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183 - Agnes Heller - Biographisches - Der Affe auf dem Fahrrad

 

Zwischen Büchern gelebt

Ich hatte mein ganzes Leben zwischen Büchern gelebt, ich wollte Wissenschaftlerin werden. Jetzt konnte ich wählen: Gehe ich nach Palästina, um in der Erde zu stochern, oder schreibe ich mich an der Universität ein, wo mich eine Bibliothek erwartete? Dahin hatte ich mich mein ganzes Leben gesehnt. Wählte ich Palästina, bliebe mir der Zutritt zur Intelligenz versperrt. Ich suchte Gemeinschaft, Einfachheit und Armut, und zugleich wollte ich lernen, die Universität besuchen. Beides zusammen konnte mir der Kibbuz nicht bieten. Im Kommunismus, so hoffte ich, würden sich beide Sehnsüchte treffen (92).

Emigration

Nachdem eine gemeinsame Emigration des Sechser-Freundeskreis nicht möglich war: Mein Freundeskreis war kaputt, die Menschen, die ich liebte, fort. Alles brach zusammen. Es war völlig gleich, was die Zukunft bringen würde: das, wofür ich lebte, war zu Ende. - auf einmal überkam mich eine nüchterne Ruhe. Ich wischte meine Tränen ab: "Okay. Was ist geschehen? Was soll werden? Ich werde nur noch für meine Arbeit, meine Philosophie leben. Das ist von allem übrig geblieben" (386).

Sechserfreundschaft

Für mich stand die Freundschaft an erster Stelle. Schon bevor unsere Sechserfreundschaft entstand, hatte die Gemeinschaft für mich den höchsten Wert im Leben. Das lag in meinem Wesen, auch beim Zionismus und Kommunismus ging es mir in erster Linie um die Gemeinschaft. Das faszinierte mich an dem Kreis um Pista Herrmann (ihrem ersten Ehemann), und von dieser Idee wurde auf allerhöchstem Niveau auch die Budapester Schule getragen. Ein intimer Freundeskreis, wo man keine Geheimnisse voreinander haben musste, wo man alle Sorgen, wenn man wollte, miteinander teilen konnte, wo es keine Hintergedanken gab und die zwischenmenschlichen Voraussetzungen für das gemeinsame Erörtern von Problemen gegeben waren. Diese Gemeinsam als Leitprinzip des Lebens und die darum sich rankende Liebe waren wie Atlantis endgültig versunken. - Wenn es von mir abhinge, wäre mir die Freundschaft auch heute noch wichtiger als das, was ich in der Philosophie geleistet habe. Aber ich habe es geleistet (387).

Parvenü oder Paria

Heller fragt sich, warum es so viele Juden unter ihren Freunden gab und erinnert sich an einen Nichtjuden, der sich als "Centry und Bauer" bezeichnet und sich vom Leitspruch eines Peter Veres leiten liess: "Wenn du keine Blume sein kannst, sei Unkraut! Aber sei etwas!" - Das sollte heissen, man muss etwas Sinnvolles tun, und wenn du nicht alles verwirklichen kannst, dann realisiere das Fragment, das dir möglich ist (387). Auch ihre Mutter - sie war Jüdin- habe ihre eigene "Bauernpsychologie" gehabt: "Warum passt ihr euch nicht an?".

Budapester Schule

Im Unterschied dazu sei die Budapester Schule von einer anderen, "zutiefst jüdischen Haltung, von Messianismus und, daraus folgend, oppositioneller Einstellung geprägt" gewesen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das Unerbittliche, Hartnäckige, Kompromisslose und Messianische sei das Jüdische in ihnen gewesen. Der Glaube, dass "das Kommen des Messias auch von unserer Unbeugsamkeit abhinge" (387-388). - Heller räumt ein, dass dies nicht auf alle Juden zutrifft, die Assimilierten waren genau das Gegenteil. Sie passten sich immer an, sie katzbuckelten vor den Herrschenden. Heller nennt diese "Parvenüs". Der Jude sei entweder Parvenü oder Paria. Ihr ganzes Leben lang habe sie mit den Parvenüs gefochten. Erst später habe sie begriffen, dass beides problematisch sei. Man müsse keines von beiden sein.

