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Das Frauenkloster Notkersegg St. Gallen geht auf Beginen zurück

Elisabeth Camenzind

 

Beginen in St. Gallen: Das Frauenkloster Notkersegg geht auf Beginen zurück. Dies geht aus der Festschrift: 600 Jahre Kloster Notkersegg 1381-1981 hervor1. Das Frauenkloster ist kein Ableger des Männerklosters St. Gallen, wie meistens vermutet wird.

Geistliche Frauen: Im Jahre 1381 machten sich drei "geistliche Frauen" auf, um ein Grundstück und eine Wohnstatt zu suchen, um einen gemeinsamen Haushalt zu führen und "Gott und den Mitmenschen zu dienen" (S. 34). "Die drei genannten  Frauen waren Waldschwestern. Beginen  hiess man sie auch oder arme oder geistliche Menschen". Sie fanden auf dem "Tann", dem höchst gelegenen Gebiet, das damals noch zur Gemeinde Wittenbach gehörte, einen passenden Ort. Drei "Berg?Bauern", denen das Grundstück im "Tann"  gehörte, wollten es den Frauen, die beim Volk gern gesehen wurden, schenken, "denn sie pflegten die Kranken, hielten Wache bei den Toten und beteten für die Wohltäter". "Sie (die Bauern) wollten den drei geistlichen Frauen Ursula Brunner aus dem Rheinthal, Elisabeth Schnider von Berg und Anna Frei von Uttwil eine Wohnstatt schenken". Darauf gingen sie zum Kustos, um ihr Vorhaben, die Schenkung zu besiegeln. Schliesslich kam es zu einem Lehens?Vertrag mit dem Kloster St. Gallen, da hier Fürste (Fürstäbte) regierten. Diese verlangten Abgaben aus jedem Grundbesitz von St.Gallen, ihrem Untertanenland. Der Kustos Nikolaus von Utzingen ? ein aus dem Adel stammender Mönch ? besiegelte mit einer weitschweifigen "Stiftsurkunde" am 17. August 1381 "die Schenkung der Tablater Bauern an die drei Schwestern"

Frauen?Kollektiv und Nachkommen: Diese Urkunde ist in mehrfacher Hinsicht  aufschlussreich. Erstens, dass der Lehensvertrag auf alle drei Frauen ausgestellt ist. Die Frauen treten als Kollektiv auf mit gleichen Rechten und Pflichten. Sie übernehmen gemeinsam die "hofstatt in dem Tan mit garten, mit boumgarten und mit aller zuogehörd als es begriffen ist, allen dreien gemeinlich und unverscheidentlich zu rechtem lehen“ und „allen iren nachkommen, frouwen und nicht mannen'' gehören solle. Das Haus bestand aus "zwei Stuben und vier Kammern".

Waldschwestern und Heilfrauen: Von den Beginen heisst es: "Sie wohnten bescheiden, meistens abgelegen, oft in Wäldern, daher ihr Name." - Da sie in Wäldern wohnten und Menschen heilten, hatten sie zweifellos Kenntnis von der Heilkraft der zahlreichen Kräuter und Pflanzen. Ferner heisst es: "Seitdem nicht wenige aus ihnen ketzerischen Ansichten gehuldigt hatten oder der Schwärmerei verfielen und deshalb verfolgt wurden, nahmen viele hierzulande die Drittordensregel des hl. Franziskus an, so auch die drei."

Der Not gehorchend: Aus anderen Texten geht hervor, dass die St. Galler Beginen nicht freiwillig die Ordensregel annahmen, sondern aus Zwang und Angst vor Verketzerung und Verfolgung. Zum Beispiel den „Dritten Orden“. Mit dem Dritten Orden hat es eine spezielle Bewandtnis: Beispielsweise gehörten meine Eltern dem "Dritten Orden" an, trotz ihrer grossen Kinderschar. Der Dritte Orden wurde für Laien gegründet, die ein gottgefälliges Leben führen, aber in der "Welt" bleiben wollten. ? Klausur oder Ehelosigkeit war nicht Voraussetzung. Der "Dritte Orden" umfasste drei Gelübte: Glaube, Armut und Nachfolge Christi. Laut Arthur Kobler gibt es jedoch noch eine andere, von Papst Nikolaus im Jahre 1289 "bestätigte Regel" (Glaube, Gehorsam und Busse), "Voraussetzung für die Aufnahme in den (Dritten) Orden ist unerschütterlicher Glaube und Gehorsam gegenüber dem hl. Stuhl in Rom, dazu guter Leumund, Rückgabe alles geschuldeten zu Unrecht erworbenen Gutes, Aussöhnung mit allen, die man beleidigt hat, und der Wille, Busse zu tun". In dieser Regel von 1289 war von Keuschheit und Klausur noch nicht die Rede. Die Beginen waren also noch frei von Keuschheitsregeln. Die Schwesterngemeinschaft im "Tann" war demzufolge kein Kloster im heutigen Sinn. Klausur und Keuschheitsregeln galten nicht als zentrale Inhalte eines gottgefälligen Lebens. Vielmehr wurden diese Regeln den Frauen später aufgezwungen (in den Jahren 1579 und 1727).

