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09 - Katharina von Siena - Vorläuferin, Vordenkerin, Vorkämpferin

Elisabeth Camenzind

         

1 Authentisches Bild

Dem reformierten Kirchenhistoriker und Hagiographen Walter Nigg kommt das Verdienst zu, die Vita von Raimond de Capua1 neu herausgegeben zu haben. De Capua war Katharinas Ratgeber und Beichtiger. Sein Bestreben war, ein möglichst authentisches Bild von der Frau zu zeichnen, die er über viele Jahre begleitet und geschätzt hatte. Die spätere Kirchenlehrerin Katharina von Siena lebte im Mittelalter von 1347-1380. Sie wurde nur 33 Jahre alt.

2 Keine grenzenlose Nächstenliebe

Auf den ersten Blick wirkt Katharinas Leben abschreckend und unverständlich, ebenso ihre Lehren. Die vordergründigen Fakten stossen zunächst ab: Blutige Selbstgeisselungen, rigoroses Fasten bis zur Magersucht, Aufrufe zu den Kreuzzügen, ihre Rede vom «Blut Christi». Allzu sehr steht sie im Verdacht, männlich identifiziert und masochistisch zu sein. Dieses unsympathische Bild wird von männlichen Theologen entworfen. Ferner wird Katharinas Lehre auch noch entstellt und verfälscht, es wir zum Beispiel behauptet, Katharina fordere die grenzenlose Nächstenliebe, während sie vor einer Liebe ohne Grenzen ausdrücklich warnt.

3 Vorläuferin, Vordenkerin, Vorkämpferin

Meine Beschäftigung mit Katharinas Leben und Lehre hat mir ein anderes und neues Bild von ihr vermittelt. Ich bin sogar zur Überzeugung gelangt, dass sie sehr wohl als eine feministische Vorläuferin, Vordenkerin und Vorkämpferin gesehen werden kann. Sie hat nämlich um ihre Gottesebenbildlichkeit als Frau gekämpft sowie um Selbstbestimmung und Gleichrangigkeit der Geschlechter. Mit der römischen Kirche hat sie zudem einen mutigen Kampf um das Recht auf Predigt- und Lehrtätigkeit ausgefochten, wobei sie genötigt war, diesen Kampf mit ausserordentlichen Mitteln zu führen. Sie war ganz auf sich selbst gestellt und es standen ihr nur wenige Vorbilder zur Verfügung. Durch die Einsamkeit ihrer Situation war sie auf sich selbst zurückgeworfen, wodurch sie mit ihren tiefsten Seelenschichten in Berührung kam und zu ausserordentlichen Erfahrungen, Erkenntnissen und Fähigkeiten gelangte.

4 Doppelter Blick

Mein Blick auf Katharina ist ein doppelter: Als Psychotherapeutin bin ich geübt in der Wahrnehmung von Bildern und Sprachsymbolen und ebenso geübt im Erkennen der Voraussetzungen einer gesunden oder  neurotischen Kindheit. Der zweite Blick erfolgt aus feministischer Perspektive. Die feministische Wissenschaft zieht das Geschlechterverhältnis sowie den patriarchalen Kontext in die Betrachtung ein. Ein solches Vorgehen ist auf authentische Quellen angewiesen, die bei Katharinas Biographen, Raimund de Capua, reichlich fliessen. Der langatmige und weitschweifige Stil der Vita entstammt von Capuas Bemühen um Detailtreue. Aber eben dadurch weist sich die Vita als eine echte Quelle aus. Die Kindheit von Katharina kann wie eine Anamnese gelesen und entschlüsselt werden. Auch der Beginn eines Bruches in der Pubertät kann ausgemacht werden, und Katharinas aussergewöhnliche Reaktion auf diesen Bruch. Meine These ist, dass Katharina sich beim Eintritt in die Pubertät durch die ihr auferlegte Geschlechtsrolle in ihrer Identität gefährdet fühlte, da sie sich zum geistig kreativen Schaffen im weitesten Sinne hingezogen fühlte. Nach einer unbeschwerten Kindheit erlebte Katharina ein gewaltiger Schock.

