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12 - Subjektkonstitution und Identität – mehrere Autorinnen - 1996

Agnes Heller, Ann Koellreuter, Lilli Gast, Heike Kahlert - von Elisabeth Camenzind

1) Agnes Heller - Das Subjekt der Anna ist die Welt wie Anna sie sieht

Subjektbegriff

Agnes Hellers Subjektbegriff bewegt sich zwischen mehreren Positionen. Sie nimmt sowohl die ichpsychologisch humanistisch orientierten als auch die psychoanalytisch und strukturalistisch orientierten Positionen von Psychotherapeutinnen auf, die sich als feministische verstehen. Hellers Vorschlag ist, eine Unterscheidung zu machen zwischen der empirischen Person, die ihrer Meinung nach als Individuum bzw. "einzigartige Persönlichkeit" zu verstehen ist, die selbstverständlich einen Körper mit Seinsqualität und eine Geschichte hat, und dem Subjekt, das sie nicht im Körper-Sein verortet (Agnes Heller: Ist die Moderne lebensfähig? 1995).

Mehrdeutiger Subjektbegriff

Heller beginnt mit dem Begriff "Subjekt", der dermaßen mehrdeutig sei, daß er sich leicht zum verbalen und begrifflichen Manövrieren anbiete. Sie erinnert an die gegenwärtigen französischen und deutschen Debatten, in denen der Terminus "Subjekt" folgende Bedeutungen angenommen habe: Standpunkt; Individuum; das "Subjekt" der Biographie. Das hermeneutische, Bedeutung konstituierende Subjekt; das kennenlernende Subjekt (Erkenntnissubjekt); das Subjekt des Wissens; das politische Subjekt (sowohl als Subjectum wie auch als Subjectus); das moralische Subjekt; Persönlichkeit, Selbst; das monozentrische Selbst: Ego, der Mensch; Selbstbewußtsein; Selbstreflexivität; Subjekt als Wille; Subjekt als Souveränität; oder einfach das Personalpronom "ich".

Das unpersönliche Subjekt

Überdies erinnert Heller an das "Subjekt" der unpersönlichen, nicht individuellen Art, wie zum Beispiel das Kant'sche transzendentale Subjekt, den Hegelianischen Weltgeist oder Fichtes Ich, sowie alle persönlichen Subjekte, welche nicht menschlich sind, wie zum Beispiel Gott, und schliesslich alle universellen Subjekte wie Geschichte, Humanismus, Recht, Kunst und so weiter. Schliesslich gelte das, was über das "Subjekt" ausgesagt wird, auch für "subjektiv", "Subjektivität" und "Subjektivismus". Zuletzt weist Heller die Rede vom "Ende des Subjekts" (Jean-Luc Nancy) in der Moderne und deren Begründung hin: Der reale Mensch sei solchen Subjekten wie Philosophie, Friede, Wissenschaft, Kunst und Geschichte aufgeopfert worden. Allerdings habe schon der Behaviorismus vor einem halben Jahrhundert das "Ende des Subjekts" gepredigt. Auch Wittgensteins Philosophische Untersuchungen könnte als Unterstützung dieser These interpretiert werden. In der streng behavioristischen Tradition werde das Subjekt als ein mythologisches Mittel vorwissenschaftlichen Denkens abgetan. Der französische Strukturalismus spiele seine Auslegung als Trumpf der Wissenschaftlichkeit gegen die Unwissenschaftlichkeit aus. Schon allein die Annahme, daß es so etwas wie ein individuelles Subjekt, Bewußtsein oder einen individuellen Willen geben könnte, sei vom Strukturalismus als ein Märchen für erwachsene Kinder verworfen worden. Die Strukturalisten (vor allem Althusser) hätten die Philosophie des Subjekts schon längst als "Humanismus", d.h. als Unwissenschaftlichkeit diskreditiert.

Hauptverantwortlich für den Nazismus

Heute werde der Begriff des "Subjekts" nicht mehr darum verworfen, weil er unwissenschaftlich sei, sondern aus dem gegenteiligen Grund: Dem Subjekt würden alle Verwüstungen der Wissenschaft und der Technik unterstellt. Immer sei es das Subjekt, das aus diesem oder anderem Grund verschwinden soll, sei es beim Poststrukturalismus (Derrida) oder im Neu-Heideggerianismus (Habermas). Habermas gehe so weit, den Humanismus zum Hauptverantwortlichen für den Nazismus zu machen. Zwar seien Begriffe "Selbsterschaffung" und "Autokreativität" Begriffe des Humanismus, aber es bestünden zahlreiche Interpretationen des Humanismus, die mit dem Nazismus auf Kriegsfuss gestanden seien. Der Humanismus könne keinesfalls für den Nazismus verantwortlich gemacht werden (S.61-63).

Subjektives und Subjektivismus

Sowohl bei Kant als auch bei Hegel deute das Wort "subjektiv" normalerweise auf etwas hin, das im Vergleich zu "objektiv" etwas Minderwertiges sei. Auch nach Kierkegaard sei die Wahrheit etwas Subjektives, ohne dies jedoch abwertend zu verstehen. Bei Hegel werde Subjektivität oft mit Innerlichkeit gleichgesetzt. Subjektivismus werde der Kultivierung des subjektiven Standpunktes zugeschrieben sowie dem Anspruch der Individualität auf eine ungehinderte Selbstverwirklichung. Sowohl Hegel als auch Kierkegaard hätten sich deutlich gegen den (egoistisch verstandenen) Subjektivismus gewandt. Um es vorwegzunehmen: Heller wird das Subjekt nicht als "Innerlichkeit" bestimmen, sondern außerhalb der empirischen Person ansiedeln. Sie definiert das Subjekt als die Welt, wie A oder B (Anna oder Beat) sie sieht. - In der zeitgenössischen Philosophie werde das "Subjekt" nicht als empirisches, menschliches Allgemeines (universal) gedacht, sondern als ein reales oder konstruiertes (imaginary) Seiendes. Sie verweist auf den Roman (und Film) "Carp, oder wie er die Welt sah". In diesem Sinne gebe es auch eine Welt wie jede andere Person sie sieht.

Nabel des Universums

Das Erscheinen des Subjekts setzt Heller beim Erscheinen der ersten Autobiographie an, also bei der Darstellung der eigenen Person und der Welt, wie sie von diesem bestimmten Individuum gesehen wird. Die moderne Autobiographie weise eine zweifache Urheberschaft auf: Auf der einen Seite ist Anna die Autorin des Textes, auf der anderen ist sie die Autorin ihres eigenen Lebens. Entsprechend werde erwartet, daß Anna die Welt so darlegt, wie sie diese sieht, erfährt und beurteilt, zum anderen, daß ihre Geschichte wahrhaftig und echt ist. In der Regel gelinge es den Menschen über alle Erwartungen hinaus, eine Welt, "wie sie sie sehen" darzustellen; sie haben sich eben selbst als Subjekt dargestellt (73). Daher könne man sagen, daß die Welt, wie Anna sie sieht, das Subjekt der Anna ist. Aber damit es eine Welt, wie Anna sie sieht, geben kann, muß es erst eine (reale) Welt geben. Wie alle anderen Menschen ist Anna in ein bedeutungsvolles (meaningful) menschliches Universum geboren. Sie wurde mit dem Schicksal geboren, mit allen anderen Körpern durch Bedeutungen verbunden zu sein. Anna hat dieses Gewebe von Bedeutungen (network of meanings) von seinem sozialen Universum empfangen. Diese Bedeutungen waren in den Gewohnheiten ihrer Umgebung, den Normen und Regeln der Umgangssprache und jenen, die den Gebrauch von Gegenständen regeln, enthalten und durch sie vermittelt. Wie alle anderen begann Anna ihr Leben, indem sie die Bedeutung der empfangenen Bedeutungen entschlüsselte, während sie diese gleichzeitig mit ihren eigenen Erfahrungen ausfüllte. Ihre angeborenen Triebe wurden mit bestimmten Gegenständen befriedigt, bspw. ihr Hunger durch angemessenes Essen, und doch entwickelte sie ihren eigenen Geschmack. Man brachte ihr bei, ihre angeborenen Affekte (bspw. Furcht) zu steuern, aber sie wurde trotzdem entweder mutig oder ängstlich. Man gab ihr gewisse Aufgaben (bspw. einen Acker zu kultivieren) und sie hat dies besser oder schlechter bewältigt. Die besten ihrer angeborenen Neigungen wurden entweder gefördert oder sie blieben unentwickelt. Auf diese Weise wurde Anna zu einer Einzelperson, die sich von allen anderen unterscheidet. Noch bevor sie die Bedeutung von Sätzen wie "ich denke" oder "ich spreche" kennenlernte, kannte sie sicher schon die Bedeutung des Ausdrucks "ich fühle". Jede Anna ist der Nabel ihres Universums (73-74).

Landkarte innerer und äusserer Welt

Wäre unsere Anna vor einigen hundert Jahren geboren worden, hätte sie nicht nur das Gewebe von Bedeutungen empfangen, sondern allgemeingültige Erklärungen. Sie hätte gelernt, warum sich alles so verhält wie es ist und warum dies so sein soll; warum die Sterne strahlen, warum Menschen sterben und was mit ihnen nach dem Tod passiert. Auf diese Weise hätte Anna eine ziemlich vollständige Landkarte der inneren und äusseren Welt erhalten und es hätte keine Welt gegeben "wie Anna sie sieht" (74). - Unsere bewusste und unbewußte Innenwelt sei aber nicht übereinstimmend (homogen). Es gebe kaum eine Kultur, die das anders gesehen hat. Mythologien, Philosophien und Religionen haben Landkarten der Seele angefertigt und überliefert. Was wir von diesen repräsentativen Fiktionen erhalten, sei Bedeutung. Wir seien nicht nur Körper, die mit anderen Körpern durch eine Bedeutungsgewebe verbunden sind, wir seien auch mit unserem eigenen Körper durch Bedeutungen verbunden. Anhand der empfangenen Bedeutungen verstehen oder interpretieren wir unsere Innenwelt, wodurch unsere präkognitiven Intuitionen sinnvoll werden.

Sterblicher Körper und unsterbliche Seele

Annas Großmutter habe sich selbst als aus einem sterblichen Körper und einer unsterblichen Seele bestehend verstehen können. So einfach habe es unsere Anna nicht mehr. In der Moderne werden wir mit einem ganzen Markt von Weltbildern konfrontiert und jedes Weltbild kann durch ein anderes ausgetauscht werden, die alle irgendwie sinnvoll sind. Es gibt also keinen Grund zu glauben, daß die Landkarte der äusseren Welt die innere Welt ausdrückt. Heller schlägt folgendes Verfahren vor:

Das Selbst  und Zentrum des Selbst

Man interpretiert das eigene Innere mit Hilfe eines bedeutungsvollen Weltbildes und entwirft eine Landkarte des eigenen Inneren. - Man offenbart diese Landkarte in seinem Verhältnis zur Welt.