Stiftsurkunde und finanzielle Bedingungen: Die finanziellen Abgaben und andere Vorschriften, die der Kustos Niklaus von Utzingen in die Stiftsurkunde einbrachte, waren hart. Mit den Abgaben unterhielt der Mönch (der dem Adel entstammte) ein eigenes Haus und andere Bequemlichkeiten. Er trieb bei den Untertanen die Abgaben mit so grosser Härte ein, dass es schliesslich zum Aufstand der Bauern kam und zu den beiden Schlachten von Vögelinsegg in den Jahren 1403 und 1405  (S.35). Den gleichen harten finanziellen Bedingungen waren die Beginen unterstellt.

Mildtätigkeit gegen Mitschwestern verboten: Die erwähnte "Stiftungsurkunde" verpflichtete die Beginen auch zur Härte gegenüber ihren Mitschwestern. Es war nämlich verboten, austretenden Schwestern eine finanzielle oder materielle Starthilfe mitzugeben. Der klösterliche Feudalherr war am Besitzstand und an den Abgaben der Frauen-Gemeinschaft interessiert. Dass Frauen die Gemeinschaft wieder verlassen, war dem Fürstabt an sich gleichgültig (zu dieser Zeit kannte die Drittordens-Regel die „ewigen Gelübde“ noch nicht). Ihm ging es um Geld und Macht. Die Stiftsurkunde hält ganz klar fest: "Will eine (Begine) nicht mehr im Hause bleiben, dann dürfen ihr nur das Kleid und der Gürtel verabfolgt werden, mit denen sie zum hl. Sakrament gegangen ist (S. 40). Den Beginen war also verboten, mildtätig gegen ihre Mitschwestern zu sein. Der Fürstabt behielt sich auch vor, eine Begine, die sich vermeintlich "ungebührlich" verhält, aus der Gemeinschaft wegzuschicken. Arthur Kobler schreibt: „Sollte sich eine (Begine) ungebührlich verhalten, kann sie vom Lehensherrn weggeschickt werden (36). So hatte er die Frauen in der Hand. Denn mit dem Recht, "ungebührliches" Verhalten der Frauen mit Wegweisung aus der Gemeinschaft zu ahnden, war die Aufsicht über Denken, Reden und Handeln der Frauengemeinschaft besiegelt. Und entgegen der Drittordensregel waren hiermit auch die "ewigen Gelübde" festgelegt und verankert.

Andere Vorstellungen als fürstlicher Klerus: Die Beginen hatten aber andere Vorstellungen von einem christlichen Leben als der fürstliche männliche Klerus. Für sie waren weder Mehrung von Besitzstand, noch Klausur, Keuschheit und "ewige Gelübde" Kerninhalt eines christlichen Lebens. Denn sie waren zusammen gekommen, um "Gott und den Mitmenschen zu dienen" und einen gemeinsamen Haushalt zu führen. Dem klerikalen Feudalherrn unterstellten sich die Beginen nicht freiwillig, sie taten es, um der Verfolgung zu entgehen.

Widerstand der Beginen: Aus dem Bericht eines Visitators, den der Fürstabt nach Rom schickte (1579), können wir schliessen, dass die Frauen von allem Anfang an und über alle Jahre hinweg Widerstand geleistet haben gegen Einengung und Einschränkung ihrer Autonomie. Die Frauen wehrten sich beispielsweise (und mit Erfolg) gegen den versuchten Zwang, die Benediktinische Ordensregel anzunehmen. Im Jahre 1579 berichtete der päpstliche Nuntius Bonhomini nach Rom: "Heute und gestern visitierte ich zwei Klöster von Nonnen, die, nebst der Nichteinhaltung der Klausur, was in dieser Gegend ein allgemeines Übel ist, auch kein Brevier beten und es nie gebetet haben, auch das marianische Offizium nicht, sondern bloss eine gewisse Anzahl Vaterunser und Ave Maria (51?52).

