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29 - Margarethe Susmann – Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes

Elisabeth Camenzind

Schicksal als jüdische Frau

Beim Wiederlesen von Susmanns Buch: Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes1 interessiert mich die Frage, ob Susmann, die sich in Gestalten und Kreise - Wandlungen der Frau 2 auch zur Frauenbewegung äusserte, ihr Schicksal als jüdische Frau in ihre Arbeit eingebracht hat. Dabei stelle ich fest, dass dies nicht der Fall ist. Susmann ist zwar scharfsichtig bezüglich der Situation des jüdischen Volkes, aber gänzlich blind für die Situation der Frau in diesem Volk. Zugleich fällt mir auf, dass ihre Ausführungen über das Schicksal der Juden auch als Metapher für die gesellschaftliche Situation der Frau gelesen werden können. Margarethe Susmann entwickelt klare Vorstellungen, wie das Schicksal des jüdischen Volkes gewendet werden könnte, die auch im Hinblick auf die Situation der Frau neue Perspektiven eröffnet.

Ins Weltschicksal verstrickt

Zur Frauenbewegung meint Susmann, sie sei in ihren Anfängen in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts  unproblematisch und naiv gewesen. Sie sei von der Einzelproblematik und vom Boden einer Welt ausgegangen, deren geheimes Wanken sie noch nicht gespürt habe. Die Frau habe die Gleichberechtigung vor den Gesetzen des Mannes gefordert, Mitarbeit an seinen Ordnungen und an seinem Werk und freie Einordnung ihres Eigenen in die männliche Welt. Aber als sich die Tore zu der erstrebten Welt fast über Nacht öffneten, habe sich gezeigt, dass der Mann der Frau gar keine Welt mehr anzubieten habe. Alle seine Ordnungen und Gesetze waren zerfallen und die Frau sei immer mächtiger mit dem Weltschicksal verstrickt worden. Der Mann habe der Frau nicht nur keine Welt mehr anzubieten, sondern er selbst sei von Heimatlosigkeit und Lebensangst erfüllt. Die heutige neue selbständige, selbstbewusste Frau mit dem grossen Traum im Herzen habe in dieser Welt keinen Partner. Sie sei auf sich zurückgewiesen unermesslich allein.

Voller Mitleid

Susmann erkannte also sehr deutlich die Heimatlosigkeit der Frau, zog aber nicht die von mir erwarteten Konsequenzen. Sie denkt nicht darüber nach, wie der Frau zu helfen wäre, sondern wie dem heimatlos gewordenen Mann, der "nach der weiblich mütterlichen Urwirklichkeit“ rufe, auf die Beine zu helfen wäre. Voller Mitleid schreibt sie, die Dämonie seiner eigenen Sachwelt sei über den Mann hinweg gegangen. Er hänge im Nichts. Der heutige Mann brauche die Frau in seinen unendlichen Nöten und Miseren, äusseren und inneren. Er fliehe zu ihr wie zu einer Mutter oder Schwester, wo sie ihm nicht Zerstreuung und Genuss bedeute. Die vom heutigen Mann ersehnte Frau trete in anonymen Formen auf: 1) Als durch Schminke dem Eigenen beraubte, maskenhafte Liebespartnerin, 2) als tröstende, bergende Mutter, in deren Schoss er zurückstrebe, 3) als Schwester, die aus ihrer ursprünglichen grösseren Lebenskraft heraus ihm sein verworrenes Schicksal tragen helfe.

Ausmass der Verinnerlichung

Die von Susmann aufgezählten Sehnsüchte und Nöte des Mannes sind insofern erwähnenswert, weil sie das ganze Ausmass der Verinnerlichung von patriarchalen Vorstellungen über Weiblichkeit und Aufgaben der Frau sichtbar machen. Die Philosophin Susmann hat die Botschaft des Apostel Paulus restlos verinnerlicht, dass die Frau für das Wohlergehen des Mannes zuständig sei, nicht aber umgekehrt. Der Jungianer Erich Neumann, der ebenfalls von jüdischer Herkunft ist, und C.G. Jung haben diese Vorstellungen ja auch für die Psychologie wieder salonfähig gemacht. Analoge Vorstellungen habe ich bei der Märchenerzählerin Sigrid Früh wahrgenommen, bei der Männer von Frauen "erlöst" werden, jedoch letztlich auch wieder auf Kosten der Frauen3. Auf diese Weise gerät die Not der Frau erneut in den Hintergrund.

