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195 - Frauen diskriminierende Schicksalsanalyse von Leopold Szondi

Elisabeth Camenzind

 

1.Sadismus und Masochismus

Leopold Szondis Schicksalsanalyse versteht sich in der Tradition der Tiefenpsychologie, deren Hauptexponenten Sigmund Freud und C.G. Jung sind. Szondi positioniert seine Schicksalsanalyse als eine integrierende, ergänzende und weiterführende Funktion innerhalb der Tiefenpsychologie. Primär orientiert er sich jedoch an der Psychoanalyse von Freud, von dem er die Zuordnung von Masochismus und Passivität ans weibliche Geschlecht übernimmt, während er den Sadismus einer Theorie von Krafft-Ebing aus dem 18. Jahrhundert entnimmt, wie ich zeigen werde.
2.Geschlechterverhältnis
Wie die Tiefenpsychologen Sigmund Freud und C.G. Jung ist Leopold Szondi an der Beibehaltung des patriarchalen Geschlechterverhältnisses interessiert, wobei er zugleich wie Freud und Jung, 
Polaritäten und Gegensätze in die psychische Organisation beider Geschlechter verlegt, in Männer und Frauen, was er aber nicht konsequent durchhält.

3.Masochismus
Nach Szondi ist Masochismus ein normaler Bestandteil weiblicher Sexualität, wobei er den Masochismus als Bedürfnis nach Passivität und Selbstzerstörung definiert (Triebdiagnostik 1 Seite 73). Der «feminine Masochismus» sei die physiologische Situation der Frau beim Beischlaf. Der Masochismus sei psychologisch die Wendung des Sadismus gegen die eigene Person (Triebpathologie Bd.1, S.374)

4.Sadismus
Sadismus dagegen ist nach Szondi ein normaler Bestandteil männlicher Sexualität (Triebdiagnostik S.73). Der Sadismus sei ein genetisch bedingtes männliches Bedürfnis (Triebdiagnostik, Gentheorie S.29).

5.Triebbedürfnis und Triebfaktor

Das Triebbedürfnis resultiere aus zwei zusammengehörigen Triebtendenzen. Das wolle sagen: Ein Triebbedürfnis sei stets das Produkt einer väterlichen und einer mütterlichen Triebtendenz, wobei beide Triebfaktoren dem Ziel und der Handlungsrichtung der Begattung folgen, was Szondi mit der Genetik begründet (Triebdiagnostik 1, S.27-28). Bezüglich des männlichen Sadismus' vermerkt Berndt Nitzschke (mit Hinweis auf S. Gilman), Freud sei als Kenner und Anhänger der zeitgenössischen darwinistischen Biologie in den Diskurs über Rasse und Krankheit und Weiblichkeit verstrickt gewesen. Freud sei bemüht gewesen, ein heroisches Bild von Männlichkeit zu entwerfen, das von allem Krankhaften, das den Juden zugeschrieben wurde, frei sein sollte. Freuds Theorie von Weiblichkeit sei ein Versuch, das «Minderwertige» von sich selbst und von den (jüdischen) Männern auf die Frauen zu projizieren. Vor allem waren die jüdischen Männer vom Psychologen Otto Weininger als «weibisch» bezeichnet und verächtlich gemacht worden, wobei es sehr naheliegend ist, dass auch Szondi bemüht war, das Männerbild von allem «Weibischen» zu befreien, indem er den Mann als anlagemässig sadistisch beschreibt. – Dieser Sachverhalt dürfte auch die Triebfeder von Szondis Idee sein, den Sadismus als ein männliches Bedürfnis zu erklären.  

6.Eros und Thanatos

Szondi doppelt nach: Das Wesen des Faktors «s» bestehe im «Bedürfnis nach Zerstörung und Selbstzerstörung, nach Sadismus und Masochismus, nach Aktivität und Passivität.» Er sei der sadomasochistische Faktor im Triebsystem der Schicksalsanalyse, das Radikal der Destruktion. Sein Faktorzeichen «s» stamme vom Sadismus. – Es sei die Kraft, die fest bestehende Bindungen mit Gewalt entbinde, grössere Einheiten des Lebens rücksichtlos auflöse, erotische Verschmelzungen brutal zerreisse, die immerfort jeglichem Aufbau zur Ganzheit entgegenwirke, welche die Ganzheit zerstückle und für alles, was lebt, den Tod herbeiwünsche und in der Tat zu bewirken vermöge. Diese brutale, tötende Triebkraft bewege sich im Faktor s. Der Faktor s sei der Faktor des Thanatos, der Faktor h dagegen sei der Faktor des Eros (Triebdiagnostik 1, Seite 73).

