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07 - Die Schatzhüterin - Kriterien für eine feministische Märchen- und Traumdeutung

Elisabeth Camenzind

 

Der Einbezug von Märchen in die Traumdeutung ist beliebt und sinnvoll, auch bei feministischen Psychotherapeutinnen. Tatsächlich vermag die reiche Bilder- und Gefühlswelt der Märchen den Blickwinkel für die Traumdeutung zu erweitern. Nach Auffassung von C.G. Jung sind Märchen kollektivierte Menschheitsträume und können daher wie Träume gedeutet werden. Die Kriterien für eine feministische Märchen- und Traumdeutung habe ich im Schweizerischen Berufsverband der Therapeuten für Kinder und Jugendliche (SPK) anlässlich einer Jahresversammlung am Szondi-Institut in Zürich, zur Diskussion gestellt

Der Anstoß für die Erarbeitung von Kriterien für eine feministische Märchendeutung resultiert aus dem Jahr 1991. Ich war unzufrieden mit der Interpretation einer Jungianerin im Rahmen des iff-forums, nachdem sie sich uns gegenüber als Feministin bezeichnet hatte. Ich hatte erwartet, sie würde das Problematische des Jung'schen Deutungsmusters thematisieren und diese in Beziehung setzen zu Erkenntnissen der Feministischen Wissenschaft, bspw. der Symbolarchäologie und Linguistik. Dies war aber nicht der Fall. Ein Jahr später konnte ich die erwähnte Interpretation in einem Taschenbuch nachlesen, das die Referentin (Verena Kast) unter dem Titel Liebe im Märchen publiziert hat. Sie bezieht sich darin auf eine spanische Variante des Märchens vom Wasser des Lebens, das von Sigrid Früh in einem kleinen Büchlein unter dem Titel, Die Frau, die auszog, ihren Mann zu erlösen, erzählt und gedeutet wird. Im Folgenden werde ich zunächst kurz den Inhalt der spanischen Variante des Grimmschen Märchens: Das Wasser des Lebens beschreiben und Aspekte der feministischen Wissenschaft darstellen. Danach werde ich das Märchen aus der Jungschen Sicht betrachten und die Frage nach der psychologischen Stimmigkeit der Deutung stellen. Die acht Kapitel sind die folgenden:

 

Das Wasser des Lebens in einer spanischen Variante

Feministischen Linguistik und die sprachliche Behandlung der Geschlechter

Die Hexe aus historischer Sicht

Symbolgeschichte und Symbolarchäologie

Weibliche Identität aus feministischer Sicht

Subjektstufe und Objektstufe in der Analytischen Psychologie

Traumdeutung als Symboldeutung

Aktualisierung des Märchens unter dem Titel: Die Schatzhüterin

 

1. Die Spanische Variante des Märchens vom Wasser des Lebens

Das Märchen erzählt von einem König und seinen drei Söhnen. Der älteste Sohn des Königs ist bereits verheiratet und hat Kinder. Eines Tages guckt der König in die Luft, während ein Adler vorbei fliegt. Der Adler lässt seinen Kot fallen und in die Augen des Königs, worauf er erblindet. Ein Minister erzählt ihm, er kenne ein Wasser, das ihm sein Augenlicht wieder geben könne, aber der Brunnen stehe auf einem hohen Felsen und werde von einer Hexe bewacht, die aber eine Teufelin sei. Der König verspricht dem Sohn, der ihm das Wasser bringt, Reich und Krone nach seinem Tod.

Der erste Sohn begegnet im Schlossgarten einer freundlichen und attraktiven Jungfrau. Er fragt sie, wo die Hexe sei und erhält die Antwort, sie habe sich zum Schlafen niedergelegt und werde lange nicht aufwachen. Die junge Frau bietet ihm Speise und Trank an, damit er gestärkt die Rückkehr antreten könne. Der Königssohn freut sich, lässt sich zur Mahlzeit nieder und macht der attraktiven Frau unvermittelte einen Heiratsantrag. Er beginnt zu essen, erstarrt aber zu Stein, sobald er mit dem ersten Bissen in Berührung kommt. Die Hexe trägt ihn in eine Höhle, wo schon viele andere Männer liegen, die vor ihm auf ihren Berg gestiegen waren, um vom Lebenswasser zu schöpfen. Der zweite und dritte Prinz erleiden das gleiche Schicksal und schliesslich auch der König selber.

Nachdem die Männer nicht mehr ins Schloss zurückkehren, grämt sich die Gattin des ältesten Prinzen so sehr, dass sie sagt, das Leben habe keinen Sinn ohne ihren Mann. Sie will ihn suchen gehen und wenn sie ihn nicht findet, will sie sich umbringen. Die Prinzessin zieht Männerkleider an und reitet 7 x 7 Tage, bis sie einem alten Fischer begegnet. Dieser gibt ihr den Rat, die Hexe bei der ersten Begegnung zu töten. Sie solle kein Wort zu ihr sagen und keine Speise annehmen. Nur so kön­ne es gelingen, ihre Macht zu brechen und sie zu töten.

Die Prinzessin befolgt den Rat des Fischers. Sie geht wortlos auf die Hexe zu und stößt ihr das Schwert in die Brust. Die Hexe fällt tödlich getroffen zu Boden. Sogleich fällt die Versteinerung von den Männern ab. Die Männer finden viele Schätze in den Gemächern der Hexe und teilen sie unter sich auf. Zum Lohn darf die Gattin des ältesten Prinzessin später die Krone tragen, während der König regiert.

2. Feministische Linguistik und die sprachliche Behandlung der Geschlechter

Die feministische Linguistik stellt die Frage, wie die Geschlechter in einem Text sprachlich behandelt werden: Wer kommt vor, wie oft und in welchen Rollen. Sie fragt ferner, wer handelt, kämpft, Hauptrollen spielt und wer nur am Rande oder zuschauend oder passiv vorkommt. Zudem stellt sie die Frage, wer schlussendlich von Aktivitäten und Handlungen profitiert. Die Frage nach den Gewinnern von weiblichem und männlichem Verhalten ist ganz wesentlich, wenn wir wissen wollen, ob es sich bei einem Märchen um eine ursprüngliche Fassung oder um eine patriarchal überformten Text handelt. Wie sieht es diesbezüglich in unserem Märchen aus?