5 Kindheit und Frühkindheit

Katharina war das vierundzwanzigste Kind ihrer Mutter, die das Mädchen mit einer warmen und zärtlichen Liebe umgab. Die Mutter selber berichtet über ihre grosse und einzigartige Zuneigung zu diesem Kind und erklärt dies, weil Katharina das einzige Kind sei, das sie an ihrer eigenen Brust genährt habe. Unter diesen optimalen Bedingungen entwickelte sich Katharina zu einem kontaktfreudigen, aktiven und klugen Kind. Sie war der Sonnenschein der Eltern und ihrer Umgebung. Sie scharte viele Kinder um sich, ging in den Nachbarhäusern ein und aus und genoss ihre bevorzugte Stellung in vollen Zügen. Dieses begünstigte spätgeborene Kind, dem Liebe und Zuwendung leicht in den Schoss fielen, wurde von den älteren Brüdern mit neidischen Blicken verfolgt. Dieser Sachverhalt ist dem späteren Verhalten der Brüder deutlich zu entnehmen.

6 Bruch in der Pubertät

Bis zur Pubertät sind bei Katharina keine Anhaltspunkte für irgendwelche traumatische Begebenheiten oder psychische Störungen zu finden. Sie hatte das Privileg einer unbeschwerten, ja glücklichen Kindheit, in der sie die religiösen Rituale wie ein Spiel erlebte und nachahmte. Ein ernsthafter Bruch ereignete sich dagegen in der Pubertät, mit dem Eintritt in die Geschlechtsreife, die der frohen und freien Kindheit ein abruptes Ende setzte. In Italien war es nämlich üblich, geschlechtsreife Mädchen ans Haus zu binden, weil sie auf der Strasse als sexuelles Freiwild galten. So wurde Katharina von einem Tag zum anderen ins Haus verbannt und von ihren Jugendgespielinnen getrennt. Als menstruierendes Mädchen galt sie als «mannbar» und somit als reif für Ehe und Mutterschaft. Schon zwölfjährige Mädchen wurden zu dieser Zeit verheiratet (Knaben mit siebzehn Jahren). Die älteren Brüder teilten ihr mit, dass man für sie nun einen Bräutigam suchen werde. Dies war der zweite gewaltige Schock für Katharina, die schon früh wusste, dass sie nicht heiraten will. Bei ihren zahlreichen Schwestern hatte sie das Verheiratet-sein aus nächster Nähe beobachten können, daher sie keine romantischen Vorstellungen von der Ehe hegte. Schon als Siebenjährige hatte sie beschlossen, nie zu heiraten, bezeichnenderweise nach dem Besuch bei einer verheirateten Schwester. Vermutlich war sie Zeugin einer unerfreulichen häuslichen Szene geworden. Nach diesem Besuch hatte Katharina auf dem Heimweg eine erste «Vision». Auf einer Wolke sah sie eine kleine Gruppe Menschen, die in königliche Kleider gehüllt und in ein Gespräch vertieft waren. Die Siebenjährige deutete die Gruppe als Jesus mit einigen Aposteln, wobei sie von Jesus liebevolle Blicke auf sich gerichtet glaubte. Katharina fühlte sich sogleich dieser Gruppe zugehörig, und sie beschloss spontan, «Wanderprediger» zu werden und sich zu diesem Zwecke als Mann zu verkleiden. Eltern und Brüder hatten über die kindliche Vorstellung gelacht. Katharina meinte wohl, als Wanderpredigerin könne sie ihre Freiheit behalten sowie ihre Kontakte zur Aussenwelt aufrechterhalten und dem weiblichen Ehe-Los entgehen. Sie ängstigte sich jedoch nun, ihren Entschluss zur Ehelosigkeit der Familie mitzuteilen. Es war undenkbar, dass ein gewöhnliches Mädchen die Ehe verweigert. Dies war ihr inzwischen klar geworden.

