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149.10 - Marianne Walters – feministische Interventionen in der Familientherapie

Formulierung des Problems

Für die Feministische Therapie verlangt Marianne Walters eine feministische Formulierung des Problems sowie feministische Interventionen:
· Erkennen der geschlechtsspezifischen Botschaft und der sozialen Konstruktion, die insgesamt das Verhalten der Geschlechtsrollen bedingen.
· Erkennen der realen Beschränkungen des Zugangs von Frauen zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ressourcen.
· Schärfung der Wahrnehmung sexistischer Denkhaltungen, die die Möglichkeit von Frauen einschränken, ihr eigenes Leben zu führen.
· Einsicht in die Tatsache, dass Frauen dazu erzogen werden, die Hauptverantwortung für die familiären Beziehungen zu übernehmen.
· Einsicht in die in unserer Gesellschaft bestehenden Schwierigkeiten und Konflikte im Zusammenhang mit der Geburt und dem Grossziehen von Kindern.
· Ein Bewusstsein von Verhaltensmustern, durch die Frauen in Familien entzweit werden, sobald sie durch das Sich-Verbünden mit einem Mann Macht erwerben.
· Bestärkung von Werten und Verhaltensweisen, die für Frauen charakteristisch sind, zum Beispiel Verbundenheit, Fürsorglichkeit, Emotionalität.
· Anerkennung und Unterstützung von Lebensmöglichkeiten für Frauen ausserhalb von Ehe und Familie.
· Anerkennung des Grundprinzips, dass keine Intervention geschlechtsneutral ist und dass jede Intervention von den Angehörigen der beiden Geschlechter in spezifisch unterschiedlicher Weise aufgefasst wird.

Feministische Interventionen:

·       Wenn eine Frau bei ihrem schlagenden Mann bleibt, tut sie dies möglicherweise, weil ihr wirtschaftlich keine Wahl bleibt. Wenn eine Mutter ihre Mitwisserschaft am Inzest zwischen Vater und Tochter bestreitet, tut sie es möglicherweise, weil sie die Folgen fürchtet, die die Enthüllung für die Familie hätte. Wenn eine Frau über die ihr widerfahrene Vergewaltigung schweigt, tut sie dies möglicherweise, weil sie die zusätzlichen Demütigungen fürchtet, die mit einer Anzeige zwangsläufig verbunden sind.

·      Frauen sollen nicht zu überstürzten Handlungen gedrängt werden, die dazu führen könnten, dass sie schliesslich allein und ohne Unterstützung dastehen.

·       Die Begriffe eng und übereng sollen nicht zur Bezeichnung echter Intimität und das positive Engagement von Müttern und Kindern verwendet werden.

·       Wenn der Begriff Verschmelzung nur auf die engen und überengen Beziehungen in der Familie angewendet wird, wird er missbraucht, weil an denen zwangsläufig Frauen beteiligt sind, während die damit zusammenhängende Funktion des distanzierten Mannes ignoriert wird.

·       Die Besorgnis von Ehefrauen und Müttern sollen anerkannt und bestätigt werden, statt diese automatisch als "überbesorgt" oder als emotional "verfolgend" zu etikettieren, als wäre das Ansprechen des Problems oder die Art, in der das Problem angesprochen wird, bereits das Problem selbst. Ansonsten wird die aktive, verbindende Rolle von Frauen in Familien entwertet.

·       Anstatt jene Teile des Problems zuerst anzugehen, an der die Frau beteiligt ist, ist der scheinbar unbeteiligte Teil (in der Regel der Mann) anzusprechen, weil sonst der Frau die Schuld oder Verantwortung zugeschoben wird.

·       Anstatt zuerst die sogenannten "verstrickten" Beziehungen anzusprechen, ist der "Distanzierer" sofort einzubeziehen oder mit dem Problem zu konfrontieren, anstatt ihn in besänftigender Weise zu umwerben. Ansonsten wird auch hier der Eindruck erweckt, als liege die Schuld an der gestörten Beziehung bei der Frau und sie allein sei für die Änderung verantwortlich (die besänftigende Haltung dem Distanzierer gegenüber gründet in folgender Lehre: "Versuchen Sie nie, einen Distanzierer zu verfolgen. Richten Sie Ihre Intervention stets zuerst an die überfunktionierende oder überverantwortlich reagierende Person. Damit der Distanzierer sich bewegen kann, muss zuvor die Verstrickung gelockert sein. Beginnen Sie mit derjenigen Person, die am ehesten für eine Veränderung zu gewinnen ist." Solche Lehrsätze gelten als "Neutralitätsprinzip", sind jedoch keineswegs geschlechtsneutral).

