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462.1 - Maria Callas – Wie ein Anruf von Drüben – ohne Bild 10.02.2016

Elisabeth Camenzind

 

 Wie eine mystische Begegnung: Nachdem ich seit Jahrzehnten keine Musik mehr ertragen konnte – es liefen mir Tränen herunter - ist diese Sperre seit Mitte November 2015 aufgelöst. Gleichzeitig erinnerte ich mich an die Stimme von Maria Callas in Casta Diva und suchte im Internet nach ihr. So fand ich eine wunderbare YouToube-Aufzeichnung von Casta Diva aus dem Jahr 1958, nach der ich mich seither täglich sehne und sie anhöre. Dies Alles empfinde ich wie ein Anruf von „Drüben“ – wie eine mystische Begegnung.

Da ich von Maria Callas – ausser ihrer Stimme - rein gar nichts wusste, suchte ich im Internet nach einer Biografie und wurde mit der unfasslichen Botschaft konfrontiert, dass sie im Alter von 53 Jahren Suizid beging. Früher hatte ich lediglich ihre Schallplatten mit  Begeisterung immer wieder abgehört - wie ebenso meine fünf Geschwister während unserer siebenjährigen Zürcher Wohngemeinschaft.

Was war mit Maria Callas passiert? Im Jahr 1977 hatte sie in  Paris zu sterben beschlossen. Sie stopfte sich mit Tabletten voll - Schlaftabletten und Muntermacher – und wurde schliesslich leblos im Badezimmer aufgefunden, wonach sie an einer Lungenembolie verstarb. Zuvor hatte sie mit Bitterkeit in der Stimme erklärt, niemand wolle sie und fügte hinzu:  „Die Kollegen schämen sich, die Callas zu fragen“. - Wie konnte es zu dieser totalen Verkennung und tödlichen Depression kommen?

Wie ein Anruf von Drüben: Und nun habe ich dieses merkwürdige Gefühl,  ich hätte von Maria Callas wie ein Anruf von Drüben erhalten und frage mich, was gemeint sein könnte. In der Folge suchte ich in ihrer Biografie, was sie von mir erwarten oder wollen könnte. Berührt wurde ich schliesslich von ihrer Aussage: Die Zeit wird zeigen, wer ich wirklich bin. Seither suche ich nach weiteren Hinweisen, die erkennen lassen, wer Maria Callas wirklich war, wie sie in ihrer tieferen seelischen Wirklichkeit beschaffen war. Ferner machte ich mir Gedanken, was ihre tödliche Verzweiflung  hätte unterbrechen können, und wie das Leben nach Beendigung der Bühnenlaufbahn für diese noch immer vitale und  gesunde Persönlichkeit zufriedenstellend hätte verlaufen können, beruflich und privat.

Von zwei Leidenschaften beseelt: Bezüglich der wichtigsten Begehren und Ziele von Maria Callas empfinde ich als besonders aussagekräftig, was sie über ihre zwei Lieblingsrollen erklärt: Wichtig seien ihr die Oper Norma und die Oper La Traviata, sie seien von gleicher Wichtigkeit für sie, obgleich anders. Meiner Vermutung nach war Maria Callas bezüglich La Traviata besonders von jenen Stellen fasziniert, in denen ihr eigenes Bedürfnis nach einem intensiven Leben im Allgemeinen in Verbindung mit Liebe als sinnlicher Leidenschaft zum Ausdruck kommt. Gemeint ist die Liebe „die uns beben macht“. Demnach verbanden  sich in ihrer Persönlichkeit zwei Leidenschaften: Die eine Leidenschaft betraf ein übergeordnetes Ziel, dem sie sich verpflichtet fühlt oder gar opfern würde, die andere betrifft das Bedürfnis nach Liebe im Sinne des erotisch/sexuellen Erlebens. In der Oper Norma treffen sich die beiden Leidenschaften und Bedürfnisse. 

