traum-symbolika.com

712 – Tiefenpsychologie und strukturbedingte Problematik des jüdischen Mannes – Zwischen Jahwe und Jesus 

Elisabeth Camenzind

Die Geliebte Gottes

Der orthodoxe Jude „ist dem Gott Jahwe gegenüber sozusagen das Weibliche, Passive, Empfangende. Er ist die Geliebte Gottes!“ (briefliche Mitteilung eines Jungianers jüdischer Herkunft, 25.06.1982). Darum sage man ja auch oft, dass jüdische Männer gefühlvoll seien in den Beziehungen. - Was bedeutet diese Situation für den männlichen Juden?

Homosexuelle Struktur

Dem einzelnen jüdischen Mann erwächst aus diesem strukturbedingten Verhältnis zum Gott Jahwe eine spezielle und schwierige Problematik. Denn dieses Verhältnis fordert, dass er sich, um dem Gott genehm zu sein, als ein weibliches Wesen versteht. Dass es sich dabei im Grunde um ein homosexuelles Arrangement handelt, darf allerdings nicht ruchbar werden, weil Homosexualität im Judentum absolut  verpönt war und Strafe und Verfolgung nach sich zog. Der jüdische Mann musste also seine Mannheit unterdrücken und verbergen und sich im Grunde in seiner ganzen Person verbiegen.

Menschliche Frühzeit - weibliche Gottheiten

Ganz anders verhielt es sich in der menschlichen Frühzeit. Damals mussten Männer ihr Mann-sein nicht verleugnen. Denn sie standen weiblichen Gottheiten gegenüber und wurden von Frauen in ihrer begehrenden Mannheit und männlichen Kraft geliebt. Das Problem ergab sich erst durch die Einführung des Patriarchats durch den biblischen Moses. Bekanntlich hatte Moses zuvor die Völker, die weiblichen Gottheiten huldigten, mit Feuer und Schwert ausgelöscht und den Gott Jahwe und sich selbst an die Spitze der jüdischen Religion und Gesellschaftsordnung gesetzt. Im Unterschied dazu war das alte Judäa, wie die Philosophin Agnes Heller schreibt, von einer religiösen Vielfalt charakterisiert, bevor es zu den furchtbaren Ereignissen kam, mit der „die Geschichte des normativen Judentums begann1. Agnes Heller, die jüdischer Herkunft ist, schreibt über das alte Judäa: „Obwohl seine Religion die jüdische war, stand es doch für sehr viele Schattierungen und Varianten des Judentums“ (S. 22-23). Die religiöse Vielfalt im alten Judäa war von Moses ausgelöscht worden und das natürliche sexuelle Begehren zwischen den Geschlechtern wurde pervertiert und auf den Kopf gestellt.

Gewalttätiges Männerbild

Dazu kommt ein zweiter, ebenso verhängnisvoller Umstand. Während vom jüdischen Manne – wie bereits erwähnt - ein „weiblich passives“ Verhalten gefordert war - gemeint ein liebreiches, unterwürfiges und wehrloses Verhalten - wurde dem Männervolk mit dem gewalttätigen und kriegerischen Moses ein Männerbild vor Augen geführt, das schlimmer nicht hätte sein können. Moses bietet das Bild eines brutalen Kriegers, der gegenüber anderen Religionen die blutige Ausrottungspraxis der „verbrannten Erde“ betrieb. Was die Praxis der „verbrannten Erde“ im Detail bedeutet, kann im Alten Testament nachgelesen werden (Der Midianiterkrieg: 31,1-54). Walter Nigg schreibt, es handle sich um eine  „besonders mörderische Kriegsführung, indem alles Feindliche radikal dem Erdboden gleichgemacht wurde, seien es nun Frauen oder Säuglinge, Tiere oder Bäume“. Modern aus ausgedrückt, war es „die Taktik der verbrannten Erde“2 (S. 38).

