traum-symbolika.com

236 - Agnes Heller – Die Auferstehung des jüdischen Jesus

1

Jesus war kein Christ. Er kannte das Christentum nicht einmal (7).

2

Das alte Judäa war von einer religiösen Vielfalt charakterisiert. Obwohl seine Religion eine jüdische war, stand es doch für sehr viele Schattierungen und Varianten des Judentums, die während und infolge der Zerstörung des Jerusalemers Tempels verschwanden (S.22).

3

Heutzutage ist es ein allgemein akzeptierter Gedanke, dass die Juden das erste Volk waren, das seine Selbstidentität durch den religiösen Ausschluss andrer, das heisst gegen die anderen Religionen, bildete und erfuhr (29).  

4

Für den Polytheismus war im Gegensatz dazu natürlich, sicherheitshalber verschiedenartigen Göttern zu opfern (29).

5

Agnes Hellers Hypothese ist, dass die Hassausbrüche gegen die Juden mit einem Identitätsproblem zu tun hat bzw. mit einem „Identitätskomplex“ (36).

6

Dies im Unterschied zu Franz Rosenzweig, der die unbewussten Motive des Antijudaismus und Antisemitismus analysiert hat und die irrationalen Hassausbrüche gegen die Juden darauf zurückführt, dass den germanischen Völkern das Christentum mit Gewalt aufgezwungen wurde (35).

7

Da keine Religion mehr totale Macht über den Verstand besitzt, muss sich ihre Selbstidentifikation wandeln, sie muss detotalisiert werden (80).

8

Was den Religionen gemeinsam ist, gewinnt jetzt neuen Sinn, denn die Identitätsbildung auf der Basis des „wir“ und „sie“ ... ändert sich (80).

9

Solange die Religion das herrschende Weltbild war, konnte der traditionelle Mechanismus der monotheistischen Selbstidentifikation ohne weiteres in Funktion gehalten werden: „Wir sind die wahre Religion, hier ist die Wahrheit – alles andere ist Lüge und Irrtum. Christen und Juden definierten einander jahrtausendelang so, und ebenso Christen der einen Konfession gegenüber Christen der anderen Konfessionen viele Jahrhunderte lang (81).

10

Heute kann sich das „Absolutum“ nicht mehr auf alle Beziehungen der Lebensform, auf das gesamte Verhalten, auf Ethik, Politik und weltliche Lebensformen, erstrecken. Vieles, was bisher im Falle der monotheistischen Religionen unvereinbar – weil absolut – zu sein schien, scheint jetzt nicht mehr, oder zumindest weniger, unvereinbar (81).

11

Im Falle des katholischen und protestantischen Christentums gibt es beispielsweise Fakten, Dogmen, die miteinander unvereinbar sind, aber dies verhält sich nur auf einer Ebene so, auf der Ebene der Interpretation der Transzendenz und auf der Ebene der sich an diese anschliessenden Praktiken. Nicht jedoch auf der Ebene der Ethik. In diesem Fall sind die kompatiblen Bezüge stärker und dichter als die inkompatiblen Besonderheiten (81).

12

In der jüdischen Religion konnten auf diese Weise – in Europa und Amerika – neologische, reformierte und konservative Synagogen entstehen und gegenüber der völlig traditionstreuen Orthodoxie zu wachsendem Einfluss gelangen (81).

13

Es dauerte 2000 Jahre, bis sich sowohl Christen als auch Juden zu erinnern begannen, dass Jesus Jude war. Man hatte vielmehr vergessen, dass er ein guter Jude war (7).

14

Es ist interessant, dass die Ketzer wussten, was die katholische Kirche vergessen hatte (11).

15

So beteuerten die Manichäer, dass Unbekannte die Heilige Schrift des Neuen Testaments gefälscht hätten (11).

16

Die Auferstehung des jüdischen Jesus nach 2000 Jahren ist eine geschichtliche Frage, die Auferstehung Christi am dritten Tage eine heilsgeschichtliche (15).

17

Nur ist für die Juden Jesus, der jüdische Jesus, nicht Christus (15).

18

Die heilsgeschichtliche und die geschichtliche Ebene treffen sich nicht, weil sie von Verschiedenem sprechen (17).

19

Die Gestalt Jesu hat mich immer beschäftigt, ja sogar fasziniert. Damals habe ich Jesus als ein Menschenideal im Kantischen Sinne interpretiert, als ein Individuum, das keine Partikularität besitzt. Diese Interpretation hat keine religiöse Basis (17).

20

Im alten Judäa bestand eine religiöse Vielfalt, die infolge der Zerstörung des Jerusalemer Tempels verschwanden. Es begann der normative Judaismus (22).

21

Unterscheidung des Jesus „vor Ostern“, dessen Lehren wir in den Evangelien kennen lernen = der jüdische Jesus (41).

22

Der Jesus „nach Ostern“ gehört in die Christologie, ist nicht Gegenstand von Hellers Analyse (41).

23

Das Vaterunser ist „ein sehr jüdisches Gebet“ (42).

24

Der jüdische Jesus ist der Jesus der Lehre (44).

25

Jesus hat das Gesetz nicht gebrochen, sondern radikalisiert, es übererfüllt, und auch von anderen gefordert, dass sie es übererfüllen (60).