In unserem Märchen treten zunächst acht männliche Figuren auf und sie werden zudem in ihren Funktionen explizit bezeichnet: Ein König, drei Söhne, Ärzte, ein Hexenmeister, ein Magier, ein Fischer. Am Schluss treten weitere männliche Figuren auf die Bühne, nämlich alle Männer, die später aus der Versteinerung erwachen, nachdem die Hexe getötet worden war. Das heisst, im Märchen dominieren klar die Männer. Sie dominieren zahlenmäßig und sie dominieren in den Hauptrollen.

Ganz anders sieht es bei den Frauen aus. Es kommen nur zwei Frauen vor und erst noch im Zusammenhang mit Männerinteressen. Von den zwei Frauen ist am Schluss die eine auch noch tot und getötet von der Hand einer rivalisierenden Frau. Von der vitalen Bedeutung her könnte die Hexe zwar eine Hauptrolle im Märchen spielen. Sie ist nämlich im Besitz des Zauberbrunnens und des aus ihm sprudelnden Heilwassers, das dem König sein Augenlicht wiedergeben könnte. Die Hexe könnte daher als eine positive und autonome Figur in die Erzählung gebracht und sogar in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt werden. Der Magier könnte dem erblindeten König raten, eine Delegation ins Schloss der Hexe zu schicken, ihr Gaben und Geschenke anzubieten, um im Gegenzug eventuell das Heilwasser zu bekommen. Aber ein solcher Gedanke kommt nicht auf. Von Anfang an wird die Besitzerin des Zauberbrunnens als eine böse Hexe und Teufelin verschrieen. Schon im ersten Satz begründet der Magier, warum Gewaltmittel gegen sie angewendet werden müssten. Aus dem Umstand, dass die Hexe nicht jeden Hergelaufenen von ihrem Heilwasser schöpfen lassen will, leiten diese Männer das Recht ab, mit dem Schwert gegen sie anzutreten. Eine zweite Frau wird erst eingeführt, nachdem die gewalttätige Strategie der Männer nicht zum Ziel geführt hat.

Fazit: In unserem Märchen dominieren die Männer zahlenmäßig und in den Hauptrollen. Die Lysis des Märchens erfolgt zugunsten der Männer. Die eine Frau ist am Schluss tot. Die Prinzessin hat letztlich nichts gewonnen und nichts dazu gelernt, denn sie findet sich in der passiven weiblichen Rolle wieder, ungeachtet ihre Rolle durch das Tragendürfen der königlichen Krone etwas glanzvoller erscheint. Von der Märchenhandlung profitieren klar die Männer. Aus der Sicht der feministischen Linguistik handelt es sich also nicht um ein ursprüngliches, sondern um ein patriarchal überformtes Märchen.

3. Die Hexe aus historischer Sicht

Die feministische Historik stellt die Frage, ob die dargestellten Situationen und Figuren den historischen Fakten entsprechen. Dank den Forschungen von Erika Wisselinck und anderen Wissenschaftlerinnen können wir feststellen, dass unser Märchen eine falsche Version von der Hexe erzählt: (Erika Wisselinck: Hexen; warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was davon auch noch falsch ist). Die Hexe im Märchen ist angeblich bösartig und gefährlich, sogar eine Tochter des Teufels, daher sie umgebracht werden müsse. Diese Sicht folgt der patriarchalen Version des "Hexenhammers", der dazu geführt hat, dass drei Millionen Frauen als "Hexen" verfolgt und auf Scheiterhaufen verbrannt wurden. In Wirklichkeit waren Hexen in der Regel selbständige und weise Frauen, die vorwiegend als Heilerinnen tätig waren, nämlich als Hebammen und quasi Ärztinnen und Krankenschwestern. Ungeachtet dieser anders gearteten historischen Fakten vermittelt das Märchen weiterhin ein falsches Bild. - Viele der sogenannten Hexen kannten sich in der Heilanwendung von Kräutern aus und gaben dieses Wissen an Frauen weiter. Paracelsus, der berühmte Arzt, hat von sich selber gesagt, er habe seine medizinischen Kenntnisse von Frauen erhalten. Die Mutter von Paracelsus war Bürgerin von Einsiedeln. In der Umgebung von Einsiedeln wirkten Beginen. Diese selbständigen und fähigen Heilerinnen waren jedoch der neu aufkommenden Zunft der Mediziner ein Dom im Auge und auch noch anderen männlichen Zünften. Die "Hexen" galten als verdächtig, weil sie ohne Mann lebten, sei dies, weil sie nach ihrer Verwitwung nicht mehr heiraten oder von Anfang an unverheiratet bleiben wollten. Kirchenmänner und bürgerliche Philosophen waren jedoch der Meinung, Frauen seien für den Mann geschaffen und hätten kein Anspruch auf Autonomie und ein eigenes Leben. Daher konnte der einflussreiche Rousseau ungeniert fordern: "Die Erziehung der Frau sollte sich immer auf den Mann beziehen; zu gefallen, uns nützlich zu sein, uns zu lieben und unser Leben leicht und angenehm zu machen, das ist die Aufgabe der Frauen zu allen Zeiten". Es war daher nicht schwer, Frauen als Hexen zu verketzern, wenn sie sich weigerten, ihre Qualitäten in den Dienst eines Ehemannes zu stellen. Oft war das Ziel der Verfolgung der autonomen Frauen zudem, ihr ererbtes oder angehäuftes Vermögen an sich zu bringen. Auch in unserem Märchen haben die Männer die Schatzkammern einer zur Hexe gestempelten Frau geplündert.

Dass die historischen Hexen tatsächlich selbständige und starke Frauen und Heilerinnen waren, kann selbst aus unserem überformten Märchen noch herausgelesen werden. Der Magier erzählt dem König, die Hexe sei im Besitz eines Brunnens, dessen Wasser die Fähigkeit habe, blinde Augen wieder sehend zu machen. Das bedeutet, dass die Hexe in unserem Märchen eine Heilerin war und eine Grosse Göttin oder Magierin der menschlichen Frühzeit verkörpert. Mit anderen Worten: Die Darstellung der Hexe entspricht nicht den historischen Tatsachen. Damit weist sich das Märchen auch hier als eine patriarchal überformte Geschichte aus.

