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276.6 – Auszug aus dem Frauentherapie Handbuch von Helga Bilden

Gabriele Freytag -  Grundsätzliche Haltung in der Frauen-Therapie

Reflexion des Geschlechterverhältnisses in der Therapie bzw. sagen (deuten), dass Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, Unlust an gängigen heterosexuellen Sexualpraktiken und Beziehungsformen, Schwierigkeiten im Verhältnis zur Mutter, berufliches Versagen nicht eigenes Versagen bedeutet, sondern kollektive Erfahrungen sind. Das Persönliche ist nicht nur privat und individuell, sondern Ausdruck von patriarchal/politischen Herrschafts-Strukturen, die sich am Wohl des Mannes orientieren. Dies gilt für Arbeitsteilung, soziale Organisation der Mutterschaft, Zwang zur Heterosexualität, Rollenbilder, Gewalt gegen Frauen und Mädchen, die Bestandteil der patriarchalen "Kultur" sind, in der Machbarkeit und Beherrschbarkeit an erster Stelle stehen.

Parteiliche Haltung, anstelle vermeintlicher "Geschlechtsneutralität". Parteilichkeit bezeichnet eine reflektierte Haltung. Sie steht auf der Seite jener Aspekte der Klientin, die willens ist, die Mittäterschaft aufzukündigen und sich aus den Zwängen des Geschlechterarrangements zu befreien. Es geht also nicht um ein unkritisches Paktieren mit subjektiven Interessen von Frauen.

Reflexion der grundsätzlich ungleichen Machtverteilung der Geschlechter, anstatt die Zuständigkeit der Frauen für Gefühle und Beziehungen in der Therapie zu perfektionieren.

Den Frauen vermitteln, dass sie als Frauen auch dann "richtig" sind, wenn sie andere Wünsche haben, als die Frauenrolle vorgibt, anstatt auf die Bereitschaft der Frauen zurückzugreifen, sich den Erwartungen und Forderungen anderer Menschen anzupassen.

Reflexion der gesellschaftlichen Hindernisse und Grenzen, damit die übermässige Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und Schuld nicht noch gefördert wird. Da die Therapie am persönlichen Leiden ansetzt und der KlientIn Heilung verspricht, sofern sie genügend an sich arbeitet, kommt es leicht zu Schuldgefühlen (wenn ich immer noch leide, kann es nur an mir liegen).

Den Frauen sollen wir sagen, dass eigentlich die Gewalt und Skrupellosigkeit von Männern behandlungsbedürftig wäre, während Zorn, Angst und Depression der Frauen behandelt werden. Die Frauen sollen zwar in der Therapie ihre Wut, Verzweiflung und Trauer ausdrücken können, aber auch die sie benachteiligenden Verhältnisse (Ehemänner, Chefs, Freunde) sollen klar zur Sprache kommen.

Bei Frauen, die berichten, dass sie als Kind vom Vater sexuell missbraucht wurden, gehe es darum, ihnen zu helfen, die Wahrheit ihrer Geschichte herauszufinden. Die Berichte sollen nicht als Wunschphantasien gedeutet werden.

 

Sabine Scheffler - Therapieprozess und Therapieziele (Workshop Zürich, ev. 1991)

Der Veränderungsprozess beginnt mit der Sensibilisierung für die eigene Geschichte als Frau, die eine Geschichte der Unterdrückung ist. Dadurch kann das Kräftepotential spürbar gemacht werden. Den Frauen soll gesagt werden, dass etwas nicht ein individuelles Problem ist, sondern ein Problem des patriarchalen Kontextes (z.B. Angst vor Parkgaragen).

Die Therapieinhalte sind durch weibliche Lebenszusammenhänge bestimmt. Der weibliche Körper wird als ein produktiver Körper gedeutet, der aber eingeschränkt und unterdrückt ist.

Verdrängte Gefühle, wie Wut, Zorn, Empörung, Abhängigkeitswünsche, Versorgungsbedürfnisse, werden angesprochen, ebenso Tabuthemen (sexuelle Gewalt, Übergriffe).