Durchgeistigte Weltzugewandtheit: Die Nachfolgerinnen der Beginen haben sich während fast 200 Jahren kraftvoll zur Wehr gesetzt und sich einige Autonomie erhalten. Sie richteten sich zunächst nach der weniger einengenden "Nikolausregel" (Drittordensregel 1289), die den Austritt aus der Gemeinschaft zuliess. Die spätere "Leoregel" (Neuformulierung der Drittordensregel 1521) stellte ihnen immer noch frei, ob sie in Klausur leben wollten oder nicht. Das Gelübte der Keuschheit wurde erst 200 Jahre später (1579) eingeführt, bzw. von aussen erzwungen. Arthur Kobler schreibt: „Sie legten jetzt () auch ein drittes (Gelübde ab), dasjenige der Keuschheit, das sie zu lebenslänglicher Ehelosigkeit verpflichtete" (52). Die Beginen kämpften offensichtlich noch immer um ein anderes Verständnis von einem heiligmässigen Leben, als die Kirchenvertreter. Für die Beginen bestand das Christliche im Pflegen und Heilen von Kranken und im Gebet. Die Vorstellung von Klausur und Leibfeindlichkeit scheint ihnen fremd gewesen zu sein. Die Annahme, dass sie von der Heiligen Hildegard von Bingen (1098?1179 beeinflusst waren, ist berechtigt. Hildegards Predigten und Lehren zugunsten einer durchgeistigten Weltzugewandtheit, waren zu dieser Zeit bekannt. Sicher hatten auch die Beginen Kenntnis von dieser kirchlich anerkannten und heilig gesprochenen Frau. - Nach dem NSB-Lexikon wandten sich die Beginen auch explizit der Mädchenerziehung zu. Auch die Schwesterngemeinschaft in St. Gallen nahm Mädchen auf, allerdings nicht im gleichen Sinne wie Hildegard von Bingen.

Bautätigkeit in eigener Regie: Interessant ist die Bautätigkeit der Beginen zwischen 1664-1669. Die ursprüngliche Wohnstatt der Beginen war klein und bescheiden gewesen. Zwei Stuben und vier Schlafzimmer, in denen schliesslich acht Schwestern wohnten, genügten nicht mehr. Im Jahre 1664 begannen die Frauen mit dem Bau eines neuen Hauses am heutigen Standort. Und sie traten als Bauherrinnen und Arbeitgeberinnen auf. Die der Gemeinschaft vorstehende "Meisterin" M. Theresia Karrer und eine Mitschwester gingen täglich auf die Baustelle. Sie überwachten die Arbeiten und zahlten die Löhne aus. Für die "freiwilligen Fronarbeiter" erstellten sie Dankesschreiben. Die Chronik berichtet: "All die langen Jahre hindurch, sozusagen jeden Tag, waren sie (zwei Schwestern) auf dem Werkplatz. Sie überwachten den Fortgang der Arbeiten, und sie zahlten jeden Samstag jedem Taglöhner und jedem Handwerker den Lohn aus und das, was sie den Lieferanten schuldig waren" (63). Fünf Jahre nahm der Bau in Anspruch. Im Jahre 1669 zog die Schwesterngemeinschaft ein. Um die restlichen Bauschulden bezahlen zu können, gingen sie auf Bettelreisen. Auf diese Weise kamen sie nicht nur zu Geld, sondern auch auf legitime Weise nach Draussen und mit einer grösseren Welt in Kontakt. Für die späteren Schwestern in Klausur kam eine solche Reisetätigkeit nicht mehr in Frage.

