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755.1 - Geschlechtliche Identität – Voraussetzungen - Entstehung – Aufrechterhaltung

Elisabeth Camenzind

Bei der Suche nach geschlechtlicher Identität geht es um die Frage, was ich als einzelne Frau (Mann) bin und will, sowie was Frauen (Männer) als gesellschaftliche Gruppe sind und wollen. Dabei müssen wir uns klar sein, daß die einzelne Frau außerstande ist, das ganze weibliche Geschlecht zu repräsentieren, ebenso wenig wie der einzelne Mann. Nicht nur die Geschlechter erheben Anspruch auf eine eigene Identität, sondern auch Staatsgebilde, Volksgemeinschaften, Regionen und sogar Kontinente. Da die Bedingungen für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Identität anhand von Gruppen und Staatsgebilden besonders deutlich wird, ist es naheliegend, uns ganz zuerst die Beschaffenheit dieser Gebilde vor Augen zu führen.

Wie ist dies zu verstehen? Im Jahre 1990, als in der Schweiz eine Debatte geführt wurde über die nationale Identität der Schweiz als Kleinstaat im Verhältnis zur Europäischen Gemeinschaft (EU), kam die Befürchtung zur Sprache, der Beitritt könnte für die Schweiz dazu führen, ihre Ei­genheit zu verlieren und im großen EU-Gebilde unterzugehen7. Für unser Thema ist von Belang, daß der Problemkreis in Metaphern der Geschlechterbeziehung erörtert wurde, wobei es die Frau ist, die ihrer  Identität verlustig geht.

Aber wie das? - Amerika habe in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts den Kontinent Europa als etwas gesehen, das von den USA geschwängert und geheiratet werden wollte und darum den kräftigen Zugriff der USA einfach gebraucht habe: »Europa, das war die Kultur, das war die Finesse, das war der elegante Schliff. Europa, das war die frivole Gefahr, die krankhafte Verfeinerung, der sterile Luxus. Europa, das war etwas, das den kräftigen, unbekümmerten und unbesorgten Zugriff der USA einfach brauchte. Europa wollte wie schon von Zeus entführt, geschwängert, geheiratet werden, nur sollte es diesmal ein Cowboy sein«8  - Europa wird also mit einer Frau verglichen, die halb freiwillig, halb unfreiwillig entführt, geschwängert und geheiratet wird und einen unbesorgten Zugriff irgendwie selber herausfordert, wünscht und braucht. Die patriarchal bestimmte Ungleichheitsbeziehung der Geschlechter wird als passende Metapher gesehen, um Ungleichheitsbeziehungen  zwischen Staaten plausibel und treffend darzustellen.

Wie sieht das Resultat einer solchen Heirat aus? - Die zugreifenden USA »planten«, den Kontinent Europa zum Verbündeten oder vielmehr zu ihrem »Satelliten« zu machen. Von einem anderen Objekt der politischen »Heirat« wird vermerkt, das Objekt der Heirat sei »geschluckt« worden und der zugreifende Staat habe neben sich keine Strukturen geduldet, die dem geschluckten Objekt hätten auf die Beine helfen können – mit Hinweis auf die DDR: »Der Staat duldete neben sich und der SED keine Strukturen und ließ nur diejenigen der Kirchen notgedrungen intakt.«

Das heisst, dass führende und Trend schaffende Männer sehr wohl wissen, was es bedeutet, die eigene Identität zu verlieren. Sie sind sich klar, dass weder Individuen noch Menschengruppen imstande sind, ohne eigene Strukturen eine selbstbestimmte  Identität aufrecht zu erhalten, und dass dies ebenso für das weibliche Geschlecht zutrifft. Störend dabei ist, dass diese Männer den Verlust von Identität des weiblichen Geschlechts keineswegs für anstössig halten. Im Gegenteil!