Die Mutter-Tochterbeziehung wird im Hinblick auf ihre Potentiale gesehen. Wie die Klientin die Fehler der Mutter produktiv bewältigt hat.

Es werden neue Lebenskonzepte erarbeitet. Alle Therapie, die nicht explizit die Alltagsbewältigung und bessere Handlungsspielräume zum Ziel hat, sei Betrug.

Ziel der Therapie ist die aktive Individuation im Hinblick auf Autonomie, Selbstdefinition, Eigenverantwortlichkeit, Körperbewusstsein, soziale Kompetenz, Rollenflexibilität, Konfliktfähigkeit.

 

Chris Koch - Therapeutische Beziehung im Kontext: Frau - Frau

Die therapeutische Beziehung zwischen Klientin/Therapeutin ermöglicht:

Entdeckung spezifisch weiblicher Konflikte

Lernprozesse in der Auseinandersetzung mit der Vielfältigkeit von Frauenleben

Entwicklung und Sichtbarmachen von weiblicher Identität

Infragestellung patriarchaler, heterosexueller Normen

Anerkennung und Wertschätzung gleichgeschlechtlicher Beziehungen als Lebensentwurf und die Entwicklung lesbischer Identität

Abhängigkeitswünsche und Bedürftigkeiten im geschützten Rahmen wahrzunehmen

Emotionalen Zugang zu Kindheitserlebnissen und -traumata zu finden

Unterstützung zur Selbsterforschung und Selbstdarstellung zu geben

Die Erfahrung zu ermöglichen, dass Aktivität und Passivität den Prozess entscheidend mitbestimmen

Barrieren zwischen Frauen anzuschauen und abzubauen

Grenzen und Ungleichheiten als produktiv nutzbar erlebbar zu machen und zu lernen, mit Unterschieden umzugehen

Bestimmende Faktoren sind die Spannungsfelder: Nähe/Vertrautheit, Gegenseitigkeit /Ungleichheit, Betroffenheit/Solidarität, Übertragung/Gegenübertragung.

 

Annemie Blessing - Körpertherapie

In der Körpertherapie ist ein besonders bewusster Umgang mit Körper- und Kontaktgrenzen vonnöten, da das Risiko von Grenzüberschreitungen in der Körpertherapie besonders gross ist.

Sich immer vergewissern, ob eine Klientin Körperkontakt aushalten kann oder nicht.

Körperprozesse nicht forcieren, kein Druck ausüben.

Keine überempathische Haltung einnehmen, weil eine solche bedrängend und manipulativ wirken kann.

Körperarbeit nicht auf das regressive Ausagieren von Gefühlen beschränken, sondern die Körpererfahrung in die Gesamtpersönlichkeit integrieren. Dies sei besonders bei Frauen mit physischer und sexueller Gewalterfahrung zu beachten.

 

Almuth Mangelsdorf - Frauenfördernde Ansätze aus der Gestalttherapie und der Integrativen Therapie.

Ein Grundbegriff der Gestalttherapie ist das Gewahrsein, die wache Bewusstheit (awarness). Es ist die aufmerksame Wahrnehmung, das In-Kontakt-Seins mit inneren Vorgängen und die unmittelbare Erfassung der gegenwärtigen Umgebung mit unseren Sinnen. Das Bewusstwerden beginnt beim Körper. „Ich spüre, dass ich meinen Atem anhalte, meinen Bauch anspanne, ich fühle mich traurig etc. Die Bewusstheit der Gegenwart hilft, die eigene Erfahrung anzuerkennen, (auch verinnerlichte), Einschränkungen und Unterdrückungen wahrzunehmen und uns klarzumachen, was wir brauchen und verändern wollen. Awareness-Übungen sind für Frauen hilfreich, da sie ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche oft nicht wahrnehmen.

