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369 – FRP-Referentinnen zu Agnes Hellers Bedeutung für die feministische Therapie

 

Erika Schmid stellt die Frage, was so neu sei an Agnes Heller. Sie verweist auf neuere Forschungen  von Lichtenberg, Stern, Baumgardt.

Carola Meier-Seethaler: Heller hat den tiefenpsychologischen und soziologischen Ansatz, das ist das Faszinierende. - Sie möchte lieber ‘androzentrisch’ sagen anstatt ‘feministisch’.

Brigitte Weisshaupt: Der Begriff ‘Feministisch’ ist ein wichtiger strategischer Begriff, um Fixierungen aufzulösen. Heller zeigt, was Gefühle ursprünglich sind. Damit unterläuft sie die Polarität in subversiver Weise. Die Geschlechterpolarität ist das Grundparadigma. Denkprozesse sind zutiefst mit Gefühlsprozessen verbunden. Heute heisst dies ‘Erkenntnisinteresse’. - Heller bringt sehr wohl etwas Neues. Ihre Theorie kann nicht einfach dem Ganzen hinzugefügt werden, kann also nicht addiert werden. Durch ihre Sichtweise wird alles verändert, alles wird neu konstelliert, umgewichtet, umgewertet. Die erforderliche Offenheit gegenüber anderen Modellen ist im Begriff ‘Konstellation’ enthalten. - Fühlen heisst nach Heller, ich bin in etwas involviert. Bezüglich des Kantschen Problems von ‘Neigung und Pflicht’ bedeutet ‘die Sache der anderen zu meiner Sache machen’ ein Zuviel an Involviertsein in die Sache der anderen. Es ist gefährlich, sich in die Sache eines Einzigen zu involvieren. Bei Heller ist ein aufklärerischer Impetus vorhanden.

Ursula Kübler beschreibt in einem separaten Papier die Punkte, die ihr bei Agnes Heller wichtig sind: Denken und Fühlen sind untrennbar miteinander verbunden sowie die Gleichgewichtung  von Denken und Fühlen. Das Gefühl ist inhärenter Bestandteil von Handlungen und Denken, auch beim wissenschaftlichen Denken. Ohne Kognition kann kein Differenzierungsprozess im Gefühlsbereich stattfinden. Die grosse Bedeutung, die dem Ich zukommt bei der Aufrechterhaltung der psychophysischen Homöostase. Das Involviertsein ist eine regulierende Funktion des sozialen Organismus in seiner Beziehung zur Umwelt in Hinsicht auf die Erhaltung und Erweiterung des Ich. Gefühle bedeuten auch Information, denn sie signalisieren Bedrohung oder informieren über das Verhältnis des Ichs zum Objekt, über Ereignisse sowie über deren Wichtigkeit für uns. Gefühle selektieren in der Wahrnehmung, sonst bestünde Gefahr von Reizüberflutung. Ohne das Involviertsein wäre unser Bewusstsein lediglich widerspiegelnd. Das Gefühl ist Regulation und Erweiterung und Sicherung des Ichs. Wir sind darin involviert, dass unsere eigene Welt nicht in Stücke fällt. Frage: Was geschieht in schweren Psychosen, wo die Welt ‘in Stücke fällt’? (mit Hinweis auf Benedetti und Ciompi). - Wir sind involviert in die Erhaltung und Erweiterung unseres Selbst, in die Kontinuität unseres Ichs, in die Tatsache, dass wir uns in der Welt auskennen, dass wir die Tatsachen der Welt platzieren, ordnen und deuten, dass wir den Taten Sinn geben. Wir sind involviert in unsere Werte, Gewohnheiten, wir sind in die Welt und in uns selbst involviert (mit Hinweis auf Jung und die Sinnfrage unseres Daseins).

Heller formuliert das grundlegende Sicherheitsbedürfnis der Menschen innerhalb der Gesellschaft und weist auf die bedeutende Rolle der Gefühle bezüglich der ‘Bewahrung und Erweiterung’ innerhalb einer Gesellschaft hin. Rhythmische Abläufen (Essrhythmus) und Rituale sind für Aufrechterhaltung der Homöostase in der Gesellschaft wichtig, wobei Gefühle eine zentrale Rolle spielen. 