Identität und Herkunftsgeschichte

In aller Selbstverständlichkeit stellen männliche Politiker und Philosophen fest: »Die Geschichte steht für den Mann«9Zur gleichen Zeit (1990) klagte eine St. Galler Berufsschülerin, sie werde von ihrem Lehrer gehänselt und verspottet mit dem Hinweis, daß alles, was irgendwie Bedeutung habe, von Männerhand geschaffen worden sei, und daß an dieser Tatsache die ganze Emanzipation nichts zu ändern vermöge. Der Lehrer benützte den vermeintlich objektiven Sachverhalt zu Zwecken der Demütigung der Schülerin, die sich an feministischen Kreisen orientierte. In der Folge fühlte sie sich in ihrer Identität als Frau bedroht, wobei sie sich schwor, auf die Suche nach Frauen in der Geschichte zu gehen. Die Provokation führte zum Glück nicht, wie so oft, zu Resignation, sondern zur kritischen Auseinanderset­zung mit patriarchalen Vorgaben und Behauptungen und zur Suche nach historischem Frauenwissen und  einer eigenen Identität als Frau.

Die Historikerin Marieluise Jannssen-Jurreit10 stellt entsprechend fest, die offizielle Geschichtsschreibung sei der Tank, aus dem Männer ihre Identität schöpfen. Auch ein Stadtpräsident verwies anlässlich des Erscheinens einer neuen Stadtgeschichte auf die wundersame Wirkung von Geschichtsschreibung: »Geschichte macht uns deutlich, daß wir St. Galler gar nicht so bescheiden sein und uns minderwertig fühlen müßten. Unsere Vorfahren haben doch einiges zustande gebracht«. Er meinte, die St. Galler könnten mit der Stadtgeschichte ein Stück »berechtigten Selbstvertrauens zurückgewinnen« sowie »Identität« entwickeln. Die Rede endete mit der Feststellung: »Je gründlicher die Kenntnis der Geschichte, desto stärker wird das Gefühl von Heimat«.

Diese Reden zeigen, was wir Frauen von einer gründlichen Kenntnis unserer Geschichte erwarten könnten: Selbstbewußtsein, Identität und ein Gefühl von Heimat. Wir könnten stolz sein auf unsere Vorfahrinnen, die zweifellos auch »einiges zustande gebracht« haben.

Ferner wird von philosophischer Seite gesagt, dass von unserer Herkunftsgeschichte abhänge, zu welcher Zukunft wir jeweils fähig oder auch nicht fähig seien11Die geschichtliche Dimension entscheidet also nicht nur über das Hier und Jetzt, sondern auch über die Zukunft, zu der wir Frauen fähig oder nicht fähig sein werden. 

Nun aber könnten die zahlreichen Publikationen von Historikerinnen jetzt schon zu Selbstbewußtsein, selbstbestimmter Identität und Heimatgefühl von Frauen beitragen, sofern dieses Wissen zum Pflichtstoff von Grundschulen, Gymnasien und Universitäten gehörte. Stellen wir uns vor, was es für Mädchen bedeutet, wenn sie im Geschichtsunterricht von Hypatia erfahren, die um 400 Jahre v. Chr. in Alexandria Mathematik lehrte und Vorsteherin einer berühmten Universität war. Von Anne Conway, die das Konzept zur Theorie der Monaden an Leibnitz lieferte. Von Maria Gaetana Agnesi, die 1748 ein anerkanntes mathematisches Lehrbuch über Infinitesimalrechnung verfasste. Von Laure Bassi, die 1732 in Bologna einen Lehrstuhl für Algebra, Geometrie und Experimentalphysik innehatte12. Wenn sie von Pionierinnen und Freiheitskämpferinnen erfahren, die seit Jahrhunderten um die Rückgewinnung weiblicher Rechte gekämpft haben und vieles Andere mehr.

