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85 – Warum identifizieren sich manche Männer mit dem Aggressor und andere nicht?  Weininger & Orabuena

 

1 Kindheit nicht massgebend: Dass für die unterschiedliche Entwicklung weiblicher und männlicher Kinder weniger die Kindheit oder das Geschlecht bestimmend ist, sondern das geschlechtliche Rollendiktat und geltende Maximen, wird hier von der Psychotherapeutin Elisabeth  Camenzind anhand der Persönlichkeits-Entwicklung von zwei Männern gezeigt. Otto Weininger und José Orabuena haben eine fast identische Kindheit erlebt, wobei sich der eine zu einem zutiefst humanistisch eingestellten Menschen und Dichter entwickelte, der andere jedoch ein hasserfülltes Buch über die Minderwertigkeit der Juden und Frauen schrieb, das in zahlreichen Neuauflagen auf den Markt gebracht wurde.  

2 Die Herkunft: Otto Weiniger und José Orabuena sind beide um die Jahrhundertwende geboren: Weininger 1880, Orabuena 1892. Beide sind jüdischer Herkunft, wuchsen im deutschen Sprachraum auf in einer Mittelschichtfamilie und in einer größeren Stadt. Beide Väter waren assimilierte Juden, das heisst, dass sie sich von ihrer Religion abgewandt und dem "aufgeklärten" christlichen Abendland angepaßt hatten. Weinigers Mutter war eine besonders fürsorgliche und zärtliche Mutter, die sich ganz der Familie widmete. Orabuenas Mutter hingegen führte mit ihrem Ehemann zusammen eine Apotheke, sie war also zumindest teilweise berufstätig. Als solche hatte sie sicher weniger Zeit für die Familie als Weiningers Mutter. Sein Vater berichtet über seinen Sohn Otto, er habe seine ältere Schwester besonders zärtlich geliebt und verehrt, weil er sie für hochbegabt hielt. Ferner, dass er seinen hochbegabten Sohn bewundert habe. Eine Ähnlichkeit der beiden Männer bestand auch darin, dass sie sich mit Fragen der Religion sowie mit Fragen von Liebe und Ehe auseinandersetzten und schliesslich zum Christentum konvertierten. Allerdings nicht aus demselben Grund und auch nicht zur selben Konfession: Weininger wählte den Protestantismus, Orabuena den Katholizismus.

3 Ähnlichkeit der Biographien: Die Ähnlichkeit der Biographien geht noch weiter, bis in seltsame Details hinein. Beide wurden einer psychiatrischen Untersuchung unterzogen und von beiden sind die Resultate der Untersuchung bekannt. Zu ihrer Jugendzeit waren die Schriften Sigmund Freuds und des Psychiaters Möbius herausgekommen und überall heftig diskutiert worden. Der Psychiater Möbius schrieb einen Text: Über den weiblichen Schwachsinn und Sigmund Freud über den Sexualtrieb sowie über Masochismus. Der Text von Möbius erschien auf dem Höhepunkt der in Deutschland hitzig geführten Debatte über die Zulassung von Frauen zum Medizinstudium. - Diese Erwähnung ist wichtig, um sich eine Vorstellung über die geistige Atmosphäre zu machen, in der sich Weininger und Orabuena bewegten. Von Freud wird gesagt, er habe Möbius bewundert, der seinerseits ein Bewunderer der "arischen Rasse" und des Ariertums war.

Weiningers Entwicklung im Detail

5 Zärtlich umsorgt und geliebt: Ich habe gesagt, dass Otto Weiniger bewundert wurde. Diese Bewunderung erhielt er speziell von seinem Vater, der seinen Sohn für einzigartig und für ein Genie hielt. Der Vater war ein gebildeter, kunstbeflissener Mann, der mehrere Fremdsprachen beherrschte und seinen Sohn zeitweilig selbst unterrichtete. Die Bewunderung von Vater und Sohn beruhte auf Gegenseitigkeit. Der Sohn habe denn auch einmal eine Hymne auf seinen Vater geschrieben, die dieser allerdings für so peinlich übertrieben hielt, dass er sie vernichtete. Von seiner Mutter wurde Otto zärtlich umsorgt und von seinen zwei Schwestern geliebt. Kurz: Weiningers Kindheit erfüllte alle Voraussetzungen, die aus der Sicht der traditionellen Psychologie eine positive Persönlichkeitsentwicklung garantiert. Auch Ottos Vater bekräftigte, sein Sohn habe keine negativen Erlebnisse mit Mutter und Schwestern gehabt und also keine Ursache, so verächtlich und hasserfüllt über Frauen zu sprechen.