Die Welt, wie Anna sie sieht, wäre dann eine Welt, der es gelingt, die Landkarte, die Anna in sich trägt, zu offenbaren wie Anna sie wahrnimmt und interpretiert. Die Welt, wie Anna sie sieht, ist nicht deckungsgleich mit der Landkarte des Inneren, die Anna in ihrem Körper mitträgt. Die Landkarte des Inneren könnte man das "Selbst" nennen, wobei die Frage ist, worin das Zentrum des Selbst besteht. Man kann das Selbst als hierarchisch geordnet auffassen, wobei das Zentrum dann aus der stärksten Kraft besteht. Diese Kraft kann aus einem Gipfel namens Vernunft bestehen, der über den Ebenen ragt, oder ein gewaltiger Wasserfall namens Gefühl, der alles, was in seinem Weg steht, mit sich reißt. Der Kern der Sache ist, daß das Zentrum der Landkarte namens Selbst niemals das Zentrum des Selbst ist. Das Zentrum des Selbst befindet sich außerhalb des Selbst, also in der Welt. Das Zentrum von Annas Selbst sind ihre Geliebten, ihr Kind, ihr politisches Engagement, ihr Beruf. Alles was meines ist, kann auch eines der Zentren meines Selbst sein werden (Vernunft und Gefühl eingeschlossen), obwohl nicht alles, was meines ist, im Zentrum meines Selbst steht oder auch nur an dessen Peripherie. Nur wenige Themen können das Zentrum meines Selbst sein (Menschen, Ziele, Neigungen). Die "Welt, wie Anna sie sieht" schließt diese Zentren von Annas Selbst ein.

Mit anderen Worten: Heller macht das Subjekt an der Welt fest, nämlich an der Welt wie Anna oder Beat sie sehen. Ihrer Meinung nach wäre es der größte Fehler, die individuelle Persönlichkeit mit dem Subjekt gleichzusetzen (identifizieren), sofern "Subjekt" auf irgendeine der zeitgenössischen Weisen verstanden wird. - Natürlich stelle sich die Frage, was Anna (oder Beat) ist, wenn sie kein Subjekt ist. Hellers Antwort lautet: Indem Anna durch Zufall gerade dann und dort geboren ist (in die Welt geworfen wurde) und begann, mit dem Zufall fertig zu werden, wurde sie zu der Einzelperson, die sich von allen anderen unterscheidet, sie ist eine "einzelne und einzigartige Person" eine "individuelle Persönlichkeit". Das Faktum, auf die eine oder andere Art eine einzelne und einzigartige Person zu werden, ist für Heller der Unterschied auf den es ankommt.

Eine individuell einzigartige Person  

Nun kann Anna aber als besonderes Einzelwesen einzigartig bleiben oder aber ein einzigartiges Individuum werden oder eine Mischung aus beiden. Das heißt: Anna kann die Welt, in die sie hineingeboren ist, für selbstverständlich hinnehmen und sich ganz damit identifizieren und sich ebenso gänzlich mit der eigenen Person identifizieren, was heißt, daß Anna ihre ganze Erfahrung um die beiden Apriori ihrer eigenen Existenz herum organisiert (dem genetischen und sozialen Apriori). Und weil diese beiden vom Zufall bestimmt sind, wird auch sie gänzlich vom Zufall bestimmt sein. Die andere Möglichkeit wäre, eine individuell/einzigartige Person zu werden. Als solche wäre sie weder mit der Welt noch mit sich selbst jemals gänzlich identifiziert, da eine solche Persönlichkeit über sich selbst und über die Welt reflektiert. Aufgrund der Reflexion bleiben Annas Erfahrungen nicht weiter vom Zufall bestimmt, sondern werden zum eigenen Schicksal.

Das Existente, das Seiende

Die Welt, wie Anna sie sieht, ist das Subjekt der Anna und was um das Zentrum herum erscheint, ist das Existente, das Seiende. Dieses Existente könnte von Anna gewählt werden. Wenn sie das Wählen versäumt, dann wird das Seiende für Anna von anderen gewählt, aber dennoch wird es eine Welt geben wie Anna sie sieht (ein Subjekt). Subjekt heißt nach Heller "die Eigenart der Interpretation der menschlichen Erfahrung unter den Bedingungen der Modernität. Wenn man zustimmt, daß Annas Subjekt die Welt ist, wie Anna sie sieht, dann kann dies sowohl mit unreflektierter Einzigartigkeit als auch mit individueller Wahl einhergehen. Anna und Beat sind empirische Persönlichkeiten, aber kein Subjekte. Denn das Subjekt ist die Welt, wie Anna sie sieht. Die Welt nach ihrem Willen dreht sich um die Themen ihrer Anliegen. Damit kommt sie nahe an das heran, was man Subjekt-Objekt-Identität zu nennen pflegt.

Repräsentative Subjekte

Die Reden vom Ende des Subjekts sind nach Heller "starke Aussagen sowohl über Subjekte als auch über Persönlichkeiten. Diese Aussagen beinhalten Welten, wie diese Philosophen sie sehen; sie sind Subjekte. Mehr noch: sie sind repräsentative Subjekte".

Theorie der Gefühle

Hellers Vorschlag, zwischen der empirischen Person und dem Subjekt zu unterscheiden, hat für mich große Überzeugungskraft. Bezüglich der empirischen Person hat Heller eine ebenso überzeugende "Theorie der Gefühle" geschrieben, die eigentlich eine Theorie über die ursprüngliche Einheit von Denken, Fühlen und Handeln ist. Darin erbringt sie den Nachweis, daß Denken und Fühlen keineswegs "absolute Gegensätze" sind, daß vielmehr die Kognition ein integraler Bestandteil des Fühlens ist und sich ein differenziertes Fühlen ohne Kognition nicht entwickeln kann. Mittels Strukturierung in sieben Gefühlsarten vermittelt Heller ein neues Bild von der Gefühlswelt. Dieses Bild unterscheidet sich allerdings von Daniel Golemans "Gefühlsintelligenz", da seine Gefühlswelt mittels Intelligenz "beherrscht" werden muß (wie gehabt).

 

2) Ann Koellreuter -  Keine weibliche Subjektkonstitution ohne Freuds Triebtheorie

 

Weibliche Subjektkonstitution

Ann Koellreuter (Psychoanalytikerin) geht davon aus, daß eine weibliche Subjektkonstitution nur mittels der Freudschen Triebtheorie möglich ist, denn das sexuelle Begehren dürfe aus dem Subjektbegriff nicht ausgeblendet werden. Das "Anerkennungskonzept" der humanistischen Theoretikerinnen löse in ihr das "Schreckensbild" eines langweiligen Zusammenlebens ohne Erotik aus (Ann Koellreuter in Grosz-Ganzoni (Hg): Widerspenstige Wechsel­wirkungen, l996).

Weibliche Sexualentwicklung

Nach Koellreuter existiert bisher keine andere Theorie zur weiblichen Sexualentwicklung und damit zur weiblichen Subjektkonstitution als diejenige von Freud und seinen NachfolgerInnen. Die neuere feministisch-psychoanalytische Litera­tur blende das Sexuelle, Triebhafte in den neuen Weiblichkeitsentwürfen weitgehend aus. Beispielsweise gehe es Jessica Benjamin um eine Befreiung des psychoanalytischen Denkens von der Triebtheorie und Rohde-Dachser sage, wir seien "keine Sklaven des Unbewußten", unsere Realität werde nicht vom Unbewußten diktiert. Nach Koellreuter ist das Unbewußte jedoch der Ort der libidinösen Phantasien, und diese Er­kenntnis mache die subversive Kraft psychoanalytischen Denkens aus sowie die Faszination daran - gerade auch für feministische Psychoanalytikerinnen. Wenn die krän­kende Einsicht, 'nicht Herr(in) im eigenen Hause' zu sein, verleugnet werde, dann fehle den Untersuchungen zu neuen Weiblichkeitskonzepten das wichtige Instrumentarium des psychoanalytischen Triebbegriffs. Ohne das psa Triebkonzept sei die Frage nach dem weiblichen Begehren, der weiblichen Potenz und eben der weiblichen Subjektkonstitution, kaum zu untersuchen (S.121).

Triebausstattung

Koellreuters Vorschlag ist, an Freuds ursprünglichen Grundlagen zu einer weiblichen Libidoentwicklung festzuhalten, nämlich an seiner These, daß Mädchen und Knaben sich in ihrer Triebausstattung nicht unterscheiden. Mädchen hätten demnach von Beginn an die gleichen Triebentwicklungsmöglichkeiten wie Knaben. Noch dreissig Jahre später habe Freud an dieser Aussage festgehalten: "Es gibt nur eine Libido, die in den Dienst der männlichen wie der weiblichen Sexualfunktion gestellt wird. Wir können ihr selbst kein Geschlecht geben." Weder "im psychologischen noch im biologischen Sinne (könne) eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden" werden. Diese weiblichen eigenständigen Triebanlagen seien weiter zu verfolgen.

Erste Ansätze einer weiblichen Subjekttheorie sieht Koellreuter bei Jessica Benjamin, Nancy Chodorow und Carol Gilligan, deren Untersuchungen von sozialen und ökonomischen Verhältnissen jedoch nicht ausreichen, um die weibliche Entwicklung zu erklären. Nach Millet und Fireston sei Freud quasi der Chefideologe der Frauenunterdrückung. Ende der 60er Jahre sei die Geschichte der Frauen auch als Geschichte sexueller und sozialer Unterdrückung verstanden worden. Frauen beschäftigten sich mit dem Penisneid-Konzept, der als Mythos entlarvt wurde und in einem nächsten Schritt kamen Frauen zur Erkenntnis, der Penisneid betreffe nicht den physischen Penis, sondern sei ein Machtsymbol, von männlicher Macht über Frauen.

Konzept des Unbewußten

Juliet Mitschell habe sich gegen die Freudkritikerinnen zur Wehr gesetzt: "Wer die Unterdrückung der Frauen begreifen will, kommt an Freud nicht vorbei". Das Konzept des Unbewußten und der infantilen Sexualität sei ein Instrumentarium, ohne das der Feminismus nicht auskomme. Mitschells Arbeiten seien geprägt von Laing und Reich, aber auch von Lacan. Lacan sei in den 70er Jahren quasi zum Bindeglied zwischen Feminismus und Psychoanalyse geworden und zwar durch seine Phallusdefinition, die den Penisneid überflüssig mache. Der Phallus bezeichne eine signifizierende Funktion, während der Penis eine anatomische Tatsache sei. Einen Penis habe man oder eben nicht, während dessen niemand den Phallus habe. Nach Lacan sei der Phallus der Signifikant des Wunsches. (EC: Diese Argumentation vergißt die Möglichkeit, die Klitoris als "Signifikante des Wunsches" geltend zu machen).

