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229 - Andrea besucht eine patriarchale, Anna eine feministisch reflektierte Psychotherapie – und wie sich diese unterscheiden.

 

1. Andrea: Sie ist eine 16-jährige Gymnasiastin

Bei der 16-jährigen Gymnasiastin Andrea begann eine Bulimie in den Ferien, die sie mit ihrer Mutter verbrachte. Andrea habe so nebenbei den Vorsatz gefasst, „ein paar überflüssige Pfunde loszuwerden“, dann habe die Gewichtsabnahme nicht mehr gestoppt werden können, wonach sie zum Skelett abgemagert sei und ins Spital kam und anschliessend in Psychotherapie zu einem Mann. Andrea erzählt ihre Geschichte in einem kleinen Taschenbuch1.

Kindheit und Jugend

Von ihrer Mutter erfuhr ich, Andrea sei ein fröhliches und lebhaftes Kind gewesen, das sich zu beschäftigen wusste: Spiele am Bach, auf der Dachzinne, beim Indianerspiel mit ihrer Freundin. Eine Bekannte schrieb ihr, sie habe Andrea für „eines der begabtesten, aktivsten, reifsten und vielversprechendsten jungen Mädchen“ gehalten. Sie habe sie immer für ein Menschenkind gehalten, „das sich mit ganzer Seele und Energie für die leidende und ungerecht behandelte Menschheit“ einzusetzen imstande sei. Nun aber warf ihr die Bekannte vor,  Andrea denke nur an sich (wegen der Magersucht), und sie könne sie nicht mehr lieben wie sonst. - Bananen wollte Andrea nicht essen, weil daran „noch das Blut ausgebeuteter Plantagearbeiter klebt“. Ein Lehrer musste „gezähmt“ werden, weil er Filme zeigte, in dem die Chemie „verherrlicht“ wurde.

Am Gymnasium waren für Andrea die Philosophiestunden die „interessantesten“, weil der Lehrer sie zum selber Philosophieren anregte. Diese Stunden waren aber auch die „gefährlichsten“, weil der Lehrer oft von Selbstmord sprach, und weil die radikalen philosophischen Zweifel an ihrem noch sehr unstabilen Fundament nagten. Oft dachte sie: Jetzt darfst du diesen Gedankengang nicht mehr weiterdenken, sonst wirst du verrückt. „Sind denn diese Lehrer wirklich so naiv, das nicht zu merken?“ - Andrea reagierte zornig auf den obligatorischen Kochkurs: „Wieder wollte man uns in die bürgerliche Hausfrauenrolle drängen.“ Sie sehnte sich nach dem „Ungewöhnlichen“. In einem Traum flog eine wundersame Taube in ihr Zimmer, aber ein pechschwarzes Tuch fiel über sie und die Taube zerfiel zu Staub.

Im Nachwort legt ihr Therapeut dar, warum die langjährige Psychotherapie erfolglos blieb. Es lag an der Patientin! Die Bevorzugung von Knabenspielen sei ein Zeichen, dass Andrea seit frühester Kindheit stets mit der männlichen Seite ihrer Psyche identifiziert gewesen sei. Die Psyche jedes Menschen, ob Mann oder Frau, sei doppelgeschlechtlich; sie habe „männliche und weibliche Anteile. Das Denken habe eine trennende Funktion und habe männliche Qualitäten. Das Fühlen verbinde und habe weiblichen Charakter. „Aber: Ein Mann kann sich auf das Denken stützen, um sich in der Welt zu orientieren, und die Gefühle im Unbewussten lassen. Dann ist sein Bewusstsein zwar eingeschränkt, doch er kann damit leben. Eine Frau kann sich auf ihre Gefühle stützen und das Denken vernachlässigen, und es kann ihr wohlsein dabei. Nur die Umkehrung schafft Probleme: Ein Mann, der nur fühlt, oder eine Frau, die nur denkt, verlieren den Boden unter den Füssen.“ Obgleich „die gegengeschlechtliche Seite der Psyche stärker bewusst gemacht werden“ müsse, ändere dies nicht daran, „dass männlich und weiblich absolute Gegensätze sind.

