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114 - Aniela Jaffé über C.G.Jung – Archetypen und Herrschaft

Elisabeth Camenzind

Archetypen

Aniela Jaffeé schreibt: Nach C.G. Jung sind Archetypen u.a. der Schatten, die Anima, der alte Weise1 (S. 49). "Im Erlebnis des Archetypus erfährt die Moderne die älteste Art des Denkens als eine autonome Tätigkeit, deren Objekt man ist", mit Hinweis auf Nietzsche: "Zarathustra ist für Nietzsche mehr als poetische Figur, er ist ein unwillkürliches Bekenntnis. Auch er hatte sich in den Dunkelheiten eines gottabgewandten, entchristlichten Lebens verirrt, und darum trat zu ihm der Offenbarende und Erleuchtende, als redender Quell seiner Seele. Daher stammt die hieratische Sprache in: Zarathustra, denn das ist der Stil des Archetypus. (S.48). Am Schluss verweist Jung darauf, dass seine Ausführungen sich auf eine männliche Psyche beziehen, auf "die Analyse eines männlichen Unbewussten" (Jung: Bewusstes und Unbewusstes, Fischer 1957, S. 52).

Verborgene Wirklichkeit

Um Jungs Theorie von den Archetypen zu untermauern verweist Aniela Jaffé2 auf eine "verborgene Wirklichkeit" sowie auf "anordnende Faktoren in der Natur", die sie u.a. durch den Physiker Werner Nowacki gestützt meint: In seiner Schrift "die Idee einer Struktur der Wirklichkeit" gehe Nowacki von der Struktur der Kristalle aus, "die von verschiedenen Kombinationen sogenannter Symmetrie-Elemente" gebildet werde. Diese Symmetrie-Elemente - insgesamt 32 - seien keine stofflichen, sondern "abstrakt-geistige Größen, die eine formative Wirkung ausüben". Nowacki bezeichne diese als "Urbilder". Jaffé zitiert: "Man könnte sie als unanschauliche formale Faktoren ansehen, welche die Kristallflächen als das materiell Gegebene gesetzmäßig und sinnvoll anordnen" und sich erst in dieser Anordnung manifestieren. Nowacki vergleiche die Symmetrieelemente mit den Archetypen und hebe die Analogie ihrer Funktionen als bedeutsames Faktum hervor. Bedeutsam darum, weil es sich ergebe, dass Psyche und Materie nach entsprechender Gesetzmäßigkeit durch unanschauliche formale Faktoren, durch "Urbilder", strukturiert oder angeordnet werden. Die individuelle Gestalt des Kristalls könne die verschiedensten Formen annehmen, so wie im Bereich der Psyche die archetypischen Gestaltungen einen und denselben "Archetypus an sich" vielfältig variieren (35-36).

Dem Leben  immanent

Heute (2010) wird allerdings richtiger von „sich selbst regulierenden Systemen“ gesprochen. Die formende Wirkung ist der Materie, ist dem Leben  immanent. Da braucht es weder einen – ausserhalb angesiedelten „Offenbarenden“ noch eine Archetypenlehre.

Anordner

Ferner verweist Jaffé auf Adolf Portmann, um Jungs Theorie zu stützen. Portmann habe auf die Beziehung zwischen sichtbarem Leben der Natur und verborgen wirkenden Anordnern (männlich!) oder Strukturformen (Strukturtheorie!) hingewiesen: "Gestaltung und Neugestaltung im Reiche des Lebendigen ist nicht eine Entstehung von Ordnung aus einem ungeordneten Chaos: es ist Entstehung von Ordnung aus einer bereits vorgegebenen, ebenfalls geordneten Struktur" (36).

