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27.1 - Hannah Arendt - Über die Revolution

1     Das Wort "revolutionär" darf nur angewendet werden auf Revolutionen, deren Ziel die Freiheit ist (34).

2     Geschichtlich gesehen gehört der Krieg zu den ältesten Phänomenen der aufgezeichneten Vergangenheit, während es Revolutionen im eigentlichen Sinne vor der Neuzeit nicht gibt (10).

3     Rechtfertigungen des Krieges auch auf dem Niveau politischer Theorie sind sehr alt. Die Überzeugung von der wesentlichen Gewaltlosigkeit der Politik finden wir zum ersten Mal im griechischen Altertum. Die griechische Polis verstand sich ausdrücklich als eine Staats- und Gesellschaftsverfassung, die nicht auf Gewalt, sondern auf dem gegenseitigen Sich-Überzeugen beruht (11).

4     Wo die Gewalt in die Politik selbst eindringt, ist es um die Politik geschehen. Wo die Gewalt absolut herrscht (z.B. in den Konzentrationslagern), da schweigen nicht nur die Gesetze, sondern alles und alle. Der Mensch, sofern er ein politisches Wesen ist, existiert im Miteinandersprechen (19).

5     Die politischen Phänomene bedürfen der Sprache und der sprachlichen Artikulation, um überhaupt in Erscheinung zu treten, im Unterschied zu den reinen Naturerscheinungen (20).

6     Die Gewalt selber ist stumm und unfähig, sich im Wort wirklich adaequat auszudrücken (20).

7     Arendt attackiert die klassischen und biblischen "Ursprungslegenden", wonach angeblich kein Anfang ohne Gewaltsamkeit möglich sei und dass jeder Neubeginn etwas vergewaltige: Kain erschlug Abel, Romulus erschlug Remus. Die Legenden sprachen es klar aus - und in zwingend überzeugenden Metaphern: Am Anfang der Brüderlichkeit steht der Brudermord, am Anfang aller politischen Ordnung steht das Verbrechen (dies schwatzt auch der Psychiater Leopold Szondi nach: Ohne den Mord des Moses am Ägypter wären die zehn Gebote nie geschrieben worden. Auch in Marx berühmtem Ausspruch von der Gewalt als der mächtigen Geburtshelferin der Geschichte, klingt nach Arendt diese Auffassung noch deutlich nach (21).

8     Die Metaphern der Ursprungslegenden und die Theorie von einem prähistorischen Zustand seien oft zur Rechtfertigung von Krieg und Gewalt benutzt worden, als könne der Geschichtsprozess des Menschengeschlechts, da er durch eine Verbrechen in Gang gekommen ist, auch nur durch Verbrechen weiter in Gang gehalten werden.

9     Wichtiger und richtig sei, dass Revolutionen - und nicht Kriege - uns inmitten der Geschichte direkt und unausweichlich mit einem Neubeginn konfrontieren (23).

10   Was sich als erstes aufdrängt, wenn wir an Revolution denken, ist die soziale Frage. Diese ist bereits von Aristoteles in ihrer revolutionären Bedeutung entdeckt worden, da er Platos Umschwünge ökonomisch erklärte und die Oligarchie als die Herrschaft der Besitzenden interpretierte, die Demokratie dagegen als die Herrschaft der Besitzlosen. Aber erst im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert konnte sich die soziale Frage wirkliche Bedeutung entfalten, als man daran zu zweifeln begann, dass es nur wenigen gelingen kann - durch ungewöhnliche persönliche Kraft, aussergewöhnliche Umstände oder auch einfach durch Betrug - sich von den Fesseln des Elends zu befreien (25).

11   Arendt erwähnt noch "die nicht seltene Ansicht", die moderne Revolution sei ihrem Wesen nach christlichen Ursprungs und dies auch dann, wenn sie prinzipiell atheistisch auftritt. Diese These stütze sich auf die rebellische Natur der frühchristlichen Sekten, ihre offene Verachtung der weltlichen Mächte und auf die Gleichheit der Gläubigen vor Gott... (29).

