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304 - Marianne Krüll: Die Geburt ist nicht der Anfang 

Prägungsvorgänge

Marianne Krüll (Die Geburt ist nicht der Anfang) beschreibt sehr eindrücklich die Prägungsvorgänge der Kindheit und dass diese Voraussetzungen das Gefühlsleben, das Verhalten und die Denkfiguren der Person vorbestimmen (prädestinieren). Das Wissen um die Bedeutung der Prägungen ermöglicht uns, das Zeitbedingte und das Relative von philosophischen, psychologischen und anderen Theorien zu erkennen. Auch Nigg weiss um die Zeitbedingtheit, die auch theologische Aussagen betreffen. Aber dann geht Krüll leider so weit, die Idee der Objektivität überhaupt fallen zu lassen zugunsten der Relativität, was ein großer und unverzeihlicher Verlust ist. Denn der Objektivitätsbegriff beinhaltet die Spannung zwischen der relativ zu erreichenden "Wahrheit" und der nie zur vollständig zu erreichenden objektiven Wahrheit. Der Sinn der Relativitätstheorie ist die Erkenntnis, dass die Wahrheitssuche sich schwieriger gestaltet, als frühere Philosophien meinten oder vorgeben. Die Einschränkungen unserer Erkenntnisfähigkeit sind so gross, dass der einzelne Mensch nie alle Aspekte einer Sache, geschweige denn die Welt und der Sinn von Geschichte erkennen kann. Die Objektivität ist ein nie erreichbares Ziel, aber als Zielformulierung ist Objektivität unverzichtbar.

Verantwortung

Krüll meint, die Objektivität durch den Begriff "Verantwortung" ersetzen zu können. Das ist falsch, da die Begriffe völlig verschiedene Bereiche bezeichnen. Es wäre falsch, die Begriffe gegeneinander auszuspielen. Praktisch ist es doch so, dass nicht nur die Objektivität, sondern auch die Relativität im verantwortlichen und unverantwortlichen Sinne angewendet werden kann. Dass dem so ist, konnten wir Walter Niggs Beispielen entnehmen. Die Suche nach "Objektivität" ist eine immerwährende Aufgabe, ungeachtet dessen, dass sie immer nur annähernd und "relativ" die Situation berücksichtigend gefunden werden kann.

Krüll meint dagegen: "Wenn wir aufhören, nach 'Objektivität', 'universeller Wahrheit' oder ähnlichem zu streben und statt dessen uns Rechenschaft abzulegen versuchen, weshalb wir etwas tun oder wozu uns eine Erkenntnis dienen soll, dann übernehmen wir wieder Verantwortung für unser Tun und Denken.

Woher und Wohin

Was bei Krüll fehlt, ist der metaphysische Bezug, der über das Werden und Vergehen in einem zyklischen Kreis hinausgeht. Es ist auch falsch, die matrizentrierten Kulturen ausschliesslich in ihrer zyklischen Funktion zu sehen. Diese Kulturen kannten sehr wohl einen metaphysischen Bezug. Auch Vorstellungen von einem Anfang und von Entwicklungen waren vorhanden. Göttinnen haben Himmel und Erde geschaffen und Aufgaben für die Menschen vorgesehen. Die Vorstellung, das menschliche Leben und die Welt bewegten sich in endlosen Wiederholungen des "ewig Gleichen" ist eine tödliche Vorstellung. Wichtig ist, die linearen und zyklischen Bewegungen nicht auseinander zu reissen. Schon seit Urzeiten haben die Menschen ein Bedürfnis, die Frage nach dem Sinn des Ganzen zu stellen und nach dem Woher und Wohin. Auch ich kann im blossen zyklischen Weiterleben keinen Sinn entdecken.

Gefahr allgemeiner Feminisierung

Julia Kristeva erwähnt bezüglich der geschlechtlichen Identität, dass Rousseau die Auffassung vertrat, die Geschlechter seien ursprünglich, "am Ursprung der Gesellschaft" nicht voneinander unterscheidbar gewesen. Ziel seines Buches "Emile" sei gewesen, die Geschlechter und vor allem ihre Aufgaben auseinander zuhalten. Ziel der Erziehung sollte sein, dass Emile Lehrer und Sophie Amme wird. Das Kind habe Rousseau als geschlechtlich noch undifferenziert gesehen, was ihn zur These der ursprünglichen Ununterscheidbarkeit führte: "Bei Kindern beiderlei Geschlechts gibt es anscheinend nichts, was sie bis zum heiratsfähigen Alter unterscheidet - die gleichen Gesichtszüge, die gleiche Gestalt, die gleiche zarte Haut, die gleiche Stimme; Mädchen wie Knaben sind nichts als Kinder. So genügt auch für solch gleichartige Wesen dieselbe Bezeichnung" (Julia Kristeva: Die neuen Leiden der Seele, S.164). - Ferner erwähnt sie eine Erzählung von Rousseau, in der er vor der Gefahr einer allgemeinen Feminisierung warnte. Weil Frauen keine Männer werden könnten "machen die Frauen uns zu Frauen, sobald sie die Trennung nicht mehr hinnehmen wollen" (S.165).