Identität und Zugehörigkeitserfahrungen

Über die Identität von Individuen wird ferner gesagt, sie hänge von Zugehörigkeitserfahrungen zu einer oder mehreren Gruppen ab, die ihrerseits wieder durch Strukturen und Institutionen abgestützt sind. Ohne solche Zugehörigkeitserfahrung »wären weder Individuen noch Gruppen noch Institutionen lebensfähig. Aber solche Zugehörigkeitserfahrung bedarf in komplexen und hoch differenzierten Gesellschaften selber der institutionellen Stützung und Sicherung«13Es gebe »Naturräume, Wirtschaftsräume, politische Einflußräume, gebietskörperschaftlich-institutionell organisierte Räume und auch ästhetisierte Landschaftsräume“, und es gebe „die ethnischen, sprachlichen, konfessionellen und politischen Zugehörigkeiten, die sich überschneiden“. - Aber „es wäre der pure Aberglaube, zu meinen, daß die ethnische, ja auch die sprachliche Zugehörigkeit sich gegenüber den politisch-institutionellen stets als die stärkere erweisen müsste.« - Mit anderen Worten: Weder Individuen noch Gruppen noch Institutionen sind lebensfähig ohne die Stützung und Sicherung durch politisch institutionelle Überdachungen. Die Literaturwissenschaftlerin und Psychotherapeutin Irène Kummer bezeichnet die alles überdachende patriarchale Struktur – ebenso wie Walter Holenstein - als eine „Superstruktur“, die zur Stützung und Sicherung der Identität des männlichen Geschlechts geschaffen wurde.

Aber wie steht es mit der Stützung und Sicherung von weiblicher Identität? Während zahlreiche Strukturen zur Stützung und Sicherung männlicher Identität vorhanden sind, bestehen analoge Strukturen für weibliche Identität (noch) nicht. So ist nicht verwunderlich, wenn weibliche Identität trotz jahrzehntelanger hartnäckiger Bemühung nicht wirklich entstehen zu können und  lebensfähig zu sein scheint. Das Argument, auch Frauen könnten ja den existierenden Lebensräumen angehören, verkennt, daß im patriarchalen Kontext den Frauen eine eigene Identität immer abgesprochen und ihre Person explizit als ein Teil und Zubehör des Mannes definiert wurde. Fast alle öffentlichen Lebensräume und Strukturen sind von Männern dominiert, während Frauen in enteigneter Form integriert sind. Zu keiner Zeit hat das Patriarchat die Frau als Persönlichkeit in ihrer Identität geschützt, sondern sie vielmehr als »Satellit« vereinnahmt, ausgebeutet und »verschluckt«, wie im Zusammenhang mit staatlicher Identität deutlich wurde (A2).

Frauen waren nicht immer ohne eigene Strukturen: Daß Frauen nicht immer ohne eigene und selbstbestimmte Strukturen waren, belegen zahlreiche Forschungen von Historikerinnen mit einer Fülle von archäologischen und mythologischen Funden, inklusive in den biblischen Berichten. Der Historik kann entnommen werden, dass mutterrechtlich organisierte Gesellschaften bestanden, die von aggressiven  Männerhorden überfallen und enteignet wurden, womit die aggressive Installierung des Patriarchats ihren Anfang nahm14. Zuvor war die mütterliche Verwandtschaftsfolge gegeben, und Frauen hatten ein Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper und ihre Arbeitskraft. Es existierten religiöse Strukturen mit eigenen Tempeln, Priesterinnen und weibliche Gottheiten. In eigenen Netzwerken tauschten Frauen miteinander Güter aus und betrieben ihren eigenen Handel. Mit der Zerstörung dieser Strukturen ging die Zerstörung der Identität als Frau einher. Das weibliche Geschlecht als Gruppe und auch die Frau als Individuum wurde enteignet und »verschluckt«. Die Frau wurde zu des Mannes Anhängsel und Satelliten gemacht und zur Dienstbarkeit an seiner Person verpflichtet (häusliche, emotionale und sexuelle Versorgung). Kirchliche und gesellschaftliche Gesetzgebung, politische Instanzen, Bildungsinstitutionen und später die Weltwirtschaft wirkten zusammen bei der systematischen Zerstörung einer selbstbestimmten weiblichen Identität, die im römischen Recht ihren Gipfel erreichte und im Code Napoleon vor 200 Jahren eine Neuauflage erfuhr (A3 + A4). Es dürfte zudem ganz heilsam sein, wenn auch erschreckend, mit wachen Augen hinzuschauen, was die Bibel über die Taten und Untaten des biblischen Moses zu berichten weiss (A5).