Wanderflug

Was Portmann unter "Struktur" versteht, geht aus den Beispielen hervor: Der Wanderflug der Vögel, der Kampf zwischen Sonnentierchen. Daraus werde ersichtlich, "wie genau diese vorweggenommene Struktur eines Verhaltens dem Archetypischen" entspreche, dem die Tiefenpsychologie auch im Menschen begegne (36). Grasmücken hätten sich auch in der Gefangenschaft auf die angestammte Reiserichtung eingestellt (36). Da es sich bei den isolierten Vögeln weder um erlerntes noch um nachgeahmtes Tun handeln konnte, müsse der Schluss gezogen werden, "dass der Grasmücke ein Bild vom Sternenhimmel angeboren" sei, und dass die Orientierung des Wanderflugs auf diesem Bild beruhe - eine wunderbare Anordnung des Lebendigen" (37).

Bereitschaftssysteme - Geheimnisgrund

Es handle sich "bei solchen Anordnungen oder Instinkten, wie bei den Archetypen, um angeborene, unanschauliche Bereitschaftssysteme, die strukturierend auf das biologische Geschehen wirken, die das Leben vorbereiten (37). Portmann führe dies zurück "auf einen Urgrund von unbekannten Gegebenheiten, denen letztlich auch unser Tun entspringt, da sie das von uns als bewusst erkannte Erleben und Wirken formen" (37). Jaffé zieht daraus den Schluss, durch "die Erforschung der Instinkte gelangte die Biologie an einen Bereich, den sie wissenschaftlich (gemeint mit den vorhandenen wissenschaftlichen Mitteln) nicht mehr erfassen" könne. Es sei der "Geheimnisgrund", der hinter dem Lebendigen, oder an seinem Ursprung" auftauche, und zu dem, wie auch Portmann feststelle, auch der Mensch in der Prüfung seiner geistigen Aktivität immer wieder geführt werde (37). Damit deute er an, dass der "Urgrund von unbekannten Gegebenheiten" hinter dem biologischen Geschehen einerseits und der seelische Hintergrund, das Unbewusste, anderseits, "ein und dieselbe unanschauliche verborgene Größe" sei (37).

Transzendentale Ordnung

Als weiteren "Beweis" für eine solche Ordnung nennt Jaffé die Mathematik, die eine "geistige Schöpfung des Menschen" sei und doch habe es sich gezeigt, dass vom Menschen entdeckte komplizierte mathematische Gesetze nachträglich ihr Anwendungsfeld im Ablauf und Verhalten der äußeren Natur gefunden hätten. Planetbahnen würden den Gesetzen einer überaus schwierigen Geometrie folgen, die der Mensch unabhängig von astronomischen Beobachtungen entdeckt und errechnet habe. Dies lasse sich befriedigend nur durch eine transzendentale Ordnung erklären, von der Mensch und Natur, oder menschliches Denken und der Kosmos, entsprechend geprägt seien. Dies zwinge uns zum Schluss, "dass unser Geist irgendwie aufs innigste mit dieser Außenwelt verbunden ist, eine Verbindung, die uns auch wohl erst gestattet, diese Gesetze zu erkennen" mit Hinweis auf W. Heitler (38).

Psychoide Strukturelemente

Der Physiker W. Pauli habe die Brücke geschlagen zur Psychologie des Unbewussten, und zwar aufgrund der Konzeption des "psychoiden Archetypus", Nach Pauli beruhe die von Heitler unerklärt gelassene Verbindung zwischen menschlichem Geist und Außenwelt auf der Tatsache des Angeordnetseins unserer Vorstellungen durch diese Archetypen: "Als psychoide Strukturelemente sind sie die Träger jener autonomen und objektiv gedachten, transzendentalen Ordnung, die Geist und Welt verbindet (39).