Menschen sind wünschende Wesen. Der Wunsch ist nichts anderes als das Involviertsein in die Erweiterung des Ichs. Der Wille ist Involviertsein in ein Ziel. Der Wille hat immer eine positive oder negative Implikation moralischer Art, weil mit dem Ziel die Frage der Verantwortung auftritt. Wir sind nicht nur in das Ziel involviert, sondern auch darin, dass wir das Ziel gewollt haben (Heller l981, 45).

Die Überich-Bildung geht über die Internalisierung von Gefühlen, zu denen wir aufgefordert werden. Die Anteilnahme anderer Menschen an mir wird Anlass, dass ich bestimmte Gefühle in den Hintergrund schiebe und andere in den Vordergrund rücke.

Mit den Mitteln des Fühlens und des Willens kann das eigene Befinden in eine bestimmte Richtung gelenkt werden (sich selber zureden, sich aufmuntern, sich Mut machen). Diese Beeinflussung durch ‘Positivierung’  (Benedetti) ist in Therapien bei Depression, Schizophrenie und anderen Störungen oft zu beobachten, indem negatives Denken durch bestimmte Interventionen in andere Bahnen gelenkt wird. Dies gilt auch für die ‘Konstellation? einer inneren ‘guten Mutter’ oder ‘guten Vaters’.

Die Bedeutung von Spannung und Entspannung, die durch Gefühle reguliert werden. Nicht gelöste oder nicht abgemilderte Gefühle können die Homöostase zerstören. Dies ist auch ein grosses Thema bei Jung im Zusammenhang mit Neurosen, Symbolbildung, Progression, Regression, Auseinanderfallen der Gegensatzpaare.

Für die Gedächtnis-Speicherung ist die homöostatische Funktion der Gefühle grundlegend: wo sind wir involviert, was kommt in die Speicherung, was nicht.

Das Ich, das nur das Schöne erinnern und wachrufen kann, um eine Scheinkontinuität zu bewahren, nennt Heller ein ‘inauthentisches Ich’ (mit Hinweis auf Winnicotts echte und unechte Gefühle).

Manche Ereignisse sind so negativ, dass wir ihnen nicht nachsuchen. Ein negatives Involviertsein dieser Art ist auch eine Art Verteidigung unseres Ichs.

Wie ein Garten benötigen die Emotionen ständige Pflege: Begießen, Jäten (mit Hinweis auf Kathrin Aspers ‘Gartenarbeit’ und ‘Detektivarbeit’).

Partikulare und individuelle Gefühle: Partikulare Menschen identifizieren sich völlig mit der eigenen Welt und mit sich selbst. Die Selektion richtet sich auf die reine Selbsterhaltung, auf konfliktlose Erweiterung in der gegebenen Umwelt. Es besteht eine totale Identifikation mit Vorschriften und Normen - ein ‘Wir-Bewusstsein’. Das Verhalten zum Ich und zu Vorschriften ist undistanziert. Im Extrem geht die Entwicklung zu einem falschen Selbst, nach Jung zu einer zu starken Persona. Beim partikularen Ich spielen die Abwehrmechanismen eine grosse Rolle. Diese Menschen benötigen die Bejahung von Allen. Ihr Ich und Selbstbild ist durch diese Bejahung bedingt. Die Hingabe wird gefürchtet. Wenn das Objekt der Hingabe aus dem ‘Wirbewusstsein’ fällt, erlebt sich das Ich als entleert, depressiv und ev. hasserfüllt.

Individuell ist unser Verhalten dann, wenn wir Distanz zu uns selbst und zur Welt halten. Solche

Menschen selektieren im Gewohnheitssystem aufgrund von selbstgewählten Werten.  Gleichermaßen selektieren sie aus ihren partikularen Anlagen. Das Leitwort ist hier: ‘Erkenne dich selbst’. Hier ist ein Ansatz zu Jungs Begriff der ‘Individuation’. Individuation als Folge von Not und Krise. Menschen mit individuell gewählten Gefühlen überprüfen die Abwehrmechanismen. Eine Bejahung durch Alle ist nicht nötig. Die Ichstärke ist nicht durch Bejahung bestimmt. Die Hingabe ist eine Hingabe an Werte (Hinweis auf Narzissmustheorie, Kohut, Kathrin Aspers ‘Verlassenheit’.