7 Evas Sünde

Christa Mulack2 sagt von der patriarchalen Ehe, sie verweigere der Frau die Selbstwerdung, die «Individuation». Die Theologin Ina Praetorius geht noch weiter, indem sie die Ehe als unethisch bezeichnet, gemeint ist die patriarchale Ehe. Diesen Sachverhalt spürte Katharina ganz klar. Sie sagte, dass sie ihre «unsterbliche Seele» zu verlieren fürchte, was in heutiger Sprache heisst, dass sie den Selbstverlust fürchtete. Ihre älteren Brüder, die nach dem Tod des Vaters den Status eines familiären Oberhauptes besassen, verlangten aber strikt, dass Katharina heiratet. Für Katharina begann nun stufenweise ein Kampf um ihre Persönlichkeitsrechte als Frau. In ihrer Not griff sie zur Schere und schnitt sich die langen Haare ab. Ein geistlicher Cousin hatte ihr zu dieser Strategie geraten, weil kein Mann sie ohne Haare nehmen werde. Ganz gehässig wurde sie danach von den Brüdern beschimpft: «Du frecher Fratz, glaubst du, jetzt müsstest du uns nicht mehr gehorchen, weil du deine Haare abgeschnitten hast? Warte nur, die wachsen nach, mag's dir gefallen oder nicht, und wenn du stirbst dabei: du wirst heiraten»1 (S.52). Dieser gehässige Ton und die Vorstellung, eine Frau könnte an den ehelichen Verpflichtungen sogar sterben, ist ein Hinweis auf die damalige Situation in der Ehe, die gemäss Auffassung der Kirche der Frau zur Busse für Evas «Sünde» auferlegt worden sei.

8 Sexuelle Unversehrtheit

Dass Katharina zudem befürchtete, sie könnte ihre «Reinheit» verlieren, muss im damaligen Kontext als Angst vor sexueller Vergewaltigung verstanden werden und nicht als Ausdruck von Leibfeindlichkeit. Als vergewaltigte und «geschändete» Frau hätte sie nach damaliger Sitte den Vergewaltiger heiraten müssen. Kein Kloster, damals die einzige Alternative und Rettungsinsel für heiratsunwillige Frauen, wäre ferner bereit gewesen, eine «unrein» gewordene Frau aufzunehmen. Katharina hatte also allen Grund, sich um ihre sexuelle Unversehrtheit Sorgen zu machen.

9 Wütende Drohung der Brüder

Was Männer unter dem Begriff: Ehe und «Liebe» von Frauen erwarten, war schon der jungen Katharina bekannt. Ihr war klar, was die wütende Drohung ihrer älteren Brüder beinhaltet, sie würden sie gegen ihren Willen verheiraten, auch wenn sie daran sterben sollte. Der Bürgerlichkeitsphilosoph Rousseau3 riet fünfhundert Jahre später den Männern schamlos, die Mädchenerziehung sollte ganz auf den Mann ausgerichtet sein: «Den Männern zu gefallen und ihnen das Leben möglichst leicht und angenehm zu machen, das ist die Aufgabe der Frauen zu allen Zeiten und das sollten sie in ihrer Jugend gelehrt werden.» Das war die Zumutung, auf die Katharina zunächst mit Verweigerung reagierte, um später den Männern eine ganz andere Sicht von «Liebe», entgegenzuhalten. Es sei «Sünde», sagt sie sinngemäss, sich selber zu schädigen, um anderen zu nützen. Und es sei Sünde, von der Frau zu verlangen, ihr «Selbst» und ihre eigene Entwicklung aufzugeben4 (S.19).