Schöpfer und Beherrscher

Von hier aus geht die "Beweisführung" nahtlos auf den Gott der Bibel über, von dem Paulus sage: "Denn durch Ihn ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und Unsichtbare" (41). Was heisst, dass die genannten Männer wieder beim alten patriarchalen Männergott gelandet sind. Bei der Aussage von James Jeans hört Aniela Jaffé ebenfalls das religiöse Element unüberhörbar mitschwingen. Sie schreibt: "Der Geist erscheint uns nicht mehr als Eindringling in das Gebiet der Materie; wir fangen an zu ahnen, dass wir ihn eher als Schöpfer und Beherrscher (!) des Reiches der Materie begrüßen dürfen" (41). Jaffé verweist ferner auf Heitlers Postulat eines auch "ausserhalb von uns existierenden" autonom wirkenden und regulierenden "geistigen Prinzips", das dem, was als "göttliches Prinzip" vorgestellt werde, sehr nahe komme. Mit dieser Aussage ist die patriarchale Vorstellung von einer zu beherrschenden (weiblich konnotierten) Materie und einem (männlich konnotierten) "Beherrscher" dieser Materie wieder eingeführt. – Für die Ohren einer selberdenkenden Feministin ist es abstossend bis widerlich, das Geistige  als „Schöpfer und Beherrscher“ der Welt zu denken, was Frau Aniela Jaffé allerdings nicht zu stören scheint. 

Jüdische Mystik der Kabbala

Allerdings kommt Jaffé dann auch noch zu einer gegenläufigen Deutung. Das von C.G. Jung in die Psychologie eingeführte kollektive Unbewusste sei ein transzendenter "Geheimnisgrund", in dem die Archetypen als unanschauliche Ordnungsfaktoren enthalten seien (43). Sie verweist auf die jüdische Mystik der Kabbala, in der neben der Aussage, dass Gott verborgen und unerkennbar sei, zahlreiche bildhafte Formulierungen des göttlichen Wesens und symbolische Aussagen über fest umrissene Aspekte der Gottheit stünden. Sie bezieht sich auf Gersholm Scholems Einleitung zu seinem Werk "Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen" sowie auf seinen Aufsatz: Die mystische Gestalt der Gottheit in der Kabbala (Seite 53). Jaffé führt dann die Sicht der jüdischen Mystik genauer aus, die sie als Jüdin natürlich besser kennt als C.G. Jung. Der unerkennbare, verborgene Gott ruhe „ewig unergründbar in den Tiefen seines Wesen".

Wurzel aller Wurzeln

Gott könne seiner Natur nach nicht Gegenstand von Mitteilung sein. Darum sei er in den Urkunden der Offenbarung, in den kanonischen Schriften der Bibel und in der rabbinischen Tradition überhaupt nicht angedeutet. Als Notbehelf zur Umschreibung des Unerfasslichen dienen Kunstworte wie "Wurzel aller Wurzeln", "grosse Wirklichkeit", oder "indifferente Einheit". Eine der bedeutsamsten Umschreibungen finde sich im Hauptwerk der älteren Kabbala, dem Sohar (Buch des Strahlens, 13.Jh.). Die höchste Bezeichnung des Verborgenen laute hier "En-Sof", was überraschenderweise nicht als der Endlose übersetzt werden müsse, sondern als "das Endlose" Mit der Sächlichkeit vermeide das jüdische Denken jede persönliche Nuancierung und jede Veranschaulichung. In den Schriften von Isaak dem Blinden heiße es entsprechend, der verborgene Gott sei das Unfassliche, nicht aber der Unfassliche (53).

Diese Hinweise auf den Gottesbegriff der Kabbala bedeuten im Grunde eine entscheidende Kritik an Jungs Theorie. Daher ist eigentlich unverständlich, warum Jaffé dennoch im Einverständnis mit Jungs Auffassung sagen kann, "Gottheit und Unbewusstes“ seien „synonyme Begriffe" sowie "die Symbole des Selbst lassen sich von Gottessymbolen nicht unterscheiden" (52). Es scheint mir, Jaffé sei allzu sehr bemüht, sich solidarisch zu Jung zu verhalten. Einmal hatte Jung ihr das Versprechen abgenommen, Red und Antwort zu stehen über ihn und sein Werk, wenn er einmal nicht mehr da sein würde3. Aber vielleicht tut Jaffé allzu viel des Guten, weil es ihr selber ein Anliegen ist, dass Jungsche Psychologie und Religion - auch die jüdische Religion – sich verträglich werden. Ganz kritiklos verhält sich Jaffé gegenüber Jung trotzdem nicht. So sagt sie zum Beispiel, es könne nicht übersehen werden, dass Jung in den Vergleichen der Seele mit dem "Wesen Gottes", mit "Gott" und der "Gottheit" die sich selbst auferlegte erkenntnistheoretische Begrenzung nicht mit aller Strenge wahrte, indem er auf "Gott selber" hinwies (62). Sie entschuldigt ihn in der nächsten Zeile mit dem Hinweis, dass "in der Ergriffenheit des Schreibens" der homo religiosus das nüchterne Argument des Wissenschaftlers durchbrach (62) - ein Argument, das mich allerdings nicht überzeugt.

