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767 - Von Matriarchat und Patriarchat zu Maternat und Paternat - Referat von Irene Kummer in Winterthur 2008

 

Liebe bewegte und bewegende Frauen,

Wir feiern heute diese 25 Jahre einer bewegten und bewegenden Frauen-Geschichte. Dies bedeutet Freude und Stolz, Rückblick und Ausblick - vielleicht schliesslich auch neue Visionen.

Elisabeth Camenzind hat in ihrem Rückblick viele der wichtigen Themen und Schritte, um die es im Feminismus ging, angesprochen - weibliche Selbstdefinition - weibliches Verständnis von Therapie - weibliche Aggression, Sexualität und Autonomie - weibliche Beheimatung.

Wo stehen wir denn heute? Es ist ein guter Moment, innezuhalten und sich zu besinnen, zurück- und vorauszuschauen. Das ist nicht einfach, wie ich es selbst bei der Vorbereitung dieses Referates erfahren habe. Ganz eindeutig leben wir heute, was die Geschlechterordnung betrifft, in einer Phase des Übergangs mit all den zugehörigen Unsicherheiten und Widersprüchen.

 

Einleitung

Dazu einige Spots - zunächst aus dem Alltag:

Vor einer Woche erzählte mir eine 25-jährige Theater-Studentin von ihrem Plan, ein Stück über «Frauen» zu inszenieren. «Wissen Sie, wie zum Teil über Frauen gesprochen wird, das finde ich schlimm - Zickenkrieg und so - solche Wörter würde man in Bezug auf Männer nie brauchen. Ich mache dieses Projekt, obwohl meine Kolleginnen mich gar nicht verstehen. Wir müssen das Thema Frau wieder aufnehmen …»

Andere junge Frauen sagen wie die folgende: «Komm mir nicht mit diesem Schwachsinn - das alles ist doch Schnee von gestern. Wir leben heute unser eigenes Leben!»

Eine Frau mitte dreissig: «Ich brauche den Feminismus nicht mehr - ich habe heute die Freiheit, zu tun, was ich möchte, und mein Leben auf meine Weise zu gestalten.»

Ein 26jähriger Mann sagte mir in einem längeren Gespräch über Mannsein: «Wir haben es viel schwerer als Frauen. Diese haben ihre Emanzipation gehabt - und wir haben nicht eine wirklich gute Perspektive. Ich beneide manchmal die Frauen - sie dürfen sich berühren, emotional und zärtlich sein. Sie sind privilegiert, haben nicht den Druck, jemand sein zu müssen, der sie gar nicht sind, wie wir Männer. Ich möchte das nicht mehr - aber ich fühle mich allein mit dem, wie ich sein möchte.»

Ein siebzigjähriger Mann sagte voller Empörung: «Die Frauenbewegung ist das Schlimmste, was das 20. Jahrhundert uns gebracht hat.»

Eine über 80jährige Frau erzählte: «Ich bin noch in einer Zeit gross geworden, in der Frauen entschuldigend sagten: 'Ich bin halt nur eine Frau.' Das hat mich immer so wütend gemacht. Als ich ein Kind war, bekam mein jüngerer Bruder ein Velo - ich nicht. Da sägte ich das Schloss durch und fuhr weit weg. Die Strafe folgte schnell. Und einmal trug ich sein Boot auf dem Rücken vom Zürichberg an den See hinunter, um rudern zu gehen … Ich habe so viel gekämpft, um dann zu hören, ich verleugne einfach meine Weiblichkeit. Die Frauenbewegung war für mich wunderbar - endlich fühlte ich mich nicht mehr allein.»

Als eine ehemalige Studentin meines Instituts und Kollegin aus der Wirtschaft einen Nachmittag zum Thema «Weiblichkeit oder der Kaiserin neue Kleider» iniziierte, kamen über 40 Frauen aus der Wirtschaft, die sich mit ihrer eigenen Weiblichkeit auseinander setzen wollten und nach dem Podiumsgespräch auch eifrig diskutierten.

Feminismus, Frauenbewegung - ist sie noch immer eine Befreiung, ist sie extrem uncool oder selbstverständlich? Oder stimmt das, was Warren Farrell 1995 schrieb und von Walter Hollstein zu Beginn seines Buches zitiert wird:
«Die Herausforderung besteht darin, über den Feminismus hinauszugehen, ohne seine Errungenschaften herabzusetzen, von denen es viele gibt.»

Ich selbst gehöre noch zu einer Generation von Frauen, die direkt von den Frauenbewegungen profitiert hat - als Zeitgenossin und nicht nur als Erbin der Errungenschaften. Lassen Sie mich mit ein paar persönlichen Gedanken beginnen:

Gross geworden bin ich in einer recht konservativen Zeit mit Ahninnen, die als Mädchen keine Ausbildung machen durften und dennoch berufstätig sein mussten, um die eigene Herkunftsfamilie zu unterstützen. Meine eigene Mutter verwirklichte sich erst mit 57 Jahren einen Traum: ein eigenes Geschäft. Dieser Tüchtigkeit verdanke ich die Chance, studieren zu dürfen. Ich erlebte die Diskrepanz zwischen dem Gewinn aus vorangehenden Frauengenerationen, die eine solche Möglichkeit für Frauen grundsätzlich erkämpft hatten, und den Vorurteilen und Einschränkungen, denen Frauen hier noch immer ausgesetzt waren.

Und nun ein paar Spots aus meiner eigenen Geschichte als Frau:

Während meines ersten Studiums begegnete ich Dichterinnen, die mir selbst und meinem Erleben als Frau eine innere Stimme gaben. So begann ein immer deutlicherer Sensibilisierungsprozess.

In den 70ger-Jahren kam zum inneren intrapersönlichen Generationendialog ein äusserer, interpersönlicher. Die neue Welle der Frauenbewegung setzte einen Raum frei, in dem es möglich wurde, bisher «stumme Geschichten», wie ich das nannte, auszutauschen.

Meine eigene generationenalte Geschichte als Frau und die meiner Schülerinnen und die meiner Klientinnen in der therapeutischen Arbeit ergaben eine Landkarte, in der es möglich wurde, sich als Frau neu zu verorten, für die Verletzungen und Einschränkungen sowie für die eigenen Visionen eine Sprache zu schaffen.

Eine weitere Ebene der Auseinandersetzung folgte mit der Geburt meiner Kinder, als ich 38 Jahre alt war - eine späte Mutter. Als ehemalige Vatertochter fand ich nun nochmals einen Weg - den zur symbolischen Ordnung der Mutter, wie Luisa Muraro dies genannt hat. Und dann folgte die Gratwanderung zwischen Muttersein und Beruf, damals noch weitgehend angefochten … Ich musste im Dialog mit mir selbst und mit anderen Frauen - und Männern - lernen, einen eigenen, einen persönlichen Weg zu finden.

Seither sind fast 30 Jahre vergangen, in denen ich mit vielen Frauen in Therapien, Gruppen, Vorlesungen gearbeitet habe. Es kamen hier immer wieder Themen wie weibliches Minderwertigkeitsgefühl, Partnerschaftsprobleme, Erschöpfung nach der Geburt oder als Familienfrau mit Mehrfachbelastung und zunehmend burnout im Berufsleben. Jetzt steht ein neues Thema an: das Älter- und Altwerden für uns Frauen, die sich vor 20 bis 30 Jahren als junge und jüngere Frauen für feministische Anliegen eingesetzt haben. Ich habe jedoch auch mit Männern zu tun, die sich vom traditionellen und internalisierten Männerbild überfordert fühlen.

Offenbar braucht es ein neues Paradigma, denn wir können zwar matriarchale Werte, kulturelle Aspekte, Rituale wieder aufleben lassen, doch wir können wohl mindestens in nächster Zeit kein Matriarchat mehr aufbauen. Und das Patriarchat? Wie wir sehen werden, fühlen sich nun auch Männer vom traditionellen Männerbild und seinen Implikationen überfordert - nur mit dem Unterschied, dass es wohl eine weibliche, aber keine männliche Emanzipationswelle vom Patriarchat gegeben hat und letztere noch ansteht - und zwar dringend.

Und dann bräuchte es noch einen weiteren Schritt: den über die geschlechtsinterne Emanzipation hinaus. Es braucht einen Geschlechterdialog auf dem Weg zu einer neuen Geschlechterordnung auf Augenhöhe und mit entsprechenden gesellschaftlichen und politischen Strukturen, welche für diese Anliegen ein Gefäss hergeben würden. Reflexion allein genügt nicht - das hat die Frauenbewegung deutlich gezeigt. Dann braucht es auch eine neue Namensgebung - Maternat und Paternat.

Das würde einen Dialog bedeuten, für den alle Kommunkationsregeln gelten würden - vor allem  zuhören können und von Schuldzuschreibungen absehen, wie sie heute von beiden Seiten her üblich sind.

Letztlich geht es auch darum, nicht wieder die heterosexualität als einzige Form zu sehen, denn heute gibt es bereits ganz andere Partnerschafts- und Familienformen.

 

1. Frauenbewegung im Prozess

 

Im Dialog mit jungen Frauen erlebe ich, dass die Themen des eigenen Frauseins, der eigenen Identität oft nicht mehr vom Begriff «Feminismus» her angegangen werden.

Sicher ist es heute schwieriger, die eigenen und die kollektiven feministischen Anliegen zu formulieren. Früher war die Benachteiligung der Frauen in unserer Gesellschaft offensichtlich neben dem «jahrhundertealten Aberglauben von der Überwertigkeit des Mannes», wie es Alfred Adler formulierte. Die meisten Frauen hatten dafür zunächst kaum eine Sprache, und die Frauenbewegungen gaben ihnen eine neue Sicht und Sprache im Hinblick auf die patriarchal strukturierte Gesellschaft.

