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890 – Psychoanalytiker Jacques Lacan tief gekränkt – 22.01.2015

Elisabeth Camenzind

Bezüglich der persönlichen Empfindung des Psychoanalytikers und Chefideologen Jacques Lacan über das Faktum, dass nur Frauen schwanger werden und zudem männliche Kinder hervorbringen war in der ORIENTIERUNG folgendes zu lesen: Lacan verweise auf die ursprünglichere Zerrissenheit des Mannes, die auf der Tatsache beruhe, "sich selbst einem anderen Menschen zu verdanken und die damit verbundene Drohung durch ein Ausserhalb". Diese Drohung bleibe lebendig (Michel de Certeau in ORIENTIERUNG 11/1997, S.126).

Was meint Lacan genau? Es ist doch so, dass wir unser Leben in erster Linie unserer Mutter verdanken, also einer Frau, nicht geschlechtsneutral einem "anderen Menschen". Lacan sagt im Klartext, er fühle sich gekränkt, weil er sein Leben dem weiblichen Geschlecht verdankt anstatt dem eigenen männlichen. Dieses Faktum hält er für die tiefste Kränkung des männlichen Menschen, die dazu führe, daß Männer ihr Leben lang an einer innerlichen Zerrissenheit leiden.

Ferner meint Lacan: Im sogenannten Spiegelstadium, etwa im 18. Lebensmonat, reagiere das Kleinkind erstmals auf sein Spiegelbild, es registriere ein lächelndes Wiedererkennen. Erst das Ansprechen des Kindes als ganzer Mensch seitens der Mutter lasse langsam die Gewißheit wachsen, daß es sich lohne, dieser Ahnung zu vertrauen.

Lacan glaubt also, nur seine Mutter hätte ihm die "Gewißheit" oder wenigstens die "Ahnung" vermitteln können, "ein ganzer Mensch" zu sein. Die Konsequenz aus dieser Sichtweise kommt ihm jedoch nicht in den Sinn. Er müsste nämlich folgern, für männliche Kinder sei es besonders wichtig, dass Männer in die Versorgung des Nachwuchses einbezogen werden, damit sich die Söhne in ihren Vätern "spiegeln" und spüren können, dass sie ihr Leben auch einer männlichen Person verdanken. In diesem "erhebenden" Bewußtsein könnten auch Knaben eine unversehrte ganze/heile seelische Struktur entwickeln. Männer könnten von der narzißtischen Kränkung genesen, dass sie ihr Leben hauptsächlich weiblichen Menschen verdanken - ihren Müttern.