6 Gefühlswerte und Maximen: Die Philosophin Agnes Heller vertritt in ihrer Theorie der Gefühle die Auffassung, die Persönlichkeitsentwicklung hänge ganz wesentlich von der Wahl bestimmter Gefühlwerte und Maximen zusammen. Die Gefühlswerte, die von Otto Weininger gewählt wurden, können seinem Buch Geschlecht und Charakter entnommen werden. Er schrieb begeistert und schwärmerisch über das Ariertum, verächtlich über das Jüdische und das Weibliche. Das Arische war Gegenstand seiner Bewunderung, es bedeutete für ihn "Größe" in jeder Hinsicht. Für ihn waren das Arische und das Männliche ein und dasselbe, und das Männliche war mit dem Christlichen verknüpft bis identisch. Arisch-Christlich-Männlich wurde von ihm als eine innere Einheit behandelt, das er als die "Summe alles Gu­ten" bezeichnete. Dieser positiv besetzten Einheit stellte er das Jüdische als das Minderwertige und Verächtliche gegenüber, das er als identisch mit dem Weiblichen behauptete. Das Weib symbolisiere das absolute Nichts, die absolute Nullität, das Männliche sei das absolute Etwas.

7 Einheit des Jüdischen und Weiblichen: Immer wieder betonte Weininger die negative Einheit des Jüdischen und Weiblichen. Der Jude sei "staatsfremd", was darauf hinweise, dass dem Juden wie dem Weibe die Persönlichkeit fehle. Dem echten Juden gebreche es auch "an jener inneren Vornehmheit, welche Würde des eigenen und Achtung des fremden Ich zur Folge" habe. Sein Beweis: "Es gibt keinen jüdischen Adel." Stattdessen bestehe eine "jüdische Arroganz", welche sein "Bedürfnis nach Steigerung des Wertes der Person durch Erniedrigung des Nebenmenschen" befriedige. Der echte Jude habe "kein Ich und darum auch keinen Eigenwert". Der echte Jude und das echte Weib würden beide "nur in der Gattung leben, nicht als Individualität". Das Jüdische sei "wie ein Zustand vor dem Sein, ein ewiges Irren draußen vor dem Tore der Realität". Mit nichts könne der Jude sich wahrhaft identifizieren, für keine Sache sein Leben ganz und gar einsetzen. Es fehle ihm die Einfalt des Glaubens, und weil er keine wie immer geartete letzte Position einnehme, darum scheine er gescheiter als der Arier und entwinde sich elastisch jeder Unterdrückung (S.435).

8 Arsenal aller Waffen vorgefunden: Natürlich hat Weininger diese fürchterlichen Vorstellungen nicht selber erfunden. Er hat sie bei den Philosophen, christlichen Kirchenvätern und Psychiatern (Aristoteles, Schopenhauer, Nietzsche, Chrysostomus, Moebius u.a.) pfannenfertig vorgefunden. Auch die Hetze gegen die Juden konnte er in "gelehrten" Schriften nachlesen. Die Theologin Uta Ranke-Heinemann verweist in ihrem Buch Eunuchen für das Himmelreich auf die acht Predigten des Kirchenvaters Chrysostomus (S.63), die eine einzige Verleumdung gegen die Juden seien. Bei ihm sei das ganze Arsenal aller Waffen gegen die Juden bis heute versammelt (der Jude sei fleischlich, geil und verflucht).