Kampf der Männer

Freud hat diese Angst der Männer auch erkannt. Zunächst versucht er, die Psychiater dafür zu gewinnen, sich einfühlend mit (den Leiden) der Frauen zu identifizieren. Als sie ihn dafür auslachten, identifizierte er sich mit dem "Kampf der Männer". Freud meinte, der Kampf der Männer, das sei der Kampf gegen die Identifikation mit dem Weiblichen. Jung erklärte, Identifikation bedeute, sich selber aufzugeben. Dennoch verlangen Männer genau dies von Frauen, die totale Identifikation mit dem Mann, seiner Person und seinen Sachen, die zum Selbstverlust führt. Nun haben Männer Angst, ihnen selbst könnte das gleiche passieren, wenn sie sich mit dem Weiblichen identifizieren.

Sprachliche Symbolisierung

Mein Interesse gilt besonders Krülls Ausführungen zur Bedeutung der sprachlichen Symbolisierung in der Therapie. "Gelungene Therapie basiert darauf, Menschen dabei zu helfen, sich ihre eigene Geschichte neu zu erzählen. Im geschützten Rahmen der therapeutischen Situation wird es im Nachhinein möglich, für das Erlebte eine symbolisch-sprachliche Form zu finden (Leiblichkeit der Sprache) und sie damit fassbar, handhabbar zu machen. Auch der Weg über die Verbalisierung führt in der Therapie zur Auflösung von 'Erfahrungslöchern', die sich als Störungen, als Symptome bemerkbar gemacht haben

Erfahrungslöcher

Die Möglichkeit zur Relativierung unseres Selbst- und Weltbildes sei von enormer Bedeutung im therapeutischen Prozess. Hier können wir, mit Hilfe des neuen therapeutischen Kontextes bspw. "Erfahrungslöcher" symbolisch-sprachlich erfassen und so für uns handhabbar machen. Über die Sprache haben wir auch eine grosse Definitionsmacht über unseren Körper, da unsere sprachlich gefassten Erfahrungen ihren Niederschlag in hirnphysiologischen Strukturen finden, also sozusagen in ihnen "verkörpert" sind. So gesehen können wir gewisse Körpersymptome, wie Verkrampfungen und psychosomatische Beschwerden, durch sprachliche Festlegung schaffen, aber auch durch sprachliche Festlegungen wieder verflüssigen. - "Sobald man nicht mehr Körper und Geist trennt, sondern die Vorstellung von der Versprachlichung der Körperlichkeit zugrunde legt, lassen sich alle erfolgreichen Therapien als neue Verknüpfungen zwischen Symbolen und Verhalten verstehen, die sich auch in neuen Nervenverbindungen im Zentralnervensystem (ZNS) niederschlagen, also auch in diesem Sinne zu neuen 'Verkörperungen' führen (BN 918, 269).

Warum das so ist, erklärt Krüll mit der Entstehungsgeschichte der Sprache.

Sozialisationsprozesse

Das erste Lebensjahr ist durch tiefgreifende Sozialisationsprozesse gekennzeichnet. Die Art, wie uns unsere Eltern oder andere Bezugspersonen behandeln, führt zu Mustern sinnlicher Erfahrungen und damit deren Ablösung vom zeitlos-gegenwärtigen Hier und Jetzt. Damit können wir neue Welten schaffen, die bereichernd sind, z.B. um die Perspektive der Vergangenheit und der Zukunft, der Perspektive von "Ich" und "Du". Die Sprache fasst aber nicht alle Erfahrungen, Empfindungen und Wahrnehmungen in Symbole; sie trifft eine Auswahl und formt sozusagen Kategorien der Wahrnehmung. Was nicht in die Kategorien passt, wird nicht symbolisiert *1) und wird so nicht Konstruktionsbaustein einer Welt, also einer symbolisch begründeten Realität. Nach Krüll vermag die symbolische Strukturierung sogar rückwirkend alle Erfahrungen der vorsprachlichen Zeit neu zu kodieren. Es besteht dadurch die Möglichkeit der Relativierung unseres Selbst- und Weltbildes, der ersten Eindrücke, Prägungen, Koodierungen (S. 268-269).

Psychose

Mit der Versprachlichung könne sich die Gespaltenheit auflösen. Das, was bis anhin als "Krankheit", als Psychose erlebt wurde, bekam durch die Sprache Sinn und konnte zugleich in andere Kontexte, die besser lebbar waren, eingebracht werden. Hinweis auf Flora R. Schreibers Buch, in dem sie von der Therapie "Sybil" erzählt (Krüll S.258-259). Nichts sei destruktiver und verstörender als die Zuschreibung des Etiketts "verrückt" oder "geistesgestört" (261).

Quelle

Marianne Krüll: Die Geburt ist nicht der Anfang. Die ersten  Kapitel unseres Lebens, 1989

 

*1) Siehe Anne Perret-Clermont: Soziokognitiver Konflikt