12   Freiheit: Arendt verweist auf die Kluft zwischen dem Freiheitsbegriff der Antike und modernen Vorstellungen. - Den Griechen war es selbstverständlich, dass man nur unter seinesgleichen frei sein kann. Nur wer sich unter Freien bewegte, war frei. Nach Herodot war gerade der Herrscher selbst nicht frei, da er Herrschaft über andere ausübt und sich daher der Gesellschaft von seinesgleichen beraubt. Mit anderen Worten: Herrschaft zerstört den politischen Raum (36-37).

13   Im Stadtstaat Florenz gab es zu Machiavellis Zeit nur 3000 Bürger von insgesamt 70'000 Menschen. Es gab zwar heftige Bürgerzwiste, aber niemand dachte offenbar je ernstlich daran, diese Massen zu organisieren und so die Macht zu ergreifen (48).

14   Das Wort "Revolution" kommt aus der Astronomie (Kopernikus), mit dem er gesetzmässig und kreisförmig verlaufende "revoltierende" Bewegung der himmlischen Körper, also eine in sich selbst zurücklaufende Bewegung. In seinem metaphorischen Gebrauch diente das Wort dazu, die Wiederkehr der wenigen bekannten Staatsformen anzuzeigen in der Vorstellung, dass diese wiederkehren mit derselben unwiderstehlichen Kraft wie die Sterne ihren vorgezeichneten Bahnen folgen. Diesem ursprünglichen Sinn lag es ganz fern, dass menschliches Handeln die Geburt einer neuen Welt herbeiführen könnte (50-51).

15   Im historischen Sprachgebrauch wurde das Wort "Revolution" für das benutzt, was wir heute als "Restauration" bezeichnen. Dies gilt auch für die Anfänge der Amerikanischen und die Französische Revolution. Sie stellten sich vor, sie würden eine alte Ordnung der Dinge wieder herstellen, welche von der Monarchie im Zeitalter des Absolutismus verletzt und vergewaltigt worden war.

16   Dieser Anfangsaspekt der Revolutionen hat zu einer Verwirrung über Sinn und Bedeutung von Revolutionen überhaupt geführt, der kein anderes Ziel verfolgte als das der Wiedergewinnung uralter, verbriefter Rechte und Freiheiten.

17   Zwischen den Menschen und der Freiheit ihres Handelns schien nichts anderes zu stehen als die despotische Macht der Monarchen. Was Arendt unter Revolution versteht, geschah erst im Laufe der "Revolution". In Frankreich erfolgte in der Nacht des 14 Juli 1789 der Sturm auf die Bastille. Als der König von der Befreiung der wenigen Gefangenen und der Gehorsamsverweigerung der königlichen Truppen vor dem Aufstand des Volkes hörte, rief er aus, das sei eine Revolte, und Liancourt korrigierte ihn, das sei eine Revolution. Er meinte damit, es sei etwas geschehen, das so unwiderruflich sei wie der Lauf der Sterne, denen auch ein König nicht gebieten kann.

18   Was veranlasste Liancourt zu dieser Antwort? - Die Soldaten hatten nicht geschossen, die Autorität funktionierte nicht mehr. Dies war das Ende, das sich lange angekündigt hatte. Revolutionen brechen aus, wenn sich herausgestellt hat, dass die Macht auf der Strasse liegt.

19   Wenige Jahrzehnte später wurde die Vorstellung einer unwiderstehlichen Bewegung begrifflich gefasst als Idee einer "historischen Notwendigkeit". Es scheint, dass mit den wenigen Worten Liancourts ein gänzlich neues Vokabular und eine neue Vorstellungswelt in den politischen Bereich eingebrochen wäre (58-59).

20   In den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution wurde die Vorstellung von einer mächtigen, unterirdischen, alle und alles mitreissenden Strömung vorherrschend. Die Revolution wurde in Metaphern beschrieben, die nicht Menschenwerk war, sondern in Metaphern des reissenden Stromes, des Sturmwinds, des anschwellenden Flusses. Diese Metaphern stammten alle noch von den Handelnden der Revolution selbst und bezeugen deutlich, dass sie sich keine Illusion darüber machten, dass sie längst aufgehört hatten, in Freiheit zu handeln, wie trunken sie auch vom Wein der Freiheit gewesen sein mochten.