9 Aus Händlertum herauskommen: Was bezweckte Weininger mit der Verächtlichmachung und Abwertung des Jüdischen und des Weiblichen? Er wollte Karriere machen. Er wollte sich bei den Mächtigen, den Ariern, beliebt und begehrt machen. Er streichelte dem "Aggressor" gewissermassen den Bart, indem er in dessen Verachtung des Jüdischen einstimmte und sie noch überbot. Er meinte, dies könnte seiner Karriere dienlich sein. Dank Studium und Bildung hatten jüdische Männer die Möglichkeit erhalten, aus dem 'Schacher' oder Händlertum heraus und in angesehene Berufe zu kommen. Weiniger liebäugelte vermutlich mit einer Professur im Fach Psychologie.

10 Anerkennung durch Reichtum: Weininger gehörte sicher zu den Juden, die, wie Heidi Thomann Tewarson allgemein schreibt "die sich eine vollständige Integration durch kulturelle Anpassung und Übertritt zum Christentum versprachen. Eine kleine jüdische Minderheit war durch wirtschaftliche und soziale Veränderungen bereits zu Reichtum und einer gewissen gesellschaftlichen Anerkennung gekommen, während die grosse Mehrheit der Juden noch in den alten, entwürdigenden Verhältnissen lebte. Diesen Sachverhalt beschrieb Thomann Tewarson zwar für die Zeit von Rahel Varnhagen, der aber auch für die Zeit von Weiniger Gültigkeit haben dürfte. Schon Varnhagen empfand ihre jüdische Herkunft als Schmach. Sie bestand darauf, dass man aus dem Judentum heraus müsse. Auch sie hatte sich von der Bindung ans traditionelle Judentum ganz gelöst, sie hatte sich über seine Bräuche hinweggesetzt und sich sogar darüber lustig gemacht. Im Unterscheid zu Weininger war für sie aber das Weibliche keineswegs etwas Verächtliches, sondern Ausdruck eines besseren Menschseins.

11 Eine Sache von Eigenschaften: Durch seine Verachtung grenzte sich Weininger in einem doppelten Sinne ab. Er grenzte sich sowohl vom Jüdischen als auch vom Weiblichen ab. Schliesslich fand er, das Arische und Jüdische sei eine Sache von Eigenschaften. Mit diesem Kunstgriff gelang es ihm, sich in zweifacher Weise abzugrenzen: Als Jude grenzte er sich vom Jüdischen ab und als Mann grenzte er sich vom Weiblichen ab. Sein neues Selbstbild baute er auf dem Arisch-Männlichen auf: Es gebe nämlich Arier, die jüdischer seien als mancher Jude und es gebe "wirklich Juden", die arischer seien als gewisse Arier, womit er sich selber meinte (407). Ein Jude, der den Juden in sich überwunden hätte, meinte er, hätte das volle Recht, "vom Arier als Einzelner genommen, und nicht mehr nach der Rassenzugehörigkeit beurteilt zu werden."

12 Kunstgriff auch bei Sigmund Freud: Eine gewisse Parallele zu Weiningers Kunstgriff scheint mir auch bei Sigmund Freud vorhanden. Freuds Psychologie richtet sich zwar nicht gegen seine jüdische Herkunft, aber gegen das Weibliche. Die Psyche der Frau sei von einer körperlichen Minderwertigkeit geprägt (Penismangel). Sein Kunstgriff besteht darin, sich von der Bestimmung, ein verächtlicher Jude zu sein, zu befreien, indem er sich gegenüber der Frau als höherwertigen Mann bestimmt und abgrenzt. Dieses Vorgehen hat er bei seinem Kollegen Möbius gesehen und kopiert. Freud packte die Möglichkeit am Schopf, um in der Psychologie den Mann gegen „das Weib" abzugrenzen, anstatt Arier gegen Juden. Es war für ihn nun ein Leichtes, die den Juden zugefügte Schmach der Minderwertigkeit von sich abzustreifen und den "Schwarzen Peter" der Frau zuzuschieben. In seiner Psychologie stuft Freud den Mann geistig und moralisch höher ein als die Frau. Frauen, die sich, wie Karen Horney, gegen seine Sicht stellten, brachte er zum Schweigen. Horney akzeptierte nicht, dass Frauen geistig und ethisch weniger wert und masochistisch sein sollten und erst noch ihren angeblichen "Mangel" akzeptieren sollten. Freud machte die Dissidentin Horney mit dem Hinweis fertig, sie habe sich von ihrer Minderwertigkeit "nicht genügend überzeugen" lassen.