Andrea nenne ihn „Hagen“. Hagen sei eine Figur aus dem Nibelungenlied, ein Bösewicht, der den Helden Siegfried hinterrücks ermordet. - Hier verrate eine unbewusste Phantasie, was den Gang der Therapie gehemmt habe. Der Therapeut sei eine Gefahr für das, was ihr am teuersten sei. In einem gewissen Sinne treffe dies sogar zu. Denn einmal werde Andrea „den inneren Helden opfern müssen“. - Was sie zu erreichen versuchte, sei die Allmacht des Ich und die Ohnmacht der unbewussten Psyche. Das wäre, wie wenn sie einen heranrollenden Eisenbahnzug mit blossen Händen aufzuhalten versuchte. „Dabei wäre es ganz einfach. Sie brauchte nur loszulassen und der Zug fährt von selbst in die richtige Richtung.“ Der Kampf zwischen Lebenswillen und Todessehnsucht, zwischen Fressen und Hungern, sei der Streit zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen ihrer Seele. Da ihr Ich sich verzweifelt an die falsche Seite klammere, die männliche, würden beide Seiten destruktiv. Wenn es ihr gelänge, „ihr Ich umzupolen, indem sie ihre Weiblichkeit akzeptiere, dann könnte die männliche Seite schöpferisch werden“. Ferner meint der Therapeut: „Es braucht nur einen kleinen Schritt“, aber sie müsse es selber wollen.

Bilanz der patriarchalen Therapie aus feministischer Sicht

Der Therapeut sieht in Andrea eine Jugendliche, die nur denkt, anstatt zu fühlen. Er wirft ihr vor, dass sie denken anstatt fühlen wolle und dass dies ihr ganzes Problem und die Ursache ihrer Magersucht sei. Der Therapeut trägt im Jahre 1985 ein patriarchales Frauenbild an sie heran, das er der Tiefenpsychologie entnimmt, die sich auf patriarchale Mythologien beruft. Nun ist es aber so, dass  Andrea ihrem Therapeuten von zahlreichen Gefühlen berichtet, die vom Therapeuten jedoch nicht als Gefühle erkannt werden. Sie schildert Gefühle der Angst, der Sehnsucht, des Mitleids, des Zorns, des Ärgers, während er meint, sie müsse (weibliche) Gefühle der Liebe, Güte, Wärme entwickeln sowie den Dienst an Mann und Kind für ihre künftige Aufgabe halten und akzeptieren. Das heisst, dass es bei Hagens Psychotherapie letztlich um Weiblichkeits-Dressur geht. Kein Wunder, das sie erfolglos blieb. – Später und nach vielen Jahren würde Andrea aus eigener Kraft zu ihrer Berufung finden und die Bulimie überwinden.

 

2. Anna: Von der Psychotherapie erwartet sie, ihren Mann wieder lieben zu lernen.

Eine Klientin, die ich Anna nenne, verliebte sich nach 10 Jahren einer durchschnittlichen Ehe in eine Frau. Ihre Phantasien kreisten darum, mit dieser Frau zusammenzuleben und allenfalls auch für sie finanziell zu sorgen. Die Vorstellung, wie die Eltern, Geschwister, Arbeitskolleginnen, Kollegen und ihr Chef diesen Entschluss aufnehmen würden, hielten sie jedoch davon ab, während sie meinte, ihr Mann würde eine andere und passendere Frau finden. Er sei ein sympathischer Mensch. Am liebsten würde sie ihn als guten Kollegen und Bruder behalten. Vor einem Monat habe sie ausziehen und ihm alles überlassen wollen: Eigentumswohnung, Möbel, Auto, alles. Sie habe ihm gestanden, sich in eine Frau verliebt zu haben. Da habe er ihr einen Termin gesetzt, bis dahin sie wissen müsse, ob sie lesbisch sei und wohin sie gehöre. Da sei sie in Panik geraten, vom Mann verlassen zu werden. In dieser Spannung sei sie in einen Alkoholkonsum geraten und zudem habe sie Valium genommen. Darüber sei sie erschrocken. In ihren Gefühlen schwanke sie hin und her und möchte nun erfahren, ob sie wirklich lesbisch sei. In den vielen Frauenbüchern, die sie gelesen habe, sei ihr Fall nicht beschrieben. Es sei keine sexuelle Geschichte, sondern eine Herzensgemeinschaft zwischen Frauen. So etwas sei mit einem Mann vermutlich gar nicht möglich. Orgasmusprobleme habe sie mit ihrem Mann nie gehabt. Aber sie fühle bei ihm kein Herzklopfen. Er verstehe gar nicht, was sie meine. Sie sei entsetzt, in was sie sich hineinmanövriert habe. Sie habe sich entschlossen, die Freundin nicht mehr zu sehen. Sie wohne zurzeit bei einer Kollegin. Ein Kollege des Mannes sage, den Frauen gehe es zu gut, daher kämen sie auf dumme Gedanken. Sie möchte ihren Mann wieder lieben lernen und hofft dies mittels der Therapie zu erreichen.

