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226 - Hannah Arendt - Vita activa

Das Privatleben beraubend

„Nur ein Privatleben führen heißt, wesentlich menschlicher Dinge beraubt zu sein, Beraubt nämlich der Wirklichkeit, die durch das Gesehen- und Gehörtwerden entsteht, beraubt einer objektiven, d.h. gegenständlichen Beziehung zu anderen, die sich nur dort ergeben kann, wo Menschen durch die Vermittlung einer gemeinsamen Dingwelt von anderen zugleich getrennt und mit ihnen verbunden sind.“ Beraubt schließlich der Möglichkeit, etwas zu leisten, das beständiger ist als das Leben1 (73).

Realitätsverlust

In der modernen Welt haben diese Beraubungen und der ihnen inhärente Realitätsverlust zu einer Verlassenheit geführt, die nachgerade ein Massenphänomen geworden ist, in welchem menschliche Beziehungslosigkeit sich in ihrer extremsten und unmenschlichsten Form äußert2 (73).

Privates und Öffentliches

Die volle Entwicklung eines Familienlebens an Haus und Herd zu einem Innenraum mit eigenständigem Recht und eigenständigen Gesetzen verdanken wir dem außerordentlichen Sinn des römischen Volkes für das Politische; denn die Römer, anders als die Griechen, haben niemals das Private dem Öffentlichen geopfert, sondern verstanden, daß diese beiden Bereiche in ihrer Existenz voneinander abhängen3 (74).

Verwechslung von Macht und Gewalt

Den „Linken" hielt Hannah Arendt eine gefährliche Verwechslung von Macht und Gewalt vor (Young-Bruehl, Elisabeth - Hannah Arendt - Leben und Werk, S. 564). Sie kritisierte drei Rechtfertigungen von Gewalt: Marxens Behauptung, die Gewalt sei ein notwendiger Bestandteil der revolutionären Geburtswehen einer Gesellschaft; Sorels These, die Gewalt sei ihrem Wesen nach kreativ und deshalb das angemessene Mittel für die gesellschaftlichen Produzenten, die Arbeiterklasse, im Unterschied zu den gesellschaftlichen Konsumenten; und Sartres Behauptung, Gewalt sei für die Erschaffung des Menschen wesentlich, sei der sich selbst neuerschaffende Mensch. Sie sagt ferner, Marx verwechsle Handeln mit natürlichen Prozessen wie Gebären oder Arbeiten, Sorel verwechsle Handeln mit Herstellen und Sartre verwechsle in Ausweitung der Marx'schen Position, daß nicht die Arbeit, sondern die Gewalt den Menschen erschafft. Alle diese Argumente weist Arendt zurück4 (S. 564-565).

Macht der Gewaltlosigkeit

Arendt meinte, daß Gewaltlosigkeit aus taktischen Gründen für die Friedensbewegung wesentlich sei - weil Gewalt die Nichtbeteiligten abschrecke. Aber dann fügte sie den eigentlichen Grund hinzu: die enorme Macht der Gewaltlosigkeit. Sie war der Auffassung, die Amerikaner würden erkennen, daß staatliche Gewalt, die sich gegen (gewaltlose) Bürger richtet, das Ende der Republik bedeuten würde. Auf der anderen Seite verurteilte Arendt auch diejenigen, die den gewaltsamen Protest einsetzen wollten, um das Ende der Republik herbeizuführen5 (S.565).

Widerstandsbewegung

Mit Gewalt heizt man - so Arendt - weder die Lokomotive des Fortschritts an noch eine Revolution. Sie diene höchstens dazu, Mißstände zu dramatisieren. Die Studentenkrawalle in Frankreich hätten lediglich eine Reform des Universitätssystems gebracht (nicht eine weltweite Veränderung). Gegen die Besetzung von Gebäuden hat Arendt nichts einzuwenden. Sit-ins und Besetzungen sind etwas anderes als Brandstiftung und bewaffnete Revolte, und der Unterschied ist kein bloß gradueller. - Arendt argumentiert weiter, daß Widerstandsbewegung ein besserer Ausdruck für die Friedensbewegung wäre6 (S.567).

Potential der Nächstenliebe

Arendt verweist auf ein metaphysisches Prinzip, das, anders als Augustinus Konzept über die überirdische Liebe, das Potential der Nächstenliebe innerhalb dieser Welt bekräftigt7 (S. 235).