Brandstiftung und Unterdrückung: Eigenartigerweise brannte das von den Frauen gebaute Kloster nach 39 Jahren seines Bestehens ab (1718). Es wurde Brandstiftung vermutet, während der Fürstabt den Frauen zu verstehen gab, dass Gott ihrer Sünden wegen den Brand zugelassen habe. Ich selber habe den Verdacht, der Fürstabt selber habe die Brandstiftung veranlasst, um die Frauen noch mehr unter seine Knute zu bringen. Ganz auffallend ist, dass bereits Geld vorhanden war für den sofortigen Wiederaufbau. Schon im nächsten Jahr waren Kirche und Kloster wieder aufgebaut. Die nunmehr verarmten Frauen mussten dankbar sein und der Fürstabt Rudolfis "forderte sie () auf, sich einer Reform zu unterziehen und endlich die vom Konzil in Trient verlangte strikte Klausur einzuführen (75). Möglicherweise wollte Rudolfis auch als Bauherr des Klosters in die Geschichte eingehen, und das ursprüngliche Frauenwerk nicht nur durch Vernichtung, sondern auch noch durch Vergessen auslöschen und unsichtbar machen. Beide Verdachtmomente sind begründet, geht doch aus der Chronik hervor, dass die Fürstäbte seit Jahrzehnten einen Machtkampf gegen die sich autonom verstehenden, widerständigen Frauen geführt haben. Immer wieder ging es um die Erzwingung einer "Ordenszucht", um die Einführung einer einengenden Ordenstracht, um eine strikte Klausur, um Durchsetzung von Keuschheits- und anderen "Gelübden". Leider geht aus der unvollständig zitierten Chronik nicht hervor, wie sich die Frauen bei den jeweiligen Neuformulierungen der Drittordensregel verhalten haben (Leoregel, Nikolausregel). Sicher ist nur, dass zu Beginn die "Gelübde" nicht auf Lebenszeit abgelegt werden mussten, und dass Keuschheit bzw. Ehelosigkeit nicht vorgeschrieben waren. Beide Gelübde wurden erst später erzwungen. Der Kampf gegen die Selbstbestimmung der Frauen in den Klöstern wurde über Jahrhunderte geführt. Die Vorstellungen der ehemaligen Beginen über ein christliches, spirituelles Leben mussten den patriarchalen Lehren und Zwängen der katholischen Kirche weichen. Die Einschränkungen wurden zuletzt durch bauliche Massnahmen (Bau einer Mauer um das Kloster herum) besiegelt.

Kampf um Selbstbestimmung: Ein Beispiel, wie die Beginen für ihre Selbstbestimmung kämpften: Arthur Kobler schreibt: "Tridentinische Klausur und Versuch, Notkersegg in ein Benediktinerinnen Kloster umzuwandeln." ? Der "Fürstabt Josef von Rudolfis" habe (1722) eine "tüchtige" "Reformatorin" eingesetzt, welche die Frauenklöster zur "Disziplin" führen sollte. Rom setzte also patriarchatshörige Frauen ein, um die Nonnen zum kirchlichen „Gehorsam“ zu zwingen. Die Nachfolgerinnen der Beginen brachten der Reformatorin jedoch hartnäckigen Widerstand entgegen. Kobler schreibt: "Hier stiess sie (die Reformatorin) schon in den ersten Tagen auf Widerstand. Die hiesigen Schwestern waren zwar mit der bisherigen gemässigten Form der Klausur, aber keineswegs mit der völligen Abschliessung von der Welt einverstanden. Fürstabt Josef von Rudolfis musste selber kommen, hier am 6. Februar eine Visitation vornehmen und mit seiner ganzen Autorität den Forderungen der Reformation den nötigen Nachdruck verleihen und, nicht genug damit, am folgenden Tag erst noch schriftlich seinen festen Willen erklären, dass sie Exercitia machen und sich zur Clausur verstehen sollen". Und weiter schreibt Kobler: "Was bereits vollzogen wurde, das sollte nun nachträglich durch ein Gelübde bekräftigt werden. Doch auch dazu konnten und wollten sich nicht alle Schwestern verstehen" (75?76). Die Schwestern wandten sich schliesslich direkt an Rom: "Es könne und dürfe kein Fürst, ja sogar der Papst nicht einen anderen Orden in unserem Kloster einführen". Die Frauen drückten sich also klar und unmissverständlich aus. Sie wagten dem Fürstabt und dem Papst die Stirne zu bieten. Diesmal verweigerte Rom die Hilfe nicht. Der fürstabtliche Beschluss wurde von Rom 1722 rückgängig gemacht. Schon früher im Jahre 1625 waren die Schwestern gezwungen worden, "auf Befehl des Dekans von St. Gallen, P.Ulrich Hengartner das Kleid der Kapuzinerinnen“ anzunehmen"(54). Nun wollten sie verständlicherweise nicht schon wieder neuen Regelungen unterworfen werden. Der Widerstand der Schwestern ist eindrücklich und erfrischend.