Ein oft sehr viel stärkerer Wille

Jaffé zitiert einen Brief von Jung aus dem Jahre 1959, in dem er die Anwendung des Begriffes "Gott" als Formulierung eines autonom Wirkenden rechtfertigt: "Die Erfahrung, die ich ,Gott' nenne, ist die Erfahrung meines eigenen Willens gegenüber einem anderen und oft sehr viel stärkeren Willen, der meinen Weg mit anscheinend katastrophalen Folgen kreuzt, indem er mir sonderbare Gedanken in den Kopf setzt; der mein Schicksal gelegentlich höchst unerwünscht in die Enge treibt oder ihm eine unerwartet günstige Wendung gibt - und all dies unabhängig von meinem Wissen und meiner Intention. Die fremde, gegen oder für meine bewussten Absichten eingestellte Macht ist mir wohlbekannt, darum sage ich: „Ich kenne ihn"(62-63). – Dazu ist zu erinnern, dass Jungs „sonderbare Gedanken“ verstehbar sind aufgrund seiner zwei unterschiedlich gearteten Herkunftsfamilien, bzw. deren Zugehörigkeit zu zwei unvereinbaren  Religionen: Vater Christentum, Mutter Judentum, wobei der Familientisch vermittelte, dass das Jüdische überholt und antiquiert sei. - Jung hatte seine mütterlichen Wurzeln und die Liebe zu diesen Wurzeln verdrängen müssen, bis sie ihn später durch seine jüdische Patientin Sabina Spielrein einholten.

Unerfasslicher Hintergrund 

Jaffé führt weiter aus, für Jung sei der "Weg zur seelischen Erfahrung des Religiösen ein Wagnis. Es bedürfe des Mutes und innerer Kraft, um die aus dem unerfasslichen Hintergrund ins Bewusstsein dringende Stimmen und Bilder ernst zu nehmen, um die Konfrontation mit den numinosen Inhalten des Unbewussten auszuhalten, sie zu verstehen und ihren Sinn zu berücksichtigen. "Mit anderen Worten: um sich gestaltend gegenüber dem zu behaupten, von dem man selbst gestaltet wird" (65). Doch gelte das Abenteuer, dieser Gang ins Unbewusste, nur dann als bestanden, wenn sich das passive Ausgeliefertsein in aktive Stellungnahme wandelt. Nur dann grenze sich das Bewusstsein gegenüber dem Unbewussten ab, erweitere seinen Umfang, und die Persönlichkeit entfalte sich (65).