Unerträglich gemeiner Stallknecht

Susmanns persönliche Situation war die folgende: Sie war von ihrem Mann nach Jahren gegenseitiger Zuneigung und Wertschätzung verlassen worden. Er war in Leidenschaft zu einer rothaarigen Frau entbrannt, mit der er fortan leben wollte. Susmann beschreibt, wie sie einander auf dem Bahnsteig schmerzerfüllt winkten und wie sie selber völlig verwirrt und verständnislos zurückblieb. Aus einem ihrer Aufsätze geht hervor, dass sie dachte, sie habe die sexuellen Bedürfnisse des Mannes zu wenig berücksichtigt. Sie verstand das Verlassenwerden also als eine Folge ihres persönlichen Versagens im sexuellen Bereich. Aus dieser persönlichen Erfahrung leitete sie die allgemeine Forderung an "die Frau" ab, sie solle sich dem Partner als einer "leidenden, zerbrechenden Kreatur" hingeben. Die Erlösungsbotschaft der Frau an den Mann ruhe „nicht mehr in der Reinheit und Ausschliesslichkeit der Liebe zu dem einen, einzigen, mit Namen benannten, heldisch ritterlichen Mann, sondern in der fraglosen, nichts erwarteten Hingabe an den Namenlosen, Kranken, an den Bettler um Leben, der der Mann heute sei (Wandlung der Frau: S.169). Ausdruck dieser Forderung ist ihr Kafkas Schloss: Ein Mädchen aus dem Ort erhält eines Tages von einem Boten des Schlosses, einem Stallknecht, den sie flüchtig gesehen hat, einen unerträglich gemein und unzüchtig abgefassten Brief, der in dürren Worten ihre Hingabe fordert. Sie zerreisst ihn und wirft ihn aus dem Fenster. Und an dieser Tat gehe das Mädchen zugrunde wie an einer finsteren Todsünde und ebenso ihre ganze, von ihr allein gestützte Familie. Susmann ist ausserstande zu erkennen, dass Kafka eine empörend patriarchale Situation zeigt, die zu kritisieren und zu bekämpfen wäre. Sie verkennt zudem, dass in Kafkas Schloss nicht ein "armer, um Liebe bettelnder" Mann, sondern ein "unerträglich gemeiner“ Stallknecht Rechte am Körper der Frau einfordert. Anstatt das Unrechtssystem anzuprangern, kritisiert sie das Mädchen, das lieber stirbt, als sich einer Selbstentfremdung und dem Selbstverlust anheim zu geben.

Erschreckend blind

Susmann missdeutet die sexuelle Forderung an die Frau sogar als ein "Anruf von drüben". Es gebe keine grössere Sünde als das Überhören eines Rufes von drüben, gleichviel in welcher Form er den Menschen erreiche. Es sei keine grössere Sünde als das Vertrauen des Menschen auf sich selbst und das Sich-bewahren-wollen gegenüber dem unbekannten Unbedingten (Hiob S.169). Die in anderen Bereichen so hellsichtige Philosophin und Dichterin ist gegenüber der Situation der Frau also erschreckend blind. Durch Umdeutungen versucht sie der Einsicht zu entgehen, dass die Situation der Frau viel tragischer ist, als die des Mannes. Sie wagt nicht zu erkennen, was ihr selbst und allen Frauen angetan wird, in welchen Völkern auch immer, die patriarchal organisiert sind.

Das Heimweh der Frau

Susmann geht noch weiter: Ihrer Meinung nach liegt "Grösse" darin, "um der Liebe Willen die eigene Gestalt und den eigenen Traum aufzugeben". Und dies, obgleich sie klar formuliert, die Verwirklichung einer solchen Liebe bedeute "für die weitaus grösste Mehrzahl der Frauen nur eine endgültige Zerrüttung ihres persönlichen Daseins". Das Heimweh der Frau "nach glücklicheren Bedingungen" ist für sie kein Motiv, sich bessere gesellschaftliche Bedingungen zu erkämpfen. Im Unterschied dazu gelingt es ihr bezüglich des jüdischen Volkes sehr wohl, glücklichere Voraussetzungen auszudenken.