Zur Beginenbewegung schreibt Shulamit Shahar2 folgendes: Die Beginenbewegung, die ganz Europa erfasste, habe religiöse Züge getragen. Sie entstand Ende des 13. Jahrhunderts spontan, und zwar von belgischen Städten ausgehend, und verbreitete sich dann über das Rheinland sowie Nord- und Südfrankreich. Die ersten Beginen stammten, hierin den Nonnen vergleichbar, fast ausnahmslos aus dem Adel und dem wohlhabenden Stadtbürgertum. Nach und nach wurde das Beginentum jedoch zum Anziehungspunkt für Städterinnen. Als die Zünfte sich mehr und mehr abriegelten, schrumpften die Arbeitsmöglicheiten für Frauen in der Stadt spürbar zusammen. Das Beginentum erlaubte ihnen, ausserhalb der Zünfte zu spinnen, zu weben, zu nähen oder Wäsche in Heimarbeit zu waschen. Andere erwarben sich ihren Lebensunterhalt durch Krankenpflege. Dass daneben manche Stadtschulen von Beginen geführt wurden, lässt sich den Steuerlisten entnehmen. Durch ihren Fleiss ernteten sie viel Anerkennung. Nach und nach begannen sie sich in Häusern zusammen zu tun, von seiten der Stadt erhielten sie Steuerfreiheit, ihre wirtschaftliche Betätigung unterlag den Satzungen der Zünfte. Der individualistische Geist, nicht durch Regeln und Überwachungssysteme eingeengt, hatte eine Kritik des kirchlichen Establishments zur Folge. Speziell ihre Bemühungen, die Heilige Schrift ins Deutsche oder Französische zu übertragen und eine neue Exegese zu verfassen, stiess auf kirchliche Ablehnung. Das mystische Werk der Begine Margarete Porete mit dem Titel "Der Spiegel einfacher Seelen" wurde von kirchlicher Seite als häretisch verdammt und brachte die Autorin an 1. Juni 1310 auf den Scheiterhaufen (310).

Ketzerbewegungen: So wurden Beginen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in einem Zug mit Ketzerbewegungen von der Inquisition verfolgt. Auch von seiten der Zünfte waren sie Repressalien ausgesetzt. Aus Konkurrenzangst und Ärger über die Steuerfreiheit der Beginen wurden ihre gewerblichen Betätigungsmöglichkeiten eingeschränkt. Zünfte setzten Höchstgrenzen der Produktion für sie fest, untersagten ihnen die Benutzung bestimmter Werkzeuge und dass sie ihre Erzeugnisse nicht unter eigenem Namen verkauften, um ihre Geltung auf dem Markt zu schwächen (Shulamit Shahar: Die Frau im Mittelalter, S.65?68).

Weibliche Berufe und weibliche Zünfte: Aus Zunftordnungen, königlichen und lehensherrlichen Erlassen, Gerichtsprotokollen und Steuerlisten entnimmt Shulamit Shahar die Stellung der Frau innerhalb der Berufe. Im 13. Jahrhundert wurden in Paris 6 von 100 aufgezählten Berufen ausschliesslich durch weibliche Zünfte vertreten. Sie erwähnt die Seidenspinnerei auf grosser Spindel, die Anfertigung von Kopfbedeckungen mit Edelsteinen und Goldfäden, die Herstellung kostbarer Stickereitäschchen. Ferner die übrige Bekleidungsbranche, so die Band? Litzen? und Fransenmacherei, das Nähen, die Kürschnerei, Hut? und Schalanfertigung. Innerhalb der Textilindustrie hatten Frauen das Waschen, Färben, Spinnen und Weben von Wolle zu übernehmen. Daneben arbeiteten Frauen in 80 weiteren Handwerkszweigen, so dass sie also insgesamt an 86 von 100 Berufen beteiligt waren. Zusätzlich schärften sie Werkzeuge, stellten Nadeln, Schnallen, Scheren und Messer her, führten Goldschmiedearbeiten aus, verarbeiteten Bergkristalle zu Schmuckstücken und Vasen. Die Gruppe der Kristallschleiferinnen und Herstellerinnen von Schneider? oder Goldschmiedewerkzeugen wurde von gemischten Zünften vertreten. Alle verzeichneten Frauen übten ihr Gewerbe selbständig aus, weshalb denn auch die Steuern von ihnen direkt eingezogen wurden. Einer Witwe habe Ludwig VII. das Monopol auf die gesamte damalige Lederverarbeitungsbranche gewährt. Diese bereitete das Leder auf und fertigte daraus Gürtel, Riemen, Handschuhe, Schuhe und spezielle Gürteltaschen für Siegel, Geld, Urkunden, Gebetsbücher und Toilettenartikel (Shulamit Shahar: Die Frau im Mittelalter, 180?182).