21   Jede der folgenden Revolutionen, einschliesslich der Oktoberrevolution in Russland, verlief nach den Spielregeln der Französischen Revolution. Die Französische Revolution war im Erfahrungshorizont der Männer der Revolution als ein Schauspiel erlebt worden, in dem keiner der Mitwirkenden den Gang der Ereignisse in der Hand behielt und dass diese in einer Richtung verlief, die mit den ursprünglichen Zielen und Zwecken der Handelnden so gut wie nichts mehr zu tun hatte. Dies im Unterschied zur Amerikanischen Revolution, wo die Mitwirkenden zutiefst überzeugt waren, dass der Mensch Herr seiner Geschicke - mindestens im politischen Bereich - sei (62).

22   Theoretisch gesprochen war die schwer wiegenste Folge der Französischen Revolution die Geburt des modernen Geschichtsbegriffs in der Hegelschen Philosophie. Hegel war der Meinung, dass das Absolute und absolut Transzendente, wie es die Philosophie bislang verstanden hatte, sich im Bereich menschlicher Angelegenheiten offenbare, also genau in dem menschlichen Erfahrungshorizont, den alle frühere Philosophie als Quelle oder Standort absoluter Massstäbe verworfen hatte - und diese Meinung Hegels ist bis heute vorherrschend (63).

23   Anstelle der von Tocqueville geforderten "neuen politischen Wissenschaft" setzte sich die Geschichtsphilosophie. Die mit Hegel ansetzende philosophische Strömung hatte die Sphäre der reinen Spekulation verlassen und begann, die Erfahrungen der Zeit in den Begriff zu erheben. Dabei blieb aber das Begreifen dieses neuen begrifflichen Denkens theoretisch im herkömmlichen Sinne. Noch verhängnisvoller ist, dass das eigentliche philosophische Denken in geschichtsphilosophische Spekulationen verwandelt wurde (64).

24   So kompliziert diese Dinge im Theoretischen liegen, so lässt sich der politisch verhängnisvolle Trugschluss leicht aufzeigen. Der gesamte Bereich des menschlichen Handelns wird vom Zuschauer-Standpunkt aus betrachtet, der einem Schauspiel beiwohnt, statt die Geschehnisse von den Handelnden und Vollziehenden selbst her zu beschreiben und zu analysieren.

25   Es stimmt zwar, dass alles Politische - Taten, Worte und Ereignisse - geschichtlich im eigentlichen Sinne wird. Daraus entsteht leicht der Anschein, dass nur Zuschauende und niemals die Handelnden selbst hoffen dürfen, den Sinn dessen zu verstehen, was sich in einer Kette von Taten und Ereignissen abgespielt hat. Der Begriff der historischen Notwendigkeit hat seinen Ursprung in der Französischen Revolution, bei der die Erfahrung der Handelnden selbst, nicht mehr in Freiheit zu handeln, sondern von einer Art Naturgeschehen getrieben zu sein, mit dem überwältigenden Eindruck der Zuschauenden, einen ungeheuren, nur noch seinem eigenen Gesetz folgenden Geschehen beizuwohnen, auf das engste verketten. Es waren aber die Betrachter, für die das Getriebensein zu einer geschichtlichen Notwendigkeit wurde und denen Napoleon Bonaparte als "Schicksal" erschien. - Entscheidend ist in unserem Zusammenhang, dass sich die späteren Revolutionäre sich als Vollstrecker der Geschichte und als Agenten der Notwendigkeit verstanden und nicht als Nachfolger der Männer der Französischen Revolution. Dies hatte zur Folge, dass die Idee der Freiheit aus dem revolutionären Denken verschwand und die Kategorie der Notwendigkeit sich an ihren Platz setzte (64-65).

26   Ohne die Französische Revolution wären die Philosophen allerdings kaum dazu gekommen, sich so ernsthaft mit den Angelegenheiten der Menschen zu befassen. Was sie lockte, war die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit, die durch zwischenmenschliche Bezüge und Relationen konstituiert ist. Aber die Forderung, eine solche Wahrheit müsste für alle Menschen gelten, unabhängig davon, woher sie stammten und welchen Landes Bürger sie sind, musste notwendig scheitern. Denn für die Menschen als Bürger könne es nur eine Vielfalt von Meinungen geben, und für Menschen als Angehörige eines bestimmten Volkes sei der Wahrheitshorizont durch seine eigene Geschichte und nationale Erfahrung begrenzt. Die Philosophen dagegen gingen nach wie vom fiktiven "Menschen" in der Einzahl aus, und als die Geschichte als Medium für die Offenbarung von "Wahrheit" angesprochen wurde, musste sie sofort zur "Weltgeschichte" werden. Demgemäss konnte die sich in der Geschichte offenbarende Wahrheit nur als die Wahrheit eines "Weltgeistes" aufgefasst werden. Sowohl die Französische als auch Amerikanische Revolution behauptete voller Stolz, dass nun eine neue Ära des gesamten Menschengeschlechts anbrechen werde. Wenngleich der Enthusiasmus für die Menschenrechte schnell erlahmten, ist die Idee, dass es so etwas wie eine Weltpolitik geben könnte, aus dem politischen Denken nie mehr ganz verschwunden (65-66).

