinne, welches die verkürzte Sicht des rationalistisch-mechanistischen Denkstils überwinden soll.

Animalische Naturkraft

Nur die eine Hälfte der Menschheit bringt offensichtlich Leben hervor. Noch heute wissen einzelne Naturvolksgruppen nicht, dass bereits ein einmaliger Geschlechtsakt die Zeugung bewirken kann. Für sie sind immer kosmische Kräfte im Spiel, seien es Mond, Wind oder fliessendes Wasser. Auch geht die sexuelle Aktivität in den frühen Mythologien deutlich stärker von der Frau aus. Wie die Göttin als Liebesgöttin, so wird auch die archaische Frau im Märchen nur deshalb Jungfrau genannt, weil sie jung und an keinen Gatten gebunden ist. Sie erlebt die Begegnung mit dem Männlichen zunächst unpersönlich als animalische Naturkraft und erst wenn ihre emotionale Bindung an den Gefährten stark genug wird, um ihn als Person zu lieben, verwandelt sie ihn in den geliebten Menschen. Das Hochzeitslager ist «heilig». In der gesamten Frühphase fehlt die Gestalt es Vatergottes.

Geschlechter-Symbolik

Die Zuweisung an die Geschlechter ist in der Frühzeit noch weniger eindeutig auszumachen, weder in der Gestirns-, noch in der Tiersymbolik. Weder waren der Himmel und seine Gestirne immer Symbolträger des Männlichen, noch war die Erde durchgängig Symbol des Weiblichen, wie uns die polarisierende Ideologie suggeriert. In Ägypten ist Nut die Himmelsgöttin, und «Geb» ist der Erdgott. Der Mond gilt an einem Ort als männlich, im anderen als weiblich Das gleiche gilt für die Architektur- und Ornamentsymbolik (55-65).

Die Orakelpriesterin

Die Bedeutung der weiblichen Grabbeilagen: Schmuck, Spiegel und Schminkutensilien werden oft missdeutet als Requisiten weiblicher Schönheitspflege. Vergessen wird die Bedeutung von Halskette und Ringen als Zeichen von Würde (Amtskette, Siegelring), die auch von Männern getragen werden. Es gibt auch den «Zauberring» in unseren Märchen. Das Schminken von Gesicht und Körper ist bei indianischen Schamanen und bei den Magiern aller Völker üblich, um ihre magische Ausstrahlung zu betonen. Im «Schneewittchen» besitzt die Königin einen Zauberspiegel, in welchem sie fernliegende Dinge sehen und erkennen kann. Der Spiegel in der Hand einer Heiligen in den Rokokofiguren ausdrücklich «Prudentia», also Weisheit symbolisiert und keineswegs Eitelkeit. Der Spiegel im Grab einer Priesterin ist Zeichen ihrer Funktion als «Seherin» und möglicherweise auch als Orakelpriesterin (70-73). (Es ist der Spiegel, in welchem wir uns sehen und erkennen können. In der Psychologie gibt es den Begriff der «Spiegelung». EC.)