13 Ottos Theorien völlig wesensfremd: Weiningers Vater war über das Buch seines Sohnes "Geschlecht und Charakter" (1902) überaus konsterniert bis entsetzt. Er erklärte, sein Sohn könne die negative Auffassung bezüglich des weiblichen Geschlechts keinesfalls einer direkten Anschauung in der Familie entnommen haben. Er habe zu den weiblichen Mitgliedern der Familie immer ein liebevolles und ein von Achtung getragenes Verhältnis gehabt. Die vorgebrachten Theorien seien seinem Sohn völlig wesensfremd. Sie seien durch "Verführung" entstanden, also von Dritten übernommen worden. Diese Auffassung wurde vom Sohn bestätigt: Nicht reale Erfahrungen seien für seine Theorie bestimmend geworden, sondern resultierten aus grundsätzlichen Überlegungen.

14 Identifikation mit dem Aggressor: Weiningers Wahl von aggressiven Gefühlswerten kann nicht einer schlechten Kindheit angelastet werden. Weder ist er von seinem Vater unterdrückt noch von seiner Mutter vernachlässigt worden. Vielmehr wurde er geliebt, gefördert und bewundert. Dennoch hat er die Identifikation mit seiner Familie aufgegeben zugunsten der "Identifikation mit dem Aggressor", den Ariern.

15 Gelächter und Verhöhnung: Weiningers Hoffnung auf Anerkennung seiner Dissertation durch die Arier erfüllte sich nicht. Statt Anerkennung und Bewunderung erntete er Gelächter und Verhöhnung. Die Zeitungen schrieben, er selber sei ja ein "Weib", also die Nullität und das absolute Nichts, wie er Frauen und Juden unterstellt habe. In der Folge fiel der neugebackene 23-jährige Psychologe in eine schwere Depression, aus der er nicht mehr herausfand. Schliesslich erklärte er, alles, was er geschrieben habe, sei mit "böser Absicht" geschrieben und müsse darum zugrunde gehen. Nach einigen Monaten hielt er den Verlust seines grossartigen Selbstbildes nicht mehr aus und beging Suizid. Seine Hetzschrift dagegen lebte weiter und wurde dazu benützt, das jüdische Volk zu denunzieren. Denn sie wurde immer neu aufgelegt (30 Auflagen!!) und lieferte den Ariern die Argumente, um die Juden zu verfolgen.

16 Psychiatrische Untersuchung: Ich habe bereits erwähnt, dass Weiniger nach Erscheinen seiner Schrift einer psychiatrischen Untersuchung unterzogen wurde. Dies geschah, weil zahlreiche Stimmen Weiningers Buch als Produkt eines Geisteskranken bezeichneten. Diese Unterstellung wollte Weiningers Vater nicht auf sich und seinem Sohn sitzen lassen. Daher willigte er in eine psychiatrische Untersuchung ein. Seiner Auffassung nach war sein Sohn, wie bereits erwähnt, das Opfer von "Verführung". Allerdings kam das psychiatrische Gutachten zu einem anderen Schluß: Was Weininger über Juden und Frauen sage, seien Wahnideen einer schizophrenen Persönlichkeit, denen er ein "wissenschaftliches Mäntelchen" umgehängt habe. Das Buch sei ein Pamphlet, das in die Aktenschränke der Psychiatrie gehöre und nicht an die Öffentlichkeit. Diese Einschätzung vermochte der Verbreitung der Hetzschrift aus oben genannten Gründen nichts anzuhaben. Auch Weiningers spätes Bekenntnis, seine Schrift müsse zugrunde gehen, weil sie aus böser Absicht geschrieben worden sei, konnte deren Verbreitung nicht mehr aufhalten.

17 Unwissenschaftliches Pamphlet: Gewiss ist Weiningers Buch kein wissenschaftliches
Buch, sondern ein "unwissenschaftliches Pamphlet", dem er ein wissenschaftliches Mäntelchen umgehängt hat. Ich teile aber die Meinung nicht, dass es sich um das Resultat eines Geisteskranken handelt, sondern weil der Autor sich den Gefühlswerten der Arier, dem Herrenmenschentum, verschrieben hat, um Karriere zu machen und Ansehen und Macht zu gewinnen.