Weltweit erbringen Frauen zwei Drittel aller Arbeitsleistungen, aber fast gänzlich sind die Nutznießer von Frauenarbeit die Männer und das Männervolk als Ganzes: Weltvermögen und Landbesitz sind zu 99 Prozent in Männerhand. Die öffentlichen Institutionen sind von Männern dominiert: Bildungsanstalten, medizinische Versorgung, politische, kirchliche und soziale Strukturen sowie die Strukturen für Erholung und Freizeit etc. Nicht einmal in der Familie hat die Frau wirklich eine eigene Stimme. Denn sie hat die Aufgabe, ihre Söhne und Töchter auf den Eintritt in das von Konkurrenz und Ausbeutung bestimmte Wirtschaftssystem vorzubereiten. 

Der Theologin und Mythenforscherin Vera Zingsem15  stellen sich die immer gleichbleibenden Fragen:  Wie sind wir geworden, was wir heute sind? Wie können wir sinnvoll leben? Worin sind die Menschen „Gott“ ähnlich? Es sei überraschend, wie sehr unsere Antworten auf diese Fragen bis heute von den Bildern und Deutungen der biblischen Geschichten geprägt sind. Der Vergleich mit anderen Schöpfungsmythen aus anderen Kulturkreisen provoziere dazu, die vertraute Sicht der Welt zu hinterfragen und aus der Vielfalt an Schöpfungsgeschichten Inspirationen zu schöpfen für einen achtsamen Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen und der Natur.

Eine wirksame Antwort auf dieses Problem stellt uns die Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch zur Verfügung: „Den Frauen gehört die Hälfte“. Gemeint ist der Anspruch auf paritätische Anteile an den Steuereinnahmen. Auch ihr geht es um eine Welt, in der gutes Leben für alle Menschen möglich ist.

Schlussfolgerungen

Aus Obigem geht hervor, dass sowohl Frauen als auch Männer ein Bedürfnis nach einer je eigenen Identität als Frau oder Mann haben, und dass dies eine doppelt strukturierte Geschlechterordnung voraussetzt. Sache der Frauen wird es nun sein, eigene Strukturen für das weibliche Geschlecht denkbar zu machen und an deren Verwirklichung mitzuwirken. Es wird Sache paternaler Männer sein, desgleichen für das männliche Geschlecht an die Hand zu nehmen.

Die Arbeitstagung am 15. Oktober dieses Jahres (Psychologie und neue Geschlechter-Ordnung) wird sich mit der Situation des weiblichen Geschlechts als Ganzes beschäftigen. Also mit einer Sache von hoher Brisanz und gesellschaftlicher Bedeutung. Es werden Möglichkeiten vorgestellt und diskutiert, wie mit der Schaffung von eigenen Frauenstrukturen begonnen werden könnte. Mit welchen Schritten sowohl im individuellen Bereich als auch im Politikbereich zu beginnen wäre. In diesem Sinne verweist der Faltprospekt auf die grundlegende und tiefgreifende Bedeutung der Arbeitstagung und lädt alle interessierten Frauen zum Besuch ein.

Streitgespräch auf hohem Niveau: Durch den Anspruch auf paritätische Anteile an Steuereinnahmen werden Verhandlungen zwischen den Geschlechtern notwendig sein. Dieser Sachverhalt  wird zu einem permanenten und spannenden Zusammenspiel zwischen dem „Wiibervolch“ und dem „Mannevolch“ führen (Frauenvolk und Männervolk), wobei wir auf ein Streitgespräch und einen Dialog auf hohem Niveau setzen. Dazu vermerkt die Literatur-Wissenschaftlerin und Psychotherapeutin Irène Kummer16: „Dies braucht sicher noch viel Nachdenken und braucht Konzepte und den Transfer in die Praxis. Es ist eine spannende Zukunftsvision!“

Schlussendlich könnten wir uns auch noch Gedanken machen über die Höflichkeitsstruktur der Anrede. Wir könnten uns fragen, wie lange wir es noch unwidersprochen hinnehmen wollen, jeden Mann als „Herr“ ansprechen zu müssen. Eigentlich würde die Anrede „Frau“ die Anrede „Mann“ nach sich ziehen, nicht aber einen „Herrn“. Die „Dame“ ist keineswegs eine gleichgewichtige Anrede. Sagt doch Luise Pusch ganz treffend: „Alle wollen herrlich sein, niemand will dämlich sein“. 