4. Symbolgeschichte - Symbolarchäologie

Die Symbolgeschichte befasst sich mit dem ursprünglichen Sinngehalt eines Symbols. Nach Carola Meier-Seethaler sind im Zuge der Entstehung des Patriarchats zahlreiche weibliche Symbole in männliche umgedeutet worden. Ursprünglich symbolisierte bspw. die Löwin eine weibliche Göttin, später wurde sie umgeformt zu einem patriarchalen "Wahrzeichen männlicher Macht". Auch die Historikerin Marja Gimbutas weiss von der Grossen Göttin zu berichten sowie von vielen göttlichen Muttersymbolen, die bei Ausgrabungen gefunden worden waren. In ihrer eindrücklichen Bildersammlungen verweist sie auf rund 30tausend Miniaturen aus Ton, Marmor, Knochen, Kupfer und Gold, die an dreitausend Fundstellen in Südeuropa gefunden worden sind.

Unser Interesse gilt hier dem Symbolgehalt des Zauberbrunnens. Aus dem Brunnen unseres Märchens fließt das Lebenswasser. Er steht im Schlossgarten einer Frau. Wer zum Brunnen gelangen will, muss einen Felsen ersteigen. Diese Bilder sind uns bekannt. Es sind Metaphern zur Beschreibung des Geschlechtsakts aus Männersicht. Dieser Akt wird in Literatur und Dichtung als "Besteigung" eines Berges beschrieben, das Geschlecht der Frau wird als Berg, als Venusberg bezeichnet. Der weibliche Schoss wird als "Quelle des Lebens" verstanden. Aus Frauensicht enthält der weibliche Schoss tatsächlich das "Wasser des Lebens" und dies nicht nur metaphorischer Weise, vielmehr lebt und entwickelt sich der Fötus buchstäblich im Fruchtwasser des weiblichen Schosses. Der weibliche Schoss wird auch im sexuellen Sinn als Lebensquelle verstanden und insbesondere auch als verjüngende Kraft für alternde Männer. So gesehen verstehen wir nun, was der König von seinen Söhnen erwartet. Sie sollen ihm die attraktive Hexe mit Gewalt zuführen. Aus dem Märchen geht hervor, dass die Hexe tatsächlich eine sexuell attraktive Frau ist, denn zwei der Prinzen verlieben sich augenblicklich in sie. Sie sind überrascht, im Schlosshof auf eine junge und freundliche Frau zu treffen, anstatt auf eine böse, hässliche alte Hexe, wie man ihnen gesagt hat. Die Verleumdung stammte von Männern, vom Magier und vom Fischer.

In den matrizentrierten Frühkulturen waren Brunnen und Quellen mit den heiligen Wandlungsmysterien und weiblichen Gottheiten verbunden. Neumann meint, dass die Wandlung von Natur­haftem in "Geist" in den Brunnen und Quellen vor sich gehe, wobei das Produkt der Wandlung eine Essenz sei, die "Licht- und Weisheitscharakter" habe (Erich Neumann: Die Grosse Mutter, 1956, 66-67). - Der Brunnen, aus dem das Heilwasser strömt, symbolisiert also die Wandlungsmysterien sowie der Fruchtbarkeits- und Liebesmysterien und ebenso die Weisheitsmysterien. Um diesen wunderbaren Wandlungs- und Lebensbrunnen geht es in unserem Märchen, der im Schlossgarten der Hexe steht. Wobei auffällt, dass die Prinzessein nichts weiss von der umfassenden Bedeutung dieses Brunnens. Auch diese Unkenntnis weist darauf hin, dass es sich bei unserem Märchen um ein patriarchal überformtes handelt.

5. Weibliche Identität und feministische Psychologie

Die traditionelle Psychologie verbindet Weibliches mit Passivität und Abhängigkeit, Männliches mit Aktivität und Autonomie. Nun aber garantiert weibliche Aktivität für sich allein genommen noch keine selbstbestimmte weibliche Identität. Aktivität für sich allein genügt nicht als Kriterium, um ein Märchen als frauenfreundliches oder feministisches auszuweisen. Eine echte weibliche Identität ergibt sich nicht daraus, dass Frauen aktive Rollen spielen. Gradmesser ist vielmehr, was diese Aktivität beinhaltet und zu was sie schliesslich führt. Die zentrale Frage ist also, wem weibliche Aktivitäten letztlich nützen.

Im Patriarchat durften Frauen schon immer aktiv sein. Die Bedingung war und ist jedoch, dass sie männlichen Interessen zugute kommt. Frauen helfen Männern aktiv beim Erstellen von literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten. Frauen führen die Geschäfte von Männern und dürfen dies tun, solang sie sich mit dem Status der anspruchslosen Gattin und Gehilfin begnügen. Sogar kriegerische Aktivitäten waren von Frauen in Befreiungskriegen willkommen, z.B. in der Französischen Revolution. Nicht mehr gefragt waren Frauen jedoch, als es um die Früchte der Revolution ging. Olympe de Gouges wurde geköpft, als sie die Menschenrechte auch für Frauen beanspruchte. Es sagt also rein nichts über den Status von Frauen aus, wenn sie aktive Rollen in Mythen und Märchen übernehmen. Auch die Prinzessin in unserem Märchen darf aktiv und sogar kriegerisch aggressiv sein. Dies aber nur, um Männer zu befreien. Durch den kriegerischen Akt einer Frau werden Männer wieder "lebendig" gemacht. So makaber es ist: Tatsächlich sagen patriarchale Männer, dass kriegerische Aggression belebend sei. Patriarchale Männer bezeichnen den Streit, den Kampf und sogar den Krieg als den Vater aller (guten) Dinge. Das heisst, im Krieg dürfen sich Männer alle Güter aneignen, die erreichbar sind, seien dies Sachwerte, Frauen oder Sklaven. Auch in unserem Märchen können Männer sich aufgrund eines Tötungsdelikts grosse Schätze aneignen. Und was aufschlussreich ist, der Tötungsauftrag hat sie von einem Mann entgegen genommen, sie handelt also in männlichem Auftrag.