27   Der moderne Geschichtsbegriff mit seiner beispiellosen Betonung des Prozesshaften in der Geschichte hat mehrere Ursprünge. Entscheidend war der Prozessbegriff aus dem naturwissenschaftlichen Denken der Neuzeit, so dass man sich ihn nur als eine primär kreisförmige, in sich zurücklaufende Bewegung vorstellte, was natürlich besagt, dass Notwendigkeit den geschichtlichen Abläufen ebenso inhärent sei wie rein physikalischen Prozessen. Jede Kreisbewegung sei als solche "notwendig". Erstaunlich ist nur, dass sich diese Auffassung nebst der gegenteiligen Vorstellung halten konnte, die Geschichtsbewegung erstrecke sich gradlinig in eine unbekannte Zukunft. Die letztere Auffassung gründet ausschliesslich auf politischer Erfahrung und den wirklichen Lauf der Welt (67-68).

28   Die magische Vorstellung von der historischen Notwendigkeit ist seit der Oktoberrevolution zu einer wahren Besessenheit geworden. Auch sie hat zuerst eine unvergleichliche Hoffnung in die Welt gebracht, um die gleiche Welt in eine umso tiefere Verzweiflung zu stürzen. Nur dass die Erfahrungen diesmal nicht unerwartet kamen und dass die Lektion diesmal schon gelernt war, bevor sie auch nur gelehrt werden konnte. Die wahre Tragik der Russischen Revolution ermisst man nur, wenn man sich vergegenwärtigt, bis zu welchem absurden Ausmass die Männer dieser Revolution ihre Handlungen bewusst auf die Erfahrungen der Französischen Revolution abstellten, als ging es darum, das alte Schauspiel - trotz den radikal veränderten Bedingungen und Umständen - nochmals auf die Bühne der Weltgeschichte zu bringen. Die zuvor unbekannte Verquickung von Ideologie und Terror und warum die Revolutionäre, die von Moskau abhängig wurden, wie Schafe zur Schlachtbank gingen, wird nur verständlich durch den jedem ideologischen Denken inhärenten Selbstzwang. Was denjenigen, die bei der Revolution in die Schule gegangen waren, schliesslich so grotesk zum Verhängnis wurde, war, dass sie zu wissen meinten, sie kennten den "notwendigen" Gang der Revolution, bevor diese auch nur begonnen hatte. Hätten sie sich die Männer der Französischen Revolution selbst zum Vorbild genommen - was denen der Revolution 1848 noch selbstverständlich war - so hätten sie ihre Unschuld bis zum letzten Atemzug in die Welt geschrien. Stattdessen meinten sie, es könne nicht anders sein, als dass die Revolution ihre eigenen Kinder frisst. Man meinte zu wissen, dass der Konterrevolutionär in der Maske des Revolutionärs auftritt und dass man daher die Jagd auf die "Verdächtigen" eröffnen müsse. Es war dann wie selbstverständlich, dass als Retter in der Not wieder ein Mann auftaucht, der vorgibt, genau in der Mitte der streitenden Fraktionen zu stehen und die rechte und linke Abweichung ebenso liquidiert, wie es Robespierre tat (70-71). Was die Männer der Russischen Revolution aus dieser Schule - nebst dem Auswendiglernen von Marx - schliesslich davontrugen, war eine grosse Geschicklichkeit, jede Rolle zu spielen, welche das grosse geschichtliche Drama ihnen anweisen würde. Sie waren auch bereit, die Rolle des Bösewichts zu akzeptieren, wenn ihnen keine andere Rolle geboten wurde, um überhaupt im Spiel bleiben zu dürfen.