Heute sind viele der offensichtlichen Anliegen der Frauenbewegung weitgehend umgesetzt. Gleichzeitig sind die Themen und Anliegen auch ein «Erbe», das immer wieder neu umgesetzt werden will - denn: was nicht im Bewusstsein bleibt, kann auch verloren gehen. Ich möchte einige Aspekte nennen, die mir wichtig scheinen und die wir hoffentlich in die Zukunft mitnehmen können als Wegzehrung auf dem Weg in eine neue Utopie des Maternalen und Paternalen. Utopie - ou topia - Weglosigkeit bedeutet, dass wir den Weg erst im Gehen er-finden werden.

Ich gehe zunächst nicht geschichtlich - chronologisch vor, sondern beschreibe Anliegen und Themen.

Gleichwertigkeit - Gleichstellung - Ebenbürtigkeit

Es ist vor allem die feministische Bewegung, welche die Vorstellung und Überzeugung von männlich = oben, stark / weiblich = unten, schwach, aufgebrochen hat, die sich bei vielen Frauen im Satz «Ich bin halt nur eine Frau» zeigte. Dann kam es zur Entwicklung, die mit dem Buchtitel «Frauen definieren sich selbst» ausgedrückt werden kann. Gleichwertigkeit ist auch Ebenbürtigkeit, denn früher waren Mädchen qua Geburt minder und hatten die Aufgabe, «den Mann in doppelter Grösse wiederzugeben» (Virginia Woolf).

Der zweite notwendige Schritt war der Zugang zu den Berufssparten und zum Studium, die Gleichstellung der Frau im öffentlichen Leben - ein noch immer nicht abgeschlossener Prozess. Ich weise exemplarisch auf ein Buch von Trix Angst hin «Frauen führen. Auch bei Ihnen?», das untersucht, warum Frauen in Führungspositionen seltener anzutreffen sind. Angefügt ist ein Fragebogen für die Diagnose der eigenen Organisationseinheit. Anschliessend zeigt die Autorin auf, mit welchen Massnahmen der Frauenanteil in Führungspositionen erhöht werden kann.

Selbstdefinition und Identitätsfindung

Eine begabte Frau wie Annette von Droste-Hülshoff zweifelte an ihrer Weiblichkeit:

«Zu männlich ist dein Geist, strebt viel zu hoch
Hinauf, wo dir kein Weiberauge folgt;
Das ist‘s, was ängstlich dir den Busen engt
Und dir die jugendliche Wange bleicht.»

So enteignete sie sich in der Folge der einverleibten patriarchalen Muster als Frau selbst - wie so viele vor und nach ihr. Eine Frau, die intellektuell sein wollte, konnte sich nicht als weiblich definieren, sah sich aus der Sicht des Patriarchats. Eveline Hasler lässt Emily Kempin, die erste Juristin der Schweiz von ihrem Vater sagen:
«Er weiss mich, bevor ich mich kenne.»

Es war ein unglaublicher Kraftakt, sich das Recht auf Eigendefinition zu nehmen und sich von den patriarchalen Zuschreibungen zu befreien. Dies war ein Aneignungsprozess, der auf der Folie früherer Meinungen umso deutlicher wird. Schon immer gab es Frauen, die mehr wagten - und zu ihnen gehörten etwa Schriftstellerinnen. Hier sieht man, wie mutig diese Frauen waren und doch nur das 'männliche' Leben als des Gesanges wert verstehen konnten, wie etwa Anna Karsch (1722-1791). Sie schreibt in einem ihrer Gedichte:

(Die Musen) lehreten mich Lieder dichten
Mit kleinen Kindern auf dem Schoss.
Bei Weib- und Magd- und Mutterpflichten
Bei manchem Kummer schwer und gross
Sang ich den König und die Schlachten …»

Die Selbstdefinition und Aneignung sind unabschliessbare Prozesse und müssen individuell wie kollektiv immer wieder neu gewagt werden. Doch es sind
e i g e n e 
Prozesse!

Die Selbstdefinition als erotische Frau

Auch die erotische Emanzipation führte oft in Verzweiflung und Tod. Sophie Mereau schrieb schon während ihrer ersten Ehe Gedichte, trennte sich von ihrem Mann und forderte die erotische Emanzipation der Frau als wichtigen Aspekt einer ganzheitlichen Befreiung, gab sogar eine Zeitschrift heraus. Sie heiratete den Dichter Clemens Brentano. Zu eigenen Arbeiten kam sie kaum noch und starb schliesslich an der Geburt ihres fünften Kindes.

Eines der schmerzlichsten Themen in der Geschichte der Frauen ist dasjenige ihrer Beziehung zum Mann, das ihrer Liebe, ihrer Sehnsucht und Verwundung. Es ist Christa Wolf, welche die Gedichte der Romantikerin Karoline von Günderrode herausgegeben hat, die schon als junges Mädchen mittellos in einem Stift untergebracht wurde, sich in einen verheirateten Mann verliebte, der um der gesellschaftlichen Stellung willen diese Liebe nicht leben wollte. Die junge Frau nahm sich im Alter von 26 Jahren das Leben. Christa Wolf nimmt 170 Jahre später den Dialog mit dieser Vorfahrin im Geist auf. Die Bilanz ist eine schmerzliche:
«Diesen wenigen Frauen, die der Konvention der Versorgungs- und Standesehe entronnen sind, die ein persönliches Liebesverlangen ausdrücken, steht die verwundende Erfahrung bevor, dass ihre Art Liebe nicht erwidert werden kann - eine Erfahrung zum Tode; ein Motiv, das sich durch die Dichtung von Frauen über fast zwei Jahrhunderte zieht.»

Diese Frauen sehnten sich nach einem gleichwertigen Gegenüber, einem Mann, der sie wahrnimmt. Doch die Männer selbst waren im patriarchalen System gefangen.

Das Leben-können des eigenen instinktiven Selbst war Frauen ebenso verwehrt. Dies bricht in einem der berühmtesten Gedichte der Droste durch. Ich lese die letzte Strophe:

«Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
so würde der Himmel mir raten:
Nun muss ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar,
Und lassen es flattern im Winde.»

Heute haben sich Frauen ihr eigenes Begehren, ihre eigene Sexualität und die Liebe weitgehend zugeeignet oder sich wenigsten den Spielraum dafür gegeben. Dieser Prozess ermöglicht mindestens auch ebenbürtige Partnerschaft im Bereich von Liebe und Sexualität, während in früheren Jahrhunderten  b e i d e  Geschlechter in den Vorgaben der patriarchalen Gesellschaft gefangen waren, wie etwa das Schicksal der Karoline von Günderrode im Zeitalter der Romantik zeigt (vgl. Christa Wolf). Es gibt heute gute Sachbücher zur Ebenbürtigkeit der Liebes-Partner und -partnerinnen («Psychologie der sexuellen Leidenschaft» von David Scharch oder «Lieben ein Leben lang» von Elisabeth Schlumpf und Birgit Dechmann).

Eine eigene Geschichte schreiben

Menschen hatten schon immer das Bedürfns, eine eigene Geschichte zu schreiben - nur hatten Frauen lange Zeit diese Möglichkeit nicht. Denken Sie an das Beispiel, das Elisabeth Camenzind an den Anfang ihrer Rede gestellt hatte: die Negation der Möglichkeit einer weiblichen Geschichte. Es gab nur eine männliche Geschichte von Männern und Frauen. Nun entstand eine Geschichte der Frauen unter verschiedensten Gesichtspunkten. Da ging es um die Wurzelsuche (Matriarchat), um Kritik an patriarchalen Entwürfen, wie sie die Altmeisterin Carola Meier-Seethaler unternahm. Auch die Publikationen von Vera Zingsem zur weiblichen Mythologie, Symbolsprache und Spiritualität lassen sich hier einordnen und bieten ebenfalls einen Beitrag zur einer eigenen weiblichen Geschichte an.

Es ging auch um die Präsenz von Frauen in unserer Geschichte, um ihre eigene  Geschichte in den verschiedenen Bereichen des Lebens. Es war und ist nicht nur eine inhaltliche Aufarbeitung, sondern es geht auch um den Blick  auf unsere Geschichte - um eine Typologie des Erzählens.

Die patriarchale abendländische Geschichte war eine von «pater polemos» - Vater Krieg, der als schöpferisches Prinzip verstanden wurde. Und dann gibt es diese Erzählung von Heinrich Böll «Wandrer, kommst du nach Spa» («Wandrer kommst du nach Sparta, erzähle denen dort, dass du uns liegen sahst, wie das Gesetz es befahl»). Es ist die Geschichte eines Jungen, der schwerst verwundet ins Lazarett - sein ehemaliges Schulhaus - zurückgebracht wird, vorbei an den Zeugen der patriarchalen Heldengeschichten. Es ist ein erschütterndes Dokument der Entmythologisierung der «patriarchalen Heldenstory».

Entsprechend ging und geht es - um hier ein Fenster zu öffnen - auf Frauenseite darum, die neue Geschichte der Frauen nicht nur als Opfergeschichte zu schreiben.

Fortschreiben

Auch eine eigene Geschichte zu schreiben, ist ein unabschliessbarer Prozess. Auch hier ist die Hauptsache, dass er überhaupt begonnen werden konnte.

Eine eigene Sprache finden

Es gibt keine eigene Geschichte ohne eigene Sprache. Wir haben Jahrhunderte einer patriarchal geprägten Sprache hinter uns, als Struktur von stories, als die stories selbst und als eine entsprechende Begrifflichkeit. Sie ist ein Infiltrat in all unseren Sprachgebärden und deshalb auch in unserem Alltag. Ich kann hier vor allem auf die Bücher von Luise Pusch verweisen. Abgesehen davon, dass die Glossen spannend sind, sind sie auch ein Modell für den Umgang mit sprachlicher Begrifflichkeit. Begriffe sind immerhin kristallisierte Geschichten, die wir immer wieder neu entschlüsseln und in Handlungsmuster umsetzen können (vgl. «den Frauen die Hälfte»).