Ebenso aufschlussreich ist, dass die Prinzessin primär nur aktiv wird, weil sie ihren Mann zurückhaben will. Ihr Interesse gilt nicht dem Zauberbrunnen und dem Lebenswasser, das im Garten der Hexe so reichlich sprudelt. Aus ihrer Sicht hat die Hexe ihr den Ehemann ausgespannt, und den will sie zurückholen und sonst gar nichts. Der wahre Sachverhalt ist aber, dass die Männer den Zauberbrunnen aus eigenem Antrieb aufsuchen, weil sie vom Reichtum der Hexe profitieren wollen und nicht umgekehrt. Es liegt keineswegs "Verführung" von Seiten der "Hexe" vor. Vielmehr muss sie sich ständig abgrenzen und wehren gegen aufdringliche und fordernde Männer. Die Prinzessin jedoch vermag in der Hexe lediglich eine Rivalin zu sehen. Vom Fischer wird sie in dieser Sicht bestätigt. Sie lässt sich vom Fischer aufhetzen. Sie lässt sich einreden, es wäre gefährlich, sich in ein Gespräch mit der "Hexe" einzulassen. Wir müssen vermuten, der Fischer habe seine Gründe, die Prinzessin so vehement zu warnen. Er will verhindern, dass die Prinzessin Dinge erfährt, die ihren Blickwinkel radikal verändern oder sogar Solidaritätsgefühle mit ihrer Rivalin wecken könnten. Statt dessen lässt sie sich betören durch das zwiespältige Lob des Fischers, sie sei ein tapferes Mädchen. Die Prinzessin merkt noch nicht einmal, dass die Bezeichnung "Mädchen" für eine erwachsene Frau und Mutter von Kindern eine demütigende Verkleinerung und Beleidigung darstellt. Sie ist absolut blind dafür, was eigentlich vorgeht. Denn alles was diese abhängige Frau will, ist ein Mann, ihren Ehemann, ohne den das Leben für sie kein Sinn ergibt, wie sie selber sagt. Von Autonomie kann bei dieser Prinzessin nicht die Rede sein.

Was die Prinzessin möglicherweise erstaunt, das ist die magische Wirkung, die autonome und intelligente Frauen auf Männer ausüben, und dies selbst in Fällen, wo bei einer Frau kaum eine besondere Schönheit vorliegt (Beispiel: Rahel Varnhagen). Männer behaupten zwar offiziell immer das Gegenteil. Denn für das eheliche Leben ist ihnen allemal eine Frau lieber, die ganz abhängig und zu Dienstbarkeit an seiner Person bereit ist. Daher glaubt die Prinzessin dem Fischer allzu gern, sie werde ihren Mann zurückgewinnen, wenn sie die Hexe aus der Welt schafft. Ihre Wut richtet sie gegen die autonome Frau anstatt gegen ihren geilen Mann. Die Prinzessin gehört zu den Frauen, die immer befürchten, eine andere Frau könnte ihr den Mann abspenstig machen wollen. Die Prinzessin hat die Ideologie internalisiert, autonome Frauen seien abgrundtief böse und schuld, wenn ihre Männer emotional verarmten oder versteinerten und nach anderen Frauen gierten. Eine Persönlichkeitsentwicklung oder gar eine eigene weibliche Identität ist bei der Prinzessin bis zum Schluss nicht auszumachen. Sie bleibt was sie vorher war. Sie ist und bleibt eine ganz und gar von ihrem Mann abhängige Ehefrau. Das einzig Neue ist, dass sie Präsentationsaufgaben übernehmen darf, während sie früher offenbar ganz in die Frauengemächer verbannt war.

Nur die Frau mit einer selbstbestimmten Identität kann es sich leisten, Männern den ungehinderten Zugang zu ihren Lebensquellen zu verweigern. Die Hexe wagt sogar dem König zu trotzen, der sich eingebildet hat, er könne ihr Lebenswasser in sein Schloss bringen lassen oder sie wie eine Hure behandeln. Aber die Hexe entzieht sich erfolgreich diesem Männerhandel. Auch den Heiratsantrag des liebeskranken Prinzen lehnt sie souverän ab. Sie will sich nicht in eine patriarchale Ehe einsperren lassen. Die Hexe will selber bestimmen, welche Männer sie lieben und an ihrem Lebenswasser teilhaben lassen will. Sie will keine sogenannte "eheliche Pflicht" erfüllen müssen. Der verliebte Prinz erlebt folgerichtig eine emotionale "Versteinerung", denn er ist es nicht gewohnt, dass ihm Wünsche abgeschlagen und Frustrationen zugemutet werden.

Fazit: Die Art der Aktivität führt bei der Prinzessin nicht zu einer selbstbestimmten weiblichen Identität. Sie hat die patriarchalen Normen internalisiert. Sie hat weder Bedürfnis noch Mut zur Entwicklung von Autonomie. Sie will lieber sterben, als ohne Mann zu leben, sie ist emotional total abhängig von ihm. Es fehlt bei ihr die Voraussetzung, um eine eigene Person zu werden. Wäre die Prinzessin wirkliche autonom und emanzipiert, hätte sie auch anders reagieren können, nachdem der König und seine Söhne und ihr Mann nicht ins Schloss zurückgekehrt waren. Dies werde ich im aktualisierten Märchen zeigen.

6. Subjektstufe und Objektstufe in der Analytischen Psychologie

Wie oben bereits erwähnt, fasst die Analytische Psychologie Märchen als kollektivierte Menschheitsträume auf, die wie Träume gedeutet werden können. Nun aber umfasst das Jungsche Deutungsmuster zwei Deutungsebenen, die Objektstufe und die Subjektstufe. Auf der Objektstufe werden die auftretenden Personen und Verhältnisse als reale Personen und Verhältnisse aufgefasst auf der Subjektstufe dagegen als subjektive, der eigenen Psyche angehörende Faktoren (Psychologische Typen S. 514, 492). Aufgrund der Theorie von Animus und Anima ist es zudem nicht gleichgültig, ob ein Traum von einer Frau oder einem Mann geträumt wird. Daraus ergeben sich folgende Möglichkeiten für die Interpretation: Wir können das Märchen als ein kollektivierter Menschheitstraum von Frauen oder von Männern auffassen. Und da Träume zudem auf zwei Ebenen zu betrachten sind, ergeben sich insgesamt vier Möglichkeiten der Deutung.

