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349 – Theresa von Avila – Beziehung zur Realität

Elisabeth Camenzind

 

Räumliche Metapher

Diana Sartori schreibt über den Weg von Theresa von Avila, das Geschehen um Theresa sei für sie lehrreich im Hinblick auf Souveränität und auf die Beziehung zur Realität. Bedeutungsvoll sei für sie (Sartori) wie Theresa sich auf eine räumliche Metapher beziehe: auf den Ort.

Spannungsfeld - Freiheit und Perfektion

Theresa konfrontiere sich auf ihrem Weg, den Sartori als einen Weg im Spannungsfeld von Freiheit und Perfektion bezeichnet, mit zwei Vorhaben, die miteinander dadurch verbunden seien, dass sie einen Ort haben.

Sich als Subjekt begründen

Das erste (Spannungsfeld) betreffe die eigene Möglichkeit, sich als Subjekt zu begründen, Autorität zu haben sowie über die Kraft des Sprechens zu verfügen - und sich zu retten.

Ort für das eigene Wort

Das zweite (Spannungsfeld) betreffe die Gründung eines Ordens (eines religiösen Ordens, aber auch einer Ordnung der Realität), in dem das gesprochene Wort seine Gültigkeit erweisen könne. Es betreffe das Finden eines Ortes für das eigene Wort, für die Wahrheit darüber, was man ist, und für das, was befohlen wird (S.93-94).

Form der Objektivierung

Ein drittes Unternehmen sei Theresas „Schrift“ (Abhandlung, Broschüre, Buch). Die Schrift repräsentiere die erste Form der Objektivierung: „Theresa notiert, erinnert, erzählt, stellt Verbindungen her.“ Den Ablauf des Geschehens bezeichne sie mit Weg, Reise, Pfad. Sie beschreibe vier Stadien des Gebets, dann sieben Wohnungen der Seele (94).

Quelle der Autorisierung

Theresa sei eine Frau mit grossem Begehren. Sie fordere ihre Nonnen zu einen Verhalten auf, was sie „heilige Kühnheit“ nennt (95). Dabei ignoriere Theresa aber nicht die Schwierigkeiten, die für eine Frau damit verbunden sind. Ihr ist im Gegenteil voll bewusst, dass der eigene Wille (als Frau), etwas zu verwirklichen, in der Welt auf Hindernisse stösst. Es wurde für Theresa deshalb notwendig, eine Quelle der Autorisierung und der Kraft zu finden, die es ihr gestattete, die weltliche Vermittlung zu überbieten, die ihrer Erkenntnis zufolge von einem männlichen Massstab dominiert wurde. Diese Autorisierungsquelle ortete sie in einer göttlichen Dimension (95). Auf diese Weise werde in der Realität eine Strategie eingesetzt, die das Subjekt faktisch stärkt, und zwar dadurch, dass man ihm entsagt: „Mittels der Ekstasen ist Theresa zerrissen, entrückt, aus sich herausgetreten, sie ist wie enteignet“ (96). Diese Trennung von sich, dieser Gehorsam dem göttlichen Willen gegenüber sei weit entfernt davon, der Tod des Subjekts zu sein. Vielmehr zeige sie einen neuen Anfang an. Die „Distanz zu sich selbst gestattet, Souveränität über die Welt zu bekommen“ (97).

Ort der möglichen Vermittlung

Indem Theresa sich auf den Weg der direkten Beziehung mit dem Göttlichen macht, stellt sie sich durch diesen Akt selbst an den Ort der möglichen Vermittlung (98).

Etwas unvergleichlich Kostbares

Am Ende des Weges eröffne Theresa eine neue räumliche Metapher für die Seele: Eine ungeheuer reiche Burg, „gebaut aus Gold und kostbaren Steinen“, die „Seelenburg“ (99). Dieser Vergleich, sage Theresa, sei für Frauen von grossem Nutzen: „Da wir Frauenspersonen nicht gelehrt sind, so bedürfen wir eines solchen Mittels“ dass in uns selbst „etwas unvergleichlich Kostbareres ist, als was wir äusserlich an uns wahrnehmen (99). Es handle sich um einen inneren Schatz, der insbesondere von Frauen in seiner Bedeutung unterschätzt werde. Auch seine grosse Schönheit und sein immenses Vermögen seien ihnen nicht bekannt (99).

Das eigene Zentrum - Der eigene Wohnsitz

Theresa selbst erinnert sich daran, dass sie der eigenen, wahren Natur gegenüber blind war, sowie dem gegenüber, was einfach existierte: „Ich sah wohl ein, dass ich eine Seele habe; jedoch ihren Wert kannte ich nicht, und ebenso wenig, wer in ihr wohnt“ (100). Das eigene Zentrum, den eigenen Wohnsitz zu finden, befreit nach Sartori in der Tat die Souveränität des Subjekts in der Welt und gibt es der Welt zurück (101).

Einzigartige Weise von Kraft

In der siebten Wohnung der inneren Burg angekommen, sagt Theresa, hören die Zeichen der Ekstase auf. Die Seele wurde zu etwas, das auf einzigartige Weise über Kraft verfügt. Die ständige Furcht vor „Täuschungen“ hörte auf, weil die Seele nun mit dem Göttlichen wohnt und es selbst hatte. Sie bedürfe weder des Genusses noch der spirituellen Ratgeber. Die „Seele und Gott könnten sich „in tiefster Stille“ ergötzen (101).