Versenkung in die Tiefenschichten

Aufgrund der Tatsache, dass C.G. Jung sowohl von Ärzten als auch von Laien als schizophren oder zumindest als latent schizophren bezeichnet wurde, erinnert Jaffé daran, dass Jung selber seine Versenkung in die Tiefenschichten der Seele mit einer Psychose verglichen habe. Die „Psychose“ war aber im Anschluss an seine Liebe zur Jüdin Sabina Spielrein ausgebrochen. Jetzt konnte er sich der Auseinandersetzung mit dem jüdischen Erbe nicht mehr entziehen. Jung versuchte, die faszinierenden Inhalte mit einer neuen Begrifflichkeit aus dem Bezirk des abgewerteten Jüdischen zu retten. Seinen Zustand wollte er jedoch als eine "antizipierende Psychose" verstanden wissen. Er sagte, zwischen einer "vorweggenommenen Psychose und einer wirklichen bestehe ein gewaltiger Unterschied. Bei dieser werde "derselbe Phantasiestoff integriert, dem der Geisteskranke zum Opfer fällt, weil er ihn nicht integrieren kann, sondern von ihm verschluckt wird". Im Mythus sei jener der Held, der den Drachen überwindet, und nicht jener, der von ihm gefressen werde. Wer sich "dem Untergrund seines Selbst gestellt" hat, habe damit sein Selbst gewonnen, alles "was ihn von innen bedroht hat, hat er zum Eigenen gemacht und sich damit ein gewisses Recht erworben, zu glauben, dass er alles, das ihm noch in der Zukunft drohen könnte, mit denselben Mitteln zu bewältigen imstande sein werde" (68-69). Die Auseinandersetzung mit den numinosen Kräften des Unbewussten sei eine "archetypische Erfahrung, so alt wie die Menschheit: "Es ist die Urerfahrung eines Göttlichen als Tremendum und des Sinnes als Erlösung.“ In den archaischen Bildern des Mythus habe ihr der menschliche Geist einen Ausdruck verliehen, der seine Gültigkeit nie verlor (69).

Alchimistische Texte

Aniela Jaffé bezeichnet C.G.Jung als einen "eminent historisch eingestellten Forscher3: "Ein wesentlicher Teil seiner wissenschaftlichen Methode bestand im Vergleich seiner Gedanken und Intuitionen und der am empirischen Material gewonnenen Einsichten mit historischen Zeugnissen. Diese Methode verschaffte ihm die Möglichkeit, eigene Erfahrungen und psychologische Entdeckungen zu objektivieren und ihre Allgemeingültigkeit festzustellen" (S.57). Jaffé verweist auf alchimistische Texte und deren Bilder und Aussagen, aufgrund deren Übereinstimmung mit Jungs Forschungsresultaten es ihm möglich war, sie historisch einzuordnen und damit erst als Grundlage einer Wissenschaft habe betrachten können (57).

Patriarchale Mythologien

Gegenüber Aniela Jaffé ist hier allerdings einzuwenden, dass Jungs vermeintlich unantastbare „historische Zeugnisse“ lediglich aus patriarchalen Mythologien bestehen. Hätte er Zeugnisse aus matrizentrierten Mythologien hinzugenommen, wäre er zum Beispiel auf eine „weise Alte“ gestossen in Analogie zu seinem „weisen  Alten. Es wäre dann nicht möglich gewesen, das Weibliche ganz generell als „dienende Magd am Männlichen“ zu definieren.

Synchronizität 

Bezüglich der parapsychologischen Phänomene komme Jung auf den Begriff: Synchronizität. Jaffé fasst zusammen und erklärt: "Synchronistische Phänomene weisen auf ein ursacheloses Angeordnetsein“, dem die wahrnehmende Psyche ebenso unterworfen sei wie das wahrgenommene Physische. Durch die Konzeption einer solchen, im Metaphysischen verankerten Anordnung füge sich das Erkenntnisprinzip der Synchronizität in den Rahmen der in den Naturwissenschaften geltenden Gesetzmässigkeiten: Sie sei „nur der besondere Fall eines heute allgemein postulierten Angeordnetseins, das heisst, einer transzendenten Ordnung, die Innen und Aussen, Geist und Kosmos umfasst" (51). Wörtlich heisse es bei Jung: Ich neige in der Tat der Annahme zu, dass die Synchronizität im engeren Sinne nur ein besonderer Fall des allgemeinen ursachelosen Angeordnetseins ist, und zwar derjenige der Gleichartigkeit psychischer und physischer Vorgänge" (51). Jaffeé fährt fort: "Jung umschrieb es als "ein a priori bestehendes, kausal nicht zu erklärendes Wissen um einen zur betreffenden Zeit unwissbaren Tatbestand" (51). Ein weiterer Aspekt ergebe sich aus der Hypothese eines " a priori bestehenden Sinnes" (51). Jaffé vermerkt allerdings kritisch: "Diese Konzeption verliess jedoch das Gebiet der objektiven naturwissenschaftlichen Feststellung. Dafür ermöglicht der Begriff des transzendentalen Sinnes einen Ausblick auf die Numinosität und den religiösen Charakter des anordnenden Welthintergrunds" (51).