Korrektur des Männerbildes

Später erfuhr das von Moses vorgeführte Männerbild bekanntlich eine totale Korrektur durch einen anderen jüdischen Mann: Jesus von Nazareth. Wobei dieser allerdings in ein anderes Extrem verfiel. Hatte Moses die radikale Ausrottung der Feinde praktiziert, forderte Jesus das Gegenteil. Feinde dürfen keinesfalls getötet werden, sie sollen vielmehr als ihre „Nächsten“ geliebt werden im Sinne der allgemeinen Nächstenliebe, und dies erst noch in einem schlichtweg unerfüllbaren Ausmass, indem  die Feinde „wie sich selbst“ geliebt werden sollten. Diese extreme jesuanische Forderung stiess verständlicherweise auf Ablehnung und heftigen Widerstand. Aus unserer heutigen psychologischen Sicht handelt es sich bei diesem Widerstand allerdings um eine sehr gesunde und notwendige Reaktion der jüdischen Männer.

Neue Zuordnung der Nächstenliebe

Der Widerstand gegen die unerfüllbare jesuanische Forderung der Feindesliebe blieb auch später virulent, obgleich in anderen Formulierungen, Zusammenhängen und Zuordnungen. Durch die Lehren der Tiefenpsychologie, speziell durch die analytische Psychologie, wurde zum Beispiel das ganze männliche Geschlecht vom Gebot der Nächstenliebe befreit und mittels eines raffinierten theoretischen Manövers auf die Frauen abgewälzt. In der Tiefenpsychologie von C.G. Jung war nicht mehr von Frauen und Männern die Rede, sondern vom „Männlichen“ und „Weiblichen“, wobei zugleich behauptet und gelehrt wird, der Mann sei erst dann ein richtiger Mann, wenn er den kriegerischen Moses zum Vorbild nimmt, während die Frau erst dann eine richtige Frau sei, wenn sie dem Gebot der immerwährenden Nächstenliebe des Liebens und Verzeihens Folge leiste.

Theorie von Animus und Anima

Zum Bespiel konnte C.G. Jung unwidersprochen lehren, der Mann müsse der Frau „feindlich sein können“. Dies sei nötig, damit er sich von der Baubo lösen könne, die er in seiner Mutter sehe. Das heisst, dass C.G. Jung  die strukturbedingte Problematik des jüdischen Mannes zu Ungunsten des weiblichen Geschlechts gelöst hat. Nicht nur die jüdischen Männer, sondern alle Männer wollte Jung befreit wissen vom Joch der Nächstenliebe und der Feindesliebe, indem er das jesuanische Liebesgebot an die Frauen delegierte. Alle Frauen  sollten zum Lieben, Helfen und Unterstützen verpflichtet sein, nicht aber die Männer. Diese Sichtweise hat C.G. Jung in seiner Theorie von Animus und Anima festgelegt, wobei er das selbstlose Lieben und Helfen als das „Weibliche“ an sich definiert.3 Alle Frauen wurden auf diese Definition festgelegt und festgenagelt.

Nächstenliebe und Wehrlosigkeit

Gleichzeitig nahm Jung für das Liebesverhalten der Frau eine Einschränkung vor, indem dieses Liebende und Helfende nur gegenüber dem Manne bzw. dem Ehemann gestattet sein sollte, nicht aber gegenüber einer grösseren Gemeinschaft. Jung reagierte gegenüber Frauen, die sich mit gesellschaftlichen Problemen befassten und weltoffen helfend tätig sein wollten, ganz gehässig: „Mit kaltem Wasser“ müsse man sie „herunterholen von ihrer Verstiegenheit“4 (S. 18).  Der Grossteil der jüdischen Männer fühlte sich jedoch Hin-und-Her-Gerissen zwischen den Extremen, wobei viele von ihnen dazu neigten, zwischen aggressivem und altruistischem Verhalten abzuwechseln. Zweifellos hat das extrem altruistische Verhalten  jüdischer Männer später  in tragischer Weise  zu der katastrophalen Wehrlosigkeit während der Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg geführt.