Aber, so ist zu fragen, wie können wir wissen, ob es sich bei einem Märchen um einen kollektivierten Frauentraum oder Männertraum handelt? Wie können wir ferner erkennen, ob die Subjektstufe oder die Objektstufe eine stimmige bzw. glaubwürdige Deutung ergibt? Zur Klärung dieser Fragen soll im folgenden eine Probe gemacht werden, indem wir das Märchen zunächst als Traum einer Frau und dann als Traum eines Mannes auffassen.

6.1. Das Märchen verstanden als Traum einer Frau

Im Traum einer Frau wäre der König subjektstufig als Animus zu begreifen. Vom König sagt Verena Kast, er sei alt und starr, wolle nichts hergeben und nichts loslassen, was eine Form der Versteinerung sei. Der König schaue in die Luft, er wolle höher hinaus, er habe einen Machtkomplex mit Verlust der Realität (Vortrag). "Man könnte sagen, dass die hochfliegenden Pläne des Königs, der ja für ein ganzes System stehe", ihn blind machten (Kast 1992, S. 108). Nach dieser Logik läuft die Träumerin also Gefahr, zu erblinden, weil sie einem männlichen Machtkomplex erlegen ist. Aber diese Deutung auf der Subjektstufe ist psychologisch nicht stimmig. Warum?

Wenn wir davon ausgehen, dass das Märchen ein "kollektivierter Menschheitstraum" ist, würde der König eine Animushaltung der Frauen auf der kollektiven Ebene symbolisieren. Das hieße, dass die Frauen zur Zeit der Entstehung des Märchens machtbesessen waren und hochfliegenden Träumen" nachhingen, die "für ein ganzes System" standen. Historisch gesehen war es jedoch zu keiner Zeit das kollektive Problem von Frauen, seelisch zu erblinden und zu erstarren oder dass sie hochfliegenden Plänen nachhingen und machtbesessen waren. Vielmehr sind dies typische Männerprobleme. Die Deutung des Märchens gibt also weder als Traum einer einzelnen Frau auf der Subjektstufe noch als ein kollektiver Menschheitstraum von Frauen auf der Objektstufe einen glaubwürdigen Sinn.

Anders interpretiert Verena Kast das Märchen: Sie geht von der Hexe aus und fasst diese subjektstufig als ein zu ihr gehörender psychischer Aspekt auf. Im Unterschied zur Sicht der feministischen Historik interpretiert sie die Hexe negativ: Sie sei eine Teufelin, sei verhext, destruktiv und aggressiv. Psychologisch symbolisiere sie ein abgespaltener Komplex der Frau. Die Angst vor ihr sei außerordentlich gross. Diese Hexe versteinere, gebe zu essen, verwöhne, verführe, fasziniere die Männer und spiele ihnen die Frauenbilder vor, die sie sehen wollen. Das sei Verteufelung. Die Hexe sei schuld an der Versteinerung und Vereisung der Männer. Dieses Weibliche müsse aus der destruktiven Wirkung erlöst und das heisst bei ihr, die Hexe müsse "eliminiert' werden. Die Jungianerin ist ganz einverstanden, dass die Frau des ältesten Prinzen der Hexe das Schwert in den Leib bohrt und sie umbringt. Sie meint, die Hexe zu töten bedeute, gegen den destruktiv wirkenden Hexenkomplex vorzugehen, von der Hexe nichts anzunehmen bedeute: Bloß nicht so werden wie die Hexe, bloß sich nicht gleich machen mit der Hexe, sondern dieses Hexenproblem jetzt sehen und auch energisch bekämpfen (116). Ferner meint sie, sobald die Hexe tot sei, fange alles überzuströmen vor Lebendigkeit. Das Zauberwasser oder das Lebenswasser sei wieder da, da könne man das Leben wieder mit vollen Händen ergreifen und schmecken und in den Alltag zurückbringen (117).

Zu dieser abwegigen Interpretation konnte es nur kommen, weil die Jungsche Sicht weder die feministische Historik noch die feministische Symbolgeschichte berücksichtigt. Nur darum konnte die Deutung in eine völlig falsche Richtung führen, ungeachtet guter Beobachtung und Beurteilung gewisser weiblicher Verhaltensweisen. Kasts Interpretation übersieht, dass die historische Hexe keineswegs eine Männer verwöhnende Frau war. Oft genug stand sie ausserhalb der Gesellschaft und verdiente ihr Leben als Begine, Heilerin und Hebamme selber. Tatsächlich wurden solche Frauen gerade darum verfolgt, weil sie nicht um Männer scharwenzeln und auch nicht heiraten wollten. Oder es waren Witwen, die keine zweites Mal heiraten und einen Mann häuslich versorgten wollten, sondern als Heilerinnen und Hebammen tätig waren. Damit gaben sie keinem Mann die Möglichkeit, sich ihre geistigen und materiellen Besitztümer via Heirat legitim anzueignen. Auf der anderen Seite ist es sicher richtig, Frauen davor zu warnen, Männer zu verwöhnen oder ihnen ein Frauenbild vorzuspielen, das sie gerne sehen möchten.

 

6.2. Das Märchen verstanden als Traum eines Mannes

Nehmen wir an, das Märchen sei subjektstufig als ein Traum eines Mannes zu verstehen. Als Traum eines einzelnen Mannes entspricht die Person des König ganz dem, was der Psychotherapeut Horst E. Richter über patriarchale Männer schreibt und zudem ganz übereinstimmt mit der Sicht von Verena Kast. Der König im vorliegenden Märchen hat tatsächlich einen Machtkomplex mit hochfliegende Plänen und Realitätsverlust. Er ist tatsächlich starr, will nichts hergeben, nichts loslassen und lebt in einer Art Versteinerung. Die drei Söhne symbolisieren drei psychische Aspekte des Königs, die zugleich einen dreifachen Anspruch ans Leben bzw. an die Frau verkörpern: Die Frau soll jung und schön und sexuell attraktiv sein, auch wenn der Mann schon alt ist. Die Frau soll ihn emotional aufmuntern und mütterlich versorgen ohne Gegenseitigkeit und sie soll für ihn schöpferische Muse sein ohne Anspruch zu erheben auf die Urheberschaft bei den schöpferischen Werken.