Wissenschaft als story-telling

Schauen wir zurück. Negative Definitionen des weiblichen Geschlechts gab es schon immer. Doch im 19. Jahrhundert wurde die Minderwertung des weiblichen Geschlechts erstmals biologisch begründet. So konnte 'bewiesen' werden, dass Frauen auch biologisch ein minderwertiges Geschlecht sind. Claudia Honegger verdanken wir genauere Einsichten durch ihr Buch «Die Ordnung der Geschlechter». Die feministische Kritik (vgl. Simone de Beauvoir) hat demgegenüber betont, dass weibliche/männliche Muster in der Sozialisation erlernt sind. Man ist nicht von Anfang an eine Frau - man wird durch Sozialisation zur Frau (oder zum Mann). Dazu gibt es heute eine Gegenbewegung auf der Basis der Hirnforschung. Sie stellt dar, dass weibliches und männliches Verhalten …

Vor allem die Gender-Forschung hat sich diesem Thema gewidmet. Es ist ein so weites Thema, dass ich es nur kurz illustrieren kann. Es gibt zahlreiche Bücher, die patriarchales story telling analysiert haben. Es gibt hier wesentliche Anregungen, die bedenkenswert sind. So zeigt beispielsweise Emily Martin in ihrem Buch «Die Frau im Körper» auf, dass das Produktionsparadigma auch die Bereiche des weiblichen Lebens zu dominieren versuchte - Schwangerschaft und Geburt, Klimakterium und Menopause etc. Sie zeigt die Falle der Defizit-Definitionen für das weibliche Geschlecht auf. Ähnliches gilt für die Kritik am Trennungsmodell «Körper-Seele». Neueste Forschungen - einer Frau - haben gezeigt, dass Menschen beiderlei Geschlechts besser alt werden können, wenn sie nicht einem Trennungsmodell, sondern einem Modell der Einheit von Körper-Seele-Geist verbunden sind.

So wird deutlich, dass unser Verhalten vorprogrammiert ist. Wir sind wieder konfrontiert mit der Polarität von Genetik und Sozialisation. Und damit wird eine wesentliche philosophische Frage wieder wichtig: «Haben wir so etwas wie einen freien Willen - als Frau und als Mann»? Oder konkreter: «Haben wir Wahlmöglichkeiten unseres Verhaltens?» Ich beantworte diese Frage mit «ja» und werde dies noch ausführen. - Weitere Versuche, Antwort zu geben, finden sich in den gender studies ab den 90er-Jahren.

Feministisch reflektierte Psychotherapie und Pädagogik

Das Forum, das wir feiern, heisst «feministisch reflektierte Psychologie und Pädagogik».

Es ist klar, dass auch die verschiedenen psychologischen Schulen Aussagen zu den Geschlechtern enthalten, angefangen bei den Gründerschulen anfangs des 20. Jahrhunderts, von Männern iniziiert. Es war eine befremdliche Vorstellung, von Männern/Frauen auf Grund patriarchaler Prinzipien therapiert zu werden.

Ein wichtiger Beitrag der Frauenbewegung war es, die Gender-Aspekte der entspechenden psychologischen Schulen zu analysieren. So wurde deutlich, dass Geschlechtervorurteile nicht nur in einzelnen Therapien unreflektiernder Therapeuten vorkamen, sondern dem psychologischen Modell selbst inhärent waren.

Es gibt verschiedene exemplarische Untersuchungen. Ich nenne nur Ursula Baumgardts «König Drosselbart» und das Buch von Christa Rohde-Dachser «Expedition in den dunklen Kontinent». Sie hat zwar die Kritik an Freud gewagt, um am Schluss sein Konzept auf Kosten ihrer eigenen Ausführungen wieder zu retten. Hier zeigt sich in den Ausführungen einer äusserst intellektuellen, zu metatheoretischen Ausführungen fähigen Frau, wie schwierig die Systemkritik grundsätzlich ist

Alfred Adler war bezüglich Frauenemanzipation der fortschrittlichste unter den Pionieren der Tiefenpsychologie. Es gibt bei ihm durchaus eine Basis, die für eine feministisch reflektierte Psychotherapie herhalten kann, wenn man sein Verhaftetsein als Mann von den visionären Aspekten seines Konzeptes trennt.

Es gibt jedoch auch Konzepte von Frauen, welche sich von Anfang an von den patriarchalen Modellen unabhängig machten oder sie überwanden, wie etwa Agnes Heller mit ihren Publikationen (vgl. «Theorie der Gefühle» oder «Die Auferstehung des jüdischen Jesus»).

Ein weiterer wichtigbleibender Aspekt ist die feministische Reflexion gesellschaftlicher Muster. Ich nenne zwei Beispiele: Das traditionelle Trennungsmodell zwischen Körper und Seele/Geist. Ich habe gerade vor kurzem die Dissertation einer Gerontologin gelesen, die beweist, dass Menschen, die sich ein ganzheitliches Modell angeeignet haben, besser alt werden als diejenigen mit einem Trennungsmodell. Dies ist besonders wichtig in einer Zeit zunehmender «Entkörperung».

Das zweite Beispiel betrifft die Frauen. Es war Emily Martin, die in «Die Frau im Körper» nachwies, wie omnipräsent das Produktionsparadigma in unserer Gesellschaft noch immer ist und zu vielfachen Abwertungen der Frau mit ihrer Leiblichkeit geführt hat (vgl. Kind als Produkt - Menopause als «Östrogenmangelkrankheit»).

Solche Menschen- und Frauenbilder, die sich aus der patriarchalen Tradition ergeben haben, wurden immer wieder behandelt und reflektiert. Und es gibt immer wieder neue Bilder, welche kritisch hinterfragt werden müssen.

Die Leiblichkeit unserer Existenz

Unsere abendländische Geschichte beruht - wie schon gesagt - auf einem Trennungsmodell von Körper, Seele und Geist. Schon Plato drückte die die Beziehung so aus: «Soma - sema». Das heisst: «Der Körper ist das Gefängnis der Seele.» So ergab sich eine entsprechende Minderwertung des Körperlichen - angefangen in unserer Lesung der Apostelbriefe bis zu gegenwärtigen Modellen, ein Spaltmodell, das gerade für Frauen - und auch für Männer -  verhängnisvoll war. Es macht Sinn, dass Frauen ihre Identität vor allem auch von ihrer Leiblichkeit - nicht nur Körperlichkeit - her definieren können. Das ist eines der schwierigen Paradigmen in der Gegenwart, das einer zunehmenden Entfremdung vom Körperlichen frönt. Dieses Problem betrifft beide Geschlechter, aber vor allem die Realität des Weiblichen. Frauen sind dem Leiblichen näher, das immer wieder abgewertet wurde. So geht es heute auch um eine Neukonzeption des  ganzheitlich Leiblichen, welches das Physische umgreift und überschreitet.

Weibliche Existenz ist anders als männliche - sie ist bezogen auf die Prozesse von Schwangerschaft und Geburt - unabhängig davon, ob Frauen diese Möglichkeiten wahrnehmen oder nicht. Frauen müssen sich immer zu diesen Möglichkeiten verhalten - ob sie nun Kinder bekommen oder nicht. Männer können sich vom Leiblichen entfernen, ohne damit ihre Identität ebenso in Frage zu stellen. Frauen müssen sich immer damit auseinander setzen, ob sie Mutter werden wollen/können oder nicht. Dabei geht es nicht nur um rationale Entscheidungen, sondern auch um tiefe existentielle Bedürfnisse, die wiederum mit gesellschaftlichen Wertvorstellungen kollidieren - «Ich möchte ein Kind, aber mein Partner will typischerweise warten, bis die finanziellen Voraussetzungen geschaffen sind.» Die junge Frau wartet, bis der Mann bereit ist.

Doch die eine Thematik von Frauen ist die biologische Uhr. Da ist eine biologische Ungleichzeitigkeit von Frauen und Männern. Und gerade dies führt oft wieder zu Missverständnissen zwischen den Geschlechtern.

Es wird deutlich, dass es keine Emanzipation der Geschlechter unabhängig voneinander mehr geben kann. Jede Bewegung des einen Geschlechts bewirkt eine solche des anderen Geschlechts.

Was gibt es zu tun? 2004 schrieb Antje Schrupp ihr Buch «Zukunft der Frauenbewegung», in dem sie darlegt, dass feministisches Aktivwerden nicht nur eine Vergangenheit hat, sondern auch zukunftsträchtig ist. Die Frauenbewegung ist nicht mehr in ihrem Pionierstadium, aber sie ist ein nicht einfach abschliessbarer Prozess, der jedoch einer steten Neudefinition und Ausrichtung bedarf. Das bedeutet, zu den Errungenschaften Sorge zu tragen, sie immer wieder zu befragen und neue Fragestellungen, die sich aus der gesellschaftlichen Situation ergeben, zu bearbeiten.

Da gibt es noch wichtige Themen wie Partnerschaft und Familie heute, wo es keine adäquaten Formen, diese gut zu gestalten, gibt, sondern viel Stress und Erschöpfung. Wir brauchen hier politische Lösungen - auch bezüglich Geldregelung. Da gibt es noch viel zu tun.