Die tragische Oper Norma von Vincenzo Bellini ist eine Oper in zwei Akten. Sie spielt in Gallien, etwa fünfzig Jahre vor Christi Geburt. Die Oberpriesterin der Druiden und Titelfigur der Oper, Norma, ist seit langem die heimliche Geliebte eines Römers (Pollione), mit dem sie zwei Kinder hat: Pollione hat sich jedoch in die Novizin Adalgisa verliebt und plant, mit ihr zu fliehen, worauf Norma Rache schwört. Nach reichlichen Verwicklungen und Todesdrohungen geht Norma ihrem Tod entgegen, und Pollione, von neuer Liebe entflammt, folgt ihr.

Was mochte Maria Callas an Norma?  Maria Callas erklärt, sie möge Norma auch als Person. Sie brülle wie eine Löwin, sei aber keine. Norma kämpfe um Zeit. Ihre Härte sei nur vorgetäuscht. Sie kämpfe um Zeitgewinn: „Schweigt Stimmen des Krieges!“ – Sie wollte „kein Krieg“, obwohl ein Aufruf zum Krieg von ihr (der Oberpriesterin) erwartet wurde. Norma müsse unglaublich stark sein, dass es ihr gelinge, das kriegslüsterne Volk zu zügeln und niederzuringen. Und dies so lange, bis sie sagen konnte, dass Rom fallen werde. - Sie selber gleiche der Norma nicht im Ganzen, jedoch in ihrer Willensstärke. Norma verkörpere Opfer, Vergebung und Noblesse. Auch in La Traviata opfere sich die Titelheldin aus Edelmut, obgleich sie ein leichtes Mädchen sei. In La Traviata fällt mir noch die Erwähnung des Gefühls der Freude auf. Die Titelheldin Violetta spricht von einer Freude, die sie nie gekannt habe: die Freude, „wahrhaft geliebt zu werden“. – Die Hoffnung auf eine solche Liebe dürfte auch Maria Callas beseelt haben.

Theoretikerin des Belcanto: Bezüglich des Belcanto erläutert Maria Callas, er müsse in Gedanken und mimisch vorbereitet werden, und der Gedanke müsse dem Publikum mimisch vermittelt werden. Darin bestehe die Schönheit des Belcantos. „Das Publikum liest den  Gedanken“ - erst danach könne die Phrase gehört und nachempfunden werden. Nach den ersten starken Rezitaten in der Oper Norma müsse die Stimme der Norma in Casta Diva „ganz sanft, silberhell und klar sein“. – Zu diesem Zeitpunkt war Maria Callas noch ganz bei sich selber und bei ihrem inneren Auftrag, eine Priesterin der Gesangskunst zu sein. 

Vorliebe für romantische Heldinnen: Als Tullio Serafin einmal meinte, Maria habe „eine Vorliebe für romantische Heldinnen“ und für Rollen, in denen sich die Titelheldin opfert, entgegnete sie, dies entspreche ihrer Natur. – Mir selber war an Maria Callas ihre herzliche und liebenswürdige Ausstrahlung aufgefallen. Gleichwohl konnte sie gelegentlich vehement schimpfen und wettern. Zum Beispiel über unhaltbare Zustände an gewissen Opernbühnen, über phantasielose Inszenierungen und Bühnenbilder oder über den langweiligen Routinebetrieb.

