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344.2 – Luisa Muraro - Die symbolische Ordnung der Mutter  

1 Sprache und Erfahrung zusammenhalten

Die symbolische Ordnung, um die es der Philosophin Luisa Muraro geht, ist die symbolische Ordnung, die die  Muttersprache zu schaffen vermag - das heisst «die in der frühen Beziehung zur Mutter erlernte Fähigkeit, Körper und Worte, Erfahrung und Sprache zusammenzuhalten». Dies sei «eine revolutionäre Ordnung, denn die Mutter-Tochter-Beziehung ist in der patriarchalen Ordnung ausgelöscht. Wenn wir es lernen, sie als Erwachsene zu praktizieren, und anstelle von Ablehnung Dankbarkeit gegenüber der Mutter und den Frauen empfinden, die ihr Werk fortsetzen, dann beginnt weibliche Erfahrung sagbar zu werden. Andernfalls muss sie sich den männlichen Normen und der männlichen Macht anpassen». (Luisa Muraro: Die symbolische Ordnung der Mutter, erweiterte Neuauflage 2006, S.7).

2 Verhandlung mit Mutter und anderen Frauen

Es geht um die Schaffung einer weiblichen Genealogie, die ihre Stärke dadurch gewinnt, dass sie die Verhandlung mit der Mutter und mit anderen Frauen in Situationen der Ungleichheit und Konflikten gestattet (8).

3 Eher sprachliche Vermittlung als Gesetze

Im Zentrum von Luisa  Muraro «steht nicht die Mütterlichkeit als ethische oder psychologische Qualität, sondern die Beziehung zur Mutter als symbolische Form, die ihrerseits soziale Formen hervorbringt, die eher durch sprachliche Vermittlung als durch Gesetze gekennzeichnet sind» (8).

4 Nähe zwischen Körper und Sprache

Es geht um eine «Ordnung der Nähe zwischen Körper und Sprache, Erfahrung und Sagbarkeit, welche die metaphorische Ordnung der Abstraktion stolpern lässt und nicht imitiert» (9)

5 Privileg: dasselbe Geschlecht wie Mutter

Für Muraro ist es ein «Privileg, mit demselben Geschlecht wie meine Mutter geboren zu sein»  (10).

6 Kreativität ohne Vater

Der Vater kommt bei Muraro fast nicht vor, «weil ich in mir keine Vaterfigur gefunden habe, die der Mutterfigur bezüglich der symbolischen Stärke gleichkäme. Ich glaube, ich gehöre zu jener Kategorie von Männern und Frauen, die eine gewisse Kreativität entwickeln, wenn sie die Vaterfigur ignorieren» (10).

7 Liebe zum Vater

Es stimme, es gebe eine weibliche Liebe zum Vater. Aber alles, was sich über diese Feststellung hinaus sagen lässt, gehöre  zur patriarchalen Ordnung (11).

8 Liebe zur Mutter

«Allerdings wissen wir, dass eine Frau, die die Liebe des Vaters gegen die Mutter ausspielt, verloren ist» (11).

9 Frausein unter Gesetz des Vater

«Wir dürfen nicht vergessen, dass das Frausein unter dem Gesetz des Vaters keinen eigenen Sinn hatte, sondern nur die Funktion, dem Manne Kinder zu gebären. Das hat bereits Augustinus deutlich formuliert, und es wurde durch die Weitergabe des väterlichen Namens an die Kinder  weiter bestätigt. Jenseits dieser Funktion verloren die Frauen entweder ihren Wert oder sie verloren ihre Differenz, um den Männern angeglichen zu werden» (11).

10 Symbolische Unabhängigkeit von gegebener Realität

 Muraro wurde von der Philosophie angezogen, «weil ich die symbolische Unabhängigkeit von der gegebenen Realität suchte. Ich wollte mich geistig nicht mehr der Gewalt zufälliger und unerwarteter Ereignisse ausgesetzt sehen. Aber es gelang mir nicht, zu diesem Punkt zu gelangen, denn die Philosophie, die mich von der launenhaften Herrschaft des Realen in Sicherheit bringen konnte, ... brachte mich gleichzeitig gegen meine Mutter auf, deren Werk ich implizit als schlecht beurteilte. Ich wollte an den Ursprung der Dinge gehen, um zu verstehen, um mich zu verstehen, und stattdessen wandte ich mich gegen meine Mutter» (27).