Bedrängendes Erleben eines Bösen

Die Vorbilder für den jüdischen Mann: Moses und Jesus, haben in der Folge zwei jüdische Männertypen geprägt. Dies kann auch bei den Konstrukteuren der Tiefenpsychologie festgestellt werden, bei Sigmund Freud, Erich Neumann, Leopold Szondi oder Allan Guggenbühl, die alle jüdischer Herkunft sind. Dies gilt auch für C.G. Jung, der von mütterlicher Seite jüdische Wurzeln hat5. Das Auffallende an diesen Männern ist, dass sie allesamt von einem bedrängenden Erleben eines „Bösen“ in sich selber ausgehen im Sinne einer Identifikation mit dem gewalttätigen Gott Jahwe, das sie auf alle anderen Menschen projizieren und als ein unumstössliches und allgemein menschliches Faktum verstanden und gesellschaftlich anerkannt wissen wollen, im Sinne einer Naturtatsache. Inzwischen liegen allerdings genügend Beispiele vor, dass keineswegs alle Menschen in sich ein solches Böses erfahren und beobachten. Diese andersartigen Beobachtungen verdanken wir vorwiegend der humanistischen  Psychologie und Psychotherapie.

Der Schatten – Vieldeutigkeit und Racheimpulse

Die Rede vom Schatten ist bei C.G. Jung so vieldeutig, dass die schlimmsten Racheakte und Zerstörungshandlungen darin Platz haben und akzeptabel erscheinen. Ebenso vieldeutig ist der Begriff „Daimon“. Einerseits unterstellt  Jung dem Daimon eine wunderbare und sichere innere Führungsqualität, anderseits auch das Dämonische, Böse, Bösartige, Teuflische.  Aufgrund dieser fatalen Vieldeutigkeit des Begriffs hatte C.G.Jung dem Führungsanspruch eines Hitlers Beifall gespendet und erheblich dazu beigetragen ihm den Weg ins höchste Amt in Deutschland zu ebnen. Ebenso falsch und fatal ist Jungs Meinung, eine sichere innere Führung könnten wir den Träumen entnehmen. Träume sind zweifellos wichtige und wesentliche Manifestationen unserer Tiefenschichten, auf die ich selber grossen Wert lege, weil sie uns in Berührung bringen mit den tiefsten Schichten unserer Psyche, die uns anders kaum zugänglich sind. Träume regen uns in Form von Gleichnissen und Szenen zum Suchen nach ihrer Bedeutung an und lösen Prozesse aus, die uns weiterbringen, auch wenn wir sie nicht sogleich verstehen. Mir selber halfen Träume, schwierige Prozesse auszuhalten bis zur Kulmination, in der es zum Kippen der Situation kommen konnte. Es waren klare Grenzziehungen möglich bezüglich scheinbar unveränderbaren Situationen,  langjähriger Freundschaften und Beziehungen. Zum Beispiel, als bei einem Mann immer deutlicher wurde, dass er patriarchale Vorstellungen über das Verhältnis der Geschlechter durchzusetzen versuchte, die zu seinen männlichen Gunsten funktionieren und seine  Privilegien schützen.

Dominanz des Männlichen und sexuelle Potenz

Nach Sigmund Freud stellt sich die volle männliche Potenz erst beim erniedrigten Objekt ein. mit Mit Erlaubnis der Tiefenpsychologie überbieten sich seither Pornoproduzenten genüsslich in der Darstellung von Erniedrigung von Frauen in sexuellen Situationen. Zu vermerken ist allerdings, dass andere Männer sich gegen diese verheerende Sicht verwahren. Beispielsweise die Autoren Alexey Mend und Volker Pilgrim7 (S. 34-35). In ihrem Buch Das Paradies der Väter, weisen sie Freuds Meinung als falsch zurück. Die beiden Autoren versuchen zugleich zu erklären, was Freud eigentlich gemeint hat und sagen will. Freud habe versucht, das Begierde-Schema des Mannes zu erklären mit der Mutter-Hure-Trennung. Der Mann erlebe die Ehefrau als Mutter, mit der er nicht schlafen dürfe. Die ausser-eheliche Geliebte, Freundin, Prostituierte sei Nichtmutter und könne begehrt werden. Freud setze seine Bemerkung fort: „...fast immer fühlt sich der Mann in seiner sexuellen Betätigung durch den Respekt vor dem Weibe beengt und entwickelt seine volle Potenz erst, wenn er ein erniedrigtes Sexualobjekt vor sich hat.“ - Alexey Mend und Volker Pilgrim sehen dies anders als Sigmund Freud. Im Rollenschema: „Beruf-Ehe-Mann und Wohnungs-Ehe-Frau müsse sich die Frau alsbald so verhalten, wie wenn sie die Mutter des Mannes wäre. Sie sei keine abgegrenzte Person. Die Wohnungs-Frau sei nicht selbständig. Sie habe weder finanzielle noch berufliche Unabhängigkeit vom Mann. Sie erscheine nur als Mutter. Aber in Wirklichkeit sei die Wohnungsfrau das Kind des Mannes. „Unter dem Mantel von Wohnungsfunktionen und Mutterrolle „kindelt die Frau in der herkömmlichen Ehe ein“. – Dem Geschlecht gehe es in der Ehe besser, wenn die Frau eine eigene Tätigkeit ausser der Wohnung hat. Es sei also umgekehrt als Freud es sich dachte.