Kritik an Feministinnen

Koellreuter kritisiert die Feministinnen und Psychoanalytikerinnen, die Lacans Theorie für anwendbarer empfänden als die Freudsche und dies trotz der sexistischen Tendenzen in Lacans System. Sie verweist auf Irigarays Kritik, der Lacan'sche Phallus sei die "moderne Figuration eines um seine Privilegien fürchtenden Gottes". Die Französischen Theorien seien vielfältig, vertreten durch Althusser, Foucault, Lévy-Strauss, Derrida sowie die Theoretikerinnen Kristeva, Kofmann, Cixous, die alle die Psychoanalyse in ihr Denken einbezogen hätten. In den 80er Jahren habe sich der feministische Diskurs an Simone de Beauvoir orientiert "Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau gemacht". Mit diesem Resümè wolle sie aufzeigen, daß in den postmodernen Entwürfen das Triebhafte fehlt. Der Differenzdiskurs habe den Begriff "Geschlechtsidentität" scheinbar aus den Angeln gehoben. Geschlechtsidentität werde als kulturelles Konstrukt begriffen, das es zu dekonstruieren gelte. Die Dekonstruktion bringe in der Folge eine Vielfalt von Möglichkeiten zur Geschlechtsidentität zutage. Sie verweist auf Muriel Dimen, derzufolge die Geschlechtsidentität weiblich/männlich lediglich ein Gegensatzpaar unter anderen Dualismen sei wie bspw. Selbst-Anderes, Autonomie-Abhängigkeit.

Soziologische Sichtweise

Ausführlicher geht Koellreuter auf Chodorow und Benjamin ein. Nach Chodorow fühlten sich Mädchen deswegen als Mädchen, weil "ihre Eltern nicht daran gezweifelt haben, daß sie Mädchen sind". Chodorow verwerfe also Freuds Annahme, die sexuelle Identität konstituiere sich eher über die libidinösen Wünsche und Phantasien und weniger durch Eltern und Umgebung. So gewinne eine soziologische Sichtweise über den Entstehungsprozess von Männlichkeit und Weiblichkeit die Oberhand (133).

Das primäre kindliche Interesse

Merkwürdigerweise meint das "Triebhafte" bei Freud nicht das sexuelle Lustempfinden an sich. Freuds Theorie übersieht das primäre kindliche Interesse am eigenen Lustorgan, denn er spricht lediglich vom sexuellen Begehren, das auf eine Drittperson gerichtet ist. Damit geht Freud am eigentlichen Sachverhalt vorbei. Kinder kennen die eigenleibliche lustvolle Berührung ihres Geschlechtsorgans sehr wohl und dies zu einem Zeitpunkt, wo sie noch keine Ahnung haben von der unterschiedlichen Ausgestaltung ihrer weiblichen oder männlichen Geschlechtsorgane. Der Trieb, die Lust (Libido) existiert hier unabhängig vom gegengeschlechtlichen "Begehren". Mit der Anerkennung dieses Sachverhalts wäre Koellreuters theoretisches Problem aus der Welt zu schaffen. - Koellreuter sieht das eigentliche Problem jedoch im "homosexuellen Tabu", das sie bei Chodorow und anderen ausmacht.

Mutter-Tochter-Beziehung

Nach Chodorow sei für das Mädchen die präödipale Mutter-Tochter-Beziehung zentral, weil sie die libidinösen Wünsche und Phantasien des Mädchens beinhalte, welche mit denjenigen der Mutter in Wechselwirkung stünden. Die triebhafte Dynamik zwischen Mutter und Tochter sei bei Chodorow jedoch nicht Thema, sie suche lediglich nach Erklärungen für die Angst und Hassgefühle des Mädchens auf die Mutter, die sie als Folge der Arbeitsteilung verstehe. Nach Chodorow könne die männliche Dominanz gebrochen werden, wenn Männer gewissermaßen zu Müttern würden und damit die Angst vor der Allmacht der Mütter abgebaut würde.

Intersubjektiver Raum

Jessica Benjamin habe Chodorows Konzeption zum Konzept des "intersubjektiven Raumes" erweitert. Intersubjektiv bezeichne die Beziehung zwischen zwei Subjekten. Das Begriffspaar Subjekt-Objekt wird also durch das Begriffspaar "Subjekt-Subjekt" ersetzt. Die Intention, die dahinter stecke, gelte der Aufwertung der Frau im psychoanalytischen Denkgebäude, da "Objekt" degradierend sei. Auf diese Weise wolle Benjamin der Frau zu ihrem Subjektstatus verhelfen. Benjamins Devise sei: Wo Objekte waren, sollen Subjekte sein. Nach Benjamin fehle in unseren Kulturen der Frau und Mutter eine eigene Subjektivität, was dann zum Herr-Knecht-Verhältnis zwischen den Geschlechtern führe (135). Bei Freud erscheine die Mutter nur als Objekt von Bedürfnissen des Säuglings und nicht als eigenständiges Wesen. Durch die Objektbeziehungstheorie könne die Psychoanalyse auf eine neue Grundlage gestellt werden, daß wir vor allem soziale Wesen seien. Freuds Vorstellung von "Menschen als einem monadischen Energiesystem" müsse revidiert werden zugunsten der Vorstellung von einem aktiven Selbst, das auf andere angewiesen ist. Der Säugling sei nicht ein dem oralen Trieb unterworfenes autistisches Geschöpf, sondern ein Wesen, das aktiv an der Interaktion mitwirkt. - Als Adorno-Schülerin habe sich Benjamin von Anfang an mit dem Problem der Herrschaft, d.h. der Struktur der Herrschaft zwischen Mutter und Kind beschäftigt, die später zur Herrschaftsstruktur zwischen Mann und Frau werde, wobei sie dann Männlichkeit und Weiblichkeit mit den Positionen Herr und Knecht verbinde und daraus den weiblichen Masochismus ableite: "Dieses neue Verständnis des Selbst entwickelte sich nicht nur in der Kindheitsforschung, sondern auch in den Sprechzimmern der Analytiker, die den Schrei des Säuglings aus der Stimme des Erwachsenen heraushörten. Die Qualen der Menschen, die sich tot und leer fühlten, die keine Verbindung mehr mit sich selbst und mit anderen hatten, warfen die Frage auf: Was bewirkt, daß ein Mensch sich lebendig und authentisch fühlt?" Benjamin meine, es gehe um Störungen im Selbstgefühl, um das Gefühl schmerzlicher Einsamkeit und Leere und sicher nicht um Neurosen, ödipale Konflikte und sexuelle Unterdrückung bzw. Triebkonflikte, womit sie bei der Selbstpsychologie von Kohut angelangt sei (Jessica Benjamin: die Fesseln der Liebe, l990).

Imago-Bedeutung

Koellreuter geht mit Benjamin zwar einig, daß die Frage, wie die Frau zu ihrer Subjektivität gelangen kann, von zentraler Bedeutung ist. Die Lösung könne aber nicht darin bestehen, daß der Objektbegriff durch Subjekt ersetzt werde, weil sonst die "Imago-Bedeutung", die im Objektbegriff enthalten sei, verloren gehe, was eine Abkehr von den Trieben bedeuten würde. Sie zitiert Freud: "Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder durch welches der Trieb sein Ziel erreichen kann" (137). Das Objekt könne eine Person sein, aber auch ein Partialobjekt, es könne ein reales, aber ebenso ein phantasiertes Objekt sein. Die Imago-Bedeutung betreffe die "unbewußte Vorstellung", die sich in Gefühlen, Verhaltensweisen und Bildern dem Objekt gegenüber zeigen. Wenn der Begriff "Objektbeziehung" irrtümlicherweise auf die Ebene von realen Beziehungen gelange, dann werde die Ebene der unbewußten Phantasien verlassen und damit auch die Triebebene (138).

Phantasie und Realität

Nun ist es m.W. aber so, daß Freud selbst die strikte Trennung der beiden Ebenen (Phantasie und Realität) nicht durchhielt, wie Rohde-Dachser nachweist. Hätte Freud seine Triebtheorie konsequent durchgeführt, und hätte er zudem den Subjektstatus der Mutter betont und sie nicht nur als ein "Objekt" von kindlichen Wünschen dargestellt, sähe die Sache anders aus. Den Vater läßt er ja auch Subjekt sein im Verhältnis zum Kind.  

Folge der Unterdrückung

Benjamin sieht es ähnlich wie Chodorow. Als Folge der Unterdrückung kann die Mutter dem Kind nicht als eigenständiges Subjekt begegnen. Dieser kulturell verankerte Subjektmangel der Frau ist nach Chodorow die Folge des mangelnden sexuellen Begehrens der Frau. So schließe sich der Kreis: Eine entsexualisierte Mutter könne dem Kind nicht als Subjekt begegnen. Um zum Subjekt zu werden, bedürfe es nach Benjamin der gegenseitigen Anerkennung, woraus ihr Anerkennungskonzept entstanden sei.

Mangel an sexuellem Begehren

Der Versuch Chodorows, den Selbst- und Subjektverlust der Frau am Mangel an sexuellem Begehren festzumachen, muß an folgender einfacher Feststellung scheitern: Die sexuelle Revolution hat deutlich gemacht, daß Frauen, die ihr sexuelles Begehren ausleben, noch immer an Selbstverlustgefühlen und mangelndem Selbstbewusstsein leiden. Das sexuelle Begehren führt keineswegs automatisch in den Zustand selbstbewußter Subjekthaftigkeit und Persönlichkeit hinein. Frauen werden nämlich nicht nur in ihrer selbstbestimmten Sexualität unterdrückt, sondern auch in ihrer intellektuellen Neugier sowie in ihrem Bedürfnis nach Einfluß und Macht.

Sprechen über Weiblichkeit und Männlichkeit

Bei den New Yorker Analytikerinnen (Judith Butler, Chodorow, Dimen, Goldner) ist nach Koellreuter die zentrale Frage nicht (mehr), was Männlichkeit und Weiblichkeit ist, sondern wie man über Männlichkeit und Weiblichkeit sprechen kann, wenn man sie nicht mehr als essentialistische Varianten versteht. Es gehe um die Idee, daß Mutter und Vater sich grundsätzlich vertreten und auch ersetzen können, da beide die Pole von Freiheit und Abhängigkeit in sich tragen.