Wer oder was ist schuld

Die Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes beschreibt Susmann überaus sprachgewaltig. Sie setzt bei der Schuldfrage an: Wer oder was ist schuld am Schicksal des jüdischen Volkes? Ist Hiob, das jüdische Volk, selber schuld? - "Ist am Ende gerade die Schuldlosigkeit Hiobs jenes allerdunkelste Geheimnis, auf das Satan Gott gegenüber seinen Finger gelegt hat, weil er hier anzusetzen vermag, weil der, der die Schuld begangen und damit das menschliche Teil auf sich genommen“ habe, errettbarer sei als der, der sie um der Reinheit willen abgewiesen und sich so um des Göttlichen willen ausserhalb des Menschlichen gestellt habe (61).

Metapher für das jüdische Volk

Hiob steht hier als Metapher für das jüdische Volk, während ich ihn gleichzeitig als Metapher für die Frau und das Frauenvolk interpretiere. So gesehen wirft Susmann den Frauen vor, sie hätten um der Reinheit und des Göttlichen willen den menschlichen Teil nicht auf sich genommen. Was sie unter dem menschlichen Teil bezüglich der Frau versteht, habe ich bereits erwähnt (Gewährung von Sexualität an Männer, die den Gebrauch ihres Körpers fordern).

Wiederherstellung seiner Gerechtigkeit

Ferner schreibt Susmann: "Am Zerreissen des Bandes zur menschlichen Gemeinschaft“ erfahre Hiob „erst sein ganzes Verbundensein mit Gott... was Hiob, von Gott verlangt“, sei weder Trost noch Aufhebung seines Leides; es sei einzig die Wiederherstellung seiner Gerechtigkeit, damit Gott wieder der sei, dessen Weg und Willen er begreift (65,53). - "Nur um das einmal wahrhaftig Besessene wird so gerungen, nur der Liebende kann so rechten; nur um den Geliebten wird so gelitten" (Hiob, S.52).

Entwertung der verlassenen Frau

Auf Susmanns persönliche Situation übertragen heisst dies, sie kämpft um die Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Nicht das Verlassenwerden durch den Gatten hat sie als das Schlimmste erfahren, sondern die Frage nach dem Warum. Das Rechten mit Jahwe wird hier zur Metapher für das Rechten mit dem Ehegatten. Bei Hiob findet sie die Antwort für das Verlassenwerden: Es ist eine Prüfung des tieferen Vertrauens, der reiferen Treue, der wirklichen Liebe (47). - Mit dieser Deutung versucht Susmann der Entwertung der verlassenen Frau zu entgehen.

Jahrtausende altes Ausnahmeschicksal

Das jüdische Volk sei ein entwurzeltes Volk. Es sei ein durch alle Völker verstreutes Volk, das überall fremd, überall beheimatet und überall heimatlos sei. Es sei durch ein Jahrtausende altes Ausnahmeschicksal geformt und entformt worden. Es sei ein seit undenklichen Zeiten aus der Natur und aus der schlichten Selbst­verständlichkeit der Beziehung zu den Mitmenschen ausgewurzeltes Volk (83). Den Ariern hätten die Juden als "weibisch“ gegolten und also als minderwertig. Sie erwähnt Otto Weiniger, der die Wesensart des „Weibes" und des Juden gleichgesetzt habe.

Durch alle Völker verstreutes Volk

Wieder kann das, was Susmann in schmerzlicher Erkenntnis über das jüdische Volk sagt, als Metapher für das Frauenvolk verstanden werden. Die Frauen sind ein durch alle Völker verstreutes Volk, das überall fremd, überall beheimatet und überall heimatlos ist. Sie sind geformt und entformt durch die Weiblichkeitsdressur und sie sind aus der schlichten Selbstverständlichkeit der Beziehung zum Manne ausgewurzelt.

Ein fortwucherndes Riesengeschlinge

Das jüdische Volk sei ein verleumdetes Volk. Eine gigantische Propaganda wälze ihm von der Völkerwelt entgegen, "als ein wirrer, unauflöslicher Knäuel von Hass, Verachtung und tausendfältig wiedererzeugender Verleumdung". Dieser sei wie ein unterirdisch kriechendes Gewürm, ein fortwucherndes Riesengeschlinge von Würmern, mit dem jeder offene Kampf unmöglich und gar unsinnig sei (85).