Danach magerte Anna ab. Sie träumte, sie werde im Rollstuhl zur Hochzeit mit einem fremden Mann gefahren. Sie träumte ferner von abgehackten, blutenden Pfoten eines Hundes, der seine Wunden leckt und sie wurde von Todesgedanken verfolgt. In einem Traum hörte sie, ihre Gefühle seien in einem Adventskranz verkauft worden. Später sah sie im Traumbild ihre eigene Todesanzeige, die auf den Zusammenhang von Liebe und Seele hinwiesen, aber sie habe sich gänzlich unberührt gefühlt. Es sei immer so, dass sie total gefühllos und gleichgültig werde, wenn sie sich von ihrer Freundin zu lösen versuche. Schliesslich kam es beinahe zu einer tödlichen Kurzschlusshandlung.

Ihr Mann meine, man könne nicht zwei Menschen lieben. Er sei überzeugt, dass sie zu ihm zurückkehren werde. Seiner Meinung nach sei Liebe zwischen Frauen abnormal und nichts Ernsthaftes. Von Anfang an sei von ihrem Mann emotional wenig zurückgekommen. Er schaue Sportsendungen am Fernsehen und erwarte, dass sie neben ihm sitze. In der Freizeit hätten sie miteinander nur Sport getrieben. Sie selber habe sich vor der Ehe ebenfalls sportlich betätigt: Velofahren und Velorennen. Durch ihre Freundin sei sie mit Esoterik und Frauenbüchern in Berührung gekommen und sei weiblicher geworden. Vorher habe sie alles mit dem Kopf gemacht und die weiblichen Gefühle verdrängt. Sie brauche die Herzensgemeinschaft mit der Freundin. Auf der anderen Seite könne sie die gesellschaftliche Ächtung nicht aushalten, wenn die Sache bekannt würde. Zudem würde sie ihre leitende Stellung verlieren. Sie habe das Gefühl, es gebe keine Lösung für ihr Problem.

Nachdem Anna die Beziehung zu ihrer Freundin wieder aufnahm, verlor der Mann zusehends seine Selbstsicherheit. Anna klagte, der Mann hänge sich wie ein Kind an sie, er wolle ständig in ihrer Nähe sein und suche den Körperkontakt. Früher sei er nur am Koitus interessiert gewesen und auch dies nicht sehr oft. Er gehe weder in seinen Verein noch zum Fussball und zudem wolle er die gebuchten Ferien absagen. Er werfe ihr vor, sie benütze ihn nur als Tarnung für ihre lesbischen Neigungen. Sie fühle sich für seinen schlechten Zustand verantwortlich. Sie sage ihm, dass sie ihn weiterhin gern habe, aber als guten Freund und Kollegen.

Auch die Freundin mache einen Totalanspruch an sie. Die Freundin sei krank und depressiv geworden, als Anna zu ihr von Trennung sprach. Und sie (Anna) fühle sich für deren schlechten Zustand verantwortlich. Die Freundin werfe ihr vor, sie treibe ein Spiel mit ihr, und ferner, sie sei jeweils wie nicht sie selbst, wenn sie beim Mann gewesen sei.

Anna fühlte sich schliesslich von den Ansprüchen und Vorwürfen des Mannes und der Freundin derart bedrängt, dass sie vorschlug, nur noch freundschaftlichen Kontakt zu beiden zu pflegen. Dieser Entschluss hielt Anna mehrere Wochen durch, was jedoch zu einem gefährlichen emotionalen Absterben führte, was bis zu suizidalen Handlungen ging. Die ganze Zeit ging Anna dennoch ihrem verantwortungsvollen Beruf nach, mit einer einzigen Ausnahme. Sie verlangte von sich,  dass sie beruflich reibungslos funktioniert, wie so viele Frauen.

