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246 - Toni Wolff - Versuch einer weiblichen Typologie

Elisabeth Camenzind

Patientin und zentrale Figur

Die langjährige Mitarbeiterin und Freundin von C.G.Jung, Toni Wolff (1888-1953), war zunächst dessen Patientin, wobei er sie zunächst als schizophren einstufte. Später wurde Toni Wolff eine zentrale Figur in Jungs privatem Leben und auch am C.G.Jung-Institut. Sie war zum Beispiel Präsidentin des psychologischen Clubs (Marc Rufer in: Intra, Frühling 1991).

Unterscheidung vier Typen

An Toni Wolff interessiert besonders ihr Aufsatz: Strukturformen der weiblichen Psyche1, in dem sie (1951) ihre eigenen Gedanken über die seelische Beschaffenheit des eigenen Geschlechts entwickelt. In ihrer Typologie geht sie von vier Typen aus: die Mediale, die Amazone, die Hetäre, die Mutter. Das Buch, das ihre gesammelten Aufsätze enthält, kam erst 1959 heraus, also nach ihrem Tod. Von Interesse ist für mich ferner, welche Frauen im Jahre 1951 der Autorin vor Augen standen, die speziell zur Jungscher Umgebung gehörten, also zu ihrem Erfahrungsbereich. Diese Frage drängt sich bei der Beschreibung der vier Typen auf.

Was in der Luft liegt

Die Mediale sei eingetaucht in die psychische Atmosphäre ihrer Umgebung und des Zeitgeistes, und zwar in erster Linie in das kollektive Unbewusste. Sie müsse zum Beispiel aussprechen oder agieren, was "in der Luft liegt". Sofern das Ich der Medialen schwach sei, werde es überschwemmt vom kollektiven Unbewussten und schwäche dieses, während das Ich der Amazone stark sei, weil es sich von dieser ganzen Hintergründigkeit distanziere. Die Auseinandersetzung mit dem kollektiven Unbewussten erfordere ein gefestigtes Ichbewusstsein und eine Verankerung in der Wirklichkeit. Die Mediale, die in der Regel über keines der beiden verfüge, werde selbst verwirrt und verwirre andere. Bewusstsein und Unbewusstes, Ich und Du, persönliche und unpersönliche psychische Inhalte bleiben ununterschieden. Das könne zunächst inspirierend wirken, besonders für den Mann, indem die Mediale die archetypischen Grundlagen seines Geistes spüre, in ihm aktiviere und unter Umständen, für ihn darstelle. Oft werde sie die unpersönliche Seite seiner Anima verkörpern und ihn damit nichtsahnend in einen chaotischen Strudel hineinziehen, von dem sie selber mitgerissen werde (S. 279-280).

Vermittlerin

Über die Mediale sagt Wolff weiter, dass sie fremdes Schicksal in einer Weise erlebe, als ob es ihr eigenes wäre. Sie müsste aber, anstatt nur Mittel zu sein, Vermittlerin sein. Das bedeutet, dass sie sich als Instrument und Gefäss verstehen sollte, welches die kollektiv-unbewussten Inhalte aufnimmt, diese versteht und Unterscheidungen macht, statt sich bloss mit ihnen zu identifizieren. Dafür müsste aber eine adaequate Sprache gefunden werden (S. 281).

Bezug zum Übersinnlichen

Vermutlich hätte Toni Wolff, wenn sie die psychologischen Aufsätze von Spielrein gekannt hätte, anders geurteilt. Möglicherweise stand Wolff bei der Beschreibung der Medialen aber auch Marieluise von Franz vor Augen. Auch von Franz gehörte zu den Frauen um Jung, die als Patientin zu ihm gekommen war, die einen besonderen Bezug zum Medialen und zum Übersinnlichen hatte.

Erfrischende Kameradin

Die Amazone wird von Wolff als eine Frau beschrieben, die die Lorbeeren selber gewinnen will. Es bedeute ihr nichts, die Frau eines angesehenen Mannes zu sein. Die Amazone fordere den Mann gerade dadurch zu eigenen Höchstleistungen heraus. In ihrem positiven Aspekt sei die Amazone eine erfrischende Kameradin des Mannes, die ihn zu nichts Persönlichem verpflichtet. Sie sei eine seinen Ehrgeiz anspornende ernstzunehmende Konkurrentin oder Rivalin, die das Beste seiner männlichen Leistung herausfordert: Als historisches Beispiel erwähnt sie Katharina von Siena, die ebenso bescheiden wie bestimmt Papst Gregor XI dazu brachte, aus Avignon nach Rom zurückzukehren (277). Vermutlich hat Toni Wolff C.G.Jung tatsächlich zu Leistungen herausgefordert und sie war ihm auch tatkräftige Beraterin.