7.Wesen des Faktors S

Dazu führt Szondi weiter aus: Die Bejahung des Faktors S (+s), also die bejahte Tendenz zur Aggression, zum Sadismus, zu Raub und Totschlag bedeute, dass nur die Quantum-Spannung die Steigerung zum Totschlag ausmache. Zugleich bejaht Szondi männliche Gewalt, denn «ohne Gewalt» könne man «heute noch nicht kulturarme Naturvölker oder niedere Schichten eines kulturreichen Volkes zivilisieren und sie gegen Krankheiten schützen.» (Triebdiagnostik 1 S.76).

8.Der feminine Masochismus

Nach Szondi ist, wie bereits erwähnt, der Masochismus die physiologische Situation der Frau beim Beischlaf (Triebdiagnostik S.76). Seiner Auffassung nach ist der Geschlechtsakt für die Frau ein Selbstzerstörungsakt, wobei sie diesen Masochismus angeblich lustvoll geniesst. Um seine Theorien über männlichen Sadismus und weiblichen Masochismus zu untermauern, verweist er auf Publikationen aus dem 18. Jahrhundert, auf Richard Krafft-Ebing und Magnus Hirschfeld. Allerdings übergeht Szondi die wesentliche Unterscheidung normaler und perverser Erscheinungen, indem er behauptet, die Person bzw. die Frau geniesse es (normalerweise), gedemütigt und misshandelt zu werden, während Krafft-Ebing dies als eine «Perversion» bezeichnet, der er in der psychiatrischen Anstalt begegnet war.

9.Krafft-Ebing schreibt

Unter Masochismus verstehe er «eine eigentümliche Perversion der psychischen Vita sexualis», die darin bestehe, «dass das von derselben ergriffene Individuum in seinem geschlechtlichen Fühlen und Denken von der Vorstellung beherrscht» werde, «dem Willen einer Person des anderen Geschlechts vollkommen und unbedingt unterworfen zu sein, von dieser Person herrisch behandelt, gedemütigt, ja sogar misshandelt zu werden.» Diese Vorstellung werde mit Wollust betont (Triebpathologie 1, S.372). – Das heisst, dass Szondi den Sachverhalt, den Krafft-Ebing schildert, ins Gegenteil verkehrt und ihn zugunsten seiner Theorie nutzt.

10.Raubehe und Entführungsriten

Bezüglich des Sadismus' verweist Szondi auf Magnus Hirschfeld, wobei er dessen Beispiele detailliert und anscheinend genüsslich wiederholt: «In alten Zeiten war die Besitzergreifung des Weibes, ähnlich wie bei der Mehrzahl der Tiere, viel gewalttätiger als heutzutage (Raubehe, Entführungsriten, Hochzeitsreise als Reste obiger Handlungen; Raub der Sabinerinnen, Raub der Weiber aus Schilo vom Stamme Benjamins usw.) Die Frau war durch Raub, später durch Tausch und Kauf Eigentum des Mannes. Die Frau war ein Teil der Herrschaft des Mannes.» (Triebpathologie 1, S.372).

11.Züchtigungen und andere Grausamkeiten

Zum Sadismus führt Szondi weiter Krafft-Ebing an: Sadismus sei «die Empfindung von sexuellen Lustgefühlen bis zum Orgasmus beim Sehen und Erfahren von Züchtigungen und anderen Grausamkeiten, verübt an einem Mitmenschen oder selbst an einem Tier, sowie der eigene Drang, der Hervorrufung solcher Gefühle willen anderen lebendigen Wesen Demütigungen, Leid, ja selbst Schmerz und Wunden widerfahren zu lassen.» (Pathologie 1, S.372). – Gemeint sind Männer, denen Szondi ganz allgemein ein Bedürfnis nach Sadismus unterstellt.