Schreckensbild eines harmonischen Zusammenlebens

Diese Sicht ergibt für Koellreuter "das Schreckensbild eines harmonischen, konfliktfreien, familiären Zusammenlebens", in welchem die triebmässige Erotik kein Raum mehr hat. Fraglich sei, ob das Unbewußte das Anerkennungskonzept hinnehmen werde, oder sich vielleicht doch gegen die Einschränkung aufbäumen werde. Das Triebhafte komme in Ambivalenzen und Widersprüchen zum Ausdruck. Sie weist auf "das Fremde in uns" hin, das fremd bleiben werde und fremd bleiben wolle. Dieser Aspekt sollte ihrer Meinung nach in Weiblichkeitskonzepten enthalten sein.

Synthetische Funktion des Ich

Koellreuters Ausführungen zeigen, wie schwierig und verwickelt sich eine Subjektkonstitution aus psychoanalytischer Sicht gestaltet. Indem Koellreuter weibliche Subjektkonstitution und libidinöses Begehren verbindet, geht sie letztlich vom essentiellen Standpunkt bzw. vom intrapsychischen Subjektbegriff der "Innerlichkeit" aus. Ferner: Indem Koellreuter das "Schreckensbild eines harmonischen, konfliktfreien, familiären Zusammenlebens" ohne Triebhaftigkeit zeichnet, geht sie von der US-Ichpsychologie aus. Bei der Ichpsychologie sieht Thea Bauriedl tatsächlich die Gefahr, die Ichtätigkeit nur unter dem Aspekt von Harmonisierung zu sehen. Sie sagt, in der US-Ichpsychologie bestehe die synthetische Funktion (des Ich) darin, Verbindung und Vermittlung zwischen dem "Fremden, aus der Ich-Organisation Ausgestoßenen" herzustellen (mit Hinweis auf Neunter). Es sei jedoch falsch, unter Synthese nur die "Synthese von Gegensätzlichem" zu verstehen während die "Kontrastierung und Differenzierung, die ja ebenfalls ein Ergebnis dialektischer Prozesse sei, zu berücksichtigen wäre (49-50). Bauriedl versteht den Begriff Synthese als Kompromiß (im Freudschen Sinn). Dies sei zurzeit das bestmögliche Modell für eine dynamische Betrachtungsweise der Ichfunktionen (50). Ich-Prozesse verlaufen zwischen zwei Spannungspolen, zwischen dem Überich und dem Es.

Subjektstatus in Anspruch nehmen

Meines Erachtens beruht Koellreuters Rat, Frauen sollten den Subjektstatus getrost auch für sich in Anspruch nehmen, auf der Übernahme von Freuds allzu unproblematischem Subjektbegriff. Dies geht auch aus den Ausführungen von Kahlert und Heller hervor. Freuds (männliches) Subjekt konstituiert sich aufgrund seines sexuellen Begehrens (der Mutter) und der sich daraus ergebenden Konflikte bzw. aufgrund der Verarbeitungsart dieser Konflikte. Die Vorstellung, es genüge nun, auf Freuds ursprüngliche These zurückzugreifen, Mädchen und Knaben würden sich in ihrer ursprünglichen Triebausstattung nicht unterscheiden, um Frauen den Subjektstatus zuzuschreiben, steht daher auf schwachem Grund. Aus meiner Sicht lassen sich mittels des Freudschen Subjektbegriffs die Probleme, die sich aus den essentialistischen und strukturalistischen Entwürfen ergeben, nicht aus der Welt schaffen.

Widersprüchlichkeit innerhalb der Gefühlswelt

Koellreuters Vorstellung, das Triebhafte komme in Ambivalenzen und Widersprüchen zum Ausdruck, im "Fremden in uns", das fremd bleiben werde und fremd bleiben wolle sowie die Warnung, Freuds Trieblehre zugunsten eines harmonischen, konfliktfreien, familiären Zusammenlebens zu eliminieren, ist nur gegenüber Triebkonzepten angebracht, die der Widersprüchlichkeit innerhalb der Gefühlswelt keinen Raum läßt. Im Gegensatz dazu gelingt es Agnes Hellers Subjektkonzeption sehr wohl, das Körperlich/Triebhafte einzubeziehen ohne auf Freuds Triebkonzept zurückzugreifen, wie wir gesehen haben.

 

3) Lilli Gast -  Statt Sex und Gender ein dritter Weg

 

Sex und Gender - eine Sackgasse

Lilli Gast (Psychoanalytikerin) geht davon aus, daß die Unterscheidung von "Sex und Gender" in eine Sackgasse geführt habe. Sie möchte zwischen feministischen Strukturalistinnen und Humanistinnen einen "dritten Weg" finden und greift auf Freuds "Erkenntnislogik" zurück (Lilli Gast in Grosz-Ganzoni (Hg): Widerspenstige Wechsel­wirkungen, l996).

Erkenntnislogik

Gast greift zu diesem Zweck die "Erkenntnislogik" der Freudschen Psychoanalyse auf. Freuds Weiblichkeitskonzeptuierung sei relativ spät erfolgt. Der Auftakt bilde eine Arbeit von l925 (Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes). Diese Arbeit sei ziemlich salopp formuliert und zwar zu einer Zeit, nachdem Freud die männliche psychosexuelle Entwicklung weitgehend in durchaus überzeugender Form abgeschlossen und dargelegt habe (Lilli Gast: in: Ita-Maria Grosz-Ganzoni: Widerspenstige Wechselwirkungen, 1996).

Einschnitt in narzißtische Integrität

Aus Freudscher Perspektive sei die weibliche ödipale Situation das Ergebnis aus einem ontogenetischen Konflikt erwachsenen Objektwechsel, im Sinne einer Unterwerfung des Mädchens an die heterosexuelle Ordnung. Die Anerkennung des Geschlechtsunter­schiedes und folglich die Aneignung des eigenen Geschlechts sei für das Mädchen mit einem gravierenden Einschnitt in dessen narzißtische Integrität verknüpft. Die Hinwen­dung zum Vater habe also eine Geschichte, einen ontogenetischen Hintergrund, gewissermaßen ein biographisches Motiv. Es sei die Geschichte der Verstrickung in Liebe und Haß zum mütterlichen Objekt als Folge der traumatisierenden Anerkennung einer Geschlechtsdifferenz, die das Mädchen und die Mutter als libidinös/narzißtisch Be­schädigte repräsentiert.

Heterosexuelle Ordnung

Nach Ingrid Olbricht lernen Mädchen durch die heterosexuelle Ordnung nicht nur, sich als körperlich defizitär und beschädigt zu sehen, sondern werden real beschädigt, weil narzißtisch gekränkt infolge der Abwertung ihrer Körperlichkeit. In Freuds Argumentation sieht Gast die Hinwendung zum Vater nicht durch libidinöses Begehren motiviert, sondern durch narzißtische Restitutionswünsche. Im Gegensatz zur Mutter werde der Vater also nicht als begehrtes Lustobjekt gesehen, sondern bestenfalls als narzißtisches Hilfsobjekt.

Sexuelle und soziale Liebe

Die Formulierung, der Vater sei für das Mädchen "begehrtes Lustobjekt", hat etwas Irritierendes. Ebenso irritierend ist die alternierende Verwendung der Begriffe "Liebesobjekt und Lustobjekt". Die Theorie muß unbedingt zwischen sexueller und sozialer Liebe unterscheiden, ungeachtet, daß die zwei Formen der Liebe oft zusammenfallen.

Erkenntnistheoretische Herangehensweise

Was meint Gast mit ihrer Forderung nach einer erkenntnistheoretischen Herangehensweise? - An Karen Horney kritisiert sie, im Gegensatz zu Freud gehe sie von einer apriorischen gegengeschlechtlichen Anziehung aus, also von einer sehr konventionellen und biologisch begründeten Sicht. Horneys Mädchen fänden (wenn sie Glück haben, wie Ch. Olivier sagen würde) im Vater ihr erstes Lie­besobjekt. Eine matrisexuelle Vorgeschichte entfalle. Es sei die Rede vom "weiblichen Verlangen nach dem Mann" und dem mütterlichen nach dem Kind (vom Vater). Bei Grunberger und zahlreichen anderen finde diese Theoriefigur ihre gedankliche und konzeptuelle Fortführung und bilde im Grunde die Argumentationsstruktur der meisten zeitgenössischen Konzentrierungen einer Psychoanalyse der Weiblichkeit. Im Gegensatz dazu verlange sie (Gast) eine erkenntnistheoretische Herangehensweise. Sie zitiert Freud: "Nun wäre es eine Lösung von idealer Einfachheit, wenn wir annehmen dürften, von einem bestimmten Alter an mache sich der elementare Einfluß der gegengeschlechtlichen Anziehung geltend und dränge das Weib zum Mann (). Aber so gut sollten wir es nicht haben, wir wissen kaum, ob wir an jene geheimnisvolle, analytisch nicht weiter zersetzbare Macht, von der die Dichter so viel schwärmen, im Ernst glauben dürfen." Diese, dem Freudschen Weiblichkeitsentwurf zugrundeliegenden Fragen seien "kühn, avantgardistisch, aufreizend - auch heute noch. Lediglich seine Antworten seien funktional und traditionell.

Männliches Eigeninteresse

Freuds Fragen scheinen mir eher von Eigeninteresse getragen zu sein und von seinen enttäuschenden sexuellen Erfahrungen mit Frauen. Zu seiner Zeit war es an der Tagesordnung, daß Ehefrauen wenig Interesse am Sexuellen zeigten. Freuds Interesse ist, wie die Frau dazu gebracht werden könnte, mehr sexuelles Interesse am Mann zu entwickeln. Dies geht auch aus seinen "funktionalen" Antworten hervor. - Einig gehe ich mit Gast darin, daß Freuds Fragen aktuell und aufschlußreich sind für die feministische Theorie. Wir müssen uns wirklich fragen, warum Frauen heterosexuell werden, nachdem ihr erstes Liebesobjekt eine Frau, die Mutter war: "Was ist der psychodynamische Hintergrund und der Hintergrund des Wunsches im allgemeinen? Wie entwickelt sich Selbstbewußtsein, Subjektivität, Geschlechtsidentität, die Unterscheidung von Innenwelt und Außenwelt, von Subjekt-Objekt, Liebe-Hass?" - Diese Fragen können nach Gast als Gestus der Dekonstruktion aufgefaßt, also subversiv verwendet werden. Der Freudsche Subjektbegriff verdanke sich einem dialektischem Spiel von Konstruktion und Dekonstruktion, wie dies erkenntnislogisch erst über so umwälzende Konzeptionen wie das Unbewußte und den metapsychologischen Entwurf der Libido in seiner paradigmatischen Bedeutung möglich geworden sei und schliesslich im sogenannten Strukturmodell der Instanzen seinen Niederschlag gefunden habe. Hier zeige sich, daß das Ich "nicht Herr in seinem eigenen Hause" ist. Gast rät in der Folge, und macht damit einen gewaltigen und unzulässigen Sprung, wir sollten den Subjektstatus getrost auch für Frauen in Anspruch zu nehmen: Das Ich sei auch keine Hausherrin. Die Frau könne und solle sich den Status als Subjekt aneignen, indem sie sich als (sexuell) begehrende Person versteht.