Erweckerin
Die Hetaira ist für Toni Wolff die Frau, die ihre Funktion darin sieht, Erweckerin des individuellen psychischen Lebens im Manne zu sein, das ihn über seine männliche Verantwortlichkeit hinaus zur ganzen Persönlichkeit macht. Die Gefahr der Hetaira sei, dass sie den Mann in eine Lage bringe, wo er die äussere Wirklichkeit übersehe. Er gebe z.B. seinen Beruf auf, um ein Künstler zu werden, er lasse sich scheiden, weil er sich von der Hetaira besser verstanden fühle als von der Gattin usw. (275-276).

Die Mutter

Die Mutter sei mütterlich hegend und pflegend, helfend, charitativ, lehrend. Ihr Instinkt spreche auf Werdendes, Unentwickeltes, Schutzbedürftiges, Gefährdetes im Menschen an, das gehütet, umsorgt und betreut werde.

Ziel der Individuation

Wolffs Typologie gipfelt im Schluss, bei der Frau sei das Ziel der Individuation, Teile der anderen weiblichen Strukturen in die eigene Person zu integrieren, und diese Forderung dürfte ihre wesentliche eigene Leistung sein. Die Frau sollte also auch die Amazone integrieren, die ganz autonom die Lorbeeren ihrer Tatkraft selber gewinnen will, und der es rein nichts bedeutet, die Frau (oder Geliebte) eines angesehenen Mannes zu sein.

Klarheit der Darstellung

Toni Wolffs Typologie hat keinen Eingang in die offizielle Lehre der analytischen Psychologie gefunden. Weder ihre schriftlichen Werke noch als Person taucht sie in Jungs "Erinnerungen"7 auf. Er hat sie vielmehr totgeschwiegen, trotz 40-jähriger Zusammenarbeit und privater  Verbundenheit. – Hingegen erzählt die Fama, Toni Wolff habe sehr grossen und direkten Anteil an Jungs Werken und an seiner Lehre. Ganze Abschnitte des Buches: Psychologische Typen sollen von Toni Wolff stammen (persönliche Mitteilung von G. Dreifuss, Jungianer). Das ist sehr glaubhaft, da sie sowohl in ihrer Sprache als auch in ihrer Klarheit der Darstellung von Jungs Schriften auffallend abweicht.

Methodik und Systematik

In einem aus dem Jahre 1935 stammenden Aufsatz2 gibt Wolff einen systematischen Überblick und eine methodologische Untersuchung über die „komplexe Psychologie“ von C.G. Jung. Darin kommt ihr ausgeprägter Sinn für Methodik und Systematik zum Ausdruck. Zweifellos war Wolff eine intellektuell ausserordentlich begabte und fähige Person. Interessant ist Wolffs Feststellung, Jungs Eigenart sei nicht die eines Intellektuellen (was erklären dürfte, warum Jung sich von intellektuellen Frauen besonders angezogen fühlte, zum Beispiel auch von Jolanda Jacobi, der eigentlichen Theoretikerin von Jungs Psychologie). Sowohl Sabine Spielrein als auch Toni Wolff waren denkerisch begabte Frauen und hatten ausgesprochen guten Zugang zum intellektuellen Denken. Auffallend ist, dass C.G.Jung gegenüber Sabine Spielrein trotzdem zuvor kritisierte, ihr Denken sei zu intellektuell3.

Empiriker
Jung selber bezeichnete sich immer wieder als Empiriker. Dies tat er jedoch nur, wenn kritische Stimmen ihm wieder mal einen Mangel an logischem Denken vorwarfen. In solchen Situationen war es dann Toni Wolff, die sich schützend vor C.G.Jung stellte und ihn mit aller Kraft verteidigte. Sie verteidigte auch seinen Sprachstil: Sein Fachgebiet sei das Psychische, das in intellektueller Sprache überhaupt nicht adäquat wiedergegeben werden könne. Dies habe es mit jeder Erfahrung gemein. Es komme aber hinzu, dass sein eigentlicher Ausdruck nicht die rationale Sprache des Bewusstseins sei, sondern die dunkle und vieldeutige Bildersprache, die zu verstehen gerade unserer Zeit besonders schwer falle (S.15).