Verrat am Auftrag zur priesterlichen Gesangskunst: Zum Verrat an ihrer Gesangskunst war es bei Maria Callas erst im Verhältnis zu Aristoteles Onassis gekommen. Sie hatte sich zu dieser Zeit in ein ganz gewöhnliches vergnügungssüchtiges und eingebildetes Mädchen verwandelt. Eine Szene auf Onassis Luxusyacht zeigt eine Maria von unerträglicher Wichtigtuerei und Aufgeblasenheit. Dass sie nach den vielen überstrengen, entbehrungsreichen bis asketischen Arbeitsjahren das Bedürfnis verspürte, etwas nachzuholen, darf ihr nicht zum Vorwurf gemacht werden. Verheerend wirkte sich dagegen aus,  dass sie in eine emotionale Abhängigkeit zu Onassis geriet, die bis zur Hörigkeit ging. Sie hatte gemeint, sie werde von Onassis einerseits aus Bewunderung geliebt, anderseits aus Leidenschaft erotisch/sexueller Natur, worin sie sich allerdings täuschte.  Indirekt kann der Biografie  nämlich entnommen werden, dass Onassis bezüglich erotisch/sexueller Liebe eher ein Stümper war: Denn Maria Callas wurde sogleich schwanger. Eine junge Frau diagnostizierte und belächelte diesen Sachverhalt, es handle sich bei diesem Mann um ein „Minuten-Spritzerchen“.  Anstelle der Fähigkeit zu einem länger dauernden Beischlaf bestand Onassis Geschlechtsakt demnach aus wenigen Minuten. Ein solcher Beischlaf vermag eine leidenschaftliche Frau natürlich nicht zufrieden zu stellen. Der Anfang vom traurigen Ende begann jedoch erst, weil Maria Callas die Rückkehr zu sich selbst zu spät antrat. Zu spät war ihr aufgegangen, was zwischen ihr und Onassis abläuft. Zu spät ging ihr auf, dass Onassis von einer geistig/seelischen Leere beherrscht ist und dass er von Frauen erwartet, dass sie diese Leere füllen. Im Sinne der Philosophin Agnes Heller handelt es sich bei Onassis um eine partikulare Person, da er ausschliesslich an seinen eigenen Vorteilen interessiert war. Entsprechend hielt er ständig Ausschau, was oder wer ihm die belebende Droge, den belebenden “Kick“ geben könnte. Zum Beispiel hochstehende Leute wie Winston Churchill, die berühmte Opernsängerin Maria Callas, wie ebenso die berühmte Kennedy-Witwe und andere Frauen.

Carmen keine Idealfigur: Nach dem Fiasko und den Enttäuschungen mit Onassis erklärte Maria Callas mit Tränen verhangenen Augen: „Ich bin eine Frau, mit den Erfahrungen einer Frau“. Zugleich meinte sie, den Mann (Onassis) auch noch verstehen und entschuldigen zu müssen, weil er eben wie alle Männer polygam sei. Man habe ihr gesagt, sie solle es ihm (Onassis) gleich tun. Aber Carmen sei keine Idealfigur für sie. Eine Frau mit mehreren Männern, die sich leichten Sinnes der Männer entledige (wie Männer ihren verflossenen Geliebten), sei nicht ihr Stil. Man habe ihr deswegen gesagt, sie sei bürgerlich, während sie dies eher für „anständig“  halte. – Damit wollte sie sagen, dass sie sich von moralischen Prinzipien und Maximen leiten lasse, anstatt lediglich von Eigeninteressen.

Eine Fremde in der oberflächlichen Welt: Maria Callas war eine Zeitlang „die Königin des Zentrums“ (von Onassis)  gewesen und von dieser Welt geblendet. Erst viel später erkannte sie und sagte sie, diese Welt der oberflächlichen Freuden sei eine „unmoralische Welt“, in der zudem „die Kunst der Sängerin nichts bedeutet“. Sie sei „eine Fremde“ in dieser oberflächlichen Welt. Dass Onassis die Kennedy-Witwe heiratet, erfuhr Maria Callas aus den Zeitungen. – In dieser prekären Situation wurde es Maria endgültig klar, wohin sie wirklich gehört: zu einer Welt mit moralischen Prinzipien, die auch Opfer verlangt.

