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349.1 – Der Materialismus der Seele – Die Funken in der Materie 

Standort anstatt Standpunkt

Für die Philosophin Chiara Zamboni ist „der eigene Standort in einem Ereignis“ der „Schlüssel für den Zugang zur Wirklichkeit dieses Ereignisses, auch für die anderen“. Dies sei keine Methode der Objektivierung, aber genau so wenig sei es eine subjektive Methode“ (S.156).

Erfahrungen

Objektivieren heisst, „von dem zu sprechen, was man erkennt, wenn man sich ausserhalb stellt, wie wenn man vom Mars aus über die Erde sprechen würde. In Wirklichkeit ist das nicht möglich: Wovon auch immer wir sprechen, auf irgendeine Weise betrifft es uns. Denken wir an das Sprechen: Man ist ins Sprechen einbezogen, auch wenn man über das Sprechen spricht. Man ist immer im Spiel“ (156).

Pluralität von Positionen

Subjektivismus heisst zu „denken, dass jede Meinung, die geäussert wird, Gültigkeit habe. Man kann dann nicht mehr von Wahrheit sprechen, sondern nur von einer Pluralität von Positionen, die mit den unendlichen persönlichen Individualitäten zusammenfallen“. Auch der Subjektivismus berücksichtige die Tatsache nicht, „dass wir als einzelne an einer Welt teilhaben, die über unsere Individualität hinausgeht“. Aber genau dies sei „der Schlüssel, um den Weg des Von-sich-selbst-Ausgehens zu verstehen: Wir sind Teil der Welt, ohne dass wir je entschieden haben, an ihr teilzunehmen“ (156-157). Die Welt mit ihren Gesetzen und Notwendigkeiten sind uns also „auferlegt“. Die Beschreibung meiner Beziehung zur Welt stellt „ein Wissen über die Welt“ dar, „das ich anderen zur Verfügung stelle, und nicht ein Wissen, das nur mich selbst betrifft“ (157).

Eigene Theorie über die Welt

Das Consciousness-Raising gehe von der Vorstellung aus, dass Frauen zu einer eigenen „Theorie“ über die Welt kommen können, wenn sie von ihren Erfahrungen ausgehend miteinander reden (152). In diesen Gruppen sprachen viele Frauen von ihrer eigenen Geschichte: Indem sie von sich selbst ausgingen „vermieden sie die Worte und Interpretationen eines schon vorgefertigten Wissen“ (157). Das Von-sich-selbst-Ausgehen wurde später in den Gruppen der „Praxis des Unbewussten“ (in Italien) wieder aufgenommen, „nun mit der Aufmerksamkeit für die tiefen Schichten des Begehrens, der Träume, Bilder und Gefühle“. Diese wurden nicht so sehr als Hinweise auf eine persönliche verdrängte Geschichte interpretiert, sondern als „Zeichen für eine Geschichte der Frauen, die bis dahin nicht existiert hatte und die auf diese Weise zum Ausdruck kommen konnte“ (157).

Kein Aalen in Innerlichkeit

Die Praxis des Von-sich-selbst-Ausgehens wurde zu Beginn der Frauenbewegung in den „Selbsterfahrungsgruppen“ falsch verstanden. Denn diese Praxis besteht weder aus einem Aalen in der Innerlichkeit noch in der Selbstinszenierung als Opfer, bei dem die Welt aus dem Blick gerät, sondern bedeutet ein Weg, der von der Unbeweglichkeit und Starrheit zu Beweglichkeit und Lebendigkeit führt (152). Das Anliegen ist eine Identität, die ihre Starre verliert. Sie will Bewegung in erstarrte Vorstellungen von Zeit und Materie sowie in die Vorstellungen von Begehren, Spiritualität und Seele bringen (152-153).

Welt zur Sprache bringen

Sowohl Luisa Muraro als auch Chiara Zamboni betonen, dass die Praxis des Von-sich-selbst-Ausgehens nicht verwechselt werden dürfe mit der Praxis der Selbsterfahrung in Selbsterfahrungsgruppen, bei dem das jeweilige „Ich“ Triumphe feiert und die Welt aus dem Blick gerät, sondern eine Praxis sein will, in der „die Welt zur Welt gebracht“ wird. Von-sich-selbst-Ausgehen heisst also nicht, sich mit Innerlichkeit zu beschäftigen, „sondern das Leben und die Welt, in der wir Leben, zur Sprache zu bringen“. Auch die Träume werden als ein Teil der Welt aufgefasst, nämlich als Zeichen, die ebenso wie die Gefühle über die Welt sprechen, in die wir hineingestellt sind oder der Umgebung, die wir gewählt haben.

Aufmerksamkeit für unser konkretes Leben

Chiara Zamboni geht von der Frage aus, wie wir uns orientieren sollen, „wenn das, was wir kannten, plötzlich mit einem ganz anderen Profil erscheint, so als hätte es eine Drehung um 180 Grad vollzogen? Wie sollen wir uns in der Bewegung der Geschichte verhalten, die das verändert, worauf sich unser Urteil gründete? Welchen Weg sollen wir einschlagen? Wie sollen wir uns in einem stürmischen Meer vorwärts bewegen Schritt für Schritt eine Route finden, von der wir nicht wissen, wohin sie führt?“ – Zambonis Antwort ist die Praxis des „Von-sich-selbst-Ausgehen“. Wir sollen unsere Aufmerksamkeit auf unser konkretes Leben richten und dabei vor allem auf die Gefühle achten, mit denen wir etwas erleben, wobei es nicht drauf ankommt, ob es sich um momentane Empfindungen handelt oder um Träume, Bilder und Eindrücke (155). - Die Seele ist das Unsichtbare des Sichtbaren (159). - Die Seele kann sich niemals selbst sehen. Sie ist das Gesicht, das Profil der Dinge. Und sie spricht von sich nur dann, wenn wir von den Dingen sprechen oder mit ihnen handelnd umgehen (161). - Die Seele ist ganz einfach der Widerhall unserer Verbindungen mit der Welt. Der Weg des Von-sich-selbst-Ausgehens ist nicht der, von sich selbst zu sprechen und sich in der Innerlichkeit zu aalen, sondern ein Weg, um persönlich Erlebtes als eine Weise zu interpretieren, in der sich die Welt zeigt (161).