Vereinnahmung und Verniedlichung: Weiter fällt auf, dass das Frauenkloster gleich zu Beginn verniedlicht wird, indem es als "Klösterchen" bezeichnet und gewissermassen als Eigentum der Stadt vereinnahmt wird samt den darin  lebenden Frauen. Im Unterschied dazu wird schon im ersten Satz des zweiten Vorworts das Männerkloster als "altehrwürdig" und "einst mächtig" charakterisiert, während das Frauenkloster dann als "Chlösterli" vorgestellt und in den "Bannkreis" des "mächtigen" Männerklosters gerückt wird. Damit wird unsichtbar gemacht und verleugnet, dass das Frauenkloster Notkersegg der Beginenbewegung entstammt. Nach dieser Enteignung durch das Männerkloster wird das Frauenkloster durch die Stadt enteignet, indem das "Klösterli" als "wesensmässig ein Stück Stadt" bezeichnet wird, "als wärs ein Stück von ihr" (S.11-). Wie wenn im heutigen Kloster keine einzige Frauensperson existieren würde, die zur Identität ihres Klosters etwas auszusagen hätte. Um die Vereinnahmung und Verniedlichung noch vollständig zu machen, hat das "Klösterchen" auch noch ein "Glöcklein" mit einem "frommen Stundenruf". Es fällt auch auf, dass nicht eine einzige der historisch bedeutenden Frauen des Klosters im Bild erscheint, dafür aber einer der männlichen Beichtiger, obgleich Frauen, Persönlichkeiten aus der geschichtlichen Zeit durchaus vorhanden wären. Umsonst hielt ich Ausschau, ob die heutigen Schwestern als Einzelpersönlichkeiten zu Wort kommen. Leider erscheinen sie nur als Gruppe, die emsig, still und stumm ihrer (Frauen?)Arbeit tun. Die Schwesternschaft ist nicht mehr gross. Sie ist, wie in allen Klöstern, auch überaltert. Alle Klöster haben Nachwuchssorgen, obgleich es wieder mehr junge Frauen gibt, die sich sehr wohl in den Dienst von allgemein menschlichen und spirituellen Zielen stellen möchten. Die den Klöstern im Laufe der Jahrhunderte aufgezwungenen Regeln entsprechen der heutigen Zeit nicht mehr, auch wenn sie inzwischen gelockert wurden. Ebenso wenig entsprechen die im Kloster vertretenen Arbeitsbereiche den heutigen Vorstellungen von sinnvoller Frauenarbeit (Reinigung der Kirchenwäsche für 40 Pfarreien, Herstellen von Süssigkeiten zum Verkauf). Die Beginen der Frühzeit hatten andere Vorstellungen von Frauenarbeit, als die Kirchenmänner ihnen zuwiesen. Zweifellos könnte sich ein Interesse an Frauenklöstern auf einen Schlag einstellen, wenn sie sich ihren Ursprüngen erinnern würden. Die Begine Hildegard von Bingen war Ärztin, Forscherin, Musikerin und Lehrerin. Die Beginenhöfe betrieben allerlei Handwerke, wie ich anhand von Shahar Shulamit dargelegt habe. In den Frauenklöstern stehen viele Räume leer, die nur darauf warten, mit neuem Leben gefüllt zu werden. Es warten auch die älteren Schwestern auf Pflege durch jüngere Frauen. Es wäre überaus verdienstvoll, wenn Oberinnen und Äbtissinnen auf den Spuren ihrer starken Vorfahrinnen die ursprüngliche Autonomie der Beginen zurückfordern und den umfassenden Arbeits? und Heildienst mit Frauen und an Frauen einführen würden.