Nachahmung der Frauen

Männliche Priester tragen weibliche Kleidung nach R. Briffault in 16 verschiedenen Völkern aus allen Teilen der Welt. Diese Kleider heissen bei den Priestern aus Celebes: «Tjalabai» Wörtlich übersetzt: «Nachahmer der Frauen». Die indianischen Schamanen Kaliforniens erklären sogar ausdrücklich, dass ihnen Frauenkleidung grössere Kräfte verleihen würde (78). In den Liedern der australischen Ureinwohner werden die Frauen als von Natur als «heilig» bezeichnet, und zwar dank ihrer lebensspendenden Organe. Dass die Fruchtbarkeit der Frau und ihre Nähe zum Mysterium des Lebens ihre Vorrangstellung als Priesterin bestimmte, sieht die Autorin in den Riten, in denen männliche Priester einen Geburtsvorgang nachahmten: Bei dem grossen Ariadnefest auf dem antiken Zypern (78-79). Hinter einer solchen Verhaltensweise vermutet sie eine doppelte Motivation: Das Bestreben, die weiblichen Kräfte an sich zu ziehen, um sich nicht weiter von deren stärkeren magischen Kräften dominieren zu lassen und der Wunsch der Männer, die Frauen aus den sakralen Ämtern auszuschliessen. Alle Hochreligionen haben die Frauen aus dem Priesteramt ausgeschlossen. - (Anmerkung EC. Der Bischof einer Freikirche in St. Gallen sagte vor einigen Jahren das gleiche: Die Frau habe von Natur aus eine direkte Verbindung zum Göttlichen, wegen ihrer einzigartigen Fähigkeit zum Gebären. Der Mann dagegen müsse durch Priestertum den Weg zu Gott suchen. Dies Argument ist allerdings zweischneidig, weil es immer wieder verwendet wurde, um Frauen aus dem Priesteramt auszuschliessen).

Männliches Opferbedürfnis

Meier-Seethaler vermutet, dass das männliche Opfer im Sinne der Selbstopferung möglicherweise ein Medium zur Selbstfindung sei. Während die Frau ihre Identität als Lebensspenderin von jeher schon hat, müsse sie der Mann erst suchen. Die besondere Nähe des Mannes zum Martyrium und zum Tod, sei eine der möglichen Kompensations-Leistungen gegenüber der grösseren Lebensnähe der Frau. Nimmt sie doch im Kindbett den Geburtsschmerz oder gar den Tod in Kauf (81-91). (Anmerkung EC: Die Medizinhistorikerin Esther Fischer-Homberger verweist auf die kompensatorische Gleichung in der Medizin: Frauen sollen tüchtig im Gebären sein, Männer tüchtig im Krieg). Zu diesem Sachverhalt vermerkt Meier-Seethaler: Dieses kompensatorische Opferbedürfnis müsste im Alltag ernst genommen werden. Männer sollten verpflichtet werden zu einer «aufopfernden» Väterlichkeit. Die stets dienstbare Gattin gehe am Opferungsbedürfnis des Mannes vorbei. - Ohne den Appell an die uralte masochistische Opferbereitschaft der Männer wäre die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht nicht denkbar gewesen. Männer bringen auf dem «Altar» des Vaterlandes ihr Leben dar. Erst diese Wiederbelebung der matrizentrischen Tiefenschicht habe dem Krieg jene sakrale Weihe gegeben, von dem unsere Nationalhymne durchtränkt ist (301).

Spuren weiblicher Gottheiten

Überall gibt es Spuren weiblicher Gottheiten, die in männliche Gottheiten umgeformt wurden. Es gibt auch Schöpfungsgeschichten, welche die Schöpfung der weiblichen Gottheit darstellt (91-94).

Handwerkerin

Neben der Begründung des Ackerbaus, der ersten Domestizierung von Tieren (das Versorgen von verwaisten Jungtieren und ihre Aufzucht setzt mütterliche Erfahrung voraus) sieht Meier-Seethaler als weibliche Kultur-Leistung an: die Textiltechnik, die Fell- und Lederbekleidung, die Töpferei, den primitiven Hausbau, die kleinen Märkte. Auch leisten die Frauen in Naturvolksgruppen schon immer die schwerste körperliche Arbeit beim Feldbau und beim Dreschen des Korns, beim Schöpfen von Wasser, beim Hausbau und beim Transport der Wanderzelte. Bei den Eskimos und den Nomaden Nordsibiriens geht die ledige Frau allein im Kanu auf Robbenjagd (116-118).