12.Metatropismus - Abweichung vom Geschlechtstypus

Frauen, die von den Zuschreibungen ans weibliche Geschlecht abweichen, beschreibt Hirschfeld mit der Berufswahl dieser Frauen: «Künstlerin, Schriftstellerin, Chefin, Direktorin, Schulleiterin, Schulreiterin, Fechterin, Kriegerin, Masseuse», wobei Szondi diese abwertende Diagnose kritiklos übernimmt (Pathologie 1, S. 373). Für die beiden Psychiater ist die Ausübung dieser ganz normalen Berufe bei Frauen bereits eine abnorme Erscheinung. Für Szondi ist Masochismus bei Frauen normal, bei Männern eine Störung. Bezüglich eines (männlichen) Masochisten beschreibt Szondi dessen Mutter als «viril, männlich, keine Sentimentalität, oft sadistisch, verachtet oder betrügt ihren Mann», dessen Vater beschreibt er als «weich, gerecht, Arzt, Pastor, Staatsanwalt; Sohn liebt beide», werde «von der Mutter geschlagen.» Rute = Penis der Mutter, liebt den Vater als Sexualobjekt (Psychopathologie 1, S.373). – Mit anderen Worten: Wenn der Mann schlägt, reagiert er sozusagen im Rahmen der männlich Normalität, nämlich «sadistisch», während die schlagende Frau im Sinne der patriarchalen Zuschreibungen abnormal reagiert, nämlich viril, also negativ männlich.

13.Mannweiber
Frauen, die im «Szondi-Test» nicht die vorgeschriebene «weibliche» Reaktion zeigen, sind für Szondi «Mann-Weiber». Dies «in Fällen, wo eine starke Mutter» die Rolle des Vaters übernehme und im Test die «nämliche Reaktion im Faktor s liefert, wie ein Mann-Vater.» (Triebdiagnostik 1 S.77). – Auch dieser Beschrieb entspricht ganz den tradierten Rollenvorschriften und zugleich der Doppelmoral der patriarchalen Geschlechtertheorie, die durch Szondi noch gesteigert wird und zwar in höchst widerwärtiger Art.

14.Mütterlichkeit, Schminke, Sentimentalität

Zur Sozialisation des Triebfaktors h vermerkt Szondi: «Warme, weiche Charakterzüge: Herzwesen, Zärtlichkeit, Mütterlichkeit, Wunsch, beschenkt zu werden, Drang nach Aufputz, Schminke, Sentimentalität, Eitelkeit, Instinktivität, Fühlen der Dinge, Subjektivität, Beeinflussbarkeit, kindliches Vertrauen, lyrische Interessen. Kulturdrang, Natur- und Menschheitsliebe.» (Triebpathologie 1, S.88). – Dieser abwertende Beschrieb ist ganz klar auf Frauen gemünzt: Mütterlichkeit, Drang nach Aufputz, Schminke, Sentimentalität, Eitelkeit etc.

15.Gewaltsamkeit, Angriffslust, Tatendrang, Lebensdrang

Zur Sozialisation des Triebfaktors S vermerkt Szondi: «Kühle, harte Charakterzüge: Gewaltsamkeit, Angriffslust, Tatendrang, Lebensdrang, Unternehmungsdrang, Zerstörungslust, Kritiklust, Hartnäckigkeit, Selbstsicherheit, Objektivität, Wesensschau, Realitätssinn, Orientierungsvermögen.» (Triebpathologie 1, S.88). - Dieser positive und aufwertende Beschrieb ist ganz klar auf Männer gemünzt: Tatendrang, Selbstsicherheit, Objektivität, Orientierungsvermögen. – Anzufügen wäre hier noch Szondis ziemlich makabre Auffassung, der biblische Moses wäre nicht zum Schöpfer des Dekalogs geworden (griechische Bezeichnung für die Zehn Gebote), wenn er in seiner Jugend nicht getötet hätte. - Aus der Sicht der Schicksalsanalyse stehe für ihn fest, «dass Moses nie der historische Staatsverfasser und Gottesmann geworden wäre, wenn er in seiner Jugend nicht getötet hätte.» Das «Tötungsmotiv im Schicksale Moses» sei «das urgründige, schicksalsformende Element.» Nur durch das Totschlagen eines Menschen sei «Moses durch die nachfolgende Schulderkenntnis vom Töten zu Gott gekommen und zum Gewissensverbot im Dekalog: Du sollst nicht töten.» (L. Szondi: Moses – Antwort auf Kain, S.153).