Auf Würde sehen: Dabei möchte ich dem jetzigen Oberhaupt der katholischen Kirche seine eigenen Worte vor Augen halten, um sie für uns Frauen in Anspruch nehmen: "Auf Würde sehen heisst, nicht alles mit sich machen lassen." Auf Würde sehen heisst für Frauen, sich nicht mehr in Geduld zu üben und alles hinzunehmen, was Kirchenmänner vorschreiben, sondern eigene Vorstellungen von Arbeit und Spiritualität zu formulieren und durchzusetzen. Bereits existieren feministische Theologinnen, die durchaus willens und fähig wären, in diesem Sinne aktiv zu werden (Papst Johannes-Paul).

Aus dem Internet - Vor 42 Jahren gegründeter Freundeskreis: „Freunde sind wohlgesinnte Menschen, die mit uns auf dem Weg sind, sich für unsere Klostergemeinschaft interessieren, die in besonderer Verbundenheit mit uns leben und sich gerne engagieren möchten. - So entstand vor 42 Jahren der Freundeskreis, um in persönlicher und finanzieller Hinsicht die Schwesternfamilie zu unterstützen. - Für weitere Auskünfte stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Details aus der Festschrift: 23.8.1718 wurde das Kloster ein Raub der Flammen. Es wurde Brandstiftung vermutet. Der Grossbrand zerstörte dabei Kirche und Klosterbau bis auf die Mauern. Am 20. Oktober, "knapp zwei Monate nach dem Unglück wurde im Beisein des St. Galler Abts der neue Dachstuhl aufgerichtet“. Am 22. November 1719 "konnte Abt Josef von Rudolfis das wiedererstandene Kloster benedifizieren" (S.190-191). - Die Baugeschichte des Wiederaufbaus des Klosters umfasst 61 Seiten (187-248). Zusätzlich die "Beichtiger“ mit acht und der "Visitatoren" mit drei Seiten. Für die Gründung auf Tann gibt es 5 Seiten (31-35), und für den ersten grösseren Bau "die Verlegung des Klosters nach Wiesen" mit Baubeginn 1666 sind es knappe 5 Seiten (60-65). Das Verzeichnis der Schwestern umfasst 36 Seiten (110-146. - Für das "Leben hinter Klostermauern“ gibt es 81 Seiten (251-332).

Essen nur einmal am Tag: Der Bau des grösseren Klosters in Notkersegg dauerte drei Jahre (1666-1 669). Die neue Ordnung auf Wiesen bzw. Notkersegg enthielt dann sehr restriktive Regeln, die von Papst Nikolaus IV 1289 bestätigt wurden (39). Die Voraussetzung für die Aufnahme in den Orden war nun in erster Linie "unerschütterlicher Glaube und Gehorsam gegenüber dem hl. Stuhl in Rom". Ferner wurde verlangt: "Die Schwestern halten Mass in Speis und Trank und essen nur einmal des Tages" ausser kranke und schwer arbeitende Schwestern (39).

Des Schreibens unkundig: 140 Jahre nach der Gründung des Schwesternhauses auf dem Tann sei "der Konvent 1514 auf acht Frauen angewachsen". Ihr Tageswerk habe aus "Gebet und Arbeit' bestanden (41). Vom ersten Auftreten Martin Luthers hätten sie wohl kaum Notiz genommen. Heisse es doch von der damaligen Frau Mutter (Ursula Sturzenegger), sie sei des Schreibens unkundig gewesen. - (4 1). Trotzdem werden die Nonnen mitbekommen haben, dass die Bürger der Stadt, wie die Festschrift erwähnt, "unter Anführung ihres Bürgermeisters Vadian am 23. Februar 1529 die Stiftskirche (des Männerklosters) ausgeräumt und alle Altäre, die Chor- und Beichtstühle, die Statuen und Bilder auf dem Bühl verbrannt' haben (S. 43). Leichter als die Dominikanerinnen und Terziarinnen auf städtischem Boden hätten "die Schwestern auf dem Tann die Reformation überstanden". Für jene habe es keine klösterliche Zukunft mehr gegeben, "so verzweifelt sie sich darum wehrten" (43). Selten nur noch habe man die Schwestern draussen in der Welt gesehen, "bis sie schliesslich, wie es das Konzil von Trient gefordert hatte, endgültig hinter Klausur-Mauem verschwanden" (56).