Falsche  Zuschreibungen

Auch Frauen sehen sich falschen Zuschreibungen gegenüber, einem unterirdisch kriechenden Gewürm. Allerdings sind sich feministische Frauen heute darin einig, dass der Kampf mit dem Ungeheuer der falschen Zuschreibungen aufgenommen und durchgestanden werden muss.

Leidenschaft des Enterbten

Das jüdische Volk sei ein Volk, das sich verkennt. Die Selbstverkennung und der Selbstverachtung wachse ins Ungemessene dadurch, dass der Hass nicht im offenen Kampf ausgetragen, der Verleumdung nicht begegnet, die Verachtung nicht offen zurückgegeben werden könne. Die Tatsache, dass der Jude den, der ihn verachtet, mit der Leidenschaft des Enterbten bewundere, bedeute eine Erschwerung und Verzerrung mehr. Es hebe die Selbstachtung nicht, von denen verachtet zu werden, die man verachtet (89).

Metapher für die Frau

Auch dies kann als eine Metapher für die Frau verstanden werden: Selbstverkennung, Selbstverachtung und Selbsthass sind unter Frauen verbreitet. Es hilft auch der Frau nicht weiter, die zu verachten, von denen sie verachtet wird. Auch Frauen unterliegen der Gefahr, dass sie mit der Leidenschaft der Enterbten, den Mann und das Männliche bewundern.

Verlust der Selbstachtung

Der Verlust der Selbstachtung sei die zwangsläufige Folge einer Unterlassung, die darin bestehe, dass ein Mensch nicht in die volle, verantwortliche Auseinandersetzung mit dem jüdischen Problem eingetreten sei (91). Sie verweist auf Otto Weininger, der verächtlich über seine eigene Herkunft schrieb, weil er das vorgeblich "weibische" Judentum hasste.

Frauenhass von Frauen

Der Selbsthass der Juden kann ebenfalls als Metapher für Frauen genommen werden. Der Frauenhass von Frauen ist zur Genüge bekannt.

Ein Volk von Schwestern

Nach Susmann hängen alles menschliche Glück sowie alle menschliche Entfaltung daran, dass wir uns "durch anderes wertgehaltenes Leben im eigenen bestätigt" finden (88). In Bezug auf die Frau stellt sich die Frage, von wem sie diese Bestätigung erwarten kann. Bekanntlich erhalten Männer ihre Selbstbestätigung von Ihresgleichen, vom Männervolk. Männer verstehen sich als ein Volk von Brüdern in einem Vaterland: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ein Volk von Schwestern in einem Mutterland gibt es noch nicht, vielmehr nicht mehr.

Ein unsichtbares Volk

Das jüdische Volk sei ohne Zuhause, in dem es geborgen und bei sich sein könnte. Es lebe ohne, Schutz, ohne Mauern in einer offenen Höhle, deren Finsternis sein Antlitz verdunkle. Der Schein eines fremden Tages werfe auch noch Schatten auf seine Entstellungen, Wunden und Schwären. Sein Heimlichstes, sein Leid liege bloss vor den Augen der Menschen. Jeder habe ein Urteil über dies Volk, dessen Wesentliches er mit den Augen des Leibes doch nicht zu sehen vermöge, denn das jüdische Volk sei ein unsichtbares Volk geworden (92).

Gesellschaftliche Führungsposition

Auch diese Lagebeschreibung kann als Metapher für das Frauenvolk genommen werden. Das Frauenvolk, das in der menschlichen Frühzeit das erste Geschlecht war, das durch weibliche Gottheiten repräsentiert war und eine gesellschaftliche Führungsposition einnahm, ist ein unsichtbares Volk geworden. Es hat kein eigenes Zuhause mehr, in dem es bei Ihresgleichen geborgen sein und bei sich sein könnte. Die Ehe, der einzige ihr kampflos überlassene Ort, macht die Frau abhängig von einem einzigen Mann. Susmanns eigener Mann hatte wie jeder andere ein Urteil über sie. Er nimmt Frauen durch seine patriarchal gefärbte Brille wahr und ist ausserstande, sie in ihrem wirklichen Sein zu erkennen. Das Frauenvolk ist noch immer ein kaum sichtbares Volk, während das jüdische Volk inzwischen ein sichtbares geworden ist.