Verteidigerin der Jungtiere

Gegenüber der Auffassung, dass der Mann «Verteidiger der Gruppe» war, ist Meier-Seethaler skeptisch, «weil alles dafür spricht, dass der Krieg im heutigen Sinne keine Urtatsache der menschlichen Geschichte ist». Die Urfamilie war höchst wahrscheinlich eine Mutterfamilie. Die Mütter verschafften den Kindern Nahrung und verteidigten diese gegen Feinde. Bei den weitaus meisten Säugetierarten finden wir die gleiche Situation: Die Mütter versorgen und verteidigen ihre Jungtiere ohne Mithilfe der Männchen. Bei den Menschenaffen ist ausschliesslich die mütterliche Verwandtschaft massgebend und der Rang der Jungtiere hängt vorn Rang der Mutter ab. (118/119)

Frauen nicht eingeschränkt

Die Auffassung, dass die Frau immer an einen beschränkten Lebens- und Erfahrungsraum gebunden war, trifft ebenfalls nicht zu. Das Leben der Frau als Sammlerin zwang diese, regelmässig ein grosses Terrain zu durchstreifen und sich grosse detaillierte Kenntnisse über ihre Umwelt anzueignen.

Verantwortung für die Subsistenzwirtschaft

Als das Frauenkollektiv später in der Agrarwirtschaft sesshaft wurde, überliessen sie den (entbehrlichen) Männern die Aussenposten, denn sie selbst waren für die Aussaat und Ernte, Vorratshaltung und Güterverteilung unentbehrlich. Die Kinderbetreuung leisteten sie gemeinsam und vertraten sich gegenseitig selbst bei Brustnähren. Ihre Verantwortung für die Subsistenzwirtschaft hinderte sie an der Ausübung von Handels- und politisch-diplomatischen Funktionen zu anderen Stämmen, nicht die Mutterverpflichtungen.

Beschneidung als Ersatz für Menstruationsblutung

Die Frau war die Führende bei den ersten grossen Kulturleistungen. Das betrifft den gewerblichen, agrarischen, und sozialen Bereich, wie bereits angeführt. Es betrifft aber auch den sakralen Bereich. Meier-Seethaler erwähnt das «Tabu», welches ursprünglich die «heiligen Bezirke» abgrenzte. Es gab das «Wochenbett-Tabu», welches von Männern nachgeahmt wurde als «Männerkindbett» (Couvade). Oder das Menstruationstabu, welches zum männlichen Ritual der «Beschneidung» führte. Die Beschneidung wird von Männern öfters ausdrücklich als «Ersatz für die Menstruationsblutung» aufgefasst. Nicht Abscheu vor einer Sache lässt ein Tabu entstehen, sondern die heilige Scheu. Erst die sozial antrainierte Abwehrhaltung macht aus dieser Scheu «Abscheu» zum Beispiel gegen die Menstruation.

Ungeschriebene Gesetze

Die matrizentrische Frühzeit war keineswegs von einem «gesetzlosen Zustand» bestimmt, obgleich eine soziale Schichtung, oder die Existenz irgendeiner Amtsgewalt oder clan-übergreifender politischer Organe fehlten. Meier-Seethaler erwähnt die matrilinearen Irokesen: Die Häuptlinge hatten ursprünglich keinerlei politische Befugnisse. Dafür gab es Schamanenämter, welche zum Teil auch von Frauen bekleidet wurden, wobei die Entscheidungen in den Ratsversammlungen gefällt wurden, in welchem die Stimmen der älteren Frauen besonderes Gewicht hatten. Das Zusammenleben war geregelt durch ungeschriebene Gesetze in Form von Tabus, die von den Frauen ausgingen.

Der Fluch einer Mutter

Als «ungeschriebene Gesetze» erwähnt sie Versöhnungs- und Entschuldigungsrituale, Wiedergutmachungs- und Reinigungsrituale, sowie das Gesetz der gegenseitigen Hilfeleistung. Den Verstoss gegen diese «Anstandsregeln» hätten die Mütter mit ihren Flüchen abgesichert. Nach Briffault gilt bei vielen Naturvölkern nichts als so unauflöslich wie der Fluch einer Mutter.