Aus dem Taoimus stammt der Umgang mit Polaritäten oder inneren Widersprüchen, um die Determinierung durchs Geschlechtsrollensystem zu überwinden, das ebenfalls auf Polaritäten beruht: Stärke-Schwäche, Macht-Ohnmacht, Dominanz-Unterwerfung, Abhängigkeit-Unabhängigkeit, Liebe-Hass, Zulassen-Machen. Die Kompensation der Polaritäten durch Abhängigmachung von Menschen, die unseren unentwickelten Teil präsentieren, führt zu Einseitigkeit, Starrheit und Fixierung, die überwunden werden können, indem bei Frauen die vermiedenen Polaritäten wie Wut, Stärke, Überlegenheit, Lust mobilisiert und ihnen geholfen wird, diese hinausprojizierten Kräfte zurückzuholen. Frauen haben in ihrer Rolle als Verstehende und Gebende sehr oft mehr Einfühlung in die Bedürfnisse des/der anderen als ein Gespür für sich selbst und die eigenen Grenzen.

In der Therapie ist auch der ökologische und politische Kontext zu beachten.

 

Monica Streit - Depression bei Frauen

Depression wird als Konflikt zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen der Anderen gedeutet. Zufolge des hohen persönlichen Moralsystems versuchen Frauen ihre Gefühle zu lenken, zu leiten und zu bearbeiten. Daraus resultieren Selbstverleugnung und Selbstaufopferung. Depression wird als Möglichkeit gedeutet, Unerträgliches erträglich zu machen, Unerträgliches nicht mehr tragen zu müssen (Dörner und Plog: Irren ist menschlich).

Frauen haben Verletzungen und Verluste erlebt. Dem Mädchen waren Gefühle verboten worden, es sollte nicht wütend sein, nicht auflehnend, nicht traurig. Es sollte die Mutter, den Vater, Nahestehende nicht mit eigenen Gefühlen belästigen. Das Mädchen sollte einfühlsam in andere sein und das Du vor das Ich setzen. Von der Anpassung hatte es Zustimmung erhofft. Doch die Folgen waren Ausgenutztwerden, Missachtung und Blockierung der eigenen Lebensenergie. Wenn keine Freude mehr gefühlt werden kann, besteht der Gewinn darin, keine Trauer mehr fühlen zu müssen. Der Preis des Nichtmehrfühlens ist, dass das Leben für manche sinnlos wird.

In der Therapie ist eine Auseinandersetzung mit dem Ideal der "guten Frau" notwendig. Die depressive Frau fand im Ideal der guten Frau (Aufgehen in einem Du) nicht ihr Glück. Es muss eine Balance gefunden werden zwischen den Bedürfnissen nach Bindung und Autonomie. Der Akt der Fürsorge ist zu befreien vom Wunsch nach Billigung durch andere. Damit kann Verantwortung im Sinne der Ethik zu einem selbstgewählten Anker persönlicher Integrität und Stärke werden (Hinweis auf Carol Gilligan: Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau).

Hinter der Mauer aus Abwehr, Leugnung und Vermeidung zeigt sich irgendwann das verletzte kleine Kind. Depressive brauchen meist einen Schonraum: Sie brauchen die Möglichkeit, zu sein wie sie sind: depressiv zu dieser Zeit. Sie brauchen eine therapeutische Haltung, die ihr Fühlen und Empfinden bejaht. Durch den übergreifenden Blick der feministischen Therapie erfahren Frauen eine Entlastung von Selbstvorwürfen. Auch die "böse Frau" in der Klientin muss sprechen dürfen und wahrgenommen werden.

 

Christa Schulte - Weibliche Sexualität

In der Therapie soll jede Frau selbst bestimmen, was Sexualität für sie bedeutet, wenngleich die weiteren Probleme, die von der Klientin nicht gesehen werden, ebenfalls zu beachten sind. Auch hier gilt die feministische Regel, dass die Klientin selber bestimmt, was zum Thema der Therapie wird.

