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756 - Betty Mc Lellan - Kritik an der feministisch humanistischen Therapie

Feministinnen reagierten überschwänglich auf humanistische Therapierichtungen, insbesondere auf die Bedeutung, die den Werten Selbstbewusstsein, Selbstachtung, persönliches Wachstum, Mündigkeit und Selbstverwirklichung zukommt. Dies ist den Titeln der damals erschienenen Büchern abzulesen: "Spontan leben", Körperarbeit für Frauen", "Superwoman", "Die selbstbewusste Frau". Später wurde deutlich, was die Versprechen von individueller Freiheit und Selbstverwirklichung für Frauen tatsächlich bedeuten: Für die Mehrheit nur Frustration, mehr Selbstanklage, mehr Schuldgefühle, mehr Gefühle persönlicher Unzulänglichkeit und persönlichen Versagens, weil die gesellschaftliche Situation unmöglich machte, das zu erreichen, von dem nun alle behaupteten, es sei für alle erreichbar. - Was eine Frau tun musste, war die Freiheit zu wählen. Was sie für ihr Glück tun musste, war, die Verantwortung für ihr Glück zu übernehmen. Was sie tun musste, um eine 'Gewinnerin' zu sein, war, auf das, was ihr im Leben begegnete, selbstbewusst zu reagieren. Sonst nichts. Ein Kinderspiel!

Miriam Greenspan wirft der humanistischen Therapierichtung "falsche Machtversprechen" an gesellschaftlich machtlose Gruppen vor. Kein noch so grosses und persönliches Problembewusstsein kann die unterdrückenden Strukturen einer Gesellschaft verändern, die darauf konzentriert ist, eine Gruppe auf Kosten anderer an der Macht zu halten. Gesellschaftliche Macht war Frauen, ethnischen Minderheiten, Armen und Menschen mit Behinderungen schlichtweg versagt; jede Therapie, die davon ausgeht, Freiheit und Macht und Glück sei allen zugänglich, ignoriert die Tatsache der Unterdrückung: "Manche der heute gängigen feministischen Vorstellungen von "Ermächtigung" von Frauen durch Therapie spiegeln die Verwirrung über das, was Macht ist und wie Frauen zu Macht kommen können. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Gefühl der Eigenmacht der individuellen Frau und der gesellschaftlichen Macht von Frauen als sozialer Gruppe. Im Denksystem vieler feministischer Therapeutinnen scheint dieser Unterschied nicht vorzukommen."

Kritik am sogenannten Gestalt-Gebet: "Ich bin ich, und du bist du. Ich bin nicht auf der Welt, um deinen Erwartungen zu genügen. Und du bist nicht auf der Welt, um meinen Erwartungen zu genügen. Du bist du, und ich bin ich, und wenn wir uns zufällig finden, dann ist es schön. Wenn nicht, lässt es sich nicht ändern." Dieses "Liedchen" ist Ausdruck einer Auffassung vom Ich, das "ein um sich selbst rotierendes Zentrum" ist, ohne Verbindung zu irgendeinem anderen rotierenden Zentrum.

Die humanistische Philosophie funktioniere bei Männern relativ gut, bei Frauen weniger. Warum? Sie richtet sich an Männer. Männer sollten frei werden, ihr Ding zu machen, nicht Frauen. Einstellungen wie "Ich bin für deine Gefühle nicht verantwortlich" liefern eine bequeme Legitimation des gewohnten männlichen Verhaltens, des Verhaltens, von dem Männer glauben, es sei ihr Recht. Dank der humanistischen Bewegung hatten Männer nun die Erlaubnis, zu tun, was sie wollten, ohne die Auswirkungen zu bedenken. Wenn jemand Einspruch erhob, hiess es: "Das ist dein Problem. Ich bin für deine Gefühle nicht verantwortlich."

"Während also humanistische Therapeuten "sexuelle Freiheit" betonen, "wenn es sich gut anfühlt, tu es", pochen feministische Therapeutinnen auf Integrität und Gerechtigkeit und sagen: "Wenn es sich nicht gut anfühlt, tu es nicht." Und: "Wenn es zu deinen ethischen und politischen Werten nicht passt, tu es nicht."

Quelle

Betty Mc Lellan: Lust auf Glück. Die Überwindung der Psychopression. Frauenoffensive 1997