11 Ausweg durch Politik der Frauen

Den Ausweg fand Muraro jedoch nicht durch die Philosophie, sondern durch die Politik der Frauen (28).

12 Symbolische mütterliche Potenz

Durch die Politik der Frauen habe Muraro gelernt, dass eine Frau für ihre freie Existenz auf symbolische Weise die mütterliche Potenz braucht, so wie sie sie materiell brauchte, um zur Welt zu kommen. Und dass sie sie völlig auf ihrer Seite haben kann, wenn sie dafür Liebe und Dankbarkeit gibt (28).

13 Zeichen der Rivalität mit Werk und Autorität der Mutter

Die Geschichte der Philosophie und Kultur, «von der sie ein Teil ist, weist auf Zeichen der Rivalität mit dem Werk und der Autorität der Mutter». Muraro verweist auf die Erzählung Platons, die forma mentis, die eine deutliche Metapher für eine zweite Geburt sei. Durch die politische Konzeption des Guten und Wahren  ersetze er jene andere symbolische Ordnung, die er das Reich des Werdens nennt und die er als in ihrem Inneren ungerecht und trügerisch darstelle. Die Operation bestehe in der Übertragung der Eigenschaften der Macht und des Werkes der Mutter auf die kulturelle Produktion (wie die Wissenschaft, das Recht, die Religion). Dabei werde die Mutter ausgeplündert und auf eine matte und  formlose Natur reduziert, über welche sich das (wissende, gesetzgebende, gläubige) Subjekt erheben müsse, um sie zu beherrschen (29).  

14 Muttermord

Vielleicht stehe, wie Luce Irigaray lehrt, am Ursprung unserer Kultur nicht der Vatermord, von dem Freud in Anlehnung an Sophokles‘s Oedipus spricht, sondern der Muttermord, wie es die Orestie des Aeschylos nahe legt. Das Volk der Männer habe aus seinem Geschlecht ein Werkzeug zur Beherrschung der mütterlichen Macht gemacht (30).

15 Komplizenschaft

Zwischen dem Patriarchat und der Entwicklung der Philosophie besteht nach Muraro eine Komplizenschaft, deren sich Muraro früher nicht bewusst gewesen sei. Und sie sehe jetzt, dass auch die Kosmologien der Philosophen politische Abhandlung sind (30).

16 Philosophische Unterweisung

Platon habe jedoch präzisiert, dass die Frauen nicht von politischen Aufgaben ausgeschlossen werden sollten und folglich auch nicht von der philosophischen Unterweisung, die für die Regierenden unerlässlich ist. Und er füge wie auch bei den Männern hinzu: «natürlich soweit ihre Anlage sie dazu befähigt» (31).

17 Schlechter  Gebrauch von Philosophie

Muraro grenzt ein: «Wenn ich mir die Werke der grossen Philosophen ansehe, dann glaube ich beinahe, dass das Problem sich wirklich darauf reduziert, dass manche Leute, denen die Eignung  dazu fehlt, einen schlechten  Gebrauch von der Philosophie machen. Die Philosophen sprechen nämlich so wunderschön, sie tauchen in die grössten Tiefen des Zweifelns ein (das Bild stammt von Descartes), ohne darin zu ertrinken, und wenige Seiten später ... tauchen sie erfrischt und  erneuert wieder auf; sie entwerfen und verwirklichen ausgedehnte und radikale Deskonstruktionen, wobei nichts verschont bleibt, doch die Sprache steht ihnen hilfreich zur Seite; mit sicherem Kriterium wählen und sortieren sie unter den Gegebenheiten ihres historischen Kontextes aus; sie lösen sich von der gegebenen Wirklichkeit, ohne den Kontakt zu ihr zu verlieren, wie auch von der Tradition, nicht aber von deren Nahrung ..., und in alledem machen sie deutlich, dass die ihr Recht einklagenden Gespenster der mütterlichen Macht sie nicht einmal flüchtig gestreift haben, nachdem sie sie imitiert und ausgeplündert haben»  (31-32).