Unserer Willkür entzogen

Jaffé verweist auf Jungs Alterswerk: Mysterium Conjunctionis6: "Der Kausalismus unserer wissenschaftlichen Weltanschauung löst alles in Einzelvorgänge auf, welche er sorgsam von allen anderen parallelen Vorgängen zu sondern trachtet", was zwar im Hinblick auf zuverlässige Erkenntnis nötig sei, aber in weltanschaulicher Hinsicht ein Nachteil, weil der universale Zusammenhang der Ereignisse gelockert bzw. unsichtbar gemacht werde. Dadurch werde die Erkenntnis der grossen Zusammenhänge, das heisst, der Einheit der Welt, zunehmend verhindert. "Alles aber, das geschieht, ereignet sich in derselben einen Welt und gehört zu ihr. Aus diesem Grunde müssen die Ereignisse einen apriorischen Einheitsaspekt besitzen" (52-53). Jung verweist auf W. Paulis Postulat "einer unserer Willkür entzogenen metaphysischen Ordnung" (53).

Schicksal eines Gottes oder Helden

Der Primitive habe einen unüberwindlichen Drang, alle äusseren Sinneserfahrungen an seelisches Geschehen zu assimilieren. Es genüge dem Primitiven nicht, die Sonne auf- und untergehen zu sehen, sondern diese äussere Beobachtung müsse zugleich auch ein seelisches Geschehen sein "d.h. die Sonne muss in ihrer Wandlung das Schicksal eines Gottes oder Helden darstellen, der im Grunde genommen nirgends anders wohnt, als in der Seele des Menschen. Alle mythisierten Naturvorgänge wie Sommer und Winter, Mondwechsel, Regenzeiten usw. sind () symbolische Ausdrücke für das innere und unbewusste Drama der Seele, welches auf dem Wege der Projektion, d.h. gespiegelt in den Naturereignissen, dem menschlichen Bewusstsein fassbar wird (Jung: Bewusstes und Unbewusstes S.14). - Aus diesem Umstand zieht Jung den Schluss, "dass die Seele alle jene Bilder enthält, aus denen Mythen je entstanden sind" (15). Mythen seien "in erster Linie psychische Manifestationen", welche "das Wesen der Seele darstellen" (13-14). Seiner Meinung nach handeln primitive Stammeslehren von Archetypen in spezieller Abwandlung (13).

Spannungsverhältnis

Jung umschreibe die Konfrontation mit den Gefahren des Unbewussten als mythischen Drachenkampf. Die Auseinandersetzung mit den numinosen Kräften des Unbewussten sei eine archetypische Erfahrung, so alt wie die Menschheit. Es sei die Urerfahrung eines Göttlichen als Tremendum und des Sinnes als Erlösung. In den archaischen Bildern des Mythus habe ihr der menschliche Geist einen Ausdruck verliehen, der seine Gültigkeit nie verloren habe. – Dass nicht jede Auseinandersetzung mit dem Unbewussten in einen Kampf um Leben und Tod führe, hänge vom inneren Gleichgewicht des Menschen ab und dem Spannungsverhältnis zwischen dem Ich und dem Unbewussten (Seite 69).

Dabei muss der feministische Blick  immer vor Augen behalten, dass „der Mensch“ bei Jung immer ein  männlicher Mensch meint.