Quellen -  Literatur

1)Doris Morf, Brückenbauer 17/1988

2)Mulack Christa: Natürlich weiblich. Die Heimatlosigkeit der Frau im Patriarchat, Kreuz 1990

Dies. Und wieder fühle ich mich schuldig, 1993

3)Luhmann Niklas: Frauen Männer und Spencer Brown in: Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, suhrkamp 1996

Luhmann Niklas: Zeitungsartikel im St. Galler Tagblatt vom  12.02.2005

Luhmann Niklas: Risiko und Gefahr, Aulavortrag Nr. 48 (Die Broschüren „Aulavorträge“ gelangen nicht in den freien Verkauf. Sie werden uns Angehörigen des Kantonsrats zugestellt).  

4)Ludwig Binswanger: Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Ernst Reinhard, 1942 und 1962

5)Luisa Muraro: Die symbolische Ordnung der Mutter. Campus, völlig überarbeitete Neuauflage 2006, S. 100-101

6)Schrupp Antje: Methusalems Mütter. Chancen des demografischen Wandels, Ulrike Helmer, 2007

7)Hellmuth Karasek: „Nationale Identität und europäische Gemeinsamkeit“. Aulavortrag Nr.9 an der HSG St. Gallen, 1990, S.13. (Die Broschüren „Aulavorträge“ gelangen nicht in den freien Verkauf. Sie werden uns Angehörigen des Kantonsrats zugestellt).  

8) Hellmuth Karasek: Aulavortrag Nr.49 an der HSG St. Gallen, 1990, S.13.

9)Hermann Lübbe: „Die grosse und die kleine Welt – Regionalismus als europäische Bewegung“, Aulavortrag  Nr. 50 an der HSG St. Gallen, 1990 (Die Broschüren „Aulavorträge“ gelangen nicht in den freien Verkauf. Sie werden uns Angehörigen des Kantonsrats zugestellt).  

10)Marielouise Jannsen-Jurreit: Sexismus. Über die Abtreibung der Frauenfrage, Carl Hanser, 1976

11)Hermann Lübbe, Philosoph: Die grosse und die kleine Welt – Regionalismus als europäische Bewegung - Aulavortrag Nr. 50 an der HSG St. Gallen, 1990

12)Margaret Alic: Hypatias Töchter. Der verleugnete Anteil der Frauen an der Naturwissenschaft, Unionsverlag 1987

13)Hermann Lübbe: Die grosse und die kleine Welt – Regionalismus als europäische Bewegung - Aulavortrag Nr. 49 an der HSG St. Gallen, 1990

14)Carola Meier-Seethaler: Ursprünge und Befreiungen, Arche 1988 und Fischer 1992

15)Vera Zingsem: Die Weisheit der Schöpfungsmythen. Wie uralte Geschichten unser Denken prägen, Kreuz 2009

Dies. Lilith; Adams erste Frau, 1999

16)Irène Kummer: Im Mittelpunkt meines Lebens, Kösel 1998. Irène Kummer: Ich bin die Frau, die ich bin. Eine lebendige Beziehung zu mir und anderen finden, 1991

Anmerkungen (Die Anmerkungen werden mit den Ziffern A1-A5 gekennzeichnet)