18 Vertrautheit mit der Schöpferin des Lebens

Muraro fährt fort: «Tatsächlich zeigen diese Männer aber im Gebrauch der Sprache, wie auch in ihrer Beziehung zum Denken vor ihnen und zur gegenwärtigen Wirklichkeit, eine Fähigkeit zur symbolischen Verknüpfung, die mir fehlte, .... und von der ich heute weiss, dass sie sie nur durch die Vertrautheit mit der Schöpferin des Lebens erworben haben können. Sie zeigen, dass sie in engem Kontakt mit ihr standen und ihre Kunst gelernt haben. – Aber das lehren sie uns nicht» (32).

19 Historisches Privileg

Muraro wiederholt: «Die Fähigkeit zur symbolischen Verknüpfung, die die Philosophen in der Beziehung zur Mutter erworben haben, lehren sie uns nicht, und vielleicht können sie sie gar nicht lehren. Sie ist ihnen dank eines historischen Privilegs zugefallen, von dem sie zu glauben scheinen, es sei ein Geschenk des Himmels oder aber eine natürliche Gabe. Die patriarchale Gesellschaft, in der die Philosophie sich entwickelt hat, pflegt die Liebe zwischen Mutter und Sohn und als ihr kostbarstes Gut. Dies ist der Herd, in dem die grossen Leidenschaften glimmen, die Brauküche für ihre Heldentaten, die Werkstatt des Gesetzes. Alles scheint dort seinen Anfang zu nehmen. Wenn es etwas gibt, um das ich die Männer beneide (und wie sollte man sie nicht darum beneiden), ist diese Kultur der Mutterliebe, in der sie aufgezogen wurden. Sie ist das praktische Fundament, der lebende Keim, aus dem sich die philosophischen Diskurse entwickeln» (32-33).

20 Die Philosophen lieben eine stumme Mutter

«Aber darüber legen die Philosophen keine Rechenschaft ab. Sie ignorieren das historische Privileg der Söhne und decken mit ideellen Fundamenten den Ursprung ihres Wissens zu. Sie lieben eine stumme Mutter, deren Werk sie als ein Bild und als eine Annäherung an das eigene Werk präsentieren, und stellen so die Ordnung der Dinge auf den Kopf» (33).

21 Die Notwendigkeit  wird meine Lehrerin sein

«Ich bin in einer Kultur geboren, in der die Frauen nicht in der Liebe zur Mutter unterwiesen werden. Und doch ist dies das wichtigste Können, ohne das es schwierig ist, den Rest zu lernen und in irgendetwas originell zu sein ... Unversehens wird mir klar, dass der Anfang, nach dem ich suchte, vor mir liegt: Es ist die Fähigkeit, die Mutter zu lieben. – Aber wie werde ich es lernen? Wer wird mich unterweisen?»  Die Antwort  sei einfach: «Die Notwendigkeit, in der ich mich befinde, wird meine Lehrerin sein, und sie ist so gross und so meisterhaft, dass ich bereits etwas gelernt habe. Ich weiss bereits, was dieses Die-Mutter-lieben-Können ist, und ich entdecke, dass es seit jeher in mir war und dass es mir immer beistand bei meiner Suche nach der Ordnung, die mir symbolische Unabhängigkeit geben könnte» (33).