Die Gesänge der Kräuter

Ferner erwähnt Jaffé Martin Buber: Die Gottessohnschaft Jesu sei für Martin Buber ganz unannehmbar gewesen. Er habe Jesus als eine „urjüdische Erscheinung mit wirklicher messianischer Kraft begabt“ gesehen. Er habe sich von der Bergpredigt unmittelbar angesprochen gefühlt und sie als „ein jüdisches Bekenntnis im allerinnersten Sinn“ bewertet. Eine weitere Tätigkeit von Buber betreffe die Beschäftigung mit dem von Baalschem gegründete Chassidismus. Der Chassidismus habe sich von den langweiligen Lehrbüchern abgewandt und in der freien Natur den ewigen Gott auf eine fühlbare Weise neu erlebt. „Wenn der Mensch gewürdigt wird, die Gesänge der Kräuter zu vernehmen, wie jedes Kraut zu Gott spricht ohne alles fremde Wollen und Denken, wie schön und süss ist es, ihr Singen zu hören. Und daher ist es gar gut, in ihrer Mitte Gott zu dienen in einsamem Wandeln über das Feld hin zwischen den Gewächsen der Erde und seine Rede auszuschütten vor Gott in Wahrhaftigkeit. Alle Rede des Feldes geht dann in deine ein und steigert ihre Kraft; du trinkst mit jedem Atemzug die Lüfte des Paradieses, und kehrst du heim, ist die Welt erneuert in deinen Augen.“ Der Baalschem habe mit den Tieren geredet, er habe die Vogelsprache verstanden (248).

Mutterreligion und Göttinreligion

Die Rede des Baalschem über die Natur und das Sprechen mit den Tieren ist sehr schön. Allerdings ist sie nicht neu, braucht auch nicht neu zu sein. Nur müssen wir Feministinnen wissen, woher dieses Naturverhältnis stammt, nämlich aus dem frühesten matriarchalen Lebensgefühl, aus der sogenannten Naturreligion der menschlichen Frühzeit. Die Naturreligion ist identisch mit der Mutter- und Göttinreligion, die jedoch vom biblischen Moses auf Geheiss Jahwes auf grausamste Weise ausgerottet wurde. Da dieses Naturverhältnis nun unter männlichem Vorzeichen auftritt, wird es plötzlich als Gipfel höchster Weisheit vorgetragen, während es zuvor als primitiv galt. Auch Franz von Assisi redete wieder zu den Tieren.

Das Urlicht

Jaffé vermerkt: Anstatt Gott hätten die Chassidim auch Urlicht gesagt. Das Urlicht ströme in die Zaddikim ein und ströme wiederum aus ihnen heraus in ihre Werke. Auch diese Rede gefällt mir, der Feministin. Sie ist viel schöner als die Rede von Gott dem „HERRN“. - Der östliche Chassidismus sei von der Kabbala befruchtet und von dorther stamme die Auffassung, in allen Dingen die verborgenen Gottesfunken zu sehen, die mit der oberen Welt in Verbindung gebracht werden müssen: „In allem, was in der Welt ist, wohnen heilige Funken, kein Ding ist ihrer ledig. Auch in den Handlungen der Menschen, ja sogar in der Sünde, die ein Mensch tut, wohnen Funken der Herrlichkeit Gottes. Und was sind das für Funken, die in der Sünde wohnen?“ Es sei die Umkehr. „In der Stunde, wo du ob der Sünde Umkehr tust, hebst du die Funken, die in ihr waren, in die obere Welt“ (251). Nur dann komme es zu einer „Erlösung der Schechina, der einwohnenden Gegenwart Gottes in der Welt“, die auf der Erde verbannt umherirre und aus deren Verkennung das menschliche Leid entstehe. Die einzige wesentliche Absicht der Chassidim sei, „Gottes Wirklichkeit zu suchen, die weder Mass noch Ende habe. Im Chassidismus heisse es, dass man Gott „auch mit dem Schlafe dienen kann“. Die Chassidim hätten mit der Umkehr keine Askese verbunden: „Was für eine gute und lichte Welt ist das doch, wenn man sich nicht an sie verliert, und was für eine finstere Welt ist das doch, wenn man sich an sie verliert“.