Die Geschlechtliche Misere

Nach Volker Pilgrim und Alexey Mend wird die geschlechtliche Misere leider auch in sogenannten Emanzipationsbeziehungen fortgesetzt, was zwar verständlich sei. Frauen seien zu lange mit Mutteranforderungen gepeinigt worden. Sie verweigern Mütterlichkeit. Sie wollen nicht mehr Boden und Hort des Mannes sein, auf dass der seine Kräfte immer wieder und immer mehr schädlichen gesellschaftlichen Taten benutze. Sie wollen nicht mehr achten, anbeten, sich hingeben und aufopfern. Vor allem verlangen sie vom Mann, er solle sich zuwenden, kräftigen, bestätigen. Die jahrhundertelange Überforderung der Mutter liess Frauen unmütterlich werden.  Ihre Mutterverweigerung sei allgemein und historisch notwendig, wirke sich aber in jeder Beziehung verheerend aus, wenn ein Mensch dem anderen Bestätigung, Stützung und Förderung versage. Die Mütterlichkeit auch in einer Beziehung zu verweigern, helfe Frauen nicht bei ihrer Emanzipation. Denn sie blieben mutterfestgelegt, weil ihre Männer sie nun nicht als gute, sondern in Mutterübertragung als versagende Mütter halluzinieren (S.34-37). Alexey Mend ist Psychiater und jüdischer Herkunft, Volker Pilgrim ist Publizist und einziges Kind eines deutschen Generals. Pilgrim hatte sich nach seiner Scheidung in Alexey Mend verliebt und war eine homosexuelle Beziehung mit ihm eingegangen, in der er die „mütterliche“ Rolle spielte. Die man aber, wie er vorschlägt, besser als eine „elterliche“ Funktion bezeichnen sollte, in der beide Personen einander beeltern und unterstützen.

Symbolische Muttertötung - Weltschöpferische Tat des Helden

Ein japanischer Absolvent des Jung-Instituts (Hayao Kawai) frönt wie schon C.G.Jung der Auffassung, die symbolische Muttertötung sei die „weltschöpferische Tat des Helden“. Die Theologin und Mythenforscherin Vera Zingsem kritisiert, der Absolvent des Jung-Instituts habe noch vor wenigen Jahren in einem veröffentlichen Artikel erklärt, die symbolische Muttertötung sei eine psychologische Notwendigkeit. Dabei kritisiere er die japanische Kultur, weil sie die Muttertötung noch nicht vollzogen habe8 (S. 199). Der Jungianer Hayao Kawai ist Professor für Psychologie an der japanischen Universität Kyoto.

Aus feministischer Sicht sieht die Sache allerdings anders aus. Der vermeintliche Held ist in Wirklichkeit ein infantil gebliebener Erwachsener, der sein Leben lang von einer Frau häuslich und emotional versorgt sein will - wie früher von seiner Mutter. Der patriarchale Mann ist unfähig, für sich zu sorgen und noch unfähiger, Sorge zu tragen für Kinder, kranke oder alt gewordene Menschen. Eine weltschöpferische Tat, die diesen Namen wirklich verdient, würde die Forderung ans männliche Geschlecht stellen, der Mann müsse endlich wegkommen von seinen infantilen Versorgungsansprüchen an Frauen, Ehefrauen und Mütter. Er müsse endlich erwachsen werden! – Nebenbei: Kürzlich (im Jahr 2013) habe ich von einer Frau erfahren, sie habe ihren drei erwachsenen Söhnen zum Halbe/Halbe-System des Zusammenlebens mit einer Frau geraten, weil sie sonst von einer Frau abhängig würden. Bei dieser Auffassung handelt es sich um einen ins Positive gewendeter Rat, anstelle der oben angebrachten Kritik an Männern, die nicht erwachsen werden wollen.