22 Offene Wunde, die nicht heilt

Nach Freud ist die anfängliche Liebe des Kindes zur Mutter, die er Mutterbindung nennt, sehr stark, aber dazu bestimmt, sich fast immer in Hass zu verwandeln: Die Existenz jener Liebe sei deutlich, sage er, aber sie dauere nicht an, weil die Tochter sich von der Mutter abwenden müsse und «die Abwendung von der Mutter geschieht im Zeichen der Feindseligkeit, die Mutterbindung geht in Hass aus». Im Gegensatz dazu sagt Muraro: «In Wirklichkeit gibt es keine Verwandlung der Liebe in Hass, sondern nur eine mangelnde Fähigkeit zu lieben, - ein Mangel, an dem sich die anfängliche Zuneigung verletzt und zu einer offenen Wunde wird, die nicht heilt» (34).

23 Nicht alles schlecht, was gelernt

Jetzt sei aber etwas geschehen, sagt Muraro. «Ich sehe nun, dass nicht alles schlecht ist, was ich gelernt habe»  und dass ihr dies nützen könne. Dies stehe in «klarem Widerspruch zu einer recht typischen Auffassung des Feminismus», die von ihr (früher) geteilt und vielleicht verfochten wurde, nämlich die Auffassung, dass wir sozusagen von der männlichen Kultur überflutet und kolonisiert wurden, und dass wir uns deshalb von ihr befreien müssen, in einem Prozess, der unweigerlich lang, mühsam und nicht kampflos sein» werde (36).

24 Patriarchale Seins- und Denkweise  entkrusten

In Wirklichkeit laufe es aber nicht so. In dem Moment, als sie begriffen habe, dass der logische Anfang darin liegt, dass sie lerne, die Mutter zu lieben, komme ihr das, was sie vorher gelernt habe, wieder zugute, und sie brauche keine Kraftakte zu unternehmen, um sich von der durch die patriarchale Kultur auferlegten Seins- und Denkweise zu entkrusten. Diese überraschende Leichtigkeit erkläre sich daraus, weil sie lediglich das zu verlernen brauche, das zu lernen ihr nie gelungen sei (37). 

25 Aussage der Frauenbewegung

Muraro erkennt und behauptet, dass das «Die-Mutter-lieben-können symbolische Ordnung schafft». Das ist «meiner Meinung nach ... die Aussage der Frauenbewegung seit dem Ende der sechziger Jahre. Sie ist Sinn und Mass der Politik der Frauen. Der Feminismus hat eine gründliche Kritik des Patriarchats und der vielen philosophischen, religiösen, literarischen u.a. Komplizenschaften, die sein Herrschaftssystem stützten, geleistet. Aber diese Arbeit der Kritik, so weitreichend und sorgfältig sie auch war, wird in ein oder zwei Generationen ausgelöscht sein, wenn sie nicht ihre positive Aussage findet. Nur diese kann der Gesellschaft, insbesondere den Frauen, die symbolische Macht zurückgeben, die die weibliche Beziehung zur Mutter in sich birgt, die von der Herrschaft der Männer neutralisiert ist» (40-41).

26 Weibliche Grösse zum Ausdruck bringen

«Aus der Kritik des Patriarchats habe ich Selbst-Bewusstsein gewonnen, nicht aber die Fähigkeit, die weibliche Grösse frei zum Ausdruck zu bringen, die ich in den ersten Lebensmonaten in der Person meiner Mutter gefunden und voll  und ganz erkannt hatte, und die ich dann betrüblicherweise aus den Augen verlor und fast verleugnet habe» (41).

27 Leidenschaftliche Kräfte mit Tätigkeit des Geistes in Kreislauf bringen

Das Lieben-Können sei «ein anderer Weg als das Verlangen nach Wissen, denn im letzteren werden die Kräfte der Leidenschaft auf das Ziel der Erkenntnis gelenkt – das im Übrigen als unerreichbar gilt – während das Lieben-Können die leidenschaftlichen Kräfte mit der Tätigkeit des Geistes in einen gemeinsamen Kreislauf bringt». Es geht Muraro darum, «der ursprünglichen Positivität des Seins Gehör zu schenken und so Rechenschaft darüber abzulegen, dass diese stärker ist als die intellektuellen Vermittlungen». Diese Fähigkeit bringt Muraro mit der mütterlichen Potenz in Zusammenhang (43).