Menschen helfen immer, wenn

Heller vermerkt, dass alle ihr wirklich nahen männlichen Freunde Philosophen gewesen seien, doch nicht alle davon Juden (388). - Menschen helfen immer, wenn sie dafür nicht gebrandmarkt werden, wenn sie sich nicht dafür schämen müssen, geholfen zu haben. Noch heute bin ich überzeugt, dass die Menschen für sich genommen anständig sind und erst in der Masse den Verstand verlieren (57).

Pfeilkreuzler

Zu einem Pfeilkreuzler sagte die junge Agnes Heller: Ich gebe meinen Pass nicht her, Sie zerreissen ihn ja nur. - Das hatte er noch nie zu hören bekommen; verduzt sah er mich an. Wir nutzten seine Verblüffung und rannten durch das erste Tor. Wir waren in der geschützten Zone (56). - Zu einem anderen Pfeilkreuzler: Sie haben kein Recht, uns gefangen zu halten. Auch dieser Pfeilkreuzler war überrascht, so etwas hatte er noch nie erlebt (59). - Damals erkannte ich, dass Böses stets auf bösen Maximen beruht. Millionen bringt man um, wenn die pervertierte Vernunft suggeriert, dass das, was man tut, nicht böse, sondern gut ist (67).

Gute Menschen

Die Versuchung, Gutes zu tun, ist gross, aber die Menschen sind nicht gut. Das sollten wir (die Philosophen) erläutern, statt nach dem Grund für die grosse Versuchung zu forschen. Diese sucht Antwort auf die Frage, wie es gute Menschen geben kann. Gute Menschen gab es immer und überall (68). - Der Holocaust sagt nichts über die Deutschen oder die Ungarn aus, sondern darüber, wozu wir alle imstande sind. Er ist ein universelles menschliches Problem. Dass er sich gerade in Deutschland entäusserte, ist allein der verhängnisvollen Verknüpfung zahlloser historischer Komponenten geschuldet (69). Das bolschewistische und das nazistische System waren beide im Grunde heidnisch. Beide verkündeten: Gott ist tot (69).

Da irrt sich Agnes Heller gewaltig

Das "Heidnische" in vorchristlicher bzw. vorjüdischer Zeit war keinesweg jenes durch die Bibel dargestellte Böse. Das Heidnische, das ist die matrizentrierte menschliche Frühzeit der Göttinnen und ihrer Tempel und Priesterinnen, die von der jüdischen Priesterschaft verfolgt und ausgerottet wurden (Anmerkung EC).

Agnostikerin

Heller sagt, sie sein keine Atheistin, sondern Agnostikerin: Ich entscheide mich nicht über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes. Ich kann nicht über etwas diskutieren, das man nur glauben oder nicht glauben, aber nie genau wissen kann.

Eine zehnjährige Rebellin

Heller schildert, wie sie sich wie eine zehnjährige Rebellin auf dem Jüdischen Gymnasium vor ihren Religionslehrer Samu Kandel hinstellte und erklärte, sie glaube nicht an Gott. Er lächelte - er hatte ein ganz reizendes Lächeln - und fragte, ob sie die Geschichte von dem guten, tapferen Rabbi aus der Zeit der ukrainischen Pogrome gehört hätte. Der ukrainische Ataman sagte zum Rabbi, er würde ihn am Leben lassen, wenn er das Wesen der jüdischen Religion zusammenfassen und so lange auf einem Bein stehen könne. Der Rabbi antwortete: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und setzte das Bein ab (37).

Eine gute Jüdin

"Und du", frage Samu Kandel, "liebst du deine Nächsten wie dich selbst?" - Agi Heller antwortete, sie versuche es, wisse aber nicht, ob sie immer richtig liebe. Der Lehrer strich ihr über den Kopf und sagte, dann sei sie eine gute Jüdin. Für Gott sei unwichtig, ob sie an ihn glaubt oder nicht, wichtig sei, seine Gebote zu halten. Später habe sie erfahren, dass die kleine Anekdote eine korrekte Beschreibung der jüdischen Religion sei (38).