29   Es liegt eine Art grandioser Lächerlichkeit über diesem Schauspiel, in welchem Männer, die allen bestehenden Mächten zu trotzen gewagt hatten, von einem Tag auf den anderen mit grösster Unterwürfigkeit und ohne leiseste Empörung sich dem fügte, was sie für historische Notwendigkeit hielten, ganz gleich wie töricht und inadaequat die Wirklichkeit dieser sogenannten Notwendigkeit sie angemutet haben mag (70-72).

30   Die soziale Frage - die Tatsache der Armut (73)

31   Armut ist entwürdigend, weil ihr Elend die Menschen unter den absoluten , unaufhörlichen Zwang des rein Körperlichen stellt, also unter eine "Notwendigkeit", die allen Menschen bekannt ist, seien sie reich oder arm. Unter dem Diktat dieser "Notwendigkeit" kam die Menge der Armen der Französischen Revolution zu Hilfe, feuerte sie an, trieb sie vorwärts - um sie aber schliesslich unter dem Drang ihrer Not zu begraben. Die Armut in ihrer Massenhaftigkeit entmachtete die Macht des alten Regimes.

32   Der Berufsrevolutionär- Narretei der Ideologie:

33   Nicht mehr an das Märchen glauben "Es musste ja so kommen" (81).

34   An die Stelle der Vorstellung von der Notwendigkeit allen geschichtlichen Geschehens, dessen Prozesse im Bilde der drehenden, ewig-selbigen Umläufe der Gestirne gesehen wurde trat die Erfahrung von der unendlich sich wiederholenden "Notwendigkeit" der Lebensprozesse. An die Stelle der alten astronomischen Metapher traten die bekannten biologischen Metaphern. Mit deren Hilfe wurde es möglich, die faktische Pluralität einer Nation oder eines Volkes oder einer Gesellschaft im Bilde eines übermenschlich grossen Leibes zu sehen, als Körper der Nation oder des Volkes oder der Gesellschaft und eines unwiderstehlichen allgemeinen "Willens" (Rousseaus volonté général).

35   Der jung Marx war überzeugt, dass die Französische Revolution nur darum an der Gründung der Freiheit gescheitert sei, weil sie die soziale Frage nicht hatte lösen können. Dass Armut und Freiheit unvereinbar sind, mochte ihm aus dem klassischen Altertum vertraut sein.

36   Die Marx'sche Transformation der sozialen Frage in einen politischen Faktor ersten Ranges kommt im Begriff der Ausbeutung zum Ausdruck. Ausbeutung besagt, dass Armut nicht "natürlich" ist, sondern die Folge davon, dass eine Gruppe von Menschen sich in den Besitz der Gewaltmittel zu setzen gewusst hat und so zur "herrschenden" Klasse wurde. Dass diese Hypothese ein Jahrhundert intensivster historischer Forschung überleben konnte, hat wenig mit Wissenschaft zu tun, sondern mit ihrem revolutionären Gehalt. Den politischen Faktor hatte Marx um der Revolution willen in die Ökonomie eingeführt und nicht um der Wissenschaft willen und machte sie so zu einer "politischen Ökonomie" im eigentlichen Sinne. Eine Wirtschaftsordnung, die auf politischer Macht beruht kann demzufolge auch durch politische Organisation in Form der Revolution zerstört werden. Damit entzündete er einen Geist des Widerstandes und der Rebellion, zu denen Menschen nur fähig sind, wenn ihnen Gewalt angetan wird. Im Unterschied dazu, entsteht unter dem Druck der Alltagslast (Notwendigkeit) keine Gewalt (77-78).

37   In diesem Modell orientierte sich Marx am Modell der antiken Sklavenwirtschaft, wo offenbar eine in seinem Sinne "herrschende Klasse" sich in den Besitz von Gewaltmitteln gebracht hatte, um die Unterworfenen zu zwingen, des Lebens Last und Mühe für sie zu tragen.