10 Lehrtätigkeit ein Gebot der Liebe

Die später von der katholischen Kirche heilig gesprochene und zur Kirchenlehrerin erhobene Katharina von Siena übte trotz allen Hindernissen eine eigentliche Lehrtätigkeit aus. Und sie verteidigte ihre Lehren, sie seien direkte göttliche Eingebung und nicht ihr eigenes Werk. Dabei ist zu erinnern, dass Frauen weder eigene Gedanken formulieren noch lehrend tätig sein durften. Ganz eigenständig und ungewohnt ist Katharinas Stellungnahme zur christlichen Nächstenliebe. Unter «Nächstenliebe» versteht sie nicht primär den Dienst an armen, gebrechlichen, kranken Menschen. Auch nicht den häuslichen Dienst. Sondern die Unterweisung der «Knechte», also den Unterricht, die Lehrtätigkeit. Die Lehrtätigkeit wiederum nennt sie ein «Gebot der Liebe», weil sie dem Nächsten den «schuldigen Anteil an Unterweisung» erteile4 (S.15). Die Unterweisung, die Lehrtätigkeit rückte Katharina sogar in den Stand einer Tugend» und sie nimmt somit die Lehrtätigkeit wie selbstverständlich auch für Frauen in Anspruch. Die geistig schaffende Frau wäre demzufolge die eigentlich tugendhafte Frau und keineswegs die dienstbare Ehefrau und Hausfrau. Die echte Nächstenliebe wäre also Dienst an der Seele, an Selbstwerdung und Individuation.

11 Selbsterkenntnis kommt vor Liebe

Katharina stellt Selbsterkenntnis und Urteilsfähigkeit vor Liebe4 (S.19). Damit setzt sie neue Prioritäten für das weibliche Geschlecht. Erkenntnisfähigkeit und  Urteilsfähigkeit seien nötig zur Unterscheidung der richtigen von der falschen Liebe. Dies im Unterschied zu jenen Tiefen-Psychologen, die gern mit dem Vorwurf operieren, Frauen würden ihre «Weiblichkeit» ablehnen oder seien «animusbesessen», wenn sie nach Erkenntnis und Studium hungern. Fast alle Männer hätten Katharinas Belehrung nötig über das richtige Lieben, denn sie bringen ständig die Begriffe durcheinander, wenn es um ihre Vorteile und Bequemlichkeit geht. Katharinas Lehre, dass Selbsterkenntnis Voraussetzung sei für Erkenntnis überhaupt, ist heute in der Psychologie allgemein anerkannt.

12 Dienstbarkeit als Sünde

Nach Katharina gibt es eine Dienstbarkeit und eine Liebe, die «unerlaubt», schuldhaft und «Sünde», ist. Der richtige Umgang mit Menschen ist ihrer Meinung nach die «massvolle, geordnete Nächstenliebe, die sich nicht selbst durch Schuld schädigt, um anderen zu nützen»4 (S.19-20). Sie verdeutlicht diese Sicht mit dem weiteren Hinweis: Die «unbegrenzte, bedingungslose Liebe» sei nur Gott gegenüber am Platz, «dem Nächsten aber wendet sie sich in massvoller und geordneter Liebe zu».

13 Liebe muss bei sich selbst beginnen

Um diese Erkenntnis abzustützen, beruft sich Katharina auf den Apostel Paulus: «Dazu ermahnt euch der heilige Paulus, durch sein Wort, dass die Liebe zuerst bei sich beginnen muss, weil sie sonst anderen nicht in vollem Masse nützlich sein kann. Wahre Nächstenliebe sieht dies ein und trägt das Licht heiliger Unterscheidung stets in sich»4 (S.19-20). Heute warnen Christa Mulack und andere Frauen vor der grenzenlosen Liebe. Die Liebe, die bei sich selbst beginnen muss, bedeutet Suche nach Erkenntnis, Selbsterkenntnis, Identität und Individuation, auch bei Frauen.

14 Lebensvolle weibliche Symbolik

Was an Katharina von Siena fasziniert, ist ihre absolute Treue zu sich selbst, ihr Anspruch auf die «Echtheit der Gefühle»5 (Alice Miller), ihr Beharren auf ihre intakten Orientierungsgefühle6 (Agnes Heller). Katharina spricht aus ihrem echten Selbst heraus und aus ihrer Position als Frau. Sie hatte ferner die Kühnheit, ihre frauenspezifischen Erkenntnisse zu verallgemeinern. In ihrer Lehre verwendet Katharina häufig Bilder und Metaphern, die der mütterlich weiblichen Sphäre entstammen, zum Beispiel das Brustnähren und Genährt-werden. Sie sieht die Seele ganz lebensvoll und in Analogie mit ihrer eigenen Erfahrung, «wo sie (die Seele) die Milch geniesst». Die Tugend der Demut bezeichnet sie als «Amme und Nährmutter» der Liebe. Die Kirchendiener versteht sie als Männer, «die sich an der Brust aufhalten» und genährt werden, wie «das Kindlein, das still im Arm der Mutter ruht, mit der Brust der Mutter an den Lippen»4 (S.120).