Politisches Phänomen

Der Antisemitismus ist ein politisches und kein natürliches Phänomen8 (S. 259).

Politische Gleichberechtigung - private Knechtschaft

Arendt sieht in Amerika einen Grundwiderspruch: Politische Freiheit bei gesellschaftlicher Knechtschaft (240). Auch dieser Widerspruch ist aufs Geschlechterverhältnis anzuwenden. Wir haben zwar die politische Gleichberechtigung, jedoch besteht eine gesellschaftliche wie private Knechtschaft nach wie vor9 (S.169).

Autonome Selbstentwicklung

„Autonome Selbstentwicklung« bedeutete für Arendt die Frage: Was kann das für einen Juden bedeuten10 (S. 169)

Frankfurter Schule

Nach dem Kennenlernen von Theodor W. Adorno sagte Arendt zu ihrem Mann (Günther Stern): Der kommt uns nicht ins Haus! (1929). Damals hatte sie noch nicht wissen können, daß Adomo 1933 einen „Gleichschaltungsversuch“ machen würde, der allerdings mißlang (168). Die eigentliche Infamie sah sie darin, daß er, halbjüdisch unter lauter Juden, diesen Schritt ohne Informierung seiner Freunde getan habe. Die Mitglieder der Frankfurter Schule waren überwiegend Juden. Adorno habe gehofft, mit der mütterlich italienischen Seite (Adorno versus Wisengrund) durchzukommen11 (168).

homo faber - animal laborans

Arendt versucht eine philosophische Unterscheidung zwischen dem homo faber und dem animal laborans, also zwischen Handwerker und Künstler (im Sinne der Griechen) auf der einen Seite die Alltagsarbeit, die dem Fluch unterworfen ist, das tägliche Brot im Schweiße unseres Angesichts zu verdienen. Eine klare begriffliche Unterscheidung wie auch genaues historisches Wissen auf diesem Gebiet schien ihr wichtig angesichts der Tatsache, daß Marxens Verehrung der Arbeit als eine ihrem Wesen nach schöpferische Tätigkeit einen entscheidenden Bruch mit der gesamten westlichen Tradition darstellt, in der die Arbeit den tierischen, anstatt den menschlichen Aspekt der Menschen verkörpert12 (386).

Marx - unklare Analyse von  Arbeit

Arendts kritisiert an Marx jedoch: Seine Vorstellung vom Menschen als „arbeitendes Wesen" sei unklar, weil er Elemente des Herstellens oder Fabrizierens in seine Analyse gemischt habe. Arendt wollte ganz klar zwischen Arbeiten und Herstellen unterscheiden, weil Menschen, wenn sie als herstellende Wesen" gedacht werden, für die „totale Herrschaft" mißbraucht werden können13 (386).

Kritik an Soziologen und Psychologen

Arendt kritisiert ferner die Soziologen und Psychologen, in deren begrifflichem Morast alles untergehe Sie erinnert an die Weimarer-Eliten, die sich mit dem Mob verbunden haben. Die Verwirrung der Intellektuellen sei ungeheuer gewesen. Schuld daran waren ihrer Meinung nach die Soziologen und Psychologen. Die totale Herrschaft müsse politisch begriffen werden und nicht soziologisch oder psychologisch. Politisch gesehen, war die Neuartigkeit totaler Herrschaft für sie und George Kennan an einer Tagung von 1953 klar. Es wäre falsch, tyrannische Praktiken lediglich als Variationen tyrannischer, despotischer oder autoritärer Methoden auffassen14 (401).

Privater, sozialer, politischer Raum

Arendt unterscheidet drei Räume für das menschliche Tätigsein, den privaten, den sozialen und den politischen Raum. Mit dieser Unterscheidung versucht sie zu erklären, daß nicht der soziale Brauch der Rassentrennung verfassungswidrig ist, sondern seine gesetzliche Erzwingung«15 (426/27).

Rassengesetzgebung - Urverbrechen der Geschichte

Was sie meint, wird erst in den Beispielen deutlich. Arendt kritisiert Thomas Jefferson und die Liberalen, die gegen die gesetzliche Verankerung der Gleichberechtigung waren mit dem Argument, daß sich ein solches Gesetz nicht durchsetzen ließe. Arendt argumentiert dagegen, daß nicht die soziale Rassentrennung, sondern die Rassengesetzgebung die Fortsetzung des Urverbrechens der Geschichte" begründe16 (431).