28 Die Autorität, das, was ist, zu sagen

Die Auffassung vom Sein, das seinen Ursprung und seine Bestimmung im Nichts hat, dieser für die moderne Kultur typische Nihilismus, sei eine  falsche Lösung für das von der Erfahrung des Werdens gestellte Problem. «Allerdings ist auch der Nihilismus, der die Fiktion an die Stelle des Seins stellt, die falsche Lösung des wahren Problems, das durch das Fehlen einer symbolischen Autorität entsteht, der Autorität also, das, was ist, zu sagen. Die Sprache besitzt diese Autorität und wir eignen sie uns an, indem wir sprechen lernen» (56).

29 Alte Mutterbindung ins Leben als Erwachsene übersetzen

Nach Muraro müssen wir die alte Mutterbindung in unser Leben als Erwachsene übersetzen, um sie dort als Prinzip symbolischer Autorität wieder aufleben zu lassen (57).

30 Bedeutung der Kindheitserfahrungen

«Fast alle sind der Meinung, auch ich gehöre dazu, dass die Erfahrung der ersten Monate und Jahre unseres Lebens in der Beziehung zur Mutter die bei weitem wichtigsten Erfahrungen sind, die wir im Leben  machen. – Der starken und allgemein anerkannten Überzeugung von der Bedeutung der Kindheitserfahrungen steht die Tatsache gegenüber, dass wir sie nicht zu nutzen wissen. Wir sind in der Lage, sie zu erforschen, aber nicht, uns ihrer zu bedienen, sie uns wirklich in Verbindung oder in Interaktion mit anderen Erfahrungen zu eigen zu machen, sie in ein nützliches Wissen zu verwandeln, das der Bedeutung, die wir diesen Erfahrungen geben, angemessen ist» (58-59).

31 Kritik an Winnicott

Am Psychiater  D.W. Winnicott kritisiert Muraro, er entwickle zwar eine gute Philosophie, vergesse sie dann aber wieder, wobei er auf den Trümmern der guten Philosophie eine nihilistische Auffassung entwickle, gemäss der es «keinen direkten Kontakt zwischen der äusseren Realität und mir selbst gibt, sondern nur eine Illusion des Kontakts» (60-62).

32 Schöpferische Beziehung zum Sein-Sein

Auch nach Muraro handelt es sich in der primären Erfahrung nicht eigentlich um eine Beziehung zwischen zwei Personen. «Aber es ist eine dynamische, nicht tautologische oder selbstreflexive Beziehung ..., die im Sinne des Teil-Seins korrekt erfasst werden» könne. Das Teil-Sein könne sich unter bestimmten Bedingungen in eine schöpferische Beziehung zum Sein-Sein setzen. - Es sei die «Erfahrung des authentischen Sinns des Seins» (63).  

33 Ein Leben des Horchens auf Stimmen

«Das Leben, das wir führen, bevor wir sprechen können, muss als ein Leben angesehen werden, das wir durchlaufen, um sprechen zu lernen. – Das  Leben im Uterus schliesslich müssen wir uns als ein Leben des Horchens auf Stimmen vorstellen, ein Horchen vor allem auf die Stimme der Mutter». Aber man brauche «keine spezielle Kompetenz, um zu wissen, dass eine schwangere Frau, nachdem sie die Schwangerschaft akzeptiert hat, als erstes an ihr Geschöpf denkt» (65). 

34 Eine dauerhafte und wahre Sicht der Realität

Die primäre Beziehung zur Mutter liefert uns eine dauerhafte und wahre Sicht der Realität (wahr nicht im Sinne der metaphysischen oder logischen) Wahrheit), die das Sein nicht vom Denken trennt und aus dem gegenseitigen Interesse von Sein und Sprache erwächst. Wir lernen das Sprechen von der Mutter, und diese Aussage definiert, wer die Mutter ist/was Sprache ist» (69).