15 Milch anstatt Blut

Katharina übernimmt zwar die in ihrer Zeit üblichen Metaphern, beispielsweise das Bild vom «Blut Christi», aber nur, um das Bild umzudeuten. Diesen Sachverhalt haben die männlichen Theologen geflissentlich übersehen. Katharina empfand offensichtlich Widerwillen gegen blutige Metaphern, wie das Trinken von Christi Blut. In der Beschreibung von der Liebe Christi beschwört sie die Seligkeit des die Milch geniessenden Kindes an der Mutterbrust. Die Vorstellung aber, dass ein Mensch das Blut eines anderen Menschen «geniessen» würde, löst Widerwillen und Entsetzen aus, lässt an blutsaugende Vampire und Sadisten denken. Während Blut aus einer Verletzung stammt und mit Schmerzen verbunden ist, entstammt die Milch einem starken und gesunden Leib. Das Spenden der Milch löst in der Schenkenden ferner orgasmische Lustgefühle aus, nicht Schmerz. Die brustgenährte Katharina kannte den Vorgang von der Seite des geniessenden Kindes und vom glücklichen Gesichtsausdruck ihrer spendenden Mutter. Katharina sieht Christus gewissermassen als weibliche Person mit Brüsten: Die Gläubigen und die Priester nähren sich an dessen «Brüsten» mit der glorreichen «Milch». Jesus ist für sie auch die «stillende Amme», die, weil sie gross und stark ist, «das Bittere auf sich nimmt, was das Kindlein nicht ertragen kann. So hat er sich zur Amme gemacht». Der Mann Jesus wird verglichen mit einer vitalen und aus ihrem Reichtum spendenden Frau. Die Stärke einer Frau hatte Katharina an ihrer eigenen Mutter erfahren. Sie beschreibt im Grunde auch die milchspendende «Grosse Mutter» der menschlichen Frühzeit, die ebenso wie Jesus aus ihrer lebendigen Fülle schenkt.

16 Kein strafender Gott

Bemerkenswert ist Katharinas Haltung betreffend der katholischen Lehre vom strafenden Gott. Gott schickt weder Leiden noch Schmerzen zur Strafe. Auf der anderen Seite erkennt Katharina aber auch die psychologische Wirkung von Leiden und Schmerzen, die oft seelisches Wachstum auslösen und bewirken können. Sie selbst machte die «Erfahrung», dass nichts ihre Kräfte so stark von innen heraus zu erneuern vermochte, wie Leiden und Schmerzen. Ihre harte Askese erklärte sie aus ihrem intensiven Erkenntnisdrang. Zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen haben Menschen tatsächlich die Erfahrung gemacht, dass Askese psychische Tiefenschichten eröffnet und wesentlichen Erfahrungen zum Durchbruch verhilft. Heute wird solche Erfahrung oft auf dem fragwürdigen Weg von Drogen und sexuellen Praktiken gesucht, mit ebenso fragwürdigen Erfolgen. Für Katharina hatte die Askese eine doppelte Funktion: Zunächst stand die Askese im Dienst des Widerstandes, um dem Zwang zur Ehe zu entgehen. In der Folge machte Katharina aber die Erfahrung, dass die Askese tiefere Seelenschichten zu öffnen vermag und dass sie in Verbindung mit ihrer inneren Geistkraft kommen konnte. Eines Tages vernahm sie von einer inneren Stimme die erklärenden Worte: «Du verlangtest, die Sünden anderer zu tragen und zu sühnen und hast nicht bemerkt, dass Du damit Liebe, Licht und Erkenntnis der Wahrheit erbatest»4 (S.9). Diese Erklärung sagt über Katharinas Leben und Motivation alles aus: Sie war geleitet von ihrer Sehnsucht nach Liebe, Licht und Erkenntnis, und sie liess nicht davon ab, obgleich sie einen sehr hohen Preis dafür zu bezahlen hatte.