Spannungsfelder

Nach Gast konstituiert sich das Subjekt Freuds "in einem libidinös-narzisstisch strukturierten Spannungsfeld zwischen Lust und Unlust, Phantasie und Realität, innerer und äußerer Realität, Innenwelt und Außenwelt." Das Subjekt konstituiere sich durch die unausweichlichen Konflikte zwischen libidinösen Triebwünschen und kulturellen Verzichtsforderungen, jene unvermeidlichen Kollisionen zwischen Lustanspruch und Verbot. In diesem Sinne werde das Subjekt im Zuge seiner Subjektwerdung als historisch gewordenes Subjekt konstituiert. Und das, was als Kohärenz imponiert, sei das stete Ringen um Konfliktbewältigung, ein mehr oder minder gelungenes, immer nur flüchtiges Ausbalancieren von Wunsch und Verbot, Phantasie und Realität, Begehren und Verzicht. Ferner meint sie, es sei vor allem die profunde Anerkennung des Unbewußten als gesellschaftlich nicht zu vereinnahmender Kern des Subjekts, die dem Subjektentwurf Freuds eine epistemologische Tiefenschärfe verleihe und im besten Sinn unauflöslich mit der Subjektkritik verflochten sei.

Wunschbild von Freudianerinnen

Gast übersieht, daß Freuds Unbewußtes lediglich jenes "Es" beinhaltet, das die sexuellen Verdrängungen und Wünsche betrifft. In Freuds Unbewußtem kann ich keineswegs einen "gesellschaftlich nicht zu vereinnahmender Kern des Subjekts" erkennen. In Gasts Interpretation sehe ich eher das Wunschbild von Freudianerinnen, bei Vater Freud trotz allem eine tragende Grundlage für eine psychoanalytisch zu begründende Subjektkonstitution aufzufinden. Gast meint, das dekonstruktive Moment der Psychoanalyse erlaube ein Subjektverständnis, das der Aufklärung verpflichtet sei, das die Widerspenstigkeit und Subversivität des Subjekts gegenüber gesellschaftlichen und kulturellen Forderungen anerkennen könne. Die psa Dekonstruktion bringe also nicht das Subjekt als solches zum Verschwinden, sondern dessen selbstgefälliges Trugbild von Autonomie und Vernunftgeleitetheit. Auf diesem Subjekt müsse die Psa bestehen.

Rolle des Körpers

Schliesslich kommt Gast auf die Rolle des Körpers zu sprechen. Für die konstruktivistische Geschlechterforschung sei der materielle Körper an und für sich ohne Bedeutung und zwar im buchstäblichen Sinn. Im Vordergrund stehe die Sexuierung im Zuge sozialer Interaktionsprozesse, die kulturell genormte Codierung des Leibes, wodurch Geschlechtlichkeit überhaupt erst hervorgebracht werde. Im poststrukturalistischen, dekonstruktivistischen Diskurs werde sogar vollständig auf diese Vorstellung eines materiellen, wenngleich bedeutungslosen Körpers verzichtet. Sowohl der Körper als auch die psychische Geschlechtsidentität würden lediglich als Effekt diskursiver Praktiken verstanden. In Judith Butlers Entwurf werde der Körper als Materialisierung einer herrschenden Macht- und Diskursmatrix verstanden (Das Unbehagen der Geschlechter, l991). Sie vergleicht Butlers Vorstellung von einer Diskursmatrix mit Freuds Konzeption des Unbewußten und sieht Berührungspunkte in Freuds Konzept von einem phylogenetischen, dem Subjekt vorgängigen bzw. übergeordneten Kern des ansonsten überwiegend ontogenetisch gebildeten Unbewußten. Bei Butler (und Foucoult) macht Gast die (unerfreuliche) Perspektive aus, daß der Diskurs um die Geschlechtsidentität immer nur äußerlich, fremdbestimmt und fremdgeleitet gesehen werde, als etwas von Außen Aufgezwungenes, Aufgesetztes dastehe.

Leibgebundenheit

In der Leibgebundenheit libidinöser Phantasiebildungen sieht Gast einen dritten Weg "zwischen der engen Korsettage der Sex/Gender Debatte und der dekonstruktivistischen Entkörperung der Geschlechter". Im psychoanalytischen Denken gebe es kein apriorisches inneres Bild des eigenen Körpers, auf das im Verlauf der Subjekt- und Geschlechterkonstitution zurückgegriffen werden könnte. Die Errichtung eines Körperbildes sei vielmehr eine psychische Leistung und sei als libidinös strukturiertes Geschehen im Wesentlichen im phantasmatischen Raum situiert. - Mit dem Gedanken, das Körperbild stelle eine psychische Leistung dar, kommt Gast in die Nähe von Hellers Subjekt-Konzeption. Da Heller das Subjekt nicht an der empirischen Person festmacht (das Subjekt der Anna ist die Welt, wie Anna sie sieht), gehört zu dieser Welt auch Annas Körperbild.

Körperbild und Körpergefühl

Gast unterläßt leider die Unterscheidung zwischen dem Körperbild und dem Körpergefühl. Das Körpergefühl kommt zuerst, das Körperbild kommt später: Hunger, Sättigung, Wärme, Kälte, werden von Anfang gespürt, als angenehme und unangenehme Körpergefühle. Das Kind genießt vermutlich von Anfang an die körperlichen Berührungen beim Windeln wechseln, baden, einsalben, einwiegen und sicher auch das Saugen an der Mutterbrust. Im Alter von zwei Jahren kommen bereits lustvolle genitale Selbstberührungen hinzu. Eine Vorstellung, ein "Bild“ vom eigenen Körper, das Körperbild kommt erst später.

Dialektisches Verhältnis

Nach Gast kann man von einem dialektischen Verhältnis zwischen der Libido und ihrem ontogenetischen Schicksal sowie den Phantasieproduktionen des werdenden Subjekts sprechen. Der gemeinsame Referenzpunkt sei die Koppelung von Wunsch und Verbot, was sie als Gravur des Verbots in die Wunschstruktur auffaßt.

Gesicherte Masturbationspraxis

Gast weiß offensichtlich nichts von jenen Theoretikerinnen, die für die Entstehung des sexuellen Lustempfindens bei Mädchen nicht das Begehren des Vaters für unentbehrlich halten, sondern eine gesicherte Masturbationspraxis. Die Frage, warum Frauen heterosexuell werden, nachdem ihr erstes Liebesobjekt eine Frau, die Mutter war, wird von Gast nicht beantwortet. Gasts Ratschlag, den Subjektstatus "getrost" auch für Frauen in Anspruch zu nehmen, indem Frauen das eigene sexuelle Begehren anmelden, ist illusorisch. Inzwischen wissen wir zur Genüge, daß Frauen, die ihre eigenen Triebe und Wünsche ausleben, sich keineswegs automatisch als selbstbestimmte Subjekte konstituieren. - Bei Gast vermisse ich, wie bei der Psychoanalyse überhaupt, eine klare Unterscheidung zwischen der geschlechtlichen Identität (als Frau oder Mann) und dem geschlechtlichen Lustempfinden (u.a. Orgasmus).

 

4) Heike Kahlert - Weibliche Subjektentwicklung bei Judith Butler und bei den Veroneser Philosophinnen

Körper und Sprache

Heike Kahlert denkt die Geschlechterdifferenz als eine "untrennbare Verknüpfung von Körper und Sprache". Körper und Sprache seien "gleich-ursprünglich". Mit diesem Verständnis versucht sie eine "als essentialistisch und eine als konstruktivistisch bezeichnete Konzeption von Geschlecht" zu verbinden und das Verhältnis von Natur und Kultur zu bestimmen. (Heike Kahlert: Weibliche Subjektivität. Geschlechterdifferenz und Demokratie in der Diskussion,  l996).

Freuds Phasenmodell

Mit Hinweis auf den Psychoanalytiker Lacan und dessen Anlehnung an Freuds Phasenmodell erwähnt Kahlert drei Stadien der Subjektwerdung:

- Das Reale

- Das Imaginäre

- Das Symbolische

Als das Reale bezeichne Lacan den Zustand der Ursprünglichkeit des Subjekts der ersten Lebensmonate, in dem Innen und Aussen, Phantasie und Realität, Ich und das andere zusammenfallen und das Subjekt eine Einheit sei. Im Realen begegne sich das Subjekt gewissermaßen selbst. Dieses Reale sei nach Lacan "pures Lustprinzip", nämlich das Erleben der Omnipotenz, der Undifferenziertheit des Seins und der Positivität. Dieses Reale bilde den Ausgangspunkt und Hintergrund für alle Trugbilder, Verlockungen und Imaginationen, wie sie ab dem Spiegelstadium existieren, das Lacans "erste und originellste Entdeckung" (Pagel l989, 15) sei. Im Spiegelstadium entstehe im Individuum die Phantasie von Einheit und Ganzheit, die sich lebenslang im Subjekt als Illusion erhalte. Im Imaginären sei bereits das Symbolische (symbolische Ordnung genannt), vorhanden. Es handle sich hier um die Ebene der Sprache, die Ordnung der Zeichen, die letztlich die Welt strukturiere. Auch nonverbale Äußerungen und die Welt der Bilder unterlägen der symbolischen Ordnung und würden durch diese gedeutet. Der Eintritt in die Ebene des Symbolischen erfolge nach Lacan durch den Spracherwerb. Die Sprache als Ordnung von Zeichen gehe in diesem Denken nicht von einer vorgeordneten Wirklichkeit aus, die lediglich mit den Zeichen beschrieben werde. Sprache werde vielmehr als von der Wirklichkeit getrennt angesehen, wobei die Wirklichkeit im Poststrukturalismus ein Effekt der Sprache sei.

Eine Tauschwährung

Im Sinne dieser Sicht argumentiert die französische Psychoanalytikerin Irigaray nun, Frauen bräuchten eine Religion, eine Sprache, eine Tauschwährung und eine nicht auf Waren basierende Ökonomie, um zu einer anderen gesellschaftlichen Organisation zu gelangen. Muraro sei ähnlicher Meinung. Dieser Gedanke wurde bspw. von den Mailänder "Buchladenfrauen" aufgenommen.