Zudem besteht eine neue Tendenz in der Wirtschaft, die noch kaum bewusst wahrgenommen wird. Mit einem Beispiel möchte ich zeigen, dass wir immer aufpassen müssen, dass es nicht tiefgreifende Rückschritte gibt. Schon eine Weile nehmen die Kaiserschnittgeburten zu - auch die Wunschsectio. Das haben zum Teil die Frauen selbst zu verantworten, doch da gibt es auch eine Tendenz, den Frauen Angst zu machen - die Risiken hochzuspielen. Das ist eine schleichende «Entkörperung». Ich nenne nur ein Beispiel aus Deutschland: den Zytomegalievirus, der sich überträgt durch Sperma, Zervixschleim, Speichel, Muttermilch. Bei einem winzigen Prozentsatz wird das Baby bei der Geburt infiziert. Jede Frau muss einen Ausweis über eine entsprechende Untersuchung mitbringen, sonst werden ihr die Antibiotika auf jeden Fall verabreicht. Ähnliches gilt für die Streptokokken. Es ist eine Art der Medikalisierung, welche tief zu verunsichern vermag und das Selbstbewusstsein der Frauen untergräbt.

Es braucht also eine grosse Wachsamkeit, damit wir die wichtigen Errungenschaften der Emanzipation bewahren können. Manchmal kommen die Schwierigkeiten aus einer Richtung, die wir nicht erwartet haben und vielleicht auch nicht sofort erkennen.

 

2. Differenzierungen

 

Blicken wir nochmals zurück auf die geschichtlichen Bewegungen seit dem 2. Weltkrieg.

In den Nachkriegsjahren schrieb Simone de Beauvoir ihr berühmtes Werk «Das andere Geschlecht». Entscheidend war ihr Postulat, dass man nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird. Eine nächste Station ist Betty Friedans Klassiker «Der Weiblichkeitswahn» spricht - auf Grund von Umfragen - folgede Siuation an: Fünfzehn Jahre nach Studienabschluss finden sich die einst ambitionierten Frauen als «grüne Witwen» in prosperierenden amerikanischen Vorstädten wieder, auf dem Hintergrund der Mystifizierung der Hausfrauen- und Mutterrolle.

Dieses Unbehagen verdichtete sich langsam aber stetig zu einer zweiten Welle feministischer Bewegung. Sie zielte einerseits auf eine stärkere wirtschaftliche Gleichstellung, andererseits auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Unbehagens als Geschlechterdifferenz.

In Amerika verbindet sich dieser Aufbruch mit demjenigen der afroamerikanischen Bevölkerung. Sie befindet sich am Rand gesellschaftlicher Anerkennung - und so ist die Solidarisierung zwischen weissen Frauen und der schwarzen Bevölkerung zu verstehen. In der Folge etablierten sich in USA die «Women‘s Studies» an heute etwa 3000 Universitäten und Frauenforschungszentren.

In den 70ger-Jahren entstanden wichtige Beiträge zur Frauenfrage mit verschiedenster Akzentuierung im Zusammenhang mit der 68er Revolution. In Grossbritannien fand die erste «Women‘s Liberation Conference» 1970 statt. In den USA wie in Grossbritannien bildeten sich in den 70ger-Jahren eine sich rasch ausbreitende praktische und theoretische Frauenemanzipation unterschiedlicher Prägung heraus.

 

In den siebziger und achtziger Jahren ist es schliesslich gelungen, eine eigenständige weibliche Kultur- und Literaturtradition zu begründen und innerhalb wie ausserhalb wissenschaftlicher Institutionen zu verankern.

Was bis in die siebziger Jahre als gemeinsamer Kampf aller Frauen um politische und kulturelle Anerkennung erscheint, gerät zu Beginn der achtziger Jahre in die Kritik, vor allem aus afroamerikanischer Sicht. Sie lautet: Ebenso wenig wie der weisse Mann das Mass aller Dinge ist, ist es die Geschichts- und Theoriebildung der weissen mittelständischen Amerikanerinnen. Der Streit um die Differenz bricht aus. Eine Reihe von Studien weist darauf hin, dass die Kategorien Klasse, Ethnizität und Hautfarbe die Benachteiligung beim Zugang zu materiellen wie ideellen Reserven bestimmen. Dies ist ein Unterschied zur weissen weiblichen Norm. Das heisst: diese Frauen hatten sich nicht nur gegen den weissen Feminismus, sondern auch gegen das weisse und das schwarze Patriarchat durchzusetzen.

Und die weissen Theoriediskurse in den späten siebziger und achtziger Jahren? Festgestellt wurde, dass die Verallgemeinerung der Frau den Unterschied zwischen Frauen nicht ausschliesst.

Um der Gefahr einer Fixiertheit auf Differenz zu entgehen, wird ein Pluralismus der Methoden empfohlen.

Ein wichtiger Schritt ist die Kritik an den psychologischen Konzepten aus feministischer Sicht. Dieses Anliegen spiegelt sich auch heute noch in unserem Label «feministisch reflektierte Psychologie».

Ende der achtziger Jahre befindet sich die feministische Literatur- und Kulturkritik in einer Krise, aus der erst die Gender Studies hinaus führen sollten.

Gefragt sind nun neue Analysekategorien, welche die Dominanz- und Geschlechterverhältnisse in ihrer gegenseitigen Bedingtheit untersuchen und verändern. Ein derart erweiterter Aufgabenkatalog bindet andere Fächer wie Anthropologie, Geschichte, Soziologie oder Wissenschaftstheorie ein, alles Fachgebiete, in denen gender ebenfalls als Analysekategorie gilt. Wichtig wird auch die Beziehung der Kategorie gender zu anderen gesellschaftspolitischen Organisationsformen, Normen und Ausgrenzungsmechanismen, um die gesellschaftlichen Funktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit qualitativ und quantitativ zu erfassen.

 

3. Die heutigen jungen Frauen: «Ich habe selbst gewählt»

 

Heute geht es zum Teil um subtile Dynamiken, die gar nicht unmittelbar zu fassen sind. Dies macht unter anderem den Feminismus so uncool.

Im Magazin des vorletzten Tagesanzeigers findet sich ein Ausschnitt aus einem neuen, noch nicht veröffentlichen Buch der 32jährigen berühmt-berüchtigten Michèle Roten - der Tagi titelt «Hoppla, ein neuer Feminismus». Was sie zu Beginn des abgedruckten Ausschnittes schreibt, ist bezeichnend für eine mögliche Sicht junger Frauen und kann uns weiter führen:

»Jede Frau, die ich kenne, ist für die soziale und politische Gleichheit der Geschlechter, aber Feministin nennt sich keine von ihnen. Im Gegenteil: Wenn man ihnen diese Frage stellt, dann verziehen sie ihr Gesicht und sehen irgendwie beleidigt aus, und man sieht, was sie denken: Warum, findest du mich hässlich? Wirke ich frustriert? Sehe ich aus wie ein Opfer? Denn dafür steht Feminismus in meiner Kohorte der um die 30-Jährigen: Es ist eine Krücke, eine Rüstung und eine Waffe zugleich für verbitterte, unattraktive Frauen, die zu wenig Spass im Leben haben und darum ihren persönlichen, privaten Fall zur Politik machen wollen. So denken wir über eine Bewegung, die es überhaupt erst möglich machte, dass wir heute dieses lustige Leben führen dürfen, auf das wir so pochen. Wir, nur ein paar wenige Jahre nach dem Entscheid geboren, dass Frauen auch abstimmen dürfen, finden: Feminismus, wäh.»

Michèle Roten räumt ein, dass Antifeministen dazu beitragen, dass der Begriff Feminismus in Verruf geraten ist. Doch dies ist sicher nicht der alleinige Grund. Es ist ein Bild vom Feminismus entstanden, der ihn völlig uncool erscheinen lässt. «Feministinnen sind frustrierte Frauen der letzten Generation, stur und lebens- sowie sexfeindlic.» Dies ist das Bild, das auch mir immer wieder entgegengebracht wird, obwohl man sich sehr wohl und selbstverständlich deren Errungenschaften bedient.

Im zitierten Artikel werden Phänomene beschrieben, die eine Art 'Landkarte' ergeben, die eine Minderbehandlung der Frau bedeuten und - dargestellt an Hand tanzender Frauen - eine völlige Ausrichtung auf den Blick der zuschauenden Männer. Sie weist auch auf die Meinung hin, dass auf Grund der Mehrbesetzung des Bundesrates durch Frauen dies zu einem «nervigen Rundumschlagsargument» wird: «Ist die Gleichstellung nicht längst erreicht, wenn es mehr Frauen im Bundesrat hat als Männer?», fragt sie. Und sie kommt zum bemerkenswerten Schluss:

«Die Gleichstellung ist erst dann erreicht, wenn sie nicht mehr bemerkenswert ist.» Und da hat sie wohl Recht!

Michèle Roten beginnt nicht auf einer hohen Abstraktionsebene, sondern mit Alltagsbeobachtungen, wie etwa, dass es mehr kostet, eine Frau zu sein mit all den Produkten, die frau für ihre Gesundheit und Schönheit zu verwenden hat. Und nachdem sie in einem Exkurs übers Tanzen «Nutten ohne Bezahlung» ganz junge Frauen beim Tanzen beschrieben hatte, bemerkte sie als 30-Jährige über etwa 20-Jährige:

«Ich begann mir Sorgen zu machen um die jungen Frauen heute. Denn während wir zwar machten, was wir wollten, aber die Alice Schwarzers und andere normative Stimmen wenigstens als Klingeln im Ohr hatten, machen sie, was sie wollen, und da klingelt gar nichts mehr. Denn das wäre ja an uns. Und wir interessieren uns nicht mehr für Feminismus, weil wir finden, das mache uns unsexy.
Wie war noch mal die Frage? Ob wir Feminismus noch brauchen heutzutage?
Ja, ich glaube schon.»