18 Ganz anders José Orabuena: Ganz anders verlief die Gefühlsentwicklung des 12 Jahre später geborenen José Orabuena. Dies zeigt sich sowohl in seinem Verhältnis zum Judentum als auch in seinem Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Auch die Motivation des Übertritts zum Christentum ist völlig anders. Während Weininger den Übertritt vornahm, um seine soziale Situation zu verbessern, hatte Orabuena seine tieferen religiösen Wurzeln entdeckt. Weil die Juden verfolgt wurden, verschob Orabuena den offiziellen Schritt. Vielmehr begann er, sich vertiefter mit dem jüdischen Gedankengut zu befassen, denn sein Elternhaus hatte ihm keine religiösen Vorstellungen vermittelt. Schon in dieser Haltung drückt sich die Wahl seiner Gefühlswerte aus. Das Studium seines jüdischen Erbes ging natürlich nicht spurlos an ihm vorüber, denn schliesslich kam er zur Antwort, er sei Christ und Jude, wenn er nach seiner Religionszugehörigkeit gefragt wurde.

19 Ausdruck von Verrücktheit: Ich habe bereits erwähnt, dass Orabuena im Unterschied zu Weininger von seinen Eltern nicht bewundert wurde. Als er auf die Frage nach seiner Studienrichtung, antwortete, er möchte Dichter werden, nahmen dies seine Eltern zum Anlaß, ihn in der Psychiatrie auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Der Wunsch, Dichter zu werden, konnte ihrer Meinung nach nur Ausdruck von "Verrücktheit" sein. Ihre Vorstellung von Normalität war, dass der Sohn ein "Brotstudium" beginnt und das elterliche Geschäft übernimmt. Allerdings konnten die Psychiater nicht die geringste Geistesverwirrung erkennen und entliessen ihn nach einigen Tagen wieder. Die Eltern jedoch waren konsterniert und frustriert und wiesen den Sohn aus dem Haus. Sie sagten, er sei für sie gestorben.

20 Eine arisch oder jüdisch bestimmte Männlichkeit: Orabuena und Weininger hatten die Wahl zwischen einer arisch bestimmten und einer jüdisch bestimmten Männlich­keit. Die jüdisch bestimmte Männlichkeit unterscheidet sich von der arischen dadurch, dass sie von der sogenannten Gottesknecht-Idee lebt. Jüdische Männer sollten sich nicht kämpferisch gebärden, sondern sich als "Knecht Gottes" ihm dienen und sich als "Braut Gottes" und als "Volk Gottes" verstehen (zu dem allerdings nur die Männer gehörten). Von diesen Vorstellungen hatten sich die "assimilierten" Juden allerdings frei­gemacht.

21 Zum Schluss: Ich bin von der Kritik an der traditionellen Psychologie ausgegangen, die der Vorstellung huldigt, Knaben würden sich zu wahrheits- und gerechtigkeitsliebenden Persönlichkeiten entwickeln, wenn sie eine liebevolle Kindheit erlebt haben und bewundert wurden. Eine liebevolle Mutter vermöge zu verhindern, dass sich ihre Söhne mit dem Aggressor identifizieren. Alle drei Vorgaben haben sich an den Beispielen nicht bestätigt. Der von seinem Vater bewunderte, von seiner Mutter liebevoll umsorgte und von seinen Schwestern geliebte Weininger hat sich zwar zu einem selbstbewußten und kreativen Mann entwickelt, jedoch zum Preis des Verlusts von moralischen und ethischen Werten. Diesen Sachverhalt hat der junge Mann schliesslich selber zugegeben: Die „Schrift“ sei aus „böser Absicht“ entstanden, gemeint aus Hochmut und Ehrgeiz. Ferner sagte er, alles was er geschrieben habe, müsse daher vernichtet werden.

22 Von José Orabuena liegen folgende Bücher vor:

Das Urlicht, 1979

Gross ist deine Treue. Roman des jüdischen Wilna, 1981