·       Die klinische Vermutung, der Distanzierer gebe seine Distanz auf, sobald die Frau "nachgibt" oder "loslässt" unterstellt der verbindenden PartnerIn, dass sie daran Schuld ist, dass der auf Distanz gehende Partner blockiert ist.

·       Der auf Nähe bedachte Teil, gewöhnlich die Frau, fürchtet zu Recht ein Vakuum, wenn sie "loslässt" oder "zurückgeht". Solche Praxistechniken (die nichts anderes als nonverbale Deutungen sind) bedeuten auch eine Geringschätzung der Männer, da sie zu verstehen geben, Männer seien unfähig für ein emotionales Engagement in der Therapie oder der Familie und dürften deshalb nicht in Frage gestellt oder konfrontiert werden, weil sie sonst flüchten oder zusammenbrechen könnten.

·       Die systemischen Techniken wurden entwickelt und empfohlen, weil sie "funktionieren". Aber im Allgemeinen "funktionieren" sie in unerwünschter Weise, indem ein aus dem Gleichgewicht geratenes patriarchales System wieder ins alte Gleichgewicht gebracht wird, samt den früheren Hierarchien und Grenzen. Das Problem ist das sexistische Familienmodell, das durch diese Techniken gestützt wird.

·       Der Begriff Reziprozität macht glauben, es handle sich um einen "gleich grossen Anteil" aller Personen an einer Beziehungsstörung. Von einem zwei Monate alten Kind kann man nicht sagen, es habe Anteil daran, dass es misshandelt wird. Man kann nicht sagen, wenn es nicht geschrieen hätte, wäre es nicht zur Misshandlung gekommen. Dasselbe gilt für die geprügelte Ehefrau, das Opfer eines Inzests, das trödelnde Kind und für alle, die von einer anderen Person überwältigt werden, die ihnen an Körperkraft, Alter oder Einfluss überlegen sind.

·       Die Fragen: "Was tun Sie, dass Ihr Mann wütend wird?" - "Wie bringt Ihre Mutter Ihren Vater in Rage?" - "Was tragen Sie dazu bei, dass Ihr Mann trinkt?" suggerieren eine einseitige Verantwortlichkeit.

·       Die Theorie von der Komplementarität unterscheidet zwei Reaktionen, bedingte und selbständige (abhängige-unabhängige) Reaktionen. Obgleich die Begriffe scheinbar neutral sind, sind die Konsequenzen für Frauen und Männer unterschiedlich. Traditionell gelten Frauen von männlichem Verhalten abhängig, was bewirkt, dass Frauen mittels komplementärer Vorstellungen in ihrer abhängigen Position festgehalten werden.

·       Das Konstrukt Komplementarität kann für feministische Interventionen auf folgende Weise genutzt werden: Die als unabhängig vom Verhalten anderer geltenden Männer können darauf aufmerksam gemacht werden, dass ihr Verhalten Einfluss hat auf die Entwicklung der familiären Beziehungen. Eine "echte Komplementarität" in menschlichen Beziehungen kann es geben, wenn von einer "paritätischen Grundlage" ausgegangen wird. Erst wenn die Prämissen dieser Beziehungen gleich sind, nämlich der gleiche "Zugang zu gesellschaftlichen, rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Chancen und Machtpositionen" kann von einer "Zirkularität und Komplementarität" menschlicher Beziehungen gesprochen werden.

·       Die Gewohnheit, emotionale Beziehungen in einer Familie als Dreieck zu bezeichnen sowie die Vorstellung, deren Interaktionen seien dann prognostizierbar, bietet keine Erklärung für geschlechtsspezifisches Verhalten (zum Beispiel dafür, dass Mütter meistens die "übernahe" oder "verschmolzene" und Väter die "distanzierte" Position einnehmen)

·       Wo es zu Inzest und anderen Gewalttaten kam, laufen systemische Formulierungen darauf hinaus, unter dem Anschein von Neutralität dem Opfer die Schuld zu geben.

Quelle

Marianne Walters: Unsichtbare Schlingen. Die Bedeutung der Geschlechterrollen in der Familientherapie; eine feministische Perspektive, 1991 (BN 882)