Der Anspruch auf mütterliche Versorgung ist durch den ersten Prinzen verkörpert. Er lässt sich kulinarisch verwöhnen und bleibt seelisch unentwickelt. Das Verharren in der häuslichen Bequemlichkeit führt schliesslich folgerichtig zur geistig/seelischen Erstarrung. Im zweiten Prinzen ist der Anspruch auf sexuelle Versorgung symbolisiert. Er verliebt sich augenblicklich in die attraktive Hexe und er will sie sogleich umarmen und küssen und "Hochzeit" halten, also mit ihr "schlafen" und sie dann als Ehefrau "mitnehmen" auf sein Schloss. Damit handelt er in der typisch patriarchalen Vorstellung, es sei der größte Wunsch jeder Frau, einen Mann zu heiraten und ihm in seine Heimat zu folgen. Die traditionelle Psychologie verkehrt diesen Wunsch sogar in eine Vorschrift, indem nun jede Frau aus tiefstem Herzen wünschen müsste, sich zu verheiraten und Kinder zu haben, ansonsten sie nicht normal sei. Daher kommt der Prinz gar nicht auf die Idee, die Frau, in die er sich verliebt hat, könnte seinen Antrag ablehnen. Er ist auch absolut unfähig, die frustrierende Erfahrung und seine ins Wanken gekommene Sicht auf das Geschlechterverhältnis zu revidieren. So kommt es, psychologisch gesprochen, folgerichtig zur psychischen Erstarrung und Versteinerung auch des zweiten Prinzen.

Im zweiten Prinzen kommt die "Blindheit" des Königs auch darin zum Ausdruck, dass er unfähig ist, in der jungen Frau, die ihm freundlich und ohne irgendwelche Allüren begegnet, die Herrin eines eigenen grossen Schlosses und die Besitzerin von grossen Schätzen zu erkennen. Er ist blind für die absurde Situation, die sich aus seinem Heiratsantrag für die Hexe ergibt. Vermeintlich macht er ihr das einmalige Angebot ihres Lebens, einen Prinzen zu heiraten, während in Wirklichkeit sie selber im Besitz der wichtigen Lebensgüter ist und sie zudem über grosse Reichtümer verfügt. Sie weiss zudem, dass dem Prinzen via Heirat ihr ganzer Besitz zufallen würde. Im Patriarchat wurde der Mann bekanntlich Eigentümer über den materiellen und geistigen Besitz der Frau, ohne dass er nur einen Finger zu rühren brauchte. Der Kampf der Frauen gegen dieses Unrecht liegt nur wenige Jahre zurück, und ich erinnere mich noch gut, mit welcher Hartnäckigkeit der Grossteil der Männerwelt an ihren Privilegien festhielt.

Wenn wir das Märchen objektstufig als kollektivierter Menschheitstraum von Männern auffassen, würde es auf der Kollektivebene die Schilderung von realen Verhältnissen wiedergeben. Es schildert einen patriarchalen König, der uneingeschränkt regiert und der weder das menschliche Schicksal des Altems anerkennen noch die Regierungsgeschäfte seinen erwachsenen Söhnen übertragen will. Vielmehr gängelt er sie mit dem Hinweis, jener solle nach seinem Tode Reich und Krone erhalten, der ihm das Verjüngungsmittel verschafft, über das eine junge und attraktive Frau verfügt. Da dies keinem der Söhne gelingt, ihm diese Frau zu beschaffen, bzw., weil zwei der Prinzen schliesslich selber die Frau besitzen möchten, sieht er sich genötigt, sich selber auf die Socken zu machen. Er ist sich des Erfolges sicher, weil er denkt, sich den Zugang allenfalls mit dem Schwert zu erzwingen, also mit Gewalt und Vergewaltigung. Glücklicherweise gelingt ihm dieses Vorhaben nicht. Leider identifiziert sich darauf eine patriarchatshörige Frau mit dem Aggressor. Es gelingt der Prinzessin , die Hexe zu töten, weil diese ihr vertrauensvoll und ungeschützt entgegentritt. Die Aussage, "eine Frau ist der Tod" kann nur bedeuten, wenn Frauen sich mit dem männlichen Aggressor identifizieren und in der Folge gegen ihresgleichen kämpfen, dass die Situation für das weibliche Geschlecht tödlich wird. Denn erst mit Hilfe der Prinzessin gelingt es den Männern, die Schätze der Hexe an sich zu bringen und das Frauenvolk zu enteignen. Wie uns die feministische Historik lehrt, ist eine solche Enteignung ja tatsächlich passiert und dies auf allen Ebenen.

Fazit: Sowohl die subjektstufige als auch die objektstufige Betrachtungsweise weist unser Märchen als Traum eines Mannes bzw. als Menschheitstraum von Männern aus. Das Märchen drückt Männerwünsche, Männerphantasien und Männerverhalten gegenüber dem weiblichen Geschlecht aus. Diese Feststellung beantwortet auch meine eingangs gestellte Frage, wie wir erkennen können, ob es sich bei einem Märchen um einen kollektivierten Frauen- oder Männertraum handelt.

Ferner wurde deutlich, dass die in der Analytischen Psychologie die eigenen theoretischen Voraussetzungen vergessen werden, nämlich die Unterscheidung zwischen der Subjektstufe und der Objektstufe. Diese Unterscheidung wurde leider schon von C.G. Jung selber "vergessen" bzw. für die psychotherapeutische Praxis verworfen und dies mit einer katastrophalen Begründung, die uns durch die Jungianerin Marie Luise von Franz vermittelt wird: Die Deutung auf der Subjektstufe sei "praktisch fast immer die empfehlenswertere", man könne "ja die Außenwelt nur selten ändern, wohl aber durch Einsicht sich selber wandeln". So sei es "zum Beispiel bei Träumen von bösen Figuren immer empfehlenswerter, sie als Balken im eigenen Auge denn als Splitter im Auge der anderen anzusehen" (M.L. von Franz: C.G.Jung. Sein Mythos in unserer Zeit, 1972, Seite 115). Aufgrund der Ansicht, man könne oder solle die realen Verhältnisse vernachlässigen, kommt es ständig zur Umkehrung von Faktoren, die in Träumen zum Ausdruck kommen. Fühlt sich eine Frau durch Machtansprüche anderer Menschen bedroht, wird ihr sofort ein eigener Machtanspruch unterstellt mit der Frage, wo sie selber Macht ausüben wolle. Die Frage müsste aber umgekehrt lauten, von wem sie sich auf der Objektebene bedroht fühlt. Jede Frau ist zum Beispiel ganz real von patriarchalen Strukturen und männlichen Privilegien bedroht. Es ginge in der Therapie also darum, mit der Klientin zu überlegen, wie sie sich diesen Ansprüchen widersetzen und sich abgrenzen könnte. Die Vernachlässigung der Objektebene wurde auch bei der  Interpretation unseres Märchens durch die Jungianerin Verena Kast deutlich, und ebenso die verheerenden Auswirkungen, die sich durch die Verlegung der Märcheninhalte auf die Subjektstufe eines weiblichen Individuums ergeben.