Philosophische Begriffsanalyse

Arendt nennt ihre philosophische Methode Begriffsanalyse. Ihr Ziel war herauszufinden, woher Begriffe kommen. Mit Hilfe der Philologie oder der Sprachanalyse verfolgte sie politische Begriffe zurück zu den konkreten historischen und allgemeinen politischen Erfahrungen, aus denen die Begriffe hervorgingen. Bspw. arbeitete sie drei Stufen der vita activa heraus: Arbeiten, Herstellen, Handeln. Die erste Stufe, die Arbeit, sichert das Am-Leben-Bleiben des Individuums und das Weiterleben der Gattung. Das Herstellen betrifft die Fabrizierung einer Welt, die in gewissem Masse unabhängig existiert von der Sterblichkeit der Menschen - und so ihrem flüchtigen Dasein so etwas wie Bestand und Dauer entgegenhält. Das Handeln schließlich schafft die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, für Erinnerung und damit für Geschichte17 (439/440).

Erziehung muss konservativ sein

Arendt war überzeugt, daß die Erziehung nicht die einzige oder auch nur wichtigste Quelle der sozialen oder politischen Veränderung sein sollte. - Gerade um des Neuen und Revolutionären willen müsse in jedem Kinde die Erziehung konservativ sein18.

Zeit für gute Ausbildung

Der zweite Satz ist mißverständlich, weil konservative Erziehung in der Regel als eine manipulierende Erziehung im Sinne des Alten verstanden wird. Arendt verstand unter konservativ jedoch das, was sie selber in ihrer Familie positiv erlebt hatte, also etwas völlig anderes: Zeit für eine gute Ausbildung, bevor sich die Judenfrage persönlich in ihrem Leben stellte und bevor sie sich als Jüdin für die Politik entscheiden mußte.

Unerwünscht  sein

Arendt meinte bezüglich der Rassendiskriminierung: Psychologisch gesehen ist die Situation, unerwünscht zu sein (ein gesellschaftliches Problem), schwieriger zu ertragen als offene Verfolgung (ein politisches Problem), weil dabei das Selbstwertgefühl eine Rolle spielt19 (430).

Heidegger – Humanismus Brief- Sinn von Sein

Zu Heidegger: 1949 hatte Heidegger seinen „Brief über den Humanismus“ publiziert, in dem er erstmals öffentlich bekannte, daß er in seinem philosophischen Denken eine Kehre vollzogen habe. In seinem Frühwerk Sein und Zeit sei er zu subjektiv daran interessiert gewesen, wie der Mensch versuche, die Frage nach dem Sinn von Sein zu stellen. So habe er begonnen, den Menschen als ein Wesen zu denken, das auf das Sein antwortet. Denken und Sprechen entspringe nicht der eigenen Spontaneität, sondern dem Hören auf das Sein. Arendts Vermutung ist, Heideggers frühe Wendung gegen die Selbstischkeit des Menschen habe es ihm 1933 erlaubt (in seiner Rektoratsrede), gegen die promethische Arroganz des Menschen zu polemisieren. Nach Arendts Auffassung hatte sich Heideggers Menschenbegriff in Richtung einer mystischen Sicht entwickelt, wonach die weltlichen Dinge den Menschen vom Sein ablenken. Er sei somit immer unpolitischer geworden20 (417/418).

Mystik  - politisch denkend und handelnd

Der Begriff: Mystisch wird von Arendt anders verwendet, als ich von der christlichen Mystik her kenne. Mystik heisst nicht in jedem Fall, sich von der Welt abzuwenden, sondern in der Welt christlich zu handeln: Der Mystiker Böhme war Schuhmacher, die Mystikerinnen Katharina von Siena sowie Theresia von Avila und Hildegard von Bingen waren tätige und ausgesprochen politisch denkende und handelnde Frauen. Heidegger jedoch war unpolitisch - aus Angst. Herkunftsmässig einer Küsterfamilie entstammend lernte er die politische Zivilcourage nicht, sondern die Anpassung (Küster sind Kirchendiener, bei uns heissen sie Sigrist).