Abfassung einer Chronik: Im Jahre „1663 begann Sr. Theresia Karrer aus Tablat mit der Abfassung einer Chronik, die von anderen weitergeführt, alle wichtigen Ereignisse der 600 Jahre Notkersegger Klostergeschichte festhält." Sie umfasse heute einen stattlichen Band (S.56). Mit der Annahme der Leoregel im 16. Jahrhundert hätten die Schwestern auf dem Tann "nach damaliger Auffassung feierliche Gelübde“ abgelegt. Als solche wären sie "zur Einhaltung der Klausur und zum Breviergebet verpflichtet“ gewesen. Die Fürstäbte von St..Gallen versuchten nun, da sie die „Inhaber der Jurisdiktion über die Terziarinnenklöster ihres Gebietes“ hatten, „diesen Forderungen Nachachtung zu verschaffen". Da die Abgelegenheit der Klosterhäuser ein "Hindernis zur Einführung der Klausur war", sei eines nach dem anderen in die Nähe eines Dorfes verlegt worden (60). Als letztes sei auch "Notkersegg auf dem hoch- und abgelegenen Tann an die Reihe" gekommen (61). Die Voraussetzungen zur Verlegung und zu einem Neubau seien gegeben gewesen. "Finanziell stand das Kloster nicht schlecht. Am 5. November 1663 "wurde um 1300 Gulden" von Jakob Fürer "ein prächtiger Platz, der Harzbüchel auf Wiesen" erworben. Schon am Antoniustag 1664 habe man auf dem Bauplatz zu graben begonnen und Steine zu brechen (6 1). Im Winter sei das Holz gefällt und gefahren worden. Zu den Taglöhnern hätten sich "Freiwillige in grosser Zahl" gemeldet, allen voran die Tablater aus dem Huob, dem Gädmen, dem Lee, aus St.Fiden, der Langgasse und von St.Georgen, aber auch Rotmonter, Straubenzeller, Mörschwiler und Rorschacher. Sie alle seien mit "Mann und Ross und Wagen" gekommen, "bis zu 53 an einem Tag" (61).

Fast jeden Tag auf dem Werkplatz: Die Vorarbeiten seien rasch vorangekommen, so dass man mit dem Bau (nach dem Plan des Kapuziners P.Januarius Weilandt, Guardian in Bregenz) bereits im Frühling 1666 habe beginnen können (61). Im Winter sei der Rohbau der Kirche vollendet gewesen und Sr. M.Theresia Karrer habe es sich nicht nehmen lassen, selber auf das Dach zu steigen und die Marienfigur auf die Spitze des Türmleins zu tragen (62). Der Innenausbau des Klosters habe sich bis in den Herbst 1669 hinein gezogen (62). Am 4. Oktober sei die Kirche benedifiziert worden, von Fürstabt Gallus Alt (62). Erst am 7. April 1671 habe die feierliche Weihe der Kirche, der Altäre und des Friedhofes stattgefunden (62). Die Festschrift erwähnt auch die Baukosten: Die Gesamtkosten "beliefen sich auf 24263 Gulden, 1 Batzen und 3 Kreuzer. Allein dem Baumeister (Daniel Glattbrugger aus Rotmonten) hätten 4590 Gulden und 20 Batzen entrichtet werden müssen, und dem Zimmermeister (Michel Falk aus Straubenzell) 2600 Gulden und 1 Dukaten. Schwester M.Theresia Karrer habe peinlich genau jeden, auch den kleinsten Rechnungsposten in der Chronik aufgeführt.

Quellen

1) 600 Jahre Kloster Notkersegg 1381-1981 - Festschrift zum 600jährigen Bestehen als Schwesternhaus u. Kapuzinerinnenkloster, Verlagsgemeinschaft St. Gallen, VGS 1981 (BN 1138)

2) Shulamit Shahar: Die Frau im Mittelalter, Frankfurt a.M. 1988 (BN 59)

Doris Strahm: Aufbruch zu neuen Räumen, Freiburg i.Ue. 1987 (BN 51)

Ute Ranke Heinemann: Nein und Amen. Anleitung zum Glaubenszweifel, Hamburg 1992 (BN 871)