Hochzeit der Seele mit der Welt

Die siebte Wohnung wird von Theresa auch als „die Hochzeit der Seele mit der Welt“ bezeichnet - als eine mystische Vermählung (102).

Tätigwerden

„Was Theresa tut, ihr Tätigwerden, ihr Verlangen, ihre Gefühle“, seien für sie Frucht der Notwendigkeit. „Wenn man im Zentrum der Burg angekommen ist, schläft man nicht, vielmehr kündigt () die Seele von dort aus den Kampf an“ (102).

Begehrendes Subjekt

Es ist nach Sartori ein Fehler, das Begehren in das Irrationale zu verbannen und dem begehrenden Subjekt, dem das Handeln im Realen versperrt ist, Realität abzusprechen (103).

Möglichkeit des Sprechens

„Das Wohl des Klosters ist das wichtigste Anliegen Theresas (105). Sie rät den Nonnen, sie sollten „nicht gleich der ganzen Welt zu Hilfe eilen wollen“ sondern zunächst denen zu nützen suchen, mit denen sie zusammenleben (106). - Die Bezugnahme auf die anderen Nonnen ist für Theresa die Grundlage für die Möglichkeit des Sprechens schlechthin, für die eigene Freiheit und - im Hinblick auf das Risiko, das ihre Reformtätigkeit mit sich bringt - auch für die Möglichkeit eines eigenen Lebens (107).

Wurzeln aufzeigen – Wurzeln schlagen

Indem Theresa der Notwendigkeit nachkommt, die eigenen Wurzeln aufzuzeigen und auch selbst Wurzeln zu schlagen, wird ihre Schrift nicht nur wortgewandt, sondern auch fruchtbar und dazu fähig, die eigene einzigartige weibliche Erfahrung in Worte zu fassen und damit das weibliche soziale Leben hervorzubringen und zu vermitteln (109).

Konkreter Ort der eigenen Worte

Durch einen Trick gelinge es Theresa „den Skandal der eigenen literarischen Produktion akzeptabel“ zu machen, also die Bedingungen selbst zu ändern, also den „logischen und konkreten Ort der eigenen Worte zur Welt zu bringen (111).

Auftraggeber und Adressierte

Zuvor konnte eine Frau nur unter der Voraussetzung einen Text schreiben, dass der Auftraggeber männlich und die Adressierten weiblich waren (111).

Neue Ordnung der Realität

Nach Sartori hat Theresa mittels ihrer reformierten Orden „eine neue Ordnung der Realität“ begründet „eine neue Ordnung der Welt, in der die Erfahrung und die Worte, die in Übereinstimmung mit der Wahrheit dessen stehen, was ist, Wert und Anerkennung erfahren“. Diese neu gegründete Ordnung sei jetzt selbst eine Quelle von Autorisation und Stärke (113).

Vermittlerin von etwas Grösserem

Theresa habe verstanden, reale Mittlerin und Mutter dieser Ordnung zu sein. Dabei habe sie verstanden, nicht nur in ihrem eigenen Namen (eigener Wille) zu handeln, sondern aus Notwendigkeit, indem sie sich als Vermittlerin von etwas Grösserem verstand, dem sie den Namen „Maria, Mutter Gottes“ gab. Diese „Mutter“ verstand sie als Beschützerin der Frauen, ihres Ordens und ihrer selbst (113).

Aus dem Judentum konvertiert

Theresa stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die aber schnell zerfiel. Es handelte sich um eine Familie von „Konvertierten“, also von „neuen Christen“, die aus dem Judentum konvertiert waren. Theresas Mutter Beatriz hatte ein kurzes Leben. Sie starb mit dreiunddreissig Jahren und hinterliess viele Kinder, etwa zehn. Sie scheint eine sehr schöne Frau gewesen zu sein. Ausserdem weiss man von ihr, dass sie leidenschaftlich gerne Ritterromane las, eine Leidenschaft, die sie vor ihrem Ehemann geheim hielt (87).

Zwölfjährig am Sterbebett der Mutter

Die kleine Theresa unterlag dem Einfluss ihrer Mutter und deren Faszination für Ritterromane und für phantastische Erzählungen. Sie las viele Romane, aber auch Erzählungen über das Leben von Heiligen und von Märtyrertum. Das ging sogar so weit, dass sie als kleines Mädchen von zu Hause floh, um den Glauben in der Welt der Mauren zu verteidigen in der Hoffnung, einen glorreichen Tod zu finden und sich somit das ewige Leben zu verdienen. Als ihre Mutter starb, war Theresa zwölf Jahre alt. Sie schien voller Angst die schwerwiegende Bedeutung dieses Verlustes zu verstehen. Am Sterbebett wandte sie sich spontan dem Bildnis der Jungfrau zu und brachte ihr Vertrauen entgegen, weil diese sie wie eine Mutter anblickte (Seite 87).

Die Ehe - Für eine Frau unweigerlich Unterdrückung

Als Theresa älter wurde, war ihr bald klar, welche Alternativen die Welt ihr eröffnete: die Ehe oder das Kloster. Sie kam zur Überzeugung, dass die Ehe für eine Frau unweigerlich Unterdrückung bedeutet. Viele Jahre später wandte sie sich an ihre Nonnen, weil es ihr manchmal schien, dass sie die Freiheit nicht verstanden, die das Kloster ihnen bot (Seite 87).

Quelle

Diana Sartori: Der Materialismus der Seele, in: Diotima und andere. Die Welt zur Welt bringen. Politik, Geschlechterdifferenz und die Arbeit am Symbolischen, Ulrike Helmer Verlag, 1999