Experimenteller Weg

Bei der Suche nach dem Sinn des Lebens habe Teresa von Avila den experimentellen Weg gewählt. Ihr stärkstes Verlangen sei, den experimentellen Weg einzuschlagen. In Theresas Leben sei zu erkennen, dass die Suche nach der Transzendenz eine experimentelle Suche sei. Den Sinn dessen, was uns wichtig ist, entdecken wir in unserem Handeln, Sprechen und Schreiben (165).

Materialismus unserer der Seele

Von sich selbst ausgehen heisse von der Seele auszugehen und nicht, vom Ich auszugehen (163).  „Die Seele ist Richtungsweisende zwischen den Ereignissen der Welt. Aber wenn sie, nachdem sie uns zu besonders bedeutsamen Ereignissen geführt hat, nur in mechanistische Handlungen und Wiederholungen abgleitet, langweilt sich die Seele und geht fort. Von den Funken bleibt nur eine Spur der Unruhe (167)“. Die Geste des Fortgehens unserer Seele sei ein Zeichen für ihren Materialismus, also für ihre Wirklichkeit, ihre Realität, für die Tatsache ihrer Existenz.

Träume etwas Objektives

Träume sind nach Zamboni etwas Objektives in dem Sinne, als sie der „Seele“ entstammen. Die  Seele sei ein Widerhall unserer Verbindungen zur Welt. „Von den eigenen Träumen zu sprechen und sie zu interpretieren, ist ein Weg, um persönlich Erlebtes in einer Weise darzustellen, in der sich die Welt zeigt“ (161). Dies im Unterschied zur Introspektion im Sinne eines Sprechens von sich selbst im Autobiographismus mit all seiner Aufmerksamkeit für die eigenen Gefühlsschattierungen und Empfindungen.

Träume, Bilder, Gefühle

Träume, Bilder und Gefühle werden nicht so sehr als Hinweise auf eine persönliche verdrängte Geschichte interpretiert, sondern als Zeichen für eine Geschichte der Frauen, die bis dahin nicht existiert hatte und die auf diese Weise zum Ausdruck kommen konnte (157).

Das persönliche Erlebte macht füreinander interessant

Die Darstellung des persönlich Erlebten, in dem sich die Welt zeigt ist nach Zamboni das, was uns Menschen füreinander interessant macht. Von daher erkläre sich, warum schon Kinder nicht genug davon bekommen können, Geschichten aus dem Leben zu hören. Auch der Roman und alle übrigen Kunstgattungen leben von unserem Interesse an der individuell gefärbten Weltsicht anderer Menschen.

Bedeutung des Begehrens und die Funken in der Materie

In ihrem Aufsatz: Ein neuer Zugang zu Spiritualität und Politik (in derselben Publikation, befasst sich Dorothee Markert mit Chiara Zambonis Auffassung über die Bedeutung des „Begehrens“ für Frauen. Das Begehren sei eine Orientierung, „die uns die Seele gibt“. Die Seele werde von ihr als ein Orientierungssystem aufgefasst, das uns über unser Begehren und unsere Wünsche orientiert. Sie verweist auf Zambonis Beispiel: Beim Zubereiten einer Mahlzeit spielt nicht nur die Befriedigung notwendiger Bedürfnisse eine Rolle, sondern „die Treue zum Begehren“, ein über die „Notwendigkeit“ hinausgehender Sinn. Es seien die „Funken in der Materie“, die uns  zeigen, in welche Richtung wir auf dem „experimentellen Weg“ unseres Lebens weitergehen sollen, da „unsere Seele von diesen Funken angezogen wird“. Andere Menschen könnten uns etwas über unser Begehren sagen, „da sie den ‚Daimon‘ sehen können, der uns über die Schulter schaut und den wir selbst nicht sehen. Unser Begehren mache unsere Einzigartigkeit aus, durch das wir zu einem Geschenk für die Welt werden könnten, da im Begehren unsere Fähigkeit begründet sei, etwas Neues anzufangen.

Was geschieht, wenn wir unserem Begehren nicht folgen

Auf die Frage: „Was geschieht, wenn Menschen gezwungenermassen oder aus Bequemlichkeit ihrem Begehren nicht folgen“ antwortet Zamboni: „Dann langweilt sich die Seele und geht weg“. Noch etwas leiste Zambonis Text: „Er bietet einen Ausweg aus dem Gefangensein in der falschen Alternative zwischen Subjektivität und Objektivität, indem er zeigt, dass ich immer, wenn ich über meine Erfahrungen, meine Gefühle und Phantasien spreche, auch über die Welt spreche, da ich ein Teil der Welt bin. So könne aus meinem Von-mir-selbst-Ausgehen zusammen mit dem der anderen ein Wissen über die Welt entstehen, das uns hilft, sinnvoll politisch zu arbeiten“ (S. 153-154).

Quelle

Chiara Zamboni in: Der Materialismus der Seele. Wissen bilden aus den Abhängigkeitsbeziehungen mit der Welt, in: Diotima und andere. Die Welt zur Welt bringen, Ulrike Helmer Verlag 1999.