So gibt es also die «Altfeministinnen» der zweiten Frauenbewegung sowie deren Mütter, die noch die Nachteile und Einschränkungen des Patriarchats am eigenen Leib erlebt haben, dann die Frauen der mittleren Jahre, deren Mütter eben diese Feministinnen sind, und welche sich zwar von ihnen absetzen und doch wieder mit den wichtigsten Themen des Feminismus konfrontiert sind. Schliesslich die 30-Jährigen und noch Jüngeren, die Michèle Roten beschrieben hat.

Daraus lassen sich einige Schlüsse ziehen:

Wir müssen differenzieren: Es gibt eine Geschichte der Frauenbewegung, der die Frauen je unterschiedlich angehören - je nach Lebensphase. So gibt es neben anderen Aspekten - wenn wir den Feminismus nicht einfach auf die Altfeministinnen beschränken wollen - verschiedene Formen, Anliegen und Themen, die den Feminismus definieren können. Was wollen jüngere Frauen? Wie gehen sie mit dem 'feministischen Erbe' um? Was raunt es ihnen ins Ohr (wenn überhaupt)? Es ist eine ganz andere Situation, damit umzugehen, als im Prozess des Älter- und Altwerdens.

Frauen der zweiten Frauenbewegung schreiben heute etwa «Wie kluge Frauen alt werden» (Heidi Witzig) oder «Älterwerden. Eine Entdeckungsreise» (Danielle Quinodoz). Übrigens kümmern sich auch Frauen der mittleren Lebensphase um dieses Thema wie Antje Schrupp mit «Methusalems Mütter».

Wir müssen uns auch damit befassen, dass junge Frauen anders mit dem feministischen Erbe umgehen. Alice Schwarzer erzählte in einem TV-Interview, welches ich zufällig mitgehört habe, dass junge Frauen oben ohne durch die Strassen gingen und die Männer provozierten. Sobald sie der Blick der Männer erreiche, verdeckten sie sich mit entsprechenden feministischen Sprüchen - also eine spielerischere Form von Protest und Kritik!! Jede Generation von Frauen muss wohl ihre eigene Form von Auseinandersetzung finden. Dies betonte auch Alice Schwarzer.

Noch etwas anderes ist hier bemerkenswert. Die neue Auseinandersetzung mit einer feministischen Sicht beginnt wiederum  i n m i t t e n.  Das heisst mitten im konkreten Alltag, bei den Beobachtungen und Erfahrungen, bei den typischen Verhaltensmustern von Frauen - also dort, wo «doing gender» stattfindet und beeinflusst werden kann. Dies ist ein wichtiger Gesichspunkt für die fortlaufende Umsetzung der Frauenbewegungs-Anliegen.

Jüngere und junge Frauen müssen ihren eigenen Feminismus erfinden, bei dem das Raunen der Frauenbewegung eine Rolle spielt. Vielleicht ist es die Generation der jetzt 30- bis 40-Jährigen, die mit einem leisen Kontakt zur Frauenbewegung als «Enkelinnen» bereit ist, feministisches Bewusstsein an die noch jüngeren Frauen weiterzugeben. So entsteht ein hoffentlich neuer fruchtbarer feministisch orientierter Generationendialog.

Und daraus ergibt sich ein grundsätzlich wichtiges Thema:

 

  Zunächst gibt es immer den Dialog zwischen der einzelnen Frau und den Erfahrungen im Alltag, die sich zu einer thematischen und strukturellen Landkarte zusammen fügen lassen.

  Ein gelingender Generationendialog beruht auf der Bereitschaft, voneinander zu lernen, aufeinander einzugehen und einander - und sich selbst - beunruhigende Fragen zu stellen.

Wir brauchen

  den innerorganismischen Dialog - denjenigen mit uns selbst als Frauen und mit den inneren Schichten, die unsere Ahninnen repräsentieren.

  den inneren und äusseren Dialog mit vorangehenden Generationen von Frauen (in unserer Familie und mit Frauen, die uns vorangegangen sind mit ihrem feministischen Anliegen)

  den Dialog mit Frauen unserer Generation und mit den auf uns folgenden Generationen von Frauen und Mädchen

  den Dialog mit Frauen in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen

  den Dialog mit Frauen anderer Schichten, anderer Rassen und Kulturen

und schliesslich

  den Dialog mit dem anderen Geschlecht in allen Lebensbezügen.

Aus diesen Dialogen geht hervor, dass sich die Prämissen für die Realisierung weiblicher Autonomie und Identität mit den gesellschaftlichen Strukturen immer wieder ändern. Dasselbe gilt natürlich auch für männliche Identität.

Zu diesem Thema gibt es eine ineressante Dissertation von Karin Schwiter, deren Arbeit in den Medien (Tages Anzeiger vom 10.9.11) vorgestellt wurde. Der Titel lautet: «Wer sein Leben als selbst gewählt versteht, rebelliert nicht.» Die Autorin geht vom in unserer Gesellschaft bei Paaren weitgehend etablierten Verhandlungsmodell aus. Ihre Untersuchung betrifft die heute 24- bis 26-Jährigen Frauen und Männer.Sie sagt:
«Es ist nicht mehr das Geschlecht, das definiert, was ich machen soll oder muss; niemand kann mir mehr sagen, du bist eine Frau, deshalb musst du zu Hause bleiben, oder du bist ein Mann, deshalb musst du das Geld nach Hause bringen. Der Druck, aufgrund des 30

Geschlechts, irgendetwas machen zu müssen, ist nicht mehr da. Das ist für mich ein grosser Schritt.»

Dies gilt, obwohl sich zeigt, dass mehrheitlich die alten Muster beibehalten werden: der Mann sorgt fürs Einkommen, die Frau arbeitet Teilzeit und sorgt für die Kinder. Dies ist heute das gängige Modell. Schon dies ist bemerkenswert, doch noch interessanter ist die Begründung. Karin Schwiter sagt von den jungen Leuten:
»Sie sehen sich als Managerinnen und Manager ihrer Biographie, was heisst, dass jeder und jede für sich schauen muss und für die Gestaltung des Lebens 
verantwortlich ist. Damit übernehmen sie gleichzeitig auch die Verantwortung für alle Entscheidungen.»

Weiter führt Karin Schwiter aus, dass es für die meisten Frauen selbstverständlich ist, dass sie nach der Geburt eines Kindes weiter arbeiten, aber die jungen Männer sind der Überzeugung, dass immer noch sie für den Lebensunterhalt verantwortlich sind. Dies ist ein Familienbild aus den 60er-Jahren. Dazu kommt, dass ein Kind immer an erster Stelle stehen muss. Wir könnten nun hier mit Kritik und Infragestellung einsetzen. Doch das Festhalten an einem älteren Modell ist das eine - es gibt jedoch noch einen für unsere Überlegungen viel wichtigeren Gesichtspunkt: den Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Dynamik. Auffällig ist, dass die Frauen nicht dagegen rebellieren. Warum? Karin Schwiter gibt eine absolut plausible Erklärung dafür:
«Das ist ein Effekt der Individualisierung. Wogegen soll man rebellieren, wenn man sein Leben als selbst gewählt versteht? Es ist viel leichter, gegen etwas zu rebellieren, das einem aufgezwungen wird.»

Das ist eine Erkenntnis, die schwer wiegt! Natürlich ist dies ein ganz wichtiger Gesichtspunkt, denn wenn wir von einem indivdualistischen Konzept ausgehen, dann ist die vorherrschende - zum Teil unbewusste - Überzeugung, dass alle Entscheidungen im individuellen Bereich liegen. Das bedeutet Verantwortung für das eigene Tun. Und genau dies ist Chance und Falle des individualistischen Ansatzes, in dem Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und das sogenannte Verhandlungsmodell zu verwirklichen suchen - ein hoher und komplexer Anspruch. Gleichzeitig tut der Individualismus so, als ob es private Entscheidungen im luftleeren Raum ohne gesellschaftlichen Kontext und entsprechende Einbindung gäbe.

Wir können dies auch so formulieren, dass die Verantwortung für den je eigenen Lebensentwurf aus dem gesellschaftlichen an den Privatraum delegiert wird, dass alle Entscheidung und Verantwortung privater Natur ist. So wird jede Gesellschaftskritik unmöglich, weil sie das Konstrukt des Individualismus widerlegen würde - ein Trick, der in der Praxis von den Betroffenen kaum durchschaut wird, was ich auch auf Grund meiner psychotherapeutischen Tätigkeit bestätigen kann.

Es ist sicher eines der gegenwärtigen und zukünftigen Anliegen, diese Delegationen immer wieder erneut bewusst zu machen und zu hinterfragen, denn sie nehmen meines Erachtens zu und sind schwer zu durchschauen. Es ist klar ein Interesse der Gesellschaft, die Verantwortung abzuschieben - dies bedeutet Macht. So übernehmen beispielsweise auch Paare die Verantwortung dafür, dass ihnen die Verbindung zwischen Beruf und Elternarbeit nicht nach Wunsch gelingt - nach dem Motto «du hast es selbst gewählt.» Man darf vor allem kein Opfer sein, was gleichbedeutend mit versagen wäre. Und dies darf in einer Erfolgsgesellschaft nicht sein. Und wir  s i n d  eine Erfolgsgesellschaft - viel eher als nur eine Leistungsgesellschaft. Denn:  w i e  man zum Erfolg kommt, ist nicht von Bedeutung, sondern nur der Erfolg selbst.

Da zeichnet sich jedoch noch eine weitere Dynamik ab: Frauenbewegung ist ein Prozess und nicht ein Marathon, der eines Tages beendet und bestanden ist. Die alten Muster schleichen sich immer wieder ein - als hartnäckige Generationenmuster. Und die gesellschaftliche Entwicklung gibt immer wieder neue Themen auf, die gedeutet und integriert sein möchten. Ein interessantes Beispiel dafür ist «Methusalems Mütter» von Antje Schrupp.