Kompensierende Männer

Schon der Mann der Frühzeit hatte seine sozial unbedeutende Rolle wahrgenommen und zu kompensieren versucht, zum Beispiel durch Mystifizierung der Jagd, die ein wichtiger Bestandteil des männlichen Selbstwertgefühls darstellt. Oder das Anbauen der «Yamswurzeln», welche von den Männern der Abelam in Neuguinea als ihre «leiblichen Kinder» aufgefasst werden. Als männliche Kompensation fasst Meier-Seethaler alle monopolisierenden Tätigkeiten auf, ebenso den Konkurrenzkampf und die Übernahme von religiösen und anderen Funktionen, die den Frauen entrissen worden waren: Die Priesterämter, die Herstellung sakraler Kunstgegenstände. Denn überall auf der Welt gingen den männlichen Gottheiten und Priestern die Göttinnen und Priesterinnen voraus, wie sich aus archäologischen Funden nachweisen lässt.

Tao und I Ging

Man führt die taoistische Lehre auf Laotse zurück, doch sind sie sehr viel älter. Der Taoismus ist das eigentliche religiöse Grundwasser Chinas, aus dem alle späteren Heilslehren schöpfen, besonders das I Ging. Das Tao als der allumfassende Urgrund ist als weibliches Prinzip aufzufassen, als die Wurzel, das Tor, die Bahn, auf der das All sich bewegt, kurz, als der mütterliche Beweggrund des Alls.

Yin-Yang-Prinzip

Ursprünglich hat das Yin-Yang-Prinzip des I Ging nicht das mindeste zu tun mit den später so geläufigen Polarisierungen von Himmel und Erde oder männlich und weiblich. Das älteste Schriftzeichen für Yin ist eine Wolke als Zeichen des Dunkels, für das Yang ein in der Sonne wehender Wimpel als Zeichen für Helle. Dazu gesellt sich das Bildzeichen des Berghanges, einmal in seiner beschatteten, einmal in seiner besonnten Seite. In einem alten Kommentar zum I Ging heisst es: Was einmal das Dunkle und einmal das Helle hervortreten lässt, das ist der Sinn» (Tao).

Auf komplementäre Begriffspaare verzichten

Meier-Seethaler schlägt vor, auf die üblichen komplementären Begriffspaare wie Himmel-Erde, Geist-Materie, Männlich-Weiblich ganz zu verzichten und auf die ältesten Gegenüberstellungen zurückzugreifen wie Dunkelheit und Helle; Nacht und Tag, Winter und Sommer, Noch-Nichtsein und Sein und sie als fliessendes Gleichgewicht zwischen schöpferischer Pause und schöpferischem Neubeginn zu verstehen und zwar ohne Ansehung des Geschlechts. Dann erschiene auch das Weiche und Empfangende als Stadium des Werdens ebenso geschlechts-unspezifisch wie das Feste und Gestaltete als Zustand des Gewordenen und Geprägten (202-203).

Liebes-Poesie

Unter matrizentrischen Bedingungen ist die körperliche Vereinigung höchste Lusterfahrung der Menschen und sakraler Vollzug der Lebenserneuerung. Niemals wird der Frau im Geschlechtsakt eine passiv-duldende und dem Mann eine aggressiv-fordernde Rolle zugedacht: Der Machismo ist in der Frühzeit unbekannt. Beide Partner preisen gleichermassen die Schönheit und die Stärke des oder der Geliebten, sodass weder Schönheit als Charakteristikum der Frau, noch Stärke als Charakteristikum dem Manne vorbehalten sind. Beide stehen zitternd voreinander und geniessen gegenseitig ihre Kraft und ihre Schönheit. - Erst das heldische Zeitalter der Antike, das auch bei vielen Naturvölkern seine Entsprechung hat, macht den Phallus zur Waffe des Mannes und zum Instrument der Unterwerfung. In der gesamten Frühkultur hingegen war der Phallus ein Lust- und, Segenbringer, ein Geschenk des Mannes an die Frau und an das Leben. Erst die patriarchale Mentalität verwechselt Kraft mit Gewalt oder ersetzt Kraft durch Gewalt (247-249).