Ein einziges Lügengespenst: Im Jahre 1958 hatte sich Onassis in Maria Callas verliebt, als er sie in Paris auf der Bühne als Sängerin in der Rolle der Norma sah. Als er die Witwe des ehemaligen US-Präsidenten John. F.Kennedy heiratete, hiess es, er und Maria Callas seien neun Jahre zusammen gewesen, während Maria Callas präzisierte, die letzten zwei Jahre seien ein einziges Lügengespenst gewesen. Später soll Onassis übrigens gesagt haben, diese Heirat  sei sein grösster Fehler gewesen. Und von Jaqueline Kennedy hiess es, sie habe Onassis geheiratet, um den Nimbus der Kennedy-Witwe loszuwerden. Es war demnach von beiden Seiten keine Liebesheirat, und von Onassis Seite war es einzig eine Sache von Renommiersucht und Geltungssucht. Diesen Sachverhalt zu wissen, hätte Maria Callas geholfen, dem prinzipienlosen Egoisten ganz den Rücken zu kehren, anstatt ihn zu empfangen, sobald er sie rief.

Ein vernichtender Schicksalsschlag für Onassis: Schliesslich wurde Aristoteles Onassis selber von einem vernichtenden Schicksalsschlag getroffen: Sein 25-jähriger Sohn war bei einem Flugzeugabsturz (1975) tödlich verunglückt. Danach habe sich Onassis in eine Klinik zurückgezogen, um dort zu sterben. – Man mag sich fragen, warum Onassis ausgerechnet durch den  Tod seines Sohnes so vernichtend getroffen wurde, während er mit der ihn liebenden Maria Callas so leichtfertig und lieblos umging. Vermutlich, weil mit dem Verlust des Sohnes auch seine ehrgeizigen Pläne zunichte gemacht wurden. Der Name Onassis würde mit dem Tod des Sohnes aussterben, und damit auch das ganze Onassis-Imperium.

Über das Schicksal einer anderen charismatischen Sängerin: An dieser Stelle möchte ich das Schicksal einer anderen charismatischen Sängerin einschieben, weil dieses zu einem anderen und unvorstellbar glücklichen Abschluss kam. Ich spreche von Edith Piaf, dem „Spatz von Paris“, deren Stimme „für die Welt zum Inbegriff des französischen Chanson geworden war“, wie es auf dem Umschlag ihrer Autobiografie heisst. Ein junger, schöner und starker  Mann (27-jährig) hatte sich in Edith Piaf verliebt und erklärt, er wolle sich um sie kümmern und heiraten. Der junge Sänger Theo meinte, er habe lange genug gebummelt, und es sei an der Zeit, sich einer (ernsthaften) Aufgabe zu widmen. Zu erinnern ist, dass Edith Piaf zu dieser Zeit eine 47-jährige von Drogen verwüstete, gesundheitlich ruinierte, früh gealterte und sexuell frigid gewordene Frau war (wie sie sich selber beschrieb), daher sie sich dem Ansinnen zunächst widersetzte. Aber der junge Mann bestand auf seiner Absicht, und im Jahr 1962 kam es tatsächlich zur Ehe, wobei Piaf von Theo Lamboukas Eltern liebevoll als Schwiegertochter in ihre Familie aufgenommen wurde. In ihrer Autobiografie schildert Edith Piaf das liebevolle Verhältnis zwischen Eltern und Sohn und seinen Geschwistern, und dass sie zuvor nie geglaubt habe, dass es Elternliebe oder Mutterliebe wirklich gebe.  – Nun meine ich und bin überzeugt, dass die Begegnung mit einem solchen jungen Mann, der Zärtlichkeit und Liebe zu geben imstande gewesen wäre, Maria Callas Verzweiflung hätte aufhalten können. In ihrer Meisterklasse wäre ein solcher Mann vielleicht zu finden gewesen, der ferner gern und dankbar von ihrem hohen künstlerischen Können und Wissen profitiert hätte. – Es ist zum Weinen, dass ein solches Glück der Maria Callas verwehrt war. Sie hätte es wirklich verdient!