Menschheitsgeschichte - Seinsgeschichte

Arendt und Blücher kamen zur Auffassung, Heideggers schwächster Punkt sei sein Begriff der Geschichtlichkeit. In Sein und Zeit (1927) habe er Geschichtlichkeit im ontologischen Sinne interpretiert. Er denke Geschichte nur anthropologisch in dem Sinne, daß man geworfen sei und bereit sei, dieses Geworfensein auf sich zu nehmen. Auf diese Weise falle seine Menschheitsgeschichte mit der Seinsgeschichte zusammen21 (Seinsgeschichte meint hier die persönliche Herkunftsgeschichte).

Anmaßung alles Unbedingten

Arendt zitiert Heidegger: „Wir haben die Anmaßung alles Unbedingten hinter uns gelassen“ und vermerkt dazu: In unserem Zusammenhang bedeutet dies, daß der Philosoph den Anspruch hinter sich gelassen hat, weise zu sein und ewige Maßstäbe für die vergänglichen Angelegenheiten des Menschenstaates zu kennen, weil er eigentlich nicht dazugehört, sondern sich in der Nähe des Absoluten aufhält22 (418).

Wertmassstäbe und Verbindlichkeiten

Anmerkung EC: Diese Einsicht und Bescheidung wäre ja sympathisch, wenn damit nicht überhaupt die Suche nach Wertmassstäben und Verbindlichkeiten aufgegeben würde. Als ein Wertmassstab wären z.B. die Menschenrechte zu nennen, die philosophisch zu begründen wären.

Verzicht auf Werte im Alltag - fürchterlich

So richtig es ist, nicht mehr im alten philosophischen Sinne 'weise' sein zu wollen, so fürchterlich klingt der Verzicht auf Werte im Kontext des Lebens-Alltags. Zum Beispiel rühmte sich der der 60-jährige Curd Jürgens, kein bißchen weise zu sein. Der philosophische Verzicht auf Allwissenheit ist hier zu einem banalen Spruch verkommen. Kein bißchen weise geworden zu sein bedeutet, das Leben, die Erfahrungen und Erinnerungen, als eine Banalität zu sehen, die auszuloten sich nicht lohnt, um daraus zu lernen. Der dümmliche Spruch ist so allgegenwärtig, daß er auch als Motto für die Einladung zu unserem dörflichen Klassentreffen  der 60ig-Jährigen (1992) verwendet wurde.

Dauerhaftere Fragen der Politikwissenschaft vergessen

Arendt verweist auf Heideggers Buch Sein und Zeit, in dem er begann, das menschliche Dasein durch eine ausgedehnte phänomenologische Beschreibung des Alltagslebens zu analysieren. Sie kritisiert: Dieses Leben kenne keine Einsamkeit, sondern verstehe sich unter dem ständigen Bann von anderen. Das Geschehen, die Ereignisse spielten in Heideggers neueren Veröffentlichungen eine immer größere Rolle, während die Möglichkeit des Handelns in der Gesellschaft vergessen gehe. Arendt anerkennt zwar, daß im Gefolge von Heidegger die soziologischen Strömungen sehr feinfühlig die Zeitströmungen wahrnehme: Technisierung, Druck der Gesellschaft auf den Einzelnen und die damit einhergehende Atomisierung der Gesellschaft. Aber die dauerhafteren Fragen der Politikwissenschaft seien vergessen, obgleich diese Fragen die spezifisch philosophischen wären: Was ist Politik? Wer ist der Mensch als ein politisches Wesen? Was ist Freiheit? usf.23 … (S.419).

Auseinanderhalten von Menschenrecht und Staatsrecht

Wichtig ist das Auseinanderhalten von Menschenrecht und Staatsrecht, damit das Gewissen funktionieren kann. Wenn man sich in dieser Frage sagt: Wer bin ich denn überhaupt, mir ein Urteil anzumaßen? - sei man schon verloren (siehe Eichmann, Unfähigkeit und Weigerung, zu urteilen). Zu Jaspers sagte Arendt: Auch sehr gute und im Grunde anständige Leute haben in unserer Zeit die allergrösste Angst davor zu urteilen ... Dieser Mangel an Urteilskraft kann mit sehr hoher und starker Intelligenz Hand in Hand gehen, während umgekehrt gar nicht sehr intelligente Menschen eine große Urteilskraft besitzen können"24 (465).