17 Kritik am Theologen H.U. Balthasar

In seinem Buch «Herrlichkeit», das rund tausend Seiten umfasst, handelt H.U.Balthasar7 (S. 446-452) die Kirchenlehrerin Katharina von Siena auf sieben Seiten ab, und er tut dies erst noch falsch. Ihre Erkenntnisse und klaren Aussagen nimmt der Theologe nicht zur Kenntnis. Für ihre bedeutenden und wundervollen Umdeutungen gängiger katholischer Bilder und Metaphern hat er kein Musikgehör. Entsprechend deutet er Katharinas Leben und Lehre absolut willkürlich und unrichtig als ein Selbstangebot der Verfügbarkeit, reinen Gehorsams und des entsprechenden Gebrauchtwerdens in der Welt. Seiner Meinung nach hat sie «ihrem eigenen Willen entsagt», und sie will nichts anderes, als dass sich Gott in ihrem «Herzen auslegt, als eines dreifaltigen Vaters». Zur Erklärung seiner verkehrten Sichtweise verweist er auf „Gott im gekreuzigten Sohne, durch den es möglich werde, „seinen Nächsten unendlich zu lieben“, während Katharina im Gegenteil ausdrücklich warnt vor einer derartigen blinden Nächstenliebe. Balthasar fügt hinzu, dies sei aber „weil Nachfolge ins Kreuz“  wesenhaft auch gedemütigte, der Schmach, dem Spott, der Verfolgung ausgesetzte Liebe“. Mit dieser fürchterlichen Erklärung wird die lichtvolle Lehre und Haltung von Katharina nicht nur entstellt, sondern in ihr Gegenteil verkehrt. Diese Verkehrung ins Gegenteil ist zweifellos Absicht, um die Kirchenlehrerin für die katholische Kirche brauchbar zu machen.

18 Kein Selbstangebot der Verfügbarkeit

Die Sicht von Balthasars ist tendenziös, abstossend und falsch. Niemals hat Katharina - im Sinne von Balthasar zugunsten der Welt ihrem eigenen Willen entsagt. Niemals hat sie ein «Selbstangebot der Verfügbarkeit» gemacht, und niemals hat sie ein Wort für das «entsprechende Gebrauchtwerden» in der Welt gesprochen. Bei Balthasar bekommen die Begriffe «Gehorsam» und «Liebe» im Zusammenhang mit Katharina eine widerwärtige Note von serviler Unterwürfigkeit. Das Wesentliche wird von ihm entweder nicht wahrgenommen oder unterschlagen. Unterschlagen wird Katharinas Anspruch auf «Ebenbildlichkeit Gottes», auf  ihren Anspruch auf Macht, Gedächtnis, Verstand, Weisheit, Güte, Würde, Wille. Unterschlagen wird Katharinas Lehre, dass Selbsterkenntnis, Erkenntnis und Urteilsfähigkeit der Liebe im Sinne von Caritas vorausgehen müssen. Ins Gegenteil verkehrt wird schliesslich auch Katharinas Warnung vor zu viel Dienstbarkeit. Wie total Balthasar Katharinas Perspektive umkehrt, zeigt folgendes: «Mit Gott im gekreuzigten Sohne wird es dem Menschen möglich, auch seinen Nächsten unendlich zu lieben, da er sich dem Werk Gottes in Christo unendlich und grenzenlos zur Verfügung stellen kann. Diese Liebe ist Kern aller Früchte und Werke, die der Mensch vollbringen kann. Sie ist aber, weil Nachfolge ins Kreuz, darum wesenhaft auch gedemütigte, der Schmach, dem Spott, der Verfolgung ausgesetzte Liebe»7. Und er fügt herablassend hinzu, dass Katarina hier mit „einfältiger Geradlinigkeit“ denke (S.450). Damit zeigt es sich in aller Deutlichkeit, dass der Theologe nicht willens ist, Katharinas tiefgründige Erfahrungen und Erkenntnisse wahrzunehmen und zu vermitteln. Es macht zornig zu sehen, wie ein angesehener männlicher Theologe sich herausnimmt, Katharinas lichtvolle Lehre zu verfälschen und gar ins Gegenteil zu verkehren.