Anfängliche Zweitrangigkeit des Mannes

Die Ursprungsgeschichte des Patriarchats ist die Geschichte von der Emanzipation der Männer aus dem bis dahin mächtigen Einflussbereich der Mütter auf allen Ebenen der Kultur. Die anfängliche Zweitrangigkeit des Mannes in Bezug auf seine soziale Bedeutung hat früher und später in allen Teilen der Welt zu erbitterten Kämpfen um eigene Geltungs- und Machtpositionen geführt. - Der Mann fühlte sich aber nicht nur als Aussenseiter gegenüber einer weiblich geprägten Sozietät, sondern darüber hinaus als der Fremde in der Natur und als der Aussenseiter des Lebens, an dessen Magie er nicht unmittelbar teilhatte. Aus diesem Unbehagen in der Natur (um Freuds Rede vom Unbehagen in der Kultur abzuwandeln) erwächst die männliche Revolte gegen die Leiden des Lebens im endlos sich wiederholenden Zyklus von Geburt und Tod, und erwächst der männliche Widerstand gegen die ewig wiederkehrende, nie erfüllte Arbeit, wie sie im mythischen Bild des Sisyphos prototypisch erscheint (253).

Männer-Emanzipation gescheitert

Meier-Seethaler sieht aber die Emanzipation der Männer gescheitert, denn von Radikallösungen abgesehen (Eremiten/Mönche) hat sich der Mann nie aus der fürsorgenden Macht der Mütter befreit, sondern blieb äusserlich, und mehr noch innerlich, von ihr abhängig. Er hat die Frau zwar als «Muttersklavin» beherrscht, aber er konnte nie ohne ihre Nähe und ohne ihre Zuwendung leben. Der patriarchale Mann zeichnet sich aus durch emotionale Infantilität und der Unfähigkeit, mitmenschliche Beziehungen offen und partnerschaftlich zu gestalten. Seine emotionale Daseinsberechtigung bezieht der Durchschnittsmann durch seine Ernährerrolle, wobei er die Dankbarkeit und bedingungslose emotionale Zuwendung seiner Schützlinge einfordert. Wie sehr er von diesem emotionalen Arrangement der patriarchalen Familie abhängig ist, zeigt sich spätestens dann, wenn die Frau von sich aus das Verhältnis löst und dabei der Mann psychisch völlig ins Leere fällt, bis er ein neues, emotional parasitäres Arrangement aufbauen kann (257-258). Dieses Scheitern der männlichen Emanzipation wurde bisher viel zu wenig reflektiert und ist in seinem vollen Ausmass vielleicht nur der psychoanalytischen Sicht zugänglich (257).

Reziproke Partnerschaft

Nur eine «reziproke Partnerschaft» zwischen Frau und Mann ohne Ausgrenzung, ohne Privilegien und ohne soziale Rollenzuweisung kann den sexistischen Rahmen sprengen. Von «symbiotischen» Ergänzungen oder von einem «sexistischen Balanceakt zwischen den angeblich männlichen und weiblichen Seelenanteilen» hält Meier-Seethaler nichts, und sie stellt sich ausdrücklich gegen die diesbezügliche Auffassung von Friedjof Capras in seiner «Wendezeit» (259).

Mondgöttin und Sonnengott

Die Mythen spiegeln aufs Genaueste die gesellschaftlichen und psychischen Prozesse, die sich in der geschichtlichen Entwicklung abspielten. In der Mythologie der Inkas heisst es. dass der Mond ursprünglich den helleren Schein warf als die Sonne, worauf der Sonnengott der Mondgöttin Asche ins Gesicht streute, um ihren Schein zu verderben und dadurch selber heller zu leuchten» (261). Weiter das mythische Bild vom Sturz Luzifers im Alten Testament: Luzifer, das ist der «Lichtbringer» Meier-Seethaler hält dafür, dass er ursprünglich ein Delegierter der Grossen Göttin war, der aber vom (eifersüchtigen) Jahwe zum Teufel herabgewürdigt wurde (262).