Für jüngere und junge Frauen ist es jedoch auch wichtig, Einblicke in die individuelle und kollektive Geschichte zu bekommen. Es ist wohl vor allem entscheidend,  w i e  ihnen diese stories erzählt werden - nicht nur als Opfergeschichten, sondern auch und vor allem als solche des Mutes und Durchhaltevermögens. Das heisst: es geht um eine formative Sicht, die heutige junge Frauen ermutigen kann und ihnen gleichzeitig aufzeigt, dass es auch kollektive Strukturen gibt, die reflektiert, hinterfragt und verändert werden wollen.

Und die ganz jungen Frauen müssen wohl zuerst ihre eigenen Erfahrungen machen, bevor sie sich für Frauenanliegen öffnen können.

 

4. Die Gender Studies

 

Ich kann und will keinen Überblick über die gender studies geben, sondern nur einige für uns wichtige Aspekte herausgreifen, denn diese schaffen neue Kategorien, iniziieren andere Forschungen und schlagen auch eine Brücke zum Einbeziehen männlicher Themen und Zusammenhänge.

a) Worum es geht

Die Gender Studies, die seit den 1990er-Jahren an deutschsprachigen Universitäten verstärkt Fuss fassen, setzen dasjenige Projekt fort, das feministische Ansätze seit den 1970er-Jahren verfolgen: die Analyse und Kritik asymmetrischer Geschlechterverhältnisse.

Es gibt jedoch zwischen den beiden einige wesentliche Unterschiede: Der Feminismus konzentriert sich eher auf (unterdrückte) Weiblichkeit, wobei Geschlecht tendenziell als invariable Natur betrachtet wird, und er geht von einer weiblichen Identität aller Frauen aus. Die Gender Studies hingegen legen den Focus auf das soziale Geschlecht.

«Gender» bezeichnet im Englischen die kulturell vorgegebenen Geschlechterrollen, die eine Gesellschaft bereitstellt und durch Verbote, Strafen und Belohnungen für verbindlich erklärt. Der Gegenbegriff zu «Gender» ist «Sex», das anatomische Geschlecht. Die Gender Studies beschäftigen sich also mit Geschlecht als sozialer Konstruktion, denn es sind voran kulturelle Akte, die einen Mann zum Mann, eine Frau zur Frau machen.

Dazu gehören
-  
Kleidercodes,
-   Verhaltenrepertoires,
-   Mimik, 
-   Gestik

Diese Verhaltensnormen müssen unablässig reinszeniert werden, so dass Geschlecht als Prozess zu beschreiben wäre. Geschlecht ist, um mit Simone de Beauvoir zu sprechen, ein Handeln, oder - nach Judith Butler - ein Effekt performativer Akte. Indem der Einzelne agiert (sich kleidet, spricht etc.) produziert er ein Geschlecht nach Massgabe der gesellschaftlichen Vorgaben, die als variable, sich verändernde Normen aufgefasst werden. Jede Kultur definiert Geschlechtlichkeit und Geschlechtergrenzen anders, weshalb sich die Gender Studies vornehmlich mit «Prozessen der Um- und Neudeutung der Differenz» auseinander setzen. Geschlecht ist Handeln - «doing gender».

In diesem Zusammenhang gewinnen auch die Men‘s studies an Bedeutung, die ihr Augenmerk auf die Männlichkeitskonstruktionen richten. Die sogenannte binäre Matrix gerät in die Kritik. Schwule, Lesben und Transsexuelle bewegen sich auch heute noch vielfach am Rand der Gesellschaft, die sehr genau darüber wacht, dass die binäre Matrix, das heisst die klare Opposition von Mann und Frau, eingehalten wird - etwas Drittes darf es nicht geben. Hier schliessen sich weitere wichtige Studien an.

Die Gender Studies betonen zudem, dass sich Weiblichkeit und Männlichkeit gegenseitig definieren. Das heisst: Männlichkeit bestimmmt sich über das, was Weiblichkeit ist, und umgekehrt.

Ergibt sich Geschlecht mithin aus relationalen Bezügen, so rücken die Gender Studies, der Theorie nach jedenfalls, auch Männlichkeit in den Blick.  Konkret gesagt handelt es sich um einen Verhaltensdialog, darum, wie man sich gegenseitig beeinflusst.

Die heute selbstverständliche Auffassung, die Menschheit teile sich in zwei völlig unterschiedliche Anatomien auf, in Männlichkeit und Weiblichkeit, entstand tatsächlich erst um 1800 im Kontext der sich etablierenden bürgerlichen Gesellschaft.

b) Entwicklungstendenzen der Geschlechterforschung

Die feministischen Ansätze der 1970er-Jahre arbeiteten noch mit dem Kollektivsingular «die Frau»,  der das politische Engagement und die Bündelung von Interessen erleichterte. Von den 1980er-Jahren an zeichnet sich eine umfassende Pluralisierung dieser Kategorie ab.

Dieser Impuls geht von Afroamerikanerinnen und Frauen aus ökonomisch schwächeren Ländern aus. Sie machten darauf aufmerksam, dass der (amerikanische) Feminismus ausschliesslich auf die weisse Mittelstandsfrau zugeschnitten ist und die Unterdrückungserfahrungen der «coloured people» nicht berücksichtigt. Um den ethnischen Differenzen Rechnung zu tragen, wird seither Gender durch Race, also Ethnizität, ergänzt. Und nicht nur die ethnische Herkunft unterscheidet Frauen, sondern auch ihre Klassenzugehörigkeit (class).

Diese Ausdifferenzierung der Positionen in den letzten Jahrzehnten hängt eng mit der grundlegenden Infragestellung von übergreifenden, abstrakten Kategorien zusammen. Es ist die Absage an das universelle Subjekt, das gemeinhin das männliche ist.

Damit wird das politische Engagement des Feminismus zum Problem. Der Feminismus wollte die Frau als politische Akteurin gewinnen und bestand deshalb auf der Einheit der Kategorie «Frau«. Der neue Subjektbegriff lässt das Sprechen im Namen einer Gruppe unmöglich machen (vgl. Judith Butler). Männlich und weiblich sind immer schon den Diskursen der Macht unterworfen.

c) Gender Studies und die Wissenschaften

Die Gender Studies sind grundsätzlich interdisziplinär, überschreiten also die traditionellen Disziplingrenzen, weil Männlichkeit und Weiblichkeit in einem Netzwerk aus biologischem, medizinischem, anthropologischem Wissen und kulturellen Riten definiert werden. Dies ist die Chance einer kritischen Wissenschaftsreflexion.

Die Gender Studies sind nicht nur ein interdisziplinäres, sondern auch ein internationales Phänomen mit regen Theorieimporten und -exporten zwischen Ländern und ihren unterschiedlichen Landschaften. ForscherInnen machen zunehmend auf die spezifische Situation von Männern und Frauen in Ländern mit kolonialer Vergangenheit aufmerksam (Indien, Afrika etc.) und stellen die eurozentrische, westliche Perspektive der Gender Studies in Frage.

Feminismus und GS nehmen grundsätzlich eine ideologiekritische Haltung ein und üben Kritik an ungleichen Geschlechterstrukturen in Gegenwart und Vergangenheit. Dies brachte den Vorwurf der ideologischen Verblendung ein. Unterdessen gilt Parteilichkeit (vgl. Stephan/Weigel) als unhintergehbare Bedingung wissenschaftlicher Arbeit überhaupt. Objektives Wissen gilt als Fiktion (Stephen Greenblatt). Die GS hinterfragen also den Objektivitätsanspruch von Wissenschaft und weisen darauf hin, dass auch das akademinsche Wissen Teil der geltenden Machtordnung ist und herrschende Tabus reproduziert. Was trotz dieser Relativierung Wissenschaftlichkeit garantiert, ist das Nachdenken über eigene Interessen und die Parteilichkeit, das die GS zu ihrem Programm gemacht haben.

Die GS schliessen an die feministischen Forschungen an, von denen sie in hohem Masse profitieren. Eine eindeutige Grenzziehung ist kaum möglich, doch lässt sich vielleicht als Differenz festhalten, dass die GS eher als feministische Positionen von einem relationalen Verhältnis kultureller Geschlechterrepräsentationen ausgehen und die Einheitskategorie «die Frau» pluralisieren. Männnlichkeit und Weiblichkeit bestimmen sich demnach gegenseitig und entstehen in permanenten performativen Aushandlungsprozessen, zumal Ethnizität (Race) und Klassenzugehörigkeit (class) zu berücksichtigen sind.

Die GS sind parteilich und befragen in einer wissenschaftskritischen Reflexion auch die traditionellen Grenzziehungen zwischen den Disziplinen.

Als universale Kategorie ist Gender ein ebenso interdisziplinäres wie international zu behandelndes Phänomen.

d) Ausblick

Zusammenfassung

Von den GS können auf allen Feldern des Wissens Anstösse für eine Reflexion wissenschaftlicher Theorien und Praktiken ausgehen, die sowohl die Wissenschaftsgeschichte als auch den status quo betreffen. Zeichnet sich Wissenschaft prinzipiell dadurch aus, dass sie ihre eigenen Methoden überdenkt, so machen die GS die unausgesprochenen Prämissen der männlich dominierten Wissensordnung kenntlich. Die GS lassen auch innerhalb der Naturwissenschaften unübersehbar werden, dass Wissen bzw. Wissenschaft ein Geschlecht besitzt und sprachlich-narrativ - als Geschichte - organisiert ist. Sie fordern ein Wissen, das dialogisch angelegt ist und den eigenen Standpunkt reflektiert.

Hier treffen sich die feministisch reflektierten Anliegen und diejenigen der Gender Studies.