Erste grosse Liebe

Gyuri Bihari war meine erste grosse Liebe. Dies, weil ihm gefiel, dass sie nicht wie die anderen Mädchen sein wollte, sondern erklärte, sie wolle Wissenschaftlerin werden und zudem Kinder haben, das gehe durchaus, wie sie von Marie Curie und Eve Curie gelesen habe. Weil Gyuri sich aber trotzdem nach jedem Mädchen umdrehte und prüfte, ob sie gute oder schlechte Beine hat, fragte Agi Heller ihn, woran er erkennen könne, welches Mädchen schöne Beine hat. Er antwortete ehrlich: "An gar nichts." Agi: Wenn man das nicht erkennen kann, warum redest du dann ständig darüber?" "Weil man mich sonst als Mann nicht für voll nimmt".

Obwohl du ein Affe bist

Einmal sagte er: "Wie gescheit du doch bist, obwohl du ein Mädchen bist." Agi antwortete: "Lieber Gyuri, das ist so, als würdest du sagen: Wie gut du doch Fahrrad fahren kannst, obwohl du ein Affe bist. Aber ich bin kein Affe. Gyuri hatte verstanden. "Ein liebenswerter Junge" (45). Agi traf ihn wieder im internationalen Ghetto. Er war von irgendwoher geflohen, um sie zu besuchen. Er hielt sich mit falschen Papieren versteckt und ist noch vor seinem 17. Geburtstag umgekommen (45).

Vom Holocaust nicht genesen

Der wesentliche Wendepunkt war l956. Vorher war alles furchtbar, ich konnte vom Holocaust nicht genesen. Zuerst war ich Zionistin, dann Kommunistin; ich verabscheute die Partei, deren Mitglied ich war, wenngleich ich an ihre Ideen glaubte. Nach ,56' sei ihr Leben, trotz allen Fehlern, Verrücktheiten, Irrungen und längst abgelegten Überzeugungen, in normalen Bahnen verlaufen. Normal in dem Sinne, dass sie endlich ein Mensch unter Menschen war (71).

Ich war nicht fein

1945: Wir hatten nichts zu essen. Ich stellte einen Tisch auf den Bürgersteig und eröffnete meinen Handel mit gestohlenen Parfüms und Füllfederhalter, nahm für zehn Prozent Beteiligung Hehlerware in Kommission. Ich versuchte meine Auftraggeber zu betrügen und die Kommissionsware teurer als vereinbart zu verkaufen. Vornehme Leute waren zu Dieben geworden und kamen zu mir mit der Bitte, ihre Sachen zu verkaufen. "Ich war nicht fein, hatte keine Skrupel, mit Dingen zu handeln, die andere gestohlen hatten" (78). Agi Heller war zu dieser Zeit 16jährig.

Verfehlte utilitaristische Konzeption

1955 verteidigte Heller ihre Dissertation: Ethik - eine Theorie des vernünftigen Egoismus. Sie habe erforscht, wie ein vernünftiger Egoismus eine Ethik zu begründen vermag. Ob man private Interessen und gleichzeitig dem Ganzen dienen kann. - Der Hintergrund war, "dass die Menschen in den stalinistischen Zeiten zur Selbstaufgabe genötigt worden waren: sie sollten ihre Persönlichkeit, ja sich selbst für eine Sache opfern. Im Unterschied dazu propagierte Imre-Nagy, dass man seine eigenen Interessen niemals aufgeben solle. Wir könnten nichts für die Gemeinschaft tun, wenn wir nicht auch persönlich interessiert sind. Hellers verwirft heutige diese Arbeit wegen ihrer "völlig verfehlten, utilitaristischen Konzeption" (156-157).

Blickwinkel des Individuums

Nach l956 trat auch eine philosophische Wende bei Heller ein. Ihr Ethik-Lehrbuch, das sie kurz danach in Australien schrieb, sei fast identisch mit ihrer "Allgemeinen Ethik. Aber es sei eine andere Sprache (157). - 1956 habe sie zu dem gemacht, die sie heute sei. Von nun an sei für sie in der Philosophie immer den Blickwinkel des Individuums, des existierenden Menschen, das den Sinn des Lebens sucht. Sie fragte sich, was die conditio humana und was Schicksal sei. Bevor sie l958 die Universität verlassen musste, las Heller die Autobiographie von Simone de Beauvoir und lauter mittelalterliche Philosophie.