Schwierigkeiten in der Therapie können aufgrund folgender Faktoren auftreten: Die Erkennung von Unterdrückung und Selbstunterdrückung ist schon in der "normalen" Lebensrealität für viele Frauen schwierig, mehr noch die seit früher Kindheit entwickelte Unterwerfung der eigenen Sexualität unter fremde Vorstellungen in der Heterosexualität. Eine als leidvoll erlebte Abhängigkeit und als quälend erlebter Masochismus in sexuellen Beziehungen. Selbsthass und Ekel vor sich selbst. Gefangensein in alten Schreckenserfahrungen bezüglich Sexualität, z.B. als Folge von kindlichen und erwachsenen Gewalterfahrungen. Psychosomatische Beschwerden (wie Scheideninfektionen, Infektionen des Gebärmutterhalses, der Harnröhre oder der Gebärmutter), die auf andere Schmerzen bezüglich Sexualität hinweisen können. Gefühllosigkeit, starke Kitzligkeit, Atembeschwerden, Verkrampfungen als verschiedene Arten des Körpers, "nein" zu sagen. Schwierigkeiten, mit anderen oder auch mit sich selbst Orgasmen zu erleben (wenn der Wunsch nach mehr ekstatischer Sexualität besteht).

Davon ausgehend, dass weibliche Sexualität all das ist, was eine Frau sich vorstellt, geht es in der Therapie zunächst darum, nach den Wünschen, Interessen, Ängsten, Sehnsüchten der Frau zu fragen. Anstatt von festgefügten Symptombeschreibungen auf der Verhaltens- oder kognitiven Ebene auszugehen, werden die Fähigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen der Klientin und der Weg, den sie gehen will, beachtet. Bei der Ermittlung dieser Voraussetzungen, die nicht durch eine einfache Anamnese erfolgen kann, sind zahlreiche Hindernisse zu berücksichtigen, nämlich Angst und Peinlichkeit des Themas, Sprachlosigkeit, Stress und Zeitmangel, Übertragung und Projektionen, Normen und Werte der Klientin.

 

Polina Hilsenbeck - Frühstörungen bei medial begabten Frauen

Bei Frühstörungen und Psychosen geht es um Zustände von Grenzen und um fehlende Grenzen bzw. Grenzlosigkeit.

Eine extreme Grenzdurchlässigkeit ist nicht in jedem Fall die Folge einer Störung, sondern kann eine besondere geistig/spirituelle Offenheit bzw. mediale Begabung anzeigen, die zu aussergewöhnlichen spirituellen Erfahrungen führen. Da in unserer Kultur Ausbildungswege und besondere gesellschaftliche Aufgaben für medial begabte Menschen fehlen und ausserordentliche Erfahrungen pathologisiert werden, gerät die spirituelle Offenheit zum Problem.

Wenn a.o. Erfahrungen, die sich in Phantasien, Wirklichkeitsferne, Überflutung und Verwirrung der Welten nicht mitgeteilt werden können, beginnen sie ein Eigenleben und geraten ausser Kontrolle.

Eine medial begabte Frau wird ihre Fähigkeit, den Körper zu verlassen, in Situationen von schwerer Überforderung (bspw. bei sexuellen Gewalterfahrungen) als Überlebensstrategie benutzen und andere Regionen aufsuchen. Sie beobachtet die Gewalt an ihrem Körper "von oben" und denkt: "Meinen Körper kriegst du, mich aber nie." Ihre dauernd verletzten Grenzen könnten dann die Ursache für dämonische und extrem angsterregende "Anderswelterfahrungen" sein. Sie wird dann vom ursprünglichen und anderen Täter verfolgt, als wären sie der "Leibhaftige".

Die Psyche, die "ins Transzendente hin offen" ist, kann inhaltlich nicht mehr allein aus dem persönlichen Unbewussten, der Biographie der einzelnen erklärt werden. In der Erforschung der Multiplen Persönlichkeit (als Überlebende von schwerem Inzest und Folter) wird von einigen Autoren anerkannt, dass die als psychisch krank geltenden Frauen Fähigkeiten besitzen, die über normale Geistigkeit hinausgehen.