Schärfung des Wahrheits­sinnes

Das jüdische Volk habe sich schuldhaft angepasst. Die assimilierten Juden hätten "als Europäer in wachsendem Masse in einer chaotischen, sinnfremden Welt gelebt. Man habe den jüdischen Geist immer wieder der Zersetzung angeklagt. Aber dieser habe zugleich die negative Seite einer gewaltigen Schärfung des Wahrheits­sinnes bedeutet, der mit strenger Offenheit die Lügen und Verderbnisse einer sinkenden Kultur aufgedeckt habe (95).

Männliche Wünsche

Was hat Susmanns Hinweis auf eine gewaltige Schärfung des Wahrheits­sinnes infolge der jüdischen Assimilation im Hinblick auf das weibliche Geschlecht zu bedeuten? - Assimilation heisst nach dem Synonymenlexikon: angleichen, anpassen, verschmelzen, einverleiben, einfügen, einordnen. Für Frauen hiess dies, sie sollten sich an männliche Vorstellungen, Forderungen und Wünsche anpassen und dabei auf den Anspruch einer eigenen Identität und  Persönlichkeit zu verzichten, um ganz im Manne "aufzugehen".

Vermessener Traum geträumt

Susmann schreibt weiter: Was von den Juden am Ende einer Epoche übrig blieb, in der sie den vermessenen Traum geträumt hatten, Menschen wie andere Menschen zu sein, war eine vollkommene Auflösung der jüdischen Wirklichkeit und des jüdischen Menschen selbst. Stefan Zweig gebe in seinen Erinnerungen eines Europäers ein krasses Bild dieser Auflösung des modernen Judentums, all dieser einander fremd und unbegreiflich gewordenen Existenzen, die plötzlich wie von einem entsetzlichen, unverständlichen Zufall aufgescheucht, durch die gemeinsame Verfolgung „wie Schmutz auf den Strassen zusammengekehrt wurden, die Bankdirektoren und die Synagogendiener, die Pariser Philosophieprofessoren und die rumänischen Droschkenkutscher, die Leichenwäscher und die Nobelpreisträger…, die Schriftsteller und die Branntweinbrenner, und noch mehr diese einander wildfremden Existenzen, die sich auf ihrer Flucht fremd und unbegreiflich anstarrten und denen nur eines gemeinsam war: das Aufgescheucht-sein, das Zusammengekehrt-werden“. Susmann fügt dieser entsetzlichen Schilderung eines unfasslichen Schicksals hinzu: "Selbst Freud, das klarste Ingenium dieser Zeit, wusste keinen Weg, keinen Sinn in diesem Widersinn" (95-96).

Unterlegenheit der Frau

Und die Frauen? Auch sie hoffen seit urdenklichen Zeiten, dass sie Menschen sein dürfen. Dass sie nicht mehr von Männern als "anders", gemeint minderwertig definiert würden, sondern sich nach ihren Begabungen entfalten dürften. Jüdische Männer waren ebenso unfähig, Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen anzuerkennen wie andere Männer. C.G. Jung schreibt dazu: "Die Unterlegenheit der Frau war (bei den Juden) eine ausgemachte Sache" (Antwort auf Hiob, 42). Es ist eine Ironie des Schicksals, dass männliche Juden schliesslich von den Ariern als "weibisch" und als Quasi-Frauen und verfolgt wurden.

Gestalt werden und gestaltlos werden

Den Gott des Alten Testaments schildert Susmann als den "Ewig Gestaltlosen" im Unterschied zu den Menschen, die das Gestaltete sind. Denn "nur das Gestaltete ist vergänglich." Indem die Juden sich "assimilierten", hätten sie sich als Volk aufgelöst. Diese Auflösung sei schon in der Bibel angelegt. Im Alten Testament sei nämlich ein Paradox formuliert, indem Gott den Menschen zwei gegensätzliche Aufträge erteilt habe. Der erste Auftrag laute, Gestalt zu werden, also zu leben. Der zweite Auftrag laute, gestaltlos zu werden, also sich aufzulösen und zu sterben. Susmann glaubt, Sigmund Freud (der Jude war) habe diesen Auftrag wieder gehört und in seine Theorie aufgenommen (Thanatos, der den Menschen in den Tod ruft): "Uns aber ist gesagt: 'Hütet euch um eurer Seelen willen: Gestalt habt ihr keine gesehen, als der Herr mit euch redete!' Keine Gestalt! Nichts Sichtbares, nur das gestaltlose Wogen des Lebens und Todes. So dicht am Abgrund des Nichtseins ertönt die Stimme, die vom Menschen sein ganzes Sein unerbittlich fordert… Nichts soll erblickt, nichts erkannt werden, wo allein dies Eine von uns gefordert ist: unser Leben. Und dies Eine so ganz, so restlos, bis zu der erbarmungslosen göttlichen Paradoxie, vor der in der Schöpfungsgeschichte Gott selbst zurückschreckt, dass „wir kurzlebigen, bedingten, ganz im Vielen und Gestalteten lebenden Geschöpfe ihm, dem Ewigen, Gestaltlosen, Einen und Unbedingten gleich werden sollen (Ebenbild, also gestaltlos). Welche Seele, die im Lauf der Jahrtausende diesen Aufruf des Einen durch die Vielheit des Lebens hindurch vernommen, hat sich vor ihm nicht entsetzt?" (Hiob, 104-106)