Gleichrangigkeit und Differenz

Eine zentrale Aufgabe feministischer Kritik und Theoriebildung besteht nach Heike Kahlert darin, ein verändertes Denken der Geschlechterdifferenz und einen neuen Subjektbegriff zu formulieren. Nach Adriana Cavarero spreche die Geschlechterdifferenz eine sehr einfache Tatsache aus: Es "gibt zwei Geschlechter und keines von beiden repräsentiert das ganze menschliche Geschlecht (Cavarero 1990). Diese Sicht könnte eine große Konsequenz haben. Das bisherige Denken gehe nur von einem Geschlecht aus, dem männlichen, das sich als "menschliche Gattung" setze. Die Veroneser Philosophinnen strebten dagegen ein "Gleichheitsverhältnis" an (eine Gleichrangigkeit der Geschlechter), unter "Beibehaltung der Differenz". Aus Gründen der gegenwärtigen historischen Bedingungen hielten die Veroneser Philosophinnen auch am Begriffspaar Frau und Mann fest. Trotz der realen Verquickung von Geschlechterdifferenz und Geschlechterhierarchie plädierten sie jedoch für eine analytische Trennung beider Aspekte. Cavarero rate zu einer 'logischen Vorsicht' bei der Formulierung eines Zukunftsentwurfs, der Konstruktion des Sein-Wollens von Frauen, um nicht selbst eine 'Einheitslogik' herzustellen.

Weibliche Genealogie

Wie Irigaray und die Veroneser Philosophinnen, mißt Kahlert der weiblichen Genealogie und der Arbeit an dieser Genealogie große Bedeutung zu. Die Suche nach Frauen und weiblichen Vorbildern bzw. symbolischen Müttern in der Geschichte, der Politik, der Religion, der Kunst, den Wissenschaften, der Literatur und in anderen kulturellen Symbolsystemen sei ein zentrales Moment feministischer Theorie und Praxis. Irigaray fordere die Frauen auf, ihre Verhältnisse untereinander zu thematisieren und damit beim Verhältnis zu den Müttern zu beginnen. In positiven Mutter-Tochter-Beziehungen sei ein Punkt, an dem das Private mit dem Politischen verbunden werden müsse. Auch die US-amerikanischen Forschungen zur weiblichen Identitätsbildung betonten das emanzipatorische Moment veränderter Mutter-Tochter-Beziehungen (Elizabeth Debold: Die Mutter-Tochter-Revolution, l994). Allerdings fehle in diesem Buch die symbolische Dimension, d.h. die Ebene des Diskurses, in dem weibliche Subjektwerdung stattfinde.

Inhaltliche Beziehungsdimensionen

Die weibliche Genealogie sei also keineswegs auf familiäre Grossmütter, Mütter, Töchter, Schwestern beschränkt. Es gehe nicht um die psychologische Fragestellung, eine gute oder schlechte Beziehung zur eigenen Mutter zu haben, sondern darum, diese Beziehung in Formen des gesellschaftlichen Lebens einzuschreiben, von der Sprache bis zum Rechtswesen.

Gudrun-Axeli Knapp verlange, daß eine weibliche Genealogie nicht nur strukturelle, sondern auch inhaltliche Beziehungsdimensionen berücksichtige, weil ein Denken in der weiblichen Genealogie auch eine unerwünschte weibliche Genealogie in "braun" bedeuten könnte (deutsche Mütter). Dieser Befürchtung hält Kahlert entgegen, weibliche Genealogie meine nicht, Frauen als "bessere" Menschen wertzuschätzen, sondern die Geschichte (Biographie und Historik) von Frauen zu kennen und daraus zu lernen. Dies sollte auch heißen, Kritikfähigkeit gegenüber anderen Frauen zu entwickeln und diese Kritik auch auszudrücken: Nicht alles, was Frauen tun und getan haben, sei per se gut, sondern müsse durchaus von Frauen beurteilt und damit gewertet werden. Das Sehen und Sagen der vielfältigen Wirklichkeit von Frauen hebe weibliche Repräsentationen hervor und verändere das Symbolische. Nach Teresa Brennan könnten sich soziale Verhältnisse psychischen Produkten widersetzen, diese aber auch verstärken. Demnach könnten alternative Weiblichkeitsrepräsentationen, symbolische Bezüge und kollektive Zusammenschlüsse von Frauen gesellschaftstherapeutischen Charakter haben. Weibliche Subjektivität begründe sich im Sprechen unter Frauen und in eigenen, von Frauen entwickelten symbolischen Repräsentationen.

Im Sprechen von Frauen mit Frauen

Diese Sicht liegt sehr nahe bei Agnes Heller, denn auch sie siedelt das Subjekt nicht im innerpsychischen Raum an, sondern als "die Welt", wie eine Person sie sieht. Im Sprechen von Frauen mit Frauen, wie sie sich sehen (innere Landkarte) und wie sie die Welt sehen, kann also eine weibliche Subjektivität begründet werden, ohne in die zu Recht befürchtete "Einheitslogik" zu fallen.

Verschiedene Erfahrungsebenen

Kahlert weist auf die italienischen Theoretikerinnen hin, die davon ausgehen, daß im Unbewußten des herrschenden Symbolischen ein weibliches Subjekt als Potential bereits vorhanden sei, das zur Sprache gebracht werden könne (dies im Gegensatz zu Lacan, nach dessen Ansicht es keine weibliche Subjektivität gibt). Dadurch verändere sich die bestehende symbolische Ordnung. - Im Differenzdenken und in der Psychoanalyse sei das weibliche Subjekt ein gespaltenes Subjekt. Es konstituiere sich auch verschiedenen Erfahrungsebenen in jeder Frau: Aus den traditionellen Weiblichkeitszuschreibungen sowie aus den gelebten Realitäten und Selbstbildern, die mit den Weiblichkeitszuschreibungen nicht übereinstimmten. Die Idee der Differenz innerhalb eines Subjekts entspringe psychoanalytischer Theorie und Praxis, die das Subjekt (das Ich) als Schnittpunkt verschiedener Register des Sprechens ansehe und sich auf verschiedene Schichten der gelebten Erfahrungen berufe (Hinweis auf Rosi Braidotti l989b, 93).

Von sich selbst ausgehend

Der italienische Differenzansatz zeigt nach Kahlert, daß poststrukturalistisches Denken nicht mit feministischen Zielsetzungen vereinbar ist. Das andere Weibliche könne "nicht durch das bloße Fortschreiten der Signifikanten mimetisch hervortreten". Über den postmodernen Weg werde es der Frau nicht gelingen, sich zu denken, sich zu sagen und sich darzustellen, sei dies "aus strikt logischen Gründen" oder darum, weil es nachgerade pathetisch wäre, sich als schwaches Subjekt sagen zu wollen, wenn der Frau sogar die Sprache abgesprochen werde, die sie wenigstens als Subjekt nennen würde. Ein Subjekt könne sich nur von sich selbst ausgehend sagen, nicht aber von einem Neutrum aus, das aus der Selbst-Universalisierung eines anderen entstanden ist, das sich nicht als das andere, sondern bereits als das Ganze bestimmt hat. Um das Subjekt verabschieden zu können, müßten Frauen zunächst überhaupt Subjekte sein und als solche sprechen können, eigene Stimmen und eigene symbolische Repräsentationen entwickeln, die weibliche Subjektivität entfalten (Braidotti l990, 120). Weibliche Subjektwerdung sei, so Kahlert, nur mit einem Selbstbewußtsein möglich, das mit der Theorie vom phallogozentrischen Unbewußten der symbolischen Ordnung bricht und die weibliche Subjektivität zur Sprache bringt. Dieses Bewußtsein über sich selbst können Frauen sukzessiv entwickeln, indem sie ihre Fremdheit gegenüber der herrschenden Sprache verbalisieren, sich mit anderen Frauen über ihre Erfahrungen austauschen und selbstbestimmte Weiblichkeitsrepräsentationen entwickeln, die wiederum Selbsterkenntnis und Wiedererkennen ermöglichen.

Kontinuierlicher Prozeß

Chris Weedon bezeichne das Bewußtsein als ein "kontinuierlicher Prozeß". Bewußtsein sei nicht das fragmentarische und widersprüchliche Ergebnis eines diskursiven Ringens um Subjektivität (Chris Weedon: Wissen und Erfahrung, eFeF-Verlag l990, 135). Für Teresa Lauretis seien Selbstbewusstsein, Klassenbewußtsein oder ethnisches Bewußtsein eine besondere Konfiguration von Subjektivität oder subjektiven Grenzen, die in Schnittpunkten von Erfahrungsbedeutungen und -interpretationen produziert werden. "Anders ausgedrückt: Die verschiedenen Formen von Bewußtsein sind in der eigenen persönlichen Geschichte begründet und dort verankert, aber diese Geschichte, die eigene Biographie und damit die eigene Identität, wird von jeder Frau innerhalb der Bedeutungs- und Wissenshorizonte interpretiert und rekonstruiert, die in bestimmten historischen Momenten 'objektiv' in der Kultur gegeben und 'subjektiv' der einzelnen Frau zugänglich sind."

Selbst und Identität

Koellreuter dagegen versteht Selbst und Identität innerhalb von besonderen diskursiven Konfigurationen, seien also weder per se gegeben noch statisch bzw. unveränderbar. Sie seien symbolische Produkte interaktiver Prozesse und würden in interaktiven Prozessen (re)produziert. Es sei dies kein kohärenter Prozeß, sondern könne durchaus auch Widersprüchliches zutage fördern. Aus dieser Perspektive sei Identität kein Ziel, sondern vielmehr der Ausgangspunkt eines Selbstbewusstseinsprozesses, eines Prozesses, in dem jemand zu wissen beginnt, daß und wie das Persönliche politisch ist sowie daß und wie das einzelne Subjekt in die sozialen Institutionen und Existenzmöglichkeiten eingebunden ist.