Niederwerfung und Eroberung fremder Kulturen

Die gewaltsame Ablösung der matrizentrischen Gottheiten ist ein zentrales Thema sowohl in den Mythen der Hochkulturen, als auch in den Mythologien der Naturvölker (262). In den Mythen spiegeln drei Formen von Gewalttätigkeit: Mord, Raub und Vergewaltigung. Sie stehen in direkter Parallele zur realen Geschichte des Patriarchats. In allen Teilen der Welt, in Primitivkulturen und in Hochkulturen, wurde die patriarchale Herrschaft gewaltsam etabliert, sei es durch Niederwerfung und Eroberung einer fremden Kultur (Indogermanen, Mongolen), oder durch Errichtung von hierarchischen Staats-Strukturen mit polizeilicher Gewaltanwendung. - In kriegerischen Hirtenstämmen galten die Plünderung von Karawanen und Raubüberfälle aller Art als ehrenvolle männliche Heldentat. In den Initiationsriten kriegerischer Stämme muss der Initiand seinen Mut dadurch beweisen, dass er einen Menschen oder ein wildes Tier tötet oder ein Stück Grossvieh raubt. In der gleichen Linie sieht sie alle Piratenstreiche der alten und neuen Geschichte, von der Seeräuberei der Wikinger bis zu den mittelalterlichen Raubrittern, den Westernhelden und Mafiosi, die immer von der Gloriole männlichen Draufgängertums umgeben waren. Die abendländische Kultur beruht weitgehend auf der Sklavenherrschaft. Auch die sexuelle Vergewaltigung der Frau gehört zum wesentlichen Bestandteil des patriarchalen Machtgefüges.

Geburt aus der Frau

Patriarchale Schöpfungstheorien kehren das Faktum der Geburt der Menschen aus der Frau um. In Babylon war es noch die Ischtar, welche die ersten Menschen aus Lehm schuf. Im Alten Testament erschafft Gott die Eva aus Adam und nicht umgekehrt. Die Entdeckung, dass der Mann mit seinem Sperma Anteil an der Geburt hat, führte zur Behauptung, die Frau sei nur Amme und Gefäss für den Samen, für die Schöpfung des Mannes.

Kindtyrrann und Hampelmann

Auf der einen Seite hat der Mann bei der Konstituierung des Patriarchats die Frau unterworfen und will sie in der Ehe beherrschen. Auf der anderen Seite sucht er nach wie vor seine emotionale Zuflucht bei Frauen. Wie ein Kind will er in der Ehe häuslich und emotional versorgt werden (320-322). Der Dichter I. Anouilh legt in einem seiner Stücke der Figur des Arztes die Worte in den Mund: «Wir alle bleiben kleine Buben. Nur die Mädchen werden erwachsen» (S.321).

Männliche Glückserwartung

An die Frau hege der patriarchale Mann eine, dreifache Glückserwartung: Die Frau soll ihm hausfraulich dienen, mütterlich-schützende, tröstende Gefühlsnähe geben und ihn erotisch-sexuell glücklich machen. Bei der leisesten Störung der ehelichen Harmonie erfährt diese infantile Wunschprojektion des Mannes eine Erschütterung und schon reagiert er mit Gereiztheit und psychischer Einschüchterung. So macht er die Frau zur «Muttersklavin» und er selber wird zum «Kindtyrrann», welcher bei geringstem Anlass in Panik gerät. So gerät der «Herr» des Hauses zum Hampelmann seiner zur «Muttersklavin» gemachter Ehefrau. Eine unwürdige Situation für beide Teile.