19 Gedemütigte Liebe

Es passt ganz ins patriarchale Weltbild von Balthasar, dass weibliche Liebe «gedemütigte, der Schmach, dem Spott, der Verfolgung ausgesetzte Liebe» zu sein habe. Angesichts des Gesagten ist es auch nicht überraschend, dass Balthasar sich öffentlich und ganz vehement gegen die politische Gleichberechtigung der Frau ausgesprochen hatte. In diesem Licht erscheint seine Verfälschung von Katharinas Lehre als perfide Absicht und gegen die Frau von heute gerichtet. Zu vermerken ist noch, dass Balthasar, als er bereits todkrank war, vom Papst (Johannes Paul II.) zum Kardinal ernannt wurde. Dies zweifellos in der Absicht, dessen patriarchaler Sichtweise grössere Geltung zu verschaffen, auch bezüglich des Status der Frau, die er als eine dem Manne untergeordnete sieht. Dieses päpstliche Vorgehen ist für uns Frauen ein Lehrstück. Sie zeigt, an welchen Theologen der damalige Vatikan (1984) interessiert war.

20 Zum Schluss

Katharinas Leben und Lehren sagen sehr viel über ihr Selbstverständnis als Frau aus. Ihre Auffassungen über die Frau sind fast identisch mit unserer feministischen Sichtweise. Sie pocht auf Gleichrangigkeit der Geschlechter und auf ein selbstbestimmtes Leben für Frauen. Sie pocht auf Anerkennung und Verallgemeinerung weiblicher Erfahrung sowie Anrecht auf Studium, Predigt- und Lehrtätigkeit. Ferner hat für sie die Treue zu sich selbst Vorrang - vor der Treue zum Mann. Selbstfindung und Individuation kommt vor Nächstenliebe und vor karitativer Tätigkeit. Sie wählt bewusst ein Leben in Frauengemeinschaften, benützt weibliche Bilder für Aussagen über das Göttliche. Sie macht Anspruch auf den direkten Zugang zum Göttlichen ohne männliche Vermittlung und erteilt eine Absage an die Geschlechterideologie. Sie beharrt als Frau auf der  «Ebenbildlichkeit Gottes» mit entsprechenden Anteilen an allen Fähigkeiten, die Männer allein für sich in Anspruch nahmen: Macht, Weisheit, Verstand, Gedächtnis, Würde, Liebe, Güte. - Mit diesen Ansprüchen setzt die Kirchenlehrerin eine starke Position für uns Frauen. Katharina von Siena ist unübersehbar eine Vorläuferin, Vordenkerin und Vorkämpferin der feministischen Bewegung, der feministischen Wissenschaft und Theologie. Ihr Leben und  Werk wartet darauf, von Frauen entdeckt, ausgelotet, gewürdigt und tradiert zu werden.

21 Quellen

1)De Capua, Raimond in: Nigg, Walter (Hrsg.): Katharina von Siena. Olten 1965, BN 1119

2)Mulack, Christa: Natürlich weiblich. Die Heimatlosigkeit der Frau im Patriarchat. Zürich 1993

3)Rousseau, Jean-Jacques: Emile oder von der Erziehung, München 1979

4)Caterina von Siena: Gespräch von Gottes Vorsehung, Johannes Verlag Einsiedeln, 1964, BN 1120

5)Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes, Frankfurt a.M. 1979, BN 113

6)Heller, Agnes: Theorie der Gefühle. Hamburg 1981, BN 931
7)Balthasar, Hans Urs, von: Herrlichkeit. Einsiedeln 1965, BN 629

8)Wulfing von Rohr und Diane von  Weltzien: Das grosse Buch der Mystik, Goldmannverlag 1993

 

H.U. Balthasar  nach Wikipedia

Durch seine Vortragstätigkeit und in seinen zahlreichen Veröffentlichungen erschloss er insbesondere das patristische Erbe neu für die Theologie und den christlichen Glauben. Aufgrund seiner Verdienste wurde er von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt, er starb jedoch zwei Tage vor der Übergabe des Kardinalsbiretts.