35 Frühkindliche Abhängigkeit von der Mutter

«Die frühkindliche Abhängigkeit von der Mutter als Gegenstand der Verachtung»  genüge zwar, «um eine symbolische Unabhängigkeit herzustellen, die für den Erhalt des Bestehenden ausreicht, nicht aber für dessen Veränderung, wie auch die 68er-Ereignisse zu denken nahe legen». Wer das Bestehende verändern will, muss sprechen können, «und das Sprechen lernen wir – ich wiederhole es – von der Mutter» (70).

36 Symbolische Prädisposition der Mutter

Für Muraro ist es eine wunderbare Tatsache, «dass eine biologische Mutter durch andere Personen ersetzt werden kann, ohne dass die Beziehung zwischen ihr und ihrem Geschöpf die grundlegenden Kennzeichen verliert». – Muraro erkennt darin «die symbolische Prädisposition der Mutter, sich sozusagen durch andere ersetzen zu lassen, ohne Schaden zu erleiden oder ohne schweren Schaden für das Werk der Welt-Schöpfung, das sie gemeinsam mit ihren Kreaturen unternimmt». 

37 Struktur des mütterlichen Kontinuums

«Diese symbolische Prädisposition lässt sich erklären, wenn in Betracht gezogen wird, dass eine Frau Mutter wird und es gleichzeitig nicht werden könnte und doch immer die Tochter ihrer Mutter bleiben wird, so dass jede biologische Mutter bereits eine Ersatzfigur ist. – Eine Struktur ist also da, die des mütterlichen Kontinuums, das durch meine Mutter, ihre Mutter, deren Mutter  mich aus dem Inneren heraus zu den Anfängen des Lebens bringt. Diese Struktur ist jedoch noch zu wenig bekannt in ursprünglichen Merkmalen, die aus ihr eine Brücke zwischen Natur und Kultur machen, wie auch in ihren Auswirkungen.»  Es gehe darum, «einer Frau den Standpunkt der Ursprünge zurück zu geben» (76).

38 Nicht alle Aspekte der Mutter ersetzbar

«Was ist die Hysterie, bevor sie Leiden und Unordnung wird? Sie ist eine innere Mutterbindung, die einen Mutterersatz nicht akzeptiert. Die Fixierung zeigt, dass nicht alle Aspekte der Mutter ersetzbar sind. Für die Hysterikerin ist keiner ersetzbar» (83).

39 Muttersprache an Stelle der Mutter

«Die Muttersprache ist vielleicht das einzige, was für die Hysterikerin an der Stelle der Mutter bestehen kann». Muraro verweist auf die von Anna O. erfundene «talking cure»  (87).

Heraustreten aus perfekter Identität mit sich selbst: «Die Autorität der Mutter zu akzeptieren, ist ein formales Prinzip, nicht ein inhaltliches Prinzip. Heraustreten aus der perfekten Identität des Selbst mit sich selbst ... um die Existenz im Gemeinplatz, am gemeinsamen Ort zu beginnen» (91).  

40 Mann nicht an Mutters Stelle  setzen

Muraro warnt davor, den Mann an die Stelle der Mutter zu setzen, um ihn statt ihrer zu lieben oder zu hassen (91).

41 Sprache der erste Mutterersatz

«Ich habe gesehen, dass die Sprache für mich der erste Mutterersatz ist, und in dieser Funktion betrachte ich sie als absolut unersetzlich» (93).

Übersetzung ins Symbolische: Die Realität macht uns krank, wenn wir keine Übersetzung auf die Ebene des Symbolischen finden (96).

42 Einkerkerung ins Gesetz

Es geht Muraro auch darum, den weiblichen Diskurs vor dem Abgleiten ins Metaphorische und den hysterischen Körper vor der Einkerkerung ins Gesetz zu retten (97).

43 Das Logische und das Faktische

Die Brücke zwischen logischer Notwendigkeit (Hinweis auf Pythagoras) und faktischer Realität lässt logische Ordnung entstehen: «Ist das Faktische einmal akzeptiert, wird es ordnendes Prinzip der Erfahrung und Befreiung des Geistes. Das Reale selbst befreit sich aus dem Würgegriff blinder Wiederholung seiner selbst und dem Immer-verschieden-von-sich-selbst-Werden» (101).