Für die Therapie hilfreich ist die Annahme, dass sich die Grenzen des physischen Körpers um den "Energiekörper" bzw. "Traumkörper" oder "Aura" ausdehnen, wobei sich die beiden Körper durchdringen und sich bedingen in einem dynamischen Wechselspiel. Der Energiekörper besitzt weitere und offenere Grenzen und trägt die emotionale, seelische und geistige Substanz. Im gesunden Zustand besteht eine Anziehung der beiden Körper und sie bilden jeweils einen Schutz füreinander. Bei den "frühen Störungen" wurde diese Verbindung nicht vollständig entwickelt zufolge fehlender oder gewaltsamer Kontakte der beiden Körper. So konnte der Körper nicht zur "Seelenwohnung" werden. Hilsenbeck beobachtete, dass sexuelle Gewalt die Verbindung stört und zerstört, so dass sich die beiden Körper fast vollständig trennen oder im Beckenbereich die Verwurzelung des Seelenkörpers, die Erdung, abgeschnitten ist.

Bei anlagemässiger Grenzenlosigkeit und Flexibilität kann sich aus der "Aura" bei gutem Training eine heilerische oder seherische Begabung entwickeln. In unserer Gesellschaft führt diese Begabung jedoch zum Problem, weil solche Frauen von den Ausstrahlungen anderer Menschen und "anderen Kräften" überschwemmt werden. Jeder Kontakt kann so zur Qual werden. Die Vermittlung dieser Sichtweise in der Therapie (Deutung) hat eine enorm entlastende Wirkung.

In der Therapie mit medial und magisch begabten Frauen ist ferner folgendes zu beachten:

Das "Abgründige" muss in den Therapieprozess eingelassen werden, weil die Rückkehr in den Körper, in die Wirklichkeit, mit dem Wiedererleben von tödlicher Angst und absoluter Verlassenheit verbunden ist. Die Therapeutin muss fähig sein, sich dieser entsetzlichen Wirklichkeit zu stellen, um anwesend und unterstützend bleiben zu können.

Die Klientin braucht zunächst Struktur, Grenzen, selbstbestimmte kleine Schritte, da der Weg zurück in den Körper ja mit Gewalterfahrung, Ekel, Selbstablehnung und Unkontrolliertheit assoziiert wird. Dieses Faktum macht eine "neutralisierende, portionierbare und erdende Körperarbeit notwendig. Die Klientin muss die eigene Körperstruktur, die Umrisse und Grenzen, die Belebtheit wieder erspüren und wieder mit sich selbst besetzen lernen. Manchmal kann dies zunächst nur auf der Symbolebene geschehen, jedoch auf magische Weise wirksam erfolgen: über Körperzeichnungen, um sich herumgelegte Seile, gekneteten Ton usw.

Die Kontaktaufnahme zur inneren Natur ist zu ergänzen durch den Kontakt zur äusseren Natur durch Bewegung und Genuss. Die Frauen werden aufgefordert, spazieren zu gehen, sich Wasser und Pflanzen anzusehen, mit den Händen zu berühren und Funde in die Gruppe mitzubringen.

Oder die Klientin wird angeregt, eine Baumfreundin zu finden und von ihr zu lernen, was Dasein heissen kann, was Halt bedeuten kann, wie sich Verwurzelt-sein anfühlt, der lebendige Austausch mit Luft, Sonne und das Wunder der Jahreszeitenzyklen.

Die magischen Neigungen der Frauen werden aufgegriffen und angeleitet, damit für sich selbst zu arbeiten. Sie sollen z.B. den zu sehr bedrohlichen Teil ihres Hasses in einen Stein fliessen lassen und ihn in der Erde begraben. Frauen schaffen sich ein Plüschtier an für das kleine vernachlässigte Kind in sich und lernen, es emotional zu versorgen und zu schützen. Dieses lässt sich an die Wand werfen und wieder herholen.

Andere Klientinnen lassen sich von einer Tarotfigur im Alltag Stärke und Schutz geben. In der Gruppe werden öfters Rituale gemacht bspw. zur Verbindung der Jahreskreisfeste mit psychischen Entwicklungsprozessen (Ute Schiran: Menschenfrauen fliegen wieder, l988).