Groteske Umkehrung: In geistlichen Traktaten empfahlen Theologen im ausgehenden Mittelalter, Frauen sollen ihren Ehegatten - der vermeintlich Stellvertreter des göttlichen Herrn auf Erden sei - umsorgend verwöhnen, jeden Wunsch von den Augen ablesen und nachsichtig alle Schwächen und Grobheiten verzeihen, während das Kind aus pädagogischen Gründen hart anzupacken sei. Das Kind soll also wie ein Erwachsener und der Ehemann wie ein Kind behandelt werden. Die Umkehrung der natürlichen Verhältnisse könnte nicht grotesker sein (334). - Meier-Seethaler hebt fälschlicherweise lobend J. Rousseau hervor, der als erster eine liebevollere Behandlung der Kinder forderte. In Wirklichkeit gibt es bei Rousseau wenig zu loben, machte er doch ebenfalls den Anspruch, das «Kind» seiner Lebensgefährtin zu sein, und erst noch das einzige Kind. Seine Lebensgefährtin musste alle gemeinsamen Kinder in Waisenhaus bringen - entgegen ihres eigenen Wunsches. Rousseau wollte die Frau für sich allein haben, er machte die Frau erst recht zur «Muttersklavin» für den Mann. Er schrieb: «Die Erziehung der Frau sollte sich immer auf den Mann beziehen. Zu gefallen, für uns nützlich zu sein, uns zu lieben und unser Leben leicht und angenehm zu machen: das sind die Pflichten der Frauen zu allen Zeiten, und das sollten sie in ihrer Kindheit gelehrt werden.»

Das Freud‘sche Familienmodell

Freud ging ebenfalls von der patriarchalen Voreingenommenheit aus. Dies zeigte seigte sich unter anderem darin, dass er die Entwicklung des Knaben sehr viel ausführlicher beschrieb als die des Mädchens, und dass er die Grundkonstellation des Knaben zum Ausgangspunkt nahm (Ödipuskomplex, S. 327). Dabei übersah Freud, dass es die patriarchale Kleinfamilie ist, bei  welcher der Ödipuskomplex blüht, indem der Vater seinem Broterwerb ausser Haus nachgeht und die Frau das Haus besorgt, den Mann und die Kinder versorgt.

Geborgenheits- und Zärtlichkeitsbedürfnisse

Nach Karen Horney befassen sich Nancy Chodorow und Dorothy Dinnerstein u.a. mit der Mutter-Kind-Diade (Symbiose). Die Mutter ist die erste Bezugsperson für beide Geschlechter. Die Folgen dieses Sachverhalts wurden erst von feministischen Psychoanalytikerinnen gesehen. Die Frau werde zur lebenswichtigen und übermächtigen Bezugsperson, die dem Kind alle Freuden und Leiden des Lebens gewähren oder versagen kann. Diese frühen Erfahrungen bleiben deshalb so unauslöschlich, weil sie in der sensibelsten, unbewussten Phase des völligen Ausgeliefertseins an die mütterliche Omnipotenz gemacht werden. Die unrealistische Erwartungshaltung an die Frau entwickle sich auf dieser nahezu mystisch-göttlichen Dimension, die diese in der Erlebniswelt des Kleinstkindes erhält, wenn die Frau die allein Zuständige ist, an die das Kind seine Wünsche und Ängste adressiert und zugleich diejenige Macht, welche die unvermeidlichen Frustrationen für das Kind setzt. Am Ende fallen der Frau nicht nur unrealistische Liebe und Verehrung zu, sondern ebenso unrealistische Ressentiments, Hass- und Rachegefühle (siehe Elias Canetti: Masse und Macht, 1960 und 1983). Nur durch die Betreuung der Kinder durch beide Geschlechter könne diese Situation geändert werden. Der Knabe könnte dann seine Geborgenheits- und Zärtlichkeitsbedürfnisse auch am gleichgeschlechtlichen Elternteil befriedigen, ohne in seiner männlichen Identität beeinträchtigt zu sein (331-335).

Quellen:

Carola Meier-Seethaler - Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie, Arche 1988

Carola Meier-Seethaler - Ursprünge und Befreiungen. Die sexistischen Wurzeln der Kultur, Fischer 1992