44 Empirische Erfahrung genügt nicht

Muraro betont, dass die Positionen empiristischer Art in Psychologie und Soziologie nicht genügen, «um die Erfahrung zu retten, weil sie die bereits vorhandenen Vermittlungen benutzen und nicht diejenigen, die die Erfahrung selbst verlangt. Zum Beispiel waren für die Psychologie und die Soziologie die Widersprüche, die Antrieb der Frauenbewegung waren – wie Hysterie, Frigidität, Sprechhemmungen, Fremdheit gegenüber der Politik - nichts anderes als pathologische Erscheinungen, die zwar unterschiedlich interpretiert wurden, aber immer vom Standpunkt eines nicht gehemmten, nicht hysterischen, nicht frigiden Subjektes aus. Der Wert der Erfahrung, ein Wahrheitswert, aber auch ein Wert des Genusses, ist nur dann gesichert, wenn der Kreis der Vermittlung vollständig ist und der Ersatz zur Rückerstattung wird» (102). 

45 Austausch zwischen Wort und Erfahrung

«Halten wir uns vor Augen, dass der sprachliche Austausch sich nicht auf den Austausch zwischen Sprechenden reduzieren lässt;  er ist immer auch ein mehr oder weniger gelungener, aber doch in irgend einer Weise angestrebter Austausch zwischen Wort und Erfahrung, und dies ist sein permanenter Ursprung und die Quelle von Originalität» (104).

Losgelöst  vom Ursprung verdorrt das Wort: «Die Ethik der Kommunikation und andere derartige Operationen führen das Gesetz in einen Bereich ein, der von Natur aus zur symbolischen Ordnung der Mutter gehört. Daraus entsteht sprachlicher Konformismus, der allgemein zu beobachten ist. Losgelöst von seinem Ursprung verdorrt das Wort» (104).

46 Entscheidende Schlacht für die Menschheit

Karl Marx habe «nicht einmal eine Vorstellung davon, dass die entscheidende Schlacht für die Menschheit vielleicht immer auf der Ebene der symbolischen Ordnung ausgetragen wird» (113).

47 Wort Dankbarkeit

Muraro schlägt vor, dem Wort «Dankbarkeit“  den psychologischen Inhalt zu entziehen (119)

48 Was mir zu sagen nicht gelingt

«Um zu verstehen, was eine Revolution ist, müssen wir die symbolische Ordnung betrachten, ohne sie auf die rekonstruierbaren Codes (wie das oekonomische, politische oder Rechtssystem) zu beschränken, zu denen relativ leicht ... eine Distanz hergestellt werden kann, und deren Veränderung planbar ist. Ich muss sie aber in ihrer Gegenwärtigkeit und als das Vermittlungssystem betrachten, von dem ich abhänge, um das zu sagen, was ich gerade sage, wie auch für das, was mir zu sagen nicht gelingt» (120).

49 Lehren der Nonne Vilemina

Bezüglich der Lehren der Nonne Vilemina von Böhmen, deretwegen sie und ihre Anhängerinnen und Anhänger verfolgt wurden,  vermutet Muraro, dass das Neue dieser Lehren, durch die Vilemiten, nicht in gesellschaftlich akzeptierte Begriffe übersetzbar waren (124).

50 Totales Zuschlagen aller Türen

Muraro erwähnt ferner Evelyn Fox Keller, die berühmte Molekularbiologin, Wissenschaftlerin und Philosophin, die in einem Interview sagte, sie habe aufgrund ihrer Kritik des in der Wissenschaft latent vorhandenen  Sexismus wütende Ablehnung erlebt: «Ich hatte nie zuvor eine Wut erlebt wie die, die mir entgegenschlug, als ich versuchte, meine Arbeit vorzustellen. Danach erfolgte ein reines uns totales Zuschlagen aller Türen vor meiner Nase»  (124). - Evelyn Fox Keller ist Autorin der Biografie von Barbara McClintock: Die Entdeckerin der springenden Gene, 1995).