Der grosse Einzelne - Ein fragwürdiges Männerbild

Vera Zingsem erwähnt und kritisiert den Jungianer Erich Neumanns Auffassung über den „grossen Einzelnen“. Der „grosse Einzelne“ sei auf allen Gebieten stifterisch, das heisse geistig zeugerisch. Er sei dies als Täter und Held, künstlerisch, wissenschaftlich, philosophisch, religiös und ebenso auch ethisch (S. 199). Zu fragen ist allerdings, welchen Umständen und Eigenschaften Neumann dieses stifterische und geistig zeugerische im „Mann“ entnimmt. Er schreibt: «Alles, was aus dem Körper austritt», sei schöpferisch. Nicht nur der Same sei schöpferisch, «sondern auch der Urin und der Speichel, der Schweiss ebenso wie der Kot und der Atem, und das Wort ebenso wie der Flatus (Blähung)» seien schöpfungsträchtig. Aus all diesem entstehe «Welt», all dies Nachaussentreten sei «Geburt»8 (S. 81-83). – Der Feministin bleibt zunächst schlicht die Sprache weg über die Lächerlichkeit und Absurdität dieser Argumentation. Die Absurdität der Argumentation wird erst richtig erkennbar, wenn wir sie auf Frauen anwenden. Schöpfungsträchtig bei Frauen seien der Urin und der Speichel, der Schweiss ebenso wie der Kot und der Atem, und das Wort ebenso wie der Flatus (Blähung)» und nicht etwa ihre Gebärtätigkeit. Dass der Jungianer Erich Neumann mit einer letztlich lächerlichen Beweisführung operiert, war ja nur im patriarchalen Umfeld der männlichen Definitionsmacht  möglich.

Geschlechterverhältnis strukturell gewaltförmig

Im Jahre 1988 konstatiert Ulrike Teubner, es gebe wenige Indizien für eine neue Gemeinsamkeit zwischen Männern und Frauen. Den neuen Männern und neuen Vätern fehle die neue männliche Praxis. Hausarbeit sei nach wie vor Frauenarbeit; daran habe die zunehmende Erwerbstätigkeit nichts geändert. Die Formbestimmtheit der Hausarbeit als quasi private Dienstleistung (am Mann) sei die Ursache für die Formen männlicher Aneignung und Verfügung über Frauen und deren Arbeit. Am Ort der Herrschaft beobachte sie psychische Prozesse, die eine Vermischung von Narzissmus, Ambivalenz und Aggression sichtbar machen10 (S. 32-34 mit Hinweis auf Mario Erdmann). Die Analysen von Kommunikation und Interaktion zwischen den Geschlechtern zeigen nach Teubner deutlich, dass «Aggression immer wieder auf die Herstellung von männlicher Macht und Dominanz» zurückzuführen sind. Ein weiterer Aspekt dieses Prozesses sei die Verbindung von Macht und Lust in der männlichen Sexualität. Bezugnehmend auf Hannah Arendt (1985) stellt Ulrike Teubner fest, dass niemals eine einzelne Person über Macht verfügt. Vielmehr stelle sich patriarchale Macht durch Teilhabe an der Organisation des Männerbundes her. Das Konstrukt «Männlichkeit» sei Bestandteil dieser Organisationsform. Der Tatbestand «Entfremdung» habe in diesem Kontext (für Männer) eine Entlastungsfunktion. In diesem Sinne sei Macht nicht an das Vorhandensein eines Konflikts gebunden. Dieser Sachverhalt setze allerdings eine Entideologisierung des Machtbegriffs voraus und ermögliche, anstelle einer Dämonisierung des patriarchalen Mannes, eine Differenzierung des Männerbildes. - Das Geschlechterverhältnis sei an sich strukturell gewaltförmig. Vor allem seien die Ursachen von Gewalt nur bedingt in der Täterpersönlichkeit zu suchen, der Anlass der Gewalt nicht im Verhalten des Opfers.