Nur wenn ich sang wurde ich geliebt: Am 16.11.2015 ist mir im Internet der folgende denkwürdige und glaubwürdige Text von Maria Callas begegnet: Ich bin ein Geschöpf des Schicksals. Es hat mich auserwählt, es wollte, dass ich wurde, was ich bin. Ich stehe ausserhalb meiner selbst und verfolge mein Leben von aussen. Nur wenn ich sang, wurde ich geliebt. – Diese Selbstdeutung bezeugt einerseits ihr vorherrschendes Gefühl, dass sie einem höheren Auftrag unterstellt war, anderseits wird daraus die Tragik von Maria Callas Leben ersichtlich: Sie wurde nur geliebt, wenn sie sang, anstatt in ihrer Ganzheit als Persönlichkeit sowie in ihrem privaten Leben.

An einer Stelle erwähnt Maria Callas mit einer gewissen Bitterkeit die Situation ihres Berufes: Für diesen Beruf würden Idole geschaffen. Man dürfe keine Zweifel und Schwächen  haben oder in einer schwierigen Phase sein. Wenn sie (die Künstlerin) mal krank sei oder in einer schwierigen Phase - und Hilfe brauche - werde sie vernichtet.

Ein synchronistisches Zusammentreffen: Dass im heutigen St. Galler Tagblatt (19.12.2015) ein halbseitiger Bericht mit Grossbild über Edith Piaf  erschien, empfinde ich als ein wundersames synchronistisches Zusammentreffen. Der Bericht erschien unter dem Titel: Kleine Frau mit grosser Stimme. Verzweifelt und leidenschaftlich singe Edith Piaf von ihrer grossen Sehnsucht nach Liebe und den grossen Enttäuschungen, die sie in immer neuen Beziehungen zu Männern erlebe. Obgleich sie die Männer sehr geliebt habe, seien die Männer doch immer „die anderen“ geblieben, dagegen ihre Chansons sie selber seien – „das bin ich, das ist mein Fleisch, mein Blut, mein Kopf, mein Herz, meine Seele.“ Ferner wird von einem legendären Auftritt im Olympia in Paris berichtet, wo sie 1958 drei Monate lang jeden Abend vor ausverkauftem Haus aufgetreten sei. – Edith Piaf hatte also verstanden, dass ihr eigentliches Leben nicht in wechselnden Liebschaften stattfindet, sondern in ihrem künstlerischen Sein und Schaffen als Sängerin.

Was nun? – Nun stelle ich mir vor, Maria Callas „Anruf von Drüben“ bedeute, dass sie  von der erfahrenen 83-jährigen Psychotherapeutin hören möchte, wie sie von ihr gesehen und empfunden wird. Daher möchte ich ganz zuerst sagen, wie sehr mich ihr Schicksal berührt und betroffen macht. In Erinnerung bleibt mir ganz besonders ihre herzliche und  liebenswürdige Ausstrahlung, ihre ausgeprägte Sensibilität sowie ihr Bekenntnis zu den Prinzipien: Opfer, Vergebung, Noblesse, Edelmut und Hilfsbereitschaft. Beeindruckt bin ich von ihrer aussergewöhnlichen Arbeitskraft und Willensstärke. Als wohltuend empfinde ich, dass sie schon zu ihrer Lebenszeit von Tullio Serafin verteidigt wurde gegen Vorwürfe, sie sei schwierig, und mit ihren hohen Anforderungen würde sie die Leute überfordern. Nun zu wissen, dass ihr Motiv nicht Ehrgeiz oder Machtsucht war, sondern „weil Schönes nur so entsteht“, passt sehr gut zu ihrem Gesamtbild. Dass Maria Callas Repertoire 43 vollständige Partien sowie Arien aus weiteren 34 Opern umfasst (Wikipedia), erfüllt mich mit Bewunderung und Freude. Schliesslich stelle ich mir genüsslich vor, die Vielseitige und Hochbegabte würde ihre Erfahrungen bezüglich Inszenierung, Regie und Bühnenbild in Lehrtätigkeit umsetzen, anstatt aus dem Leben zu gehen. Dass Maria Callas nur noch sterben wollte ist zum Weinen. 