Neue Konzeption des Selbst

Die Sprache halte die Spannung aus zwischen dem Persönlichen und dem Politischen, vermittle zwischen diesen beiden Instanzen der Erfahrung, ohne sie in eins zu setzen. Identität könne demnach als multipel, vielfältig, zum Teil sogar widersprüchlich verstanden werden. Wenn auch das Subjekt gespalten sei und durch seine Verknüpfung mit der Sprache immer in Veränderung begriffen, also ein Subjekt-im-Prozess sei (Kristeva l978), so werde seine Einheit doch durch die Verkörperung als Signifikation garantiert. Diese Definition des Subjekts als multipler und komplexer Prozeß sei auch ein Versuch, Relativismus zu vermeiden und die Einheit des Subjekts neu zu denken, ohne sich auf traditionelle humanistische Überlegungen und dualistische Oppositionen zu beziehen, und statt dessen Körper und Sprache in einer neuen Konzeption des Selbst zu verbinden, die die Veroneser Philosophinnen mit der Figur des "fleischlichen Kreises" beschreiben (S.149-150 mit Hinweis auf Braidotti l993a,11).

Widerständig und handlungsfähig

Das von den Veroneser Philosophinnen entworfene feministische Subjekt sei ein anderes als das autonome, transzendent(al)e, humanistische und "wissende" Subjekt der Moderne. Es sei vielmehr ein fragmentiertes, prozessorientiertes, von Begehren und Rationalität, dem Zusammenwirken von Körper und Sprache geleitetes, ein autonomes und von anderen Menschen abhängiges Subjekt. Es sei gleich ursprünglich diskursiv und materiell produziert, widerständig und handlungsfähig und in diesem Sinne revolutionär. Es stehe vor allem in Beziehung zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Welt insgesamt und sei in seiner Konstitution von diesen Beziehungen abhängig. Dieses gespaltene Subjekt sei aber keineswegs das schwache, sich nach überall hin auflösende Subjekt, wie es in Ansätzen postmodernen Denkens gegenwärtig favorisiert werde. Irigaray und die Philosophinnen bestünden auf einem selbstbewußten weiblichen Subjekt, das seine Geschichte im Unterbewußten bewahrt, um seine Abhängigkeiten und seine relationale Freiheit von anderen wisse und aus dieser Position heraus politisch handelt und handlungsfähig sei. Subjektivität und Selbstbewußtsein seien in dieser Lesart Prozesse, keine einmal erreichten Eigenschaften (150).

Kon­textbezogene Politikstrategien

Judith Butler stelle die Konstruktion eines weiblichen Kollektivsubjekts in Frage und plädiere für kon­textbezogene Politikstrategien der partiellen Bündnisse unter Frauen, während Seyla Benhabib an der Schaffung eines weiblichen politischen Subjektes festhalte. In Benhabibs standpunkttheoretischer Position werde das "weibliche" (situierte) Subjekt als Ort der Befreiung und des Widerstandes gegen (patriarchale) Herrschaft und somit als Gegenpol zu gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsver­hältnisse gesehen, während Butler aus diskurstheoretischer Perspektive argumentiert, dass auch das "weibliche" (konstituierte) Subjekt nicht jenseits der Macht existiere, sondern selbst wiederum eine vergesellschafteter Teil von Machtstrategien von Frauen sei.

Weibliche politische Subjekte

Bezüglich der Schaffung eines "weiblichen politischen Subjekts" stimme ich Benhabib mit der Ein­schränkung zu, daß nicht nur eines, sondern viele "weibliche politische Subjekte" notwendig sind. Diese Subjekte werden sich durch unterschiedliche Zielsetzungen voneinander unterscheiden. Der Grundkonsens könnte heißen, das Hauptziel weiblicher Subjekte sei die Verbesserung der Situation und Wertschätzung der weiblichen Bevölkerung.

Beziehungs- und Machtgeflechte zwischen Frauen

Das italienische Differenzdenken hat nach Kahlert in diesem Streit um das Subjekt eine vermittelnde Funktion. Es sei noch kein weibliches politisches Subjekt bekannt, das unabhängig von seinen ver­gangenen und gegenwärtigen Bedingungen der männlich-dominierten Fremdbestimmungen ist und seine Subjektivität voll habe entfalten können. Frauen müßten zunächst politische Subjekte werden und sich als weibliche Kollektivsubjekte situieren, was im weiblichen Sprechen und der Arbeit an der weiblichen Genealogie erfolge. Die sich so bildende individuelle und kollektive weibliche Subjektivität entstehe nach Auffassung der italienischen Theoretikerinnen in Beziehungs- und Machtgeflechten zwischen Frauen. - Durch die Verknüpfung des Subjekts mit der in ständiger Bewegung befindlichen Sprache werde theoretisch und politisch auch die Differenz innerhalb der Frauen berücksichtigt sowie die Integration der verschiedenen Stimmen von Frauen. Das weibliche Subjekt situiere und konstituiere sich zugleich durch diese differierenden Stimmen, sei zugleich Produkt und Produzentin eines weiblichen Symbolischen. In dieser Perspektive müsse keineswegs das feministische Subjekt verloren gehen bzw. aufgegeben werden, wie Seyla Benhabib befürchtet ( z.B. l995, 239). Durch die Verbindung mit der in ständiger Bewegung befindlichen Sprache erfolge die Situierung des weiblichen politischen Subjekts allerdings immer nur auf Zeit, kontextgebunden und zielorientiert, denn auch feministische Denkbewegungen und politische Zielsetzungen entstünden und existierten nicht unabhängig von historischen, kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich ständig verändern.

Gesellschaftsvertrag

Bezüglich des Gesellschaftsvertrags vermerkt Kahlert: Seitdem feministische Theoretikerinnen die geschlechterideologische und geschlechtshierarchische Prägung des liberal-humanistischen Denkens aufdecken, sei längst nicht mehr unumstritten, ob sich Emanzipationsbestrebungen von Frauen heute noch auf eine an der Aufklärung anknüpfende Tradition der Gleichheit beziehen können. Es stelle sich die Frage, ob liberale Gleichstellungsbemühungen nur um den Preis der Angleichung von Frauen an Männer erfolgen könne, oder ob eine Neu- bzw. Höherbewertung von "Weiblichkeit" zur Ge­schlechter-Emanzipation führe, wie einige Differenztheoretikerinnen meinen. In beiden Frage­stellungen seien konservative und fortschrittliche Elemente auszumachen. Kahlert sieht im italieni­schen Denken von weiblicher Subjektivität den Versuch, eine neue zweigeschlechtliche Universalität zu entwickeln, die auf der Annahme von Gleichheit im Geschlechterverhältnis basiert und diese zu­gleich ermöglicht. Während feministische Sozialwissenschaftlerinnen kritisieren, der herrschende Ge­sellschaftsvertrag sei ein undemokratischer Geschlechtervertrag, seien die Veroneser Theoretiker­innen auf der Suche nach einem neuen Gesellschafts- und Geschlechtervertrag.

Grundvertrag

Kahlert verweist auf "Vertragstheoretikerinnen", die unter Rückgriff auf Rousseau, Hobbes, Lockes und Kant davon ausgehen, daß die moderne bürgerliche Gesellschaft und ihre demokratische Ordnung durch einen Grundvertrag geschaffen wurden, der die sozialen Beziehungen der Vertragspartner regelt und gesellschaftliche Übereinkunft zwischen ihnen herstellt. Dieser Gesellschaftsvertrag werde in der politischen Theorie als ein universeller Vertrag der Freiheit und der Gleichheit angesehen; alle erwachsenen Individuen genössen dieselben Staatsbürgerrechte und könnten ihre Freiheit und Gleichheit ausüben, indem sie den Grundvertrag wiederholen. Dies habe theoretisch für beide Geschlechter Gültigkeit, doch konnten in den modernen Nationalstaaten faktisch nur (bürgerliche) Männer Individuen und damit Rechts- und Staatsbürger sein. Nur sie galten als vernunftbegabt und als Eigentümer ihrer selbst, die frei über sich, ihre Beziehungen und ihr Eigentum entscheiden konnten. Frauen hingegen seien in der Moderne als Eigentum von Männern angesehen worden. Sie galten nicht als Rechtssubjekte bzw. Bürgerinnen, sondern nur als Objekte des Rechts. Die Unterordnung von Frauen unter männliche Maßstäbe stellt nach Adriana Cavarero (l992a, 39) eine extreme Form der Herrschaftsausübung dar, die es Frauen bis in die Gegenwart erschwert, Eigentümerinnen ihrer selbst zu sein und über sich selbst auf der Basis von eigenen Rechten zu bestimmen (bspw. Abtreibungsgesetz).

Phallogozentrisch

Adriana Cavarero habe die Eckpfeiler der Demokratie der "einheitslogischen Orientierung" überführt. Die demokratischen Grundwerte "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" seien dem Denken in oppositionellen Hierarchien verhaftet und dem Universalismus untergeordnet, der schon in seinen Grundzügen phallogozentrisch sei. Die Logik der Demokratie sei demnach inbezug auf seinen Umgang mit der sexuellen Differenz undemokratisch. Emanzipationsansätze, die Frauenbefreiung mit einem Arbeitsplatz gleichsetzten und sich einseitig auf die öffentlich-produktive Sphäre ausrichte, verändere das geschlechtliche Herrschaftssystem nicht. In den Neunziger Jahren vertreten allerdings kaum noch Feministinnen dieses naive Emanzipationsverständnis.

Ansprüche der Söhne auf Macht und sexuelle Befriedigung

Luce Irigaray und Carol Patemann hätten Freuds Version des Gesellschaftsvertrages kritisiert. In dieser Version sei der Mord der Söhne am Urvater, der die Rechte über alle Frauen hat und damit den Ansprüchen der Söhne auf Macht und sexuelle Befriedigung im Wege steht, zentral für die im abendländischen Denken dominierende Begründung der sozialen Ordnung. Die Theorie vom Vatermord und dem väterlichen Gesetz lege nach Patemann offen, daß es den Männern um die Herrschaft über Frauen geht und nicht nur um Freiheit und Gleichheit allein. Mit Irigaray könne ergänzt werden, daß die Theorie vom Vatermord einen sozialen Kontrakt der Brüder beschreibe, der Frauen lediglich als Tauschobjekte in einer männlichen Ökonomie ansieht, in der Frauen als tauschende Subjekte keinen Platz haben und als Vertragsschliessende bzw. -partnerinnen nicht vorgesehen sind.

Geschlechtervertrag

Carol Patemann zeige, daß der Gesellschaftsvertrag auch ein Geschlechtervertrag sei, denn bei der Abfassung des Grundvertrages stehe die Herrschaft der Männer über die Frauen und das Recht der Männer auf gleichen sexuellen Zugang zu den Frauen zur Debatte. Die Herrschaft über Frauen und damit ein herrschaftliches Geschlechterverhältnis, habe die Brüder geeint (und einige sie noch) trotz aller Differenz untereinander. Die brüderliche Konzeption des Geschlechtervertrags schreibe die Abhängigkeit der Frauen und ihre sexuelle Unterordnung fest.