A1)Niklas Luhmann: Das erklärte Ziel des Soziologen war, das hierarchische Geschlechterverhältnis in eine moderne Begrifflichkeit zu übersetzen. Dies ist für uns Frauen bedeutsam, weil der inzwischen verstorbene Soziologe als Leitfigur eines Nachdiplomstudiengangs für Manager figuriert («Philosophie + Management»), der in zehn Jahren  (also 2015) als «Pflichtfach für alle angehenden Manager» etabliert werden soll (St. Galler Tagblatt 12.02.05: René Siegrist, Leiter des Studiengangs an der Universität Luzern). Aber schon um 1990 herum wurde an der HSG St. Gallen (heute Universität) die Empfehlung ausgegeben, das Geschlechterverhältnis nicht mehr mit der Natur, sondern mit seiner Strukturtheorie zu begründen. Was diese Empfehlung bedeutet, wurde erst durch Luhmanns Publikation «Protest» klar (Niklas Luhmann: „Frauen, Männer und Spencer Brown (1988)“ - in: Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, Suhrkamp 1996),

A2) Aber schon im Jahre 1990 finden sich Hinweise auf Luhmanns Absicht, das hierarchische Geschlechterverhältnis als notwendig und richtig zu begründen. In seinem Aulavortrag „Risiko und Gefahr“ (Aulavortrag Nr. 48) verweist Luhmann auf die Risiken von Kernkraftwerken und vergleicht diese u.a. mit den Risiken des Heiratens. In der Fussnote ist erwähnt Luhmann: „Auch in der älteren Literatur finden sich Spuren dieses Problems – zumindest in der Form, dass man sich überlegte, wie Männer angesichts der extremen Unwahrscheinlichkeit, eine gute (sich unterordnende, nicht zänkische, nicht zum Ehebruch neigende) Frau zu finden, überhaupt dazu gebracht werden könnte, den Willen Gottes zu erfüllen und zu heiraten“. – Zum Risiko des Heiratens meint Luhmann: „In dem Masse, als das Heiraten und im weiteren: das Sicheinlassen auf Intimbeziehungen sozial freigegeben wird, taucht das Scheitern in diesen Beziehungen  als Risiko auf, und das Sicheinlassen bzw. Sichlösen muss  sozial erleichtert werden. Man hält Blumen für die Hochzeit und Kleenex für die Scheidung bereit, aber letztlich kann jeder in die Lage kommen, sich sagen zu müssen, dass das nicht gut war, was er selber gewollt hatte“, mit Hinweis auf obige Fussnote.

A3) Ganz deutlich wurde Luhmanns Sichtweise in der oben genannten Publikation „Protest“. Darin erklärt er rundweg, dass ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern unabdingbar sei. Eine grundsätzliche Asymmetrie zwischen den Geschlechtern sei nötig, obwohl es Frauen gebe, die manche Männer an Geist und Fähigkeiten übertreffen (S.116). Das Problem sei, wie diese Asymmetrie in die Form einer Unterscheidung gebracht werden könne, mit Hinweis auf die Logik eines Spencer Brown: Treffe eine Unterscheidung. – Beispielhaft ist für Luhmann die Idee der «Emanation», bei der es darum gehe, der Unterscheidung einen «hervorragenden Teil» zu sichern, eine sie «überformende Asymmetrie». Aus einer Einheit entstehe eine Differenz, in der das, was die Einheit war, als Gegenteil seines Gegenteils wieder vorkomme (115).  Aus Adam und seinem Rippstück ergebe sich die Differenz zwischen Adam und Eva. Derjenige Teil, der die Kontinuität zum Ursprung wahre, habe dadurch eine Art Vorrang. Der hervorragende Teil sichere der Unterscheidung «eine sie überformende Asymmetrie». Darin bestehe sein Wert. Für  die moderne Ideologie sei die Hierarchisierung eine Frage der «Repräsentation des Ganzen im Ganzen», der «Vergegenwärtigung des Unsichtbaren im Sichtbaren», des Erscheinens von «Ordnung» (115). - Hierarchie meine hier und im Folgenden nicht etwa: Machtüberlegenheit oder gar Befehlsberechtigung, sondern immer: die Zugehörigkeit von Teilen zu einem Ganzen, die ihnen ihre relative Eigenständigkeit ermögliche (S. 115). – Da die «Unterscheidung von Frau und Mann nur noch für Unruhe» sorge, sei die «strukturell wirksame Antwort», zwischen Grundstruktur (Code) und Programmierung (Kommentar) zu unterscheiden und die Kriterien des Richtigen «erst auf der Ebene der änderbaren Entscheidungsprogramme» festzulegen (139). Was auf der Ebene des Codes «ausgeschlossen bleiben» müsse, könne «auf der Ebene der Programme in das System wieder eingeführt werden». Das Ausgeschlossene finde «aber nur im Rahmen der dadurch gegebenen Beschränkungen» Eingang (141).