Anschuldigung der Welt

Die Anschuldigung der Welt gegen das jüdische Volk, "dass das Volk gestaltlos, wurzellos und im Eigentlichen unerkennbar sei" schlug nach Susmann in eine abgründige Angst um: Ein Volk, das gestaltlos und darum "alles ist und nichts ist, alles sein und werden kann", und also sogar die Weltherrschaft anstreben und vorbereiten könnte, schlug in Angst um.

Feministische Bewegung verdächtigt

Und was sagt dies über die Frauen aus? Die Angst vor den Juden entspricht der Angst vor den Frauen. Von den Frauen sagte Otto Weiniger ebenfalls, dass sie "Nichts" seien und gerade darum Alles werden könnten. Auch die feministische Bewegung wird immer wieder verdächtigt, das Matriarchat einführen zu wollen und also die Herrschaft über den Mann anzustreben.

Schuld einer schuldfremden Lebensform

Bei der Frage nach Hiobs Schuld erhebe sich "die paradoxe Frage nach der Schuld seiner schuldfremden Lebensform selbst..., so in dem Fehlen jeder sich nach aussen abgrenzenden und damit notwendig schuldhaften Form, in dem, was man die Weltunschuld des jüdischen Volkes nennen könnte, in dem Fehlen von Organisation und Macht". Ob nicht im Fehlen von all dem, was Krieg und Feindschaft herausfordert, in dem Sichfreihalten von den Welthändeln..., in diesem Reinbleiben von allen trüben Mittelsmächten, vielleicht eine Art Schuld liege: die Schuld, die Satan meint und die Gott so viel furchtbarer als jede wirklich begangene züchtige? - Die Geschichte selbst scheine heute diese Frage zu bejahen dadurch, dass gerade dort, wo das Volk am reinsten einem anderen Volk sich hingegeben, am meisten sich aufgegeben habe, es die „gewaltigsten Dämonien gegen sich entfesselt hat..., dass gerade dieses, das die Schuld als eigene abgewiesen hat, der Zorn Gottes in seiner ganzen Wucht“ treffe (147-149). - Hier spricht Susmann die Assimilation der deutschen Juden an.

Sich hingegeben und aufgegeben

Und die Frauen? Auch die Frau hat sich angepasst, assimiliert (an den Mann), hat sich hingegeben und aufgegeben, und auch sie scheint der "Zorn Gottes" in seiner ganzen Wucht zu treffen, denn die orthodoxen Juden stellten nach der Staatsgründung Israel die alte patriarchale Ordnung wieder her.

Tiefe Verschiedenheit

Die "entscheidenden Namen, die die Gestalt des abendländischen Judentums und weithin die abendländische Entwicklung mit­bestimmt haben: Marx, Freud, Bergson, Cohen, Simmel, Husserl, Buber, Rosenzweig, Goldberg, Kafka“, so springe aus der tiefen Verschiedenheit... die Auflösung jedes einheitlichen jüdischen Menschenbildes hervor (151).

Verfolgte unter Verfolgten

Und die Frauen? - Bezeichnenderweise fehlen bei dieser Aufzählung die Frauen. Sie haben offenbar die Gestalt des abendländischen Judentums nicht mitgeprägt. Die Metapher "der jüdische Mensch" bezeichnet wie überall nur den Mann. Bei der Verfolgung des jüdischen Volkes waren Frauen dann sehr wohl mitgemeint. Die Frauen gehörten (endlich) dazu, waren nicht mehr ausgegrenzt, waren Menschen wie andere jüdische Menschen, Verfolgte unter Verfolgten. Waren nicht mehr Frauen und Männer, sondern verfolgte Juden. - Was für eine tragische Art des Dazugehörens!