Als Heller im März 1956 in Berlin Brechts "Mutter Courage" und den "Kaukasischen Kreidekreis" sah, hielt sie diese für grosse Dramen - heute weniger (165).

Bedenken

In Berlin 1956 lernte Heller Leszek Kolakowski kennen. Von ihm hörte sie erstmals Bedenken hinsichtlich der Hegelschen Geschichtskritik. - In der Berliner Konferenz (1956) wurde im sozialistischen Lager erstmals offen über die Freiheit gesprochen. Ernst Bloch spielte eine grosse Rolle: Er trug Auszüge aus seinem Buch "Das Prinzip der Hoffnung" vor.

Zu früh auf den Gipfel

Anfang ,56' habe sie "auf dem Gipfel des ungarischen Lebens " getanzt. Das Schicksal habe sie plötzlich auf den Wellenkamm gehoben. Sie war Mitglied des Philosophie-Ausschusses der Akademie und somit gewissermassen zu den führenden Köpfen der ungarischen Philosophie geworden. Zudem war sie Redaktorin der neu gegründeten Zeitschrift "Filozofia Szemle" und sie lehrte an der Universität Philosophie. Ihr Wort habe über Leben und Tod einer Philosophie entschieden. Dies im Alter von 26 Jahren. Einige Monate später legte sie die Redaktion der erwähnten Zeitschrift nieder und wusste, dass sie von nun an ein Niemand sein würde. Aber plötzlich habe sie sich gut gefühlt. Dies im Wissen, dass es nicht gut gehen kann, wenn man zu früh auf den Gipfel gelangt (168). Damals wusste sie noch nicht, dass sie auch noch von der Universität fliegen sollte.

Revolution

Am 22. Oktober 56 kam es zu einer Demonstration. "Mit einem Mal spürte ich: Es war Revolution." "Wir warfen immer neue Losungen in die Menge und testeten ihre Reaktion: Imre Nagy an die Regierung. Unabhängigkeit für Ungarn. Freie Wahlen." An der Universität hiess es, es sollte ein Komitee der Revolutionären Intelligenz gegründet werden. Während sie auf die Redner warteten habe sie in einem kleinen Raum mit Gyuri Litvan - gewissermassen aus dem Handgelenk - die "Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei (deutsch USAP, ungarisch MSZMP) "gegründet" (Anführungszeichen von Heller). - Es schien, dass eine neue Zeit der Freiheit anbrechen sollte. Heller schreibt: "Die Kommunisten von gestern mutierten innerhalb von zwei Tagen ausnahmslos zu Antikommunisten".

Wechselten die Seite

Als sich herausstellte, dass die "Revolution" gescheitert war, beteuerten diese wiederum, Kommunisten zu sein. "Wer mich auf der Strasse sah, wechselte die Seite. Mein Gott, was waren sie ,56' um mich herumscharwenzelt. 1956 hatte ich jede Menge Freunde. Laufend klingelte das Telefon: Treffen wir uns, gehen wir einen Kaffee trinken. Meine Ohren dröhnten von ihren Sprüchen, wie toll ich sei. Von diesen "Freunden" war kaum einer übrig geblieben. Ich hatte geglaubt, sie schätzten mich tatsächlich. Vom Augenblick meines Rücktritts (von der philosophischen Zeitschrift) wurde ich auf der Strasse nicht mehr gegrüsst. Ich konnte nicht entscheiden, ob sie eigentlich gern freundlich sein wollten, aber aus Angst die Strassenseite wechselten, oder ob sie nur freundlich gewesen waren, um ihr zu schmeicheln (194).

Quelle

Agnes Heller: Der Affe auf dem Fahrrad. Eine Lebensgeschichte bearbeitet von Janos Köbaniyai, Philo 1999