7. Traumdeutung als Symboldeutung

Träume sprechen in Sinnbildern und Metaphern, also in Symbolen. Traumdeutung ist im Grunde nichts anderes als Symboldeutung. Carola Meier-Seethaler meint mit Hinweis auf Erich Fromm, wir müssten Träume nicht deuten, sondern die Symbolsprache verstehen lernen. Die Sprache der Träume sei universell zufolge der allen Menschen gemeinsamer psychischen Tiefenstruktur und Körpersprache. Symbole mit psychischen Botschaften seien ständig präsent in Sprache, in religiösen Erzählungen (Mythen), Märchen, Werbung, Film, Kunst, die wir spontan mit unseren Gedanken und Gefühlen in Verbindung bringen. Weil alle Menschen mit ihren Sinnen dieselbe Außenwelt erfahren wie Sonne, Mond, Feuer, Wasser, erscheinen sie auf der ganzen Welt als Symbole, um psychische Zustände zu beschreiben. Horizontale Vergleiche zeigen ferner, dass in mythischen Erzählungen aller Völker ähnliche Motive auftreten z.B. das Verschlungenwerden als Metapher für Wandlung und Neubeginn. Vertikale Vergleiche zeigen, dass wir in der Geschichte von Tiamat und Marduk die Geschichte der Errichtung der Männerherrschaft in symbolischer Form vor uns haben (Meier-Seethaler anlässlich ihres Seminars im iff-forum zur Feministisch reflektierten Psychotherapie, 08.01.99).

8. Aktualisierung des Märchens unter neuem Titel - Die Schatzhüterin

Eine Königin und ein König hatten drei Söhne. Der älteste Sohn war schon verheiratet und hatte Kinder. Nun schien es der Königin, ihr alternder Mann werde immer unzufriedener und lebensgieriger. Seine Langeweile versuchte er mit großen Gelagen und mit dem Anzetteln von Kriegen zu vertreiben und nun schielte er auch noch nach jungen Frauen und einer späten Romanze. Auch der Dienerschaft fiel die Veränderung des Königs auf. Daher erzählte ihm ein Ministier von der verjüngenden Kraft des Wassers eines Zauberbrunnens, der im Schlossgarten auf einem hohen Felsen stehe. Er gehöre aber einer Hexe, die eine Teufelin sei und den Brunnen bewache.

Der König liess seine Söhne rufen und versprach demjenigen, der ihm von diesem Wasser bringe, Reich und Krone nach seinem Tod. Der jüngste Sohn meldete sich, sattelte sein Pferd und ritt fort. Nachdem er mehrere Tage geritten war, begegnete ihm ein Fischer. Dieser riet ihm umzukehren, denn schon viele Prinzen seien gekommen, um vom Zauberbrunnen zu schöpfen, seien aber nicht zurückgekehrt. Aber der Prinz hörte nicht auf ihn. Im Schlossgarten angekommen konnte er nirgends eine alte Hexe entdecken, sondern ein junges, attraktives Weib stand vor ihm, die ihm Speise und Trank anbot. So steckte er sein Schwert ein, setzte sich zu Tisch und begann zu essen. Kaum hatte er jedoch einen Bissen berührt, erstarrte er zu Stein.

Als der Prinz nicht ins Schloss zurückkehrte, machte sich der zweite und später der dritte Prinz auf den Weg und schließlich der König selber. Der König dachte, einem König werde das Weib nicht widerstehen können, andernfalls er sich den Zutritt schon zu erzwingen wisse. Aber auch er blieb fort und die Königin blieb mit ihrer Dienerschaft allein im Schloss zurück. Als dieser Zustand eine geraume Zeit anhielt, ließ die Königin ausrufen, sie selber werde nun die Führung des Reiches übernehmen und regierte danach während vielen Jahren zur Zufriedenheit des Volkes.  Weil aber immer wieder Gerüchte zu ihr gelangten, daß noch immer Scharen von Männern zum Schloss der Hexe ritten und in ihren Bann gerieten, wurde sie neugierig und beschloss, die Hexe aufzusuchen. Sie dachte, vielleicht sei die Frau einem bösen Zauber verfallen und müsste erlöst werden. Und weil die Königin während den vielen Jahren ihrer Regentschaft eine starke Frau geworden war und Bescheid wusste über das Getriebe der Welt und der Menschen, meinte sie, sie wäre imstande, eine Person von ihresgleichen zu erlösen.

Die Königin verfasste zunächst ein Dekret, um ihre Nachfolge zu regeln. Sie ließ an ausgezeichnete Frauen des Landes Einladungen verschicken und fand kluge und würdige Nachfolgerinnen. Nachdem sie den Frauen das Reich übergeben hatte, zog sie Männerkleider an, ließ ihre Lieblingsstute satteln und ritt fort. Auch sie begegnete dem Fischer, der sie vor der Gefährlichkeit der Hexe warnte. Sie solle sofort umzukehren, meinte er, oder der Hexe das Schwert in den Leib stoßen, ohne ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. Aber die Königin lachte nur über diese ängstlichen Anweisungen.