16.Doppeltendenz
Der Begriff Doppeltendenz bekommt für den Mann eine positive Konnotierung, nicht aber für die Frau. Wenn der Mann sich Weibliches aneignet, erhält er Lob: Der tyrannische Patriarch könne die «Doppeltendenz» leben, sich das «weibliche» Sichaufopfern aneignen, um so zum integrierten Doppelmenschen zu werden (77). Dagegen wird die Frau, wenn sie ihr eigenes Männliches integriert, diskriminierend als Mannweib beschimpft, wie bereits erwähnt.

17.Mangelnde Unterscheidungen

Bei der Deutung des Falles 32 mangelt es Szondi an den erforderlichen Unterscheidungen, die an ein wissenschaftliches Denken gestellt werden müssen. Leopold Szondi unterscheidet nicht zwischen der sexuellen Erregung, die der Knabe erlebte, als er von der Köchin ohne sexuelle Absicht mit einem Lappen um die Ohren geschlagen wurde, von der Erregung, die er bei der Phantasie empfand, von einem Kollegen geschlagen zu werden. Es fehlt ferner die Unterscheidung der Erregung, die er als junger Mann empfand, als er beim Schlagen eines anderen Mannes zuschaute (S.375-378). Szondi nimmt an diesem Fall nur das heraus, was ihm zu seiner Theorie passend erscheint, während er die widersprechenden Fakten liegen lässt. - Der Knabe und später der junge Mann wird nämlich erregt, unabhängig davon, ob er von einer Frau oder einem Mann geschlagen wird und unabhängig davon, ob dies real geschieht oder in der Phantasie. Er wird aber auch erregt, wenn er beim Schlagen eines anderen männlichen Wesens zuschaut, wobei nicht deutlich wird, ob ihn das Schlagen oder das Geschlagen-werden erregt oder beides.

18.Adolf Eichmann - angeblich unstillbar tötende Gesinnung - Hannah Arendts andere Sicht

Die Philosophin Hannah Arendt ist wie Szondi jüdischer Herkunft und wurde wie er von der Hitlerei verfolgt. Sie kommt aber bezüglich Adolf Eichmann zu einer völlig anderen Diagnose als Szondi. Leopold Szondi hatte Adolf Eichmann, der auf administrativem Weg Hunderttausende jüdische Frauen, Männer und Kinder in die Gaskammern geschickt hatte, eine «unstillbar tötende Gesinnung» unterstellt. Arendt, die in Jerusalem als offizielle Berichterstatterin am Strafprozess gegen Adolf Eichmann teilgenommen hatte, berichtet, dass weder ein Bösewicht noch ein sadistisches Ungeheuer vor ihr stand, sondern ein untergeordneter (subalterner) Funktionär, vollgestopft mit Redensarten, wobei er wiederholt auf seine Pflicht und Gehorsamspflicht hinwies, er habe immer seine Pflicht getan. Von der Arroganz, sich ein eigenes Urteil anzumassen, sei er ganz frei gewesen. Ferner erklärte er, niemand sei an ihn herangetreten und habe ihm Vorhaltungen wegen seiner Amtstätigkeit gemacht. Er habe keine persönliche Aversion gegen Juden gehabt. Nach Hannah Arendt ist der Nationalsozialismus gerade von so oberflächlichen und gedankenlosen Persönlichkeiten aufrechterhalten worden (siehe Hannah Arendt:  Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen (1999) – An dieser Stelle ist daran zu erinnern, dass Hitlers Anordnungen Gesetzeskraft hatten, selbst wenn diese nur mündlich vorlagen. Daraus habe sich für Himmler «das Problem» ergeben, wie man «normale Menschen» von einem «gleichsam animalischen Mitleid» befreien könne. Das Credo des Nazismus bestand also darin, das natürliche menschliche Mitleid als eine minderwertige animalische Angelegenheit abzutun und an dessen Stelle die Ideologie des mitleidlosen Tötens als höherwertiges Verhalten zu setzen, und bei Nichtbefolgung die Todesstrafe  in Aussicht zu stellen.
Mit anderen Worten: Bei Adolf Eichmann war keineswegs eine unstillbar tötende Gesinnung festzustellen und auch kein genetisch bedingtes Bedürfnis nach Sadismus, wie Szondi behauptete und lehrte. Vielmehr folgte Eichmann einer kriminellen Ideologie und der staatlichen Verpflichtung zum unbedingten Gehorsam, die ihn und viele andere Männer zu Handlangern der «Endlösung» machten. Der zum Tode verurteilte Eichmann hatte noch um ein Schlusswort gebeten, wobei er erklärte: «Ich bin nicht der Unmensch, zu dem man mich macht», er sei «das Opfer eines Fehlschlusses», und dass er bereit sei, das Todesurteil zu akzeptieren.
19.Schlussfolgerung
Der administrativ tätige Massenmörder Josef Eichmann war also zur Einsicht gelangt, zwar viel zu spät, dass er von einer kriminellen Ideologie fehlgeleitet war, und bestätigte damit Hannah Arendts Diagnose als zutreffend und richtig. Zugleich wird dadurch die «Lehre» von Szondi ganz klar widerlegt, wonach Männer angeblich ein genbedingtes Bedürfnis nach Sadismus haben. Der Psychiater Szondi, der in Ungarn von den Nazis seiner lukrativen Stellung als Leiter einer eigens für ihn geschaffenen königlich-ungarischen Psychiatrie enthoben worden war und später mit einer Gruppe von Austauschjuden in die Schweiz gekommen war, hat sich einer gedankenlosen und gefährlichen Wiederholung uralter patriarchaler Vorurteile und Ideologie schuldig gemacht. 