An das Kind Maria erinnere ich mich voller Mitleid, weil sie von ihrer Mutter Angelina nicht geliebt wurde. Und ich fühle Zorn gegen diese Mutter, deren Lieblosigkeit sich später bis zur Bösartigkeit steigerte. Dass Maria Callas von dieser Mutter nichts mehr wissen wollte, wurde ihr zum Vorwurf gemacht. In Wirklichkeit war die totale Trennung von dieser bösen Frau die richtige Antwort, um sie sich vom Leibe zu halten und sich zu retten.

Sehr viel Mitgefühl empfinde ich für Maria Callas traurige Erfahrungen mit Aristoteles Onassis, der ihr Liebe vorgaukelte, und dass sie sich von seinem erotischen Getue sowie vom „süssen Leben“ auf dessen Luxusyacht blenden liess – und dies viel zu lange. Nach wie vor verspüre ich in mir den Wunsch, Maria Callas wäre - wie Edith Piaf - einem warmherzigen  jungen Mann begegnet, der sie in ihrer Gesangskunst und ebenso in ihrer Persönlichkeit liebte. Leider ist sie einem solchen Mann nicht begegnet. Bis zum Schluss hatte Maria Callas gehofft, ihre treue Liebe zu Onassis würde schliesslich durch Heirat belohnt. - Aber selbst eine Heirat hätte nicht verhindert, dass Onassis weiterhin mit anderen Frauen Verhältnisse sucht und eingeht, was für Maria Callas vermutlich noch bitterer und kränkender gewesen wäre.

Mir selber war es als Fünfzigjähriger vergönnt, nach Abschluss der 21-jährigen Phase als Mutter eines Sohnes in den Politikbereich einzutreten. Ich wurde in den Gemeinderat und später in den Kantonsrat gewählt. Ferner gründete ich mit drei Frauen eine feministische Organisation, die publizierenden Frauen eine Plattform bot, um vor einem interessierten und wohlgesinnten Frauen-Publikum sprechen zu können. Für Maria Callas stelle ich mir nun gerne vor, in heutiger Zeit würde sie Inszenierungen einspielen, Regie führen und Bühnenbilder entwerfen und andere schöne Dinge tun.

Schliesslich ist es für mich ein Bedürfnis, ihr von ganzem Herzen zu danken für ihr Schaffen und Sein. Ganz vielen herzlichen Dank - Maria Callas - für alles!

Nun gebe ich mich der schönen Hoffnung hin, diese Zeilen würden Maria Callas „im Drüben“ erreichen und sie würde sich über die Aufmerksamkeit freuen.

Noch etwas: Schliesslich möchte ich noch Maria Callas zartfühlendes Verhalten gegenüber dem gealterten di Stefano erwähnen. Di Stefano hatte sowohl die Qualität seiner Stimme verloren als auch seine persönliche Ausstrahlung. Dies zeigte sich deutlich während der Welttournee, die sie mit ihm zugunsten seiner erkrankten Tochter unternommen hatte. Nach einer gemeinsamen Gesangsdarbietung stand di Stefano wie hilflos und verloren auf der  Bühne, wonach Maria Callas ihn mit unendlicher Zartheit bei der Hand nahm, um ihn von dieser Verlorenheit zu befreien.

Zum Anfang zurückkehrend: Seit Jahrzehnten hatte ich keine Musik mehr ertragen, und dass diese Sperre nun verschwunden ist, verdanke ich der Stimme von Maria Callas in Casta Diva. Ich hatte das Gefühl, von ihr wie ein Anruf von „Drüben“ erhalten zu haben. Seither vermag ich mich der Musik wieder zu öffnen und denke gern, dass ich dies der Maria Callas zu verdanken habe. Nochmals ganz vielen Dank! – Maria Callas.