Im Schlossgarten traf die Königin auf eine nicht mehr ganz junge, aber stattliche Frau. Da sie von der langen Reise hungrig und durstig war, nahm sie die Einladung zu einer Mahlzeit gerne an, wollte jedoch zuerst den Grund und die Absicht ihres Besuches erklären. Die Hexe freute sich, endlich von jemand nach ihrem Schicksal befragt zu werden, denn keiner der männlichen Besucher hatte Interesse an ihrer Person gezeigt. Die "Hexe" eröffnete der Königin, sie sei in Wirklichkeit ebenfalls eine Prinzessin und Königin und habe die Aufgabe, über seltene Schätze zu wachen, die sie von ihren Urmüttern aus der Vorzeit geerbt habe. Sie erzählte von ihren Ahninnen, von Priesterinnen und Tempelschätzen und Göttinnen, denen diese diente. Ferner schilderte sie zauberhaften Rituale und Liebesmysterien aus einer längst vergangenen Zeit und wie glücklich sie sei, eine Frau einweihen zu können. Die Hexe erläuterte zudem, die großen Schätze könnten nur zusammen mit anderen Frauen gehoben und in die Neuzeit transponiert werden. Weil sie im eigenen Schloss und ohne Mann lebe und männliche Besucher abweise, die auf ihre Schätze gierig seien, werde sie als böse Hexe verschrien und beschuldigt, an der Versteinerung der Männer schuldig zu sein. So erzählten sich die so unterschiedlichen Königinnen ihre Geschichten, und hatten schließlich das Gefühl, in der anderen eine zuverlässige und ebenbürtige Schwester gefunden zu haben.

Nach dem Gehörten unterließ die Königin wohlweislich, nach ihren verschwundenen Söhnen und ihrem königlichen Gemahl zu fragen. Sie nahm zudem wahr, dass sich die vermeintliche Hexe auf zahlreiche Künste verstand, auch auf die Kräuter- und Heilkunst, denn sie vermochte Lahme gehend und Blinde wieder sehend zu machen. Die Königin bat daher, bei ihr lernen zu dürfen und wurde die erste Schülerin der Hexe. Diese öffnete ihre riesigen Schatzkammern und unterirdischen Gemächer und liess die Königin an ihren Reichtümern und alten Schriftrollen teilhaben, die sie so lange allein gehütet hatte.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der Königin, die bei der Hexe lernte, daher von überallher weitere Schülerinnen eintrafen. Nach sieben Jahren fühlte sich die Königin selber erlöst, erlöst von ihrer Unruhe und ihren Sehnsüchten, während sie zuvor gemeint hatte, die Hexe erlösen zu müssen. Mit weiteren gelehrten Frauen kehrte die Königin in ihr Reich zurück und wurde von ihren Nachfolgerinnen begeistert begrüßt, denn die Kunde von ihrer Weisheit und Gelehrtheit hatte auch sie erreicht. Einige der Frauen bezeichneten sich nun selber als Hexen in der Absicht, ihre Lehrmeisterin zu ehren. Das Wort Hexe sollte nun als Ehrentitel gelten.

Gemeinsam gründeten die Frauen nun eine Lebens- und Lernschule für wissbegierige Frauen, die von weit her, um endlich die Dinge zu lernen, die sie schon immer lernen wollten: Die Geschichte der Ahninnen, Priesterinnen und Göttinnen, die Weisheits- und Liebeslehren, den Tempelbau, die Herstellung von Stoffen, Geräten und Instrumenten, die heiligen Mysterien, die Lehre von Himmel und Erde und der menschlichen Entwicklung, den Anbau der Kulturen, den gerechten Handel und viele andere Dinge. Auch den Widerstand und die Verweigerung wollten sie lernen, denn noch immer gab es Männer, die den Frauen vorschreiben wollten, was sie zu tun und zu lassen hätten und ihr die vollen Menschenrechte verweigerten. Indes merkten die Frauen sehr bald, dass die Lebensschule viel anstrengender und umfassender war, als sie gemeint hatten. Trotzdem kam es ihnen vor, dass das Lernen viel leichter und rascher vor sich gehe und herzerwärmender sei, als sie es von Männerschulen kannten. Die Frauen blühten auf und lebten zufrieden, trotz Rückschlägen und Problemen. Es gab immer mehr Frauenschulen und Werkstätten und auch die Tanz- und Frauenfeste blühten wieder auf.

Die Männer mussten sich nun selber um ihre Versorgung kümmern. Zuerst waren sie wütend und neidisch, weil die Frauen sich jetzt auch noch als Frauenvolk und ein Volk von Schwestern verstanden. Manche Männer verweigerten ihre Mitarbeit bei den Kindern und im Haushalt. Andere klagten, es gehe doch nicht, dass Frauen ihre Männer im Stich ließen. Zeitungen schrieben, es gehe den Frauen ja nur darum, die Verhältnisse umzukehren und das sei schliesslich auch keine Lösung. Auch Männer seien durchs Patriarchat geschädigt und zudem wären es ja die Frauen, die Knaben und Männer erzogen hätten. Aber die Frauen reagierten gelassen auf die Klagen und Vorwürfe. Sie wussten nun die Antworten: Solange Männer den Anspruch machten, von Frauen versorgt zu werden wie die Kinder, blieben sie unselbständig und entwickelten sich zu Egoisten, anstatt zu vollwertigen Erwachsenen. Zudem sagten die Frauen, eine Männerwelt, die von den Mühen des Alltags befreit sei, würde den beruflichen Achtstundentag dazu benützen, ihre Privilegien auszubauen und Frauen in der gesellschaftlichen Ohnmacht zu halten.

Trotzdem gewöhnten sich die meisten Männer besser an die neue Situation als sie befürchtet hatten. Vielen gelang es, sich aus der Versteinerung zu lösen und Gefallen zu finden an der Alltags- und Familienarbeit. Insbesondere merkten sie, wie entspannend und belebend sich der regelmäßige Wechsel von Erwerbsarbeit zur Familienarbeit und umgekehrt auf Lebensqualität und Gefühlshaushalt auswirkte, und wie schön es ist, von Kindern ebenso geliebt zu werden, wie Frauen und Mütter. Manche Männer lernten sogar, sich wieder liebenswert und begehrenswert für Frauen zu machen und ihre Geliebte im Sinne des Hohen Liedes erotisch zu erfreuen. - Wie es weiterging, wissen die Göttinnen.

Literatur:

Früh Sigrid: Die Frau, die auszog, ihren Mann zu erlösen, 1991

Gimbutas Marija: Die Zivilisation der Göttin, 1996

Kast Verena: Liebe im Märchen, 1992

Meier-Seethaler Carola: Ursprünge und Befreiungen. Die sexistischen Wurzeln der Kultur, 1992

Meier-Seethaler Carola: Von der göttlichen Löwin zum Wahrzeichen männlicher Macht, 1993

Trömel-Plötz Senta: Frauensprache - Sprache der Veränderung, 1982

Wisselinck Erika: Hexen. wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was davon auch noch falsch ist, 1986