Suche nach metaphysischer Seinswirklichkeit

Nach Walter Nigg scheinen Christentum und Chassidismus fast das Gleiche zu sein, und doch sei dies nicht der Fall. Die Verschiedenheit werde offenbar, wenn man sich die Gestalt Christi als den gekommenen Messias denke und dazu die Einsicht, dass alle Menschen Zugang zu Gott haben, wenn auch nicht für jeden die gleiche Tür offen sei. Chassidisch ausgedrückt: ‘Was wäre das für ein Gott, dem man nur auf eine einzige Weise dienen könnte?“ Was Walter Nigg als Gottessehnsucht, Gottesbeziehung, Gottesverhältnis versteht, ist für mich die Suche nach der metaphysischen Seinswirklichkeit sowie die Suche nach einer Geborgenheit, die grösser und umfassender ist, als wir zurzeit erfahren können. - In Martin Buber sah Nigg den Juden, der die auflösende Gefahr des assimilierten Judentums erkannt hat und dessen bewusstes Bestreben es war, das Judentum zu erneuern, was jedoch nicht geglückt sei. Vom jüdischen Standpunkt aus gesehen, gehöre Buber zu den Ketzern. Die jüdische Orthodoxie schien ihm zu sehr erstarrt und das liberale Judentum zu entleert.4 

Erzvater Abraham

Aniela Jaffé hat sich auch als Herausgeberin von C.G. Jungs autobiografischem Buch:  Erinnerungen, Träume, Gedanken verdient gemacht. Zudem hat sie diese Erinnerungen, Träume und Gedanken aufgezeichnet5. Darin ist zu lesen, Schulkameraden hätten ihm (C.G.Jung) den Spitz-Namen „Erzvater Abraham“ angehängt. - Jung berichtet, dies habe mit einem Aufsatz zu tun, in den er besonders viel Arbeit gesteckt habe (Erinnerungen, 71). Leider erfahren wir nicht, was der Inhalt des Aufsatzes war. Vermutlich war das Thema aber tatsächlich der biblische Erzvater Abraham. War doch das grosse Anliegen seines Großvaters mütterlicherseits, Samuel Preiswerk, die Verschmelzung von Judentum und Christentum. Selber von jüdischer Herkunft meinte Preiswerk zudem, dass im Himmel hebräisch gesprochen werde. An Jungs Familientisch herrschte jedoch die Meinung, dass das Jüdische antiquiert und vom Christentum überholt sei, und dass das Verhältnis von  Christentum und Judentum endgültig geklärt sei. Der Knabe Karl Jung geriet dadurch zweifellos in einen schweren Loyalitätskonflikt und in geistig/seelische Bedrängnis und Verwirrung. Dispute mit dem späteren Jüngling habe Jungs Vater in der Regel beendet: Der Sohn wolle immer denken, man solle aber nicht denken, sondern glauben (Erinnerungen, S.49). 

Verleugnet und unterschlagen

Zufällig habe ich entdeckt, dass sämtliche Publikationen von Aniela Jaffé vom Jung-Institut (neu: ISAP Zürich) verleugnet und unterschlagen werden, indem sie auf der Liste der vom ISAP anerkannten Bücher nicht mehr aufgeführt sind. Dies gilt erstens für: C.G.Jung: Erinnerungen Träume Gedanken. Zweitens für: Der Mythus vom Sinn, 1967. Drittens:  Aus Leben und Werkstatt von C.G. Jung. Parapsychologie, Alchemie, Nationalsozialismus, 1968.

Quellen

1) C.G. Jung: Bewusstes und Unbewusstes, 1957 (BN 1206)

2) Aniela Jaffé: Der Mythus vom Sinn. Im Werk von C.G.Jung, 1967 (BN 1218)

3) Aniela Jaffé: Aus Leben und Werkstatt von C.G. Jung. Parapsychologie, Alchemie, Nationalsozialismus, 1968

4) Walter Nigg: Was bleiben soll. Zehn biographische Meditationen, 1978 (BN 1154).

5) C.G.Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken, Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé, Rascher-Verlag 1962

6) C.G.Jung: Mysterium Conjunctionis,