Jahwe der Bräutigam und Israel die Braut

Die Theologin und Mythenforscherin Vera Zingsem nähert sich dem Problem noch von einer anderen Seite der biblischen Schöpfungsgeschichte. „Versuche, Adam mit Lilith wenigstens eine gleichrangige und ihn auch spirituell beflügelnde Liebespartnerin beizugesellen“, seien kläglich gescheitert, weil es Adam – den Erzählungen zufolge – nicht gelungen sei, die Liebe anders als ein Herrschaftsverhältnis zu deuten, bei dem die Frau unten, der Mann aber oben zu sein habe. Und so gehe es auch weiter „mit dem Braut-Bräutigam-Modell des Alten Testaments, bei dem Jahwe der Bräutigam und sein Volk Israel die Braut“ sei. Bei diesem Modell habe die Braut bedingungslos zu gehorchen, „oder ihr werden Tod oder Verderben in den schrecklichsten Szenen ausgemalt“. So möge es nicht verwundern, „dass die Israeliten bei den Ascheren und Altären der ‚Himmelskönigin‘ Zuflucht suchten. Bei ihr wenigstens fühlten sie sich aufgehoben und betreut, vor allem die Frauen wollten nicht von ihrer Verehrung ablassen8 (S. 199).     

Zum Schluss - Was nun?

Wir sind davon ausgegangen, dass dem orthodoxen jüdischen Mann aus dem Verhältnis zum Gott Jahwe eine schwierige Problematik resultiert, weil er zwischen zwei gegensätzlichen Vorbildern und Forderungen steht. Das eine Vorbild besteht aus dem eifersüchtigen und brutalen Krieger (Gott Jahwe), das andere Vorbild aus Jesus von Nazareth. Jesus stellt mit seinem extremen Gebot der Nächstenliebe und Feindesliebe unerfüllbare Forderungen. -  Diesem Problem begegnen die Gründer der Tiefenpsychologie mit einem listigen Manöver: Indem das Gebot der Nächstenliebe auf die Frauen verschoben und das Sorgen und Lieben als das „Weibliche“ an sich definiert wird. Diese perfide Aufteilung wirkt verheerend auf beide Geschlechter. Aber auf unterschiedliche Weise: Die Beziehung des Mannes zur Frau ist von Aggressionsbereitschaft, Dominanzansprüche und mangelhafte Liebesfähigkeit geprägt. Weil von der Frau aber zugleich gefordert und erwartet wird, dass sie den Mann gleichwohl als ihren „Nächsten“ liebt und versorgt, ohne eine gleichartige Gegenleistung, ziehen viele Frauen es vor, allein oder mit Ihresgleichen zusammen zu leben.

Mit anderen Worten: Weder der biblische Jesus noch der biblische Jahwe vermitteln ein wirklich akzeptables Männerbild. Dem orthodoxen Judentum steht es also noch bevor, einen Weg aus der strukturbedingte Problematik des jüdischen Mannes zu suchen und zu finden.

Quellen

  1. Agnes Heller: Die Auferstehung des jüdischen Jesus, Philo 2002
  2. Walter Nigg: Grosse Unheilige, 1996
  3. Ursula Baumgardt: König Drosselbart und C.G.Jungs Frauenbild. Kritische Gedanken zu Anima und Animus, 1987
  4. Margret Ostrowski-Sachs: Aus Gesprächen mit C.G.Jung, 1965
  5. Elisabeth Camenzind: C.G. Jungs Mutterbeziehung und mütterliche Wurzeln. Skript 107.1 in:  www.ffrps.com
  6. Agnes Heller: Theorie der Gefühle, 1980, Studienausgabe
  7. Alexej Mend; Volker Elis Pilgrim: Das Paradies der Väter, 1980
  8. Vera Zingsem: Lilith. Adams erste Frau, 2009
  9. Gerda Weiler: Der enteignete Mythos. Eine notwendige Revision der Archetypenlehre C.G.Jungs und Erich Neumanns, 1985
  10. Carol Hagemann-White: FrauenMännerBilder