Daraus lässt sich auch etwas über die gegenwärtige und wohl auch zukünftige Aufgabe des feministisch orientierten und reflektierten Ansatzes sagen: Reflektiert werden die Phänomene unserer Gesellschaft im weitesten Sinn und unseres individuellen Lebens im Hinblick auf Machtgefälle im Gegensatz zum Anliegen der Gleichwertigkeit, der Dialogik zwischen Frauen und Frauen und zwischen Frauen und Männern. Ebenso geht es darum, den eigenen Standort immer wieder in Frage zu stellen und neue Aspekte einzubeziehen.

Wir brauchen den sogenannten «schielenden Blick» - ein Auge focussiert genau und scharf, das andere ist eher defocussiert und nimmt die weiteren Zusammenhänge wahr. Es ist, anders gesagt, auch ein Blick, der «zoomt» und die Phänomene einmal aus der Nähe, dann wieder aus Distanz mit der Chance eines Überblicks wahrnimmt.

 

5. «Was vom Manne übrig blieb»

 

Es ist an der Zeit, nun auf die andere Seite zu schauen - nämlich auf die männliche. Dazu ein Zitat:
«Die Herausforderung besteht darin, über den Feminismus hinauszugehen, ohne seine Errungenschaften herabzusetzen, von denen es viele gibt.» (Warren Farrell, Mythos Männermacht 1995)

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für meine Ausführungen ist Folgendes: Die Gender Studies haben schon betont, dass «der Mann» und «die Frau»  Konstrukte sind. Walter Hollstein, Professor für politische Soziologie und Gutachter des Europarates für Männer- und Geschlechterfragen, führte schon in den 90er-Jahren aus, dass nicht die Männer als Individuen das Patriarchat ausmachen. Es gibt die patriarchalen Männer, doch das Ptriarchat ist zu einer Superstruktur geworden, welcher auch die individuellen Männer ausgesetzt sind.

Anders als bei den jungen Frauen begegne ich vielen jungen Männern, die in ihrer Identität als Männer zutiefst verunsichert sind. Sie sprechen darüber - vom Druck durch die herrschenden Männlichkeitsideale und auch manchmal von ihrer Verunsicherung den Frauen gegenüber. Sie haben Angst, nicht männlich genug zu sein, nicht ernst genommen zu werden. Doch welches sind diese Bilder von Männlichkeit, die vielen Männern so unerreichbar scheinen? Es sind eigentlich die alten patriarchalen Bilder, die sich verselbständigt haben und nun das männliche Geschlecht unterdrücken.

Ich fasse nun die Zwänge heutiger Männlichkeit zusammen, die Walter Hollstein von James M. O‘Neil übernommen hat:

1.   Das eingeschränkte Gefühlsleben.
«Männer haben Schwierigkeiten, sich emotional frei und offen auszudrücken und gestehen aus einer tiefen Angst diese Fähigkeiten auch anderen Männern nicht zu.» (Hollstein 144).
So entsteht ein Teufelskreis von Frustration und Aggression.

2.   Die Homophobie.
Das ist die Angst vor der Nähe zu andern Männern. Junge Männer haben mir auch schon gestanden, dass sie insgeheim die Mädchen beneiden und dann ausweichen in Rammeln und sogar Schlägereien. Es ist auch die Abwehr von Homosexualität.
«Auch hier dominiert die Furcht, für weiblich, weich, unmännlich und damit für schwul gehalten werden zu können.» (145)
Im Vordergrund steht das Konkurrenzverhalten.

3.   Die Kontroll-, Macht- und Wettbewerbszwänge,
die zur Beherrschung von Situationen und Menschen führen. Hollstein weist darauf hin, dass Jungen mehr Lob als Mädchen bekommen, um dominant zu werden, aber auch bestraft werden, wenn sie nicht das gewünschte männliche Verhalten aufweisen.
«Wer nicht siegt, ist kein Mann.» (145)

4.   Das gehemmte sexuelle und affektive Verhalten
Wenn die Angst besteht, die eigenen «weiblichen» Seiten zuzulassen, sind auch Sinnlichkeit, Intimität, Liebe und Hingabe «gefährlich» und müssen abgespalten werden.

5.   Die Sucht nach Leistung und Erfolg.
«Dabei handelt es sich um die zwanghafte Notwendigkeit, das eigene Mannsein immer wieder neu erfahrbar zu machen und messen zu müssen.» (146) Eine besondere Bedeutung hat die «Verknüpfung der Arbeitsrolle mit der des Familienernährers». (146) Dies führt schliesslich oft zur Entfremdung von der Familie und zur Abwesenheit als Vater. Viele Männer machen sich hier einen grossen Stress.

6.   Der unsorgsame Umgang mit der eigenen Gesundheit
«Männer entspannen unzureichend, bewegen sich zu wenig, gehen zu selten zum Arzt, missachten körperliche Warnsignale und verfügen kaum über Gesundheitskenntnisse.» (146)
Männer gehen oft über sich selbst hinweg, verdrängen den Leidensdruck, weil sie als Männer gar nicht erst in eine Krise geraten dürfen.

Doch das Profil der Eigenschaften (Härte, Kämpfertum und eingeschränkte Beziehungsfähigkeit) entspricht nicht mehr den Bedürfnissen der heutigen Dienstleistungsgesellschaft.

Man kann hier vor allem sagen, dass dieses Profil per se ungesund ist - somatisch-emotional ungesund. Und doch sind diese Muster tief eingefleischt und werden ständig perpetuiert. Die Angst vor dem Verlust der so verstandenen Männlichkeit kommt offenbar einer Kastration gleich. Vielleicht können Frauen das nie so recht verstehen, aber meine Gespräche mit jungen Männern haben mich gelehrt, diese Ängste ernst zu nehmen.

Wie werden diese Muster von Generation zu Generation weiter gegeben?

Ein erster Zugang ist durch die Dominanz der Frauen im Erziehungssektor gegeben - hier sind Männer weitgehend abwesend, was nicht die Schuld der Mütter und Lehrerinnen ist. Doch auch hier wirkt sich die Abwesenheit von Vätern und männlichen Lehrpersonen negativ aus. Alain Guggenbühl weist ebenfalls darauf hin, dass die Schule heute wichtigen Bedürfnissen von Jungen nicht entgegen kommt. Vielleicht müssten die Geschlechter für gewisse Unterrichtseinheiten wieder getrennt werden. Doch Männer, die selbst dem traditionellen Männerbild nacheifern, wären auch nicht eine wirklich konstruktive Hilfe. Jungen brauchen Männer als unmittelbares Modell und Kontaktperson, wie Mädchen die Mutter und andere Frauen.

Es ist etwas sehr Schönes und Berührendes, wenn Väter mit ihren Söhnen zusammen sind. Ich erinnere mich, wie mein verstorbener Partner - nicht der Vater meiner Kinder - sich meinem jugendlichen Sohn zuwandte und sagte: «Komm, wir Männer …» In dieser Solidarisierung war einfach die Wärme der Zuneigung und gar nichts von dem, was ich sonst kannte - nämlich die Solidarisierung  g e g e n  die Mutter. Und er brachte meinem Sohn den Respekt vor dem weiblichen Geschlecht bei. Er war allerdings selbst ein alleinerziehender Vater. Und er reagierte nicht mit Erschrecken wie ich, wenn mein Sohn kleine «Bömbchen» bastelte. Anstatt zu schimpfen zeigte er ihm, wie man das richtig macht. Das ist Väterlichkeit «paternaler Väter». Dies setzt allerdings voraus, dass auch die Frauen ihren Männern die Chance geben, ihr eigenes Mann- und Vatersein zu erfinden und anders sein zu dürfen und es anders zu machen, als sie es tun würden.

Dazu bemerkt Hollstein: «Viele Frauen vertreten zwar für sich ein verändertes, modernes Frauenbild, beharren aber auf einem traditionellen Männerbild.» (149) Mir ist klar, dass es diesen Widerspruch gibt. Auf der anderen Seite sind häufig Frauen verunsichert, weil viele Männer selbst keine wirklich gefestigte Identität ins Spiel bringen können.

Jungs, die männer- und vaterlos aufwachsen, haben grosse Probleme, fühlen sich oft allein gelassen.

«Die Folge sind zum Teil verzweifelte, zum Teil brutale Abgrenzungsversuche von Jungen und jungen Männern gegenüber Frauen.»

Jugendliche werden oft in die Welt hinaus geschickt ohne adäquate Vorbereitung (vgl. William Pollack, «Richtige Jungen»).

Wenn Jugendliche sich nicht gestützt und begleitet fühlen, orientieren sie sich «an Zerrbildern männlicher Stärke aus Fernsehen, Film und Videos, um ihre tatsächliche Unsicherheit zu verbergen. So wird zur Gewalt gegriffen, wo eigentlich Schwäche besteht.» (16). Eine andere Möglichkeit ist die Kompensation durch Flucht in virtuelle Welten und in die Identifikation mit Avatars. Dies sind alles Überkompensationen eines verstärkten männlichen Minderwertigkeitsgefühls.

Und was wäre diese neue männliche Identität? Anthony Astrachan hat ein Bild des veränderten (paternalen) Mannes entworfen:

«Dazu gehört, dass dieser Mann 'die meisten traditionell männlichen Geschlechterrollen und den Versuch, die Macht zu monopolisieren, aufgegeben oder überwunden' hat. 'Er besteht nicht mehr darauf, der einzige oder dominante Verdiener des Familieneinkommens zu sein, und weigert sich, zum Sklaven seiner Arbeit zu werden, obwohl er Kompetenz und Leistung schätzt.' Dieser veränderte Mann fühlt sich wohl mit sich selber und 'glaubt daran, dass Männer ebenso gefühlvoll sind wie Frauen.' Er kann seine 'Gefühle ausdrücken. Er ist fähig, über seine eigenen Probleme und Schwächen zu reden', ohne larmoyant, selbtquälerisch oder feige zu sein. Der veränderte Mann unterstützt die Suche der Frauen nach Unabhängigkeit und Gleichheit nicht nur verbal. 'Er nimmt seinen Beruf nicht wichtiger als seine Familie', und so, wie er sich für seine Arnbeit einsetzt, engagiert er sich auch 'für die Hausarbeit und die Kindererziehung.'»(276/77).