A4) Für die aristotelische Physik sei das Gleichgewicht ein defizienter Zustand, weil es die Bewegung hindere, ihren natürlichen Ort aufzusuchen. So sei auch die reine Unterscheidung zwischen den Geschlechtern «unschlüssig», in welcher Richtung die Sache gehen soll (S.112, und S.151). Anschlussfähige Unterscheidungen würden eine Hierarchisierung erfordern. Die eine Seite werde bezeichnet und nicht die andere. Die Unterscheidung wäre Anfang und Ende des Operierens, wenn sie keine Bezeichnung mit sich führte. Man hätte dann keinen Anhaltspunkt dafür, auf welcher Seite die Operation fortgesetzt werden könnte - und sei es als crossing. Die Maschine bliebe stehen. - Crossing bedeutet hier, in Kauf zu nehmen, dass dem weiblichen Geschlecht aus dieser Operation Nachteile, Ungerechtigkeit und Schäden entstehen. - Aber was heisst hier, die «Maschine» bliebe stehen (115) und welche Maschine ist gemeint? - Mit der «Maschine» ist die Struktur der patriarchalen Arbeitsteilung gemeint - Frauen für den häuslichen Bereich, Männer für den öffentlichen Bereich. Ferner ist gemeint, wenn diese Arbeitsteilung nicht mehr garantiert wäre, und Männer nicht mehr auf umfassende Versorgung durch Frauen rechnen könnten, würden sie ihren Rückhalt verlieren und an Antriebsmangel leiden. Vom römischen Konsul Cato wird berichtet, dass er den Männern riet, die Frauen weiterhin durch Gesetze zurückzubinden, weil sie den Männern sonst überlegen seien.

A5) Die Taten bzw. Untaten des biblischen Moses zeigen sich in seinem Kampf gegen die Mutter-Göttin. Auf seinen Befehl wurden 30‘000 Männer, brutal abgeschlachtet und ganze Städte ausradiert. Moses verlangte zudem, daß auch alle Frauen und männlichen Kinder getötet werden sollten. Nur die Mädchen und Jungfrauen, die noch mit keinem Mann geschlafen hatten, sollten die Krieger "für sich und die Priester" am Leben lassen. Die Bibel zählt minutiös die Kriegsbeute auf, die hälftig auf die Priester und die Krieger verteilt werden sollten: 675‘000 Schafe und Ziegen, 72‘000 Rinder, 61‘000 Esel und 32‘000 Frauen (Exodus 31.1-48). An anderer Stelle wird beschrieben, wie die Gegenstände aus dem Tempel der Göttin (Ascherah) herausgeschafft und die Gemächer niedergerissen wurden, in denen die Frauen Schleier für die Ascherah webten. Ferner, wie die Steinmale der Göttin Astarte zerbrochen und die »Höhentempel« beseitigt wurden. – Die Philosophin jüdischer Herkunft, Hannah Arendt, attackiert die klassischen und biblischen "Ursprungslegenden", wonach angeblich kein Anfang ohne Gewaltsamkeit möglich sei und dass jeder Neubeginn etwas vergewaltige: Kain erschlug Abel, Romulus erschlug Remus. Die Legenden sprachen es klar aus - und in zwingend überzeugenden Metaphern: Am Anfang der Brüderlichkeit stehe der Brudermord, am Anfang aller politischen Ordnung stehe das Verbrechen, ohne den Mord des Moses am Aegypter wären die zehn Gebote nie geschrieben worden. Auch in Marx' berühmtem Ausspruch, Gewalt sei die mächtige Geburtshelferin der Geschichte, klinge diese Auffassung noch deutlich nach.