51 Natur des wissenschaftlichen Denkens

Nach Vox-Keller liege es «in der Natur des wissenschaftlichen Denkens, der wissenschaftlichen Gemeinschaft, dass nur ein bestimmtes Ausmass an Kritik toleriert wird. Wenn du diese Grenzen überschreitest, fliegst du raus» (125). – Nach der Beobachtung von Muraro gilt dies aber für jede Gruppe oder Institution, die eine vermittelnde Funktion innehat, die also Kultur schafft. Und dies gelte umso mehr «je bedeutender die soziale Rolle ist, die die betreffende Gruppe in diesem Sinne spielt». - Die Wissenschaft sei heute «eine grosse Distributorin von Gewissheiten, vielleicht die grösste, und das erklärt, dass die wissenschaftliche Gesellschaft sich gegenüber einer Evelyn Fox Keller genauso verhält wie die mittelalterliche Kirche gegenüber den Häretikern» (125).   

52 Eine Frage der sozialen Ordnung

Die Frage der Sagbarkeit «ist immer auch eine Frage der sozialen Ordnung» (125).

53 Strukturalismus

Bezüglich der Frage nach dem Vater beim Symbolischen, erinnert Muraro an die europäischen und die später kommenden amerikanischen Denker, die sich den Begriff des Symbolischen zu eigen gemacht hatten. Und als sich dieser in ihrem Kopf breit machte, sei dort jeder Gedanke an die Kontingenz vertrieben worden, gemeint das Bewusstsein, dass die Dinge passieren (und dass alles passieren kann). Oft handle es sich um männliche Denker, denen es eben nicht passiert, dass sie schwanger werden. Ausserdem wohnten sie in praktischen, sicheren Einrichtungen wie dem Universitätscampus, wo es leicht war, den Strukturalismus zum definierten Horizont zu erklären. Es brauchte den 11. September, damit sich ihr Denken wieder öffnete (136).

54 Zugewinn an philosophischer Einsicht

Schliesslich stellt sich Muraro der Frage, wie sich ihr erstes Buch «Die symbolische Ordnung der Mutter» von 1991 von der Neuauflage 2006 unterscheide. Muraro antwortet mit dem Bild eines antiken Palimpsests, ein Pergament, auf dem man den vorhandenen Text vorsichtig abschabte, um es dann neu zu beschreiben, wobei die untere Schicht jedoch immer noch etwas hervorschimmert. Ihr damaliger Anspruch  sei gewesen und 2006 noch deutlicher geworden, «von der Bühne des Unbewussten, von der Szene des Monströsen, das nur vorgeführt werden kann, zur Demonstration, d.h. zur Beweisführung zu gelangen, ohne den Effekt völliger Sinnlosigkeit zu erzeugen. Es sollte ganz im Gegenteil gelingen, dem Bedeutung zu verleihen, was nur monsterhaft, was nur Zurschaustellung war. «Anders ausgedrückt, ich versuchte, etwas von der mütterlichen Potenz zu inszenieren, und ich hatte den Anspruch, damit maximale Sinnhaftigkeit, das heisst einen Zugewinn an philosophischer Einsicht zu erzielen» (139).

55 Symbolische Ordnung, die Regeln gibt und frei macht

«Die symbolische Ordnung, die uns Regeln gibt und uns frei macht, ist in erster Linie die Sprache, die wir sprechen. Dort manifestiert sich auch am deutlichsten die symbolische Unordnung, die uns kennzeichnet» (151).

56 Quelle

Luisa Muraro: Die symbolische Ordnung der Mutter, Neuauflage 2006

57 Zur Person

Luisa Muraro studierte Philosophie an der Katholischen Universität Mailand, arbeitete in den 68ern als Lehrerin, lehrte und forschte an der philosophischen Fakultät der Universität Verona. Zusammen mit anderen Frauen rief sie 1975 die Libreria delle donne di Milano ins Leben, 1984 die Philosophinnengemeinschaft Diotima. Mitherausgeberin der Zeitschrift Via Dogana.