Voraussetzung der Rettung

Theodor Herzl „erblickte als damaliger europäisch denkender Geist die Voraussetzung der Rettung seines Volkes in der vollkommenen Gleichstellung des jüdischen Volkes mit den anderen Völkern, also in seiner Nation- und Staatwerdung" (160).

Nicht mehr schuldfremd

Und die Frauen? - In der Zwischenzeit ist der Staat Israel eine Realität. Das jüdische Volk hat einen Ort gefunden, um sich wieder zu beheimaten und einzuwurzeln. Es ist nicht mehr das zusammengekehrte, unkenntlich gewordene, der Verachtung ausgesetzte Volk, das Susmann darstellte. Es verfügt über Organisation und Macht und nimmt es in Kauf, Hass und Feindschaft herauszufordern. Das jüdische Volk ist nicht mehr schuldfremd, es hält sich nicht mehr abseits von den Welthändeln.

Judenschicksal / Frauenschicksal

Frage: Geht hier die Analogie: Judenschicksal = Frauenschicksal weiter? Ich habe bereits erwähnt, dass die orthodoxen Juden die alte Ordnung zwischen den Geschlechtern wieder hergestellt haben. Genau genommen ist nicht das jüdische Volk "nicht mehr schuldfremd", sondern das Männervolk. Das Frauenvolk wurde mittels Theorien eines jüdischen Landsmannes (Erich Neumann) noch mehr in die schuldhafte "schuldfremde Lebensform" hineinmanövriert, die "Gott so viel furchtbarer als jede wirklich begangene züchtigt." - Neumann wies den Frauen die Rolle der anpassungsfähigen alles verstehenden und ertragenden Mutter des Mannes zu.

Ein eigener Frauenstaat

Was ist aus all dem abzuleiten? Herzls Auffassung war, dass nur die Staatswerdung ein Volk retten kann. Hiesse dies - auf das Frauenvolk übertragen, dass nur ein eigener Frauenstaat die Situation der Frau verändern, ihre Heimatlosigkeit beenden kann? Eine absurde Idee? Allerdings hat Susmann noch eine weitere Idee von Israel entwickelt: "Denn Israel ist ja keine äusserlich eingegrenzte Wirklichkeit“, es sei  ein grenzenloser Sinn. Es sei „das wider den blossen Ablauf Eingerammte; es ist der zentrale Widerstand gegen das Chaos, gegen die leer und sinnlos verfliessende Zeit“. Es sei „die Tiefe des Menschendaseins als Volksein“, es sei die Bezeugung der Wahrheit für den Menschen, wie sie im Buch Hiob, ausgesprochen sei. „Sie wird nicht gefunden im Land der Lebendigen. Der Abgrund spricht: Sie ist in mir nicht, das Meer spricht: Sie ist nicht in mir. Sie ist verhohlen vor den Augen aller Lebendigen" (188).

Menschendasein als Volksein

In dieser geheimnisvoll anmutenden Rede spricht Susmann wesentliche Aspekte des menschlichen Lebens an. Sie stellt der äusseren Realität eine innere, seelische Dimension gegenüber, die "keine äusserlich eingegrenzte Wirklichkeit" darstellt, sondern grenzüber­schreitende Bedürfnisse und Sinnfragen berührt. Ferner spricht sie vom Schrecknis einer leer und sinnlos dahinfliessenden  Zeit sowie über das Bedürfnis nach Gestaltwerdung. Sie spricht auch das Bedürfnis nach einer selbstverständlichen menschlichen Gemeinschaft in sozialen Strukturen an sowie das Bedürfnis nach einem Menschendasein als "Volksein". Allerdings ist bei ihr das Volksein nicht identisch mit dem Staatsein.

