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755 - Die Welt benötigt eine doppelt strukturierte Geschlechterordnung – Warum?

Elisabeth Camenzind, 2011

Die Suche nach einer je eigenen weiblichen und männlichen Identität muss noch immer weiter gehen – auch heute. Auf weiblicher Seite plädiert die Philosophin Luisa Muraro in erster Linie für eine symbolische Mutterschaft im Sinne einer maternalen Ordnung. Maternat bedeutet, von der weiblichen Körperbeschaffenheit auszugehen. Kurz und bündig meint Muraro, dass es einem Mann eben nicht passiert, schwanger zu werden. Philosophisch gedacht stellt Muraro dem Logischen das Faktische gegenüber: Das Akzeptieren der faktischen Notwendigkeit sei genauso logisch wie das der logischen Notwendigkeit: »Ist das Faktum einmal akzeptiert, wird es ordnendes Prinzip der Erfahrung und Befreiung des Geistes«. – Diese zweigeschlechtliche Sicht erfordert eine doppelt strukturierte Geschlechterordnung. Erst eine solche gestattet beiden Geschlechtern, sich gleichrangig an Alltagsarbeit (Familienarbeit) und Öffentlichkeitsarbeit zu beteiligen, ohne einen Verlust an Identität, Prestige oder andere Nachteile hinnehmen zu müssen. In hoch komplexen, differenzierten Gesellschaften, wie der unseren, bedarf Identität jedoch, um lebensfähig zu sein, der „Stützung und Sicherung durch politisch/institutionelle Strukturen“ - und zwar für beide Geschlechter. Struktur meint hier ein gesellschaftliches Ordnungssystem, das nicht zwingend von einem hierarchischen Aufbau ausgeht.

Von patriarchaler Seite erhebt sich jedoch ein gewaltiger Widerstand gegen eine gleichrangige Geschlechterbeziehung. Diese Gegenbewegung behindert die Fortschritte und Errungenschaften von Frauenbewegung, Frauenforschung und feministischer Wissenschaft und droht das Erreichte gar rückgängig zu machen. Ein Beispiel: An der HSG in St. Gallen wurde um 1990 den Managern geraten, den Geschlechtsunterschied nicht mehr mit der Natur zu begründen, sondern mit der Systemischen Strukturtheorie, weil dies ermögliche, Frauen nur in bestimmten Grenzen hochkommen zu lassen. Von politisch agierenden Antifeministen wird neuerdings gar behauptet, der Feminismus sei an allem Unheil in unserer Gesellschaft schuld, speziell an der Verunsicherung des männlichen Geschlechts.           

Es gibt auch andere Männer! Wo sind sie? Die Männer, die der patriarchalen Ordnung kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, die wirklich Mann geworden sind, selbständig, stark und mutig und der Liebe als Sorge fähig, die weder ein Bedürfnis nach Herrschaft über ihresgleichen noch über das weibliche Geschlecht verspüren? Warum werden diese Männer als öffentliche Gruppe so wenig sichtbar? Es fehlt ihnen eine politisch/institutionelle Struktur im Sinne einer symbolischen Vaterschaft, die sich von der patriarchalen Ordnung als eine paternale Ordnung unterscheidet. Paternat bedeutet für Männer in erster Linie, von der männlichen Körperbeschaffenheit auszugehen und verunsicherten Geschlechtsgenossen in der Suche nach einer eigenen Identität als Mann beizustehen, sie zu fördern und zu unterstützen.

Die Politologin Antje Schrupp stellt die Frage, ob wir eine neue Feminismus-Welle brauchen. Ob wir also einen neuen Aufbruch, eine umfassende Strategie, einen geistigen Flächenbrand benötigen, um dem patriarchalen Widerstand gegen die gleichrangige und paritätische Teilhabe der Frauen am öffentlichen Leben entgegen zu treten. Ja, wir setzen auf eine Streitkultur und Dialogfähigkeit auf hohem Niveau. Ein solche Streitkultur erfordert eine doppelt strukturierte Geschlechterordnung mit entsprechenden Anteilen an den Steuereinnahmen im Sinne von Luise Puschs Motto: „Den Frauen gehört die Hälfte“. Es geht um eine Welt, in der gutes Leben für alle Menschen möglich ist.