Wert der Erfahrung

Als ich diese Beschreibung von Toni Wolff wieder las, wurde mir bewusst, wie sehr Jungs Lehre von Wolffs Verteidigung profitiert hat. Dies gilt besonders für die Verteidigung des Erfahrungsbereiches. Viele Frauen berufen sich auf den Wert der Erfahrung und dass daraus tiefe Erkenntnisse gewonnen werden könne. Dennoch gelten Frauen, die sich auf ihre Erfahrung berufen, nicht als  Empirikerinnen. Und es ist ausgerechnet Jung, der den Frauen die Fähigkeit abspricht, Erkenntnis aus Erfahrung zu gewinnen, weil er das Denken, den Intellekt, als eine Funktion des männlichen Denkens vereinnahmt - und also auch für seine eigene Person.

Kein Intellektueller

Nun sagt Toni Wolff aber von C.G. Jung, dass er ein Empiriker sei und nicht ein Intellektueller. Auch Jung hat dies immer wiederholt. In den späteren Werken hat er – wie bereits erwähnt - dennoch das intellektuelle Denken, den Intellekt für sich als Mann beansprucht, während seiner Meinung nach der Geist der Frau immer ein wenig "daneben" geht4.

Ort zwischen Frauen

Ich habe Toni Wolffs Aufsätze im Zusammenhang mit Sabine Spielrein5 wieder gelesen. Ich war neugierig, ob es Hinweise gibt, die auf das Verhältnis der beiden Frauen zueinander schliessen lassen. Mir scheint, Toni Wolff habe durch ihre Typologie versucht, sowohl die eigene psychische Struktur zu verstehen als auch ihren Ort zwischen den Frauen um C.G.Jung. Es war für sie sicher nicht leicht, zu sich selbst und zu ihrem eigenen Ort zu finden.

Verhältnis der Frauen

Zum Weimarer Kongress (1911) war C.G. Jung mit einer ganzen Kohorte von Frauen erschienen. Nebst Jungs Ehefrau Emma Jung-Rauschenbach und Toni Wolff war Marieluise von Franz dabei, die zunächst ebenfalls als Patientin zum Jungschen Kreis gelangt war. Sie war 19 Jahre alt, als sie zu Jung kam und sie blieb ihm als loyale und hervorragende Mitarbeiterin und Publizistin erhalten. Das Verhältnis der Frauen um Jung dürfte nicht ohne Spannungen verlaufen sein. Emma Jung wurde von Toni Wolff vermutlich als Typus der "Mutter" wahrgenommen.

Sexualverhalten
Aufschlussreich ist Toni Wolffs Stellungnahme zum Sexualverhalten der Geschlechter. Ihrem Lehrer C.G.Jung folgend, billigt sie dem Manne ganz selbstverständlich grössere sexuelle Rechte zu als der Frau. Zugleich kritisiert sie Frauen, die auf ihren sexuellen Bedürfnissen beharren. Sie Kritisiert, es sei an der Tagesordnung, Verhältnisse zu haben – sei es aus erotischem Missverständnis oder aus beruflicher Nötigung. Für den Mann sei Sexualität der selbstverständliche Ausdruck der Beziehung. Für die Hetaira wäre sie unter Umständen aber erst deren Resultat. Anstatt also mit der Sexualität zu beginnen, wie es meist geschehe, wäre sie eventuell das Endresultat, wenn die Beziehung ausgebaut und seelisch gesichert sei, also gewissermassen auf seelischem Gebiet eine Entsprechung zur Sicherheit in der Ehe bestünde (S. 276).

Sexueller Freibrief

Indem Toni Wolff dem Manne Sexualität als "selbstverständlicher Ausdruck von Beziehung" von Anfang an zugesteht, sei es als natürlicher Trieb oder als seelisch/sexuelle Leidenschaft, nicht aber der Frau, weist sie sich als getreue Schülerin Jungs aus. Dem Manne stellt sie einen sexuellen Freibrief aus und hat damit Jungs typische Doppelmoral zugunsten des Mannes übernommen. Jung hat diese patriarchale Auffassung in seine psychologische Theorie eingebracht und seine Schülerinnen haben dies getreulich übernommen und akzeptiert. Eine Ausnahme machte Sabina Spielrein: Sie beharrte auf ihrem Anspruch auf Gegenseitigkeit der Art und Weise des Liebens in einem Liebesverhältnis6. Und als Jung nicht willens war, darauf einzugehen, wandte sie sich einem anderen Mann zu. Sie heiratete fast plötzlich und bekam eine Tochter und später noch eine zweite. Diese plötzliche Heirat von Sabina Spielrein (man vermutete eine arrangierte Ehe) führte bekanntlich zu der erwähnten schizophrenen Phase bei C.G.Jung, aus der heraus er sich von Toni Wolff retten liess, die kurz zuvor noch seine Patientin gewesen war.