Klage über Leere des Hausfrauendaseins

Was heisst dies bezüglich der Frauen? - Seit langem führen Frauen Klage über die Leere des Hausfrauendaseins. Nach der historisch langen Phase der Weiblichkeitsvorschriften, der Selbstlosigkeit und des Selbstverlusts, ist das Bedürfnis nach Selbstfindung und Selbstwerdung gross. Zugleich besteht ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft und Vernetzung mit anderen Frauen, also nach einem Dasein mit Frauen im Sinne eines Daseins als Frauenvolk. Das Volk-Dasein der Frauen gründet nicht in einer "äusserlich eingegrenzten Wirklichkeit" im Sinne eines Territorialstaates. Hingegen ist ein Dasein denkbar, das in Analogie anderer Strukturen als "Staat im Staat" bezeichnet werden könnte. Für diese Form gibt es genügend Beispiele. Staat im Staat sind die Kirchen, das Militär, das Bildungs- und Rechtswesen, das Erziehungs- und Gesundheitswesen, die Wirtschaft. Alle diese Strukturen bilden gewissermassen eigene Staaten im Staat. Der Vatikan-Staat erstreckt sich sozusagen auf die ganze Welt, der von den Katholiken auf dem offiziellen Steuerweg seine Steuern einfordern kann.

Eigene Strukturen und Orte für Frauen

Ein Dasein als Frauenvolk: Ich wiederhole Susmanns Erkenntnis vom Dasein als Volk und setze sie in Analogie zum Frauenvolk. Ihrer Meinung kann menschliches Dasein erst als wirkliches Dasein betrachtet werden, wenn wir das Leben als Volksdasein gestalten können. Frauenvolksdasein bedeutet, dass Frauen von der Anpassung an den Mann frei werden und zwar sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich. Selbstwerdung und die Gestaltung der Frauenwelt erfolgt durch Zusammenarbeit und Vernetzung mit Ihresgleichen. Das bedeutet: eigene Strukturen und Orte für Frauen sowie Landbesitz und Steuereinnahmen für Frauen. Die Aufgabe des  „Frauen-Staats“ im Staat" wäre, die Persönlichkeitsrechte und Interessen der Frauen wahrzunehmen und zu schützen. Zurzeit bestehen lediglich Strukturen für das Männervolk.

Frauenvolk und Männervolk

Strukturen haben nach Margarethe Susmann die Aufgabe, die vollkommene Gleichstellung eines Volkes mit den anderen Völkern zu erreichen. In Fall des Frauenvolkes bedeutet dies die Gleichstellung mit dem Männervolk. Würde diese Vision ernst genommen, würde jeder Staat zwei Völker umfassen: ein Frauenvolk und ein Männervolk. Diese Völker würden selbstverständlich wie andere Völker und Volksgemeinschaften den diplomatischen Austausch pflegen. Die Völker würden ihre je eigene Identität im Auge behalten. Sie würden entsprechende Symbole kreieren und eigene Kulturen gestalten und sich trotzdem den Gesamtinteressen im Sinne der Weltgemeinschaft verpflichtet fühlen.

Zum Schluss

Ich bin davon ausgegangen, dass Susmanns Interpretation der Hiobsgeschichte zugleich als Metapher für die Wiederherstellung einer Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern gelesen werden kann. Nach Susmanns Meinung werden Menschen und Daseins-Strukturen, die sich einer "schuldfremden Lebensform" verschreiben – mit Hinweis auf das jüdische Volk - besonders von Hass und Verachtung verfolgt. Als Hausfrauen führen auch Frauen eine "schuldfremde Lebensform". Sie halten sich heraus aus dem Händel der Männer in Wirtschaft, Staat und Welt, und sie halten sich darum für das moralisch bessere Geschlecht. In Wirklichkeit löst das Hausfrauendasein Verachtung und Hass aus. Kinder hassen ihre Mütter, weil sie sich in die konkurrenzfreie häusliche Welt flüchten und zugleich ihren Nachwuchs in die harte Wirtschaftswelt hineinstossen. Als Frauenvolk hingegen nehmen Frauen ebenfalls und ganz selbstverständlich im öffentlichen und politischen Raum ihre Verantwortung wahr. Damit werden Frauen fähig, vom Männervolk einzufordern, was Männer dem gemeinsamen Nachwuchs und der menschlichen Gemeinschaft insgesamt schuldig sind.

 Literatur

1 Margarete Susmann: Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes, 1968

2 Margarete Susmann: Gestalten und Kreise - Wandlungen der Frau, 1954

3 Sigrid Früh: Die Frau, die auszog, ihren Mann zu erlösen, 1991)

4 Elisabeth Camenzind: Die Schatzhüterin: Kriterien für eine feministische Märchen- und Traumdeutung, in: Feministische Reflektionen, 2004, iff-forum