Traummänner für uns Frauen? Es gibt ja viele neurobiologische Forschungen, die uns zeigen, dass Männer ganz anders sind als Frauen - und dass sie niemals so würden, wie Astrachan schreibt. Wir haben - wie im 19. Jahrhundert - wieder eine biologische Beschreibung und Begründung der Geschlechterdifferenz, damals völlig zu Ungunsten der Frauen. Sicher gibt es Unterschiede, aber die sind nicht bis ins Letzte festgeschrieben, da es auch die epigenetischen Prozesse gibt, das heisst das An- und Abschalten der Gene. Wir sind nicht determiniert, sondern können uns zu unserer Genetik auch verhalten.

Ein neues Mannsein würde - da bin ich sicher - auch nochmals einen Schritt auf Frauenseite bedeuten - den Schritt von der Frauenemanzipation zum maternal-paternalen Paradigma. Und das wiederum braucht eine klare und faire Auseinandersetzung. Wenn ich Bücher für Männer lese, ist es immer wieder schwierig. Ich zucke zusammen, werde wütend, fühle mich missverstanden und bin immer wieder auch erstaunt, weil ich neues Verständnis gewinnen kann. Ich spreche mit diesen Büchern innerlich - und dieser Dialog sollte auch im Aussen geführt werden. Was mir bei dieser Definition fehlt, ist der Aspekt des Umgangs mit der eigenen Aggressivität, die ja nicht einfach verschwindet, wie wir aus der Frauenbewegung wissen, die die tabuisierte Aggression zum Thema gemacht hat.

Männer müssen die Emanzipation aus sich heraus gestalten können und nicht durch Frauen. Die Emanzipation der Männer wird jedoch auch für die Frauen eine Herausforderung, da sie sich auch darauf einlassen müssen, was für Männer schwierig ist im Zusammensein mit Frauen, wenn sie sich aus den traditionellen Männermustern befreien. Meist spielt sich dies in der Partnerschaft ab - aber es geht hier nicht nur um den privaten, sondern auch um den öffentlichen Bereich.

Es bräuchte zunächst wohl auch einen Austausch und Zusammenschluss von Männern, die ihre Rollen aufbrechen möchten und neue Formen und Gefässe, die ein paternales Rollenbild entstehen lassen könnten.

Gefragt wäre jedoch auch ein Ernstnehmen in der Öffentlichkeit. Hollstein schreibt 2008:
«Die veränderte Männlichkeit sieht sich hingegen in der öffentlichen Diskussion in den Medien und im Diskurs der Politik vernachlässigt und verdrängt. Das gilt beispielsweise für engagierte Väter und in Teilzeit arbeitende Familienmänner …»(152/3).

Es wäre also auch wichtig, dass im politischen Raum die neuen Bedürfnisse von Männern ernst genommen würden. Gefragt ist eine neue Geschlechterpolitik.

Es gibt auch auf politischer Ebene noch eine Menge zu tun, was eine maternal-paternale Geschlechterordnung zu schaffen hat:

  Auseinanderetzungen zu Geschlechterthemen mit politischen Konsequenzen

  Eine neue Gesundheitspolitik für Männer mit entsprechender Aufklärung

  Neue gesellschaftliche Wertungen, welche die Dominanz von Geld und Erfolg in Frage stellen.

  Eine neue Familienpolitik, in der beide Geschlechter sich für Familie und Beruf engagieren können.

  Genügend Teilzeitjobs für Frauen und Männer

  Familiengeld für Lebensarbeit

 

6. «Doing gender» - verkörperte Geschlechtsmuster

 

a) Formungsprozess und Wachstum

Ich möchte nun als erstes den Begriff des «doing gender» aufgreifen und ihm eine praktisch-alltägliche Bedeutung geben. Ich werde ein Konzept und die dazugehörige Methode einführen, mit der ich selber mit Frauen als Therapeutin, als Ausbildnerin und Gruppenleiterin arbeite. Es handelt sich also zunächst um ein psychologisches Konzept.

«Doing gender» nehme ich wörtlich als verkörpertes Verhalten unseres Frauseins - und des Mannseins.

 

Dies ist ein formativer, somatisch-emotionaler Ansatz, der besagt:

•  Geschlecht ist Handeln, Verhalten.
•  Geschlecht ist Prozess (ein Prozess verkörperten Handelns).
•  Verkörperte Verhaltensmuster werden immer wieder neu getätigt.

•  Verkörperte Muster können verändert werden.

 

Wir alle sind nicht durch Biologie und Sozialisation definiert. Man mag die biologischen Einflüsse unterschiedlich einschätzen. Eines jedoch ist sicher: Wir können unser Verhalten - auch genetisch bedingtes wie angeborene Verhaltensmuster (z.B. ausgreifen, heranholen und festhalten, uns zusammenziehen und ausweiten, warten, Unsicherheit, Wut und Trauer) oder unsere aus dem genetischen Pool der Familie stammende Konstitution - beeinflussen. Andererseits haben wir uns im Lauf unserer Sozialisation Verhaltensmuster, die unser Gender-Verhalten betreffen, einverleibt. Diese wiederum stellen eine weitere Variation angeborener Muster dar. Wir verkörpern unser Frausein wie Männer ihr Mannsein. Dies werde ich noch konkret zu zeigen versuchen.

Damit setzen wir uns der alten - im Grunde auch patriarchalen - Geschichte entgegen, die lautet: «Wir haben einen Körper.» Damit wird er zu einer Art Besitz, als handle es sich um einen Chauffeur mit seinem Wagen.

Für das Ganze, das wir sind, gibt es in europäischen Sprachen keinen Begriff. Dieses Ganze ist auch nichts Statisches, so dass wir - auf Grund des formativen Konzepts (nach Stanley Keleman) in Anwendung auf unser Thema - sagen können:

Wir sind eine leib-seelische oder somatisch-emotionale Ganzheit.

Wir «haben» nicht einen Körper - wir sind leibhaft. Das bedeutet, dass wir einerseits nicht einfach die Herrschaft über unseren Körper haben und andererseits nicht einfach das Opfer unseres Körpers zu sein brauchen. Dies hängt damit zusammen, dass das, was wir normalerweise «Körper» nennen, nur eine Reduktion auf physische Funktionen ist. Wir sind jedoch mehr und auch etwas anderes als das. Weder sind wir einfach nur unsere Biologie, noch sind wir erhaben über sie:

Wir sind ein lebendiger, sich organisierender und sich umgestaltender ganzheitlicher Prozess.

Unser Leben bedeuetet Gestaltung und Umgestaltung - Morphogenese und Metamorphose. Hier möchte ich betonen: Es geht um einen zunächst intraorganismischen Dialog und nicht um Herrschaftsverhältnisse in uns und mit unserer Umwelt. Damit formuliere ich auch eine Kritik an der Basis von Konzepten, welche die traditionellen (patriarchalen) Ansichten weiterführen. Genau das meine ich mit «feministisch reflektiert» - wir müssen in Konzepten - auch in sogenannt wissenschaftlichen - den Anteil an «Mythen» erkennen, die auch wissenschaftlichen Diskursen innewohnt (vgl. Emily Martin).

Diesen ganzheitlichen sich organisierenden Prozess können wir Wachstum  nennen (vgl. Humanistische Psychologie). Wir formen immer neue Formen unseres In-der-Welt-Seins aus.

Beispiel: Ich denke dabei an eine Frau, die ein Leben lang ein Muster des Schrumpfens unwillkürlich (unbewusst) organisierte. In der formativen Arbeit lernte sie, sich aufzurichten und Variationen einer nicht-schrumpfenden Präsenz auszubilden. Sie erlebte, dass diese Möglichkeit als eine zu verkörpernde Schicht in ihr darauf wartete, in die Welt zu kommen, wie es ihre Träume ankündigten.

Ich kann es nochmals anders formulieren: wir sind nicht einfach die Opfer genetischen Erbes und von Sozialisation, sondern wir sind gleichzeitig die KünstlerInnen oder Bildhauerinnen unserer selbst und das geformte Werk (vgl. Adler und Keleman). Zu begreifen, dass wir nicht einfach vom Leben gelebt zu werden brauchen, sondern formend auf uns selber einwirken können im Sinne von Selbstmanagement und Selbstformung ändert die Einstellung zu uns selbst. Das gilt allgemein für beide Geschlechter, aber auch für Muster weiblichen Verhaltens.

Dies ist die eine Seite von Emanzipation für beide Geschlechter, die darin besteht, die eigenen somatisch-emotionalen Muster beeinflussen zu lernen - auch die geschlechtsbedingten. So können wir auch eine somatisch-emotionale Gesundheit erreichen.

Damit ist auch die Chance gegeben, generationenalte eingefleischte Muster umzugestalten - ganz direkt und konkret.

 

Abschluss

 

Wir kehren zurück zu den Anfängen und zu einem Dank an Elisabeth Camenzind. Sie hatte sich von dem, was in unserer Gesellschaft vorging - auf privater wie auf politischer Ebene - ansprechen lassen und gehandelt. Sie hat ein Gefäss geschaffen für Anliegen und Austausch unter Frauen. Es braucht auch weiter Frauen und Männer, die sich ansprechen lassen und handeln.