Arbeit und Herstellen

1. Die Arbeit sichert das Am-Leben-Bleiben des Individuums und das Weiterleben der Gattung.

2. Das Herstellen errichtet eine künstliche Weit, die dem flüchtigen Dasein so etwas wie Bestand und Dauer entgegenhält (Gebäude, Mobiliar, Strassen). Diese Welt ist unabhängig von der Sterblichkeit ihrer Bewohner.

3. Das Handeln schafft durch Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen die Bedingungen für Kontinuität der Generationen. Damit ist Erinnerung und Geschichte möglich.

Sphäre der Notwendigkeit

Für die Griechen war der Haushalt die Sphäre, in der die Notwendigkeit herrschte. Die Sphäre der Freiheit war die Polis.

Für die Griechen war das Handeln die höchste Tätigkeitsform, während es bei den Christen weniger wert war als das Herstellen. Die Arbeit rangierte für Griechen und Christen ganz unten auf der Liste.

Für die Griechen war die „vita activa“ vor allem das politische Leben, das Leben des Handelns. Dagegen waren Arbeit und Herstellen an die Notwendigkeit geknüpft, die dazu dienten, die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen.

Der homo faber - das Herstellen - wurde in der Neuzeit vom animal laborans abgelöst.

Das Handeln ist die Fähigkeit, etwas Neues zu beginnen, dessen Ausgang ungewiss und unvorhersehbar ist und deshalb nicht hergestellt oder vom Sein erschaffen werden kann.

Für die Politikwissenschaft ergeben sich daraus Fragen: Was ist Politik? Welches sind die Bedingungen politischen Handelns? Welches sind die Prinzipien politischen Handelns? Was ist Freiheit? (diese Fragen ergaben sich aus Arendts Kritik an Hegels Geschichtsbegriff und an Heideggers Begriff der Geschichtlichkeit).

Modalitäten des Zusammenseins

Dem Zusammensein mit sich selbst entspricht das Denken. Dennoch ist Arendt der Meinung, daß Denken ohne Kommunikation nicht möglich ist. Dem Zusammensein mit anderen Menschen entspringt das Handeln. Beziehung zwischen Politik-Macher und Intellektuellen.

Kants Moralphilosophie

Arendt war der Meinung, daß Kants Moralphilosophie ihrem Wesen nach politisch war, weil er alle Menschen als Gesetzgeber und Richter dachte und nicht nur Staatsmänner und Philosophen-Könige. An Kants politischem Interesse beeindruckte sie am meisten sein Versuch, die Existenz des Bösen in der Welt ernst zu nehmen, ohne in verniedlichende Konstruktionen auszuweichen oder in eine Vision der Versöhnung.

Verbrechen gegen die Menschheit

Menschenrecht steht über dem Staatsrecht. Zu staatlich angestifteten Verbrechen: Bei Eichmann stellt Arendt ein „Verbrechen gegen die Menschheit“ fest. Krise des Urteilens: Angst vor dem Urteilen und Mangel an Urteilskraft auch bei sehr intelligenten Menschen. Wenn man sich in solchen Fragen sagt: Wer bin ich überhaupt, mir ein Urteil anzumassen? - ist man schon verloren. – Bitte den grossen Unterschied beachten zwischen Verbrechen gegen die Menschheit bzw. Menschlichkeit.

Denken – Wollen - Urteilen

In ihrem letzten Werk: Vom Leben des Geistes befasst sich Arendt mit dem Urteilen und der Frage, wie sich dieses auf die anderen geistigen Instanzen bezieht: Denken und Wollen. Diese drei Instanzen sollten einander überprüfen und ausgleichen wie die drei Gewalten eines Staates.

Gleichmut und gutes Urteil

Im Zusammenhang mit dem Alter (Senectute) bzw. der Tendenz der zeitgenössischen Jugend, das Alter zu diffamieren, argumentierte Arendt mit Hinweis auf Ciceros Abhandlung: Gleichmut könne wie bei Catos dem Älteren ein gutes Urteil inspirieren.