Einige Monate später befasste sich Anna mit der Rückkehr zu ihrem Mann. Sie fühlte jedoch Panik bei der Vorstellung, wieder neben ihrem Mann im Ehebett zu liegen. Er habe ihr jedoch daher angeboten, sie könne im Gästezimmer schlafen und er würde sie nicht bedrängen. Er sage ferner, er habe sich erst jetzt in sie verliebt und er habe noch nie so viel Glück gefühlt, wie in den letzten Monaten, obgleich sie auf Annas Wunsch nur Körpernähe (ohne Genitalität) gepflegt hätten. Der Mann sage, er wolle um sie kämpfen und er selber habe sich um 180 Grad verändert. Einige Wochen später erwähnte sie, sie habe mit ihrem Mann erstmals wieder geschlafen und sie habe sich gut gefühlt. Sie habe ihn jedoch nicht küssen mögen. Ihres Wissens sei dies bei Prostituierten auch so. Ihr Mann habe zuvor gemeint, er könne nicht mit ihr schlafen, solange sie mit der Freundin liiert sei, weil er sonst nicht mehr in den Spiegel schauen könne. Nun habe er trotzdem in den Spiegel schauen können (sich nicht schämen müssen). Mit dem Herzen könne er ihr die Freundin nun zugestehen, nicht aber mit dem Verstand. Er sei frustriert, dass er ihr nicht alles geben könne, was sie brauche. Die Freundin meine, ihr würde es nichts ausmachen, im Hintergrund zu bleiben. Da habe der Mann erleichtert reagiert.

Sie lese zurzeit ein esoterisches Buch über Engel und eines über spirituelles Heilen und fühle sich dadurch verändert. Ihr Mann lache über solche Bücher. - Auch ihre Freundin habe sich verändert, denn sie könne nun zugestehen, dass sie zu ihrem Mann zurückkehre, sofern sie wirklich präsent sei während den Besuchen bei der Freundin. Die Freundin müsse jedoch einen weiteren Entwicklungsprozess durchlaufen, um auf ihren Totalanspruch verzichten zu können.

Einige Wochen später kehrte Anna spontan zu ihrem Ehemann zurück. Es sei aus innerer Notwendigkeit passiert. Sie denke nun, alles im Leben habe seinen Preis. Es sei das kleinere Übel. Von fünf Zimmern habe sie nun zwei für sich eingerichtet. Sie habe Möbel gekauft, die sie selber zügeln könne, falls sie es wieder nicht aushalten würde. Sie möchte wissen, was sie tun könne, um nicht wieder zu „verlöschen“ in der Ehe. Der Mann meine, vielleicht brauche sie die Freundin noch eine Weile, später dann nicht mehr.

Wieder eine Woche später berichtet sie, eine Stimme in ihr sage ständig, sie sei ein Lesbenschwein. In der nächsten Sitzung schildert sie, ihre Freundin habe am Fernsehen gehört, die Welt werde immer weiblicher. So gesehen sei sie nur zu früh auf die Welt gekommen. Mit diesem Bild hatte Anna erstmals eine für sie annehmbare Vorstellung für ihre Liebe zu einer Frau gefunden.

Rückkehr in die Ehe

Weder ich noch Anna betrachten die Therapie mit der Rückkehr in die Ehe für beendet. Noch ist der Ausgang des Beziehungsgeflechtes ungewiss. Erlöst ist Anna lediglich von dem vormaligen extremen Hin und Her der Gefühle. Sie hat zu beachten gelernt, was sie wirklich braucht und merkt, was sie ihrem Mann, ihrer Freundin geben kann und wo sie Grenzen setzen muss. Es ist eine Phase des Abwartens und Geschehenlassens. Die drei Menschen gehen sehr sorgsam miteinander um, obgleich sie auf dem Recht auf eigene Gefühle und Wünsche bestehen. Hatte Anna zu Beginn das Gefühl, die Gefühlswelt sei eine gefährliche und chaotische Angelegenheit, auf die sie sich niemals hätte einlassen sollen, erlebte sie nun zunehmend die orientierenden Aspekte der Gefühle.

Quellen

1) Andrea Graf: Die Suppenkasperin. Die Geschichte einer Magersucht, 1985

2) Bericht aus einer feministisch reflektieren Psychotherapie