38   Marx hat - wo man bisher nur die ewig gleichen Naturbedingungen menschlichen Lebens auf Erden gesehen hatte, die Willkür der Gewalt und Unterdrückung entdeckt. Dies führte ihn am Ende leider nur dazu, das eiserne Gesetz der historischen Notwendigkeit in jede Gewalttat und Vergewaltigung hineinzuinterpretieren. Schliesslich hat er mehr als irgendjemand sonst zum endgültigen Sieg der verderblichen Lehre der Moderne beigetragen, das Leben sei der Güter höchstes und der Lebensprozess der Gesellschaft sei Zweck und Ende aller Politik. So meint man heute nicht mehr, es sei die Aufgabe der Revolution, die Menschen von der Unterdrückung ihrer Mitmenschen zu befreien, sondern den Lebensprozess in seiner vollen Produktivität loszulassen und damit schliesslich einen Strom des Überflusses zu erzeugen.

39   Als man von Lenin einmal verlangte, in einem Satz das Wesen und die Ziele der Oktoberrevolution zu definieren, fand er die längst vergessene Formel: "Elektrifizierung plus Sowjets". - Mit anderen Worten, „die Befreiung vom Fluch der Armut kann technisch bewältigt werden, während die Errichtung der Freiheit eine neue Staatsform verlangt, eben das Rätesystem" (82). Arendt versteht Lenins Aussage als eines der nicht seltenen Beispiele, in denen seine staatsmännische Begabung seine marxistische Verbohrtheit und Ideologiebesessenheit durchbrach. Leider endete das - was mit der Parole "Alle Macht den Räten begonnen hatte" sehr schnell mit der Auslieferung aller Macht an die Partei und den Parteiapparat. Arendt gibt zu bedenken, Lenin habe gemeint, es sei eine Illusion zu glauben, man könne gleichzeitig die Armut beseitigen und die Freiheit begründen.

40   Staatsgründung - Konstitution (183)

41   Eine Konstitution, sagt Paine, ist nicht der Akt einer Regierung, sondere eines Volkes, das eine Regierung konstituiert. In Amerika wurden verfassunggebende Versammlungen einberufen. Der Verfassungsentwurf wurde später in den Länderparlamenten Abschnitt für Abschnitt diskutiert und nicht nur summarisch vom Volk ratifiziert (188). In Europa dagegen wurden die Konstitutionen von Verfassungsjuristen entworfen nach dem Modell der Amerikanischen Verfassung. Aber sie kümmerten sich nur um den Wortlaut, so dass die Völker sie von Anbeginn mit Misstrauen betrachtet und darin kaum mehr als einen Fetzen Papier gesehen haben. Als Hitler 1933 die Macht ergriff, war es nicht einmal nötig, die Weimarer Verfassung abzuschaffen, denn mehr als die Hälfte der europäischen Länder hatte bereits ihre Verfassungen annulliert und sich in Partei- oder militärische Diktaturen verwandelt. Ausser Skandinavien und die Schweiz litten alle restlichen Verfassungsstaaten an Macht- und Autoritätsverlust. Weder hatten sie Autorität im Volk noch wussten sie Macht zu handhaben. Dies hatte zur Folge, dass in Frankreich eine Konstitution die andere jagte, es gab 14 Verfassungen im kaum 100 Jahren, so dass das Wort selbst schliesslich lächerlich wurde. - Fazit, in der Verfassung als solcher kann unmöglich das Heil liegen.

42   Nur eine andere Macht ist imstande, Macht zu begrenzen und in ihrer Mächtigkeit zu erhalten, und dies besagt, dass das Prinzip der Gewaltenteilung, das eigentlich Machtteilung heissen sollte, nicht nur verhindert, dass ein Teil des Staatsapparats, etwa die Legislative oder die Exekutive, alle Macht an sich reisst und monopolisiert, sondern dass ein Gleichgewicht hergestellt ist, das es ermöglicht, überall neue Macht zu erzeugen, aber eben nicht auf Kosten anderer Machtquellen und Machtzentren (197).

43   Kant schreibt: "Der Mensch existiert als Zweck an sich, nicht bloss als Mittel zu beliebigem Gebrauch für diesen oder jenen Willen." - "Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen." - Kein Terrorismus der Vernunft, sondern Nüchternheit, keine Arroganz der Vernunft, sondern Bescheidenheit. Kant habe der Vernunft gezeigt, was sie zu leisten vermag und was nicht (René Scheu im St. Galler Tagblatt 11.02.2004)

 

Quelle

Hannah Arendt - Über die Revolution, Pieper Verlag 1963, 4. Auflage 1994