20.Bilanz für Frauen

Szondis Frauenbild ist nicht nur diskriminierend, sondern katastrophal. Eine selbstbestimmte Weiblichkeit als Ziel von Psychotherapie lässt sich aus Szondis Theorien jedenfalls nicht ableiten. Auch sein Männerbild ist diskriminierend, Männer beleidigend und katastrophal. Weder aus dem Männerbild, das dem Mann sadistische Bedürfnisse unterstellt, noch aus dem Frauenbild, das Frauen zu genbedingten Masochistinnen stempelt, lässt sich ein gedeihliches Zusammenleben der Geschlechter ableiten. - Szondis Zuordnung des Sadismus ans männliche und des Masochismus ans weibliche Geschlecht widerspricht zudem seinem eigenen Grundprinzip, wonach beiden Geschlechtern schon bei der Befruchtung die inhumanen wie auch die humanen Schicksalsmöglichkeiten mitgegeben seien. Er erklärte, dass wir selber von den erbgemäss mitgebrachten Schicksalsmöglichkeiten die eine Möglichkeit protegieren, bejahen, die andere verneinen müssten. Dieses Annehmen bzw. Ablehnen einer Strebung hänge von der individuellen Idealbildung, von den persönlich erworbenen Identifizierungen ab (Triebdiagnostik 1, Seite 33). Szondi erkennt also sehr wohl, dass sowohl Frauen wie Männer humane wie auch inhumane Schicksalsmöglichkeiten in sich tragen, unabhängig vom Geschlecht. Trotzdem hält er an patriarchalen Sichtweisen und Rollenvorschriften fest. An keiner Stelle weist er auf die Künstlichkeit der tradierten Geschlechtscharaktere hin. Nirgends erscheint ein Hinweis, dass Frauen und Männer gegen die patriarchalen Rollenvorschriften aufbegehren sollten. Es kommt ihm nicht in den Sinn oder es ist ihm gleichgültig, ob vielleicht die Künstlichkeit der Rollenvorgaben Ursache sein könnten von gefährlichen Trieb-Entmischungen, die bei den Geschlechtern zudem unterschiedlich verlaufen: Männer sadistisch, Frauen masochistisch.