Perspektive des denkenden Ich

Aus der Perspektive des Wollens bedeute das Alter Verlust der Zukunft. Aus der Perspektive des denkenden Ich jedoch kann auch die Rückschau auf die Vergangenheit und über den Verlauf des eigenen Lebens Einsichten eröffnen. Die Rückschau lockt die Bedeutung der Vergangenheit hervor und gestaltet sie zu einer Lebensgeschichte. Aus der Sicht des Denkens ist das Alter eine Zeit der Meditation, der Loslösung von den eigennützigen Forderungen und von den Verzerrungen der Parteinahme. - Jeder der aufhört, die Zukunft anzubeten und mit seinem blinden Glauben an Fortschrittslehren Schluss macht, kann die Freude erreichen, die das Denken in der Erinnerung findet. - Denken bereitete uns immer wieder neu darauf vor, mit dem fertig zu werden, was uns im täglichen Leben widerfährt.

Hegelkritiken unzureichend

Arendt interpretierte Hegels Geist als einen Willen, der sich seinem inneren Wesen nach feindselig gegen das Denken stellt, das sich seine Bilder durch Erinnerung aus der Vergangenheit holt. Zu diesem Zweck wollte sie zeigen, daß Nietzsches und Heideggers Hegelkritiken unzureichend waren, weil sie den Konflikt umgingen, indem sie das Denken selbst als eine Art Handeln interpretierten.

Öffentliche Rolle und inneres Selbst

Man muss fähig sein, sowohl eine öffentliche Rolle als auch ein inneres Selbst durchzuhalten; denn durch die öffentliche Rolle manifestiert sich das innere Selbst als etwas völlig Idiosynkratisches und Undefinierbares, aber doch unmissverständlich Identifizierbares, so daß wir nicht durch einen plötzlichen Rollenwechsel verwirrt werden.

Deportierung und Enteignung

„Wenn Motive überflüssig werden, dann ist das böse banal" (506). Eichmanns Gewissen wurde dadurch beruhigt, weil - wie er sagte - niemand da war, der sich dagegen gestellt und gesagt hätte, es wäre unrecht. Auch die jüdischen Räte hätten nicht gesagt, dass sie mit der Deportierung und Enteignung der Juden nicht einverstanden seien.

Unterschied Gut - Böse

Das Böse ist niemals radikal. Es ist nur extrem. Es besitzt weder Tiefe noch irgendeine dämonische Dimension. - Nur das Gute besitzt Tiefe und kann radikal sein (507).

Wirklichkeitsbezug von Zorn und Lachen

Sigrid Weigel erwähnt, für Arendt, die wie Lessing, die Welt im Zorn und im Lachen erfahren habe, garantieren die Leidenschaften einen größeren Grad des Wirklichkeitsbezugs. Zorn und Lachen, das waren Leidenschaften, so Weigel, hatte, die auch Hannah Arendt aus dem Erkennen und Verstehen nicht ausschloß und die sie gleichwohl mit größter Nüchternheit und Strenge verband zu jenen radikalen Analysen, für die sie berühmt geworden ist.- Weigel hebt Arendts dringliches Plädoyer gegen jede Familialisierung der Politik (z.B. Nation als große Familie, Staatsoberhaupt als sorgender Vater). Als Politik definiert Arendt einen Raum, in dem es viele Stimmen gibt, deren Präsenz erst durch die Distanz zwischen ihnen ermöglicht wird. "Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen. Politisch organisieren sich Menschen nach bestimmten wesentlichen Gemeinsamkeiten in einem absoluten Chaos der Differenzen. Solange man politische Körper auf der Familie aufbaut und im Bild der Familie versteht … ist die ursprüngliche Verschiedenheit ebenso wirksam ausgelöscht, wie die essentielle Gleichheit aller Menschen. - Sigrid Weigel in Hannah Arendt: Nach dem Totalitarismus, Seite 13 BB1290

Quellen

1.Arendt, Hannah - Vita activa

2.Arendt, Hannah - Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen, 1999

3.Stephan, Inge. Weigel Sigrid (Hg) - Feministische Literaturwissenschaft.  Dokumentation der Tagung in Hamburg vom Mai 1983

4.Young-Bruehl, Elisabeth - Hannah Arendt - Leben und Werk - beschrieben von Elisabeth Young-Bruehl

5.Daniel Ganzfried /Sebastian Hefti (Hg): Hannah Arendt. Nach dem Totalitarismus, 1997