Nicht durch Heraufschlafen

Toni Wolff schrieb ihren Aufsatz: Strukturformen der weibliche Psyche im Alter von 63 Jahren (1951), also zwei Jahre vor ihrem Tod. Es scheint, dass sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Position gedrängt fühlte, den Fragestellern und Kritikerinnen und Kritiker  zu erklären, wie ihr Verhältnis zu Jung sei. Sie schien erklären zu wollen, sie habe ihre Position keineswegs durch Heraufschlafen erreicht. Ferner kritisiert sie, dass es Frauen gebe, die sich in der patriarchalen Hierarchie "heraufschlafen". Vermutlich hatte sie immer befürchten müssen, ebenfalls  diesem Verdacht ausgesetzt zu werden. Sie gibt den nicht verheirateten Frauen den Rat, mit der Sexualität zuwarten, bis sich eine Beziehung dergestalt entwickelt habe, dass sie der "Sicherheit einer Ehe" entspreche.

Dankesschuld

Zweifellos wollte Toni Wolff ihre Beziehung zu Jung in diesem "ehelichen" Sinne verstanden wissen. Sicher hatte Toni Wolff Neiderinnen und Neider wie alle starken Frauen. Ich erinnere mich, dass es von ihr hiess, sie sei eine dominante und zu fürchtende Person gewesen. Jung erwähnt im Vorwort, sie habe im Psychologischen Club „stille Experimente der Gruppen-Psychologie“ gemacht. Schade, dass diese Experimente so "still" vor sich gehen mussten.
Mutig oder brutal

Als Toni Wolff starb, nahm Jung nicht an ihrer Beerdigung teil. Darüber waren manche Leute konsterniert, weil man um die 40-jährige Freundschaft und Zusammenarbeit der beiden wusste. Man wusste, dass sich Jung an einem bestimmten Wochentag bei Toni Wolff aufhielt und dass er sie zu bestimmten Zeiten an seinem häuslichen Mittagstisch teilnehmen liess. Die einen fanden das mutig von Jung, die anderen fanden es brutal gegenüber der Familie (private Mitteilung eines Jungianers). Die Zeitschrift INTRA schrieb, Toni Wolff sei Jungs langjährige Geliebte gewesen. Fünf Jahre nach Toni Wolffs Tod hatte der 83-jährige Jung im Vorwort von Toni Wolffs Buch erklärt, mit der Herausgabe dieses Buches habe er eine "Dankesschuld" an ihr abzutragen. - Ich wüsste gern mehr über das Leben und Denken von Toni Wolff, die mit 19 Jahren als Patientin zu Jung gekommen war. Von ihrer Krankheitsgeschichte ist bis heute nichts bekannt. Jung verstand es sehr gut, aus jungen Patientinnen getreue Schülerinnen zu machen, die ihre Begabungen und intellektuellen Fähigkeiten in den Dienst seiner Arbeit stellten.

Frauenbeziehungen

Es scheint, dass zwischen den Frauen, die sich am Weimarer-Kongress trafen, keine Kontakte entstanden. Das ist angesichts des damaligen männlichen Vorurteils, Frauenbeziehungen seien bedeutungslos, nicht weiter verwunderlich. Auch Toni Wolff hat ihre "Typologie" nur unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses von Frauen zu Männern betrachtet.

Eine Sammlung von Aufsätzen

Das Buch von Toni Wolff besteht aus einer Sammlung von Aufsätzen, die im Laufe der vielen Jahre entstanden waren, die aber erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurden. Jung schrieb im Vorwort, mit der Herausgabe trage er eine Dankesschuld an Toni Wolff ab, und dabei blieb es.

Quellen

1) Toni Wolff: Studien zu C.G.Jungs Psychologie, Rhein-Verlag, 1959

2) Toni Wolff: Einführung in die Grundlagen der komplexen Psychologie in: Studien zu C.G.Jungs Psychologie, Rhein-Verlag, 1959, Seite 15-230

3) Aldo Carotenuto: Tagebuch einer heimlichen Symmetrie: Sabina Spielrein zwischen Jung und Freud, 1986

4) Ursula Baumgardt: König Drosselbart und C.G.Jungs Frauenbild. Kritische  Gedanken zu Anima und Animus, 1987

5) Sabina Spielrein: Sämtliche Schriften, Kore-Verlag 1987

6) Renate Höfer: Die Hiobsbotschaft C.G.Jungs. Folgen sexuellen Missbrauchs, 1993 und 1997

7) C.G.Jung: Erinnerungen Träume Gedanken von C.G.Jung. Aufgezeichnet und heraus gegeben von Aniela Jaffé, 1962