21.Szondi-Institut und Schicksalsanalyse heute (2013)

In Zusammenhang mit unserer Kritik an der Schicksalsanalyse sind wir im Internet auf eine Nachricht gestossen, die eine überraschende Wende in der Sache anzeigt. Im Jahr 2007 sei die Schicksalspsychologie bzw. Schicksalsanalyse im Rahmen der Anpassung an die europaweit gültige Bolognastudie vollständig aus dem Lehrplan der HAP (Hochschule für Angewandte Psychologie, Zürich) gestrichen worden, welche in ihrem Ausbildungsplan/Curriculum wenig Platz für die Tiefenpsychologie und gar keinen Platz für die Schicksalspsychologie vorsehe. Das heisse, «dass die Schicksalspsychologie im Rahmen einer Grundausbildung für Psychologen in Zürich und schweizweit nicht mehr gelehrt» werde, z.B. auch nicht an der Universität Zürich. - Etwa zur selben Zeit habe auch das Szondi-Institut Zürich massive Rückgänge bei der Nachfrage für Therapeuten- und Beraterausbildungsgänge verzeichnet, sodass zurzeit keine Gross-Klassen mehr gebildet werden können. Das heisse, dass die Schicksalspsychologie /Schicksalsanalyse nun auch nicht mehr kontinuierlich angeboten werde auf der Stufe der Weiterbildung von Psychologen zu Psychotherapeuten oder als Fortbildungsstufe für Berater (verschiedenster Beraterberufe). – Für uns Frauen ist dieser Rückgang eine überaus erfreuliche Nachricht: Scheint man doch auch an höherer Stellen zur Einsicht gelangt zu sein, dass es nötig war, die Schicksalsanalyse aus den Lehrplänen zu entfernen.

22.Was tun gegen männliche Gewaltherrschaft?

Die Wissenschaftlerin Luise Pusch, Professorin der Linguistik, stellte kürzlich die nahliegende Frage, wie es komme, dass Terrorakte und Massenmorde, wie überhaupt Gewalttaten, fast ausschließlich von Männern begangen werden. Vor allem aber, wie es komme, dass diese auf der Hand liegende Frage so selten gestellt werde. „Wenn wir diese Frage nicht einmal stellen dürfen, kommen wir nicht weiter und müssen uns wegen außer Kontrolle geratener 19jähriger Bürschchen vielleicht alle auf permanenten Hausarrest gefasst machen, wie ihn letzte Woche (16.04.2013) die EinwohnerInnen von Boston zähneknirschend durchgestanden haben“. Aber nicht einmal von diesen vernehme sie die naheliegende Frage: „Was können wir gegen die männliche Gewaltbereitschaft tun?“

23.Unsere Antwort auf die Frage von Luise Pusch

Gegen die männliche Gewaltbereitschaft können wir sehr wohl etwas tun. Indem wir zum Beispiel jenen psychologischen und psychiatrischen Lehren entgegentreten, die den Männern eine naturgegebene Gewaltbereitschaft unterstellen bzw. einen genbedingten Sadismus, wie Leopold Szondi, und somit männliche Gewaltbereitschaft verharmlosen und entschuldigen. Ferner müssen wir diesen Lehren den Nimbus entziehen, es handle sich um gesichertes Fachwissen und Wissenschaft7.

24.Quellen

Leopold Szondi: Triebpathologie erster Band. Elemente der exakten Triebpsychologie und Triebpsychiatrie. Hans Huber-Verlag Bern, 1952, Seite 374

Leopold Szondi: Lehrbuch der experimentellen Triebdiagnostik. Zweite, völlig umgearbeitete Auflage, Hans Huber-Verlag Bern und Stuttgart 1960

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen, 1999

Burgard Roswitha, Rommelspacher Birgit: Leiden macht keine Lust. Der Mythos vom weiblichen Masochismus, 1992

Berndt Nitzschke: Das Ich als Experiment. Essays über Sigmund Freud und die Psychoanalyse im 20. Jahrhundert, Seite 213-214

Leopold Szondi: Moses – Antwort auf Kain, (S.153).

Luise Pusch: Glosse vom 29.04.2013

Leopold Szondi: Leiter der für ihn geschaffenen Königlich-Ungarischen Staatlichen Heilpädagogischen Psychiatrie. Er kam mit einer Gruppe von Austauschjuden in die Schweiz (aus Internet 15.05.2013)