Aufgrund des Verständnisses, dass mehrere Welten existieren, nimmt die Therapeutin die aussergewöhnlichen, oft "psychotisch" genannten Wahrnehmungen als Wirklichkeit und leitet die medial begabten Frauen an, die soziale und materielle Wirklichkeit von der "anderen", der inneren und geistigen zu unterscheiden. Sie sollen bestimmen lernen, wann, wo und in welchen Grenzen sie diese Erfahrungen zulassen wollen und wann nicht, so dass sie nicht mehr unkontrolliert überschwemmt werden.

Für Frauen, die zuviel meditiert haben und dadurch "ausgetrickst" sind, kann es sinnvoll sein, für längere Zeit eine totale Grenze zu ziehen.

Ferner wird an der Rücknahme von Projektionen und Abspaltungen gearbeitet, die mit überpersönlichen Kräften eine unheilvolle Symbiose eingegangen sind.

Den magisch-spirituell interessierten und begabten Frauen, aber persönlich instabilen und gefährdeten Frauen wird die Warnung und die Aufgabe der Indianerinnen weiter gegeben, die verlangen, dass die Frau sich zuerst ihre vier Schutzschilde macht, bevor sie sich auf andere Kräfte einlässt. Damit sind die vier "diesseitigen" Lebensgrundlagen gemeint: Der Körper und seine Bedürfnisse, die Gefühle, die Beziehungen und die denkende Orientierung. - Diese vier Schilde werden von den Frauen gemalt, in Collagen, in Holz, in Altären der Natur etc. dargestellt und im Verlauf der persönlichen Therapie ausgestaltet, so dass sie selbst die "Löcher", die ungeschützten und gefährdeten Zonen und ihre Fortschritte erkennen können. Frauen fällt es oft leichter, zu Wesen der äusseren Natur, wie Pflanzen und Tieren, oder der inneren Natur, wie einem Engel, einem Krafttier oder einer "Weisen Alten" Kontakt aufzunehmen. Diese Beziehungen sind dann Matrix für den Aufbau von Vertrauensbeziehungen zu Menschen, aber auch eine Bezugnahme, die für sich steht und real ist.

Wichtig für alle Klientinnen ist es, Bilder und Mythen sowie Rituale einer weiblichen Spiritualität anzubieten, nachdem die Kontaktfähigkeit zum Transzendenten durch die patriarchale Schuld- und Opferreligiosität zerstört worden ist. Alle Frauen, und noch mehr die Grenzgängerinnen brauchen eine höhere Macht, die Leben und Sinnlichkeit heilig hält und ebenso die "schwarze" weibliche Seite von Zorn und Selbstverteidigung, Zerstörung und Tod (Hinweis auf Barbara Walker: Die Geheimnisse des Tarot, 1985).

Das Grundprinzip aller Einzel- und Gruppentherapie ist das Ernstnehmen aller Erfahrungen der KlientInnen; diese werden nicht als Anzeichen von Krankheit gesehen, sondern als (Überlebens)Strategien, als Ausdruck von direkten und symbolisierten Botschaften sowie als Ausdruck von Leid und Widerstand.

Ob eine Therapeutin an aussersinnliche Kräfte glaubt oder sie selber erfahren hat, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass die Erfahrungen ernst genommen und mit der Klientin deren Bedeutung herausgearbeitet wird. Es kann aber ungeheuer entlastend sein, wenn die Therapeutin zur Klientin sagen kann, sie wisse wovon sie spricht. Dann können die Frauen lernen, diese Sensitivität positiv für sich zu verwenden. Um einer Klientin jedoch Orientierung und einen konstruktiven Umgang mit den Kräften der "Anderswelt" beizubringen, muss eine Therapeutin schon selbst eine erfahrene "Grenzgängerin" zwischen den Welten sein. Den Begriff "Grenzgängerin" wird sowohl für psychiatrisierte Frauen als auch für die begleitende Therapeutin verwendet, weil es um das zentrale Thema von Grenzen geht (Zerstörung der Grenzen, Verwirrung der Ebenen, Grenzlosigkeit, Eingrenzung und Ausgrenzung in psychischer und gesellschaftlicher Hinsicht, um verschiedene Wirklichkeiten und tabuisierte Erfahrungen).

Quelle

Helga Bilden (Hg): Das Frauentherapie Handbuch, Frauenoffensive, 1992