26

Bei Jesus werden die Gleichnisse zu einer prädestinierten Gattung dafür, das kerygma verständlich zu machen. Hier liegt also das Individuelle nicht in dem, was er lehrte, sondern in der Art und Weise, wie er es tat. Dieses Wie hängt tief mit seiner charismatischen Persönlichkeit zusammen, und ausserdem mit dem Publikum, zu dem er sprach. Alle Prediger konnten von den Gleichnissen Gebrauch machen, aber Jesus lehrte mit klaren, durchschaubaren, moralisch immer ausdrucksreichen und treffenden Gleichnissen. Nicht die Fähigkeit zur Schaffung von Gleichnissen ist hier das Wichtigste, sondern das kerygma, das sich in den Gleichnissen im Sinne der aletheia zeigt (62).

27

Das kerygma in den Gleichnissen ist nach Vermes, dass sie die drei grundlegenden Wahrheiten aufdecken: Die tschuwa, also die Bekehrung, Verzeihung, die emuna, also den Glauben an Gott, und zuletzt dessen höchste Form: Aufgaben zur Vorbereitung des kommenden Gottesreiches zu übernehmen. Das zusammen ist es, was man eschatologische Religiosität nennen kann (62).

28

Jesus verkündete Gottes Reich: Das Bereuen der Sünden, die Radikalisierung der Tora – all dies bezog sich auf das Reich Gottes (63).

29

Die meisten Menschen waren von der Verzweiflung beherrscht, deshalb brauchten sie eine starke Hoffnung (66).

30

Jesus fasste in seiner Person zahlreiche Spielarten der jüdischen Tradition und des jüdischen Erbes zusammen, die sich vor ihm noch in keiner charismatischen Persönlichkeit verkörpert hatten (66).

31

Da die meisten Menschen nicht nur das Bedürfnis haben, ihr Leben zu reproduzieren oder in verhältnismässig grösserem Wohlstand zu leben, um die Früchte der modernen Technologie zu geniessen, sondern ihrem Leben auch einen Sinn zu geben, in ihm irgend eine Idee, ein Ziel, eine Spiritualität entdecken zu wollen, brauchen sie Religion, Kunst und Philosophie – wenigstens eine von ihnen -, um dieses Bedürfnis befriedigen zu können (79).

32

Da keine Religion mehr totale Macht  über den Verstand besitzt, muss sie sich ihre Selbstdefinition wandeln, sie muss detotalisiert werden. Was den Religionen gemeinsam ist, gewinnt jetzt neuen Sinn (80).

33

Solange die Religion das herrschende Weltbild war, konnte der traditionelle Mechanismus der monotheistischen Selbstidentifikation ohne weiteres in Funktion gehalten werden. Wir sind die wahre Religion, hier ist die Wahrheit – alles andere ist Lüge und Irrtum. Christen und Juden definierten einander jahrtausendelang so, und ebenso die Christen der einen Konfession gegenüber Christen der anderen Konfessionen, viele Jahrhunderte lang (81).

34

Es scheint jedoch, dass einer solchen universalen religiösen Identifikation der absoluten Wahrheit unter heutigen Bedingungen der historische Boden entglitten ist /81)

35

So kann sich das Absolutum nicht auf alle Beziehungen der Lebensform, auf das gesamte Verhalten, auf Ethik, Politik und weltliche Lebensformen, erstrecken (81).

36

Die neue religiöse Identitätsbildung hat heute nicht mehr mit der Wissenschaft zu kämpfen, sondern mit dem Fundamentalismus. Die Orte der Konfrontation sind also anders als früher. Die Wissenschaft hat ihre Autonomie gegenüber der Religion bereits errungen, muss sie jedoch gegenüber der Wirtschaft täglich verteidigen oder neu erkämpfen. Die Religionen hingegen müssen dem fundamentalistischen Druck Widerstand leisten, um glaubwürdig kritisch und zugleich modern sein zu können (83).

37

In der Moderne können Religionen nur Bestand haben und ihre kritische Rolle nur ausüben, wenn sie dem modernen Menschen geistliche und moralische Nahrung geben, ohne die Attitüde der Aufklärung in Frage zu stellen oder zurückzunehmen (83).

38

Der Wahrheitsbegriff der monotheistischen Religionen wird durch die ökumenische Idee und Praxis nicht relativiert, sondern detotalisiert (107).

39

Quelle

Agnes Heller: Die Auferstehung des jüdischen Jesus, BN 1486, Philo 2002

40

Zur Autorin: Agnes Heller ist jüdischer Herkunft. Ihr Vater und zahlreiche Verwandte wurden Opfer der Judenverfolgung während der Zeit der NS-Diktatur. Ihr selber gelang es im Holocaust gemeinsam mit ihrer Mutter immer wieder, teils durch geistesgegenwärtiges Handeln, teils aber auch nur durch schieres Glück, einer Deportation und Ermordung zu entgehen.

Nach der Matura immatrikulierte sich Agnes Heller 1947 an der Universität Budapest für Physik und Chemie, wechselte jedoch unter dem Eindruck einer Vorlesung von Georg Lukács das Studienfach und begann Philosophie zu studieren. Sie wurde 1955 von Lukács promoviert und schließlich seine Assistentin.

Nach jahrzehntelanger politischer Unterdrückung in Ungarn emigrierte Agnes Heller 1977 nach Australien, wo sie an der La Trobe Universität in Melbourne von 1978 bis 1983 eine Soziologie-Professur innehatte. 1986 wurde sie Hannah Arendts Nachfolgerin auf deren Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York.

Seit ihrer Emeritierung pendelt sie jeweils halbjährlich zwischen Budapest und New York.

2001 und 2002 war sie Fellow des Weimarer Kollegs Friedrich Nietzsche zum Thema: Zur Theorie der Modernität.

2013 hielt sie als Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessorin der Stadt Wien Vorlesungen zum Thema: Die Welt der Vorurteile, am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.