Kahlert plädiert für eine demokratische Differenz der Geschlechter und versteht darunter wie Annedore Prengel, eine enthierarchisierte Differenz. Gleichheit könne nur durch die gleichzeitige Akzeptanz von Differenz eingelöst werden, also eine Differenz ohne Hierarchisierung, ohne kulturelle Entwertung, ohne ökonomische Ausbeutung. Differenz könne nur auf der Basis gleicher Rechte und Wertschätzung erfahren werden. Allerdings gehe der Theorieentwurf der Italienerinnen zur Demokratisierung des Geschlechterver­hältnisses weiter. Die Differenzphilosophinnen hätten die traditionelle wissenschaftliche und politische Orientierung erweitert, indem sie dem einen, männlich-universalen Subjekt ein zweites, weibliches Subjekt zur Seite stellten. Damit würde die gesellschaftliche Wirklichkeit, in der gegenwärtig zwei Geschlechter existieren, adäquater abgebildet als dies bisher der Fall war. Die demokrati­sche Enthierarchisierung eröffne zudem die Möglichkeit, nicht-hierarchische Ver­hältnissen zwischen Frauen und zwischen Männern zu denken und zu schaffen.

Eigene Frauenräume und Projekte

Der Differenzansatz entlarve ferner die Kontroverse zwischen Autonomie und Institution (Autonomiefrauen und Institutionsfrauen) als eine Scheinkontroverse. Autonomie meine im feministischen Kontext die individuelle Selbstbestimmung und institutionelle Unabhängigkeit von den bisherigen Formen und Organisationen des Politischen (Ute Gerhard l992) sowie Selbstorganisation und Separierung von Männern, z.B. durch die Einrichtung eigener Frauenräume und Projekte. Zudem beziehe sich dieses Autonomieverständnis auch auf patriarchale Strukturen und Gedanken, z.B. den androzentrischen Subjektbegriff. Der Streit um Autonomie oder Institution scheine inzwischen behoben und einer Beziehung von Autonomie und Institutionen gewichen zu sein.

Etwas Neues anfangen

Die Differenzdenkerinnen DIOTIMA bezögen sich in ihrem Politikbegriff auf Hannah Arendt, die sie als Fähigkeit beschreibt, etwas Neues anzufangen, neue Anfänge zu machen. Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein. Politik "entsteht in dem Zwischen-den-Menschen, also durchaus außerhalb des Menschen". Politik entstehe also in Beziehungsgeflechten der Kommunikation und Interaktion, sie "handelt von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen", wobei Arendt diese Vorstellung aus der Polis der Antike ableitet (Arendt l993). Allerdings kritisiert Kahlert den Politikbegriff von Arendt, der sich auf zwischenmenschliche Kommunikation begrenze, als ahistorisch und simplifizierend, angesichts derzeitiger hochdifferenzierter Gesellschaften, in denen politisches Handeln und Entscheidungsprozesse hochgradig bürokratisiert und verrechtlicht seien.

Veränderung der symbolischen Ordnung

Nach Kahlert orientieren sich die italienischen Differenzfeministinnen zwar am Ansatz von Ulrich Becker sowie der Studenten- und Frauenbewegung der sechziger Jahre, der "Politisierung des Alltags", bei dem die Wertorientierungen: Identität, Betroffenheit, Erfahrung und das Sicheinbringen "über den Bauch" betrafen. Jedoch gehe die Intention der Differenz-philosophinnen weit über eine Politisierung des Alltags hinaus, denn sie möchten auch "das Politische re-politisieren". Die Politik der Geschlechterdifferenz setze an der Veränderung der symbolischen Ordnung an.

Die Herrschaft der Brüder" abwerfen

Die "die Herrschaft der Brüder" über Frauen trennte die gesellschaftlichen und christlichen "Brüder" trotz ihrer Differenzen untereinander nicht, sondern schweißte sie zusammen. Das können wir Frauen immerhin von Männern lernen, daß Differenz(en) Frauen nicht trennen müßen. Auch Frauen können sich aufgrund von gemeinsamen Interessen einigen. Sie können sich als "Kollektivsubjekte" (Mehrzahl!) konstituieren mit dem Ziel, "die Herrschaft der Brüder" abzuwerfen. Der Weg zur Subjektwerdung erfolgt mittels Sprache, mittels des Sprechens von Frauen mit Frauen und über Frauen sowie über die Schaffung von "weiblichen Repräsentationen" (eigene Frauenräume, eigene Projekte, Publikationen). Sprechend und handelnd würden sich Frauen aktiv voneinander unterscheiden, anstatt lediglich verschieden zu sein. Diese Sicht trifft sich zum Teil mit dem Heller'schen Subjekt, indem auch sie das weibliche Subjekt nicht im Körper (im körperlichen Sein) ortet, sondern in der Weltsicht. Richtig ist, daß Frauen auf dem "Subjektstatus" beharren müssen.

 

5) Zusammenfassung und Fazit

Agnes Heller positioniert das Subjekt ausserhalb der empirischen Person, womit alle Probleme wegfallen, die sich durch die psychologische Betrachtungsweise von Anna Koellreuter, Lilli Gast, Heike Kahlert und anderen psychologisch argumentierenden AnalytikerInnen ergeben. Agnes Heller versteht die empirische Person im Sinne einer "einzigartigen Persönlichkeit", die selbstverständlich einen Körper mit Seinsqualität und eine Geschichte hat, und dem Subjekt, das sie nicht im Körper-Sein verortet. Das Erscheinen des Subjekts setzt beim Erscheinen der ersten Autobiographie an, bei der Darstellung der eigenen Person und der Welt, wie sie von diesem bestimmten Individuum gesehen wird. Auf der einen Seite ist das Individuum, zum Beispiel Anna,  die Autorin des Textes, auf der anderen ist sie die Autorin ihres eigenen Lebens. Indem Anna die Welt, "wie sie sie sieht" darstellt, hat sie sich selbst als Subjekt dargestellt (73). So kann mit gutem Grund gesagt werden, daß die Welt, wie Anna sie sieht, das Subjekt der Anna ist.

Agnes Hellers Argumentation aus philosophischer Sicht ist absolut faszinierend und genial einfach, weil alle Probleme dahinfallen, die sich aus der psychoanalytischen Sicht ergeben. Koellreuter zeichnete das Schreckensbild einer feministischen Subjektkonstitution, die das Triebhafte, das sexuelle Begehren, ausblendet und zu einem langweiligen Zusammenleben ohne Erotik führt.  Während Hellers Unterscheidung von empirischer Person und Subjekt imstande ist, aus den verwickelten psychoanalytischen Denkgebäuden und Subjektbegriffen herauszuführen. Koellreuters Meinung, das sexuelle Begehren sei die Grundlage für eine weibliche Subjektkonstitution, ist im Sinne von Agnes Heller entgegen zu halten, dass das Ausleben der Triebgefühle keineswegs zu einem selbstbestimmten (integralen) Menschsein führt, sondern zu einem "partikularen" und das heisst uneigentlichen Menschseins.

Im Unterschied zu Koellreuter sieht Lilli Gast das Problem bezüglich einer weiblichen der Subjektkonstitution in der „Korsettage der Sex/Gender Debatte und der dekonstruktivistischen Entkörperung der Geschlechter“.

Dem Psychoanalytischen Denken fehle ein apriorisches inneres Bild vom eigenen Körper, auf das zurückgegriffen werden könne. Indem Lilli Gast die Errichtung eines Körperbildes als eine psychische Leistung versteht, kommt sie ganz in die Nähe von Agnes Hellers Sicht. Sie sagt nämlich, der Begriff "Körperbild" impliziere, dass die Person ein inneres "Bild", eine Vorstellung habe von ihrem eigenen Körper. Allerdings geht Heller einen Schritt weiter, indem sie das Körperbild der empirischen Person zu einem Bild, einer Vorstellung ausweitet über die äussere Welt.

Ich bin ganz einverstanden mit Agnes Hellers Doppelansatz, einerseits das Erscheinen des Subjekts beim Erscheinen der Autobiographie anzusetzen, nämlich bei der Erzählung der eigenen Geschichte als Frau oder Mann. Und ebenso einverstanden bin ich, dass Heller anderseits dem empirischen Körper eine entscheidende Position zuerkennt, dass sie aber dennoch das Erscheinen des Subjekts beim Erscheinen der Autobiographie ansetzt, also bei der Erzählung der eigenen Geschichte als Frau oder Mann.

Als ich diesen Vortrag vorbereitete, standen die Mailänder Buchladenfrauen vor meinem geistigen Auge. Die Mailänderinnen waren von ihrem Gefühl der Heimatlosigkeit ausgegangen, sie gingen auf die Suche nach Frauensolidarität und Heimat für Frauen. Sie glaubten im Mutterkuchen der Frauengruppe gefunden zu haben, was sie suchten und bezeichneten dies als "affidamento", was so viel heisst wie Frauensolidarität. Die anfängliche Euphorie wurde schon bald durch eine grosse Enttäuschung abgelöst. Die Klage lautete, dass es unter Frauen nicht viel anders zugehe als unter Männern. Es gab Streit, Neid und es kam zu Absplitterungen. Dazu kam "die Langeweile sowie die Ungeduld über die Wiederholung der ewig gleichen Frauenschicksale und den Klagen."

Die Erfahrung von Streit und Neid weckte die Frage, ob Frauen, wenn sie stark werden, sich zu zänkischen und konkurrenzierenden Weibern entwickeln, und ob Männer schliesslich recht behalten, die schon immer behaupteten, Frauen seien zu Solidarität mit ihresgleichen unfähig? Oder hat die jahrtausendelange Herrschaft des männlichen Geschlechts über das weibliche auch die Beziehungen der Frauen untereinander gewaltsam zerstört. Und dies werde erst jetzt sichtbar, wie Claudia Bernardoni im Vorwort zum Buch der Mailänderinnen meint.

Quellen:

1.     Agnes Heller: Ist die Moderne lebensfähig? - 1995

2.     Ann Koellreuter: Keine weibliche Subjektkonstitution ohne Freuds Triebtheorie.

3.     Lilli Gast: Nach der "Sackgasse" Sex und Gender ein "dritter Weg" der Subjektkonstitution?

4.     Heike Kahlert: Weibliche Subjektentwicklung unter Berücksichtigung von Judith Butler und der Veroneser Philosophinnen. Konstruktion eines weiblichen "Kollektivsubjekts" oder kontextbezogene Politikstrategien partieller Bündnisse?

5.     Alle Aufsätze in: Ita-Maria Grosz-Ganzoni (Hg): Widerspenstige Wechselwirkungen. Feministische Perspektiven in Psychoanalyse, Philosophie, Literaturwissenschaft und Gesellschaftskritik, 1996